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Full text of "Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts"


w.^^ 



1 



LIBRARY 




JOHNS HOPKINS UNIVERSITY 

This work was submitted to the Collection 
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below. The paper is brittle and cannot be 
strengthened at a realistic cost. Please 
use with extreme care. 



JUL 1 T985 
IDENTIFIED AFTER USE 



*i- 



L 



Jahrbuch 



DES 



KAISERLICH DEUTSCHEN 

Archäologischen Instituts 



Band xxix 

1914 



MIT DEM BEIBLATT ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER 



BERLIN 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1914. 







\1\,^^^ 



* 



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■? 



Inhalt. 



Seite 

Dehn G., Die Statue des Joven Orador in Madrid I2I 

Friedländer P., Die Anfänge der Erdkugelgeographie. Mit 5 Abbildungen 98 

Haus er F., Orpheus und Aigisthos. Mit 5 Abbildungen 26 

Lippold G., Zum farnesischen Stier. Mit 2 Abbildungen 174 

Malten L., Das Pferd im Totenglauben. Mit 40.Abbildungen 179 

May bäum J., Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des 

4. Jahrhunderts. Mit Tafel 6 — 7 und 2 Abbildungen 92 

Meurer M., Form und Herkunft der mykenischen Säule. Mit 7 Abbildungen i 

Pfuhl E., Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. 33 
Robert C, Chrysippos und Antigone auf apulischen Vasen. Mit Tafel 1 1 — 13 

und 2 Abbildungen 168 

Schröder B., Mikon und Paionios. Mit Tafel 8 — 10, 2 Beilagen und 29 Ab- 
bildungen 1 23 

Weigand E., ßaalbek und Rom, die römische' Reichskunst in ihrer Ent- 
wickelung und Differenzierung. Mit Tafel I — 5, 5 Beilagen und 16 Ab- 
bildungen 37 

Woelcke K., Dornauszieher-Mädchen. Ein Terrakottafragment aus Nida- 

Heddernheim. Mit 10 Abbildungen 17 



IV 



Inhalt. 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER 



Spalte 
Jahresbericht des Kaiserlich 
Deutschen Archäologischen 

Instituts I 

Verzeichnis der Mitglieder des 
Kaiserlich Deutschen Archäo- 
logischen Instituts V 

Institutsnachrichten 113, 521 

Eduard-Gerhard-Stiftung 442 



Nachruf für A. Conze 117 

Todesanzeigen für H.Latteirmann, 

E. Schmidt, F. Toebelmann.... 443 
Todesanzeigen für E. Katterfeld, 

H. Kohl.G. Matthies, K. Menadier, 

W. R e i m p e 1 1 , M. L. Strack, S. 

Sudhaus, J. Dechelette 445 



Aßmann E., Zu einigen Namen auf 
etruskischen Spiegeln 82 

B i e b e r M., Bericht über Arbeiten 
im Museum von Kassel. Mit 
19 Abbildungen i 

BruecknerA., Neue Funde amKe- 

rameikos 91 

OxeA., Die ältesten Terra-sigil- 
lata-Fabriken in Montans am 
Tarn. Mit 5 Abbildungen 61 

Rodenwaldt G., Zum Vasen maier 

Sky th e s. Mit 3 Abbildungen 87 

Rodenwaldt G., Zur Aldobrandiui- 

schen Hochzeit 447 

V ie deban tt O., Das älteste römische 
Längenmaß und der Tempel 
des Jupiter Capitolinus. Mit 
I Abbildung 75 

Waser O., Theseus undProkrustes. 

Mit 3 Abbildungen 32 

Archäologische Funde im Jahre 
1913: 
Griechenland (G. Karo). Mit 7 Abbildungen. 121 

Kleinasien (G. Karo) 167 

Italien (R. Delbrueck). Mit 1 3 Abbildungen 174 
Rußland (B. Pharmakowsky). Mit 1 1 1 Ab- 
bildungen 205 



Spalte 

Ägypten (C. C. Edgar) 292 

Nordafrika (A. Schulten). Mit 9 Abbildungen 297 
Spanien und Portugal (P. Paris). Mit 59 Ab- 
bildungen 316 

F'rankreich jgg 

Belgien (L. Renard-Grenson) 389 

Britannien (F.Haverfield). Mit 1 3 Abbildungen 392 

Schweiz ^og 

Ungarn (G. von Finäly) 408 

Serbien (N. Vulid und M. Vassits) 411 

Bulgarien (B. Filow). Mit 11 Abbildungen 416 
Rumänien (V.Pärvan). Mit 10 Abbildungen 429 



Erwerbungsberichte: 

Museum of fine arts in Boston 489 

British Museum in London 476 

Antikensammlungen Münchens. Mit 

1 7 Abbildungen 453 

Ashmolean Museum of Art and Archaeology 

in Oxford 485 

Musee du Louvre in Paris 476 

Archäologische Gesellschaft zu 
Berlin: 

Dezember-Sitzung 1913 39 

Januar-Sitzung 1914 43 

Februar-Sitzung 1914 46 

März-Sitzung 1914 54 

April-Sitzung 1914 95 

Mai-Sitzung 1914 97 

Juni-Sitzung 1914. Mit i Abbildung .... 100 

November-Sitzung 1914 506 

Dezember-Sitzung 1914. Mit i Abbildung. 514 

Gymnasial Unterricht und Ar- 
chäologie 1914 518 



Mclische Reliefs (P. Jacobsthal). 

Mit 3 Abbildungen 107 

Quellen der Religionsgeschichte lii 

Preisaufgabe ; 57 



Zur Bibliographie 58 

Register 523 

Bibliographie für das Jahr 1913 . i 



JAHRESBERICHT 
DES KAISERLICH DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS. 



Die ordentliche Plenarversammlung der 
Zentral-Direktion fand am 21. — 23. April 
1913 statt. Am 24. März 19 14 ver- 
sammelte sich die Zentral-Direktion zu einer 
außerordentlichen Plenarversammlung, zum 
letztenmal in ihrer alten Zusammensetzung, 
nachdem die neue Fassung der §§ 2 u. 6 
des Instituts-Statuts unterm i. Februar die 
Allerhöchste Genehmigung Sr. Majestät des 
Kaisers gefunden hat und dementsprechend 
von den dazu berufenen Instanzen eine 
neue Zentral-Direktion gewählt ist. (Vgl. 
Arch. Anz. 1914 S. 113/116.) 

Mit dieser Neuordnung schied aus der 
Zentral-Direktion Herr Conze aus, nachdem 
er ihr 37 Jahre angehört und sie 24 Jahre 
als ihr Vorsitzender geleitet hatte. Es 
kann nicht Sache dieses Berichtes sein, 
Conzes reiche Verdienste um unser Institut, 
dem er in langjähriger Arbeit sein jetziges 
Gepräge gegeben hat, zu schildern. Aber 
ein Wort des Dankes für seine unermüd- 
liche Tätigkeit als Leiter des Instituts, für 
das nie versagende Interesse, mit dem er 
als Mitglied der Zentral-Direktion jede 
Lebensäußerung des Instituts begleitete, 
darf auch an dieser Stelle nicht fehlen, 
an der er selbst jahrelang über die Ent- 
wickelung und Tätigkeit des Instituts be- 
richtet hat. Die Zentral-Direktion ernannte 
Herrn Conze nach seinem Ausscheiden 
zum Ehrenmitgliede des Instituts als 
äußeres Zeichen, wie sie sich auch weiter- 
hin ihm eng verbunden fühlt und seiner 
Mitarbeit gewiß ist. 

Archäolofi^lscher Anzeiger 1914. 



Aus der Reihe seiner ordentlichen Mit- 
glieder verlor das Institut die Herren 
Baron G. Barracco in Rom f 14. Januar 
19 14, J. J. Bernoulli in Basel f 22. Juli 

1913, A. Castellani in Rom f 23. Januar 

19 14, C. Jacobsen in Kopenhagen f 10. 
Januar 19 14, F. Leo in Göttingen f 14. 
Januar 1914, A. Salinas in Palermo f 6. 
März 1914, D. Vaglieri in Rom f 13. De- 
zember 1 9 1 3 ; von den korrespondierenden 
Mitgliedern verstarben die Herren E. Mar- 
tinelli in Anagni, Ch. L. Thomas in Frank- 
furt a. M. f 16. Dezember 19 13. 

Neu ernannt wurden: zu ordentlichen 
Mitgliedern die Herren Th. Ashby in Rom, 
F. Dürrbach in Toulouse, A. Frickenhaus 
in Straßburg i. Eis., St. Gsell in Paris, 
H. Hepding in Gießen, F. Löhr in Wien, 
A. Philippson in Bonn, J. Poppelreuter in 
Cöln, A. von Salis in Rostock, O. Walter 
in Athen, C. Weller in Berlin, S. Wide in 
Upsala, W. Wilberg in Athen und J. Zingerle 
in Wien ; zu korrespondierenden Mitgliedern 
Fräulein M. Bieber in Schoenau und die 
Herren F. Bölte in Frankfurt a. M., J. Car- 
copino in Algier, G. Daressy in Kairo, G. 
Darier in Genf, G. Dickins in Oxford, S. Ei- 
trem in Kristiania, A. Gnirs in Pola, G.Hock in 
Würzburg, Th. Hofmann in Elberfeld, H. 
Hubert in Saint-Germain en Laye, R. Knorr 
in Stuttgart, H. Koch in Bonn, H. Lietz- 
mann in Jena, C. W. Lmisingh-Scheurleer 
in Haag, E. Nachmanson in Upsala, L. 
Poinssot in Tunis, J. E. Quibell in Kairo, 
Walther Schmid in Graz, F. Sprater in 



II 



Speier, J. Sundwall in Helsingfors und D. 
Viollier in Zürich. 

Die Stipendien für klassische Archäologie 
wurden den Herren E. Buschor, A. Neu- 
gebauer, G. Matthies und W. Bremer, das 
Stipendium für christliche Archäologie 
Herrn H. Kunze verliehen. 

Der Generalsekretär nahm an den 
Sitzungen der Römisch-Germanischen Kom- 
mission, des Römisch-Germanischen Zentral- 
Museums und der Kommission für die Er- 
forschung des Kaiserpalastes in Trier teil. 
Kürzere dienstliche Reisen führten ihn nach 
Homburg v. d. H., Erlangen und Frank- 
furt a. M., eine längere zur I,eitung der Aus- 
grabungen von Tiryns nach Griechenland, 
von wo er über Rom zurückkehrte. Während 
seiner Abwesenheit wurde er von Herrn von 
Wilamowitz-Moellendorff vertreten. 

Vom Jahrbuch und Anzeiger erschien 
Band XXVIII, von den Antiken Denk- 
mälern das 2. Heft des III. Bandes. 

Aus dem Iwanoff-Fonds unterstützte die 
Zentral-Direktion Herrn Weege bei der Fort- 
setzung seiner Forschungen in der Domus 
Aurea, über deren ersten Abschnitt im 
XXVIII. Bande des Jahrbuchs und den 
Antiken Denkmälern berichtet ist, eine 
Arbeit, die auch als Sonderabdruck einzeln 
käuflich ist. Weiter konnten aus dem 
Iwanoff-Fonds Zuschüsse zu Herrn Schultens 
Veröffentlichung . der Ausgrabungen von 
Numantia und zu den Grabungen geleistet 
werden, die das Athenische Institut unter 
der Leitung der Herren Brueckner und 
Knackfuß im Gebiete des Friedhofes vor 
dem Dipylon unternimmt. 

Mit den von Freunden des Instituts zur 
Verfügung gestellten Mitteln konnte die 
Bearbeitung der Keramik von Tiryns ge- 
fördert werden, die die Herren Karo und 
Kurt Müller demnächst als III. Band des 
Tirynswerkes herausgeben werden. Vor 
allem aber ermöglichten sie die Weiterführung 
der Arbeiten in Pompeji, die durch die Herren 
Winter, Pernice, v. Schöfer und Krischen so 
weit gediehen sind, daß mit der Veröffent- 
lichung begonnen werden kann. Den hoch- 
herzigen Gönnern, deren Stiftung allein 
uns die Förderung dieser wichtigen Unter- 
nehmungen ermöglicht, danken wir auch 
an dieser Stelle. 



Gelegentlich ihres Aufenthaltes in Pom- 
peji hielten die Herren Winter und Pernice 
auf Veranlassung der Zentral-Direktion einen 
Kursus vom 6. — ii. Oktober ab. 

In Rom stand Herrn Delbrueck bis zum 
September des Berichtsjahres noch Herr 
Dr. E. Katterfeld zur Seite. Dann trat an 
dessen Stelle Herr Dr. E. Schmidt, zeitweilig 
unterstützt von Herrn Höfner. Am Real- 
katalog arbeiteten die Herren v. Mercklin, 
Weickert, Nachod, Wigand in Bonn, Bang 
in Berlin, F'rl. Gütschow in Rom und Frl. 
Läng in Budapest. Der I. Halbband ist er- 
schienen, der Druck des II. hat begonnen. 

Herr Delbrueck bereiste im Sommer 
Venetien und die Lombardei. Im August 
und September war er beurlaubt. Im Mai 
und Juni leitete er gemeinsam mit Herrn 
Karo einen Giro in den etruskischen Samm- 
lungen und Ruinenstätten. Während Herr 
Karo die etruskischen Sammlungen in Rom, 
Corneto und Florenz erläuterte, führte Herr 
Delbrueck in den Ruinen von Praeneste 
und Falerii, Herr Nachod in der Nekropole 
von Cerveteri; Herr Koch behandelte die 
architektonischen Terrakotten der Villa di 
Papa Giulio. Von Mitte November bis 
Ende Dezember veranstaltete Herr Del- 
brueck Führungen auf dem römischen 
Forum. Im Januar schlössen sich daran 
Herrn Amelungs Vorträge über griechische 
Plastik. 

Vom XXVIII. Band der Römischen Mit- 
teilungen erschienen Heft i — 3. Am Gene- 
ralregister der Römischen Mitteilungen 
arbeitete Herr Naechster. 

In Angriff genommen wurde die Ver- 
öffentlichung von Plänen und ausgewählten 
Grabmälern der südetruskischen Felsnekro- 
polen durch die Herren Koch, v. Mercklin, 
Weickert und v. Stockar. Zunächst wurde 
in der Nekropole von Bieda gearbeitet. 

In der Bibliothek betrug der Zuwachs 
655 Werke. Mit Dank dürfen wir wieder 
eine Reihe wertvoller Geschenke an die 
Bibliothek erwähnen. 

In Athen war neben den Sekretaren 
Herr Fimmen tätig. Die Zuwendung eines 
ungenannten Gönners, für die auch wir an 
dieser Stelle herzlich danken möchten, 
setzte das Sekretariat in den Stand, auch 
Herrn Weigand für dieses Jahr nach Athen 



— III — 



zu ziehen und ihm zunächst die Weiter- 
führung der von Herrn Struck hinter- 
lassenen unvollendeten byzantinischen 
Studien zu übertragen. 

Herr Karo hat vom 7. — 11. April eine 
Führung in Kandia und Knossos veran- 
staltet. Während des Januar und Februar 
erklärte Herr Karo die vormykenischen und 
mykenischen Altertümer, Herr Knackfuß 
die Bauten der Unterstadt, Herr Fimmen 
ausgewählte Inschriftengruppen, Herr Wei- 
gand byzantinische Kirchen. Auch an den 
Führungen unserer österreichischen Kollegen, 
Herrn Wilbergs auf der Akropolis und im 
Dionysostheater, Herrn Walters im epi- 
graphischen Museum, konnten sich unsere 
Stipendiaten beteiligen. Vom 16. — 31. März 
hat dann Herr Karo eine Führung in die 
Argolis, nach Delphi und Olympia unter- 
nommen, an letzterem Ort in dankens- 
werter Weise von Herrn Wilberg unterstützt. 

Die auf Veranlassung S. Majestät des 
Kaisers in Corfu veranstalteten Forschungen 
wurden auch im Berichtsjahre unter Lei- 
tung von Herrn Dörpfeld fortgesetzt. Die 
reichen und wichtigen Funde dieses Früh- 
lings an Architektur, Inschriften und nament- 
lich architektonischen Terrakotten fallen 
indes bereits in das neue Geschäftsjahr. 

Von Anfang September bis Ende Ok-. 
tober hatten die Herren Dragendorfif, Karo 
und Kurt Müller in Tiryns gegraben. 
Nachdem im Frühjahr vom 2. — 18. März 
noch einige ergänzende Arbeiten, an denen 
sich neben Herrn Karo die Herren Bremer 
und Matthies beteiligten, ausgeführt worden 
sind, ist die Erforschung der Burg von Tiryns 
zu ■ einem vorläufigen Abschluß gelangt. 
Über die Ergebnisse orientiert kurz der 
Bericht in den Athen. Mitt. XXXVIII 1913 
S. 329 ff. Eine weitere Kampagne wird 
jetzt noch die Erforschung der Nekropole 
in Anspruch nehmen, mit der im Berichts- 
jahre begonnen wurde. Dankbar dürfen 
wir hier erwähnen, daß das schon so oft be- 
währte Interesse des Herrn Goekoop uns 
auch in diesem Jahre nicht fehlte und uns 
in den Stand setzte, den glücklichen ersten 
Fund in der Nekropole sofort auszunutzen 
und das erste Kuppelgrab von Tiryns frei- 
zulegen. 

In Pergamon haben die Herren Knack- 



fuß, Hepding und Schazmann vom Sep- 
tember bis November den Rampenzugang 
des oberen Gymnasiums mit der im vorigen 
Jahre von Herrn Conze entdeckten Tor- 
anlage freigelegt, ebenso das Gebäude beim 
sog. Eumenischen Tore. 

Von den Athenischen Mitteilungen er- 
schien Band XXXVIII. 

Der Bibliothek überwies Frau Geheim- 
rat Lüders die Bücher ihres verstorbenen 
Gatten, eine sehr wertvolle Zuwendung, 
für die auch an dieser Stelle herzlich ge- 
dankt sei. Im übrigen war die Vermehrung 
der Bibliothek durch Tausch, Kauf und Ge- 
schenke die übliche. Die Sammlung der 
Photographien wurde namentlich durch 
eine große Zahl von Aufnahmen aus Tiryns 
vermehrt. 

Erwähnt sei endlich, daß eine außer- 
ordentliche Zuwendung aus Reichsmitteln 
eine gründliche Reparatur des Instituts- 
gebäudes ermöglichte. 

Bei der Römisch-Germanischen Kom- 
mission waren neben Herrn Ritterling als 
wissenschaftliche Hilfsarbeiter die Herren 
Barthel und Walter Müller tätig. An 
Stelle des letzteren, der einer Berufung 
nach Dresden gefolgt ist, trat dann Herr 
Kutsch, der schon vorher freiwillig als 
Hilfsarbeiter bei der Kommission tätig ge- 
wesen war. 

Die Jahressitzung der Kommission fand 
am 19. März in Frankfurt a. M. statt. 

Der VII. Bericht der Römisch -Ger- 
manischen Kommission ist im Druck. Aus 
seinem Inhalt sei namentlich die Museo- 
graphie der süddeutschen Museen und die 
Bibliographie der Römisch-Germanischen 
Forschung für 191 2 hervorgehoben. 

Von den seitens der Römisch - Germa- 
nischen Kommission herausgegebenen und 
unterstützten Publikationen erschien das 
Werk von F. Henkel über die römischen 
Ringe der Rheinlande. In der Serie der 
Kataloge west- und süddeutscher Altertums- 
sammlungen erschienen Band II: Die Sam- 
lung Marx in Mainz, bearbeitet von F. Behn, 
und Bd. III: Das Landesmuseum in Birken- 
feld, bearbeitet von H. Baldes und G. 
Behrens. Mehrere weitere Bände sind in 
Arbeit. Eine neue Serien -Publikation: 
Materialien zur römisch-germanischen Kera- 



— IV 



mik, eröffnete die Kommission mit Heft I, 
das die Keramik des Kastells Niederbieber, 
bearbeitet durch Fr. Oelmann, enthält. 
Erwähnt sei endlich das Buch von A. Riese : 
Das rheinische Germanien in den antiken 
Inschriften, das auf Veranlassung der Rö- 
misch-Germanischen Kommission erschienen 
ist 

Für den Katalog der italischen Terra- 
Sigillata bereiste Herr Oxe die Schweiz, 
Südfrankreich, Italien sowie einige süd- 
deutsche und österreichische Museen. 
Einen vorläufigen Bericht über die Ergeb- 
nisse bringt der VII. Bericht der Römisch- 
Germanischen Kommission. 

Die Kommission unterstützte aus ihren 
Mitteln die Ausgrabungen im Römerlager 
bei Haltern, in den Erdkastellen bei 
Hüfingen in Baden, bei Risstissen und Rott- 
weil in Württemberg, der wahrscheinlich 
frühtrajanischen militärischen Anlage am 
Salisberg bei Kesselstadt, dem spätrömischen 
Kastell Altrip. Auf dem Gebiet der Ring- 
wallforschung sei die Aufnahme der „Burg" 
bei Rambach im Reg.-Bez. Wiesbaden 
durch Herrn Thomas und die Unter- 
suchung der Anlagen auf dem Firtischberg 
bei Kaysersberg i. E. erwähnt. Der neo- 



lithischen Periode galten Untersuchungen 
bei Worms und Sigmaringen. 

Die planmäßige Erforschung des alten 
Straßennetzes im linksrheinischen Gebiet 
wurde namentlich im Elsaß kräftig gefördert. 

Im August wurde in Verbindung mit 
der Direktion des Provinzial-Museums ein 
archäologischer Kursus in Trier abgehalten. 

Die Reisen des Direktors und seiner 
wissenschaftlichen Mitarbeiter berührten fast 
alle Teile des ausgedehnten Arbeitsgebietes. 
Besonders erwies sich zur Beschaffung des 
Materials für die Museographie die plan- 
mäßige Bereisung der Museen bestimmter 
Bezirke als fruchtbringend. 

Die Bibliothek vermehrte sich stark, vor 
allem durch den immer regeren Tausch- 
verkehr. Auch für eine Reihe von Schen- 
kungen dürfen wir hier den Dank aus- 
sprechen. 

Endlich sei mit Dank erwähnt, daß die 
Stadt Frankfurt a. M., nachdem das Ge- 
bäude, in welchem sie der Kommission 
seit 1909 Räume zugewiesen hatte, nieder- 
gelegt ist, der Kommission als Ersatz dafür 
wiederum einen Barzuschuß von 1500 M. 
jährlich bewilligt hat. 



ZENTRAL-DIREKTION 

DES KAISERLICH DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS 

BERLIN W. 50, Ansbacherstr. 46. 



berufen von Preußen auf 

Vorschlag der Königlichen 

Akademie der Wissenschaften. 



berufen von Preußen. 



20. 1 



H. Dragendorff, Generalsekretär, Prof., Dr., Berlin-Lichterfelde (West), Zchlendorferstr. 55 
C. Weller, Geh. Legationsrat, Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, Berlin W. 30, Heilbronner- 

Str. 19, vom Reichskanzler berufen. 
0. Hirschfeld, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-Charlottenburg, 

Mommsenstr. 6, 
E.Meyer, Geh. Reg.-Rat„ Prof., Dr., Berlin-Lichterfelde (West), 

Mommsenstr. 7/8, 
U. von Wilamowitz-Moellendorff, Wirkl. Geh. Rat, Prof., D. 

Dr., Berlin-Westend, Eichen-Allee 12, 
W. Dörpfeld, Prof., Dr., Berlin-Friedenau, Niedstr. 22, 
G. Loeschcke, Geh. Reg.-Rat, Proi.,!)!., BerlinNW.40, Hindersinstr. 6, 
C. Robert, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Halle a. S., Angerweg 40, 
Th. Wiegand, Direktor, Dr., Berlin-Steglitz, Peter Lenn&tr. 30, 
H. Bulle, Prof., Dr., Würzburg, Konradstr. 
P. Wolters, Prof., Dr., München, Tengstr. 20, 
F. Studniczka, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Leipzig, Leibnizstr. 11, berufen von Sachsen. 

F. Noack, Prof., Dr., Tübingen, Gartenstr. 5g, berufen von Württemberg. 

E. Fabricius, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Goethestr. 44, berufen von Baden. 
C. Watzinger, Prof., Dr., Gießen, Gr. Steinweg 23, berufen von Hessen. 

A. von Salis, Prof., Dr., Rostock, Augustenstr. 123, berufen von Mecklenburg-Schwerin. 

B. Graef, Prof., Dr., Jena, Erfurterstr. 64, berufen von den Thüringischen Staaten. 
A. Frickenhaus, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., Taulerring 21, berufen von Elsaß-Lothringen. 

G. Körte, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Göttingen, Wilhelm Weberstr. 11, 
H. Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg, Bayerischer 

Staatsrat und Gesandter, Dr., Berlin W. 9, Voßstr. 3, 

F. Winter, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Bonn, Venusbergweg 25, 



berufen von Bayern. 



berufen vom Reichs- 
kanzler auf Vorschlag 
der Zentral-Direktion. 



SEKRETARIATE 

ROM, MoNTfi Tarpeo 28. 

R. Delbrueck, Erster Sekretär, Prof., Dr., Rom, Monte Tarpeo 28. 
Zweite Sekretarstelle z. Zt. unbesetzt. 



ATHEN, Phidiasstr. i. 

G. Karo, Erster Sekretär, Prof., Dr., Athen, Phidiasstr. i. 
H. Knackfuß, Zweiter Sekretär, Baurat, Athen, Phidiasstr. i. 



— VI — 
RÖMISCH-GERMANISCHE KOMMISSION 

FRANKFURT A. M., Eschersheimer Landstr. 107. 

E. Ritterling, Direktor, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Eschersheimer Landstr. 107. 

H. Dragendorff, als Generalsekretär, siehe Zentral-Direktion. 

O. Hirschfeld,! 

r I heke ( ^°° ^^^ Zentral-Direktion aus ihrer Mitte gewählt, siehe daselbst. 

G. Voigt, Oberbürgermeister, Frankfurt a. M., Zeppelin-Allee 21, > 

E. Meyer, siehe Zentral-Direktion, j vom Reichskanzler berufen. 

K. Schumacher, Direktor, Prof., Dr., Mainz, Zentral-Museum, ) 

H. Jacobi, Baurat, Homburg v. d. H., Dorotheenstr. 12, berufen von Preußen. 



J. Ranke, Geh. Hofrat, Prof., Dr., München, Briennerstr. 23, „ 
P. Goessler, Prof., Dr., Sttdtgart-Degerloch, Olgastr. 20, „ 

E. Fabricius, siehe Zentral-Direktion, „ 

E. Anthes, Prof., Dr., Darmstadt, Heinrichstr. 96, „ 
R. Henning, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., Sternwartstr. 16, „ 

F. Koepp, Prof., Dr., Münster i. Westf.,. Gertrudenstr. 41, 
H. Lehner, Direktor, Prof., Dr., Bonn, Weberstr. 96, 

F. Ohienschlager, Oberstudienrat, Prof., Dr., München, Luisenstr. 54, 
C. Schuchhardt, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-Lichlerfelde (West), 

Teltowerstr. 139, 

G. Wolff, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Grüneburgweg 57, 



Bayern. 

Württemberg. 

Baden. 

Hessen. 

Elsaß-Lothringen. 



berufen vom 
Reichskanzler auf 
Vorschlag der Zen- 
tral-Direktion. 



VERZEICHNIS DER MITGLIEDER 

DES KAISERLICH DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS 

I. SEPTEMBER 1914. 

L EHREN - MITGLIEDER 

Seine Hoheit Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen, Meiningen. 
Seine Königliche Hoheit Prinz Rupprecht von Bayern, München. 
Seine Hoheit Prinz Friedrich Karl von Hessen, Schloß Friedrichshof (Taunus). 
Seine Durchlaucht der reg. Fürst Johann II. von und zu Liechtenstein, Wien. 
Seine Durchlaucht Fürst von Radolin, Kaiserlicher Botschafter a. D., Schloß Jarotschin 
(Posen). 

F. Adickes, Oberbürgermeister a. D., Dr., Frankfurt a. M. 

C. Freiherr von Bildt, Königlich Schwedischer Minister, Rom, Palazzo Capranica, Via del 
Teatro Valle 16. 

G. F. Gamurrini, Comm., Areszo. 

C. Klügmann, Hanseatischer Gesandter a. I>., Dr., Berlin NW. 40, Alsenstr. 7. 

H. Lehmann, Geh. Kommerzienrat, Dr., Halle a. S., Gr. Steinstr. 19. 

H. Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg, siehe Zentral-Direktion. 

Duc de Loubat, Paris, Rue Dumont d'Urville 53. 

Donna Ersilia Caetani Contessa Lovatelli, Dottoressa, Rom, Palazzo Lovatelli, Piazza Campelli 

Graf von Plessen-Cronstem, Kaiserlicher Gesandter a. D., Nehmten- Ascheberg (Holstein). 

R. Schöne, Wirkl. Geh. Rat, Prof., Dr., Berlin-Grunewald, Wangenheimstr. 13. 

E. von Sieglin, Geh. Hofrat, Dr., Stuttgart, Villa \Aeißenburg. 

James Simon, Dr., Berlin W. 10, Tiergartenstr. 15 a. 



- VII — 



II. ORDENTLICHE MITGLIEDER 



W. Amelung, Prof., Dr., Rom, Via Andrea Cesalpino i, 

Villino Antonia. 
E. Anthes, siehe Römisch-Germanische Kommission. 
Conte A. Antonelli, Rom, Via Nazionale 158. 
B. von Arnold, Geh. Hofrat, Dr., München, 

Tengstr. 30. 
Th. Ashby, Direktor der British School, Dr., Rom, 

Piazza SS. Apostoli, Palazzo Odescalchi 80. 

E. Babelon, Prof., Conservateur du Cabinet des 
M^dailles, Paris, Rue de Vemeuil 30. 

F. Bamabei, Comm., Prof., Dott., Consigliere di 
Stato, Rom, Piazza S. Luigi de'Francesi 24. 

F. W. Freiherr von Bissing, Prof., Dr., München, 
Georgenstr. 10. 

H. Blümner, Prof., Dr., Zürich IV, Öttiker- 

straße 55. 
J. Boehlau, Direktor, Dr., Cassel, Lessingstr. 2. 

G. Boni, Comm., Ing. Arch., Direttore Ufficio scavi 
Foro Romano e Palatino, Rom, Via S. Fran- 
cesca Romana 53. 

L. Borchardt, Geh. Reg. -Rat, Prof., Dr., Kairo, 
Gesire-Garten, Deutsches Institut für Ägyptische 
Alterturaskunde. 

E. Bormann, Hofrat, Prof., Dr., Wien-Klosterneu- 
burg, Buchberggasse 41. 

R. Borrmann, Geh. Baurat, Prof., Berlin W. 50, 

Bambergerstr. 7. 
R. C. Bosanquet, Prof., Liverpool, Bedford Street 40. 
A. Brueckner, Prof., Dr., Berlin-Friedenau, Spon- 

holzstr. 19. 

F. Bulid, Monsignore, Reg.-Rat, Direktor, Spalalo, 
Archäologisches Staatsmuseum. 

H. Bulle, siehe Zentral-Direktion. 
R. Cagnat, Prof., Dr., Paris, Boulevard du Mont- 
pamasse 96. 

G. Calderini, Comm., Ing., Prof. R. Universitä, 
Rom, Via Voltumo 58. 

C. Cichorius, Prof., Dr., Breslau, Kastanien-Allee 24. 
M. CoUignon, Prof., Dr., Paris, Boulevard St. Ger- 
main 88. 

Sir S. Colvin, London W., Palace Gardens 
Terrace 35, 

D. Comparetti, Comm., Prof., Senatore, Florenz, Via 
La Marmora 20. 

F. Cumont, Prof., Dr., Rom, Corso d' Italia 19. 
J. Ddchelette, Conservateur, Dr., Roanne (Loire), 

Rue de la Sous-Prifecture 22. 
A. L. Delattre, Directeur du Musee, St. Louis de 

Carthage (Tunis). 
R. Delbrueck, siehe Sekretariat Rom. 



G. De Petra, Comm., Prof., Dott., Neapel, Pallonetto 
S. Chiara 8. 

E. De Ruggiero, Prof., Dott., Rom, Via Aureli- 
ana 53. 

H. Dessau, Prof., Dr., Berlin-Charlottenburg, Leib- 

nizstr. 57. 
H. Diels, Geh. Ober-Reg.-Rat, Prof., D. Dr., Berlin 

W. 50, Nürnbergerstr. 65. 
A. von Domaszewski, Geh. Hofrat, Prof., Dr., 

Heidelberg, Bergstr. 28. 
\V. Dörpfeld, siehe Zentral-Direktion. 
J. Dragatsis, Gymnasial-Direktor, Athen, ö?ö{ 

H. Dragendorff, siehe Zentral-Direktion. 

St. Dragumis, Premier-Minister a, D,, Athen, 0005 

'AfAaXia? 26. 
H. Dressel, Prof.,. Dr., Berlin W. 8, Kroneiistr. 16. 
L. Duchesne, Monseigneur, Directeur de l'&ole 

Frangaise, Rom, Palazzo Famese, und Paris, 

Passage Stanislas 2. 

F. Dürrbach, Prof., Dr., Toulouse, Rue du Japon 40. 
F. von Duhn, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Heidelberg- 
Neuenheim, Werrgasse 7. 

J. Durm, Geheimrat, Prof., Dr., Karlsruhe, Tech- 
nische Hochschule. 

F. Ehrle, Padre, Prefetto della Biblioteca Vaticana, 
Rom, Palazzo Vaticano. 

A. Erman, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, 
Peter Lenn^str. 72. 

Sir A. J. Evans, Prof., Dr., Berks, near Oxford, 
Youlbury. 

E. Fabricius, siehe Zentral-Direktion. 

J. Ficker, Prof., D. Dr., Straßburg i. Eis., Lessing- 
straße 2. 

F. Fita, Dr., Madrid, Isabella Cat6lica.i2. 

R. Foerster, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Breslau, 

Kastanien-Allee 3a. - 

P. Foucart, Prof., Dr., Paris, Rue Jacob 19. 

G. Fougeres, Direktor der ficole Frangaise, Athen. 
Sir J. G. Frazer, Prof., Dr., Cambridge, Trinity 

College. 
A. Frickenhaus, siehe Zentral-Direktion. 
W. Fröhner, Dr., Paris, Rue Casimir-P^rier 11. 
E. A. Gardner, Prof., Dr., Tadworth (Surry), Farm 

Corner. 
P. Gardner, Prof., Dr., Oxford, Banbury Road 105. 
G. Gatti, Comm., Prof., Rom, Piazza S. Luigi dei 

Francesi 24! 
G. Ghirardini, Comm., Prot, Direttore del Museo 

Civico, Bologna, Via dell' Indipendenza 54. 



— vrn — 



F. Graeber, Baurat, Bielefeld, Sparenberg 2 a. 
B. Graef, siehe Zentral-Direktion. 

Fr. LI. Griffith, Dr., Oxford, Norham Gardens 11. 
St. Gsell, Prof., Dr., Paris, Rue de la Tour 92. 

E. J. Haeberlin, Justizrat, Dr., Frankfurt a. M.- 
Eschersheim, Ginnheimerstr. 46. 

G. Hager, Generalkonservator, Dr., München, Koch- 
str. 18. 

F. Halbherr, Comm., Prof., Dott., Rom, Via Are- 
nula 21. 

Halil Edhem Bey, General-Direktor, Dr., Konstan- 
tinopel, Ottoraanisches Museum. 

A. Hamaek, General-Direktor, Wirkl. Geh. Rat, 
Prof., D. Dr., Berlin-Grunewald, Kunz-Bunt- 
schuhstr. 2. 

P. Hartwig, Dr., Rom, Via Alessandrina 17. 
J. A. Hatzidakis, Direktor, Dr., Candia, Museum. 
F. Haug, Geh. Hofrat, Gymnasial-Direktor a. D., 
Dr., Stuttgart, Salzmannweg i. 

B. Haussoullier, Prof., Dr., Paris, Rue S" C^cile 8. 
F. Haverfield, Prof., ^ Dr., Oxford, Winshields, 

Headington Hill. 
R. Heberdey, Prof., Dr., Grass, Mandellstr. 26. 
J. L. Heiberg, Prof., Dr., Kopenhagen, Classens- 

gade 13. 
W. Heibig, Prof., Dr., Rom, Villa Lante al Gia- 

nicolo. 
H. Hepding, Dr., Gießen. Schifienberger Weg 16. 
A. H^ron de Villefosse, Conservateur au Mus^e du 

Louvre, Paris, Rue Washington 16. 
L. Heuzey, Paris, Boulevard Exelmans 90. 
F. Freiherr Hiller von Gaertiingen, Prof., Dr., Berlin- 
Westend, Ebereschen -Allee 11. 
O. Hirschfeld, siehe Zentral-Direktion. 
H. Hitzig, Prof., Dr., Zürich V, Casinostr. 18. 
M. HoUeaux, Prof., Dr., Paris, Quai de la Tour- 

nelle 27. 
A. E. J. Holwerda, Prof., Dr., Leiden, Zoeter- 

woudsche Singel 52. 
Th. HomoUe, Administrateur gfe^ral de la Biblio- 

theque Nationale, Dr., Paris, Rue de Petits- 

Champs 8. 
Ch. Hülsen, Prof., Dr., Florenz, Villa Toloraei, Via di 

MarignoUe 6, Bellosguardo. 

F. Imhoof- Blumer, Dr., Winterthur, Bühlhof. 
H. Stuart Jones, Saundersfoot ( Pembrokeshire ) . 
W. Judeich, Prof., Dr., Jena, Beethovenstr. 30. 

C Jullian, Prof., Dr., Paris, Rue du Luxem- 

bourg 30. 
E. Kaiinka, Prof., Dr., Innsbruck, Adolf Pichlerstr. 5. 

G. M. Kam, Nijmegen, Berg und Dalsche Weg 76. 
G. Karo, siehe Sekretariat Athen. 



P. Kastriotis, Ephoros der Altertümer, Athen, 680; 
'Aß^pojtf 9. 

P. Kawadias, Prof., Dr., General-Sekretär der 
Archäologischen Gesellschaft, Athen, Hotel de 
France. 

B. Keil, Prof., Dr., Leipzig, Universität. 

J. Keil, Sekretär des K. K. Österr. Archäolog. In- 
stituts, Dr., Smyrna, österreichische Post. 

F. von Kenner, Hofrat, Direktor a. D., Wien 111, 
Traungasse i. 

W. Klein, Prof., Dr., Prag, Deutsche Universität 

H. Knackfuß, siehe Sekretariat Athen. 

F. Koepp, siehe Römisch-Germanische Kommission. 
R. Koldewey, Prof., Dr., Bagdad, Deutsches Kon- 
sulat und Berlin-Friedenau, Rubensstr. 8. 

A. Körte, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Fuchstr. 16. 

G. Körte, siehe Zentral-Direktion. 

M. K. Krispis, Prof., Karditza (Thessalien). 

E. Krüger, Direktor, Prof., Dr., Trier, Bergstr. 51. 
W. Kubitschek, Reg.-Rat, Direktor, Prof., Dr., 

Wien IX, Pichlergasse i. 
Sp. Lambros, Prof., Dr., Athen, 65ö; Maupoxop- 

80TOU 10. 
R. A. Lanciani, Comm., Prof., Senatore, Rom, 

Piazza Sallustio 24. 
K. Graf Lanckoronski-Brzezie, K. K. Wirkl. Geh Rat., 

Oberstkämmerer, Wien III, Jacquingasse 18. 

B. Latyschew, Prof., Dr., St. Petersburg, Kaiser- 
liche Archäologische Kommission, Winterpalais. 

H. Lechat, Prof., Dr., Lyon, Quai Gailleton 22. 
H. Lehner, siehe Römisch-Germanische Kommission. 
B. Leonardos, Dr., Athen, öo6{ IlpooaTefo'j 59. 

F. Löhr, Sekretär des K. K. österr. Archäolog. In- 
stituts, Dr., Wien IX, Grünetorgasse 14. 

G. Loeschcke, siehe Zentral-Direktion. 

E. Löwy, Prof., Dr., Rom, Via del Progresso 23. 
H. Luckenbach, Gymnasial-Direktor, Dr., Heidel- 
berg; Sophienstr. 3. 
Barone G. Lumbroso, Comm., Prof., Dott., Rom, 

Via Sommacampagna 3. 
H. Lyons, Captain, Dr., London, Heathview Gardens 5, 

Roehampton. 
L. Mariani, Prof., Dott., Rom, Via Pierluigi da 

Palestrina 55. 
0. Marucchi, Comm., Prof., Dott., Direttore del 

Museo Egizio nel Vaticano, Rom, Via S. Maria 

in Via 7 A. 
G. Maspcro, Prof., Directeur du Service des 

Antiquit^s, Kairo und Paris, Avenue de l'Obser- 

vatoire 24. 
M. Mayer, Dr., Berlin W. 35, Potsdamerstr. 46. 
A. Meletopulos, Piräus, 65ö{ KoXoxorpwvr) 69. 



IX — 



A. Merlin, Directeur des Antiquit^s et des Arts, Tunis, 

Rue de l'^glise. 73 
M. Meurer, Prof., Rom, Via Margutta 53 B. 
E. Meyer, siehe Zentral-Direktion. 

E. Michon, Prof., Conservateur au Mus6e du Louvre, 
Paris, Rue Barbet-de-Jouy 26. 

L. A. Milani, Comm., Prof., Dott., Direttore del R. 
Museo Archeologico e degli Scavi d'Etruria, 
Florenz, Viale Principe Eugenio 9. 

0. Montelius, Prof., Dr., Stockholm, Museum für 
Altertümer. 

J. H. Mordtmann, Kaiserlich Deutscher General- 
Konsul a. D., Dr., Konsianlinopel-Pera, Deutsche 
Post 

C. D. Mylonas, Prof., Dr., Athen, Akademiestr. 17. 

F. Noack, siehe Zentral-Direktion. 

B. Nogara, Comm., Dott., Direttore del Museo Gre- 
goriano Etrusco Vaticano, Rom, Salita di S. Ono- 
frio 37 B. 

R. Norton, c/o Shipley and Co., London, Pall Mall 123. 

F. Ohlenschlager, siehe Römisch-Germanische Kom- 
mission. 

P. Orsi, Comm., Prof., Dott., Direttore del R. Museo 
Archeologico, Syrakus. 

E. Pais, Comm., Prof., Dott., Rom, Via di Ripetta 102. 

R. Paribeni, Dott., Direttore del Museo Nazionale, 
Terme di Diocleziano, Rom, Via dei Prefetti 22. 

P. Paris, Prof., Directeur de l'^cole Municipale des 
Beaux-Arts, Bordeaux, Rue Ausone 43. 

A. Pasqui, Cav., Direttore dell' Ufficio degli Scavi di 
Roma e Provincia, Rom, Via Nomentana 27. 

C. Patsch, Reg.-Rat, Dr., Sarajevo, Bosn.-Herzegow. 
Landes-Museum. 

P. Perdrizet, Prof., Dr., Nancy, Avenue de la Ga- 

renne 2. 
E. Pernice, Prof., Dr., Greifswald, Karlstr. 4. 
L. Pernier, Dott., Direttore della Scuola Arc'.eologica 

Italiana, Athen, 6?ö{ Aiovuafou '^pEioTtayfTOu i. 
Marchese N. Persichetti di Santa Mustlola, Aquila, 

Piazza Cavallotti 5. 
E. Petersen, Prof., Dr., Berlin-Halensee, Friedrichs- 

ruherstr. 13. 
W. M. Flinders Petrie, Prof., Dr., London, Well 

Road 8, Hampstead. 
E. Pfuhl, Prof., Dr., Basel, Schönbeinstr. 42. 

B. Pharmakowsky, Prof., Dr., St. Petersburg, Kaiser- 
liche Archäologische Kommission, Winterpalais. 

A. Philippson, Prof., Dr., Bonn, Königstr. i. 

L. Pigorini, Comm., Prof., Senatore, Dott, Direttore 
del Museo preistorico, Rom, Via del CoUegio Ro- 
mano 26. 



L. Pollak, österreichischer Kaiserlicher Rat, Dr., 
Rom, Via del Tritone 183. 

J. Poppelreuter, Direktor, Prof., Dr., Cöln, Eifel- 
str. 14. 

E. Pottier, Prof., Dr., Conservateur au Mus^e du 
Louvre, Paris, Rue de la Tour 72. 

A. Prachow, Wirkl. Staatsrat, Prof., Dr., St. Peters- 
burg, Universität 

A. von Premerstein, Prof., Dr., Prag-Smichow, 
Preßlgasse 13. 

E. Pridik, Prof., Dr., St. Petersburg, Woskressensky 
Quai 22. 

Sir W. M. Ramsay, Dr., Edinburgh, Braid Avenue 41. 

S. Reinach, Conservateur du Mus6e de St. Germain, 
Boulogne-sur-Seine, Avenue Victor Hugo 16. 

E. Reisch, Hofrat, Direktor des K. K. Österr. Ar- 
chäolog. Instituts, Prof., Dr., Wien XVIII, Karl 
Ludwigstr. 28. 

C. Ricci, Comm., Dott, Direttore Generale per le 
Antichitk e Belle Arti, Ministero Pubblica Istru- 
zione, Rom, Piazza Venezia 11. 

R. B. Richardson, Prof., Dr., Woodslock, Connecticut. 

O. Richter, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin- 
Friedenau, Niedstr. 16. 

A. Riese, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Klettenberg- 
straße 7. 

E. Ritterling, siehe Römisch-Germanische Kom- 
mission. 

G. E. Rizzo, Prof., Dott, Turin, Universität und 
Rom, Via Po 18. 

C. Robert, siehe Zentral-Direktion. 

E. Robinson, Direktor, Metropolitan Museum of Art, 
New York. 

H. von Rohden, Prof., Dr., Hagenau i. Eis., Gym- 
nasium. 

M. Rostowzew, Prof., Dr., St. Petersburg, Morskaja 

34, 10. 
0. Rubensohn, Direktor, Prof., Dr., Hildesheini, 

Kaiser Friedrichstr, 10. 
G. McN. Rushforth, Malvern Wells, Riddlesden. 

A. von Salis, siehe Zentral-Direktion. 

B. Sauer, Prof., Dr., Kiel, Lomsenstr. 30. 

L. Savignoni, Prof., Dott., Rom, Via dcU' Anima 50. 
P. Schazmann, Architekt, Genf, Grande Boissiere. 
H. Schrader, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Schu- 
mannstr. 49. 

C. Schuchhardt, siehe Römisch-Germanische Kom- 
mission. 

A. Schulten, Prof., Dr., Erlangen, Ratsbergcrstr. 22. 
V. Schultze, Prof., Dr., Greifswald, Universität 
W. Schulze, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin W. 10, 
Kaiserin Augustastr. 72. 



X — 



K. Schumacher, siehe Römisch-Germanische Kom- 
mission. 

Jonkheer J. Six van Hillegom, Prof., Dr., Amster- 
dam, Heerengracht 511. 

A. N. Skias, Prof., Athen, 6S6{ BoXretateu 7. 

A. H. Smith, London W. C, British Museum. 

Sir Cecil H. Smith, Dr., London S.W., Victoria and 
Albert Museum. 

A. Sogliano, Prof., Dott., Neapel, Via Avvocata a 
Piazza Dante 25. 

G. Sotiriadis, Prof., Dr., Athen, 666? AouxtavoO 21. 

V. Spinazzola, Comm., Prof., Dott., Direttore degli 
scavi di Pompei, Neapel, Museo Nazionale. 

V. Stais, Direktor, Dr., Athen, National-Museum. 

E. Steinmann, Prof, Dr., Rom, Via Aracoeli 3. 

E. von Stern, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Halle a. S., 
Lindenstr. 63. 

J. Strzygowski, Hofrat, Prof., Dr., Wien, Universität. 

F. Studniczka, siehe Zentral-Direktion. 

J. N. Svoronos, Direktor des Numismatischen Mu- 
seums, Athen, 6Sö? reoupyfo'j rsvvctSfcu 3 B. 

L. von Sybel, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Marburg i. H. 
Sybelstr. i. 

A. Taramelli, Prof., Dr., Direttore del Museo di 
Antichitä, Cagliari, Via Corte d'Appello 12. 

H. Thiersch, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Zascherstr. 67. 

A. Trendelenburg, Gymnasial-Direktor, Geh. Reg.- 
Rat, Prof., Dr., Berlin NW. 6, Albrechtstr. 26. 

G. Treu, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Dresden-Weißer 
Hirsch, Heinrichstr. 21. 

Ch. Tsuntas, Prof., Athen, 68ö; Zoioodyou nrjyTj; 105. 

Th. Uspenski, Geheimrat, Direktor, Dr., Konstan- 
tinopel -Pera, Rue Sekis Agatsch, Russ. Archäolog. 
Institut. 

G. Vitelli, Prof., Dott., Florenz, Via Masaccio 55. 

Marquis de Vogü(5, Paris, Rue Fabert 2. 

M. Volonakis, Sektionschef, Athen, Kultusmini- 
sterium. 



E. Wagner, Direktor, Geheimrat, Prof., Dr., KarU' 
ruhe, Hirschstr. 53. 

H. Graf von Walderdorff, Regensburg. 

Sir Ch. Waldstein, Dr., Cambridge, Newton, Newton 

Hall. 
0. Walter, Sekretär des K. K. österr. Archäolog. 

Instituts, Dr., Athen, Boulevard Alexandra 18. 
C. Watzinger, siehe Zentral-Direktion. 
R. Weil, Prof., Dr., Berlin W. 35, Blumeshof 16. 
C. Weller, siehe Zentral-Direktion. 
J. W. White, Prof., Dr., Cambridge, Massachusetts, 

Concord Avenue 18. 
S. Wide, Prof., Dr., Upsala, Linn^gatan 18. 
Th. Wiegand, siehe Zentral-Direktion. 
U. von Wilamowitz-Moellendorff, siehe Zentral- 
Direktion. 
W. Wilberg, Sekretär des K. K. österr. Archäolog. 

Instituts, Dr., Athen, Boulevard Alexandra 18. 
U. Wilcken, Prof., Dr., Bonn, Buschstr. 20. 
A. Wilhelm, Prof., Dr., Wien IX, Schlickgasse 5. 
A. Wilmanns, Wirkl. Geh. Ober-Reg.-Rat, Prof., 

Dr., Berlin W. 10, Königin Augustastr. 48. 
J. Wilpert, Monsignore, Protonotario apostolico, Rom, 

Via Giovanni Lanza 63. 
H. Winnefeld, Direktor, Prof., Dr., Berlin-Halensee, 

Paulsbornerstr. 8. 

F. Winter, siehe Zentral-Direktion. 

G. Wissowa, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Halle a. S., 
Mühlweg 20. 

G. Wolff, siehe Römisch-Germanische Kommission. 

P. Wolters, siehe Zentral-Direktion. 

R. Zahn, Prof., Dr., Berlin-Friedenau, Cranachstr. 20. 

J. Ziehen, Stadtrat, Dr., Frankfurt a. M., Blumen- 
straße 16. 

J. Zingerle, Reg.-Rat, Vize - Direktor des K. K, 
Österr. Archäolog. Instituts, Dr., Wien IX, 
Türkenstr. 4. 



III. KORRESPONDIERENDE MITGLIEDER 



Marchese G. Antimi-Clari, Macerata Feltria, Via 

Garibaldi 105. 
P. Arndt, Dr., München, Himmelreichstr. 3. 
A. S. ArvanitopuUos, Ephoros der Altertümer, Dr., 

Volo. 
0. N. Asldtis, Chalki bei Rhodos. 
E. Assmann, Geh. San.-Rat, Dr. med., Berlin W. 50, 

Passauerstr. 5. 



A. AudoUent, Prof., Dr., Clermont-Ferrand (Puy-de- 

D6me), Chemin de l'Oradou 1. 
M. Bang, Dr., Berlin W. 15, Pariserstr. 10. 
F. Baraibar, Vitoria, Cercas altas 7 principal. 
C. Bardt, Geh. Reg.-Rat, Gymnasial-Direktor a. D., 

Dr., Berlin-Charlottenburg, Demburgstr. 40. 
A. Barmann, K. u. K. Österreichisch-Ungarischer und 

K. Dänischer Vize-Konsul, Rhodos. 



— XI 



W. Barthel, Dr., Frankfurt a. M., Eschersheimer 
Landstr. 57. 

G. Bellucci, Comm., Prof., Perugia, Corso Cavour 9. 

O. Beriet, Oberstleutnant, Minden, Heidestr. 19. 

E. Bethe, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Leipzig, David- 
straße I. 

Fräulein M. Bieber, Dr., Schönau, Kreis Schweiz 
a. W., Westpr. 

Sir A. Biliotti, Rhodos. 

R. Blair, South Shields, Harten Lodge. 

Ch. Blinkenberg, Konservator, Dr., Kopenhagen, 
National-Museum. 

E. Bodensteiner, Prof., Dr., München, Häberlstr. 20. 
R. Bodewig, Prof., Dr., Oberlahnstein, Gymnasium. 

F. Bölte, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Westendstr. 1. 
0. Bohn, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, Kurfürstenstr. 3. 
U. Ph. Boissevain, Prof., Dr., Amsterdam, Heeren- 
gracht 264. 

E. Bourguet, Prof., Paris, Passage Stanislas 2. 
C. G. Brandis, Direktor, Dr., Jena, Lutherstr. 117. 

E. Breccia, Prof., Dott., Direttore del Museo Greco- 
Romano, Alexandria. 

A. Brinkmann, Prof., Dr., Bonn, Schumannstr. 58. 

G. Canna, Prof., Dott., Pavia, Piazza Petrarca i. 
L. Cantarelli, Prof., Dott., Rom, Piazza Manfredo 

Fanti 132. 
J. Carcopino, Directeur du Mus^e des Antiquit^s 

Algeriennes, Algier, Rue Salvandy 40, Saint- 

Eugene. 
W. Cart, Prof., Dr., Lausanne, St. Pierre 13. 
J. B. Carter, Direktor der Accademia Americana, 

Prof., Dr., Rom, Villa Aurelia presso Porta 

S. Sebastiano. 
A. Casilli, K. u. K. Österreichisch-Ungarischer Konsul, 

Rhodos. 
L. D. Caskey, Curator, Museum of Fine Arts, Boston, 

Massachusetts. 
Barone F. B. Castiglioni, Spongano. 
M. Cazurro y Ruiz, Catedratico, Dr., Gerona, Pro- 

greso I. 
J. Centerwall, Gymnasial - Direktor, Dr., Stockholm. 
Marqu& de Cerralbo, Senator, Madrid, Calle Ventura 

Rodriguez 2. 
A. van Ceuleneer, Prof., Dr., Gent, Universität. 
G. Cimorelli, Cav., Venafro. 

F. A. Coelho, Prof., Dr., Lissabon, Curso Superior de 
Lcttras. 

G. A. Colini, Prof., Dott., Direttore del Museo Na- 
zionale di Villa Giulia, Rom, Via Farini 17 int. 7. 

G. F. Comfort, Direktor, Prof., Dr., Meadville, 

Pennsylvania. 
A. Conrads, Dr. med., Haltern i. Westf. 



R. S. Conway, Prof., Dr., Didsbury, Draethen (Man- 
chester). 
F. Corazzini, Comm., Prof., Dott., Bologna. 

F. Cordenons, Padua, Via S. Croce 45. 

L. Correra, Comm., Priv. Doc, Dott., Neapel, Via 

Saverio Correra 241. 
J. Curie, Melrose, Priorwood. 
C. Curtius, Prof., Dr., Lübeck, Stadtbibliothek. 
L. Curtius, Prof., Dr., Erlangen, Burgbergstr. 45. 
P. Da Ponte, Comm., Dott., Brescia, Via A. Taglia- 

ferri 43. 

G. Daressy, Conservateur-adjoint du Musie figyptien, 
Kairo. 

G. Darier, Genf, Avenue de Champel 31. 

R. M. Dawkins, Direktor der British School, Athen. 

S. N. Deane, Boston, Massachusetts, Museum of Fine. 
Arts. 

M. Deffner, Dr., Oberbibliothekar, Athen, öoö« 
npoaaTefo'j 108. 

J. Dell, Prof., Dr., Brunn, Deutsche Technische Hoch- 
schule. 

M. Della Corte, Dott., Pompei. 

L. Deubner, Prof., Dr., Königsberg i. Pr.-Maraunen- 
hof, Gottschedstr. i. 

G. Dickins, Oxford, St. John's College. 

W. B. Dinsmoor, Architekt der American School, 
Athen. 

P. Dissard, Conservateur du Musöe, Lyon, Palais 
des Arts. 

W. Dobrusky, Prof., Dr., Prag, Böhmische Universität. 

F. Donati, Bibliotecario Comunale, Siena, Via Para- 
diso 16/1S. 

P. Ducati, Prof., Dr., Caiania, Universität. 

C. C. Edgar, Inspecteur du Service des Antiquit^s 
Egyptiennes, Kairo. 

Edhem Bey, Vize-Direktor, Konstantinopel, Otto- 
manisches Museum. 

H. Egger, Prof., Dr., Graz, Universität. 

O. Egger, Dr., Wien I, W^oUzeile 13. 

H. Eidam, Medizinalrat, Dr. med., Gunzenhausen 
( Mittelfranken). 

S. Eitrem, Priv.-Doz., Dr., Kristiania, Munthes- 
gate 25. 

E. Esperandieu, Commandant, Clamart (Seine), 
Avenue Victor Hugo 208. 

Conte E. Faina, Senatore del Regno, Orvieto. 

A. Fairbanks, Direktor, Dr., Boston, Massachusetts, 
Museum of Fine Arts.. 

G. Faraone, Avvocato, Caiazzo, Via Portavetere 8. 
L. R. Farneil, Dr., Oxford, Exeter College. 

E. R. Fiechter, Prof., Dr., Stuttgart, Birkenstr. 15. 

B. D. Filow, Direktor, Dr., Sofia, Patriarch Eutimi 41 . 



XII — 



D. Fimmcn, Dr., Alken, Phidiasstr. i. 

G. von Findly, Direktor, Dr., Budapest VI, Munkdcsy- 
U. 26. 

Fräulein E. Fölzer, Dr., Frankfurt a. M., Jahn- 
straße 28. 

H. N. Fowler, Prof., Dr., Cleveland, Ohio, Cornell 
Road 2033. 

S. Frankfurter, Reg. -Rat, Dr., Wien IX, Wasa- 
gasse 28. 

C. Fredrich, Gymnasial-Direktor, Prof., Dr., Cüslrin- 

N., Wamickerstr. 92. 

H. von Fritze, Prof., Dr., Berlin W. 62, Courbiere- 
straße 14. 

L. Frölich, Direktor, Dr. med., Brugg i. Aargau- 
Königsfelden. 

A. L. Frothingham, Prof., Dr., Frinceion, New 
Jersey, Universität. 

E. Gäbriei, Prof., Dr., Ispettore del Museo Nazionale 
di Villa Giulia, Rom, Via Boncompagni 79. 

A. Galli, Comm., Prof., Direttore Generale dei 
Musei e Gallerie Pontificie, Rom, Via Maria 
Adelaide 14. 

P. Gaudin, Paris, Rue de la Grande Chaumiere 8. 

M. J. Gedeon, Sekretär des Oekumenischen Patri- 
archats, Konstantinopel. 

G. Gelcich, Prof., Ragusa. 

Conte A. Gentiloni-Silveri, Tolentino, Via Niccolo 
Vaccai 5. 

N. Georgiadis, prakt. Arzt, Volo. 

A. Gercke, Prof., Dr., Breslau, Universität. 

A. von Gerkan, Dipl. Ing., Rostock, Brandes- 
str. 6. 

M. Gervasio, Dott., Direttore del Museo Provincialc, 
Bari. 

N. J. Giannopulos, Halmyros. 

H. Gies, Legationsrat, Dr., Frankfurt a. M. -Bocken- 
heim, Königstr.42. 

E. Gilli^ron, Maler, Athen, ö?ö{ Sxou'fä 43. 

G. Giovannoni, Prof., Ing. Arch., Rom, Via Torre 
Argentina 34. 

G. B. Giovenale, Ing. Arch., Rom, Via Bocca di 
Leone 43. 

A. Gnirs, Prof., Dr., Pola, Via Carducci i. 

P. Goessler, siehe Römisch-Germanische Kommission. 

J. Gottwald, Mersina, Österreichische Post. 

K. Graefinghoff, Hauptmann, Metz, Elisenstr. 53. 

M. Granados, Soria. 

D. Hadjidimu, Mytilene. 

W. G. Haie, Prof., Dr., Chicago, Illinois, Universität. 
Miss J. E. Harrison, Dr., Cambridge, Newnham 

College. 
A. Haseloff, Prof., Dr., Rom, Viale della Regina 195. 



F. W. Hasluck, Bibliothekar der British School, 
Athen. 

R. Hausmann, Prof., Dr., Dorpat, Universität. 
P. Herrmann, Prof., Dr., Dresden-A, Stephanien- 
straße 13. 
R. Herzog, Prof., Dr., Gießen, Universität. 
S. Heuberger, Rektor, Dr., Brugg i. Aargau. 

E. L. Hicks, Bishop of Lincoln. 

B. H. Hill, Direktor der American School, Athen. 

G. F. Hill, Dr., London W. C, British Museum. 

G. Hock, Konservator, Dr., Würzburg, Lessing- 
straße I. 
M. Hömes, Prof., Dr., Wien III, Ungargasse 27. 
Th. Hofmann, Prof., Elberjeld, Straßburgerstr. 23. 

F. von Holbach, Direktor der ottom. Tabakregie, 
Mytilene. 

J. H. Holwerda, Dr., Leiden, Zoeterwoudsche Singcl 53. 
H. Hubert, Conservateur-adjoint du Musdc des 

Antiquites Nationales, Saint-Germain en Laye 

( Seine -et-Oise). 
P. Ibarra y Ruiz, Archivero-Bibliotecario y Arqueö- 

logo, Elche, Alicante. 

G. loannides, Beamter der ottom. Tabakregie, 
Pergamon. 

H. Jacobi, siehe Römisch-Germanische Kommission. 

M. Jatta, Ruvo. 

L. Jeli6, Prof., Dr., Zara, Erzbischöfl. Seminar. 

A. Kandakidis, Larissa. 

A. D. KeramopuUos, Ephoros der Altertümer, Athen, 
65ö{ Zcti jxT) 24 A. 

0. Kern, Prof., Dr., Halle a. S., Gartenstr. 8. 

J. B. Keunc, Direktor, Prof., Dr., Metz, Städtisches 
Museum. 

K. F. Kinch, Dr., Kopenhagen K., Töjhusgade 3. 

J. Kirchner, Prof., Dr., Berlin-Wilmersdorf, Kaiser- 
Allee 159. 

L. Kjellberg, Prof., Dr., Upsala, Johannesgatan 24. 

R. Knorr, Prof., Stuttgart, Römerstr. 69. 

H. Koch, Dr., Bonn, Venusbergweg 43. 

C. L. Kohl, Sanitätsrat, Dr. med., Worms, Paulus- 
Museum. 

C. Konen, Godcsberg a. Rh., Annabergerstr. 86. 

K. Körber, Prof., Dr., Mainz, Albinistr. 14. 

H. Kohl, Reg.-Baumstr., Dr., Berlin-Charlottenburg, 
Friedbergstr. 15. 

J. Kokidis, Generalmajor a. D., Athen, Ö8ö« 600X7)545. 

W. Kolbe, Prof., Dr., Rostock, OrMansstr. 2. 

N. P. Kondakow, Prof., Dr., St. Petersburg, Litöi- 
naja 15. 

A. Kondoleon, Delphi, Museum. 

C. Kramer, Hauptmann a. D., Dr., Gießen, Lud- 
wigsplatz 10. 



xm — 



D. Krencker, Reg.-Baumstr., Trier, Kaiserstr. 8a. 
P. Kretschmer, Prof., Dr., Wien VIII, Floriani- 

gasse 23. 
F. Krischen, Reg.-Baumstr., Dr., Berlin-Schöneberg, 
Hauptstr. 27. 

E. Kroker, Oberbibliothekar, Prof., Dr., Leipzig, 
Stadtbibliothek. 

J. Kromayer, Prof., Dr., Leipzig-Gohlis , Berg- 

gartenstr. 10. 
K. Kuruniotis, Dr., Sektionschef für Archäologie, 

Athen, Kultusministerium. 
V. Kuzsinszky, Direktor, Prof., Dr., Btidapesl, Natio- 

nal-Museum. 
A. Lammerer, Major, München, Hiltensbergerstr. 28. 
K. von Lange, Prof., Dr., Tübingen, Waldhäuser- 

str. 29. 

F. Leonhard, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Loretto- 
straße 45. 

H. Lietzmann, Prof., D. Dr., Jena, Kaiser Wilhelm- 

Str. 12. 
N. Limnios, prakt. Arzt, Artake. 
I. A. Lontos, Athen, öoö; EüpiitfSou 80. 
R. Löper, Direktor, Dr., Chersones bei Sevastopol. 

G. Lucciola, Prof., Dr., Padua, Universität. 

W. Ludowici, Geh. Kommerzienrat, Jockgrim 

(Pfalz). 
H. Lugon, Kanonikus, Gr. St. Bernhard, Hospice du 

Grand St. Bemard. 
C. W. Lunsingh Scheurleer, Haag, Prinse Vinken- 

park 16. 
A. Lupatelli, Prof., Perugia. 

F. von Luschan, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin- 
Südende, Öhlertstr. 26. 

K. Ljmcker, Hauptmann, Krotoschin. 

E. Maass, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Marburg i. H., 
Reuthofstr. 19. 

Th. Macridy Bey, Conservateur, Konstantinopel, 

Ottomanisches Museum. 
L. MaggiuUi, Comm., Muro Leccese. 
H. Maionica, Prof., Triest, Via D. Rossetti 8. 
W. Malmberg, Prof., Dr., Moskau, Universität. 
R. Mancini, Cav., Ingegnere, Orvieto, Corso Cavour 

138. 

G. Mantovani, Cav., Prof., Bergamo, Via Porta di- 
pinta 7. 

G. Mariotti, Comm., Prof., Dott., Senatore, Direttore 
del Museo di Antichitä, Parma. 

J. Marshall, Rom, Via Gregoriana 25. 

L. Martens, Gymnasial-Direktor, Prof., Dr., Ber- 
lin C. 2, Klosterstr. 73. 

F. Marx, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Bonn, Lcnnc- 
straße 43. 



K. Masner, Prof., Dr., Breslau, Schlesisches 

Museum. 
A. Matsas, Lehrer, Chalkis. 
L. Mauceri, R. Ispettore degli scavi, Syrakus. 
P. J. Meier, Direktor, Prof., Dr., Braunschweig, 

Husarenstr. 43. 
J. R. MÄlida, Direktor, Madrid, Valverde 16, 

3° izgda. 
G. Mendel, Paris, Rue de 1' observatoire 8. 
A. Meomartini, Comm., R. Ispettore onorario dei 

Monumenti e scavi di Antichitä, Benevento. 
J. von Merz, Prälat, D. Dr., Stuttgart, Königstr. 44. 
W. Meyer, Prof., Dr., Göttingen, Geismar Chaussee 31. 
A. Elias de Möllns, Direktor, Barcelona, Museum. 
Marques de Monsalud, Madrid, Jacometrezo 41. 
M. G. Moreno, Granada, Placata de San Jose i. 
F. Morlicchio, Scafati. 
J. de Mot, Brüssel, Rue G&ard 214. 
K. Müller, Dr., Göttingen, Planckstr. 18. 
S. Müller, Direktor, Dr., Kopenhagen, National- 

Museum. 
F. Münzer, Prof., Dr., Königsberg i. Pr.- Mittelhufen, 

Albrechtstr. 13. 
J. L. Myres, Prof., Oxford, New College. 

E. Nachmanson, Priv. Dez., Dr., Upsala, Universität. 
J. Navpliotis, Naxos. 

F. M. Nichols, Lawford near Mannington, Essex. 
A. Nildtsky, Prof., Dr., St. Petersburg, Sjezs- 

kinskaja 19. 
M. P. Nilsson, Prof., Dr., Lund, Bredgatan 23. 

F. Nissardi, Ispettore del Museo di Antichitä, Ca- 
gliari. Via Genovesi 24. 

N. Novosadsky, Prof., Dr., Moskau, Universität 

G. Oberziner, Prof., Dott., Mailand, Via Manin 3. 
R. Oehler, Prof., Dr., Berlin-Lichterfelde (West), 

Zehlendorferstr. 52. 
M. Ohnefalsch-Richter, Dr., London N.W., West 

Hampstead, West End Lane, West End Man- 

sions 3 c. 
G. Oikonomos, Ephoros der Altertümer, Dr., Salonilci. 
L. Otto, Prof., Dresden, Eliasplatz i. 

A. Ox^, Prof., Dr., Crefeld, Blumentalstr. 33. 
G. Paci, Cav., Ascoli Piceno, Via della Torre. 

L. Pallat, Geh. Ober-Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin- 
Wannsee, Otto Erichstr. 9. 

B. A. Pantschenko, Sekretär des Russ. Archäolog. 
Instituts, Konstantinopel, Russische Botschaft. 

N. PappadaWs, Ephoros der Altertümer, Theben. 
M. Papakonstantinu, Aidin. 
M. Pardo de Figueroa, Medina-Sidonia. 
V. Pärvan, Direktor, Prof., Dr., Bukarest, Bulevardul 
Academiei 7. 



XIV 



W. R. Paton, Vathy (Samos). ^ 

G. Patroni, Prof., Dott, Paoia, Universität. 
G. Pellegrini, Prof., Dott., Padua, Via Massimo 9. 
J. C. Peristianes, Nicosia (Cypern). 

A. Philadelpheus, Prof., Athen, 68Ö? KaviYyo; 18. 

B. Pick, Prof., Dr., Gotha, Goethestr. 1. 

J. Pijoan y Soteras, Prof., Barcelona, Ronda de 
San Pedro, 68, pral und Rom, Via Giulia, Pal. 
Monserrato. 

G. Pinto, Cav., Avv., Venosa. 

G. Pinza, Prof., Rom, Via Monserrato 25. 

V. Poggi, Comm., Savona, Via Paleocapa 14. 

L. Poinssot, Inspecteur des Antiquitfe et Arts 
de la Tunisie, Tunis, Rue de l'feglise 73. 

N. G. Politis, Prof., Athen, 686« MtjtpottcSXews 38. 

F. Poulsen, Dr., Kopenhagen, Madvigs All^ 10. 

E. Preuner, Prof., Dr., Berlin W. 62, Lützowplatz i. 
K. Purgold, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Gotha, Rein- 

hardtsbrunnerstr. 43. 
A. Puschi, Direktor, Dr., Triest, Museo civico di 

Antichitäi. 
Q. Quagliati, Dott., Direttore del Museo Nazionale, 

Tarent. 
J. E. Quibell, Inspecteur du Musfe des Antiquit^s 

figyptiennes, Kairo. 

G. Rallis, Arzt, Pergamon. 

Miss C. L. Ransom, New York, Metropolitan Museum. 

F. von Reber, Geh. Rat, Prof., Dr., München, Kaul- 
bachstr. 31. 

K. Regling, Prof., Dr., Berlin-Charlottenburg, Suarez- 

straße 22. 
P. Reinecke, Konservator, Dr., München, Königin- 

str. 61 a. 
L. Reinisch, Hofrat, Prof., Dr., Wien VIII/2, 

Feldgasse 3. 
von Rekowsld, Geh. Legationsrat a. D., Wiesbaden, 

Lanzstr. 16. 
L. Renard-Grenson, Secr^taire de 1' Institut arch^o- 

logique li^geois, LüUich, Rue Fabry 14. 
0. Renzos, Dr., Vathy (Samos). 
K. Rhomaios, Ephoros der Altertümer, Dr., Korju. 
S. Ricci, Prof., Dott., Direttore del R. Museo Numis- 

matico e Medagliere Nazionale di Brera, Mailand, 

Via Statute 25. 

G. T. Rivoira, Comm., Rom, Via Cavour 44. 

P. Rizzini, Dott., Direttore del Museo Civico, Brescia, 

Via Museo Romano. 
H. Röhl, Gymnasial-Direktor, Dr., Halberstadt. 
J. Roman, Embrun (Haiäes- Alpes) und Paris, Rue 

Bonaparte iS. 
O. Rossbach, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Königsberg 

i. Pr., Prinzenstr. 



Conte G. B. Rossi-Scotti, Direttore onorario del 

Museo deir Universitä, Perugia. 
A. Rubini, Notaro, Formia. 

C. Ruga, Direttore del Museo Archeologico nel 

Palazzo Ducale, Venedig. 
N. Sakkelion, Tinos. 
F. Salvatore-Dino, Prof., Dott., Archivista R. 

Archivio di Stato, Neapel. 
A. Santarelli, Avv., Comm., Direttore del Museo 

Civico, Forli, Corso V. E. 44. 

D. Santoro, Sindaco, S. Giovanni Incarico. 

F. Sarre, Prof., Dr., Potsdam-Neubabelsberg, Kaiser- 
straße 39. 

R. von Scala, Prof., Dr., Innsbruck, Universität. . 

H. Schäfer, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, Breitestr. 24. 

A. Schiff, Prof., Dr., Berlin W. 62, Kurfürsten- 
damm 260. 

A. Schindler, Oberstleutnant, Wien-Mödling, Tech- 
nische Militär-Akademie. 

W. Schmid, Dr., Graz, Landesmuseum. 

H. Schmidt, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, Belfort- 
str. 31. 

Th. Schmidt, Prof., Charkow, Universität, Museum 
der schönen Künste. 

A. Schöne, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Kiel, Niemanns- 
weg 36. 

H. Schöne, Prof., Dr., Greifswald, Karlstr. 9. 

E. Schramm, Generalmajor, Dr., Bautzen. 

B. Schröder, Dr., Berlin-Charlottenburg, Mommsen- 
straße 62. 

P. Schroeder, General-Konsul a. D., Dr., Jena, 
Grietgasse 11. 

0. Schultheß, Prof., Dr., Bern, Steinauweg 16. 

H. Schultz, Privatdozent, Dr., Göttingen, Herzberger 
Chaussee 30. 

R. Schultze, Stadtbaurat, Kgl. Baurat, Bonn, 
Beethovenstr. 10. 

B. Schulz, Prof., Hannover-Waldhausen, Landwehr- 
straße 23. 

E. Schwartz, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., 
Universität 

P. Serlendis, Syra. 

M. Siebourg, Gymnasial-Direktor, Prof., Dr., Essen 
(Ruhr), Dellbrügge 2. 

J. Sieveldng, Prof., Dr., München, Steinsdorfstr. 4. 

H. Skorpil, Prof., Dr., Rustschuk, Gymnasium. 

K. Skorpil, Prof., Dr., Varna, Gymnasium. 

V. Skorpil, Direktor, Kertsch, Archäologisches Mu- 
seum. 

E. Solaini, Dott., Direttore Museo e Biblioteca, 
VoUerra. 

A. G. Sophianos, Bankier, Mytileru. 



— XV 



Th. Sopbulis, General-Gouverneur von Makedonien, 
, Dr., Saloniki- 

G. Sorciini, Cav. Uff., Prof., Dott., Ispettore degli 
scavi, Direttore del Museo Lapidario Comunale, 
Spoleto, Via delle Terme, Palazzo Rosari-Spada. 

G. Sotiriu, Dr., Sinyrna, EüaYYeXtxTj l.-foki\. 

A. Spagnolo, Monsignore, Dott., Bibliotecario , 
Verona, Biblioteca Capitolare. 

G. Spano, Dott, Pompei. 

F. Sprater, Konservator, Dr., Speyer, Garten- 
straße. 

D. Stavropulos, Ephoros der Altertümer, Mykonos. 
K. Stehlin, Priv. Doz., Dr., Basel, St. Alban- 

vorstadt 66. 

H. Stein, Prof., Dr., Oldenburg. 

P. Steiner, Dr., Trier, Provinzial-Museum. 

N. Stephanopulos, Rechtsanwalt, Tripoliiza. 

J. R. S. Sterrett, Prof., Dr., Ithaca, New York, Uni- 
versität. 

P. Stettiner, Comm., Capo divisione Ministero Poste 
e Telegrafi, Rom, Via del Boschetto 68. 

C. Stomaiolo, Monsignore, Prof., Rom, Via della 
Sagrestia, Canonica Vaticano. 

M. L. Strack, Prof., Dr., Kiel, Roonstr. 14. 

Mrs. E. Strong-Sellers, Vize-Direktor der British 
School, Dr., Rom, Piazza SS. Apostoli, Palazzo 
Odescalchi 80. 

J. Sundwall, Priv. Doz., Dr., Helsingfors, Uni- 
versität, z.Zt. Berlin NW. 21, Bundesratsuferi2. 

H. Swoboda, Prof., Dr., Prag III, Malteserplatz 6. 

Conte E. Tambroni-Armaroli, Appignano presse 
Macerata. 

J. Thacher-Clarke, Harrow, College Road 3. 

F. von Thiersch, Geh. -Rat, Prof., Dr., München, 
Georgenstr. 16. 

E. Thrämer, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., Sleidan- 
straße 8 a. 

C. Thulin, Dr., Malmö, Fredriksbergsg. i a. 
M. N. Tod, Oxford, Oriel College. 

G. Tria, Konia, AnatoUsche Eisenbahn. 

M. Tsakyroglu, Dr., Smyrna, Rue des Roses 89. 

D. Tsopotos, Konsul a. D., Volo. 



H. L. Urlichs, Prof., Dr., München, Thierschplatz 3. 
M. Valtrovits, Direktor, Dr., Belgrad, National- 

Museum. 
A. Vamarecci, Monsignore, Fossombrone. 
J. Leite de Vasconcellos, Direktor, Dr., Lissabon 

(Belem), Museu Ethnologico Portuguös. 
J. de Vasconcellos, Prof., Dr., Porto, Cedofeita 159. 
E. Vassiliu, Scholarch, Thera. 
M. M. Vassits, Direktor, Dr., Belgrad, Pop Lukina 

ulica I. 
L. Viola, Prof., Dott., Tarent. 

D. VioUier, Konservator, Zürich, Landes-Musenm. 
J. C. Vollgraff, Prof., Dr., Utrecht, Universität. 
W. Vollgraff, Prof., Dr., Groningen, Radesingel 11 a. 
N. Vulic, Prof., Dr., Belgrad, Ing-Bogdana ul 15. 
A. J. B. Wace, Cambridge, Pembroke College. 

J. Wackernagel, Prof., Dr., Göttingen, Hoher 
Weg 12. 

E. P. Warren, Lewes, Lewes House (Sussex). 

A. Weckerling, Prof., Dr., Worms, Paulus-Museum. 
G. Weicker, Oberlehrer, Dr., Plauen i. V. 

W. Weißbrodt, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Brauns- 
berg, Akademie. 

P. Weizsäcker, Rektor a. D., Dr., Ludwigsburg, 
Schillerstr. 14. 

B. L Wheeler,' Präsident, Prof., Dr., Berkeley, Cali- 
fornia, Universität. 

A. Wiedemann, Prof., Dr., Bonn, Königstr. 32. 
P. Wilski, Prof., Dr., Freiberg i. S., Forstweg 17. 

F. Winkelmann, Dr., Eichstätt (Mittelfranken). 

K. Woermann, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Dresden-A., 
Hübnerstr. 5. 

G. Wolfram, Geh. Reg.-Rat, Direktor, Prof., Dr., 
Straßburg i. Eis., Spachallee i. 

K. Wulzinger, Dipl. Ing., Dr. Ing., München, Rott- 

mannstr. 10. 
St. A. Xanthudidis, Ephoros der Altertümer, Candia- 
L. Zdekauer, Prof., Dott., Macerata, Universität. 
M. von Zglinicki, Generalmajor, Berlin W. 30, 

Motzstr. 73. 
Th. Zielinski, Prof., Dr., St. Petersburg, Universität. 
E. Ziller, Prof., Architekt, Athen, 686« MaupoiAtjfcfXi) 3. 



IV. ÜBERSICHT SÄMTLICHER MITGLIEDER NACH ÖRTLICHKEITEN GEORDNET 



1. Ägypten. 

Kairo-- 0- M-: L. Borchardt, G. Maspero, C. M.: G. 

Daressy, C. C. Edgar, J. E. Quibell. 
Alexandria: C, M.: E. Breccia. 



2. Belgien. 

Brüssel: C. M.: J. de Mot. 
Gent: C. M.: A. van Ceuleneer. 
Lüttich: C. M.: L. Renard-Grenson. 



XVI — 



3. Bulgarien. 

Sopa: C. M.: B. D. Filow. 
Rustschuk: C. M.: H. Ökorpil. 
Varna: C. M.: K. äkorpil. 

4. Cypem. 
Nicosia: C. M.: J. C. Peristianes. 

S. Dänemark. 

Kopenhagen: 0. M.: J. L. Heiberg, C. M.: Ch. 
Blinkenberg, K. F. Kinch, S. Müller, F. Poulsen. 

6. Deutschland. 

Berlin und Vororte: E. M.: C. Klügmann, H. Graf 
von und zu Lerchenfeld auf Köfering und 
Schönberg, R. Schöne, J. Simon, 0. M:, 
R. Borrraann, A. Brueckner, H. Dessau, H. 
Diels, W. Dörpfeld, H. Dragendorfl, H. Dressel, 
A. Erman, A. Harnack, F. Freiherr Hiller von 
Gaertringen, O. Hirschfeld, R. Koldewey, 
G. Loeschcke, M. Mayer, E. Meyer, E. Petersen, 
O. Richter, C. Schuchhardt, W. Schulze, A. 
Trendelenburg, R. Weil, C. Weller, Th. Wiegand, 
U. von Wilamowitz-MoellendoriT, A. Wilmanns, 
H. Winnefeld, R. Zahn, C. M.: E. Assmann, 
M. Bang, C. Bardt, 0. Bohn, H. von Fritze, 
J. Kirchner, H. Kohl, F. Krischen, F. von 
Luschan, L. Martens, R. Dehler, L. Pallat, E. 
Preuner, K. Regling, H. Schäfer, A. Schiff, 
H. Schmidt, B. Schröder, J. Sundwall, M. von 
Zglinicld. 

Bautzen: C. M.: E. Schramm. 

Bielefeld: 0. M.: F. Graeber. 

Bonn: 0. M.: H. Lehner, A. Philippson, U. Wilcken, 
F. Winter, C. M.: A. Brinkmann, H. Koch, 
F. Marx, R. Schultze, A. Wiedemann. 

Braunsberg: C. M.: W. Weißbrodt. 

Braunschweig: C. M.: P. J. Meier. 

Breslau: 0. M.: C. Cichorius, R. Foerster, C. M.: 
A. Gercke, K. Masner. 

Cassel: 0. M.: J. Boehlau. 

Cöln: 0. M.: J. Poppelreuter. 

Crefeld: C. M.; A. 0x4. 

Cüstrin: C. M.: C. Fredrich. 

Darmstadt: 0. M.: E. Anthes. 

Dresden: 0. M.: G. Treu, C. M.: P. Herrmann, 
L. Otto, K. Woermann. 

EichstäU: C. M.: F. Winkelmann. 

Elberfeld: C. M.: Th. Hofmann. 

Erlangen: 0. M.: A. Schulten, C. M.: L. Curtius. 

Essen (Ruhr): C. M.: M. Siebourg. 



Frankfurt a. M.: E. M.: F. Adickes, 0. M.: E. J. 

Haeberlin, A. Riese, E. Ritterling, H. Schrader, 

G. Wolff, J.Ziehen, C. M.: W. Barthel, F. Holte, 

E. Fölzer, H. Gies. 

Freiberg i. S.: C. M.: P. Wilski. 

Freiburg i. Br.: 0. M.: E. Fabricius, A. Körte, 

H. Thiersch, C. M.: F. Leonhard. 
Friedrichshof (Schloß): E. M.: Prinz Friedrich Kari 

von Hessen. 
Gießen: 0. M.: H. Hepding, C. Watzinger, C. M.: 

R. Herzog, C. Kramer. 
Godesberg a. Rh.: C. M.: C. Konen. 
Gotha: C. M.: B. Pick, K. Purgold. 
Göttingen: 0. M.: G. Körte, C. M.: W. Meyer, 

K. Müller, H. Schultz, J. Wackemagel. 
Greifswald: 0. M.: E. Pemice, V. Schultze, C. M.: 

H. Schöne. 
Gunzenhausen: C. M.: H. Eidam. 
Hagenau i. Eis.: 0. M.: H. von Rohden. 
Halberstadt: C. M.: H. Röhl. 
Halle a. S.: E. M.: H. Lehmann, 0. M.: C. Robert, 

E. von Stern, G. Wissowa, C. M.: O. Kern. 
Haltern i. Westf.: C. M.: A. Conrads. 
Hannover: C. M.: B. Schulz. 
Heidelberg: 0. M.: A. von Domaszewsld, F. von 

Duhn, H. Luckenbach. 
Hildesheim: 0. M.: O. Rubensohn. 
Homburg v. d. H.: C. M.: H. Jacobi. 
Jarotschin (Schloß): E. M.: Fürst von Radolin. 
Jena: 0. M.: B. Graef, W. Judeich, C. M.: 

C. G. Brandis, H. Lietzmann, P. Schroeder. 
Jockgrim (Pfalz): C. M.: W. Ludowici. 
Karlsruhe: 0. M.: J. Durm, E. Wagner. 
Kiel: 0. M.: B. Sauer, C. M.: A. Schöne, M. L. 

Strack. 
Königsberg i. Fr.: C. M.: L. Deubner, F. Münzer, 

O. Rossbach. 
Krotoschin: C. M.: K. Lyncker. 
Leipzig: 0. M.: B. Keil, F. Studniczka, C. M.: E. 

Bethe, E. Kroker, J. Kromaycr. 
Ludwigsburg: C. M.: P. Weizsäcker. 
Lübeck: C. M.: C. Curtius. 

Mainz: 0. M.: K. Schumacher, C. M.: K. Körber. 
Marburg i. H.: 0. M.: L. von Sybel, C. M.: E. Maass. 
Meiningen: E. M.: Herzog Bernhard von Sachsen- 
Meiningen. 
Metz: C. M.: K. Graefinghoff, J. B. Kenne. 
Minden: C. M.: 0. Beriet. 

München: E. M.: Prinz Rupprecht von Bayern, 
0. M.: B. von Arnold, F. W. Freiherr von Bissing, 
G. Hager, F. Ohlenschlager, P. Wolters, C. M.: 
P. Arndt, E. Bodensteincr, A. Lammcrer, F. von 



XVII 



Reber, P. Reinecke, J. Sieveking, F. von Thiersch, 

H. L. Urlichs, K. WuJzinger. 
Münster i. Westj.: 0. M.: F. Koepp. 
Nehmten- Ascheberg (Holstein) : E. M. : Graf von 

Plessen-Cronstem. 
Oberlahnstein: C. M.: R. Bodewig. 
Oldenburg: C. M.: H. Stein. 
Plauen i. V.: C. M.: G. Weicker. 
Potsdam: C. M.: F. Sarre. 
Regensburg: 0. M.: H. Graf von Walderdorff. 
Rostock: 0. M.: A. von Salis. C. M.: A. von Ger- 

kan, W. Kolbe. 
Schönau (Westpr.): C. M.: Fräulein M. Bieber. 
Speyer: C. M.: F. Sprater. 
Straßburg i. Eis.: 0. M.: J. Ficker, A. Frickenhaus, 

C. M.: E. Schwartz, E. Thrämer, G. Wolfram. 
Stuttgart: E. M.: E. von Sieglin, 0. M.: F. Haug, 

C. M.: E. R. Fiechter, P. Goessler, R. Knorr, 

J. von Merz. 
Trier: 0. M.: E. Krüger, C. M.: O. Krencker, 

P. Steiner. 
Tübingen: 0. M.: F. Noack, C. M.: K. von Lange. 
Wiesbaden: C. M.: von Rekowski. 
Worms: C. M.: C. L. Kohl, A. WeckerUng. 
Würzburg: 0. M.: H. Bulle, C. M.: G. Hock. 

7. Frankreich. 

Paris: E. M.: Duc de Loubat, 0. M.: E. Babelon, 
R. Cagnat, M. Collignon, L. Duchesne, P. Fou- 
cart, W. Fröhner, St. GseU, B. HaussouUier, A. 
Heron de Villefosse, L. Heuzey, M. Holleaux, 
Th. Homolle, C. JuUian, G. Maspero, E. Michon, 
E. Pottier, Marquis de Vogü^, C. M.: E. Bourguet, 
P. Gaudin, G. Mendel, J. Roman. 

Algier: C. M-: J. Carcopino. 

Bordeaux: Q. M.: P. Paris. 

Boulogne-sur Seine: 0, M.: S. Reinach. 

Clamart (Seine): C. M.: E. Esp^randieu. 

Clermont-Ferrand (Puy-de-D6me): C. M.: A. Au- 
dollent. 

Embrun (H autes- Alpes ) : C. M.: J. Roman. 

Lyon: 0. M.: H. Lechat, C. M.: P. Dissard. 

Nancy: 0. M.: P. Perdrizet. 

Roanne (Loire): 0. M.: J. D^chelette. 

Saint-Germain en Laye (Seine-ei-Oise): C. M.: H. 
Hubert. 

Toulouse: 0. M.: F. Dürrbach. 

8. Griechenland. 

Athen: 0. M.: J. Dragatsis, St Dragumis, G. Fougeres, 
G. Karo, P. Kastriotis, P. Kawadias, H. Knackfuß, 
Sp. Lambros, B. Leonardos, C. D. Mylonas, L. 
Archäologischer Anzeiger 1914. 



Pernier, A. N. Skias, G. Sotiriadis, V. Stals, 

J. N. Svoronos, Ch. Tsuntas, M. Volonakis, O. 

Walter, W. Wilberg, C. M.: R. M. Dawkins, 

M. Deffner, W. B. Dinsmoor, D. Fimmen, E. 

Gilli^ron, F. W. Hasluck, B. H. HiU, A. D. 

Keramopullos, J. Kolddis, K. Kuruniotis, L A. 

Lontos, A. Philadelpheus, N. G. Politis, E. Ziller. 
Candia: 0. M.: J. A. Hatzidakis, C. M.: St A. 

Xanthudidis. 
Chalkis: C. M.: A. Matsas. 
Delphi: C. M.: A. Kondoleon. 
Halmyros: C. M.: N. J. Giannopulos. 
Karditza (Thessalien) : 0. M.: M. K. Krispis. 
Korfu: C. M.: K. Rhomaios. 
Larissa: C. M.: A. Kandakidis. 
Mykonos: C. M.: D. Stavropulos, 
Mytilene: C. M.: D. Hadjidimu, F. von Holbach, 

A. G. Sophianos. 
Naxos: C. M.: J. Navpliotis. 
Piräus: 0. M.: A. Meletopulos. 
Saloniki: C. M.: G. Oikonomos. Th. Sophulis. 
Syra: C. M.: P. Serlendis. 
Theben: C. M.: N. Pappadakis. 
Thera: C. M.: E. Vassiliu. 
Tinos: C. M.: N. Sakkelion. 
Tripolitza: C. M.: N. Stephanopulus. 
Vathy (Samos): C. M.: W. R. Paton, 0. Renzos. 
Volo: C. M.: A. S. ArvanitopuUos, N. Georgiadis, 

D. Tsopotos. 

9. Großbritannien. 

London: 0. M.: Sir S. Colvin, H. Lyons, R. Norton, 
W. M. Flinders Petrie, A. H. Smith, Sir Cecil 
H. Smith, C. M.: G. F. Hill, M. Ohnefalsch- 
Richter. 

Cambridge: 0. M.: Sir J. G. Frazer, Sir Ch. Waldstein, 
C. M.: Miss J. E. Harrison, A. J. B. Wace. 

Edinburgh: 0. M.: Sir W. M. Ramsay. 

Narrow: C. M.: J. Thacher-Clarke. 

Lawfordnear Mannington (Essex): C. M.: F. M. Nichols. 

Lewes: C. M.: E. P. Warren. 

Lincoln: C. M.: E. L. Hicks. 

Liverpool: 0. M.: R. C. Bosanquet 

Malvem Wells: 0. M.: G. McN. Rushforth. 

Manchester (Didsbury): C. M.: R. S. Conway. 

Melrose: C. M.: J. Curie. 

Oxford: 0. M.: Sir A. J. Evans, P. Gardner, Fr. 
LI. Griffith, F. Haverfield, C. M.: G. Dickins, 
L. R. Farneil, J. L. Myres, M. N. Tod. 

Saundersfoot ( Pembrokeshire ) : 0. M.: H. St. Jones. 

South-Shields: C. M.: R. Blair. 

Tadworih (Surrey): 0. M.: E. A. Gardner. 



— xvm — 



10. Italien. 

Rom: E. M.: C. Freiherr von Bildt, Contessa E. 
Caetani-Lovatelli, 0. M,: W. Amelung, Conte 

A. Antonelli, Th. Ashby, F. Bamabei, G. Boni, 
G. Calderini, F. Cumont, R. Delbrueck, E. De 
Ruggiero, L. Duchesne, F. Ehrle, G. Gatti, F. 

. Halbherr, P. Hartwig, W. Heibig, R. A. Lan- 
ciani, E. Löwy, Barone G. Lumbroso, L. 
Mariani, O. Marucchi, M. Meurer, B. Nogara, E. 
Pais, R. Paribeni, A. Pasqui, L. Pigorini, L. PoUak, 
C. Ricci, G. E. Rizzo, L. Savignoni, E. Stein- 
mann, J. Wilpert, C. M.: L. Cantarelli, J. B. 
Carter, G. A. Colini, E. Gäbrici, A. Galli, G. 
Giovannoni, G. B. Giovenale, A. Haseloff, J. 
Marshall, J. Pijoan y Soteras, G. Pinza, G. T. 
Rivoira, P. Stettiner, C. Stomaiolo, Mrs. E. 
Strong-Sellers. 

Appignano presso Macerata: C. M.: Conte E. Tam- 
broni-Armaroli. 

Aquila: 0. M.: Marchese N. Persichetti di Santa 
Mustiola. 

Arezzo: E. M.: G. F. Gamurrini. 

Ascoli Piceno: C. M.: G. Paci. 

Bari: C.M.: M. Gervasio. 

Benevento: C. M.: A. Meomartini. 

Bergamo: 0. M.: G. Mantovani. 

Bologna: 0. M.: G. Ghirardini, C. M.: F. Corazzini. 

Brescia: C. M.: P. Da Ponte, P. Büzzini. 

CagUari: 0. M.: A. Taramelli, C. M.: F. Nissardi. 

Caiazzo: C. M.: G. Faraone. 

Catania: C. M.: P. Ducati. 

Florenz: 0. M.: D. Comparetti, Ch. Hülsen, L. A. 
Milani, G. Vitelli. 

Forli: C. M.: A. Santarelli. 

Formia: C. M.: A. Rubini. 

Fossombrone: C. M.: A. Vamarecci. 

5. Giovanni Incarico: C. M.: D. Santoro. 

Maceraia: C. M.: L. Zdekauer. 

Macerata-FeUria: C. M.: Marchese G. Antimi-Clari. 

Mailand: C. M.: G. Oberziner, S. Ricci. 

Muro Leccese: C. M.: L. Maggiulli. 

Neapel: 0. M.: G. De Petra, A. Sogliano, V. Spi- 
nazzola, C. M.: L. Correra, F. Salvatore-Dino. 

Oruielo: C. M.: Conte E. Faina, R. Mancini. 

Fadua: C. M.: F. Cordenons, G. Lucciola, G. Pelle- 
grini. 

Parma: C. M.: G. Mariotti. 

Paiito.- C. M.: G. Canna, G. Patroni. 

Perugia: C. M.: G. Bellucci, A. Lupatelli, Conte G. 

B. Rossi-Scotti. 

Pompei: C. M.: M. Della Corte, G. Spano. 



Ätßio; C. M.: M. Jatta. 

Savona: C. M.: V. Poggi. 

Scafati: C. M.: F. Morlicchio. 

Siena: C. M.: F. Donati. 

Spoleto: C. M.: G. Sordini. 

Spongano: C. M.: Barone F. B. Castiglioni. 

Syrakus: 0. M.: P. Orsi, C. M.: L. Mauceri. 

Tarenl: C. M.: Q. Quagliati, 1. Viola.- 

Tolentino: C. M.: Conte A. Gentiloni-Silveri. 

Turiru 0. M.: G. E. Rizzo. 

Venafro: C. M.: G. Cimorelli. 

Venedig: C. M.: C. Ruga. 

Venosa: C. M.: G. Pinto. 

Verona: C. M.: A. Spagnolo. 

Volterra: C. M.: E. Solaini. 

11. Niederlande. 

Amsterdam: 0. M.: Jonkheer J. Six van Hillegom, 

C. M.: U. Ph. Boissevain. 
Groningen: C. M.: W. VoUgraff. 
Haag: C. M.: C. W. Lunsingh Scheurleer. 
Leiden: 0. M.: A. E. J. Holwerda, C. M.: J. H. 

Holwerda. 
Nijmegen: 0. M.: G. M. Kam. 
Uireeht: C. M.: J. C. VoUgraff. 

12. Norwegen. 

Kristiania: C. M.: S. Eitrem. 

13. Österreich-Ungarn. 

Wieru- E. M.: Fürst Johann von und zu Liechten- 
stein, 0. M.: E. Bormann, F. von Kenner, W. Ku- 
bitschek, K. Graf Lanckorofiski-Brzezie, F. Löhr, 
E. Reisch, J. Strzygowski, A. Wilhelm, J. Zin- 
gerle, C. M.: 0. Egger, S. Frankfurter, 
M. Hömes, P. Kretschmer, L. Reinisch, A. 
Schindler. 

Budapest: C. M.: G. von Finily, V. Kuzsinsky. 

Brunn: C. M.: J. Dell. 

Graz: 0. M.: R. Heberdey, C. M.: H. Egger, W. 
Schmid. 

Innsbruck: 0. M.: E. Kaiinka, C. M.: R. von Scala. 

Polo: C. M.: A. Gnirs. 

Prag: 0. M.: W. Klein, A. von Premerstein, C. M.: 
W. Dobrusky, H. Swoboda. 

Ragusa: C. M.: G. Gelcich. 

Sarajevo: 0. M.: C. Patsch. 

Spalato: 0. M.: F. Bulid. 

Triest: C. M.: H. Maionica, A. Puschi. 

Zara: C. M.: L. Jelid. 



— XIX — 



14. Portugal. 

Lissabon: C. M.: F. A. Coelho, J. L. de Vasconcellos. 
Porto: C. M.: J. de Vasconcellos. 

15. Rumänien. 

Bukarest: C. M.: V. Pärvan. 

16. Rufiland. 

St. Petersburg: 0. M.: B. Latyschew, B. Pharma- 
kowsky, A. Prachow, E. Pridik, M. Rostowzew, 

C. M.: N. P. Kondakow, A. Nikitsky, Th. Zielinski. 
Charkow: C. M.: Th. Schmidt. 

Chersones bei Sevastopol: C. M.: R. Löper. 

Dorpat: C. M.: R. Hausmann. 

Helsingfors: C. M.: F. Sundwall. 

Kertsch: C. M.: V. gkorpii. 

Moskau: C. M.: W. Malmberg, N. Novosadsky. 

17. Schweden. 

Stockholm: 0. M.: 0. Montelius, C. M.: J. Centerwall. 
Lund: C. M.: M. P. Nilsson. 
Malmö: C. M.: C. Thulin. 

Upsala: 0. M.: S. Wide, C. M.: L. KjeUberg, E. 
Nachmanson. 

18. Schweiz. 

Basel: 0. M.: E. Pfuhl, C. M.i K. Stehlin. 

Bern: C. M.: 0. Schultheß. 

Brugg i. Aargau: C. M.: L. Frölich, S. Heuberger. 

Genf: 0. M.: P. Schazmann, C. M.: G. Darier. 

Gr. St. Bernhard: C. M.: M. Lugon. 

Lavsanne: C. M.: W. Cart. 

Winterthur: 0. M.: F. Imhoof- Blumer. 

Zürich: 0. M.: H. Blümner, H. Hitzig, C. M.: 

D. Viollier. 

19. Serbien. 

Belgrad: C. M.: M. Valtrovits, M. M. Vassits, N. 
Vulic. 

20. Spanien. 

Madrid: 0. M.: F. Fita, C. M.: Marquis de Cerralbo, 
J. R. Milida, Marquis de Monsalud. 



Barcelona: C. M.: A. Elias de Molins, J. Pijoan y 

Soteras. 
Elche: C. M.: P. Ibarra y Ruiz. 
Gerona: C. M.: M. Cazurro y Ruiz. 
Granada: C. M.: M. G. Moreno. 
Medina Sidonia: C. M.: M. Pardo de Figueroa. 
Soria: C. M.: M. Granados. 
Vitoria: C. M.: F. Baraibar. 

21. Tunis. 

St. Louis de Carthage: 0. M.: A. L. Delattre. 
Tunis: 0. M.: A. Merlin, C. M.: L. Poinssot. 

22. Türkei. 

Konstantinopel: 0. M.: Halil Edhem Bey, J. H. 

Mordtmann, Th. Uspensld, C. M.: Edhem Bey, 

M. J. Gedeon, Th. Macridy Bey, B. A. Pan- 

tschenko. 
Aidin: C. M.: M. Papakonstantinu. 
Artake: C. M.: N. Limnios. 
Bagdad: 0. M.: R. Koldewey. 
Chalki bei Rhodos: C. M. : 0. N. Askitis. 
Konia: C. M.: G. Tria. 
Mersina: C. M.: J. Gottwald. 
Pergamon: C. M.: G. loannides, G. Rallis. 
Rhodos: C. M.: A. Barmann, Sir A. Biliotti, A. Casilli. 
Smyrna: 0. M.: J. Keil, C. M.: G. Sotiriu, M. Tsaky- 

roglu. 

23. Vereinigte Staaten von Amerika. 

New York: 0. M.: E. Robinson, C. M.: Miss C. L. 

Ransom. 
Berkeley, California: C. M.: B. I. Wheeler. 
Boston, Massachusetts: C. M.: L. D. Caskey, S. N. 

Deane, A. Fairbanks. 
Cambridge, Massachusetts: 0. M.: J. W. White. 
Chicago, Illinois: C. M.: W. G. Haie. 
Cleveland, Ohio: C. M.: H. N. Fowler. 
lihaca, New York: C. M.: J. R. S. Sterrett. 
MeadviUe, Pennsylvania: C. M.: G. F. Comfort. 
Princeton, New Jersey: C. M.: A. L. Frothingham. 
Woodstock, Connecticut: 0. M.: R. B. Richardson. 



FORM UND HERKUNFT DER MYKENISCHEN SÄULE. 

Die eigentümliche Form der mykenischen Säule hat die Kunstforschung schon 
öfter beschäftigt, namentlich ihre abwärtsgerichtete Schaftverjüngung, die von 
Anfang an so unwahrscheinlich dünkte, daß T. L. Donaldson in seiner Rekonstruk- 
tion einer der Halbsäulen der sogenannten Atreustholos in Mykene diese bekanntlich 
umgekehrt darstellte, indem er ihr Kapitell als Basis annahm. Wurde dieser Irrtum 
nun auch bald aus den später nachgewiesenen Standspuren der Säulen erkannt, 
so blieb der Zweifel an jener, dem allgemeinen Schema des Altertums widersprechen- 
den Schaftverjüngung wenigstens für die Steinsäule mykenischer Zeit für manche 
Gelehrte und Künstler auch weiter bestehen. Schloß sich doch ein so namhafter 
Architekt und Kunstgelehrtcr wie Jos. Durm noch vor wenigen Jahren in den Jahres- 
heften des österr. Archäologischen Instituts (Band X, 1907) in einem Artikel über 
vormykenische und mykenische Architekturformen diesem Zweifel an, indem er 
an der Hand der Säule des mykenischen Löwentores und der Atreustholossäulen 
sowie eines Säulenstumpfes des von Frau Schliemann geöffneten Kuppelgrabes 
die rein zylindrische Bildung des mykenischen Schaftes zu beweisen, die gegenteilige 
Ansicht aber durch von ihm gegebene Maße und eine Photographie des Löwentores 
als auf irrtümhchen Beobachtungen beruhend zu entkräften suchte. 

Entscheidend für die Sicherung der fraglichen Verjüngung ist die unterdessen 
mit Hilfe der Schaftstücke aus der Sammlung des Lord Sligo erfolgte Zusammen- 
setzung der Halbsäulen der Atreustholos im Britischen Museum, welche Jos. Durm, 
der die genannten Bruchstücke nur vor ihrer Eingliederung in diese Restauration 
untersuchen konnte, bei Niederschrift seines Artikels noch nicht vor sich hatte. 
Ist darnach das Urteil über die Frage jetzt wohl übereinstimmend, so dürfte 
es doch am Platze sein, das Resultat verschiedener unmittelbarer Messungen zu 
geben, die diese Verjüngung zahlenmäßig feststellen, und daran anschließend eine 
schon früher von mir angedeutete Erklärung dieser von den sonstigen Säulenbildungen 
des Altertums abweichenden Erscheinung eingehender zu begründen. 

Von jenen beiden im Britischen Museum in ihrer vormaUgen Position zu Seiten 
der Grabtüre aufgestellten Säulen der Atreustholos ist es namentlich die linke vom 
Beschauer, die ihren Schaftverlauf bis über 4 m Höhe (nur der oberste Teil ist er- 
gänzt) an den Originalstücken genau verfolgen läßt; Dieselbe wurde von mir unter 
freundlicher Kontrolle des Herrn Architekten Phene Spiers in London aller halben 
Meter hoch gemessen. Wenn sich dabei nun auch infolge des dem Schafte eingear- 
beiteten ornamentalen Reliefs kleine Schwankungen ergaben, so war doch nach 
allen Richtungen eine stets steigende Verdickung des Schaftes nach oben ohne jeden 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. I 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



Zweifel festzustellen. Darnach wächst der der Wand anliegende Durchmesser des- 
selben bis zu 4 m Höhe, von 0,516 (unten) bis auf 0,546 m (oben), also um 3 cm; 
bei der von Phen^ Spiers auf 5,60 m angenommenen Höhe des ganzen Schaftes 
würde sein Durchmesser unter dem Kapitelle, eine sich gleichmäßig fortsetzende 
Schwellung vorausgesetzt, also nahezu 0,558 m, somit also eine Gesamtschwellung 
von 4,2 cm aufweisen. Der Halbmesser des Schaftes (von vorn bis zur Rückwand) 
zeigt eine noch etwas größere Schwellung, und zwar von 0,26 cm (unten) bis zu 

0,28 m in 4 m Höhe, was für den obersten Halbmesser 
in 5,60 m Höhe also ein Maß von 0,2856 m ergeben 
würde. Dieses Maß stimmt nun, wie das zuvor mit 
0,558 m angegebene des oberen Schaftdurchmessers, 
nahezu mit den Maßen der Kapitellunterfläche überein, 
die der Architekt Sebastian Ittar im Jahre 1803 an 
Ort und Stelle am Originalkapitelle nahm, indem er 
den Durchmesser seiner Unterfläche auf 0,563 m, den 
Halbmesser aber auf 0,289 m feststellte. Bei Prüfung 
des Halbkreises der Säule mit Bandmaß ergab sich 
ein Unterschied von 0,828 m (unten) zu 0,884 m in 
4 m Höhe, also ebenfalls eine dem Wachsen des 
Durch- und Halbmessers entsprechende Zunahme des 
Umfanges nach oben. 

Während eines letzten Aufenthaltes in Athen 
hatte ich nun auch Gelegenheit, das im National - 
museum befindliche von Prof. Durm gemessene Schaft- 
stück aus Nauplia zu untersuchen, welches mit Recht 
der gleichen Tholos zugeschrieben wird. Ich konnte 
in Übereinstimmung mit ihm und den von ihm ge- 
gebenen Maßen nur konstatieren, daß dieses Schaft- 
stück sich in der dortigen Position allerdings nicht nach 
unten, sondern nach oben verjüngt; die Vergleichung 
seines Ornamentes mit dem der richtig aufgestellten 
Säulen im Britischen Museum läßt aber keinen Zweifel 
darüber aufkommen, daß es seinerzeit verkehrt aufgestellt wurde: ein Versehen, 
welches unterdessen von der Museumsverwaltung berichtigt worden sein dürfte. 
Was nun die Wappensäule des mykenischen Löwentores anlangt (Abb. 4, 
Fig. d), deren zylindrische Bildung Prof. Durm durch eine beigegebene Photographie 
nachzuweisen sucht (am Originale selbst genommene Maße gibt er nicht), so zeigt 
eine Prüfung mit dem Zirkel auch an dieser eine allerdings sehr unerhebhche Ver- 
jüngung nach unten, die Vergleichung mit den drei großen, außerordentlich exakten 
Aufnahmen der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin, welche die Verjüngung genau fest- 
stellen lassen, wie schwierig es ist, nach einer einzelnen photographischen Unterlage 
ein sicheres Resultat zu gewinnen. 

Ich selbst hatte keine Gelegenheit, die Säule des Löwentores, ebensowenig wie 




Abb. I . Säulenstumpf am zweiten 
Kuppelgrabe in Mykenai. 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



liiti | inil I I I I I I 




<«: 



den von Prof. Durm eingehend besprochenen kannelierten Säulenstumpf der zweiten 
mykenischen Tholos an den Originalen zu messen, erhielt aber auf eine im Jahre 1909 
an das Athenische Institut gerichtete Anfrage von Herrn Prof. Karo folgende Aus- 
kunft: »Nach Dörpfelds vor einigen Monaten vorgenommenen Messungen beträgt 
r. die Verjüngung der Säule 
am Löwentore nach unten 
3 cm; 2. am zweiten Kuppel- 
grabe die Maße von 9 Kanne- 
lüren der Säule oben 47, unten 
45 cm.« Eine Vergleichung 
des ersteren Maßes mit dem 
in der archäologischen Aus- 
stellung in Rom befindlichen 
neuerlichen Abgüsse des Lö- 
wentoraufsatzes ergibt sogar 
eine noch etwas größere Ver- 
jüngung des Schaftdurchmes- 
sers und zwar von 0,31 m 
oben auf 0,273 m unten. Die 
Dörpfeldsche Angabe bezüg- 
lich des Säulenstumpfes der 
zweiten Tholos vermag die 
Abbildung i, soweit dies 
eine Photographie kann, trotz 
seines rechtsseitigen oberen 
Defektes, ebenfalls nur zu 
bestätigen. 

Dürfte die vorliegende 
Frage demnach zugunsten 
der bislang angenommenen 
Schaftverjüngung nach unten 
entschieden sein, so wird die- 
selbe auch durch eine Anzahl von kleinen Elfenbeinsäulchen (Abb. 2) erwiesen, die 
bei den nachträglichen Grabungen der griechischen archäologischen Gesellschaft in den 
Felsgräbern von Mykene gefunden wurden. Auch wenn man sie nur als Nachbildungen 
von Gegenständen der Kleinkunst und nicht als solche von architektonischen Säulen 
nehmen will, so bieten sie infolge ihrer klaren Formen interessante Vergleichungs- 
objekte zu den zuvor besprochenen Steinsäulen. Zwei größere, nach Form und Maß 
ganz gleichartige Säulchen dieser acht Fundstücke (Abb. 2, Fig. a und b) sind vor- 
zügHch erhalten, während von anderen nur Bruchstücke vorhanden sind (Fig. c, d). 
Nach Ansicht von V. Stais bildeten sie Teile von Votivtafeln, auf denen sie durch 
teilweise noch erkennbare Bindemittel befestigt waren. Die Zapfen an ihrem Fuße 
und Abakus beweisen, daß sie in Verbindung mit andern Ghedern standen, und 




^ 



Abb. 2. 



Elfenbeinsäulchen aus den Felsgräbern von Mykenai. 
Nation. Mus. Athen Nr. 2398. 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



die gleiche Größe von zwei derselben, daß diese zusammengehörten, vermutlich 
also keine Einzelstelen, sondern Teile der Nachbildung einer zusammenhängenden 
Architektur vorstellten. Ihre Kapitelle gleichen sowohl dem der Löwentorstele wie denen 
der Atreustholossäulen; mit dem der ersteren haben sie außer der Kehle und dem 
knopfartigen Echinus namentHch den zwischen Schaft und Kehle sitzenden, von 
zwei Plättchen eingefaßten Rundstab gemeinsam; an der Rekonstruktion der Atreus- 
säulen, die mir an dieser Stelle etwas unsicher erscheint, fehlt dieses Zwischenglied, 
nicht zum Vorteil ihrer Erscheinung '). Die auf dem Knaufe beider mykenischen 
Kapitelle sitzende flachausladende Kehle, welche den Abakus aufnimmt, ist an Fig a 
der Abb. 2 nicht vorhanden, an dem Bruchstück c dagegen, allerdings noch mehr 



») Ich möchte daher annehmen, daß auch sie den 
betreffenden Rundstab trugen; an den Resten 
derselben ist dies allerdings nicht nachzuweisen, 
da beiden Säulen gerade das oberste Schaftstück 
fehlt. Ein kleines Bruchstück im Münchener 
Antiquarium, welches, wie mir Arthur Smith 
freundlichst mitteilte, der Restauration des 
Schaftendes zugrunde gelegt wurde, zeigt jeden- 
falls keinen Ansatz eines Rundstabes, an seinem 
oberen Rande viel- 
mehr eine viertel- 

kreisförmigeEinar- i 
beitung von ca.2 cm 
Höhe und i '/i cm 
Tiefe, die vielleicht 
eine Erklärung 
gibt. Wenn das 
Bruchstück, wie 
wohl kaum zu be- 
zweifeln, ^NTrklich 
vom obern Schaft- 
ende herrühren 
sollte, würde sich 
diese ringförmige 
Einarbeitung des- 
selben damit er- 
klären lassen, daß 
in ihr vormals ein 
Bronzering von der 
Form des Rund- 
stabes der Löwen- 
torsäule eingelas- 
sen war : eine Vor- 
aussetzung, welche 
die Einziehung des 
Unterteiles des 
Kapitells nur zu 
bestätigen ver- 




Abb. 3. Rekonstruktion des 
des Atreusgrabes in 



möchte. Bei Betrachtung der Lücke zwischen 
Schaft und Kapitell an der restaurierten Säule 
des Britischen Museums (vgl. Abb. 3) kann man 
sich des Eindrucks nicht erwehren, daß an dieser 
Stelle etwas fehlt, was dieselbe deckte. Nach den 
Maßen der Lücke könnte darin gerade einRundstab 
von 31/2 cm Höhe gesessen haben, der aber noch 
etwas höher gewesen sein dürfte, da anzunehmen 
ist, daß sein unteres Plättchen über die Kante des 
Schaftendes übergriff. 
- — - Die Anwendung eines 

solchen Bronzezierates 
am mykenischen Ka- 
pitelle (am ionischen 
waren metallische In- 
krustationen, z. B. 
als Schmuck des Vo- 
lutenauges durch ver- 
goldete Bronzeroset- 
ten ganz gebräuchlich) 
gewinnt um so mehr 
an Wahrscheinlich- 
keit, als man aus den 
unzähUgen, regelmä- 
ßig geordneten Nagel- 
löchern und einzelnen 
Resten von Bronze- 
stiften an den Innen- 
wänden und den Türen 
der Tholos überhaupt 
auf eine reiche Aus- 
stattung des Baues 
mit metallischen De- 
korationen zu schlie- 
ßen berechtigt ist, die 
schon in frühesten 
Zeiten den Grabräu- 
bern zur Beute fielen. 



Oberteils der linken Halbsäule 
Mykenai. Brit. Mus. 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischeu Säule. 



abgeflacht, noch erkennbar. Jedenfalls repräsentieren diese Elf enbeinsäulchen, wie 
die schon früher in Spata gefundenen, den Typus der mykenischen Steinsäule. 

Mit einer bisher noch nicht beobachteten Schaftbildung machen uns einige 
Gipsausgüsse aufgefundener Hohlräume bekannt, die A. Evans in ingeniöser Weise 
auf seiner in der Nähe des großen Palastes von Knossos gelegenen Villa nach dem 
Vorgange pompejanischer Ausgrabungsmanipulationen ausführen ließ, Hohlräume, die 
sich durch Vermoderung von Holzsäulen innerhalb des Ruinenschuttes eines Hauses 
aus der ersten Hälfte spätminoischer Zeit gebildet hatten. Müssen dieselben nun 
auch ihrer Publikation durch den Entdecker vorbehalten bleiben, so kann vorläufig 
wenigstens gesagt werden, daß auch diese, wenn schon infolge von Terrainverschie- 
bungen teilweise verbogen, ebenfalls eine Verjüngung nach unten, ihre Schäfte aber 
eine Gliederung durch vertikale, dicht aneinander stoßende Rundstäbe erkennen 
lassen. 

Mit diesen verschiedenen Beispielen soll nun keineswegs die Möglichkeit be- 
stritten werden, daß außer den sich nach unten verjüngenden Schaftformen in der 
minoischen wie in der mykenischen Kunst nicht auch solche zylindrische oder sich 
sogar nach oben verjüngende Schäfte vorgekommen seien, wie sie uns, allerdings 
mit ganz anderem Kapitelle, ein Wandbild aus Knossos und der bekannte Steatit- 
trichter des Museums von Candia kennen lehren; architektonische Reste von dieser 
Form müssen indessen noch gefunden werden. 

Der Hauptgrund,, der Prof. Durm an der Verjüngung mykenischer Säulen nach 
unten zweifeln und solche Formen als »pervers« bezeichnen läßt, ist in dem von 
ihm aufgestellten Satze zu suchen: »die Stütze entwickelt sich im Kunstgewerbe 
seit uralten Zeiten beinahe durchweg auf kleinster Basis, im Hochbau auf breiter 
Unterlage.« Kann man diesem Unterschiede in bezug auf den Steinbau nur 
zustimmen, so ist seine Theorie nicht ohne weiteres auch auf den Holzbau anwend- 
bar; mir scheint vielmehr, daß dieser Unterschied nicht nur in den mehr oder minder 
architektonischen Bedingungen der jeweiligen künstlerischen Aufgabe, sondern 
auch in dem Werkstoffe derselben zu suchen sei. Wird man die Verjüngung der 
mykenischen Steinsäule nach unten sicher nicht als einen ästhetischen Aus- 
druck ihrer Leistung betrachten dürfen, so läßt sich dieselbe bei der ihr voran- 
gehenden Holzsäule nicht verwerfen, da sie ohne Zweifel in bezug auf Material und 
Konstruktion eine gleiche, wenn nicht größere Berechtigung hat als die entgegen- 
gesetzte. Jedenfalls ist die nach unten verjüngte Schaftform im Holzbau oder im 
Steinbau mit hölzerner Deckenkonstruktion nicht minder zweckmäßig und daher 
ebenso logisch wie die Verjüngung von Tisch- und Stuhlbeinen, welche die Platte 
oder Sitzfiäche, mit deren Rahmenwerk sie verzapft sind, genau so sicher, ja besser 
tragen, als wenn sie sich nach oben verjüngten; denn für das Ruhen auf dem Boden 
dient die kleinere Fläche ebehso gut wie eine umfänglichere, wenn nur die Verbindung 
der Stütze mit den zu tragenden Gliedern eine stabile ist; letzterem Zwecke ent- 
spricht es aber viel besser, wenn der obere Abschluß des Beines der breitere ist, 
weil dies eine solidere Verzapfung gestattet. Unsere gedrechselten, sich nach unten 
verjüngenden Möbelbeine, deren Formen schon in der ägyptischen und assyrischen 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



Kunst Vorbilder haben und häufig ein dem mykenischen Kapitelle ganz ähnliches 
Kopfstück besitzen, entsprechen vollkommen unserem ästhetischen Empfinden, 
während ein nach unten schwellendes Bein einen plumpen Eindruck macht; warum 
sollten nun im Holzbau gleiche konstruktive Bedingungen, nur weil das Gebilde 
größer und ein architektonisches ist, einen anderen formalen Ausdruck verlangen? 
Die Hauptsache ist auch hier, daß der Säulenkopf mit dem Gebälk sicher verzapft 
ist, um die Säule stabil zu machen; dann steht sie genau so fest, wie das Bein eines 
Möbels, und zwar auch ohne Befestigung mit dem Boden. Daß die minoisch-myke- 
nische Kunst damit rechnete, ergibt sich schon daraus, daß sich an den steinernen 
Basen ihrer Holzsäulen keine Spuren einer Verzapfung finden, wie sie bei den späteren 
Steinsäulen der Atreustholos angewendet wurde. Dieselbe wäre bei Bodenbewegungen 
ihrer StabiUtät sogar gefährlich geworden, während ein unten unbefestigter Schaft 
ein seitliches Ausweichen gestattete. 

Die ästhetische Forderung der Höhenverjüngung, resp. zylindrischen Bildung, 
die J. Durm an die Holzsäule stellt, scheint mir, wenigstens insoweit, als es sich 
um Holzbauten oder Steinbauten mit hölzerner Deckenkonstruktion und um Säulen- 
stellungen zwischen vertikalen Mauern und Pfeilern handelt, nur ein aus dem nach- 
maligen griechischen Steinbaue zürückgeschlossenes künstlerisches Desiderat zu 
sein. Anders würde die Sache bei Anwendung von nach unten verjüngten Säulen 
an den Ecken von Bauten (z. B. bei peripteralen Anlagen) liegen, weil die nach 
oben ausladenden Schaftlinien der monumentalen Wirkung des Bauwerks zweifel- 
los geschadet hätten. Als Eckstützen sind solche Säulen aber, wie die Grundrisse 
der Paläste von Knossos und Phästos zeigen, nicht angewendet worden. Ein in- 
struktives Beispiel geben dafür die dem sogenannten Saale der Doppeläxte in Knossos 
auf zwei Seiten (im Osten und Süden) vorgelagerten Säulenhallen, an deren Zu- 
sammenstoße im SO ein quadratischer Stein die Aufnahme eines Pfeilers bezeugt, 
während die Basen der Säulen kreisförmig sind. 

Ob die Einziehung des Schaftes einer Stütze, sei es nach oben oder unten, 
in älteren Zeiten überhaupt als eine für den Ausdruck ihres Wesens beabsichtigte 
Kunstform angewendet wurde, scheint mir sehr fraglich; sie ergab sich vielmehr 
aus der Verwendung von natürlichen Holzschäften, die zunächst in jener Richtung 
ihrer Verjüngung unmittelbar benutzt wurden, die sich für den herzustellenden 
Gegenstand als am praktischsten erwies. Daher die nach unten verjüngten Beine 
von noch erhaltenem ägyptischem und assyrischem Möbelwerk und der uns in Ab- 
bildungen überlieferten gleichartig verjüngten Zeltstangen beider Länder. Daß 
diese ursprüngliche, dem Auge gewohnt gewordene Holzzweckform sich späterhin nun 
zunächst auch auf architektonische Kunstformen anderen Materiales übertrug, daß 
frühe mykenische Steinsäulen also auch die Verjüngungsart der Holzsäule noch 
einige Zeit weiterführten, kann nach einem überall in der Bau- und Ornament- 
geschichte hervortretenden phylogenetischen Entwicklungsgesetze gar nicht wunder- 
nehmen. Diese Voraussetzung einer allmählichen Umbildung von überlieferten 
Formen für ein anderes Material würde ihre Bestätigung in dem Umstände finden, 
daß die Steinsäulen der Atreustholos eine schwächere Einziehung nach unten be- 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



sitzen als die in den Wandmalereien von Knossos dargestellten minoischen Holz- 
säulen. Für eine gleiche Übertragung von Holzstützformen auf architektonische Stein - 
Säulen geben in Ägypten die von Prof. Durm angeführten Säulen im Heiligtum Thut- 
mosis' HI. zu Karnak ein Beispiel; ihre Form entspricht in Schaft und Kapitell 




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Abb. 4. Fig. a. Säule aus dem Festtempel Thutmosis' III. in Karnak. Fig. b. Zeltstange eines Barken- 
gehäuses nach Reliefdarstellungen aus dem n. R. Fig. c. Assyrischer Zeltpfosten. Fig. d. Säule vom 

Löwentore in Mykenai. 



vollkommen den Holzsäulchen der an ägyptischen Tempelwänden dargestellten 
Gehäusen heiliger Barken. Die nach unten gerichtete Blattdekoration ihrer Kapitelle, 
aus welcher Prof. Durm auf die Umkehrung eines »Glockenkapitells « schließen zu müssen 
glaubt, findet dabei ihre Analogien in gleichgerichtetem Blattbelage von Gefäß - 
deckein ähnlicher Form im neuen Reiche. Die Thutmosissäule ist^ wie sie schon 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



F. Borchardt richtig bezeichnete, nichts anderes, als eine ihrem Werkstoffe ent- 
sprechend verdickte Nachbildung einer Zeltstange, oder wenn man sich genauer 
ausdrücken will, der Stange eines aus früherem Zelte hervorgegangenen, stoffum- 
kleideten Holzbaues (vgl. Fig. a und b der Abb. 4). 

Diese ägyptischen Beispiele legen nun die Vermutung nahe, daß es sich mit 
dem Ursprünge der minoisch -mykenischen Säule ähnlich verhalte, daß sie also auch 
aus dem Schaft und der Bekrönung eines früheren Zeltpfostens hervorgegangen sei. 
Weisen doch fast alle alten Säulentypen durch die sichtbaren Zeichen verschieden- 
ster Formanpassungen ihrer Kapitelle deutHch darauf hin, daß sie nichts anderes 
sind als Umgestaltungen früherer freiendender Schäfte: mit Blüten, Knospen und 
auch tierischen Elementen gekrönter Würdenstäbe, Gauzeichen, Stelen usw. 

An dem sogenannten Südzeichen des Vereinigungswappens von Ober- und 
Unterägypten, dem Vorläufer des ionischen Kapitells, läßt sich dieser weitzurück- 
liegende Prozeß einigermaßen verfolgen. Aus der Wappenpflanze von Oberägypten: 
dem Blütenschafte einer Liliacee, hervorgegangen, wird die natürliche freie Endung 
des Südzeichens, als welche sie sich noch im neuen Reiche, z. B. an den bekannten 
großen Wappenstelen von Thutmosis III. in Karnak erhält, allmählich zu einem 
tragenden Gliede. Ein frühestes Beispiel ihrpr Umgestaltung zu einem solchen gibt 
das Vereinigungswappen von Ober- und Unterägypten an den Thronen der im Museum 
zu Kairo befindlichen Chefrenstatuen, in welchem der mit einer Liliaceenblüte ab- 
geschlossene Schaft seiner Mittelfigur (des Samzeichens) die Sitzfläche des Thrones 
stützt; daß die Blüte hier bereits als ein Kapitell gedacht ist, beweist der ihr auf- 
gelegte Abakus; im übrigen hat sie aber ganz die gleiche Form, wie die daneben - 
stehenden freiendenden Blütenschäfte des »Südzeichens«. Der Stengel des pflanz- 
lichen Landessymbols übernimmt die Rolle eines architektonischen Schaftes und 
seine Blüte die eines Balkenträgers. Wie diese Stützform sind aber die meisten 
ägyptischen Säulen: die Lotos-, Papyrus- und Palmensäule bekanntlich nichts 
anderes als Adaptierungen natürlicher Schäfte und ihrer Blüten- oder Laubkronen 
für den architektonischen Zweck. In gleicher Weise, wie dies mit natürlichen Formen 
geschah, wandelte man nun auch die freien Endungen rein zwecklich geformter 
Schäfte, ja selbst Gebrauchsgegenstände in Stützformen um, wie z. B. den Schaft 
und Abschluß der Isisklapper in der sogenannten Hathorsäule. 

Wenn wir uns auf Grund solcher Tatsachen nun nach dem Vorbilde der myke- 
nischen Holzsäule und ihres Kapitells umsehen, so liegt die Vermutung nahe, daß 
ihre Formen gleich denen der Thutmosissäule ebenfalls aus den Stangen einer früheren 
Zeltkonstruktion hervorgegangen seien, wofür ein von mir früher publiziertes Zelt 
des Sanherib ') auf den assyrischen Reliefs des Britischen Museums Anhaltspunkte 
gibt (Abb. 5). Dasselbe ist zwar aus viel späterer Zeit als die minoisch-mykenische 
Säule, der Umstand aber, daß dergleichen Werkformen, wie es die nachweisbare 
Festhaltung gleichartiger ägyptischer Konstruktionen beweist, durch Jahrhunderte 
stationär bleiben, gestatten indessen den Rückschluß, daß auch frühere Zelte, von 

') Vgl. M. Meurer, Formenlehre S. 325, Rekonstruktion eines assyrischen Zeltes. 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



denen sich zurzeit noch keine Darstellungen gefunden haben, die nämUchen Formen- 
elemente aufweisen, und zwar schon deswegen, weil sie, um den gegebenen, sich 
gleichbleibenden Bedingungen einer Zeltkonstruktion zu entsprechen, kaum anders 
sein konnten. Ohne auf den ganzen Aufbau des Sanheribschen Zeltes zurückzu- 
kommen, der sich auf dem genannten Relief bis in seine einzelnen Details verfolgen 
läßt, seien hier nur die Formen seiner Pfosten (Abb. 4, Fig. c) gegeben, die das Gerüst 
seiner textilen Umhüllung bilden. Sie gleichen einem großen Nagel; unter ihrem 






Abb. 5. Assyrisches Königszelt auf den Reliefs Sanheribs im Brit. Mus. 



ganz nagelartig gebildeten Kopfe, der dem Einschlagen des Pfostens in den Boden 
diente, sitzt eine kräftige Einziehung, in welcher die, die einzelnen Pfosten unter 
sich und mit dem Erdboden verbindenden, sich in der Decke überkreuzenden und 
im Boden verkeilten Seile befestigt waren; ihr Abrutschen nach unten verhinderte 
die obere Ausladung des Schaftes und ein kleiner, diesen abschheßender Rundstab. 
Die Verjüngung des Pfostens nach unten zeigt, daß ein natürlicher Holzschaft ver- 
kehrt genommen wurde, weil das dickere Ende der oberen Einkehlung der Zelt- 
stange, das dünnere aber ihrem Eintreiben in den Boden besser diente. 

Vergleichen wir nun die mykenische Säule mit diesem Pfosten (vgl. Abb. 2 
und 3 mit Abb. 4, Fig. c), so ist zunächst die gleiche Verjüngung nach unten, nicht 
minder aber auch ihr Kapitell auffäUig, dessen dem Echinus des dorischen Kapitelles 



lO M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



entsprechendes Glied noch nicht, wie an diesem, nach oben ausladend, sondern knöpf - 
artig, wie ein Torus, gebildet ist. Zwischen diesem GHede und dem Schaft liegt ferner 
wie bei der Zeltstange eine kräftige Einziehung und unter ihr ein Rundstäbchen. 
Die Ähnlichkeit dieser Formen, die bei dem Zeltpfosten einem praktischen Zwecke 
entsprechen, während sie dies am Kapitell nicht in gleicher Weise tun, ja den Be- 
dingungen einer Stütze sogar widersprechen, gibt zu denken. Dem Knaufe des Ka- 
pitells ist bei der Säule des Löwentores wie bei der Atreustholos eine flachausladende 
Kehle aufgesetzt, die den umfänglichen Abakus aufnimmt. Läßt dieses Auskunfts- 
mittel, welches die für die Leistung des Kapitells nicht mehr geeignete Knopfform 
des Zeltstangenkopfes noch beibehält, an sich schon die Abstammung von einer 
freien Endung nicht verkennen, so weist die Kehle unter dem Knaufe des mykeni- 
schen Kapitells, sowie der unter ihr sitzende, den Schaft abschließende Rundstab 
auf die rein dekorative Weiterführung überlieferter Zweckformen, die mit der Funktion 
eines Säulenkapitells nichts zu tun haben. Die Übernahme der Formelemente einer 
früheren Zeltstange auf die Kunstformen einer nachmaligen architektonischen Stütze 
gewinnt aber um so mehr an Wahrscheinlichkeit, als die mykenische Holzsäule aus 
zuvor erörterten Gründen von der umgekehrten Anwendung der natürlichen Schaft- 
verjüngung einen wirklich konstruktionsgemäßen Gebrauch machen konnte. 

Selbst die eigentümliche, an toreutische Techniken erinnernde Ornamentierung, 
welche die Säulen der Atreustholos tragen, würde sich erklären, wenn man annimmt, 
daß sie Nachbildungen von früheren mit Metall umkleideten Zeltstangen gewesen 
seien. Kann das vorliegende Zelt des Sanherib auf den Rehefs des Palastes von 
Nimrud bei dem kleinen Maßstabe seiner Darstellung dafür auch keine Anhalts- 
punkte geben, so liegt doch die Voraussetzung nahe, daß die Pfosten von prunk- 
vollen Herrscherzelten, wenn sie überhaupt nicht ganz aus Metall waren, dieselbe 
künstlerische Bronzeinkrustierung empfingen, die uns erhaltene Reste assyrischen 
Möbelwerkes überliefert haben. Mit der Gesamtform der Zeltpfosten hätten sich 
dann also auch die Formelemente ihrer technischen Ausführung in derselben Weise 
auf die nachmalige mykenische Steinsäule übertragen, wie es bei der persischen 
Säule und gewissen, ebenfalls auf ihre Herkunft aus der Metalltechnik zurückweisen- 
den ornamentalen Einzelheiten protoionischer Kapitelle vorausgesetzt wird. 

Für die Abstammung des mykenischen Säulenschemas aus den Typen früherer, 
einer Basis entbehrender Zeltstangen spricht auch die noch ganz einfache Form 
der minoisch-mykenischen Steinbasis, welche verrät, daß es sich bei ihr um keine 
Weiterentwicklung eines überlieferten Vorbildes, sondern um ein, aus den Bedin- 
gungen einer Holzstütze und deren Sicherung gegen zerstörende Bodenfeuchtigkeit 
hervorgegangenes, neues und daher noch ganz primitives Konstruktionsglied handelt. 

Analogien für die vorausgesetzte Anpassung der Zeltstangenform an die Zwecke 
einer Stütze geben gewisse früheste Übergangsformen des dorischen Kapitells, aus 
denen R. Koldewey und 0. Puchstein, dieser im Winckelmannprogramm von 1887 
S. 51, jener in den griechischen Tempeln in Italien und Sizilien S. 99 ff. seinerzeit 
mit Recht auf den Zusammenhang der mykenischen Säule mit der dorischen ge- 
schlossen haben. Es kann kein Zufall sein, daß die ältesten der uns überlieferten 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 1 1 

Steinkapitelle dorischer Bauten, wie z. B. die des Hexastylos und Enneastylos zu 
Pästum und verschiedener sizilischer Tempel, die des Schatzhauses von Syrakus 
und einer Säule vom Heräon in Olympia, unter ihrem seiner Leistung völlig an- 
gepaßten Echinus noch eine Kehle tragen, die als keinem Zwecke dienend, nur als 
die Fortführung einer Vorläuferform betrachtet werden kann, zumal sie häufig mit 
einem gleichen stehenden Blätterkranze geschmückt ist wie die Kehle der mykenischen 
Tholossäule. In welcher Weise diese Kehle für den Zweck eines tragenden Gliedes 
allmählich zu einem Ablaufe des Schaftes unter dem Kapitelle, zu jener Apothesis 
umgestaltet wurde, die weiterhin wieder einem gleichmäßig fortlaufenden Schaft- 
ende wich, zeigt die Vergleichung jener älteren Bauten in Pästum mit dem späteren 
dortigen Poseidontempel, mit dem Aphaiatempel in Ägina, dem Parthenon und 
anderen Bauwerken nachfolgender Zeiten. 

Der Entwicklungsgang, den das dorische Kapitell aus dem mykenischen nahm, 
läßt sich demnach so vorstellen, daß zunächst in einer früheren Periode, aus der 
uns keine Beispiele erhalten sind, der torusartige Echinus des letzteren zur Auf- 
nahme eines steinernen Gebälkes nach oben zu immer breiter gestaltet wurde, während 
sich die ihn mit dem Abakus verbindende flachausladende Kehle, die sowohl der 
Säule des Löwentores wie den Tholossäulen eigen ist, als überflüssig ganz verlor. 
Daß dies teilweise schon in mykenischer Zeit geschah, beweisen die kleinen in Abb. 2 
gegebenen Elfenbeinsäulchen, denen dieses Glied fehlt. Dagegen wurde die Hohl- 
kehle unter dem Echinus des mykenischen Kapitells nebst ihrer pfeifen- oder blatt- 
artigen Dekoration, ebenso aber auch der unter ihr sitzende, den Schaft abschließende 
Rundstab an der dorischen Säule noch längere Zeit weitergeführt. Bei dem Blatt- 
belage dieser Kehle wird indessen bald der Einfluß des dorischen Kymation, und 
zwar insofern sichtbar, als sich die Endungen seiner Einzelblätter allmählich zu 
isolieren und zu einem aus der Kehle vorspringenden Profile umzubilden beginnen. 
Von diesem Prozesse, der mit der Weiterentwicklung des dorischen Kymations aus 
der glatten ägyptischen und frühdorischen, nur mit einem Blattschema bemalten 
Kehle zu einer überfallenden Blattreihung zusammenhängt, gibt die Vergleichung 
des noch ganz innerhalb der Kehle sitzenden Blattschmuckes verschiedener Kapitelle 
des älteren Enneastylos mit den bereits auskragenden und sich leicht überschlagen- 
den Blättern des jüngeren Hexastylos zu Pästum und weiterhin mit dem Blatt- 
kranze unter dem Kapitelle des Xenvares '), dessen Schnitt bereits dem Profile des 
klassischen dorischen Kymations entspricht, ein anschauliches Beispiel. Daß das Blatt- 
ornament der Kehle, analog dem Blattschmucke früher ionischer Kapitelle und 
der Stelen aus dem Perserschutt der Akropolis, anfänglich wahrscheinHch nur ein 
gemaltes war, darauf lassen die glatten Kehlen der älteren sizilischen Tempel C, D 
und F in Selinus schheßen; erst später übersetzte es sich in plastische Formen, 
deren flaches, in den betreffenden Höhen kaum erkenntliches Relief aber darauf 
hinweist, daß sie ebenfalls farbig dekoriert wurden. 

Für die Fortführung des mykenischen Rundstabes als Abschluß des Säulen- 

') Abbildung bei O. Puchstein, Das ionische Kapitell S. 47. 



12 M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 

Schaftes geben in den achäischen Kolonien Griechenlands ebenfalls die Säulen jenes 
Hcxastylos den Beweis; sie tragen denselben durchgängig, während er an dem älteren 
Enneastylos nur an der Ost- und Westseite des Tempels auftritt, an den erhaltenen 
Resten sizilischer Tempel dagegen fehlt. Daß er aber wenigstens an dem ältesten 
Tempel mit Kehlenkapitell, dem Tempel C in Selinus vormals wirklich vorhanden 
war, darauf läßt eine Beobachtung Koldeweys schließen ^). Er konnte feststellen, 
daß das an die Kehle stoßende Schaftende bei einer nachmaligen Restauration des 
Tempels abgearbeitet, die Kehle selbst mit Stuck ausgefüllt und die Rhabdosis des 
Schaftes in diesem Stucke entsprechend dem Schema späterer Säulenformen bis 
unter die Ringbänder des Echinus fortgeführt wurde. Bei dieser Modernisierung 
des Schaftendes, die sich auch auf andere Tempel derselben Zeit erstreckt haben 
mag, ging natürlich auch sein Rundstab verloren. Seine nachmalige unmittelbare 
Weglassung an den jenen frühesten Tempeln folgenden Neubauten veranlaßte weiter- 
hin aber auch die Umbildung der Hohlkehle in jene Apothesis des Schaftendes, 
welche für die das alte Kehlcnkapitell ablösende Form des Kapitells mit allmählich 
steiler werdendem Echinus so charakteristisch ist. Diese Umgestaltung ergab sich 
als notwendig infolge des ungünstigen Zusammenstoßes, in welchen die Hohlstreifen 
.des Säulenschaftes nach Beseitigung des ihn abschließenden Rundstabes mit dem 
Ansätze der tief eingeschnittenen Hohlkehle und ihres Blattbelages gerieten. Ein_ 
interessantes Beispiel dafür, wie dieser Konflikt empfunden und demgemäß zu um- 
gehen versucht wurde, gibt das vorgenannte Kapitell des Xenvares, eine Übergangs - 
form, in welcher die eingezogene Hohlkehle jener pästanischen und sizilischen Kapitelle 
in eine vertikalansteigende, die Kannelüren des Schaftes fortsetzende Kehle um- 
gewandelt ist; der in seinem unteren Teile nur durch Bemalung ausgedrückte, am 
Skamillus des Schaftes ansetzende Blattbelag der Kehle ist dabei mit der Rhab- 
dosis in der Weise in Zusammenhang gebracht, daß in je einem Hohlstreifen immer 
je drei Blätter geordnet sind, deren plastisch gebildete, überfallende Kopfteile den 
polygonalen Schnitt des Schaftes in die Kreisform des Echinus überführen. Daß 
dieser Ausweg noch keine endgültige Lösung jenes Konfliktes zwischen Kehle und 
Kannelür bedeutet, der erst mit der vollständigen Abstreifung der Hohlkehle und 
ihres Blattbelages beseitigt wurde, ist klar. Auf die Phasen dieses Vorganges, der 
mit der zunehmenden Einschrumpfung der Hohlkehle und ihrem steileren Anlaufe 
beginnt und mit der Fortführung der Schaftkannelierung und ihrem kräftig aus- 
ladenden Ablaufe gegen die Ringbänder des Echinus endet, hat R. Koldewey 
a. a. O. bereits hingewiesen. Beispiele derartiger Übergangsformen geben u. a. die 
drei verschiedenen Säulcntypen des Tempels F in Selinus in den sich zunehmend 
verflachenden Kehlen ihrer Kapitelle und die Säulenschäfte der Tempel von Metapont, 
die in ihrer stark ausladenden, noch ganz unterhöhlten Apothesis die Nachwirkung 
des kymationartig überfallenden Blattbelages jener vormaligen Hohlkehlen deut- 
lich erkennen lassen. 

Wie die Kehle des mykenischen Kapitells mit ihrer Blattdekoration, geht am 

■) Die griech. Tempel in Italien und Sizilien S. 99 r. 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. I •? 

dorischen Kapitell aber auch der ornamentale Schmuck seines Echinus allmählich 
verloren, der an den frühen pästanischen Tempeln noch in leicht rehefierten Palmetten- 
reihungen und Flechtbändern, an dem Echinus der im Perserschutt der Akropolis 
von Athen gefundenen Stelen in gemalten Schuppenmustern und Anthemien nach- 
klingt; wenigstens haben uns die Reste späterer dorischer Bauten sichere Spuren 
solcher Dekoration nicht bewahrt. 

Die Beobachtung dieser Metamorphosen des dorischen Kapitells läßt darauf 
schließen, daß es sich bei der Entstehung der mykenischen Säule um ähnliche Prozesse 
handelt, daß sie also auch aus einer überlieferten Form abgeleitet sei, die den wech- 
selnden Bedingungen einer neuen tektonischen Funktion erst allmählich angepaßt 
wurde. Fehlen uns nun auch zu einem wirklichen Beweise, daß dieses Prototyp 
eine Zeltstange gewesen sei, in der minoisch-mykenischen Kunst die Darstellungen 
von Zeltbauten, wie sie uns ägyptische und assyrische Überlieferungen erhalten 
haben, und fehlen uns ferner auch die Zwischenglieder, welche die ältesten uns be- 
kannten Formen der dorischen Säule mit denen der mykenischen vermitteln, so 
legen entwicklungsgeschichthche Analogien immerhin die Voraussetzung nahe, daß 
es eine zusammenhängende Formenkette sei, welche die freiendenden Schäfte vor- 
maliger Zeltbauten mit den architektonischen Stützen der mykenischen und dorischen 
Kunst verband. Dieser Sachverhalt könnte um so weniger überraschen, als auch 
an der ägyptisch -griechischen Decke der Einfluß der konstruktiven, technischen 
und dekorativen Formelemente vormaliger Zelte oder zeltartiger Holzbauten überall 
deutlich hervortritt. 



Zum Schluß mag noch versucht sein, die Bedeutung jener eigentümlichen 
Anhängsel zu erklären, welche sich am oberen Schaftende und am Abakus der auf 
Wandmalereien in Knossos dargestellten mykenischen Säulen vorfinden (Abb. 6). 
Man hat diese, den Säulen beiderseits in der Richtung ihrer Interkolumnien an- 
gefügten GUeder mit A. Evans als eine symbolische Dekoration gedeutet, indem 
man darin jene mykenischen Doppeläxte erkennen wollte, welche auf Gefäßmalereien, 
geschnittenen Steinen und als Bekrönung der blattumkränzten Stelen der gemalten 
Darstellungen auf dem Sarkophag von Hagia Triada vorkommen. Scheint mir 
nun schon ihre Form, selbst wenn man die Flüchtigkeit der Malerei in Rechnung 
zieht, nicht recht vereinbar mit den sonst sehr präzis gezeichneten derartigen Beil- 
formen, so läßt mich ihre getrennte seitliche Anbringung an den dicken Säulen- 
schäften, die den sonst üblichen Anwendungen der Doppelaxt als Abschluß 
eines Stieles widerspricht, noch bedenklicher werden. Ich möchte an dieser Stelle 
überhaupt ein praktisches, nicht aber bloß symbolisches Glied voraussetzen. Ich 
vermute darin dem Säulenschaft eingezapfte Knöpfe von ähnlicher Form, wie wir 
sie an unserer Leibwäsche oder als Gardinenhalter benutzen, welche hier dazu ge- 
dient haben, die Vorhänge zu befestigen, mit denen man die offenen mykenischen 
Tore und Säulenhallen gegen Sonne, Wind und Regen schützte. Die Zweckmäßig- 
keit der Form zum Einhängen der die beiden Stoffenden haltenden Ringe oder 



14 M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 

Schnurschleifen ist augenscheinhch und findet in anderen uns aus dem Altertum 
überlieferten, später zu erwähnenden architektonisch-dekorativen Ausstattungs- 
gegenständen ihre Analogien. 

Die Voraussetzung, daß man schon in minoischer Zeit die offenen Hallen der 
Paläste, in denen man frische Luft und die herrlichen Ausblicke dieser auch in bezug 
landschaftUcher Position so großartig angelegten Fürstensitze genoß, nach Bedürfnis 
mit Teppichen oder Vorhängen geschlossen habe, und daß dies nicht ein der Zeit 
unzukömmlicher Luxus gewesen sei, beweist schon der Reichtum ihrer Gewänder und 
Teppichmuster, die uns in Knossos in so wohlerhaltenen Schildereien erhalten blieben. 




Abb. 6. Gemalte mykenische Säulen aus dem Palaste von Knossos. Nach A. Evans. 

Finden wir ähnlichen häuslichen Komfort doch auch in andern alten Kulturländern 
selbst in noch viel früheren Zeiten. Im alten ägyptischen Reiche zeigen uns die 
steinernen Scheintüren früher Dynastien in ihren Bemalungen die Nachbildungen 
von gewebten Stoffen; in den unter ihrem Türsturze stets angebrachten, zurzeit 
m. W. noch nicht erklärten Halbzylindern (in einer der frühesten Türen der dritten 
Dynastie aus Sakkara im Museum zu Kairo ist dies Glied sogar als völliger Zylinder 
ausgeführt) die Nachbildung einer textilen Vorrichtung, die ebenfalls dem zeit- 
weiligen Verschlusse gegen Wind und Sonne diente, denn diese Zylinder bilden 
offenbar Rolljalousien nach, wie sie, gewöhnüch aus horizontal durch Fäden an- 
einandergefügten Holzstäbchen, wenn nicht aus Stoff hergestellt, auch heute noch, 
wie z. B. in Italien, üblich sind. Einer der ältesten, in die Form eines Holzhauses 
gekleideten Steinsarkophage aus der vierten Dynastie in dem gleichen Museum zeigt 
diese Jalousien wie an der Tür, so an allen Fenstern, und eine von Perrot und Chipiez 
veröffentlichte Scheintür aus dem Grabe des Ptah-hotep in Sakkara gibt in ihrer 
Bemalung sogar die beiden um die Rolle laufenden Bänder wieder, an denen sich 



M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 



15 



die Jalousie in gleicher Weise wie die heutigen hochwickelte, wobei ein dicht neben 
der Tür vertikal ablaufendes Kettenmuster mit den an seinen unteren Ende zu- 
sammengefallen dargestellten Ringen der Kette die Zugvorrichtung wiederspiegelt. 
An die unzähligen Abbildungen von Baldachinen, Barkenhäuschen und Naosformen 
mit durch Stoffe geschlossenen Wänden, die bisweilen auch hochgezogen oder wie 
auf den Götterbarken halbherabgelassen dargestellt werden, braucht kaum erinnert 
zu werden. Auf gleiche Vorrichtungen für Stoffverschlüsse weist in Assyrien neben 
manchen andern Überlieferungen das früher erwähnte Zelt Sanheribs auf dem Relief 
des Britischen Museums, wo selbst die Rollscheiben der Seile sichtbar werden, mit 
denen man die Stoffdecken des Zeltes auf- und abziehen konnte. Andere in Assyrien, 





Abb. 7. Wandplatten aus farbig emaillierter Terrakotta aus dem Palast Assurnasirpals. 

Bei der linken Figur ist der Mittelzapfen gebrochen und läßt seine Höhlung sehen. 

Rechts: Vertikalschnitt durch Platte und Zapfen. 



und zwar in dem Palast des Königs Assurnasirpal (885 — 865) zu Assur gefundene 
Reste von Ausstattungen haben nun auch an seinen Wänden vormals befestigte, 
jetzt im Museum von Konstantinopel befindliche Gegenstände aus weiß glasierter 
und farbig ornamentierter Majolika erhalten, welche in ihrem Profile mit jenen 
mykenischen Säulenanhängseln unverkennbare Ähnlichkeit besitzen (vgl. Abb. 6 
mit Abb. 7). Auch sie sind von überall Symbole suchenden Forschern für solche, 
und zwar für Phallusformen angesprochen worden, welche in Reihungen die Ober- 
kanten der Wände zu schmücken bestimmt waren. Ohne nun die Bedeutung dieses 
im Altertum so häufig angewendeten Symbols unterschätzen zu wollen, scheint mir 
seine reihenweise Anwendung (nach Ausgrabungsberichten in ca. i m Entfernung 
voneinander), noch mehr aber die mit dem natürlichen Vorbilde kaum vereinbare 
mittlere Einziehung der als Phallus gedeuteten Zapfen (vgl. Abb. 7, Fig. r), dieser 
Annahme entschieden zu widersprechen. Nicht nur die Art ihrer Anordnung an 
dem Oberteile der Wände, sondern auch die Form und Befestigung dieser Gegen- 
stände läßt vielmehr darauf schließen, daß sie zum Aufhängen von Stoffen oder 



l6 M. Meurer, Form und Herkunft der raykenischen Säule. 

Teppichen bestimmt waren, mit denen man kahle Wände verkleidete. Wie voll- 
kommen sie diesem Zwecke entsprachen, läßt sich aus ihrem Profile sowie aus ihrer 
sorgfältigen Befestigung in der Mauer, die für bloße Dekorationsstücke kaum not- 
wendig war, deutlich erkennen; beides beweist, daß sie etwas zu halten hatten. 
Sie bestanden aus ca. 30 cm großen quadratischen Platten, mit leicht ausgebuchteten 
Rändern, aus deren Zentrum ein hohler, in seiner Mitte kräftig gekehlter, an seinem 
Ende aber mit einem Knopfe versehener Zapfen ausspringt; eine Form, die zum 
Einhängen und Festhalten der an der Oberkante der Teppiche befestigten Ringe 
oder Schnurenschleifen die geeignetste ist. Daß die röhrenartige Höhlung des Zapfens, 
die sich durch die Platte als gleich großes Loch fortsetzt, zur Aufnahme eines starken 
Holzdübels diente, der in die Wand eingelassen war, ergibt sich aus zwei vertikal 
gerichteten kleinen Löchern, die sich an allen Stücken oben und unten (diese Rich- 
tung ist durch aufgemalte KeiHnschriften gesichert) in der Kehle der Zapfen be- 
finden (vgl. den Schnitt von Abb. 7). In ihnen saß ohne Zweifel der Nagel, welcher, 
den Holzdübel durchdringend, den Zapfen der in den Wandstuck eingelassenen Platte 
noch besonders befestigte und so seine Widerstandsfähigkeit gegen das nach unten 
ziehende Gewicht der angehängten Teppiche vermehrte. 

Will man die gegebene Deutung dieser assyrischen Vorrichtung gelten lassen, 
so liegt bei der Ähnlichkeit der Bedingungen und Formen der Schluß sehr nahe, 
daß die den Holzsäulen mykenischer offener Hallen an der Seite ihrer Interkolumnien 
angefügten Gegenstände einem gleichen Zwecke dienten, wobei es nur der Erklärung 
bedürfte, warum, wie Abb. 6 zeigt, zwei Knöpfe übereinander, einer am Schaft- 
ende und ein zweiter am Abakus der Säule angewendet wurden. Dies wird indessen 
verständlich durch die breite Ausladung der Kapitelle; wären nur an deren Deck- 
platte Knöpfe befestigt gewesen, so hätten die daran hängenden Gardinen breite 
Öffnungen neben den Säulen gelassen, während die an den unteren Knöpfen be- 
festigten die Interkolumnien völlig zu schließen vermochten. Die oberen Knöpfe 
mögen daher zur Aufnahme einer Art von überfallendem Lamberquin bestimmt 
gewesen sein, der die obere Öffnung deckte und wahrscheinlich nicht bewegUch war, 
während die unteren Vorhänge zum Auf- und Zuziehen eingerichtet waren. Daß 
auch solche Zugvorrichtungen den Tapezierern des Altertums vertraut waren, be- 
weisen die vorerwähnten ägyptischen Scheintüren und Holzbauten wie die Dar- 
stellung jenes assyrischen Königszeltes. 

Rom, Jan. 1913. M. M e u r e r. 



K, Woeicke, Domauszieher-Mädchen. 



17 



DORNAUSZIEHER-MADCHEN. 

EIN TERRAKOTTAFRAGMENT AUS NIDA-HEDDERNHEIM. 

Wenn von figürlichen Terrakotten, wie sie im römischen Germanien gefunden 
werden, die Rede ist, so handelt es sich zumeist um dieselben Götterfiguren, um 
das übliche Grabinventar '). Neben diesen stehen vereinzelt die menschlichen Bilder, 
wie die Reiterfiguren ^), die Büsten 3), die als Germanin gedeutete fragmentierte 
Frauenfigur aus Heddernheim 4). Die Stücke vollends, deren einzige Bestimmung 
sein kann, ein ästhetisches Vergnügen, freilich nur bei ganz bescheidenen Ansprüchen, 
entsprechend ihrem niederen künstlerischen Niveau, auszulösen, also als Nipp- 




Abb. I. 



Abb. 2. 



Sachen in unserem Sinn gelten müssen, sowie die Karikaturen 5) verschwinden fast 
ganz neben der großen Zahl der für den Kult- und Grabgebrauch gemachten und 



■) Blanchet, M^moires de la Sociit^ Nationale des 
Antiquaires de France 1890, p. 154: »Rien n'em- 
peche de croire que les statuettes de divinites, 
apres avoir figure dans le laraire du vivant, 
^taient enferm^es dans la tombe du mort.« 

Die Heddernheimer Terrakotten : Riese, Fest- 
schrift zur Feier des 25 jährigen Bestehens des 
Stadt. Histor. Mus. Frankfurt a. M. 1903, S. 67; 
Riese, Hdd. Mitt. IV S. 29; Wolff, Hdd. Mitt. IV. 
S. 52 Taf. XII 30—32 u. V. S. 64 Taf. IV, vgl. 
Blanchet a. a. O. S. 105. 

Die Literatur über die römisch-germanischen 
Terrakotten in der Hauptsache bei Schumacher, 
A. u. h. V. Bd. V S. 377 Taf. 65 Nr. 1200 ft. 

») Hettner, Drei Tempelbezirke im Trevererlande 
Taf. XII 68, 69. Riese, Festschrift S. 77 Taf. V 
1 — 3 aus Heddernheim. L. Coutil, Les Figurines 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



en terre cuite des Eburovices, Veliocasses et 
Lexovii, fivreux 1899 pl. XVI 6, 7 u. pl. C nach 
Tudot 728 pl. XXI. 0. R. L. Nr. 8 Kastell 
Zugmantel Taf. XX 36. 

3) Riese, Festschrift S. 78 Taf. V 10 u. Hdd. Mitt. 
IV. Taf. VI 2. Hettner, a. a. 0. Taf. XI u. XIII. 
26, 29, 44 — 51. Schumacher, A. u. h. V. Bd. V. 
Taf. 65 S. 380 Nr. 1206, 1207. L. Coutil, a. a. 0. 
pl. XV u. pl. D nach Tudot. 0. R. L. Nr. 10. 
Kastell Feldberg Taf. V 25; Nr. 59 Kastell Can- 
statt Taf. VII 4; Nr. 66 c Kastell Faimingen 
Taf. IX 24. P. Steiner, Katalog Xanten 191 1, 
S. 150 Abb. 20, 3. 

4) Riese, Festschrift Taf. V 6—8 S. 78. Schumacher, 
Germanenkatalog 3. Aufl. S. 54 Nr. 33 b. 

5) z. B. O. R. L. Nr. 29 Kastell Hofheim S. 25, 7 
Taf. V Fig. 4 a u. b. 



i8 



K. Woelcke, Domauszieher-Mädchen. 



den Kinderspielsachen, zu denen mit Sicherheit doch nur die Rasseln und die Puppen 
zu rechnen sind '). 

So bedeutete die Auffindung des Fragmentes Abb. I und 2, das am 3. September 
1912 bei den Ausgrabungen im Gebiet der Römerstadt Nida zutage kam, ein kleines 
Ereignis *). Nicht allein für Nida-Heddernheim, für die beiden germanischen Pro- 
vinzen, stellt der kleine Torso ein Neues dar, ausgezeichnet durch einen nicht ge- 
wöhnlichen Liebreiz, trotz anatomischer Unmöglich- 
keiten, die wir erkennen, und durch das künstlerische 
Motiv, das wir durch ihn vertreten sehen. 

Das Figürchen war, wie die beiden Hälften 
zeigen, die auf uns gekommen sind, wie übhch aus 
einer mehrteihgen Form gepreßt. Es fehlen der Kopf, 
beide Arme, der Sitz mit der unteren Hälfte des 
rechten Oberschenkels, der rechte Unterschenkel. Wie 
der scharfe Rand des fehlenden Oberteils vom linken 
Fuß bis ans Knie zeigt, war dieses Stück zusammen 
mit einem der fehlenden Arme, wohl dem linken Arm, 
geformt. Das linke übergeschlagene Bein ist geson- 
dert geformt und angefügt, was ein Bhck ins Innere 
dartut. Trotzdem ist genug auf uns gekommen, um 
die richtige Ergänzung, wie wir glauben, mit Sicher- 
heit vorlegen zu können. Das Material ist ein gelber 
feiner Ton, der überschlämmt ist. Die Höhe des er- 
haltenen Stückes beträgt etwas über 6 cm. Es ist 
der Oberkörper eines noch nicht ausgereiften Mädchens. 
Die zartschwellenden Brüste, das breite Becken (vgl. 
besonders die Rückenansicht mit dem für unsere 
Terrakotten schön modellierten Rücken) lassen bei 
dem Fehlen sonstiger Geschlechtsmerkmale keinen Zweifel aufkommen an der 
Weiblichkeit des jugendlichen Körpers. Daß das linke Bein (Ober- und Unter- 




Abb. 3. 



O. R. L. Nr. 24 Kastell Kesselstadt S. 9. Riese, 
Festschrift S. 79. Blanchet, a. a. 0. p. 153, 
Anm. 3. — Denn daß aus dem Vorkommen eines 
Hahns gleich auf ein Kindergrab zu schließen sei, 
ist doch nicht angängig (Riese, Festschrift S. 78 
u. Hdd. Mitt. IV. S. 29; GUndel, Nida-Heddern- 
heim 191 3, S. 60). Alle die Tiere, Hahn, Huhn, 
Taube, Widder, Bock, Pferd, Hund, Hase, Löwe, 
sowie der Granatapfel, die vorkommen, haben 
Beziehungen zur Unterwelt, zum Seelenkult, was 
darzulegen nur Bekanntes wiederholen hieße. 
Diese Deutung scheint mir auch für unsere Pro- 
vinzialen das Richtige zu sein, wenn natürlich, 
■wie bei den Götterfiguren (s. o. u. vgl. Blanchet, 
a. a. O. S. 1 54 »Pour nous, il est probable, que 



toutes ces figurines, divimt&, jouets, statuettes 
de genre, si Ton peut s'exprimer ainsi, faisaient 
d'abord partie du mobilier des vivants«) auch 
vor dem Grabgebrauch eine andere Verwendung 
nicht ausgeschlossen ist. Das können wir freilich 
nicht mehr im einzelnen erweisen. Terrakotta- 
hähne usw. in Wohnplätzen lassen sich jedoch, 
soviel ich sehe, mit Sicherheit nicht nachweisen. 
«) Frankfurt a. M., Stadt Histor. Museum Inv. 
« 1969. Gefunden auf Agker Körber, Par- 
£elle 902, im Südosten des römischen Stadt- 
gebiets, im Aushub des großen verbrannten Stein- 
kellers der Stadtzeit bei 60 m westlich des Feld- 
wegs an der Südgrenze des Ackers. Das Gelände 
ist gemischt. 



K. Woelcke, Domauszieher-Mädchen. 



19 



schenke!) wesentlich zu kurz geraten ist, stört allein das Vergnügen, das der Torso 
auslöst, und zeigt uns an, wie schwer dem Verfertiger der Form, die, wie man glauben 
möchte, der Abdruck eines hellenistischen Originales war, das nicht auf uns ge- 
kommen wäre, es geworden ist, einmal vom ausgetretenen Geleise abzubiegen. 

Die Ergänzung ergibt sich von selbst. Durch die Sitzfuge, die dem Körper 
folgt, ist nicht nur die Ebene der Sitzenden und damit die leichte Körperbiegung 
nach rechts gegeben (vgl. Abb. 3), sie lehrt uns, daß eine ungleichförmige Unterlage, 
ein Fels es war, auf der das Mädchen saß. Der Halsansatz am Nacken zeigt uns 
die Neigung des Kopfes nach vorn 
an, etwas nach der rechten Seite 
hin, so daß der Blick auf den 
linken Fuß gerichtet war, den die 
linke Hand nach Ausweis des 
Bruchs gefaßt hielt (s. 0.). Das 
rechte Bein stand natürlich im 
Knie gebogen vor dem Felssitz 
auf dem Boden auf, wie es die 
Körperhaltung bedingt. Nicht mit 
Sicherheit können wir nun freilich 
die Haltung der rechten Hand 
erschließen. Für unsere Ergän- 
zung brauchen wir nur auf die 
bekannte Sitzfigur des »Dornaus - 
ziehers« zu verweisen, um ihre 
Richtigkeit darzutun. Die be- 
kannten Mädchenfiguren, die sich 
beim Baden die Füße abreiben '), 
zeigen alle eine andere Körper- 
haltung. Ein solches Zusammenkrümmen ist doch nur bei der von uns ange- 
nommenen Betätigung nötig. Aus dem gleichen Grund kann der linke Arm nicht 
untätig gewesen sein, wie bei der Terrakotta aus Myrina ^), die jedenfalls eine nahe 
Verwandte unseres Mädchens ist und uns zeigt, daß der Hellenismus Gefallen an 
solchen Figürchen nackter Mädchen in sitzender Stellung gehabt hat. 

Aber wieviel reizvoller ist unser Mädchen, das sich den Dorn aus dem Fuß 
zieht! Ganz hingegeben an diese einfache Beschäftigung, die jedem geläufig ist, 
wenn er barfuß geht 3). Es liegt der Reiz des »Dornausziehers« in der schUchten 
sachlichen Darstellung des einfachen Vorgangs. Durch die Übertragung des Motivs 
auf ein junges Mädchen wird gewiß etwas hineingetragen, das dem Geist des Originals 




Abb. 4. 



') Winter, Typenkatalog d. Terrak. III. 2, S. 205. Nicropole de Myrina S. 271 Nr. 22 Taf. III 2. 

S. Reinach, R^p. Stat. I. 323, 327; II. 407, 821; Winter, Typenkatalog d. Terrak. III. 2 S. 205, 5. 

III. 115; IV. 229. 3) Vgl. Th. Schreiber, Alex. Toreutik. Abb. d. 

=) B. c. H. IX. 1885 Taf. VI. Pottier-Reinach, sächs. Ges. d. Wiss. Bd. 34 (1894) S. 372 Nr. 152. 

S. Reinach, Rep. Stat. III. 39. 



20 



K. Woelcke, Domausziehei-Mädchen. 



entgegen ist, aber trotzdem ist nicht zu leugnen, daß in diesem Neuen sich ein feines 
Gefühl verrät, denn die Anmut des Ganzen wird dadurch nicht unbedeutend ge- 
steigert. 

Abbildung 3 zeigt unsern Torso in der angegebenen Ergänzung. Diese macht 
in keiner Weise Anspruch auf künstlerischen Wert. Sie soll, in der Werkstatt des 
Historischen Museums durch den technischen Hilfsarbeiter W. Huth gemacht, nur 
die Richtigkeit unserer vorgetragenen Ansicht stützen. 

Wir haben also ein Dornausziehermädchen, eine Genrefigur, 
wiedergewonnen, die im Zimmer eines Einwohners von Nida stand. Und das zeugt 

gewiß von keinem schlechten Geschmack des römischen 
Provinzialen. 

Dieses Dornausziehermädchen erschien uns und 
allen, die das Fragment sahen '), als etwas bisher Un- 
bekanntes. Um so größer war unser Erstaunen, als 
wir dann eine ganze 
Familie dieser Mädchen 
feststellen konnten, als 
wir sie nicht nur lokali- 
sieren, sondern auch zwei 
Fabrikanten erkennen 
konnten. Und das war 
um so auffallender, als 
sie alle schon publiziert 
waren, freilich in Ver- 
kennung des wirklichen 
Geschlechts, als provin- 
zielle Nachbildungen des 
Spinario. 

Zuerst bekannt 
wurde uns das in Salz- 
burg gefundene Stück, 
das Löwi, Arch. epigr. Mitt. aus Ost. V. Taf. VI. S. 187, 38 abgebildet und beschrie- 
ben hat 2). Und seine Beschreibung: »Von mehr weiblichen Proportionen mit 
schmaler Brust und breiten vollen Hüften, Geschlechtsabzeichen nicht vorhanden« 
gab bei der Übereinstimmung des abgebildeten Stücks, auch in den Maßen, mit 
unserem Fragment, dessen Weiblichkeit mir von dem Moment an, wo ich's dem 
Arbeiter an der Grabungsstelle aus der Hand genommen hatte, außer Zweifel stand, 





Abb. 5. 



Abb. 6. 



•) Es konnte auf dem Südwestdeutschen Verbands- 
tag für Altertumsforschung in Würzburg 10. u. 
II. September 19 12 in Abgüssen, die dem Rö- 
misch-Germanischen Zentralmuseum verdankt 
werden (Abb, 2), vorgelegt werden. 



*) Über die nach Löwi, a. a. 0. S. 187 u. S. 182 
Anm. 6 im Münchener Antiquarium befindlichen 
beiden Stücke, die er verdächtigt, konnte ich 
leider nichts ermitteln, da sie nach freundlicher 
Mitteilung von Herrn Prof. J. Sieveking dort nicht 



vorhanden sind. 



K. Woelcke, Dornauszieher-Mädchen. 



21 



die Veranlassung, diesen Terrakotten nachzugehen. Denn ich zweifelte keinen Moment 
auch an der Weiblichkeit der Salzburger Terrakotta, um so weniger, als männliche 
Terrakotten ohne Geschlechtsabzeichen aus Gallien und Germanien nicht bekannt sind. 
Weitere Terrakotten, die als »Tireur d'^pine« beschrieben waren, stammen 
aus der Fabrik des Tiberius in Toulon-sur-Allier, wie eine gestempelte Form bewies '), 
und ebendaher von ESIEB (?) ^). Sie galt es 
also zu untersuchen. Da Tudots Buch nicht 
erreichbar 3) war, wandte ich mich durch 
Professor Müllers Vermittlung an S. Reinach, 
indem unser Zweifel an der Männlichkeit der 
Terrakotten und die Zugehörigkeit unseres 
Stückes zu den im gallischen Terrakotten - 
Zentrum 4) gearbeiteten betont wurde. Seine 
liebenswürdige und eingehende Beantwor- 
tung, für die auch hier nochmals gedankt 
sei, bestätigte unsere Vermutung. Schon 1824 
ist im Departement Ardennes unweit Mezieres 
eine Dornauszieherin gefunden und richtig 
beschrieben worden, »une jolie Statuette en 
terre cuite, de la nature de la terre de pipe, 
qui ... est une figure de f emme arrachant 
une epine de son pied gauche« 5). In der 
Folge aber hat man diese richtige Beobach- 
tung vergessen und alle die zahlreichen 
Schwestern einfach als Nachbildungen des 
Dornausziehers angesprochen *). Wie falsch 
das war, • zeigt ein Blick auf die Abbildungen, 
die ich nach Photographien, die Herrn S. Rei- 
nach verdankt werden, wiedergeben kann. Abb. 7. 




') E. Tudot, Collection de figurines en argile, Paris 
1859, pl. 70 A. S. Reinach, Catalogue sommaire 
du Mus^e de St. Germain-en-Laye, 4. Aufl. p. 117. 
Pottier-Reinach, N^cropole de Myrina I p. 273. 
Blanchet, a. a. 0. S. 190. 

») Blanchet, a. a. 0. S. 93. 

3) Das Exemplar des R. G. Zentralmuseums in 
Mainz, das ich schließlich einsehen konnte, ist 
unvollständig, und wie das immer geht, fehlt 
gerade das, was ich brauchte. 

4) Vgl. Blanchet, a. a. 0. S. 102. 

5) M^m. de la soci^tÄ royale des Antiquaires de 
France VII. (1826) S. XLIII. Wo die Figur hin- 
gekommen ist, kann Herr S. Reinach nicht an- 
geben. 

') Sie sind zusammengestellt bei Blanchet, a. a. 0. 

S. n Abb. 



S. 190. Dazu S. 93, S. 75, S. 140. — Revue 
arch^ol. :888. I. 147 gefunden »pres du bourg 
de Chalain (Loire)«. Die besterhaltene Replik 
in Bordeaux nach S. Reinachs Mitteilung: »evi- 
dent weiblich, doch vom Herausgeber als männ- 
lich betrachtet«, M^m. soc. arch^ol. de Bordeaux 
III. pl. 27. Vgl. S. Reinach, Cat. sommaire du 
MustSe des Antiquit(!s Nationales 3. Aufl. p. 116 
u. 117. Pottier, Les statuettes de terre cuite dans 
l'antiquit^ 1890 (Bibliotheque des merveilles) 
p. 237. Pottier-Reinach, N&ropole de Myrina I. 
273. Furtwängler, Meisterwerke S. 685 Anm. 3. 
L^on Coutil, a. a. 0. S. 73. A. Aubert, Zeitschr. 
für bild. Kunst N. F. XII. (1900/1)8. 69 Abb. 8. 
Klein, Gesch. d. griech. Kunst I. (1904) S. 416. 
F. Baumgarten, Schauinsland Bd. 31 (1904) 



22 



K. Woelcke, Dornauszieher-Mädchen, 



Abb. 4 gibt die Figuren A, C, D nach Tudots Taf. 70 wieder aus der Fabrik 
des Tiberius in Toulon-sur-Allier. 

Abb. 5 gibt den Ausguß der TIBER signierten Form aus Collection Esmonnot 
in Moulins wieder (St. Germain 27969), die nach Blanchet a. a. O. S. 75 zehn- 
bis zwölfteilig ist (s. o. S. 18). Die Frisur unserer Ergänzung (Abb. 3) ist nach 
diesen Stücken gemacht. 

Abb. 6. St. Germain 30142 (früher im Museum zu Cluny Nr. 81 15), wesentlich 
wegen des nur hier genau wie beim Salzburger Exemplar erhaltenen Sitzes und des 
gleichen verkürzten linken Beines, wie es unser Heddernheimer Fragment zeigt. 

Abb. 7, ebenda 30143 (gleiche Provenienz), stimmt zur Form des Tiberius. 




Abb. 8. 



Abb. 8 zeigt 4 weitere Vertreter des Typus. Alle in St. Germain: a und b 
(28040) aus Puy de Dome; c (25493) aus Vichy; d (1691) aus Clermont-Ferrand. 

Nach diesem Überbhck kann doch kein Zweifel mehr bestehen, daß diese 
Mädchen, die sich einen Dorn aus dem Fuß ziehen, verbreitet und beliebt gewesen 
sind. Es hat mehrere Redaktionen gegeben, die alle am AUier hergestellt sind. In 
Toulon-sur-Allier selbst hat sich das mit ESIEB (?) auf dem Sockel signierte Exem- 
plar, hat sich die Form des Tiberius gefunden, aus dessen Fabrik, wie wir dargelegt 
zu haben glauben, die Salzburger Terrakotta und auch unser Heddernheimer Fragment 
hervorgegangen sind. Wie die gleichzeitigen gallischen Sigillaten aus denselben Fabri- 
kationsorten, z. T. von den gleichen Fabrikanten '), haben diese gallischen Terra- 
kotten ihren Weg nach dem Rhein und Österreich gefunden, bevor am Rhein um 



■) Schaafhausen, B. J. Bd. 89 (1890) S. 141. Blan- 
chet, a. a. 0. S. 85 u. 86. D^chclette, Les vases 
c^ramiques de la Gaule Romaine I. S. 149; II. 



S. 323. Schumacher, A. u. h. V. Bd. V. S. 381. 
Literatur ebenda. Zum Sigillatatöpfer Tiberius 
vgl. C. J. L. XIII. 3, I looio, 1909. 



K. Woelcke, Dornauszieher-Mädchen. 



23 



die Wende des ersten zum zweiten Jahrhundert eigene Werkstätten entstanden 
waren '). 

Ist dieses Dornausziehermädchen nun eine Erfindung dieser gallischen Töpfer ? 

Daniel Brückner, Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, XXIII. Stück, 
Äugst. Basel 1763, p. 3017 Tab. XVI 4 bildet eine Bronze, die wir Abb. 9 wieder- 
geben, ab *). Sie befand sich in seiner Sammlung. Wo sie heute ist, weiß ich nicht 
anzugeben. Brückner hält sie zwar für ein »Weibsbild«, »so aus dem Bade kömmt 
und sich an der Fußsohle sauber machen will«, aber es ist doch unzweifelhaft eine 
Dornauszieherin. Und damit hätten wir das 
Bronzevorbild für unsere Terrakotten gewonnen 3), 
das doch vorausgesetzt werden muß, wenn wir 
mit Sicherheit behaupten könnten, daß das Stück 
antik sei, was nach der Abbildung natürlich der 
Fall sein kann, was wir aber nicht erweisen 
können. 

Noch weniger wissen wir von der letzten 
Dornauszieherin, die Forrer, Reallexikon S. 191 
s. V. Dornauszieher mit den Worten: »das Alter- 
tum kennt auch weibHche Repliken dieses Motivs 
wie die in Pompeji gefundene Plattenmosaik 
einer Dornauszieherin in weißem und schwarzem 
Marmor« anführt 4). Abbildung oder Beschrei- 
bung sind uns nicht bekannt geworden, auch 
konnte nichts über genauen Fundort oder Auf- 
bewahrung des wichtigen Stückes bisher ermittelt 
werden. Herr Konservator Dr. Forrer, an den 
wir uns brieflich wandten, kann auch nichts 
Näheres angeben, da er das Manuskript mit den 
Quellenangaben vernichtet hat. Es bleibt zu 
hoffen, daß unser Heddernheimer Torso, der die 
Veranlassung war, die gallischen Schwestern des 

»Fedele« in ihr Recht einzusetzen, auch die Aufmerksamkeit auf dieses verborgene 
Bild lenken wird. Etwa gleichzeitig den Terrakotten GalHens, beweist es, wenn 
es überhaupt nötig ist, daß nicht am AUier die Umbildung des Motivs erfolgt ist, 
wie wir schon wissen, daß vielmehr eine hellenistische Quelle zu suchen ist. 

Um 460 V. Chr. entstanden, das Werk eines großen, noch unbekannten Meisters, 
blieb die Bronzestatue des Dornausziehers 5) wie so vieles, was seiner Zeit voraus- 




Abb. 9. 



■) Lehner, B. J. iio S. 188. 

*) Der Hinweis auf dieses Stück ■wird der Freund- 
schaft Dr. Siegfried Loeschckes verdankt. 

3) Vgl. Blanchet, a. a. O. S. 74 Anm. i. 

4) Vgl. Forrer, Reallexikon S. 630 s. v. Platten- 
mosaik: »die in Pompeji gefundene Dornausziehe- 



rin, die man in weißem Marmor ausgeschnitten 
und in schwarzen eingelegt hat«. 
5) Heibig, Führer 13 Nr. 956. F-W. 215. Furt- 
wängler. Der Dornauszieher u. der Knabe mit 
der Gans 1876 = Kl. Schriften Bd. I. 1912 S. 60. 
Furtwängler, Meisterwerke S. 685. CoUignon- 



24 



K. Woelcke, Domauszieher>Mädchen. 



eilt, nicht verstanden. Aber in hellenistischer Zeit wird er neu entdeckt, und mit 
einem Mal berühmt. Der Dornauszieher wurde populär, wurde kopiert und wie 
stets von den Kopisten verbessert. So entstand die neue Auflage, die in der Castellani- 
schen Brunnenfigur vom Esquilin im Britischen Museum noch nachlebt, ein Marmor- 
werk doch wohl pergamenischer Arbeit '). Aus dem feinen Knaben ist ein rechter 
Bauernjunge geworden. Linienführung, Stellung und Haltung entsprechen ganz 
dem Original. Man hat wohl erkannt, daß nur ein Bauernjunge ohne Schuhe läuft, 
aber man treibt den Naturalismus noch nicht so weit, daß man einsieht, daß zu 
dem Bauernjungen die heroische Nacktheit des Originalwerks nicht paßt*). Bis 
hart an die Grenze der Karikatur getrieben, zeigt sich dieser Naturalismus in der 




Abb. lo. 



Terrakotta des Berliner Antiquariums (8625) aus Priene 3). Ganz affenartig er- 
scheint der Negerknabe in seinem lederartigen Gewandstück, die Mütze auf dem 
Kopf. Wie behebt das Motiv war, zeigt die Aufzählung bei Furtwängler, Meister- 
werke S. 685, 3 4). Auf Satyr und Eros und Hirt wird es übertragen. In Bronze 5), 



Thraemer, Gesch. d. griech. Plastik 1897 Bd. I. 

439. A. Aubert, Zeitschr. f. bild. Kunst, N. F. 

XII. (i 900/1) S. 40 u. 65. Klein, Gesch. d. griech. 

Kunst I. (1904)413 u. III. (1907)262. Sieveking- 

Buschor, München. Jhrb. d. bildend. Kunst 

191 2 S. 129. S. Ränach, R^p. Stat. I. 404, 

II. 143 ff. 
■) Mon. d. Inst. X. 30. Arch. Ztg. 1879 Taf. 2, 3. 

British Museum Catalogue of Sculpture IIT. 

Nr. 1755. 
') Vgl. die Bronzefigur aus Sparta im Besitz E. v. 

Rothschilds in Paris. Murray, Hist. of gr. sculp- 



ture I. 1880, S. 227, 3. de Witte, Gaz. arch^oL 
1882, Taf. 9 — II. Rayet, Mon. de l'art antique I. 
Taf. 35. Furtwängler, Meisterwerke S. 685 
Anm. 3. Collignon-Thraemer, Gesch. d. griech. 
Plastik S. 443 Fig. 216. Klein, a. a. 0. L S. 413; 
III. S. 262. 

3) Wiegand, Priene S. 357 Abb. 434, 435. Winter, 
Typenkatalog d. Terrak. III. 2 S. 448, i. 

4) Vgl. Baumgarten, Schauinsland Bd. 31 (1904) 
S. 10. 

5) Vgl. auch V. Bissing, Ath. Mitt. XXXII 1907 
Taf. IV 4. 



K. Woelcke, Domauszieher-Mädchen. 25 

Marmor und Ton, in Stein geschnitten und auf Wandgemälden erscheinen diese 
entarteten Nachkommen des dornausziehenden Knaben. Ist nicht auch hier im 
Kreis des hellenistischen Genres das Vorbild für unsere Mädchen zu suchen, um so 
mehr, als die Freude an der Schönheit des weiblichen Körpers damals stärker war 
als je? 

Zum Schluß bilde ich noch zwei Elfenbeinfigürchen, Abb. 10, die gegen die Mitte des 
l8. Jahrhunderts entstanden sein werden, ab. Sie stammen aus Barckhausens Samm- 
lung, die 1786 an die Stadt Frankfurt a. M. kam. Heute befinden sie sich im Städti- 
schen Historischen Museum (x 23732; X 23733) ')• ^^^ Gegenstücke gearbeitet, 
stellen sie einen dornausziehenden Knaben und eine reife üppige Frau in der gleichen 
Stellung dar. Also eine Nachfolgerin unserer Terrakotten. Freilich, wenn man 
die Betonung der weiblichen Körperformen, des weiblichen Geschlechts beachtet, 
so wird man die Vermutung nicht los, daß etwas anderes als die Freude am künstle- 
rischen Motiv der Zweck ihrer Entstehung war. Jedenfalls belegt auch sie, daß 
das Dornauszieher -Mädchen fortgewirkt hat, wenn es auch zugunsten des be- 
rühmten Bruders 2) hat zurücktreten müssen und sogar schließlich verkannt wor- 
den ist. 

Diese Wiedererkennung der Dornauszieherin, die wir gallisch-römischen Terra- 
kotten verdanken, möge auch diesen von der Kunstgeschichte verachteten Erzeug- 
nissen antiken Kunsthandwerks etwas mehr Beachtung als bisher erwerben helfen. 
Man sieht, daß diese Terrakotten, die Kunstwerke der Armen 3), über ihren Wert 
als Dokumente des provinziellen Lebens hinaus — gewiß nicht wegen ihrer künst- 
lerischen Qualitäten — gelegentlich auch für die Kunstgeschichte 4) zu unschätz- 
baren Zeugen werden können. 

Frankfurt a. M. K a r 1 W e 1 c k e. 

Ju"g. Festschrift zur Feier des 25 jähr. Bestehens a. a. O. S. 37 Anm. i. — Dornausziehermädchen 

des Histor. Mus. in Frankfurt a. M. 1903, S. 6 ff., in der Renaissance bezeugt A. Aubert, Zeitschr. 

wo auch Hüsgens Katalog des Kunstschrankes f. bild. Kunst N. F. XII. (1900/1) S. 40. 
S. 7 (Erstes Gefach 11 u. 12) abgedruckt ist. 3) v. Rohden, Terrak. von Pompeji S. 24. Blan- 

»Wahrscheinlich ist auch der Inhalt des Kunst- chet, a. a. 0. S. 154. 

schranks von Heinrich Karl von Barckhaus 4) Vgl. B. J. 120 S. 191 Taf. IX 3, wo ich in der 

(gest. 1752) gesammelt worden.« Kölner Terrakotta aus des Vindex Fabrik die 

2) Springer, Das Nachleben der Antike im Mittel- einzige statuarische Replik des Mars Ultor- Bildes 

alter = Bilder aus der neueren Kunstgeschichte, aus dem provisorischen Tempel des Jahres 20 

2. Aufl. 1886, Bd. I S. 14. Furtwängler, Mei- v. Chr. u. dem definitiven des Jahres 2. v. Chr. 

sterwerke S. 685 Anm. 3. Baumgarten, Schauins- nachgewiesen habe. Derselbe Mars Ultor findet 

land Bd. 31, 1904, S. i — 15. Klein, Gesch. d. sich auch auf Sigillaten des Janus von Heihgen- 

griech. Kunst I. 416. Wenn Klein, wie uns scheint, berg (Forrer, Heiligenberg S. 148 Abb. 60) und 

mit Recht annimmt, daß die »barbarischen Terra- des Verecundus von Ittenweiler (Forrer, a. a. O. 

kottanachbildungen« auf die romanische Kunst S. 202 Abb. 137, S. 205 Abb. 179). Das mag 

eingewirkt haben, wo bleiben dann dort die Dorn- hier zur Widerlegung von Blanchet, a. a. 0. S. 87 : 

ausziehermädchen ? Man vgl. die Legende zum »on ne retrouve, pour ainsi dire, pas un seul type 

Domauszieherfigürchen an der Bronzegrabplatte de Statuette parmi les personnages isoles ou grou- 

eines Erzbischofs aus der ersten Hälfte des 11. pes, .... sur les vases en terre rouge vernissde« 

Jahrhunderts im Magdeburger Dom. Springer, genügen. 



26 P- Hauser, Orpheus und Aigisthos. 



ORPHEUS UND AIGISTHOS. 

Laut Bericht im Archäologischen Anzeiger 1913, 70 zog Georg Loeschcke in 
einer Sitzung der Berhner Archäologischen Gesellschaft weitgehende Folgerungen 
aus einigen Vasenbildern des strengschönen Stils mit Darstellung vom Tode des 
Orpheus. Da diese Schlüsse auf sagengeschichtliches und hterarhistorisches Gebiet 
übergreifen, somit in erster Linie an Philologen sich wenden, welchen, mindestens zu 
ihrem größeren Teil, die Beurteilung des Gewichts archäologischer Argumente schwer 
fällt, so möchte ich die Kollegen aus der Schwesterwissenschaft darauf hinweisen, 
daß hier schwerwiegende Folgerungen auf schwachem Fundamente ruhen. 

In jenen Vasenbildern, welche Gruppe in Roschers Lexikon III, II 84 auf- 
zählt, führen die Thrakerinnen durchweg improvisierte Waffen: außer Steinen 
namentlich Bratspieße, den Schlachthammer, auch zuweilen ein sichelförmiges Messer; 
kurz »Küchengerät«, wie Loeschcke zu Anfang ganz richtig sich ausdrückt. Ob er 
indessen jenem Messer mit Recht den Zweck zuschreibt, zum Abhäuten der Tiere 
zu dienen, das bleibe dahingestellt, da man wohl Jäger und Metzger oft eine gerad- 
linig geschliffene oder ausgebauchte Klinge bei dieser Arbeit benützen sieht, nie aber 
eine Sichelform, die mir — bis auf bessere Belehrung — für den genannten Zweck 
so ungeeignet wie nur möglich erscheint. Es handelt sich einfach um die echt thra- 
kische Messer- und Schwertform, die «pitTj, welche als [xä^aipa xafiuuXT) beschrieben 
wird, oder um das Opaztxov ?t«o; ijttxajxTC?, wofür Tomaschek, Die alten Thraker I 
119 (Wiener Sitzungsberichte 1893), Belege gibt. Stände jedoch selbst die Bestim- 
mung der Sichel zum Lostrennen der Haut fest, wie Loeschcke behauptet, so fiele 
damit dieses Instrument noch lange nicht aus dem Begriff des Küchengeräts heraus. 

Um weiter bauen zu können, setzt aber Loeschcke an Stelle von Küchengerät 
vielmehr »Opfergerät« und reiht nun Schluß an Schluß: Opfergerät, somit ein Frauen - 
opfer von Thrakerinnen, bei dem Orpheus die Weiber belauscht. Die Rasenden 
halten den Sänger für ihr Opfertier, bringen ihn um mit dem Ritualwerkzeug. Eine 
bisher unbekannte Orpheusmythe wäre damit gewonnen, welche Euripides in seinen 
Bakchen auf Pentheus überträgt und umgestaltet. 

Jedermann sieht, wie leicht dieser ganze scharfsinnige Aufbau wegzublasen 
ist, sobald es sich tatsächlich um Küchengerät und nicht um Opfergerät handelt. 

Zum Opfer braucht man einen Altar und braucht das xavouv; durch diese 
beiden Kultgeräte charakterisieren Vasenmaler um die gleiche Zeit, als die Orpheus - 
bilder entstanden, die unterbrochene Opferung des Herakles durch Busiris (Furt- 
wängler-Reichhold II Tafel 73). Weder von dem einen noch von dem anderen 
Requisit findet sich jedoch in irgendeinem der verschiedenen Orpheusbilder auch 
nur die geringste Spur. Vor allem aber läßt sich erweisen, daß die Waffen der Thrake- 
rinnen wirklich unter normalen Verhältnissen zu nichts anderem dienen, als ein 
leckeres Mittagessen zu bereiten. Da für unseren Zweck der Nachweis genügt, daß 
im vorliegenden Falle keine Opfergeräte gemeint sind, so beschränke ich mich auf 
diesen Gegenbeweis, zumal da er uns Gelegenheit bietet, einige Vasenbilder zu be- 
schauen, die ganz notwendig in diesen Zusammenhang hineingehören. 



F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 



27 




Abb. I. Hydria in Boston. 



Schlechterdings nicht unterzubringen sind in dem neugebackenen Mythos 
zwei Figuren auf der Hydria in Boston 432, von Gruppe mit G bezeichnet, welche 
wir nach dem Titelbild von Robinsons Vasenkatalog in Abb. I reproduzieren, näm- 
lich zwei thrakische Epheben rechts und links am Ende der von beiden Seiten auf 
die Mitte, auf Orpheus zu, stürmenden Halbchöre der Thrakerinnen. Demnach 
stehen beide Epheben dicht nebeneinander am Ansätze des Vertikalhenkels der 
Hydria. Einer der Jungen duckt sich, versteckt sich hinter Gebüsch. Da demnach 
der Maler Charakteristik beabsichtigt, handelt es sich nicht um Lückenbüßer, sondern 
um bedeutsame Gestalten, deren Verwertung die Exegese sich nicht ersparen darf. 
Ich sehe in ihnen thrakische Epheben, die wie auf dem wohlbekannten Krater aus 
Girgenti (Furtwängler, Kleine Schriften H, Tafel 50) sich um Orpheus scharten 
und seinem Sänge lauschten. Beim Hereinbrechen des wilden Weiberheers ziehen 
jedoch die jungen Helden Deckung im Schatten des Waldes vor. 

Die Richtigkeit meiner Auffassung bestätigt sich durch jene weiteren, von 
Loeschcke beiseite gelassenen Vasenbilder, welche einen der Tötung des Orpheus 
vorausliegenden Moment des Mythos als Vorwurf wählen, und welche uns die Version, 
auf welche die Betrachtung der Bostoner Hydria führte, geradezu vor Augen stellen. 
Ich meine damit die Vasen 

a) Hydria in Ronen, zugänglich abgebildet in Roschers Lexikon III, I181. 
Andere Zitate gibt Reinach im Repertoire des Vases I, 403. 

b) Kelchkrater mit Doppelfries in Neapel, Heydemann n. 2889. Verhältnis- 
mäßig am besten abgebildet im Museo Borbonico IX, 12; danach hier in Abb. 2. 

Beide Vasen sind zwar etwas, aber doch nur unbedeutend jünger als die von 
Loeschcke besprochenen, da sie in die Zeit zwischen 460 und 450 gehören, während 
die Bostoner Hydria sich enge mit den jüngsten Werken der »Frau Meisterin« (Furt- 
wängler-Reichhold II S. 308), somit Werken der sechziger Jahre berührt. 

Die Hydria a, welche nur fünf Gestalten Raum bietet, schildert Orpheus beim 
Leierspiel auf dem Pangaion, vor ihm als Zuhörer ein Thraker, der überrascht die 
Hand erhebt, überrascht ohne Zweifel dadurch, daß er eine bewaffnete Thrakerin 
heranstürmen sieht, die auf der Vase, halb vom Henkel verdeckt, das Bild links 
abschließt. Dem Weib gegenüber am entsprechenden Platze rechts steht dagegen 
eine zweite Thrakerin mit Speer, völlig ruhig, indem sie auf Orpheus blickt. Ich 



28 



F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 



denke sie mit überwältigt und gebändigt von Orpheus' Zaubersang, so wie Ovid 
in den Metamorphosen XI, 15 ff. erzählt, die auf den Sänger geschleuderten Steine 







Abb. 2, Krater in Neapel. 



seien vor ihm zu Boden gefallen, abgeprallt, gebannt durch seinen Sang, solange 
nicht das Gekreisch der Weiber seine Stimme übertönte. Unmittelbar hinter Orpheus 
schaut ein Waldteufel von Satyr dem Vorgang zu, mit dem linken Unterarm auf 
einen Felsen gestützt, wenn nicht ein Baumstumpf gemeint ist; er deutet den Berg- 



F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 2Q 

wald als umgebende Landschaft an; man möchte ihn für einen Urgroßvater des 
praxitelischen Satyrs halten. 

Der Wert dieses rohen und stark gekürzten Bildes beruht darin, daß es zwingt, 
auf Krater b die in zwei Streifen zerlegte Darstellung als Einheit zusammenzu- 
fassen, was nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden dürfte, da Krater mit Doppel- 
streifen sich keineswegs regelmäßig auf einheitliche Szenen beschränken. Hier auf 
b umringt den Orpheus ein reicheres Publikum von Thrakern, alle noch ganz hin- 
gegeben an die Laute des Sängers. Nur einer von ihnen, fast noch ein Knabe, flieht 
linkshin, indem er zurückblickt, offenbar dahin, wo er die von rechts herbeistürmen- 
den Weiber mit ihren Waffen sieht, die notgedrungen in den unteren Fries geschoben 
wurden; mit der Rechten aber weist der Junge vorwärts, doch wohl auf ein Ver- 
steck, das er auch seinen Kameraden empfiehlt. Damit dürfte meine Auffassung 
der beiden Epheben auf der Bostoner Hydria bestätigt und zugleich erwiesen sein, 
daß auch in der von Loeschcke behandelten Klasse von Orpheusvasen das Weiber- 
heer den Sänger im Kreis seiner thrakischen Freunde überfiel. Zwischen Loeschckes 
Gruppe und den beiden von mir hinzugefügten Stücken besteht demnach zwar ein 
Unterschied in der Wahl des Moments, nicht aber in der Ausgestaltung des Mythos. 

Den unteren Fries füllen fünf Weiber mit ihren Waffen, und zwischen sie schiebt 
sich eine Wiederholung des ängstlichen Jünglings vom oberen Streifen; möglich, 
daß der Maler an einen verräterischen Denunzianten dachte. Unter den Thrake- 
rinnen trägt eine ein Paar Akontia, eine andere aber, genau wie bei der Darstellung 
des Mordes, den bekannten Bratspieß. Den Hammer einer dritten lasse ich beiseite, 
weil den stillosen Abbildungen nach auch ein Doppelbeil gemeint sein könnte. Für 
die Auffassung wird aber entscheidend, daß zwei der Thrakerinnen den mächtigen 
hölzernen Stößel herbeischleppen, mit dem Hausfrauen das Korn im Mörser zu Mehl 
stampfen (Blümner, Terminologie I^, i8). Die Mörserkeule Hegt der Frau, wie wohl- 
bekannte Bilder der IHupersis erweisen, als Waffe besonders nahe. Dieser Stößel hat 
nun aber mit Zeremonien des Kultus ganz sicher nichts zu schaffen, sondern er ist 
ein Haushaltutensil. Da Bratspieße, Hammer und Messer mindestens zur gleichen 
Kategorie gehören können, so dürfen wir sämtliche Attribute der Thrakerinnen, 
mit Ausnahme der Speere und Steine, für nichts anderes erklären als für Küchen- 
gerät. Und bei der nachgewiesenen Identität des in beiden Vasengruppen behan- 
delten Mythos gilt diese Bestimmung auch für die Waffen der Weiber in der von 
Loeschcke behandelten Gruppe. Wenn es sich aber dort nicht um Opfergerät handeln 
kann, so bricht die kühne Hypothese unrettbar zusammen. Kein Euripides fand 
jenen Orpheusmythos vor, welcher erst im Jahre 1913 auf Grund der euripideischen 
Bakchen konstruiert wurde: kein alter Mythos wurde entdeckt, sondern ein 
Märchen geschaffen, das allerneueste von archäologischen Märchen. 

Der von sämtHchen hier genannten Vasenbildern behandelte Mythos behält 
also die Form, welche ich zum Teile schon im Text zu Furtwängler-Reichhold HI 
S. 108 erschlossen habe. Durch Sang und Lautenspiel zwingt Orpheus die männlichen 
Thraker derart in seinen Bann, daß sie nur mit ihm und für ihn in den Bergen des 
Fangaion leben wollen. Er sang ihnen, wie dort genannte Vasenbilder aussagen, 



30 



F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 



von Liebe, aber nicht von Liebe zu Mädchen und Frauen. Darob der Grimm ver- 
nachlässigter Weiber. Sie rotten sich zusammen, greifen zu den Waffen, die ihnen 
am nächsten Hegen, namenthch also zu den Werkzeugen ihres Berufs; ergreifen alles, 
was in Küche und Haus zu Marterzwecken sich eignet, greifen zu Steinen, die sie 
am Wege finden, zu Speeren, welche sie als reitende Halbamazonen (Röscher 1186) 
kaum zu entlehnen brauchten, überfallen den Sänger mit seinem betörten Gefolge 
und laben sich nun daran, den Verführer die Gleichgültigkeit der Männer gegen ihre 
Reize grausam büßen zu lassen. Der Dichter schilderte die männlichen Thraker nicht 




Abb. 3. Stamnos in Boston. 

mit schmeichelhaften Farben, da des Orpheus Anhänger keinen Versuch wagen, für 
ihren Freund einzutreten, sondern feige sich verstecken, bis die Wut der Weiber durch 
des Sängers Tod sich abkühlt. Ohne Zweifel haben die Thraker nun gelernt, dem 
höheren weiblichen Willen sich zu fügen. 

Nur diese Form der Rekonstruktion wird der von mir schon früher ausge- 
sprochenen Beobachtung gerecht, daß Vasenbilder der ersten Hälfte des 5. Jahr- 
hunderts männliche Thraker stets als Freunde, Thrakerinnen aber konstant als 
grimmige Feinde des Sängers kennen. 



Anhangsweise wiederholt Loeschcke ohne neue Argumente eine Ansicht, welche 
Edward Robinson schon vor 20 Jahren in seinem Katalog der Bostoner Vasen 
drucken ließ, daß nämlich der Stamnos 419 des Fine -Arts-Museum (Abb. 3) den 
für Aigisths Ermordung geschaffenen Bildtypus zur Darstellung von Orpheus' Tod 
mißbrauche. Wie Robinson, so verweist auch Loeschcke nur für die rechte Bild- 
hälfte, für Orestes, Aigisthos und Elektra der Originalfassung, auf die Analogie 



F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 



31 



des Berliner Stamnos 2184 (Abb. 4). Für die beiden Figuren links, die einen Hammer 
gegen Orestes' Haupt schwingende Mutter, und für Fylades — der jugendlichen 
Erscheinung wegen kann Talthybios nicht in Frage kommen — , welcher Klytai- 
mestras Arm mit ihrem Beil aufzuhalten sucht, versäumten aber beide Herren einen 
Krater mit Stangenhenkeln in Bologna (Pellegrini, Vasi Felsinei n. 230; unsere 
Abb. 5 mit Erlaubnis des Verlages Bruckmann aus Furtwängler-Reichhold H S. 78) 
beizubringen, der zwei vollkommen übereinstimmende Gestalten enthält. 

Demnach besteht das Vasenbild in Boston aus zwei Gruppen, von denen jede 
für sich in einer unanzweifelbaren Darstellung vom Tode des Aigisth wiederkehrt. 




Abb. 4. Stamnos in Berlin. 



Vier von seinen fünf Gestalten kopieren nicht mehr und nicht weniger treu als üblich 
das Aigisthosbild, aus dem die beiden soeben genannten Vasen je eine Gruppe aus- 
ziehen. Um das Bostoner Bild anders als auf die Ermordung des Aigisthos zu deuten, 
bedürfte es also wirklich zwingender Gründe. Genügt aber hierfür die Variante in 
der Figur des Aigisthos.? Er ist hier nicht als König auf dem gestohlenen Thron, 
nicht im Alter eines Herrschers, sondern bartlos dargestellt, und er führt gar ein 
seinem neuen Beruf so wenig angemessenes Attribut wie eine Leier. Genügt das, 
um die doch wahrhaftig nächstliegende Deutung, welche bei den Vorbildern außer 
Frage steht, auszuschließen? 

Man mache sich zunächst die Summe von Torheiten klar, welche der Maler, 
wenn er wirklich an Orpheus dachte, auf sein Gewissen geladen hätte. Die Szene 
wäre vom Pangaiongebirge in ein Megaron verlegt. Orpheus würde erstochen von 
einem Thraker (im Vorbild Orestes), bei dem auch die leiseste Andeutung von Natio- 
nalkostüm vergessen wäre, und doch fällt der Sänger in den zahlreichen künstle- 



32 



F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 



rischen wie literarischen Darstellungen niemals durch einen Mann, sondern* stets 
durch Weiberhände. Eine Thrakerin (Klytaimestra) würde mit ihrem Beile nicht 
nach Orpheus' Haupt, sondern auf den Kopf des gefälligen Bundesgenossen zielen j 
ohne jede Waffe in der Hand ginge eine zweite Thrakerin (Elektra) dem Feinde 
zu Leibe. An eine solche Häufung von Mißverständnissen glaube wer kann. 

Wodurch wird es denn aber ausgeschlossen, daß sich einmal ein Grieche den 
weichlichen, selbst für Meuchelmord zu feigen Aigisthos, welcher das noch warme 




Abb. 5. Krater in Bologna. 



Herz der alternden Königin gewann, als jungen Fant vorgestellt hätte, der an nichts 
Ernsteres denkt als an Musizieren.? Bei meiner Lösung liegt lediglich eine selb- 
ständige, aber keine unverständUche Auffassung des Aigisth vor, eine Auffassung, 
welche das VerächtHche dieses Königs von seiner Frauen Gnade prägnanter, farbiger 
aufträgt. Ein Schritt vom Weg der bildlichen Tradition — ja. Jedenfalls aber ließe 
sich für eigenartiges Durchdenken des Stoffes, für Brechen mit der bildlichen Tradition 
leichter ein anderes Beispiel aus attischen Vasenbildern beibringen als für ein so 
völliges Verkennen der Situation, der Handlung und ihrer Motive, wie es Robinson, 
und folglich auch Loeschcke, bei seiner Lösung dem Maler in die Schuhe schieben 
muß. 



Rom, November 1913. 



Friedrich Hauser. 



E. Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. -55 

DER KLAZOMENISCHE POLYXENASARKOPHAG UND 
DIE VASE VAGNONVILLE. 

Vor dem klazomenischen Polyxenasarkophag in Leiden hatte ich mir im Jahre 
1907 notiert und skizziert, der Tymbos werde von zwei Sphingen bekrönt, die einander 
gegenüber auf einer knappen Stufe säßen, die Schwänze schleifenförmig hochgeringelt. 
Die rechte Sphinx scheint mir auch auf der Tafel Jahrb. XXVIII 1913, 3 deutlich. 
Ich würde diese Reisenotiz nur den Leidner Kollegen brieflich zur Prüfung vor- 
gelegt haben, wenn nicht Hauser a. a. 0. 274 dort, wo ich zwei Sphingen sah, loderndes 
Feuer erkennte und damit auf die Frage des Tumulus über brennendem Scheiter- 
haufen zurückkäme ^). Diese Frage bedarf aber der gemeinsamen Aufmerksamkeit 
der Fachgenossen, damit wir aus der Aporie herauskommen, die Robert, Hermes 
XLIX 1914, 21, I, feststellt — denn auch diese, an glänzenden Lösungen so überreiche 
Abhandlung macht vor der Vase Vagnonville Halt. Ich stelle mich durchaus auf 
den Standpunkt von Robert und gebe natürlich meine Reisenotiz, daß auf der Vase 
Granatäpfel am Sockel des Tumulus dargestellt seien, preis gegenüber der genauen 
Untersuchung des Originals durch Durm, Hauser und Kern ^). So gern ich mich 
nun in die Reihe stellte, an deren Spitze der Altmeister Brunn steht, und so ungern 
ich mich gegen Hausers Autorität wende — ich kann so wenig wie Robert die Frage 
des brennenden Tumulus für gelöst halten. 

Durm und Hauser vertreten Auffassungen, die von der Engelmannschen wesent- 
lich verschieden sind. Engelmann nahm an, daß über jenen tiefen Brandgräbern 
mit Luftrinne Grabmäler errichtet werden konnten, aus welchen nach der Fertig- 
stellung noch Flammen herausschlugen. Meine Bedenken dagegen führt er in seinem 
Schlußwort nicht mehr auf Begriffstutzigkeit zurück; er habe nicht 'die ganze Grabes- 
frage' aufrollen gewollt. Dies ist aber doch die methodische Forderung, wenn man 
eine singulare Grabdarstellung erklären will: man muß den Ausgrabungsbefund 
übersehen und das, was vergleichbar erscheint, nicht nur andeuten, sondern die 
praktischen Möglichkeiten scharf durchdenken. Daß dies bei Engelmanns Vor- 
schlag zu keinem brauchbaren Ergebnis führt, glaube ich gezeigt zu haben, und 
ein Kenner attischer Gräber wie Pernice hat mir zugestimmt 3). 

Seitdem ist die Frage durch Durm und Hauser sehr vereinfacht worden. Hauser 
betrachtet den Tymbos nicht als massiven Aufbau über einem unterirdischen Grab- 
schacht, sondern als eine Art Verbrennungsofen wie ein Kohlenmeiler — also etwas 
ganz Ähnliches wie die Töpfer- und Hochöfen auf den korinthischen Pinakes 4). 

■) österr. Jahresh. XI 1908 Beibl. 107 ff., dort auch die Klarheit des Inhalts beeinträchtigt 

die weitere Literatur. Daß mein Manuskript haben. 

anders aussah als das, was gedruckt ist, kann ') Durm, Österr. Jahresh. XII 1909 Beibl. 209 ff. 
sich der kundige Leser denken; ich habe schheß- Hauser a. a. 0. Kern bei Robert a. a. 0. 
lieh nur mein Reichsdeutsch zur Not hergestellt, 3) Gercke und Norden, Einleitung in die Alter- 
obwohl die redaktionellen Änderungen der Form tumswissenschaft II 63. 

4) Z. B. Ant. Denkm. I T. 8, i, 4, 12, 19 b, 22; II T. 40, 21 a. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 3 



24 E- Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. 

Dies ist eine technisch klare Auffassung, aber sie wird durch die Funde in keiner 
Weise bestätigt; vielmehr steht sie in einem eigenartigen Gegensatz zu ihnen. 
Wir hätten in den Darstellungen tumulusförmige Verbrennungsöfen, zum Teil sogar 
mit Epithemen darauf, in Wirklichkeit aber nur massive Tumuli über zugeschütteten 
Grabschachten. 

Dies müßten wir freilich als merkwürdigen Zufall hinnehmen, wenn Hauser 
wirklich zwei Darstellungen nachgewiesen hätte, in welchen Flammen aus den Kuppen 
von Tumuli herausschlügen. Das scheint mir aber sehr zweifelhaft. Auf dem klazo- 
menischen Sarkophag glaubte ich, ebenso unbefangen wie einst Brunn gegenüber 
der Vase Vagnonville, zwei Sphingen zu erkennen und sehe auch an der Abbildung 
keine Flammen; und auf der 'tyrrhenischen' Amphora mit dem Opfer der Polyxena 
sehe ich nur einen niedrigen Grabhügel oder Grabaltar, auf dem ein Opferfeuer 
brennt '). 

Ähnlich und doch im entscheidenden Punkte anders ist die Auffassung von 
Durm, an die sich Hauser nicht erinnert zu haben scheint. Durm scheidet nämlich 
sachlich scharf, wenn auch im Ausdruck nicht sehr glücklich, zwei ganz verschiedene 
Dinge: einen überirdischen Feldbrandofen zur Verbrennung der Leiche, d. h. einen 
mit Lehm ummantelten Scheiterhaufen mit Luftzügen und Schürlöchern unten, 
und einen später über den Resten massiv aufgeschütteten Tumulus mit Stützmauern 
am Rand, den er sich von wesentlich größerem Durchmesser als 'die Feuerstelle' 
denkt. Auf der Vase Vagnonville erkennt er nun keineswegs einen brennenden Feld- 
brandofen oder gar ein seiner Auffassung nach undenkbares Doppelwesen aus Scheiter- 
haufen und Tumulus, sondern — und das ist das wesentlich Neue, womit er sich 
prinzipiell auf meine Seite stellt — einen richtigen massiven Tumulus, an dessen 
Sockel das Motiv der Schürlöcher des darunter begrabenen zusammengesunkenen 
'Feldbrandofens' rein dekorativ verwendet sei ^). Der bienenkorbförmige Tymbos 
wäre also die monumentale Verewigung des ummantelten Scheiterhaufens — ein 
anregender Gedanke, der Nachprüfung im Zusammenhang der Formenreihe: Konus, 
Omphalos, Steiltymbos, flacher Erdkegel verdient. Dafür ist hier nicht der Ort, 
so wenig wie auf die zu weitgehenden architektonischen Folgerungen, die Durm 
daran anschließt, eingegangen werden kann 3). Dagegen ist der Wunsch zu äußern, 
es möge bei künftigen Grabungen genau beachtet werden, ob auf Verbrennungs- 
plätzen oder ebenerdigen Brandgräbern unter aufgeschütteten Denkmälern Reste 
des Durmschen Feldbrandofens kenntlich sind. 

Hier ist der schwächste Punkt der ansprechenden Durmschen Hypothese: 
die Reste des Lehmmantels hätten auch früher kaum übersehen werden können; 

') Journ. hell. stud. XVIII 1898 T. 15 = Röscher, scheidenden, von seinem Wege abführenden 

Mythol. Lexikon III 2737. Vgl. attische Weih- Folgerungen daraus zu ziehen, 

reliefs, z. B. Röscher I 2499, 2559, dies besser 3) Nur zum Mausoleum von Halikarnass sei be- 

bei Blinkenberg, Arch. Studien T. i. merkt, daß Podientempel und Stufenpyramide 

') Diesen Gedanken hatte er offenbar Engelmann zu verbreitete Formen sind, um hier materia- 

mitgeteilt, der ihn streift, ohne jedoch die ent- listisch gedeutet werden zu können. Bekrönung 

durch Stufen zeigen schon der Obelisk Salmanassars und lyldsche Pfeilergräber. 



E. Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. 2C 

meines Wissens kommen sie aber in den Ausgrabungsbericiiten, die ich freilich nicht 
neu durchsehen konnte, nicht vor; für die großen theräischen Verbrennungsplätze 
kann ich ihr völliges Fehlen bestimmt versichern '). Dazu kommt, daß wir das 
typische attische Brandgrab ja gut kennen: es ist ein richtiges tiefes Grab, zum Teil 
mit jener Luftrinne im Boden und an den Schmalseiten. Hier ist also der Grab- 
schacht selbst der Ofen, dessen Zug man durch geeignete Schichtung des Scheiter- 
haufens sicherstellte; war das Holz zusammengesunken, so konnte man nötigen- 
falls nach dem Prinzip der Herdgrube oder Kochkiste immer noch eine starke 
Glut erhalten. Nur führt von hier kein Weg zu dem flammenden Grabmal, das Engel - 
mann mit diesem Grabtypus verbinden wollte ^). 

Zusammenfassend wäre also folgendes zu sagen: Hausers monumentaler Ver- 
brennungsofen ist technisch denkbar, aber unbezeugt und im Widerspruch mit den 
Funden. Durms Annahme der massiven monumentalen Nachbildung eines schlichten 
Feldbrandofens hat ihre Schwierigkeiten, ist aber zunächst als Arbeitshypothese 
zu begrüßen. Vielleicht gelangen wir mit ihrer Hilfe einmal zum Verständnis der 
Vase Vagnonville. Mag man sich wirkliche Tymboi nur mit dem architektonischen 
Motiv der Schürlöcher, etwa wie auf der Londoner Lekythos 3), nicht aber mit 
Andeutung von Flammen denken, so könnte der Maler der Vase Vagnonville Brand - 
ofen und Tymbos vermengt haben — ein Schwanken der Vorstellung, für das es 
viele Beispiele auf anderen Gebieten gibt; in dieser sonderbaren Darstellung könnte 
sogar irgendeine Absicht damit verbunden sein. 

Auf Hausers Bemerkungen zur Kompositionsweise der klazomenischen Sarko- 
phage gehe ich nicht ausführlich ein, weil das hier sehr viel mehr Worte erfordern 
würde als in meiner zusammenhängenden Darstellung im Handbuch, auf die ich im 
voraus verweise. Nur den Zweifel daran möchte ich äußern, daß uns noch viele solche 
Erfolge beschieden sein werden, wie sie Hausers Interpretationskunst auch hier beim 
ersten Griff erzielt — ■ denn förderlich bleiben seine Bemerkungen über das andere 
Polyxenabild auch dann, wenn ihre spezielle mythologische Fassung sich nicht be- 
währen sollte. Auf dem von Hauser angedeuteten Wege der einheitlichen Erklärung 
des ganzen Bildstreifens mit seinen geflügelten Reitern wird das freilich kaum ge- 
schehen. Mir ist nicht einmal sicher, daß der Maler in seinen Flügelreitern Wind- 
götter sah; denn auf einem anderen Sarkophag sind auch Wagenlenker geflügelt, 
und dort verrät sich die dekorative Absicht: einer von den vier Flügeln füllt den 
Raum über den Armen des Lenkers 4). Bei den Reitern entsprechen die Flügel dem 

') Vgl. Ath. Mitt. XXVIII 1903, 46 f., 52 f. röhre und Schürlöcher und wisse nicht einmal, 

') Durm hat die Frage angesichts des Vasenbildes daß Kalkstein zu Feuerungsanlagen unbrauchbar 

mit der Folgerichtigkeit technischen Denkens sei. Gerade dies hebe ich ja hervor! Durm hat 

angefaßt; damit war sie für ihn erledigt und er sich eben in die absurden Konsequenzen des 

hat gar nicht bemerkt, daß Engelmann und ich Engelmannschen Gedankens gar nicht hinein- 

von etwas ganz anderem sprechen, nämlich von finden können — was mir erfreulich ist, wenn 

tiefen unterirdischen Gräbern mit einem ich auch unschuldig dafür büße. 

Denkmal darüber. Daher tut er mir unbewußt 3) Murray and Smith, Athenian white vases in the 

Unrecht, wenn er meint, ich verwechsle Ofen- Brit. Museum T. 13. 

4) 'E'fTjix. äpx. 1907 T. 9. 



^5 E. Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. 

mit einer Waffe ausholenden Arm in anderen Bildern '). Bei den Pferden muß 
alles Mögliche zur Füllung herhalten: die typischen Hunde, die wenigstens zum 
Wettrennen so wenig passen wie die Hasenjagd am gleichen Ort auf protokorinthischen 
Lekythen, rankende Blüten und Deichselenden, neben den Pferden stehende Menschen, 
endlich fliegende Dämonen, die man zu verschieden benennen könnte, um sie be- 
nennen zu dürfen ^). Winter mag in seiner Feststellung rein formaler Symmetrie 
und Parataxe hie und da zu weit gegangen sein; aber im ganzen stehen die Sarkophag- 
maler doch vorwiegend im Banne jenes Geistes, dessen überwältigenden Ausdruck 
bei den alten Sumeriern uns Ludwig Curtius nahegebracht hat 3). So kam es zu 
jenen Bildern, deren eines Murray wörtlich nahm und für Leichenspiele zu Ehren 
des armen Schachers Dolon hielt. Der sogenannte Dolon kann übrigens sehr wohl 
ein beliebiger 'Kimmerier' sein; wenigstens hat von den angeführten Gründen allzu 
wenig der Kritik standgehalten: ein einzelner nackter Knieläufer namens Dolon 
auf einer korinthischen Vase kann nichts beweisen 4). So vermögen wir von all 
den Gestalten der klazomenischen Sarkophagbilder nur zwei oder drei mit voller 
Sicherheit mythologisch zu benennen: Athena, Polyxena und allenfalls Neoptolemos, 
der sie opfert. Die einzige sichere Szene aus der Heldensage ist der Tod der Polyxena: 
sehr passend auf den Särgen dieser Spätlinge des homerischen Rittertums, ein ferner 
Nachklang der heroischen Menschenopfer am Grabe. 

Basel. • ErnstPfuhl. 

') Z. B. Murray, Terracotta sarcophagi in the 3) Sitz. Akad. München 191 2. 

Brit. Mus. T. I ; Ant. Denkm. I T. 45. 4) Zahn, Darstellung der Barbaren, Diss. Heidel- 

s) Murray a.a.O. T. i, 2, 6: berg 1896, 64 f.; Ath. Mitt. XXIII 1898, 60 f. 



BAALBEK UND ROM, DIE RÖMISCHE REICHSKUNST 
IN IHRER ENTWICKELUNG UND DIFFERENZIERUNG. 

Mit Tafel i — 5 und Beilage i — 5. 

Römische Kunst und römische Reichskunst sind zu einem viel umstrittenen 
Begriff geworden. Die einen wollen gar nichts Römisches anerkennen, selbst die 
Bezeichnung soll aus der Kunstgeschichte verschwinden (Strzygowski und An- 
hang); andere lassen Rom darum gelten, weil sie in ihm nur den spätesten Vertreter 
der hellenistischen Großstadtkunst sehen ohne Eigenart und römischen Eigenwert: 
die römische Kunst sei »Hellenismus in Rom, getragen von Griechen und griechisch 
Geschulten« (Sybel). Besonderen Nachdruck auf die kunstgeschichtliche Be- 
deutung der römischen Kaiserzeit legt Riegl; Träger der Kunst sind auch ihm die 
Griechen. Nur Wickhoff wagt es, eine selbständige Mission des römisch -lateinischen 
Elements anzunehmen, und glaubt sogar den Zeitpunkt bestimmen zu können, in 
dem der Römer den Griechen ablöste in der künstlerischen Weltherrschaft der 
antiken Oikumene ■). An der Schaffung solcher Theorien haben allgemeine Er- 
wägungen einen großen Anteil, in jedem Falle ist das Architekturornament nicht 
gebührend und niemals in dem notwendigen breitesten Ausmaße herangezogen 
worden, um auf Grund sicher bestimmbarer Tatsachen zu einem ebenso sicher 
begründeten Urteil zu gelangen. Bei Riegl und Wickhoff spielen stilistische 
Wertungen und ästhetische Formeln, das subjektivste Element in aller kunstge- 
schichtlichen Forschung, eine überwiegende Rolle und verdichten sich zu kunst- 
philosophischen Systemen; aber das primäre Untersuchungsmaterial ist viel zu spär- 
lich, viel zu wenig in sich klar in seine jeweilige Entwickelungsreihe eingestellt, viel 
zu wenig tragfähig für so weitreichende Schlüsse. So anregend das alles ist, so 
unsicher ist es in seinen Grundlagen, so leichteres Spiel für die Gegner, so gefähr- 
licher für formelgierige Schüler. Andere vergessen in ihren Erwägungen allzusehr, 
daß Rom denn doch eine ganz andere Stellung zum griechischen Osten einnimmt als 
je Antiochia oder Alexandria gegenüber Kleinasien und Hellas und als alle diese 
untereinander im späteren Hellenismus: dort ist wirkUche Kulturgemeinschaft, die 
auf dem stärksten Fundament, der Sprachgemeinschaft, ruht. Rom ist nie so weit 
griechisch geworden, daß es seine Sprache aufgegeben hätte, es hat vielmehr im Westen 
die griechische Sprache aus ältestem Besitz ohne Anwendung von Gewalt ganz natur- 

■) Sybel, Christi. Antike II, Marburg 1909, referiert Orient über die hauptsächlichsten Forschungen 

im einleitenden Kapitel: Hellas, Rom und der und Hypothesen und trägt seine eigenen An- 

schauungen vor (17 ff.). 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. «f 



»8 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

mäßig verdrängt und eine lateinische Welt im Westen der griechischen im Osten ent- 
gegengesetzt. Vom Anfang an war Rom auf dem wichtigsten geistigen Gebiete 
gezwungen und gewohnt, fremde Werte umzusetzen. Das ist grundlegend für die 
ganze weströmisch -lateinische Kultur: nur so gab es eine Möglichkeit, trotz aller 
Hereinnahme griechischen Kulturgutes durch eine gewisse Auswahl stofflich, durch 
Nach- und Umprägung formal eine sich gemäße Selbständigkeit des geistigen Lebens 
und seiner Ausdrucksformen zu wahren, die stärker als alle hellenistischen Zentren 
losgelöst war von ihrem Quellboden: um es so auszudrücken, Rom will keine Fremd- 
wörter, nur Lehnwörter in seinem Formenschatz. Religionsgeschichtlich (z. B. 
Hermes ^ Mercurius) und literargeschichthch (z. B. neuere attische Komödie ^ 
Plautus) ist das längst klarer erkannt als kunstgeschichtlich; aber es verhält sich 
doch ganz gleich hier: Bauten italisch-korinthischen Stils in hellenistischer Zeit sind 
formal so eigenartig, daß sie allem gegenüber, was in den östlichen Mittelmeerstaaten 
geschaffen wurde, eine Sonderstellung beanspruchen, und, was nicht minder wichtig 
ist: diese Sonderformen werden schon damals in die kaum kolonisierten Gebiete 
weitergegeben; Gallia cisalpina, Istrien und Südgallien erhalten schon so früh ita- 
lisch-hellenistische Formen: das Vorkommen des italisch-korinthischen Kapitells 
in Aquileja, Mailand und Lyon spricht klarer als viele Erwägungen '). 

Doch begnüge ich mich hier mit diesem vereinzelten Hinweis; die Aufgabe, 
die ich mir stelle, geht im wes'entHchen auf die Kaiserzeit: das Verhältnis von Ost 
und West, der östlichen Provinzen untereinander und zu Rom und seinen westlichen 
Einflußgebieten an der architektonischen Formensprache zu untersuchen. Das 
Architekturornament verbürgt mir dabei einen doppelten Vorteil; die Datierung 
ist vielfach inschriftlich gesichert, in anderen Fällen aus einer Vielheit von Argu- 
menten nicht bloß stilistischer Natur: Baumaterial, Technik, Inschriftcharakter 
usw., sicherzustellen, so daß für die schließlich übrig bleibenden die stilistische Analyse 
ohne viele Irrtumsmöglichkeiten ihre Folgerungen ziehen kann; was aber besonders 
wertvoll ist, die Reihe der Denkmäler gibt uns einen Maßstab für die Bodenständig- 
keit der Formen, deren wir bei einem beweglichen Kunstwerk niemals von vorn- 
herein sicher sind, da der antike Kunsthandel nicht nur innerhalb des Landes, sondern 
auch, manchmal sogar leichter, über die See von Hafen zu Hafen austauschte. Wenn 
wir nun auch für bestimmte Fälle wüßten, daß z. B. kleinasiatische Künstler in Rom 
tätig waren, so bietet uns die Kenntnis kleinasiatischer Formensprache sofort die 
Möglichkeit, Einsprengsel als solche zu erkennen, andererseits gibt uns die mehr- 
hundertjährige Reihe der Denkmäler in Rom die Sicherheit, daß eine Beständigkeit 
der Formenauffassung und -wiedergäbe besteht, die ihre tiefen Wurzeln im ganzen 
geistigen Charakter Roms hat und darum nicht ohne weiteres durch herzuwandernde 
Künstler grundstürzend beeinflußt werden kann. Diesen tiefen Wurzeln nachzugehen, 
bleibt als letzte, schwerste Aufgabe einer ganz weitausgreifenden Forschung vorbe- 
halten, uns kommt es nur auf die Ausdrucksformen an, und dabei wird sich heraus- 

') Aquileja: Durm, Bauk. d. Etrusk. u. Rom. Mus. Sforz., wahrscheinlich vom röm. Theater; 

Stuttgart '1905 f. 429 zu S. 392; Mailand: Lyon: Bazin, Vienne et Lyon gallo-romain, 

Paris. 1891, 329 f. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 30 

stellen, daß trotz einer grundsätzlichen Einheit des architektonischen Aufbaus in der 
Kaiserzeit, die wir beinahe als Voraussetzung in die Untersuchung einstellen können, 
und allen Wandels, bedingt durch die lange Zeit der Entwickelung, in römischer Zeit 
eine konstant bleibende Trennung in eine griechische Ost- und eine lateinische West- 
hälfte besteht, daß ferner innerhalb dieser zwei Hauptgruppen provinzielle Schattie- 
rungen oft schon früh, jedenfalls immer stärker im Laufe der Entwickelung sich kund- 
geben. Nur nebenbei wird in einzelnen Fällen die vorausliegende späthellenistische 
Zeit herangezogen, die im ganzen und in dem Charakter einer bereits damals stark 
ausgebildeten Differenzierung ein von der Kaiserzeit abweichendes Bild aufweist, das 
keinesfalls aus innerer, unbeeinflußter Weiterentwickelung sich erklären läßt. 

Baalbek ■) habe ich in den Mittelpunkt gestellt, weil es ein ganz besonderes 
Problem der römischen Reichskunst zu beobachten gestattet. Die kunstgeschicht- 
liche Erörterung darüber 2) hat sich bisher in sehr engen Grenzen gehalten, nament- 
lich die Frage der inneren Entwickelung ist kaum gestreift worden. Mit einer gewissen 
Resignation, die schon in den wenigen Bemerkungen von Wood durchklingt, hat 
man den auffallenden Mangel antiker Quellennachrichten trotz der überragenden 
Größe und Wucht der Bauten betont und um so lieber die sonst gewiß nicht weiter 
ernst genommene Nachricht des byzantinischen Chronographen Malalas 3) aufge- 
griffen, daß der Kaiser Antoninus Pius in Heliopolis am Libanon einen großen Zeus- 
tempel gebaut habe, der zu den Weltwundern zählte. Nun ist ohne weiteres klar, 
daß einer solchen Notiz »eines geschichtlichen Volksbuches« 4) nur sehr bedingter 
Wert beizumessen ist, da wir seine Quelle nicht kennen; sie wäre ohne weiteres auf- 
zugeben, wenn anderswie auf sicheren Wegen sich ergebende Tatsachen dazu in 
Widerspruch treten. Bei Bauten von so gewaltigem Umfang und so übermenschlicher 
Größe würde selbst die Bauinschrift eines einzelnen bedenklich machen, ähnliche 
Anlagen wie das Olympieion von Athen und das Didymaion von Milet mit ihrer viel- 
hundertjährigen Baugeschichte mahnen zu größter Vorsicht. Gar leicht versucht 
der Ehrgeiz eines einzelnen sich daran, das Riesenwerk vieler vorhergegangener 
Generationen für sich in Anspruch zu nehmen durch teilweise Fertigstellung und 
Weihung, oder der Ferieget, der irgendwo eine Weihinschrift liest, deutet sie auf das 
Ganze der Bauten, und seine falsche Notiz macht ihren Weg. 

•) Die älteste im wesentlichen unzuverlässige Publi- öffentlichung der Forschungsergebnisse der deut- 

kation durch Wood, Ruins of Balbec, London sehen Baalbekexpedition wird schwerlich früher 

'757; photographische Aufnahmen des Zustandes als in zwei Jahren erfolgen können, wie mir H. 

vor den deutschen Ausgrabungen bei Frauberger, Prof. Winnefeld mitteilt, dem ich für Über- 

DieAkropolis von Baalbek, 1892. Photographien- lassung einiger Aufnahmen zu Studienzwecken 

album vom Zustand nach den Ausgrabungen und Korrekturbeihilfe herzlichst zu danken habe. 
V. Lüpke und Puchstein. Baalbek. 30 Ansichten 3) Chronogr. XI ed. Bonn, p. 280: »"Osti; [Av- 

der Ausgrabungen, 1905. xwvtvo; lifo;] IxTiaev h 'HXiouiiöXei tt]; 'PoivtxTj;, 

') Am wichtigsten die Ausgrabungsberichte Arch. toO Aißavou vaöv T(i) All (i^yotv, 'ha xal aÜTÖv ovra 

Jahrb. XVI (1901), 134 ff. (Puchstein), XVII tiüv SeafxccTmv.« 

(1902) S. 8711. (Puchstein u. Mitarbeiter) und 4) Krumbacher, Byzantinische Literaturgesch. Mün- 

ein kurzes Referat über die ins Berliner Museum chen ' 1897, 325 ff.; es wimmelt bei ihm von 

gelangten Architekturproben ebd. XXI (1906), »abenteuerlichen Verzerrungen und lächerlichen 

Arch. Anz., Sp. 225 ff. (Puchstein). Die Ver- Irrtümern«. 



AQ E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Auch abgesehen von diesen Erwägungen gibt es eine Reihe von tatsächlichen 
Anstößen, die eine längere Baugeschichte vor und nach Antoninus Pius für Baal- 
bek wahrscheinlich machen. Winnefeld hat kürzlich die Zeugnisse für die Geschichte 
des syrischen Heliopolis zusammengestellt und dabei einiges Neue über die kurzen 
Ausgrabungsberichte hinaus mitgeteilt ^): der Name der Colonia Julia Augusta Felix 
Heliopolitana sichert die Aussendung einer römischen Kolonie in der ersten Kaiser- 
zeit; dementsprechend hat man bei den Ausgrabungen wenigstens zwei kleine In- 
schriftfragmente gefunden, die »ihrem Ductus nach augusteisch« sein müssen^). 
Dann fanden sich Inschriften, die vielleicht schon in Claudius', spätestens in Neros 
Zeit gehören, andere in die fiavische, die trajanische und hadrianische Zeit, die weit- 
aus größte Zahl der Ehreninschriften von Statuen, die also auf der Akropolis innerhalb 
des Tempelbezirks aufgestellt waren, stammt aus der Zeit vor Antoninus Pius; es 
sind darunter seit der neronischen Zeit Ehreninschriften für Römer, die namentlich 
militärische Stellungen innehatten; unter Trajan erhielt ein Proprätor Syriens seine 
Ehrenstatue im Tcmpelbezirk; Winnefeld 3) weist mit Recht darauf hin, daß darin 
eine Steigerung des Ansehens des Gottes in der römischen Welt sich kundgibt, wie 
sie für die gleiche Zeit durch eine Anekdote des Macrobius bezeugt war, nach der 
Trajan vor dem parthischen Feldzug im Jahre 115 das Orakel des Juppiter Helio- 
politanus befragt habe. Endhch haben wir sogar eine Kaiserinschrift auf Hadrian, 
der vielleicht um 130 Baalbek besuchte. Da man an der Notiz bei Malalas nicht im 
mindesten zweifelte, so mußte man annehmen, daß diese Statuen »ehemals an einem 
anderen Orte, möglicherweise in dem älteren Heiligtume der heliopolitanischen 
Götter gestanden haben und nach Errichtung des neuen hierher versetzt worden 
seien« 4). Von einem älteren Heiligtume, das man sich immerhin nicht unbedeutend 
würde vorstellen können, wenn Könige und Kaiser zu ihm wallfahrten und ihre 
Statuen dort aufstellen lassen, hat sich indessen bei den Nachgrabungen keine Spur 
gefunden, ein Hinweis darauf, daß das ältere Orakelheiligtum wohl nur ein umfriedeter 
Bezirk mit unbedeutenden Baulichkeiten war; daß das in einer römischen Kolonie 
bis zur mittleren Kaiserzeit möglich gewesen sei, will mir kaum glaublich erscheinen, 
und eine Verlegung des Heiligtums kann man nur mit den allerzwingendsten Gründen 
rechtfertigen. 

Diese Tatsachen waren mir aber gar nicht gegenwärtig, vielmehr erwartete ich 
durchaus Bauten des 2. Jahrhs. zu sehen, als ich durch die Ruinen ging5) und an zu 
Boden liegenden Stücken zuerst, dann, aufmerksam geworden, durchgehends stili- 
stische Unterschiede bemerkte, die sich nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Jahr- 

') Rhein. Mus. N. F. LXIX (1913), 139 ff. kennen zu lernen und durch zahlreiche photo- 

') Arch. Jahrb. XVI (1901), 154. graphische Aufnahmen das für solche Unter- 

3) a. a. O., 143. suchungen notwendige stets bereite, zuverlässige 

4) Puchstein XVI (1901), 155. Vergleichsmaterial zu beschaffen. Es ist mir 

5) 12. bis 14. Nov. 1912. Die zweimalige Verleihung ein herzlich empfundenes Bedürfnis, der seiner- 
des Reichsstipendiums für christliche Archäologie zeitigen Archäologischen Zentraldirektion für 
ermöglichte es mir, alle römischen Provinzen das bewiesene Vertrauen meinen tiefsten Dank 
mit bedeutenderen Architekturresten auf Reisen auszusprechen. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 41 






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Abb. I. Baalbek, Moschee, 





Abb. 2. Alexandria, Museum. 



Abb. 3. Alexandria, Museum. 



A2 E- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Hunderten zu bemessen schienen, und mir für gewisse am stärksten ins Auge fallende 
Formen, die mit dem 2. Jahrh. unverträglich waren, augusteische Bauten im Westen 
die nächsten Parallelen darboten. Waren mir auch nicht für alle Formen Analogien 
gegenwärtig, so wurde ich doch bald fest in der Überzeugung, daß am großen Tempel 
schon die augusteische Zeit gearbeitet haben müsse, während der kleine Tempel und 
die Hof hallen frühestens mit den ersten Jahrzehnten des 2. Jahrhs. eingesetzt haben 
können. 

Selbst die vorrömische, noch hellenistische Zeit fand sich mit einem Stücke ver- 
treten, nicht im Tempelbezirk, sondern in der Großen Moschee') (Abb. i), deren Säulen- 
hallen fast ganz aus verschleppten Schäften und Kapitellen hergestellt sind; in der 
ersten Säulenreihe vom Hofe her fast in der Mitte sticht ein Stück von den übrigen 
ab durch seine besonders gedrungene Gestalt und seine vom korinthischen Typus der 
Kaiserzeit abweichenden Formen: die 8 Kranz- und 8 Hochblätter schließen sich 
fest an den Kapitellkörper; zwischen Je zwei Hochblättern kommen je zwei Helices 
hervor, die äußeren stark, kantig, mit gehöhltem Mittelkanal unterstützen die Ecken 
der Abakusplatte, die inneren dünn und rund steigen bis zur Oberkante des Abakus 
hinauf und verschlingen sich dort in großen Spiralwindungen; die beiden HeUces 
werden von Blattfiedern begleitet, die bis zu den Voluten heraufreichen. Auch die 
freibleibende Fläche über dem mittleren Hochblatt wird durch ein Schmalblatt 
gefüllt. Der Kalathos ist nicht zylinderförmig, eher viereckig mit abgerundeten 
Ecken, ein Kalathoskelchrand ist nicht ausgebildet. Die Abakusprofile sind die 
gewöhnlichen: Hohlkehle und Welle, die Blüte wird durch das Spiel der sich ver- 
schlingenden Innenhelices ersetzt. 

Das Kapitell weicht von der korinthischen Normalform hauptsächlich darin 
ab, daß seine Doppelhelices in sich stark differenziert und nicht in einen Blattkelch 
zusammengefaßt sind, der auf einem Schafte sitzt. Zugrunde liegt der Typus von 
Epidauros, von dem sich Baalbek aber durch die runden Innenhelices und durch die 
begleitenden Blattwedel unterscheidet. Die beiden Blattwedel erinnern an das 
korinthische Normalkapitell, sie dürfen aber wohl kaum als Vorstufe dazu gelten, 
sind vielmehr eher von der dort ausgebildeten Form rückwärts beeinflußt, weil die 
Normalform des korinthischen Kapitells bis ins 4. Jahrh. zurückreicht *). Beide 
Eigenschaften, runde Innenhelices und begleitende Blattfächer, und zwar teils ver- 
eint, teils getrennt in verschiedenen Spielarten, finden sich besonders in Alexandria 3) 
(Abb. 2, 3). Unser Kapitell verbürgt uns neben Petra 4) und Arak el Emir 5) neuer- 
dings, daß die in Alexandria bekannt gewordenen reichen, spielerischen Formen des 

•) Plan bei Thiersch, Pharos, Leipzig 1909, 235 im frühen 3. Jahrh. Kleinasien bzw. die Inseln; 

f. 420; Strzygowski, Amida, Heidelberg 1910, 324 den Nachweis im einzelnen muß ich mir für eine 

f. 271; Berchem-Fatio, Voyage en Syrie, Cairo andere Stelle vorbehalten. 

1914, Taf. 78. 3) Vgl. außerdem Delbrueck, Hellenist. Bauten II, 

ä) Das Kapitell vom Lysikratesdenkmal ist vor- Straßburg 1912, 159 ff. 

läufig die ältest erreichbare Stufe mit allen 4) Chaznet Fir'ün; die besten Aufnahmen jetzt 

Elementen des Normalkapitells, es gab einen bei Dalman, Neue Petra-Forschungen, Leipzig 

zweiten ähnUchen Bau in Athen; dann kommt 1912, Abb. 57, 58, 59; 64, 65, 66. 

5) Princeton Univ. Exped. to Syria II, A i, T. 2. 



^A E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Hohlkehle sitzt das Herzblattornament der lesbischen Welle nach oben gerichtet, 
darüber ein Eierstab, die Abakusmitte ziert ein breit entfalteter Blattfächer von 
Araceenform, dessen Stengel, über den Kalathosrand zwischen den verschlungenen 
Helices hinabkriechend, hinter dem Hochblatt verschwindet. 

Behalten wir dieses Bild fest im Gedächtnis und gehen einige Schritte weiter, 
wo rechts vom Dammwege nahe dem großen Tempel ein zweites Kapitell (Abb. lO B. 2) 
von gleichen Abmessungen liegt, ebenfalls vom Umgang der Ostseite. Nur bei ober- 
flächlichster Betrachtung wird man es dem ersten gleich finden, da es denselben Auf- 
bau zeigt, im einzelnen sind die Unterschiede aber auffallend: hier nur je zwei seit- 
liche Blattlappen und Überfall, der Blattlappen von anderer Form, nicht gehöhlt, 
sondern im ganzen eben, dafür aber jeder der 6 Blattzacken sehr kokett gezeichnet 
von fast herzförmigem Umriß, mit erhöhten Rändern, eingesenkter Mitte und fein 
ausgezogener und gebogener Spitze; eine dünne, tief dunkle, gebohrte, nicht wie dort 
durch Zusammenfaltung entstandene Rille bezeichnet gewissermaßen die Blatt- 
diagonale, nicht wie dort motiviert durch die Aufgabe der Herabführung des Blattes, 
sondern offenbar zur Steigerung des ohnehin soviel mannigfaltigeren Licht- und 
Schattenspieles im Blatte. Auf dem mittleren Blattsteg sitzt kein Fiederblatt, da 
laufen die Rillen aus dem Überfalle aus; die Kranzblätter sind breiter, sitzen darum 
engier, so daß die Hochblätter nicht mehr bis zum Fuße geführt werden können. 
Der Caulis hat statt des Blättchenkranzes einen derben Strickknoten; der Hüllblatt- 
kelch ist ebenso zweiteilig symmetrisch, aber bei Anwendung des Blattcharakters 
der beschriebenen Art viel reicher durchgebildet im ganzen und einzelnen, statt des 
einen glatten, etwas lahmen inneren Lappens dort, zwei einzelne Lappen und ein 
abgesetzter Überfall hier; erhalten sind auch hier nur die Innenhehces, die vergleichs- 
weise etwas dünner und energieloser scheinen, nicht ineinander verschlungen, sondern 
nebeneinandergelegt und durch ein Bändchen verbunden; in der Abakushohlkehle 
sitzen Pfeifen, sonst gleicht sich das übrige: alles in allem, hier bestehen beträcht- 
liche Unterschiede in der Formenbildung bei gleichem Aufbau. Wie sind sie zu be- 
werten, zeitlich und typengeschichtlich, wo und wann findet sich Ähnliches? 

Die Eigentümlichkeiten des ersten Kapitells finden sich vollständig wieder in 
einer Gruppe von Bauten, die der späteren augusteischen Zeit und dem westüchen, 
römisch-lateinischen Kulturkreis angehören. Bauten wie die Augustusbogen von 
Rimini, Aosta und der provinzielle Spätling von Susa bleiben für die Vergleichung 
ebenso außer Acht wie etwa der Tempel von Assisi und andere, die z. T. der augu- 
steischen Zeit zugeschrieben werden, aber älter sind, z. T. ihr zwar zugehören, aber 
Formen spätrepublikanischer Zeit bewahrt haben (z. B. der sogen. Augustus- und 
Liviatempel von Vienne); in Betracht kommen besonders in Rom der Magna-Mater- 
tempel auf dem Palatin, der Mars-Ultor- und der Castortempel, in Pompeji der 
Venustempel und der Tempel der Fortuna Augusta, der Augustus- und der Poseidon- 
tempel und der Sergierbogen in Pola, der Cäsarentempel in Nimes und der Tiberius- 
bogen von Orange. Beginnen wir mit dem Tempel der Fortuna Augusta in Pompeji ') 

')Röin. Mitt. XI (1896), 269 ff., sicher vor 3 n. Chr. behandlung der Kapitelle erklärt sich aus dem 

(Mau); der kleine Unterschied in der Fprm- Fortschritt während des Baues. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS 19 14. 



Beilage 2 zu Seite 44 und 58 f. 




12. Alexandria, Museum. 





11. Vienne, Museum (Phot. Dr. Koch). 




13. Ephesus, Markt. 




14. Milet, Markiior. 



15. Geras, Großer Peripieros (Nordtempel). 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 45. 

und beträchten die Einzelheiten eines Pilasterkapitells (Abb. 7 B. l): man findet 
den vierzackigen zu einem gehöhlten Blattfächer zusammengefaßten Lappen mit 
den ganz glatten flachen Zacken, das breit fußende Blatt, das nur erst mäßig 
gefaltet in schwellenden Höhlungen seine Blattlappen zum Fuße führt, den 
starken Caulis mit den unten leicht gewundenen, oben gerade auslaufenden 
Kannelüren, einen stark betonten, hier einfach ringförmigen Knoten, einen zweiteiligen, 
symmetrisch gebildeten Blattkelch, dessen Lappenbildung der von Kranz- und 
Hochblatt gleicht, Doppelhelices mit bohrerartigen Volutenaugen, die betonte 
Kalathoslippe, glatte Abakusprofile; etwas verschieden ist die Blüte, die ihren 
Stengel in einen unmittelbar auf den Hochblättern aufsitzenden zweiblättrigen 
Kelch hinabsenkt: die grundlegende Ähnlichkeit besteht in der Bildung der Lappen 
und Zacken, des Caulis und der Hüllblattkelche. Die Stufe, die dem Augustustempel in 
Pompeji stadtrömisch entspricht, vertritt der Magna-Matertempel auf dem Palatino) 
besonders in der breiten, nirgends stärker gefalteten Form der Akanthusblätter. Das 
Kapitell ist freilich ziemlich stark mitgenommen, auch fehlt uns die letzte Schicht der 
Oberflächenbearbeitung, da ja das grobe dunkle Peperinmaterial mit Stuck verkleidet 
war. Ganz besonders interessant und lehrreich für die Geschichte der augusteischen 
Baukunst ist der Cäsarentempel inNimes^) (Taf. HI, 2). Ganz wie am Augustustempel 
in Pompeji kann man an ihm den Fortschritt in der Formenbehandlung während der 
Zeit der Ausführung beobachten. Geht man an der Ostseite, von Norden beginnend, 
entlang, so bieten sich uns zuerst korinthische Kapitelle mit ganz flach gelegten Blättern, 
der Caulis ist schräg mit wenig gehöhlten Kanälen, die sich an einem starken Knoten 
aufbiegen, der wie in Baalbek als hängender Kelchkranz von kurzen verbundenen 
Blättchen gebildet ist und ungefalteten, zweiteiligen Hüllblattkelchen; mit dem zweiten 
Kapitell in Baalbek haben sie im Abakus Pfeifen und Eierstab gemein. Je weiter wir 
uns der Front nähern, desto mehr bemerken wir eine fortschreitende Lebendigkeit 
der Formengebung, die ihren höchsten Grad an dem vorletzten Säulenkapitell in der 
Vorhalle erreicht; da sind die Lappen stark gefaltet, vier Parallelrillen treten auf , in 
Zusammenhang damit sind die Stege zwischen den flachen Kanälen am Caulis gebohrt, 
so auch die Stege zwischen den Pfeifen im Abakus, im ganzen eine viel lebhaftere 
Licht- und Schattenwirkung. Die Süd-, West- und Nordseite hält sich auf der Stufe 
der älteren Kapitelle; da alle Ornamente am fertigen Bau ausgeführt wurden, können 
wir den starken Fortschritt, den man in immerhin kurzer Zeit machte, gut beobachten, 
und da die Weihung rund in die Wende der Zeit fällt, können wir die Zeit der Aus- 
führung dadurch bemessen, ' daß das letzt beschriebene Kapitell zeitlich eng mit dem 
vom Tiberiusbogen in Orange 3) (Abb. 8 B. l) zusammengeht. Die Blätter und Hüll- 

•) Rom. Mitt. X (1895), 3 ff- (Hülsen): es ist zweifei- Stilistisch älter und etwa mit dem Castor- 

los, daß wir in dem erhaltenen Bau nicht den der tempel gleichzusetzen ist wohl, wenn man nach 

Zensoren M. Livius Salinator und C. Claudius Nero einem kleinen Kapitellfragment und vor allem 

vom Jahre 204, sondern den augusteischen Um- nach den prächtigen Ranken (s. u.) urteilen 

bau haben (Richter, Topographie der Stadt Rom, darf, der Augustustempel von Tarragona (Puig y 

München 1901, 135 f.). Cadafalch, Arquit. roman. a Catalunya. Barcelona 

') de Laborde, Mon. de France I. 1909, 207 f. 230, vom J. 15 p. nach Tac. 

3) Caristie, Mon. d'Orange, Paris 1856, Taf. 11. Ann. I, 78). 



^5 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 



blattkelche weisen den gleichen Grad der Faltung auf, gleich sind die Rillen im Caulis, 
Pfeifen und Eierstab im Abakus, nur die Umbildung des Caulisknotens zum Blättchen- 
kclch ist weiter gediehen, und ein charakteristisches Detail ist hinzugekommen, das 
uns mehrfach in der später-augusteisch -tibcrianischen Zeit begegnet, Blattfieder, die 
die Helices auch von oben einfassen. Das verbindet Orange mit den Bauten in 
Pola'); der Augustustempel ist jedoch älter und stellt sich besser zu den stadt- 
römischen Augustusbautcn um die Zeitwende: die Faltung des Akanthusblattes am 
Sergierbogen (Abb. 9 B. i ) in Kranz- und Hochblättern und in den Hüllblattkelchen, 
dazu die Fiederblätter, die die Helices von oben ganz umhüllen, geben dem Kapitell 
ein Übermaß von bewegter pflanzlicher Dekoration, die den Kalathos gänzlich über- 
wuchert, auch der Kelchschaft trägt statt des Knotens hängende Blättchen; die um- 
bohrten Pfeifen und der Eierstab im Abakus sind recht wirkungsvoll behandelt, es 
ist die letzte Form der augusteisch -julischen Epoche, die sich an Denkmälern ver- 
folgen läßt. 

Damit sind wir über die Zeitstufe unseres Baalbeker Kapitells schon hinaus- 
gekommen; kehren wir nach Rom zurück, so bringen uns die beiden noch teilweise 
erhaltenen Augustusbautcn in Rom in die unmittelbarste Nähe unseres Kapitells: 
der Castortempel') (Abb. 6 B. i) hat die weichen, gehöhlten Lappen mit den wenig 
eingeschnittenen Zacken und den vorschwellenden Pfeifen, das Blatt ist so schonungs- 
voll behutsam gefaltet, als müsse man auf die zarte, natürliche Struktur achten, um 
es nicht zu knicken; wie sehr sich darin die frühe Kaiserzeit schon von der f lavischen 
und allen späteren Epochen unterscheidet, werden wir bald sehen: der ganz kräftige 
Caulis mit kaum merkbar gewundener Kannelüre läßt die Kanäle umbiegen zu über- 
hängenden Blättchen, auf die Stege ist von oben her je eine Eichel aufgelegt, darüber 
sitzt noch einmal ein fester geriefelter Ringknoten. Der Hüllblattkelch zeigt bei 
zweiteilig symmetrischer Anlage die Verwendung eines mehr palmettenartigen 
Blattes, wie es auch am Kapitell des Konkordiatempels 3) und des Tempels von 
S. Urbano alla Caffarella bei Rom begegnet. Was das Kapitell weiterhin aufs engste 
verbindet mit Baalbek, ist, daß auch hier die Innenhelices sich durcheinanderschlingen 
und die Volutenaugen stark bohrerartig herausgezogen sind ; über den Eckhelices liegt 
ein Fieder, in der Abakushohlkehle verbreiten sich Ranken, die von einer Zwickel- 
blüte ausgehen (ein wichtiges Motiv, das aber hier nicht besprochen werden kann); 
darüber sitzt, wie gewöhnlich, der Eierstab. Der Mars-UltortempeH) (Abb. 5 B. i), in 
der Stufe der Blattfaltung Baalbeck gleich, hat auch noch das bezeichnende Merkmal 
des auf die Mittelrippe aufgelegten Sägeblattes, das meines Wissens hier zuerst be- 
gegnet, dagegen sind die Blattzacken stärker individualisiert, dadurch daß sie sich 
mit erhöhten Rändern gegeneinander absetzen; andererseits weist namentlich der 
zweiteilige Hüllblattkelch die bezeichnendste Ähnlichkeit mit Baalbek auf; der 

') Augustustempel: Noack, Bauk. d. Altertums, 500 f. 912; die Kapitelle sind sicher augu- 

Taf. 75; Durm 585 f. 661; Sergierbogen: Rossini, steisch. 

Archi trionfali Taf. 8. 3) Meurer, Vergleich. Formenlehre d. Ornam. 

') Noack Taf. 79; Springer -Michaelis, 9 1911, Dresden 1909, 424 f. 8. 



4) Springer-Michaelis, 459 f. 842. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickeliing und Differenzierung. 47 

Abakus bleibt schmucklos. In der Zackcnbildung nächst verwandt mit dem Mars- 
Ultortempel ist der AugustustempelinPola, mit Baalbek verbindet ihn die gewundene 
Kannelierung des Caulis und der Strickknoten darüber, die Bildung seines HüUblatt- 
kelchcs mit etwas übergreifendem Innenblatt weist in die Zukunft ; in die unmittelbarste 
Nähe dieses Kapitells gehört endlich das oft abgebildete Kapitell im Thermenmuseum '), 
mithin in die augusteische Spätzeit. Lesbische Blattdekoration (und allerdings auch 
lesbisches Profil, dieses ganz ungewöhnlich unter Perlstab und Eierstab) hat im 
Abakus das Kapitell des Concordiatempels. 

In diesen Kreis und in diese Zeit stellt sich unser erstes Kapitell von Baalbek 
so vollkommen sein, daß gar kein Zweifel darüber aufkommen kann, daß es auch 
wirklich da hineingehört. Machen wir aber die Gegenprobe und stellen es Kapitellen 
der antoninischen Zeit im Westen und im Osten gegenüber '). In Rom kommt da 
der Antoninustempel 3) zuerst in Betracht, der in seiner Formengebung von Pantheon 
und sogen. NeptunsbasiUka 4) und selbst den späteren Teilen des Trajansforums 
kaum abweicht. Der Aufbau ist schlanker, gestreckter, die Blätter schmaler und 
höher, die Lappen, die herabgeführt werden sollen, müssen enger zusammengedrängt 
werden und gehen in Rillen über, aber Rillen und Stege sind nicht mehr eingesenkt 
und vorgewölbt, sondern von der ebenen Stegfläche sind die Rillen eingebohrt mit 
scharfwinkligen Kanten, auch durch das auf die Blattmitte aufgelegte Sägeblatt ist 
eine Längsrille gelegt. Der Caulis ist gerade, hoch und freigestellt, nach oben sich ver- 
dickend; die flachen Kannelüren verlaufen gerade und sind umbohrt; sie fallen oben 
als hängende Blättchen über, dann folgt ein durch dunkle Rillen nach unten und oben 
abgesetztes Scheibchen, darüber ein aufwärts gehender Kranz von reich gezackten 
Blättchen: also eine dreiteilige, stark aufgelöste Form. Noch verschiedener ist der 
Hüllblattkelch, durch ein ungemeines Überwiegen des Eckhüllblattes, das in Fort- 
führung der Tendenz vom Augustustempel in Pola seinen untersten Lappen über den 
des Innenhüllblattes übergreifen läßt und in die Mitte schiebt, — eine ungemein charak- 
teristische Entwicklung, die sich von der spätaugusteischen Zeit an Schritt für Schritt 
verfolgen läßt bis zur Vollendung in antoninischer Zeit, wo aus dem zweiteiligen 
Hüllblattkelch ein dreiteiliger mit einem zentralen geradestehenden Blattfächer 
geworden ist, in der Konsequenz dieser Entwicklung hat man einen sicheren Grad- 
messer für die zeitliche Einstellung des weströmischen korinthischen Kapitells. — 
Über dem mittleren Hochblatt sitzt in Ausgestaltung einer Kelchform vom Mars- 
Ultortempel, die eine Verbindung mit der Abakusblüte herstellt und noch in flavischer 
Zeit hart und streng ist, ein reiches Gebilde: zuerst ein hoch geschlossener Doppel- 
kelch mit weit nach außen überfallenden Blattspitzen, daraus hebt sich ein dünner 
Stengel, der gleich ein überhängendes Ringblättchen ansetzt, darauf sitzt endlich 



') Noack Taf. 80 a; Ronczewski, Motive in d. röm. 3) Noack Taf. 78 a; Fragm. d'archit. antique ed. 

Baukunst, Riga 1905, 52 f. 90; Durm f. 428 zu Baudry, T. 28 (Ginain). 

S. 392. 4) Pantheon: Ronczewski 54 f. 92 nach Daumet 

') Vgl. dazu Athen. Mitt. XXXIX (1914), Taf. II, bei d'Espouy; Neptunsbasilika : Springer-Michae- 

3, 4 u. S. 20 f. lis, 506 f. 922. 



^S ^ Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 




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eine lange maiskolbenförmige Ähre, die am Kalathosrand die Rosettenblüte im 
Abakus erreicht; die Veränderungen betreffen fast alle Teile des Kapitells, alles 
ist reicher, effektvoller, unruhiger geworden. Die ganze Entwicklung des Blatt- 
charakters vollzieht sich aber bereits in der späteren julisch-claudischen Zeit, und 
nichts ist lehrreicher dafür, als mittel- und noch spätaugusteische und tiberianische 

Formen des Akanthusblattes und der 
Hüllblattkelche verglichen mit flavi- 
schen, etwa vom Kaiserpalast auf dem 
Palatin (Abb. l6). 

Für den Osten haben wir ein da- 
tiertes Beispiel an den Propyläen von 
Geras, die den großen Peripteros mit 
der unterhalb liegenden großen, nord- 
südlichen Säulenstraße verbinden; sie 
sind auf 150 datiert'). Ziehen wir ein er- 
haltenes Pilasterkapitell (Abb. 18 B.3) 
zum Vergleiche heran, so ergeben sich 
grundlegende Unterschiede: Die Akan- 
thusblätter *) haben ein ganz anderes 
Aussehen als bei den bisher bespro- 
chenen weströmischen Denkmälern; die 
fünfzackigen Blattlappen sind nicht 
gehöhlt und greifen nicht über, sondern 
liegen in gleicher Ebene, aber jeder ein- 
zelne Zacken ist tief ausgehoben und 
setzt sich mit scharfen Rändern gegen 
den andern ab, durch die längste mitt- 
lere Zacke ist eine tiefdunkle Rille ge- 
bohrt; auch die Stellung der Lappen zur 
Blattachse ist eine andere; sie sitzen 
stärker senkrecht dazu, darum wird 
auch die Rillenführung eine grundver- 
schiedene, im weströmischen Kreis bilden 
sich die Rillen erst in der innersten 
Lappenhöhlung und können bei der stark vertikalen Stellung der Blattlappen 
ohne Umbicgung hcruntergeführt werden; so kommt es, daß dort bis zu 9 Rillen 
parallel und senkrecht abwärts nebeneinanderlaufen, während hier die Rillen in 
der äußersten Blattspitze einsetzen, schräg hereinschwingen, dann aber wegen der 
tief einschneidenden Lappenösen und, um keinen unschönen Knick zu bilden, 
ganz nahe aneinander auf den mittleren Blattsteg auflaufen; für das nächst höhere 
Rillenpaar bleibt so keine Möglichkeit bis zum Fuße herabzukommen, und so 




Abb. 16. Rom, Palatin. 



") Arch. Jahrb. XVII (1902), 106, 34. 

') Statt des stark beschädigten Klasterkapitells 



betrachte man hierfür ein Säulenkapitell vom 
Nordtempel selbst (Abb. 1 5 B. 2). 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 40 

läuft auf dem Stege Rillenpaar über Rillenpaar sich tot; der Gegensatz wird 
besonders deutlich an den schlanken, schmalen Hochblättern. Neben der 
Lappen- und Zackenbildung ist dieses gegensätzliche Rillenschema für die wesent- 
lich andere Formenauffassung sehr bezeichnend. Außerdem gehen die höheren 
Blatteile viel stärker vom Kapitellkörper weg, verdecken, da sie enger zusammen- 
treten, mehr den Caulis, der darum keine sorgfältigere Einzeldurchbildung erfährt. 
Auf ihm sitzt ein ungemein hochgeschlossener Blattkelch, der ganz symmetrisch- 
zweiteilig geblieben ist, nichts von der Verschiebung der Blattlappen am weströmischen 
Kapitell zeigt. Die HeUces sind bedeutend dünner und schwächer als an weströmischen 
Beispielen; daß die inneren sich einmal am Peripteros von 6era§ verschlingen, ist 
eine ganz vereinzelte Reminiszenz. Die Abakusblüte hat einen sehr flatternden, auf- 
geregten Charakter; meist als Rosette behandelt oder aus der Aracee entwickelt 
hat sie das Volumen einer Viertelkugel und ist stark herausgeschoben; von der Blüte 
kriecht gewöhnlich ein dünner Stengel über den Kalathosrand zwischen den Helices 
hinab und verschwindet hinter den Hochblättern; nur in sehr reichen Beispielen wie 
am Peripteros von öera§, am Zeustempel von Kenawat') u. a. sitzen noch über den 
mittleren Hochblättern Rosetten, Kelche und andere Blattgebilde. Im Abakus 
haben typisch Pfeifen und Eierstab ihren Platz. 

Statt des eben gewählten Baues hätten wir aber irgendeinen anderen aus einer 
beliebigen Stadt Syriens oder Palästinas vom I./3. Jahrh. wählen können: 
Bosra, Kenäwat, Damaskus, Palmyra, Sebaste; die Gruhdzüge der Formengebung 
bleiben die gleichen; nicht nur, wir können über das südliche Kleinasien: Adalia, 
Termessos, Sagalassos u. a. zum vorderen weitergehen nach Hierapolis, Aphrodisias, 
Milet, Ephesos, Pergamon und selbst mit gewisser Einschränkung nach Griechen- 
land hinüber: Hadriansstoa in Athen, Exedra des Herodes Attikus in Olympia; 
die Grundzüge bleiben auch hier einheitlich; darin grenzt sich am sichtbarsten 
der östlichrömische, römisch-griechische Formenkreis ab. 

Daß das erstbeschriebene Kapitell von Baalbek mit dieser Gruppe keine Ver- 
bindung hat, ist ohne weiteres klar, dagegen steht das zweite unter dem gleichen 
Prinzip der Formbehandlung: Rillen-, Lappen- und Zackenbildung. Aber in anderen 
Punkten steht es doch dem ersten nahe: ein ganz besonderer Nachdruck ist dabei 
auf die Bildung des Caulis zu legen, wie sich später noch herausstellen wird: der 
tektonisch klare, straffe Caulis mit gewundenen Kannelüren, deren Stege glatt bleiben, 
ist nur mittelaugusteisch, der Augustustempel in Nimes wie der in Pola lassen uns 
erkennen, wie im Laufe der Bauausführung im Zusammenhange mit der effektvolleren 
Bildung des Kapitellganzen die Stege erst eingeritzt und dann gebohrt werden; 
die gewundene Kannelüre verschwindet ebenfalls in nachaugusteischer Zeit, man 
bevorzugt die gerade, flache, rund auslaufende Kannelüre mit gebohrten Stegen. 
Der Übergang zu der späteren Form vollzog sich offenbar sehr rasch, schon im 2. und 
3. Jahrzehnt, da der Tiberiusbogen von Orange (vgl. Abb. 8 mit 16 und 7) schon 
näher zu flavischen Beispielen gehört als etwa zum Tempel der Fortuna Augusta 

») Butler, Archit. 353. 



CO E- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

in Pompeji. Auch die liebevolle Durchbildung der einzelnen Zacken bezeichnet ein 
Anfangsstadium gegenüber der schon stark ausgeschriebenen Form von GeraS. Ein 
frühes Beispiel des gleichen Typus, das doch schon in charakteristischer Weise weiter 
fortgeschritten ist, ist mir aus Vicnne bekannt an einem schönen Kapitell mit Götter- 
büsten ') (Abb. II B. 2) (siehe darüber weiter unten). Die Kapitelle der noch 
aufrecht stehenden Säulen in Baalbek (Taf . I, i ) gehören alle dem zweiten Typus an. 

Die Einzel formen des Gebälks. 

Zur stilistischen Einreihung haben wir aber nicht nur das Kapitell, sondern 
das ganze zum ersten Kapitell gehörige Gebälk. Architrav und Fries (Taf. II, 2) 
sind aus einem mächtigen Block gearbeitet; der Architrav ist dreiteilig, die 
Faszien springen leicht übereinander vor und verdoppeln ihre Höhe von unten 
nach oben zu, als Zwischenprofil dient der Perlstab; abgeschlossen werden die Faszien 
durch Eierstab zwischen zwei Perlstäben und einem Profil, das wohl eher Karnies 
als Hohlkehle ist und mit alternierenden Palmetten und Cauliculi verziert ist. Davon 
weiter unten. Der Fries hat eine ungewöhnliche Form: auf vertikal stehenden Kon- 
solen, die von Akanthusblättern unterfangen werden, kniende Löwen- und Stier- 
vorderkörper, von Rücken zu Rücken hängt eine fiachbogige Girlande aus lorbeer- 
artigen Blättern. 

Um zu erkennen, wie das Stück zeitlich einzustellen ist, sind wir wieder auf 
die einzelnen Formelemente angewiesen, in erster Linie auf den Eierstab. Da hatte 
schon Puchstein auffallende Unterschiede bemerkt, aber geglaubt, mit der Annahme 
einer klassizistischen Behandlung auszukommen*); es wird sich jedoch heraus- 
stellen, daß eine solche Annahme nicht gerechtfertigt ist. Der Eierstab besteht aus 
dem Eiblatt, der umrahmenden Schale und dem schmalen Zwischenblatt: das 
Eiblatt von niedriger rundovaler Form ist durch die oben folgende Leiste um etwa 
ein Viertel abgeschnitten, die Schale mit gerundeten Randstegen öffnet sich zu einer 
bequemen Bettung für das Ei, das Lanzettblatt, mit erhöhtem Mittelgrat und seit- 
lich abgedacht, haftet fest an den Schalen, die einzige stärkere Kontrastwirkung 
liegt in der Aushebung zwischen Eiblatt und Schalenhülle. Der Eierstab findet sich 
ferner am Kapitell und zweimal im Abschlußgesims. Noch zurückhaltender als am 
Architrav ist er im Kapitell (Abb. 4), wo auch die Aushebung um das Eiblatt nur ganz 
gering ist, eigentlich nur für eine Betrachtung aus nächster Nähe, nicht auf Wirkung 
aus so gewaltiger Höhe berechnet. Im zweiten Kapitell (Abb. 10) ist das obere Profil 
leider sehr stark beschädigt, nur soviel läßt sich erkennen, daß die Eier tiefer umbohrt 
waren als beim ersten, da sie aus der Schale ausbrechen konnten. Das zeigen uns auch 
die Kapitelle über den stehenden Säulen (Taf. I, l ) in zum Teil vortrefflicher Erhaltung; 
das Lanzettblatt ist jedoch mit den Schalen noch fest verwachsen, nur seine Spitze 
löst sich stärker los. Darin liegt der Anfang zur freieren Absetzung des Lanzett- 
blattes, das schließlich bis auf zwei Haften umbohrt zum Pfeilblatt wird; und — 

') Esp^randieu, Recueil d. bas-rel. rom. I, 280, ") Arch. Anz. 1906 Sp. 230. 
Nr. 409. 



E. Weigand, Raalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. c j 



blicken wir auf den kleinen Tempel, so begegnet uns da der Eierstab mit Pfeilblatt 
ausnahmslos, wenn das Zwischenblatt nicht noch reichere Formen annimmt. 

Sehen wir uns dagegen in dem Kreise um, der die analogen Formen für das 
korinthische Kapitell darbot, so bietet uns der Augustustempel in Pompeji in seinem 
oben etwas abgeschnittenen Eiblatt, dem mit den Schalen fest verwachsenen, unten 
breit aufsetzenden Lanzettblatt die nächste Parallele zu der Stufe, die der Abakus 
des ersten Kapitells und besonders auch das Abschlußgebälk aufweist. Der Cäsaren- 
tempel von Nimes hat das Eiblatt von Anfang an ziemlich freigesetzt, dagegen ist 
das Lanzettblatt zunächst fest verwachsen und macht sich erst allmählich, mit der 
Spitze anfangend, freier. Der Augustustempel von Pola schrägt seine Schalenstege 
nach innen und läßt die Grate des Lanzettblattes steil abfallen, dadurch erzielt er 
eine stärkere Fern Wirkung; ganz ähnlich geschieht es im Gebälk des Concordia- 
tempels '). Der Eierstab im Abakus seines Kapitells hat statt des Lanzettblattes 
einen ineinandergesteckten doppelten Blütenkelch, der vollständig umbohrt ist. 
Eine immer weitergehende Freisetzung der Spitze des Lanzettblattes weisen dann 
Tiberiusbogen in Orange und Sergierbogen in Pola auf; mit den letzteren läßt sich 
die Bildung über den stehenden Säulen in Baalbek vergleichen. Für die unfreieste 
Form des Eierstabes in Baalbek findet sich in Syrien selbst der Anknüpfungspunkt 
am Peripteros von Suwedah *), dessen wir schon einmal gedachten; in Kleinasien 
läßt sich neben der plumpsten Form vom Oktogonalbau in Ephesus besonders das 
Mithradatestor ebenda vom Jahre 4/3 v. Chr. 3) (Abb. 36) heranziehen und in seiner 
schön durchgebildeten Form der Augustustempel von Ancyra 4). 

Überschreiten wir diese Zeitgrenzen, so ist es ganz natürlich, daß wir die zuletzt 
bei den Tiberiusbauten hervorgetretene Richtung der Freisetzung des Lanzettblattes 
sich weiterverfolgen sehen im Interesse einer gesteigerten Fernwirkung. Genau 
datierte Bauten der nächsten Zeit fehlen; hierher gehört das noch oft zu nennende 
Markttor von Milet 5), das vorflavisch ist und im Eierstab seiner Kompositkapitelle 
wohl zuerst das Pfeilblatt aufweist, während der Eierstab im Architrav- und Fries- 
abschluß und sonst noch zurückhaltender ist. Dagegen weist der jonische Hallenbau 
in Milet, der zum Teil wenigstens in die Zeit des Claudius gehört, weder im jonischen 
Kapitell noch im Gebälk das Pfeilblatt auf *). Sobald wir aber bei der flavischen 
Zeit anlangen, finden wir an zahlreichen Beispielen durchgehends den Eierstab mit 
Pfeilblatt: in Rom am Flavierpalast (Abb. 16) und Pädagogium auf dem Palatin, 
dem Vespasianstempel und Titusbogen am Forum, am Nervaforum und selbst an 
so schlichten Bauten wie an den zwei Vespasianstempeln in der Provinz in Nona und 

') Springer-Michaelis, 459 f. 843; Durm f. 443 zu Rome et d' Auguste ä Ancyre: R^v. arch^ol. 

S. 460. XXII (1870 — 71), 347 ff.: datiert ihn etwa 

') Butler, Archit. 317, 332 f. i — 10 n. Chr.; ferner ebd. 1872, 29 ff. 

3) österr. Jahresh. VII (1904), Beibl., Sp. 49 ff.; 5) Photographien der milesischen Bauten (u. a. für 
wird liii 3. Bd. der Forsch, veröffentlicht Abb. 14 B. 2) verdanke ich dem freundlichen Ent- 
werden. gegenkommen von Baurat Knackfuß. 

4) Perrot-Guillaume, Galatie et Bithynie, Paris ') Milet, Hallenbau: Wiegand, 6. verlauf. Ber. 
1872, II Taf. 30 f.; dazu Guillaumc, Temple de in Abh. Berl. Ak. Wiss. 1908, 14 f. 5. 



C2 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

in Brescia'). DieForm geht eigentlich nie wieder verloren: die trajanisch-hadrianische 
Zeit in Rom *), die so stark klassizistische Neigungen hat, bevorzugt zwar wieder ein 
langes Lanzettblatt, das aber ebenso tief umbohrt ist wie das Pfeilblatt. Im Osten 
weisen dasflavischeNymphäum inMilet, derTrajanstempel inPergamon, dasHadrians- 
tor in Adalia 3) und alle späteren Bauten den Eierstab mit Pfeilblatt auf, ebenso in 
Syrien; das geht bis zum Diokletianspalast in Spalato und den Konstantinsbauten 
in Rom, ja bis zu den Kompositkapitellen der altbyzantinischen Zeit 4). Die Eierstab- 
form vom großen Tempel stellt sich also, selbst in der Entwickelung, die wir an ihr 
verfolgen können, noch ganz in den Kreis der augusteisch -julischen Bauten ein und 
ist jedenfalls in der Flavierzeit unmöglich. 

Gehen wir über zum Konsolenfries ! Für die vertikal gestellten Konsolen haben 
wir wohl das früheste Beispiel am Rundbau von Ephesus 5), doch bietet er insofern 
eine unvollkommene Parallele, weil die Konsolen dort nicht Friesdekoration sind. 
Für die aufrecht gestellten Konsolen als Träger flacher Rundbogen bietet auch Pompeji 
in ein paar Stuckdekorationen interessante Beispiele am Lararium des Vettierhauses 
und dreimal wiederholt an der gewölbten Exedra der Gräberstraße, als Träger eines 
innen umlaufenden Gesimses, im Fries über den oberen Kapitellen und dann 
auch den Giebelschrägen entlang geführt *). Viel näher steht unserem Bau ein Ok- 
togonalbau in Ephesus (Taf. III, i), der sich dadurch datiert, daß sein korinthisches 
Kapitell die unmittelbarste Analogie zum Kapitell des Hekatetempels von Lagina 7) 
bildet ^). Über einem dreistreifigen Architrav sitzt ein Eierstab späthellenistischer 
Form, darüber ein merkwürdiger Fries geziert mit knienden Greifenvorderkörpern, 

•) Flavierpalast: Ztschr. f. Gesch. d. Archit. 5) Forschungen I, 158 f. loi; Schedes Ansatz in die 

I (1907/08) 113 ff. (Bühlmann); Pädago- mittlere Kaiserzeit (Traufleistenornament, Straß- 

gium: M^l. Boissier 1903, 303 ff. (Hülsen), bürg 1909, 107 ff.) ist unberechtigt, s. u. 

mir unzugänglich; Vespasianstempel: ')Vet tierhaus: Mau, Pompeji, Leipzig 1900, 

Springer-Michaelis, 488 f. 893; Noack, Taf. 67 a; 254 f. 128; Exedra: ebenda 408, Einzel- 

Titusbogen: d'Espouy- Joseph, Fragments aufnahmen habe ich keine ermitteln können, 

archit. ant., Taf. 95 (Girault), Rossini, Architrionf., 7) Mendel, Mus. d. Constantinople, Cat. sculpt. I, 

Taf. 45; Nervaforum: Noack, Taf. 77; Cple. 1912, 541 f. Nr. 233 '"^ Über die Datierung 

B r e s c i a: Labus, Mus. Bresciano I; N o n a: des Tempels ebd. 448 ff.: der Ansatz von Cham- 

österr. Jahrh. XIV (1911), Beibl., 90. monard in die Jahre nach dem mithridatischen 

*) In der Provinz bleibt es beim alten z. B. im Krieg erhält eine starke Stütze stilistischer Art 

Gebälk des trajanischen Tores von Asseria, dadurch, daß das Kapitell des Juppitertempels von 

Österr. Jahrh. XI (1908), Beibl., 35 f. 14. Pompeji (Mazois Ruines de P., Paris 1829 III 

3)Milet: Die Publikation bevorstehend (Hülsen); Taf. XXXV f. i) die nächste Analogie zu 

Pergamon: Altertümer V, 2, Taf. 10; Ada- unseren beiden Kapitellen bietet; außerdem ver- 

lia: Laäckoronski, Städte Pamphyl. u. Pisid. I, wandt in Milet: Delphinion, BerUn 1914, 

Taf. 7. 146 f. 29: Halbsäulenkapitell, das gewiß nicht 

4) Spalato: Niemann, Diokletianspalast, Wien zu der späteren römischen Halle gehören kann. 

1910, und Hibrard-Zeiller, pal. de Diociöt., ^) Oktogonalbau : österr. Jahrh. XIV (1911)1 

Paris 1912 passim; Rom: Konstantinsbogen : Beibl., 83. Die Photographie dieses unver- 

Rossini, Arch. triom., Taf. 76, ebenso in der öffentlichten Stückes ist mir in hebenswürdigster 

Konstantinsbasilika; Byzantinisches: z.B. Weise durch W. Wilberg zur Verfügung gestellt 

Kompositkapitelle von Ravenna, Parenzo: For- worden, ebebso für Abb. 17. 
schungen in Ephesos 1, 139 f., Abb. 70 ff. (Wilberg). 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskimst in ihrer Entwicklung und Differenzierung. c 5 



die durch Vermittlung einer kleinen horizontalen Konsole die Hängeplatte unter- 
stützen; mit den Protomen wechseln, mehr oder weniger regelmäßig, mit Akanthus 
verkleidete, vertikal gestellte Konsolen, die ebenfalls durch Vermittlung einer Quer- 
konsole die Hängeplatte unterstützen; in den Zwischenräumen sitzen Palmetten 
und vom Fuß der Protomen ausgehende Rankenstengel mit Cauliculi. Für die Ent- 
stehungsgeschichte dieser Form bietet uns Delos in Stuckdekorationen hellenistischer 
Häuser die wichtigsten Anhaltspunkte. Da ist einmal auf einer Triglyphe ein Stier- 
kopf (nicht Schädel, eher Protome) so befestigt, daß er die Triglyphe fast verdeckt; 
in einer ganz ähnlichen Weise wie am ephesischen Bau sind ferner kniende Stier- 
vorderkörper verwandt und auch kniende Löwen kommen in ähnlichen Verbindungen 
vor. In der Marmorarchitcktur des sogenannten Portikus der Antigone wechselt 
Triglyphe mit Stierprotome ab; in Delos sind endlich auch Stierköpfe und -vorder- 
körper als Girlandenträger verwendet'). Da haben wir alle nur wünschenswerten Vor- 
stufen und Vorbilder für unseren Fries, und hierin knüpft also Baalbek an eigenartige 
Bildungen der späthellenistischen Zeit an, die, müde des Hergebrachten, sich in einer 
bunten Mischung des korinthischen, jonischen und dorischen Stiles, in Ersetzung 
und bizarrer Umdeutung der traditionellen Formen *) gefiel, wofür wir ja literarische 
und monumentale Belege aller Art besitzen. Mit dem Beginn der Kaiserzeit setzt 
sich — wahrscheinlich von Rom aus — ein neuer klassischer Formenkanon fest, und 
nichts ist irriger als die Anschauung 3), barocke Freiheiten in der architektonischen 
Formensprache könnten sich eher in der Kaiserzeit als im späten Hellenismus finden. 
Nur ganz ausnahmsweise, bezeichnend genug in der spättrajanischen und hadria- 
nischen Zeit, findet sich ein ähnliches Motiv wie am ephesischen Oktogonalbau wieder 
am Trajaneum in Pergamon; das läßt uns vermuten, daß die ephesische Form der 
Friesdekoration gerade im vorderen Kleinasien häufiger war, so daß es einem trajani- 
schen Architekten klassizistischer Richtung — • die ja nur einen begreifhchen Rück- 
schlag auf den flavischen Überschwang bedeutet — alt und kanonisch genug er- 
scheinen mochte für seinen eklektischen Geschmack. Tiervorderkörper sind nicht 
verwendet, nur senkrecht gestellte Konsolen mit Akanthusstützblättern und Medusen- 
häuptern in den »Metopen«; Blattcharakter und andere Einzelheiten, besonders der 
Eierstab, tragen aber deutlich den Charakter der trajanisch-hadrianischen Zeit, 
Wesentlich anders und nicht hierher zu beziehen ist der Fries des Zeustempels von 
Aezani 4) ; denn da handelt es sich nicht um Konsolen, sondern um zusammengeneigte 
S-Voluten, die zwischen gereihte Akanthusblätter. gestellt sind, ein Motiv, das am 
ehesten von einer griechisch-kleinasiatischen Kapitellform frühestens trajanischer 
Zeit übernommen sein könnte (siehe unten S. Spf.). 

Auch am Abschlußgesims (Taf. H, l) sind einige Momente von Bedeutung 
für die stilgeschichtliche Bestimmung der Zeit des großen Tempels. Ein Flechtband 

') Monuments Piot XIV (1908); Bulard, Peintures rel. II, 62, Nr. 56, Taf. XXIII: sehr ungenaue 

murales et mosaiques de D^los, f. 52 dazu S. 60 f. Skizze; Institutsphot. Theben Nr. 3: die Triglyphe 

') Ein sehr charakteristisches Beispiel des Über- biegt oben um zu einer Wulstrolle, 

gangs einer Triglyphe in eine aufrecht stehende 3) Wie sie z. B. Schede a. a. 0. vertritt. 

Konsole bietet ein Sarkophagfragment aus Theben, 4) Lebas-Reinach, Voyage arch^ol. Asie Min., T. 32. 



sicher nicht römischer Zeit: Robert, Sarkophag- 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



e^ E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung, 

als Friesabschluß ist geradezu unerhört in der Abschlußgesimsfolge der frühen und 
mittleren Kaiserzeit; da haben nur Eierstab oder lesbische Welle ihren Platz; es 
findet sich aber als Abschluß von figürlichen und Rankenfriesen nicht selten in Delos '), 
und zwar als Vertretung eines Eierstabes oder einer lesbischen Welle, die öfter an 
der gleichen Stelle erscheint. Über die Profilfolge weiter unten Näheres. Dagegen 
bietet uns das Konsolgesims wieder eine auffallende Form: die Konsole ist in schön 
geschwungener Wellenlinie nach hinten eingezogen, ihre Unterseite ist in drei Wülste 
und zwei Kanäle aufgeteilt. Um die rechteckige Anschlußfläche läuft ein Eierstab, 
der zugleich die Rosetten in den Zwischenfeldern umrahmt. Die einzigen nahe- 
stehenden Beispiele bieten der Mars-Ultortempel *) und der Concordiatempel in Rom, 
so einfache, kräftige Bildung ohne Beimischung pflanzlicher Dekoration ist der 
späteren Zeit durchaus fremd. Die Konsole 3) geht ja wohl aus von der glatt be- 
lassenen Mutulusplatte, hat darum zuerst die schlichte Form der Sparrenkonsole, 
wie sie vielfach in Alexandria, Ephesus am Theater, in Rom z. B. am Cäsartempel 
auf dem Forum, am Denkmal des Eurysakes, am Magna-Matertempel auf dem Palatin, 
noch am Augustustempel in Pompeji, am Tempel von Assisi begegnen 4). Daneben 
finden sich die S-förmig unterschnittenen Konsolen mit der Ausbauchung vorne, 
der Einziehung hinten, ebenfalls schon sehr früh in Delos, in Athen, in Aegae, in 
Pergamon, in Rom an der Regia, hier auch zum erstenmal mit unterlegtem Akanthus- 
blatt und noch am Cäsaren tempel von Nimes ebenso 5). Die spätere Entwickelung 
wird durch mehrere Dinge gekennzeichnet: die Sparrenkonsole verschwindet, die 
S-Form der Unterseite wird so gebildet, daß die Einziehung vorn, die Ausbauchung 
hinten liegt, die Blattdekoration, die auch schon am Augustusbogen in Rimini, in 
Aosta, in Susa, dann an den übrigen nicht genannten Bauten augusteischer Zeit *) 
auftritt, wird unverbrüchhche Regel; auch hier stellt sich also Baalbek mit seinem 
Analogiebeispiel vom Mars-Ultor- und Concordiatempel und andererseits dem Tempel 
in Nimes spätestens in augusteischer Zeit ein, die Form ist noch eher späthellenistisch 
als römisch. 

Dasselbe gilt vom Mäander unter der Sima: in augusteischer Zeit begegnet 
er nur noch einmal am Cäsarentempel von Nimes. Zu gleicher Zeit kommt am Castor- 
und am Concordiatempel (wohl zuerst) ein Muster auf, das in der Kaiserzeit je später 
desto beliebter wird: die Pfeife. Dagegen ist der Mäander unter der Sima griechisches 
und hellenistisches Motiv, ein sehr altes Beispiel bietet der Zeustempel von Olympia, 
später das Leonidäon und die Südhalle dort, eine Terrakottensima aus Eleusis, 

•) a. a. O., Taf. VI ff. 5) D e 1 o s: a. a. O., 156 f. 55; A t h e n , Turm d. 

») d'Espouy, Fragm., Taf. 54. Winde : Stuart-Revett, Ant. of Athens I, 111,9 f. 2.; 

3) Delbrueck, Hell. Bauten II, 164 f. Aegae: Bohn-Schuchhardt, Altert. vonÄ., 3 if. 29; 

4) Alexandria: Delbrueck a. a. 0.; Ephe- Pergamon, Altert. II, 81 (Bohn); Rom: 
sus: Forschungen II, 25 ff. 46, 47; Cäsar- die Arch. Jahrb. IV (1889), 242 f., Abb. 8 ff. 
tempel: Archäol. Jahrb. IV (1888), 142 (Hülsen) abgebildeten sind nicht die von mir 
(Richter); Eurysakesgrab: Ann. d. Istit. gemeinten; Nimes: Durm, 401 £.4450. 

X (1838), tav. M, f. 6 (Canina); Palatin: ') Rimini: Rossini, Archi triom., Taf. 12 f.; 
a. a. 0., ebensoP o m p e j i; A s s i s i: d'Espouy, Aosta: ebd., T. 5; Susa: Ferrero, I.'arc 

Fragm., Taf. 48 (Bernier). d' Auguste ä Suse, Turin 1901. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 55 

die Tholos von Epidauros'). Aus der Kaiserzeit ist mir kein weiteres Beispiel 
bekannt. 

Der Schraubenstab tritt ebenfalls in einer frühen Form auf, als gewundene 
Kannelüre, die Zwischenstege sind nur eingesenkt, nicht gebohrt. Ähnlich wie mit 
den Kanälen des Caulis, dem Lanzettblatt des Eierstabs geht es auch mit dem 
Schraubenband, die Stege werden später gebohrt; das geschieht noch in vorflavischer 
Zeit, wie Beispiele aus der Deckendekoration im Goldenen Haus des Nero, das Grab- 
mal der Nävoleja Tyche u. a. in Pompeji beweisen *). In der späteren Kaiserzeit ist 
der Schraubenstab in Vertretung des Perlstabes ungemein häufig. 

Auch die Sima zeigt nicht gewöhnhche Dekorationselemente. Die Löwen - 
köpfe sind ohne Rücksicht auf die ornamentale Einteilung eingesetzt. Es reihen 
sich Fiederpalmetten, Akanthusblätter und einwärts gerollte Palmetten; die Pal- 
metten haben am Fuße ein Deckblatt wie eine Art Bodenblatt, daraus kommt zuerst 
liegend, dann rasch aufsteigend ein kräftiger Rankenstengel hervor mit gewundenen 
Kannelüren und Strickknoten, darüber «in zweiteilig-symmetrischer Kelch, der 
Doppelhelices entsendet; der eine von diesen Helices verschlingt sich mit einem 
von der Gegenrichtung herkommenden über einem niedrigeren Akanthusblatt 3). 
In diesen Cauliculi und Akanthusstengeln steckt ein Rest der Akanthusranken- 
dekoration, die in plastischer Ausführung am Asklepiostempel von Epidauros und 
am Pronoiatempel von Delphi in die Simadekoration eingeführt wird 4); schon in 
der späteren hellenistischen Zeit wird aber diese reiche organische Dekoration der 
Sima immer mehr aufgegeben, die lockere Reihung im Lotos- und Palmettenschema, 
verbunden durch liegende S -Linien von mehr oder weniger Rankencharakter immer 
beliebter; dabei treten Formen auf, die für die Simadekoration von Baalbek wichtig 
sind: ain Dionysostempel von Teos 5) kommen zu beiden Seiten der Löwenköpfe 
unter einem Akanthusblatt Stengel hervor, die sich volutenartig einrollen; an solche 
Bildungen schließt Baalbek an, es ist eine Kompromißform, in der der alte Ranken- 
charakter mit der Palmettenreihung ringt. Bei dem Caulis mit den Helices fühlt 
man sich auch an den Konsolenfries des Oktogonalbaues in Ephesus erinnert, wo 
ähnliche Rankenstengel mit Helices am Fuß der Greifenprotomen entspringen und 
daneben Palmetten auftreten (Taf. HI, i), oder entfernter an die Trauf sima derCasa dei 
Niobidi in Pompeji 6). Dabei ist ferner an das Abschlußprofil unseres Architravs 7) 
zu erinnern, wo die Palmetten in Akanthuskelchen strenger Form sitzen, aus 
denen zugleich rechts und links Stengel hervorkommen, die sich volutenmäßig ein- 
rollen, vergleichbar mit einer Giebelsima vom Artemistempel in Magnesia*). Daß 
eine solche Anordnung in der mittleren Kaiserzeit keinen Platz mehr hat, wird sich 

•) Schede, Ant. Traufleistenorn.jTaf. III, 15; IV, 22; 3) Diese Akanthusblätter gehen ebenso wie die 

V, 31; VI, 34 ff. Hüllblattkelche überein mit der Formenent- 

') Goldenes Haus: Arch. Jahrb. XXVIII Wickelung in den Kapitellen. 

(1913), T. 7 (Weege); Pompeji: Mau, 415 4) Schede, a. a. O., 36 ff. 

f. 246. Zum Schraubenband im allgemeinen: 5) ebd., Taf. X, 61. 

Studniczka, Tropaeum Trajani (Abh. sächs. Ges. ') ebd., Taf. XI, 70. 

Wiss. XXII, 4), 74 ff. 7) Arch. Jahrb. XXI (1906), Anz., 231 f. i. 

8) Schede, Taf. X, 60. 

5* 



e^ E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

weiter unten zeigen; sie weist nach rückwärts in die hellenistische Zeit so wie der 
Protomenfries, das Flechtband darüber, die Konsolenform und der Mäander an der 
Stirn der Hängeplatte. 

Schließlich ist auch die Tatsache, daß die stehenden Säulen unkanneliert sind, 
kein Beweis gegen eine frühe Ansetzung: schon am Apollotempel von Delos hat man 
die Säulen unkanneliert gelassen, unkanneliert sind auch die zwei späthellenistischen 
"Säulen für choregische Weihgeschenke, die an der Akropolis über dem Thrasyllos- 
denkmal stehen. Ebenso finden sich unkannelierte jonische Halbsäulen in Alexandrien 
in der Nekropole von Schatbi, dort auch aus Gabbari korinthische Halbsäulen; 
unkannelierte Säulen hat ferner der Augustusbogen von Aosta '). 

Unabhängig voneinander führen alle Beweisreihen auf den Anfang der Kaiser- 
zeit, den Beginn des l. Jahrhs. : was am Großen Tempel zur Vollendung gebracht 
wurde und heute noch unserer Beurteilung untersteht, wurde in augusteischer Zeit 
begonnen und sicher vor der Flavierzeit ausgeführt, in nicht allzu langer Bauarbeit, 
jedoch so, daß wir, wie übrigens an mehreren augusteischen Bauten — in Pompeji, 
Nimes und Pola — den damals besonders rasch fortschreitenden Formenwandel 
beobachten können. Schließlich hat diese zeitliche Ansetzung nichts Überraschendes: 
sie fällt mit der Gründung der Kolonie zusammen. Sollte man nicht von vornherein 
annehmen, daß eine römische Kolonie bei einer neuen Stadtgründung auch den Bau 
eines würdigen Tempels in erster Linie betreibt und sich nicht anderthalb Jahr- 
hunderte mit einem Heiligtume begnügt, das, wenn es auch als Orakelstätte verehrt 
war, doch in seiner alten Form unmöglich dem Geschmack und Repräsentations- 
bedürfnis der neuen Zeit entsprochen haben kann: eine römische Kolonie muß ihr 
Kapitol und ihren Juppitertempel haben. Auf einen Bau im i. Jahrh. führen 
auch die Weihungen: vielleicht war in claudischer Zeit der Tempel fertig oder ein 
gewisser Abschluß erreicht, und die Größe und der Ruhm des neuen Tempels ließen 
es auch Königen begehrenswert erscheinen, ihre Statuen dort aufgestellt zu sehen. 

Eine Bautätigkeit, die in julisch-claudischer Zeit in größtem Stile einsetzt, 
steht in Syrien nicht vereinzelt: in Palmyra sind durch die amerikanische Expedition 
Inschriften aus den Jahren 28/29 und 70/71 an den Säulen des großen Peripteros 
gefunden worden, die bezeugen, daß mindestens in Tiberius' Zeit, wahrscheinlich 
aber, da es sich bereits um den Portikus des Hofes handelt, schon in augusteischer 
Zeit ein mächtiger Bau begonnen wurde, dessen Ausführung sich sehr lange hinzog. 
Ahnliches lehren uns Inschriften von Gera§ ebenfalls für einen Zeustempel: bereits 
im Jahre 22/23 stiftete Zabdion, Priester des Tiberius, Geld für den Bau, gleiches 
geschah in Stiftungen aus den Jahren 42/43 und 51/52, also auch hier eine mindestens 
in den zwanziger Jahren einsetzende und lan^e dauernde Bautätigkeit, da es sich 
jeweils um Bauten in größtem Stile handelt »). 

■) D elo s: Arch. Jahrb. XXIII (1908), Anz., 108; 396 f. 425. Was ursprünglich Bosse, Zeichen 

Alexandria: Breccia, Necropoli di Sciatbi, der UnvoUendung, war, lernte man später 

Cairo 1912, Taf. III ff.; Gabbari: Delbrueck, stilistisch werten. 

Hell. Baut. II, 159 f. 102; Aosta: Baumeister, ») Palmyra: Butler, Arch. 51; G e r a §: R^v. 

Denkm. III. Taf. LXXXIII (Graf), Durm, biblique 1909, 441 ff. Der Fundort einer dieser 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 57 



DER KLEINE TEMPEL UND DIE ARCHITEKTUR ANTONINISCHER ZEIT. 

Unser Schluß, im wesentlichen unabhängig von der Betrachtung der übrigen 
Bauten in Baalbek gewonnen, wird aus ihrer Untersuchung noch an Beweiskraft 
gewinnen. Wendet man sich dem Bakchustempel zu, so zeigt ein überprüfender 
Blick im allgemeinen dieselbe Anordnung (Taf. I, 2) wie am Juppitertempel; das 
ist zunächst überraschend und scheint die beste Widerlegung der oben gezogenen 
Schlüsse zu sein; denn daß auch der kleine Tempel und die Hofhallen, deren Formen- 
verwandtschaft unter sich schon lange bemerkt ist, so früh anzusetzen seien, scheint 
ausgeschlossen und — ist es auch. Bei näherem Zusehen löst sich aber der Wider- 
spruch, wie sich bald herausstellen wird. 

Der Bakchustempel steht wie der große auf einem hohen Podium, die Säulen 
mit attischen Basen haben meist unkannelierte Schäfte aus mächtigen Trommeln, 
über einem kräftigen Ablauf ring sitzt das korinthische Kapitell; das Gebälk besteht 
aus dreiteiligem Architrav, Fries mit Protomen als Girlandenträgern, darüber 1 e s - 
bische Welle, Zahnschnitt, Eierstab, Konsolengesims, Hängeplatte mit 
Mäander, Schraubenband, Palmettensima (Taf. I, 2); in dieser Anordnung liegen also 
nur geringe Abweichungen; um so stärker sind sie in den Einzelheiten und, wenn wir 
nicht beim Äußern stehen bleiben, sondern auch die Gebälkentwickelung im Umgang 
in der Vorhalle und in der Cella betrachten. Die äußere Tempelwand hat nur Eck- 
pilaster, darüber aber bis zur flachgehöhlten Decke des Umgangs eine dem Äußeren 
parallel gehende Gebälkentwickelung; über dreiteiligem Architrav liegt ein Ranken - 
fries, darüber lesbische Welle, Zahnschnitt, Eierstab, Akanthuskonsolen, mit 
Pfeifen geschmückte Stirnplatte, dann als Übergang zur Decke eine lesbische Welle; 
in der Vorhalle dagegen, in der dieses Gebälk umbrechend weitergeht, folgt über 
den Pfeifen Perlstab und Palmettensima. Im Innern der Cella, die mit einer vor- 
geblendeten Architektur ausgestattet ist, sitzt über den kannelierten Dreiviertelsäulen 
mit korinthischen Kapitellen ein dreiteiliger Architrav, ein Pfeifenfries, ein Abschluß - 
gesims aus lesbischer Welle, Zahnschnitt, Eierstab, Balkenkopf konsolen. Hänge - 
platte mit Pfeifen, Perlstab und Palmettensima. 

Wenn ich zu den Einzelheiten übergehe, so bemerke ich gleich, daß ich nur 
da länger verweile, wo sich brauchbare Anhaltspunkte für die Datierung ergeben; 
da die verschiedenen Formglieder sich zu manchen Zeiten rasch entwickeln, dann 
wieder Stabilitätsperioden von verschiedener Dauer haben, sind nicht alle gleich 
brauchbar für unseren Zweck. Wir müssen aber und werden einmal, wenn erst 

Inschriften befindet sich nahe dem Südtempel vom J. 142 p.; es ist natürlich anzunehmen, daß 
(Bet el Tel), der jedoch durch eine andere In- die Propyläen vom J. 150, welche das monu- 
schrift auf 162 p. datiert ist; im Bezirk des mentale Eingangstor von der Hauptstraße dar- 
großen Peripteros (Nordtempels) hat sich ein stellen, den relativ spätesten Teil im ganzen Bau 
Weihaltar an Artemis vom J. 98 p. gefunden darstellen, was stilistisch durchaus bestätigt wird, 
(daher auch manchmal Artemistempel genannt), Zusammenstellung der bislang bekannten In- 
femer eine Weihung an Zeus Helios, Serapis, Isis. . Schriften Syriens von 37a. — 735 p.: Brünnow- 

Domaszewski, Prov. Arabia III, 308 ff. 



c8 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

der Kaiserzeit systematisch die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt wird, dahin 
gelangen, alle wichtigen Beispiele für jede Form zu finden und überall die lückenlose 
Reihe zu bilden, die zweierlei leisten muß: die Datierungsfrage in engen Grenzen 
sicherzustellen und zugleich das Gebiet bestimmt aufzuzeigen, in dem die Form 
beheimatet ist; dann erst ist es Zeit, über römische Reichskunst, Orient oder Rom, 
Beziehungen und Beeinflussungen, die tieferen Fragen der Kunstgeschichte mit 
einiger Sicherheit zu urteilen. 

Die Kapitellformen. 

Ich halte mich zuerst wieder an das Kapitell, das uns in reicher Mannigfaltigkeit 
der Formen allein am kleinen Tempel begegnet. Nehme ich eines der korinthi- 
schen Kapitelle der Vorhalle (vgl. Frauberger, Taf. 13 mit Abb. 19 B. 3), so finde ich 
an ihm alle Charakteristika des Kapitells vom Peripteros von Geraä: im Blatt- und 
Zackencharakter — die vielfach abgebrochenen Spitzen lassen erkennen, wie stark 
die Blätter hinterarbeitet sind — im gesamten Aufbau ; dadurch geben sich die Kapitelle 
bestimmt als nicht zur weströmischen Gruppe gehörig zu erkennen. Zwischen den 
ganz nahe zusammenrückenden Hochblättern kommt ein im Verhältnis zum Juppiter- 
tempel überraschend dünner und kurzer Caulis hervor, der sich schwach nach oben 
verdickt und in einen Wirtelknoten ausläuft, meist ist er so als Bosse stehen geblieben, 
aber mehrfach auch in drei überhängende Blättchen aufgelöst; der hochgeschlossene 
zweiteilige Hüllblattkelch, die dünnen Doppelhelices, die so frei durchbrochen ge- 
arbeitet sind, der Abakus mit seiner Blüte und seinem Profilschmuck, Pfeifen und 
Eierstab: alles bildet eine vollkommene Parallele zum Kapitellschmuck von Gera§. 
Kehren wir wieder zum Caulis zurück und verfolgen seine Entwickelung etwas 
für den östlichen Typus, da der westliche, abgesehen von dem gemeinsamen augustei- 
schen Ausgangspunkt, eine grundverschiedene Entwickelung nimmt. Für das erste 
Jahrhundert sind die Zeugen sehr dünn gesät oder schwer zu datieren. Es gehört 
dahin ein Kapitell im Museum von Alexandria (Abb. 12 B. 2), dessen Caulis die 
breite Schaftform der augusteischen Zeit aufweist. In die nächste Nähe der jüngeren 
Kapitelle vom Juppitertempel gehört das schon genannte Kapitell mit Götter- 
büsten aus Vienne') (Abb. 11 B. 2), dessen Caulis mit der Bildung am Tiberiusbogen 
von Orange oder vielmehr den spätesten Beispielen vom Cäsarentempel in Nimes 
zusammengeht. Dann würde ich das Kapitell vom Obergeschoß des Markttores 
in Milet (Abb. 14 B. 2) und mehrere Kapitelle in Ephesus (Abb. 13 B. 2) anreihen, 
in der Osthalle des Marktes stehend, die vielleicht mit einem neronischen Bau in 
Zusammenhang zu bringen sind: der Caulis ist breit und stark, aber unverziert und 
selbst ohne Knotenbildung, die Hochblätter lassen ihm noch Platz zur Entwickelung. 
Daran ^eihe ich ein Kapitell vom großen Peripteros (Nordtempel) in Geraä, das mir 

') Auch Esp^randieu datiert es ins i. Jahrh. a. a. 0., daß die Blüte von Vienne in der Zeit vor der 

281; dafür bringt Babelon (Gaz. arch^ol. VI Zerstörung der Stadt durch die Vitellianer liegt; 

(1880), 217 f.) den bemerkenswerten Grund bei, erst unter den Severern erhebt sie sich dann 

neuerdings. 



6o £•■ Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 




Abb. 17. Ephesus, Bibliothek. 




Abb. 23 b. Aphrodisias. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS 19 14. 



Beilage 4 zu Seite 61 ff. 




wä-y;. 



24. Baalbek, Moschee. 



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26. Sbeitia, Propylon. 





27. Baalbek, Kl. Tempel. 




29. Rom, S. Maria in Trastevere. 



28. Rom, Palatln, Stadium. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 6l 

Diokletianspalast von Spalato, dessen Kapitelle ihrem Blättcharakter nach östlich 
sind, so begegnet meist der Hüllblattkelch auf einer kleinen Schuppe oder einfach 
über das Kranzblatt gesetzt'); es kommt aber auch wenigstens einmal im Peristyl 
ein hoher freigesetzter Caulis mit einer Art gerader Kannelüre, aber ohne Knoten 
vor, und in dieser Ausnahme müssen wir westliche Beeinflussung erkennen wie in 
einigen anderen. Soweit die frühbyzantinischc Kunst rein korinthische Kapitelle noch 
verwendet — mir sind nur die Pilasterkapitelle des Goldenen Tores und das Kapitell 
der Marciansäule bekannt^) — , bleibt der Caulis unverwendet. In der scheinbar 
nebensächlichsten Form gehen also im Laufe mehrerer Jahrhunderte so charakte- 
ristische Veränderungen vor sich, daß ihre Beobachtung es ermöglicht, die äußere 
Stilgeschichte auf feste Formeln zu bringen. 

Die Kapitelle des Bakchustempcls müssen also in eine Zeit gesetzt werden, 
die vor den vier letzten Jahrzehnten des 2. Jahrhs. liegt, passen aber voll- 
kommen in die hadrianisch-antoninische Zeit. 

In der beschriebenen Form stellen sich die meisten Kapitelle des^Peristyls 
und der Vorhalle dar und charakterisieren sich dadurch als zu dem großen östlichen 
Formenkreis gehörig, den wir oben näher abgegrenzt haben. Aber gerade Baalbek 
bietet am Bakchustempel so gut wie in den Hofhallen, am Rundtempel und besonders 
an den in der Großen Moschee verbauten Stücken Kapitelle mit sehr merkwürdigen 
Abweichungen. Nehmen wir die vierte Säule auf der Westseite des Tempels von der 
Rückfront her gezählt (Abb. 27 B. 4), so fällt zuerst die ungewohnte Form des Hüll- 
blattkelches auf: an Stelle des gewohnten zweiteiligen hochgeschlossenen Kelches 
sehen wir einen dreiteiligen; zwischen Eck- und Innenhüllblättern sitzt, von beiden 
gerahmt, ein schmales, hohes Blatt ; das ist eine Form der Kelchbildung von eigenem 
Reiz, die man am ersten für eine Künstlcrlaune innerhalb des allgemeinen Schemas 
nehmen möchte; dagegen sprechen aber verschiedene Tatsachen in einem ganz be- 
stimmten Sinne: der dreiteilige Hüllblattkelch mit zentralem Blattfächer ist nämlich 
im Westen von spätantoninischer Zeit ab ebenso Regel wie sonst im Osten der zwei- 
teilige, und zwar läßt sich von augusteischer Zeit an (Augustustempel von Pola, 
Castortempel usw.) die Entwickelung vom zwei- zum dreiteiligen Kelch Schritt 
um Schritt verfolgen, so daß sich an der genauen Beobachtung dieser fortschreitenden 
Umbildung ein nahezu unfehlbares Merkmal für die zeitliche Ansetzung ergibt. Der 
Antoninustempel auf dem Forum, der von der Formcngebung des Pantheons stark 
beeinflußt ist, weist die Zentralstellung eines Hüllblattlappens noch nicht auf, dagegen 
findet sie sich am Eingangstor zum Kapitol von Sbeitla (Abb. 26 B.4), das eine Ehren - 
Inschrift des Antoninus Pius vom J. 139 trägt, und die severische Zeit bietet uns 
davon viele typische Beispiele: in Rom der erneuerte Oktaviaportikus, die sogenannte 

') Niemann: 22 f. 20, an der Porta Aurea; 45 f. 54, >) P o r t a Aurea: Arch. Jahrb. VIII (1893), 
von der Vorhalle; 52 f. 64, 65, vom Peristyl; 9 f. 6 (Strzygowski); Athen. Mitt. XXXIX (1914), 

Hdbrard-Zeiller, Spalato Paris 1912, 57, von der Taf. I, i (Weigand); Marciansäule: 

Porta Aurea; 65, vom Peristyl; das Kapitell mit Salzenberg, Altchrist. Baudenkm. v. Konstpl., 

Caulis 62. Berlin 1854, Taf. I, 5; Gurlitt, Baukunst Kpls., 

Berlin 1912, Taf. XVI, 5d. . 



62 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reicbskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Bibliothek auf demPalatin, Kapitelle von derExedra des Stadiums (Abb. 28 B.4) und 
aus der Gegend des Septizoniums, Pilastcrkapitelle aus den Caracallathermen, der 
Caracallabogen und der Tempel in Tcbessa; aus der Spätzeit des 3. und Anfang 
des 4. Jahrhs. der Diokletiansbogen in Sbei'tla, in Rom die Pilasterkapitelle 
des Konstantinsbogens und ein Pilasterkapitell aus der Konstantinsbasilika '). 

Der weströmische Einfluß geht aber tiefer, nicht nur dieses Detail, der ganze 
Blattcharakter des Kapitells ist von dem oben beschriebenen abweichend: vor allem 
sind die Blattlappen tief gehöhlt, die Rille setzt erst, wie am weströmischen Akanthus- 





Abb. 30. Baalbek, Propyläen. 



Abb. 31. Baalbek, Rundtempel. 



blatt, an der innersten Zusammenziehung des Blattlappens an, die Zacken sind nicht 
mit ausgetiefter Mitte und stark erhöhten Rändern gebildet, sondern eben nur als 
Bezackung des Lappens, der, wie im Westen, als übergeordnetes Prinzip, nicht als 
die Summe der Zacken erscheint. Der Caulis bleibt aber ganz innerhalb des östlich- 
römischen Typus. So ist die Mehrzahl der auf der Westseite befindlichen Kapitelle 
des kleinen Tempels gebildet. Andererseits weist ein Kapitell, das von der Vorhalle 
herabgestürzt ist, alle Merkmale des östlichen Typus auf, in erster Linie den Blatt- 
charakter, hat aber den zentralen Fächer im Hüllblattkelch noch dazu mit einer 
energisch wirkenden vertikalen Rille; gleiches finde ich an einem Pilasterkapitell 
des östlichen Propyläenturmes (Abb. 30) und an einem Säulenkapitell (links vom 



') S b e i 1 1 a: Cagnat-Gauckler, Mon. bist. Tunisie, 
Temples paiens, Paris 1898. S. 14, Datierung, 
keine Einzelheiten; Oktaviaportikus: 
d'Espouy, Fragm., Taf. 64/65 (Paulin); Sta- 
dium: Monum. Lincei V (1895), 55 f- 22; 



Tebessa: Caracallabogen: Gsell, Mon. ant. 
Alg^rie I, Taf. 43, keine Einzelheiten; Tempel: 
ebd., Taf. 19, nur Gesamtansicht; Konstan- 
tinsbasilika: Athen. Mitt. XXXIX (1914), 
Taf. II, 2 (Weigand). 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Diflferenzierung. ö'? 

Eingang) des Rundtempels (Abb. 31). Zwei andere Mischformen finden sich unter 
den Kapitellen in der großen Moschee vertreten. Ein nur in seinem Oberteil erhaltenes 
(Abb. 25B. 4) zeigt zum Teil die gehöhlten Lappen und Rillen als ihre Fortführung, halb 
die Diagonalrille bis in den mittleren Zacken hinausgebohrt, der dünne Caulis hat 
einen Knoten aus drei hängenden Blättchen, der Hüllblattkelch hat den Zentralfächer, 
aber mit der senkrechten Rille. Ein anderes (Abb. 24 B. 4) weist die gehöhlten 
Lappen in Kranz- und Hochblättern auf, aber dünnen Caulis und zweiteiligen 
Hüllblattkelch in östlicher Art. Es ist anzunehmen, daß diese Kapitelle von den 
Säulenstellungen vor den Exedren der Hof hallen stammen; sie sind nicht west- 
römisch, sie würden in Rom ebenso fremd scheinen wie in Palmyra etwa oder 
sonst in Syrien und Kleinasien, niemals bringt es ein solches Kapitell zu der viel 
strengeren Haltung der Dekoration im weströmischen Kapitell: dazu gehören die 
vertikalen Parallclrillen der Kranz- und Hochblätter, der starke Caulis, die straffen 
Helices; sie bleiben weicher und üppiger; sie stellen eben eine Durchdringung des 
östlichen und westlichen Typus dar. Es ist beachtenswert, daß mir nur an drei weiteren 
Punkten korinthische Kapitelle mit östlichem Akanthustypus, aber mit Zentralfächer 
im Hüllblattkelch begegnet sind: in Rom selbst, das ja zu allen Zeiten eine große 
Duldsamkeit gegenüber östlichem Einfuhrgutc bewiesen hat, wenn es auch seinen 
eigenen Charakter dabei fest wahrt: in die Galleria lapidaria des Vatikan sind zwei 
Stücke gekommen, eines befindet sich im Langhaus von S. Maria in Trastevere (Abb. 29 
B. 4) auf der linken Seite; möglicherweise könnte dieses wie andere Stücke, besonders 
die jonischen Kapitelle mit den hübschen Köpfchen an Stelle der Abakusblüte, aus 
den Caracallathermen dahin verbracht worden sein, es scheint tatsächlich später 
als die Baalbeker Stücke '). Die anderen Beispiele fand ich in Madaba im Ostjordan- 
lande, neben dem regulären zweiteiligen Hüllblattkelche tritt der dreiteilige auf an 
Kapitellen, die der 2. Hälfte des 2. Jahrhs. angehören mögen; auch das Pilastcr- 
kapitell vom Südtempel in Gera§ (Abb. 20) weist etwas unscheinbar und zaghaft diese 
Bildung auf: hier könnte Baalbek selbst oder, was dasselbe ist, einer der Meister, 
die dort, vielleicht auch in Rom selbst, lernten, diese Bildung veranlaßt haben. 

Exkurs: Die Nische mit Muschelkuppel. 

Einen Einfluß Roms in künstlerischen Dingen werden manche für den Osten 
nicht ohne weiteres zugeben. Es wäre das ja freilich nur eine parallele Erscheinung 
zu den lateinischen Inschriften, die neben griechischen auftreten; und die vereinzelte 
Einwirkung auf Baalbek wäre etwa so zu beurteilen wie das ganz vereinzelte Auf- 
treten von opus reticulatum an einem Grabbau bei Homs *). Jedoch gibt es ein 
weiteres Motiv, das noch viel bestimmter und unabweisbarer eine Durchdringung 
west- und oströmischen Einflusses in Baalbek kennzeichnet, das ist die Art der Muschel- 
dekoration als Nischenabschluß. Sybel hat an Säulensarkophagen beobachtet, daß 
stadtrömische Stücke Nischen mit Muschelschloß oben haben, ravennatische mit 

') Iwanoff, Archjt. Studien III, Berlin 1898: Caracallathermen, 77; abgeb. beiDurm, f. 414, 415 zu S. 382. 

') Butler, Archit. 49. 



^4 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Muschelschloß unten; er glaubte, die ersteren seien darum älter, die letzteren jünger') ; 
wie es sich damit in Wirklichkeit verhält, wird ein kleiner Ausblick zeigen, der uns 
darüber aufklären kann, wie durch den scheinbar willkürlichen Wechsel, der in Baalbek 
die Regel ist, die künstlerische Stellung Baalbeks beleuchtet wird und die scheinbar 
nebensächliche Form uns zeigt, wie klar sich Ost- und Westrom in ihrer Formen- 
tradition scheiden. 

In Syrien -Palästina ist die Nische mit Muschelabschluß in kaiserzeitlichen 
Bauten ungemein häufig: in allen Fällen außer in Baalbek sitzt das Muschelschloß 
unten: an den Propyläen, am Sonnentcmpel und am Nymphäum von Gcra§, am 
Theater und Propylon von Amman und Bosra, am Tychäon von Sunamen, am Cara- 
callatempel von Atil, am Torbau von Siah, in Musmieh, an der christüchen Basilika 
von Schakkah, in Palmyra, in Semoah, in Sufsaf, in Banias, in Kerazeh und Khirbet 
Irbid, in Kefr el Ma und ed Dikkih, ebenso an einem jüdischen Sarkophag, wahr- 
scheinlich aus den Gräbern der Könige; dementsprechend auch in der islamischen 
Baukunst, z. B. in Amida. Nur eine Nische in Petra, über deren zeitliche Ansetzung 
ein Urteil nicht möglich ist, weist das Muschelschloß oben auf ^). In Ägypten liegen 
die Verhältnisse ebenso; je eine Nische in der Katakombe von Kom esch schukafa 
und in der Wescherkatakombe [auch eine Nekropole von Kyrene wird man hierher 
rechnen dürfen], zahlreiche Nischen im Roten und Weißen Kloster bei Sohag [daneben 
kommt aber auch die Kassettierung vor wie in hellenistischer Zeit und die Aus- 
kleidung mit pflanzlichem Dekor], endlich an den vielen koptischen Stelen, die 
eine Ädikula mit Nischenkuppel darstellen wollen, sodann auch in der islamischen 
Kunst an der Tulunidenmoschee in Kairo zeigen das. Überall sitzt das Muschel- 
schloß unten 3). In Klcinasien bieten mir vereinzelte architektonische Beispiele das 
Theater von Sagalassos und das von Ephesus, ferner die Kirchenfassade von 
Kodscha Kalessi ; viel zahlreicher sind sie an Sarkophagen und Stelen: die 
bäurisch groben Stücke aus dem Bergland von Isaurien und Pisidien, dann die 
ganze Gruppe der Sidamarasarkophage, soweit sie wirklich als Tabernakelsarkophage 
eng dazugehören; endlich die Gruppe um den Sarkophag von Melfi (s. u.), weiter 

') Sybel, Christi. Antike II, 199. Taf. XII, 1, 2; Petra: Dalman, P., Leipzig 

') Geraä, Propyläen: Rey, Voyage dans 1908, 216 f. 140. Wo keine Literaturnachweise 

le Hauran, Paris 1860, Taf. 23; Amman: gegeben sind, entnehme ich die Tatsache aus 

Arch. Jahrb. XXI (1906), Taf. IV (Schulz). eigenen Aufnahmen. 

Bosra: Brünnow-Domaszewski, III, 67 f. 958; 3) Kom esch-schukafa: Wulff, Altchrist. 

691.963; Siah: Butler, 364 f. 127; Schak- u. byz. Kunst, Berlin 1914, Taf. II, wiederholt aus 

k a h: ebd.,367; Musmieh: Durm,4i8 f.465; Schreiber, Exped. Ernst Sieglin I, Taf. XVIII, 

Palmyra: Wood, Ruins of P., London 1753, ferner ebd., Taf. XX; Wescherkat akomb e: 

Taf. VI, IX; Sufsaf: Survey West. Palest., ebd.,Textbd. L33f- 19; Ky r ene: Wulff, 24 f. 18; 

Memoirs I, Taf. zu 257; Banias: ebd., zu 109; Sohag: eigene Aufnahmen; Kopt. Stelen: 

Kerazeh: ebd., zu 401 ; Khirbet Irbid: Crum, Coptic Monuments (Catal. gener. d. Caire), 

ebd., zu 398; Kefr el M a: Schuhmacher, Kairo 1902, Taf. XXXII, 585 ff.; Wulff, Alt- 

Across the Jordan, London 1886, 80 f. 32; christl.Bildwcrke (Kgl. Mus. Berlin), 37,Nr. 8off.; 

e d Dikkih: ebd., 247 f. Abb. I45f.; Semoah: 34, Nr. 74; 76, Nr. 234 ff.; 79, Nr. 242 usf.; Tulu - 

Luynes, Voyage d'exploration autour de mer nidenmoschee: Joum. hell. stud. XXVII 

morte, Taf. 42; Ami da: Strzygowski-Berchem, (1907), 114 f. 11 (Strzygowski). 



■E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Keichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. ^5 

"Stelen aus Tschanakkalessi und Eskischehr; alle diese') haben in der Nischenkuppel 
das Muschelschloß unten. 

Gehen wir nach Italien über, so bietet uns wohl Pompeji die ältesten Beispiele 
in Dekorationen des dritten Stiles, also mindestens seit augusteischer Zeit, in der 
Mosaikfontäne im Neapeler Museum, bei gemalt angedeuteten Wandnischen in der 
Casa del Torello, del Centauro, di Sirico, di Cecilio Secondo, in einer Nische der Forums- 
thermen und Regio I. Ins. III Nr. 25: das Muschelschloß sitzt hier überall*) oben. 
In Rom haben wir Beispiele in der Stuckdekoration eines Grabes an der Via Latina, 
den zahlreichen Nischen des Janus quadratus, im Tempel des Romulus, des Sohnes 
des Maxentius, an Grabaltären und anderen tektonischen Werken, endlich an Sarko- 
phagen wie dem bekannten Junius-Bassussarkophag in den vatikanischen Grotten; 
ich erwähne auch gleich einen anderen christlichen Sarkophag in der Krypta von 
S. Ciriaco, Ancona (Ravenna wird für sich behandelt werden); alle dieses) weisen 
die Nischenkuppel mit Muschclschloß oben auf. 

Von den westlichen Provinzen bietet mir Germanien die zahlreichsten Beispiele 
an Grabsteinen, in den Museen von Mainz, Trier, Koblenz, Bonn, Köln, Metz usw. 
Nicht wenige, z. B. der Grabstein des Musius in Mainz oder der des Firmus in Kreuz- 
nach, gehören noch der ersten Hälfte des l. Jahrhunderts an, und Altmann 4) schließt 
mit Recht, daß der Typus in Italien, woher er stammt, noch älter sein müsse: überall 5) 
das Muschelschloß oben, ebenso in Britannien an einem Votivaltar, in Südfrankreich 
an Grabstelen und Sarkophagen, in Spanien an einem Sarkophag, in Nordafrika 
am Bogen von Dschemila, am Prätorium von Lambäsis und einer Grabstele; ferner 

') S a g al as s s: Lanckoronski II, 157 f. 133'; 3) V i a Latina: Springer-Michaelis 91911, 

Ephesus: Forschungen II, 46' (keine Abb.); 511 f. 931; lanusbogen: Rossini, Archi, 

Kodscha Kalessi: Headlam, Eccles. sites Taf. 60; R m u 1 u s t e m p e l:Durm, 576f. 650; 

in Isauria JHS. Suppl. II (1892), Taf. II. Grabaltäre u. a. : Altmann, Rom. Gr. d. 

Isaurien und Pisidien: Termessos: Kaiserzeit, Berlin 1905, 140 f. 114; Amelung, 

Lanckoronski II, 74 f. 24; Ramsay, Studies in Skulpturen d. vatik. Mus. I, Taf. 25, Nr. 91 — 91a; 

bist, and art of east. provinces. Aberdeen 1906, ebd., Taf. 29, Nr. 170 — 170 a; ebd., II, Taf. 58, 

ff. I — 3, 6, 8, 21, 22, 31 (A. M. Ramsay); S i d a - Nr. 403; Bassussarkophag: Sybel, 

marasarkophage: Strzygowski, Orient od. Christi. Antike II. Marburg 1909, f. 18; An- 

Rom, Leipzig 1901, 46 f. 13 ff.; Zusammen- cona: Garucci, Storia di arte crist., Taf. 326. 

Stellung bei Mendel, Cat. d. Brousse BCH. 33 Damit das für Rom charakteristische Moment 

(1909), 333 f., kurze Nachträge: Mendel, Cat. d. des gelegentlichen Auftretens östlicher Formen 

sculpt. I (Mus. d.Cple.), Cple. 191 2, 312 ff.; Melfi: nicht fehlt, hat der Grabaltar des Wunderknaben 

Arch. Jahrb. XXVIII (1913), 277 ff. (Delbrueck); Q. Sulpicius Maximus die Nische mit Muschel- 

Tschanakkalessi: Athen. Institutsph. schloß unten: Altmann, 219 f. 179. 

Kleinasien Nr. 206, 207, 208; Eskischehr: 4) Grabaltäre, 208 f. 

Radet, en Phrygie, Paris 1895, Abb. VI. 5) S. d. Material bei Klinkenberg, Die röm. Grab- 

*) Pompeji: Mosaikfontäne: Ippel, d. dritte denkmäier K ö 1 n s , Bonner Jahrb. 108/9 (1902), 

pompejan. Stil, Berlin 1910 (Diss.), 21 f. 9; Taf. I, i, 3, 7, 8; bei Weynand, Form u. Dekora- 

C. il Torello: ebd., 24 f. 1 1 ; C. d. C e n - tion der röm. Grabsteine der Rheinlande im 

tauro: Röm. Instph. 6061; C. d. Sirico: i. Jahrb., ebd., Taf. V, 5, VI, 5,6; ferner bei Bau- 

Instph. 51 61; C. d. Cecilio Secondo: meister, Denkmäler III, 2052 f. 2265; 2054 f. 2267; 

Presuhn, P.,Leipzigi882,Abt. I.Taf.V; Ther- 2056 f. 2269; für T ri e r: Hettner, Steindenk- 

m e n: Mazois, Ruines d. P. IIP p., pl. XLVIII; mäler, 58 Nr. 92; 73 Nr. 137; 133 Nr. 308; Der- 

Reg. L Ins. III, Nr. 25: Instph. 5211. selbe, Führer, 6 ff. Nr. 6; 10 ff. Nr. 11 ; 17 f. Nr. 14. 



56 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

an je einer Grabstele auch aus Aquileja und Agram: überall ') die Nische mit Muschel- 
schloß oben: darin offenbart sich eine klare Scheidung zwischen Ost und West. 

Interessant sind nun vor allem die Grenzgebiete und die späteren Jahrhunderte 
bis zur justinianischen Zeit. Der Diokletianspalast bietet uns leider kein erhaltenes 
Beispiel; wir würden wohl wie in Baalbek einen Wechsel zu erwarten haben. Saloniki 
hat am Galeriusbogen Nischen mit Muschelschloß oben, während die Akanthusblätter 
im Abschlußgesims von östlichem Typus sind. An den beiden dorther stammenden 
Ambonen frühbyzantinischer Zeit sitzt das Muschelschloß unten, ebenso in einem 
Mosaik der Demetriuskirche mit dem hl. Demetrius als Orans, in den Mosaiken der 
Georgskirche dagegen oben*). Ganz ahn lieh verhält es sich mitRavenna: an den Sarko- 
phagen, an kleinen Ädikulen, an den Nischen der Maximianskathedra sitzt das Muschel- 
schloß unten, in den Mosaiken fast durchgeh ends oben: in Galla Placidia mit Adler- 
kopf als oberem Abschluß, im Neonsbaptisterium in der Zone mit den Altären, in 
S. Apollinare Nuovo zwischen den kleinen biblischen Szenen ganz oben und selbst 
in S. Vitale in dem Zeremoniarbild über Theodora; dagegen strahlen die Kannelüren 
der Flachnische im Chor von S. Vitale über der Empore von unten aus und, was sehr 
bezeichnend ist, über den Stuckreliefs vom Neonsbaptisterium und in den Chor- 
mosaiken von S. Apollinare in Classe wechselt wieder, wie in Baalbek, Muschel- 
schloß oben und unten 3). Unverkennbar scheint mir daraus hervorzugehen, daß in der 
Mosaikmalerei eine starke westliche Tradition 4) fortwirkt (von Pompeji aus."*); 
so versteckte Anzeichen sprechen deutlicher als manche falsch angepackte stilistische 
Untersuchung. Das Muschelschloß unten weisen die wohl von Konstantinopel aus- 

') Bri t anni e n: z. B. Altarv. Bureni, jetztMus. bom '1913, 487 £. 185; Demetrius- 

V. Edinburg: Rivoira, Origini dell'archit. lomb., kirche: Isvestija russ. Inst. Konstantinopel, 

Müano ' 1908, 485 f. 433;Arles; Grabaltäre: XIV (1909/10), Taf. I, VI; Georgskirche: 

Altmann, 207 f. 164, 208 f. 166, vgl. dazu Holtzinger, 151 f. 105. 

Altar der Göttin Nehalennia aus Lugdunum 3) Sarkophage: die ganze Reihe mit einem 

Batavorum (Leiden), Catal. mostra archeol. verwandten Stücke in Padua am bequemsten bei 

Roma 1911 Abb. 163; Sarkophag: Sybel II, Venturi, Storia dell' arte ital. I, Mailand 1901, 

f. 26, vgl. damit Sarkophag in L e i d e n: Wulff, 210 f. 197 ff.;Maximianskathedra: Ven- 

Altchristl. u. byz. Kunst, 113 f. 94, und Sar- turi, 301 f. 2830.; Aedikulen: Holtzinger, 

kophag in der Ny-Carlsberg-Glyptothek: Bil- 130 f. 99!.; Galla Placidia: Götz, Ra- 

ledtavler, Kopenhagen 1907, Nr. 829 Taf. LXXII; venna, Leipzig 1901, 23 f. 16; N e o n s b a.p t i - 

Spanien, aus Empuries: Puig y Cadafalch, sterium: Holtzinger, 115 f. 92; Venturi, 

Arquitectura romanica a Catalunya, Barcelona 126 f. 114, für die Stucknischen ebd., 128 f. 116; 

1909,272 f. 323; D j e m i 1 a: Gsell, Monum. I, S. Apollinare Nuovo: am besten bei 

Taf. 36; Lambäsis: I, Taf. 8 (kaum zu er- Ricci, Ravenna, Bergamo '1906, Taf. 55, 56, 

kennen); Stele in Timgad: Ballu-Cagnat, vgl. Venturi, 134 f. 1233.; S. Vitale: über 

Mus. d. T., Paris 1903, Taf. V, 2; Aquileja; Theodoramosaik : Ricci, f. 100, Venturi, 130 f. 119; 

nach Ny-Carlsberg gelangt: Altmann, 206 f. 163; in der Empore: Götz, 60 f. 49, vgl. mit Codex 

Agram: Brunsmid, Kam. sporn. Vjesnik Rossanensis Venturi, 152 f. 142; S. Apollinare 

N. S. X (1908/09), 163, Nr. 358. in Classe: Götz, 70 f. 62 über den Einzel- 

^) Galeriusbogen: Kinch, L'arc de triomphe personen oben; über den Szenen, 71 f. 63 f. 

de S., Paris 1890; Ambone: Holtzinger, Die unten. 

altchristl. Archit. in systemat. Darstellung, Stutt- 4) Vgl. auch das Apsismosaik der Vorhalle des La- 
gart 1889, 172 f. 115; mitdenMagierdarstellungen: teransbaptisteriums, sog. Kapelle der hh. Rufina 
Kaufmann, Handb. d. christl. Archäol., Pader- u. Seconda: Venturi, 119 f. 106. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung, 67 

gehenden profanen und sakralen Diptychen auf, in S. Marco die reliefierten Ziboriums- 
säulen, Reliefs vom Sturzbalken des Nordportals, eine Nische in der Vorhalle, ferner 
eine kleine Ädikula in Kreta, dagegen oben ein skulpiertes Marmorreliquiar in Parenzo, 
eine in Marmor eingelegte Ädikula in der Agia Sophia und ein Elfenbeinrelief mit 
Christus in Rom '). 

Was ergibt sich daraus für Baalbek und weiter? Die geschlossene Reihe der 
östlichen Beispiele hat die Nische mit Muschelschloß unten, die geschlossene Reihe 
der westlichen Beispiele hat das Muschelschloß oben, und zwar schon vom Beginn 
der Kaiserzeit an; es ist ohne weiteres verständlich, daß die Form im Osten in die 
christliche Kunst, die koptische, syrische usw. und die islamische übergeht, während 
im Gebiete der byzantinischen Kunst, namentlich, wo sie nach dem Westen über- 
greift, die Verhältnisse in charakteristischer Weise gestört sind: in Ravenna können 
wir daraus den sicheren Schluß ziehen, daß für die Plastik vorwiegend östHche, für 
die Mosaikmalerei zum wenigsten auch westliche Einflüsse in Frage kommen; 
ähnliches gilt für Saloniki, und die zwei Beispiele aus Parenzo und der Hagia Sophia 
beweisen, daß von der ornamentalen Tradition des Westens nicht jede Spur in der 
byzantinischen Kunst verloren gegangen ist, wofür übrigens auch noch mancherlei 
andere konkrete Dinge sprechen. Daß Baalbek in der Kaiserzeit, Ravenna besonders 
und Saloniki in frühbyzantinischer Zeit mehrmals im selben architektonischen 
Ganzen wechseln, ist ein untrüglicher Gradmesser für die sich kreuzenden Einflüsse 
und Traditionen von Ost und West. Daß das in Baalbek von Anfang an der Fall war, 
dafür zeugt das zu allererst besprochene korinthische Kapitell, für das sich nur in 
Rom und im Westen in der reifaugusteischen Zeit Analogien finden ließen. Es liegt 
das nicht am Mangel an östlichen Beispielen allein, denn bei genauem Zusehen findet 
sich schon eine kleine Anzahl, z. B. das Kapitell des Augustustempels von Ancyra, 
des Peripteros von Suwedah, Kapitelle in Siah und eines in Athen ^); aber ebenso 
wie der Osten in der Ausbildung der Akanthusranke, wenn man gleichzeitige 
Beispiele im Westen vergleicht, Rom gegenüber bedeutend zurückgeblieben ist (siehe 
unten S. 78 ff.), so wird er auch sonst in der Ausbildung der Ornamentik überhaupt 
und besonders der kanonischen Form, des korinthischen Kapitells von der rasch 
vorwärtsgehenden Hauptstadt überholt, die dann bei der gleichzeitigen Durch- 
dringung auch des Ostens mit römisch-lateinischen Kolonien ihre neuen Schöpfungen 
überallhin einführte und dadurch den Grund legte zu der überraschenden Einheit- 
lichkeit der kaiserzeitlichen Architektur in allen Provinzen, was die Grundlagen 
oder Voraussetzungen betrifft, im schroffsten Gegensatz zu den überall, besonders 
in späthellenistischer Zeit, ausgebildeten provinzialen Sonderformen. 

') Diptychen: Viel Material bei Venturi, 376 Holtzinger, 131 f. 101 mit falscher Beischrift; 

f. 346 f.; 381 f. 350; 390 f. 356; 392 f. 358; ferner Agia Sophia: Lethaby-Swainson, Church 

Wulff, 193 f. 194 ff.; S. Marco, Ciborium- of S. S., 245 f. 49; Antoniadis, Ekphrasis Ag. 

Säulen: Venturi, 233 f. 220 ff.; Nordportal: Wulff, Soph., Athen 1908, 17 f. 201 ; Rom: Venturi, 

132 f. 121 f.; Kreta: Gerola, Monum. veneti 431 f. 393. 

di Creta II, 37 f. 16.; Parenzo: Lasteyrie, '^ Ancyra: Perrot-Guillaume, a. a. 0.; Su- 

L'archit. relig. en France, Paris 191 2, 96 f. 80, u. wedah: Butler, a. a. 0. ; Siah: Butler 339; 
Athen: Meurer, Vergleich. Formen!., 524 f. 4. 



63 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Kehren wir wieder zum Bakchustempel zurück, sb bleiben uns neben den 
Kapitellen des Peristyls noch die Kapitelle in der Cella, zunächst die 
korinthischen über den vorgeblendeten Drei viertelsäulen ')! Gegenüber dem Kanon, 
wie er aus der Summe der sonstigen Beispiele gewonnen wird, zeigen sie kleine, aber 
eigenartige Abweichungen: die Blattlappen der Kranz- und Hochblätter sind weder 
gehöhlt, noch sind die einzelnen Zacken selbständig durchgebildet (vgl. Abb. 32): diese 
bilden nur die kurze Randbezackung eines im wesentlichen eben belassenen Lappens, 




Abb. 32. Baalbek, kl. Tempel. 



der sein Leben in Licht und Schatten nur durch die in der Lappendiagonale durch- 
gebohrte Rille erhält, auf die hin die beiden Lappenhälften sich leise hereinneigen: 
das Blatt nimmt so eine Mittelstellung zwischen den beiden Typen des Peristyls ein; 
es macht in ausgesprochenster Weise den Eindruck einer in Metalltechnik geschaffenen 
Form; es ist alles so fein ausgetrieben und wieder, wie in den Caulis und Helices, 
so scharf umrissen; nur ein dunkel schimmerndes Material kann soviel größere glatt 
belassene Flächen neben schmale Rillen setzen und doch die gleichen reichen Licht- 
und Dunkelwirkungen erzielen wie die hellere, vielfach gebrochene Steinform. 
Wenn ich mir ein Bronzekapitell vorstellen wollte, dessen Vorkommen in Baalbek für 
Caracallas Zeit inschriftlich gesichert ist, für Palmyra sich aus den konischen glatten 
Kapitellkörpern erschließen läßt *) — deren kostbares Material aber der Raubgier 



') Vgl. Frauberger, Taf. 19. 



') Baalbek: Arch. Jahrb. XVII (1902), 89; 
Palmyra: Wood, Taf. XVII. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. ÖQ 

der Jahrhunderte nirgends standhalten konnte — , s o würde ich es mir rekon- 
struieren. 

Die flachen Wandnischen zu Seiten des erhöhten Adytons sind reicher aus- 
gestattet, ihre schön ornamentierten Bogen ruhen auf Pilasterkapitellen 
kompositer Ordnung (Abb. 32); ihre Kranz- und Hochblätter haben 
denselben Blattcharakter wie die übrigen korinthischen Kapitelle in der Cella. Die 
Kalathosfläche ist zwischen der Blattreihe und den Horizontalkymatien des jonischen 
Teiles besonders verziert, und zwar bevorzugt die linke Wand eine andere Form 
als die rechte; die einen Kapitelle zeigen Pfeifenschmuck (vgl. Trajaneum in Per- 
gamon, umlaufende Hallen, Hadrianstor von Adalia und sonstige besonders klein - 
asiatische Beispiele '), die anderen die viel seltenere Bekleidung mit Schmalblättern, 
die eine Mittelrille haben (ein analoges Beispiel bietet der erste Stock der Bibliothek 
von Ephesus; der Ausgangspunkt sind sicher die sogenannten Schilf blattkapitelle 
wie Athen, Turm der Winde 2) usw.). Der jonische Teil besteht aus dem daktylischen 
Perlstab, einem Eierstab, der den Volutenkanal gänzlich überwuchert, ebenso üppig 
sind die als Zwickelfüllung verwendeten, aus einer Blattdüse hervorsprießenden 
Halbpalmetten, ganz frei bleibt nur das mittlere Eiblatt mit den Pfeilblättern: alles 
ist sehr effektvoll, mit scharfen Graten und tiefen Durchbrechungen gearbeitet. Die 
Voluten sind meist abgebrochen. Der Abakus ist insofern ungewöhnHch, als der 
Volutenkanal des jonischen Aufsatzes die Hohlkehle des Abakus so ziemlich ver- 
drängt hat, dafür ist die Welle mit einem kräftigen Blattstab verziert, über dem dann 
in der Mitte die Blüte sitzt. Über eine andere merkwürdige Form eines kompositen 
Pilasterkapitells siehe unten S. 89 f. 

Die Einzelformen des Gebälks. 

Wir setzen die Betrachtung am Gebälk fort, immer bemüht, brauchbare Kriterien 
zu erhalten, um die Entstehungs- und Ausführungszeit unserer Bauten, den engeren 
und weiteren Kreis, in den sie einzustellen sind, genauer zu umgrenzen und größere 
Klarheit in der Formengeschichte der kaiserzeitlichen Architektur zu erzielen. 

Der Architrav besteht hier durchgehends aus drei Faszien, die durch 
Perlstäbe gegeneinander abgesetzt sind, der obere Abschluß besteht aus Eierstab 
und Hohlkehle mit Palmettenreihung. Beobachten wir nun den E i e r s t a b , dessen 
Entwickelung oben in größeren Zügen verfolgt worden ist, etwas näher, so zeigt sich, 
daß seine Formbildung im stärksten Sinne auf fernsichtige Wirkung berechnet ist; 
den entscheidenden Schritt zu dieser Behandlung hat wahrscheinlich schon die 
claudische Zeit getan, jedenfalls sind seine Folgen in der flavischen Zeit in Rom 
überall zu beobachten: Jedes selbständige Glied wird so tief umrissen, daß es hell 
auf dunklem Grunde zu schweben scheint und ein plastisch modellierendes Ineinander- 

") Pergamon: Altertümer V, 2, Taf. XII; ausführliche Erörterungen über das Pfeifen- 

Adalia: Lanckoronski I, Taf. 7; das vorläufig kapitell namentlich in byzantinischer Zeit : Wulff, 

früheste mir bekannte Beispiel bietet das Kom- Amtl. Ber. Kgl. Kunstss. 1912 (Jan.), 93 ff. 

positkapitell vom vorflavischen Markttor in Milet; ') Athen: Stuart-Revett, I. Chap. III, pl. 7. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 6 



70 E- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

verschwimmen von Halblichtern und -schatten vermieden ist. Das Zwischenblatt, 
durch die Umbohrung bis auf zwei Punkte von den Schalenstegen losgelöst, wird 
im allgemeinen zum Pfeilblatt. Das genügt aber unserem Architekten von Baalbek, 
der sicherlich kein schematischer Kopf war, sondern den Reichtum und die Ab- 
wechslung der Formen bis zum Ungemessenen liebte, nicht: an Stelle des einfachen 
Pfeiles tritt ein zwei- und dreigespitzter, die Spitze kehrt sich auf- und abwärts oder 
wird rautenförmig, die Raute wird in der Mitte durchbohrt, eine Art Paragraphen- 
zeichen und Gittermotive finden sich, im Rahmen der schönen Tür kommt selbst 
einmal ein doppeltes Dreiblatt vor, das an die Kelchblüten zwischen den Eiblättern 
im Abakus des Kapitells vom Concordiatempel erinnert. Ein gefiedertes Blatt 
findet sich auch einmal am Tempel von Bosra (Taf. IV, 2). Die Regel bleibt jedoch 
der Eierstab mit dem Pfeilblatt (in Syrien ist auch das Rautenblatt nicht selten), 
der uns das erwünschte Vergleichsmaterial bietet. Am Tychetempel von Sunamen 
(vgl. Abb. 21) vom Jahre 191 zeigt der Eierstab im Architravabschluß einen Eierstab 
mit kurzen nach unten scharf zugespitzten Eiblättern, die Schale oben offen ansetzend, 
in der Mitte aber außerordentlich ausgeweitet, die Schalenstege schmal. Das Pfeil- 
blatt hat einen gleichmäßig geraden Stengel mit senkrecht dazu abgehenden Pfeil- 
haken fast in Kreuzform. Der Peripteros von Damaskus, dessen Bauzeit sich über 
das 3. Jahrh. erstrecken muß — die Kapitelle des sogenannten Triumph- 
bogens auf der Westseite gehören etwa der Wende des 2./^. Jahrhs. an, 
ein noch teilweise erhaltenes Kapitell des östlichen Zugangs zum Peripteros kann 
nicht vordiokletianisch sein — , hat im sogenannten Triumphbogen ') eine verwandte 
Form des Eierstabes mit weniger spitzem Eiblatt, dagegen ist die Schale so stark 
ausgeweitet, daß sie längs oval ist im Gegensatz zum hochovalen Eiblatt, die Schale 
hat schmale Stege und kurzschaftige Pfeilblätter, die seltener mit Rautenblättern 
wechseln (vgl. Abb. 40 von der Südtür). In der Ausführung wird er durch eine gewisse 
Trägheit und Unlust zu scharfer Linienführung charakterisiert, er befindet sich 
bereits wieder auf dem abwärtsführenden Weg, den das 3. Jahrh. im Osten 
und Westen gleichmäßig geht. Ähnlich charakterisiert sich auch der Tempel von 
Bosra (Taf. IV, 2), der ebenfalls in die Wende des 2./3. Jahrhs. gehören 
mag; die querovale, weit gehöhlte Schale bildet für diese Zeit das charakteristische 
Element, das Pfeil- oder Rautenblatt tritt demgegenüber zurück. Das Nymphäum 
(Taf. V, 2) von Gera§ zeichnet sich gegenüber den zwei letzten Beispielen durch die 
scharfe und elegante Zeichnung aus, wiewohl auch hier das Ei kurz und rundhch, 
die Schale klaffend in querovaler Richtung geöffnet ist. Als Zwischenblatt tritt Raute 
und Pfeil auf, letzter mit fein ausgezogener Spitze. Kommen wir endlich zu den 
Propyläen (Taf. V, l) des Großen Peripteros, so bemerken wir als auffallendsten 
Unterschied die langovale Form des Eiblattes, deren Umriß auch die Schale mit 
feinen Stegen folgt ohne auffallende Ausbauchung, das Pfeilblatt fußt ebenfalls in 
Übereinstimmung mit dem Schalenrande breiter, die Pfeilhaken setzen hoch an, 
die Spitze ist lang und dünn ausgezogen. Vergleichen wir damit den Eierstab vom 

•) Abgeb. z. B. Hftrard-Zeiller, 165. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Diflferenzieiung. 7 i 



Bakchustempel, so gibt es keine Form, die ihm näher stünde; so gut man das Pilaster- 
kapitell von den Propyläen mit dem des Bakchustempel unbemerkt vertauschen 
könnte, ebenso auch seinen Eierstab. Es scheint ja ganz begreiflich, daß beim natür- 
lichen Fortgang der Entwickelung die Schale, die mit dem Eiblatt verwachsen war, 
dann durch die Umbohrung abgelöst wird, zuerst ganz dem Umriß des Eiblattes 
folgt und erst später selbständiger behandelt und in der Mitte ausgetrieben wird 
bis zur klaffenden, querovalen Schalenform ; diese Entwickelung scheint sich in Syrien 
in den letzten Jahrzehnten des 2. Jahrhs. erst vollzogen zu haben: auch das 
Gebälk des Bet el Tei' genannten Tempels von Gera§ steht den Propyläen und Baalbek 
näher als etwa Sunamen, und in Baalbek selbst ist an den Propyläen und am Rund- 
tempel nirgends eine so weitgehende Zerformung wie am Tychäon und den ver- 
wandten Beispielen zu bemerken. 

Weiterhin schulden wir der Hohlkehle mit den abwechselnden Palmetten 
Aufmerksamkeit: eingerollte und Fiederpalmetten folgen sich im Wechsel, vollkommen 
unverbunden: wie ein feines Spitzengewebe überziehen sie die Hohlkehle; welcher 
Unterschied gegenüber dem Großen Tempel mit den Blattkelchen und den Cauliculi, 
wo trotz der größeren Zahl der Füllmotive noch viel mehr Grund freibleibt! Die 
Entwickelung von der ersten zur zweiten Form zu verfolgen, müßte auch ergebnisreich 
sein, allein dafür versagen uns die syrischen Beispiele ganz; nur die Innenseite der 
Propyläen vonGeraä weist unter dem Pf eifenf ries die gleiche Reihung auf; die Straßen- 
seite der Propyläen und dasNymphäum von öera§ (Taf. V, i, 2) haben an dieser Stelle 
eine kleine Spiralranke, ebenso der Tempel von Bosra (Taf. IV, 2), der Tempel vonSuna- 
men eine mit Kleeblatt ausgesetzte Spiralranke. Zur Verfügung stehen nur das Theater 
von Amman und der sogenannte Triumphbogen (richtiger das Propylon) von Damaskus 
und nichtsyrische Beispiele besonders in Kleinasien. Das Theater von Amman, 
das sicher in die zweite Hälfte des 2. Jahrhs. gehört, zeigt Fieder- und auswärts 
gerollte Palmetten unverbunden in grobschlächtiger, aber stark unterschnittener 
Arbeit; dagegen ist die Reihung in Damaskus ganz flach, kaum umtieft gearbeitet. 
In Kleinasien findet sich die zusammenhanglose Reihung am Aphroditetempel von 
Aphrodisias und am Theater von Hierapoüs, beides Bauwerke aus der Wende vom 
2-/3* Jahrh., am Theater von Aspendos aus Marc Aureis Zeit und am Nymphäum 
ebenda, am Theater von Perge, am Tempel des Antoninus von Sagalassos usw. Am 
Oberstock der Bibliothek von Ephesus sind Palmetten durch liegende S- Spiralen 
verbunden '). An Feinheit der Ausführung reichen die späteren syrischen und klein- 
asiatischen Beispiele nicht an Baalbek heran. 



') Aphrodisias: Daß der Aphroditetempel 
nicht in die hadrianische Zeit gehört, wie Mendel, 
Comptes rend. 1906, 184 grundlos annimmt, 
sondern im wesentlichen in das 2./3. Jahrh., 
habe ich Athen. Mitt. 1914, 43 bemerkt und 
bringe hier weitere stilistische Belege; wahr- 
scheinlich stammen zwei Kapitelle, die am Dorf- 
eingange ganz in der Nähe der Propyläen des 
Tempels sich finden und spätere Analogien zum 



Caracallatempel von Atil bieten (0. Abb. 23 a, b), 
aus einer der Hofhallen. H i e r a p o 1 i s: Datie- 
rung annähernd aus der Inschrift : Humann, Alter- 
tümer von Hierapolis (IV. Ergänzungsheft zum 
Jahrb.), 69 (Judeich); Aspendos: Theater: 
LanckoronsW I, 110 f. 86, Taf. XXVI; Nym- 
phäum: 100 f. 78; Perge: ebd. I, 54 f. 39; 
Sagalassos: ebd. 11, 148 f. 120; Ephesus: 
österr. Jahresh. XI (1908), 132 f. 33 (Wilberg). 

6* 



72 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung uhd Differenzierung. 

So bleibt vom Architrav nur noch der Soffittenschmuck vom Peristyl 
zu besprechen'): er ist in jedem Interkolumnium in sich abgegrenzt und besteht 
aus verschiedenen Wulstmotiven, z. B. dem fünfsträhnigen Flechtband mit Knopf- 
schmuck dazwischen, dem Blattstab aus Lorbeerblättern und -fruchten mit einer 
Rosette als Mittelstück und ähnlichem; gerahmt werden sie von der lesbischen Welle 
im Kleeblattbogenschema syrischer Form. Um das syrisch zu begründen, 
muß ich wiederum weiter ausholen. 

Die lesbische Welle (dazu Beilage 5). 

Über die ältere Geschichte des lesbischen Kymations sind wir neuerdings 
durch eine Arbeit von Weickert *) besser unterrichtet, .für die spätere Kaiserzeit 
jedoch und besonders die römische Provinzialkunst sind seine wenigen Darlegungen 
unzureichend, das entwickelungsgeschichtliche Moment ist ebenso wie die klar aus- 
geprägte provinzielle Differenzierung, die uns beide recht wertvolle Aufschlüsse 
vermitteln, zu wenig betont. Für die Bestimmung der syrischen Form stehen nur 
Propyläen, Bet el Te'i und Nymphäum in 6era§, der Bakchustempel, die Hofhallen 
und der Rundtempel in Baalbek und der Tempel von Bosra zur Verfügung: der Klee- 
blattbogen ist mit dem Lanzettblatt, das von der Spitze aus nach oben sich rasch 
verbreitert und mit den Kleeblattbogen gleich Fühlung gewinnt, fest verwachsen, 
das ehemalige Innenblatt, das seit der augusteischen Zeit von seinem umrahmenden 
Schalensteg losgebohrt und selbständig, vielfach als Blume, stilisiert wird, wodurch 
das entgegengesetzte Richtungsmoment in die lesbische Welle kommt, ist noch 
einmal durch eine vertikale Rille geteilt, wodurch es in zwei Halbblättchen von 
keuliger Form zerfällt (Abb. 33 a). Am jüngsten Beispiele in Bosra (Abb. 33 b) 
zeigt sich, wie in allen übrigen Formen, eine starke Trägheit in der Durchführung, 
aber der Typus bleibt. Eine Entwickelung zu erkennen, gestatten uns diese Beispiele 
in der kurzen Zeit nicht, namentlich erfahren wir nicht, was wir gerne wüßten, wann 
sich die Ausbildung des typischsten Bestandteils, die Zweiteilung des Innenblattes, 
vollzogen hat. Glücklicher liegen dafür die Verhältnisse in Kleinasien. Beispiele 
aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhs. bieten das Theater von Aspendos und 
der korinthische Tempel von Termessos 3) : wir bemerken daran eine viel weiter- 
gehende Umformung der lesbischen Welle: oben wird ein ganzes Stück durch das 
folgende Profil abgeschnitten, so daß sich der Kleeblattbogen nicht mehr schließt; 
das Lanzettblatt ist im Gegensatz zu Syrien gänzlich umbohrt, aber so, daß von den 
beiden Bogennasen zwei schmale Stege sich loslösen und mitgehen, also drei Stege 
innerhalb des Kleeblattbogens fußen. Dagegen bleibt das ehemalige Innenblatt 
in seiner augusteischen Form so gut wie unberührt: Kleinasien verfährt also der 
lesbischen Welle gegenüber gerade umgekehrt wie Syrien. In dieser typisch klein- 
asiatischen Form tritt sie uns auch an einer Reihe von Werken der tektonischen Plastik 
entgegen, die zum Teil durch den antiken Export weit von ihrem Ursprungslande 

•) Frauberger, Taf. 9. >) W., Das lesbische Kymation, München 1913. 

3) Laiickoronski I, 87 f. 42. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS 1914. 



Beilage 5 zu Seite 72 ff. 




A()l>.33a^ Ba'«^*^'«^j lUxvMtA Te*v\f>tL 



Al;((. 33 b- Bo5ra.^ TenvpeL . 




Abb.33 6 .^eTU/ic^L^>n-^ G-to-iiesk.i-i'C^ve 



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A\r\j SH ■ ir ■ ApArc»<lusi.<vi .Tf)eA.nve^-vv, 



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Abk. 3'4.« K^Ua^ B^za.nX..OrVLi,pioCLK^ 




E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 71 

weggebracht worden sind: an den Sarkophagen der Sidamaragruppe ; der größte Teil 
der heute bekannten Stücke ist zudem in Klcinasien gefunden oder durch seinen 
Marmor dahin verwiesen; es gehört aber auch mit voller Sicherheit der Sarkophag 
von Melfi dahin und nicht etwa nach Griechenland '), auch steht er nicht allein, 
sondern bildet mit anderen eine den Sidamarasarkophagen nächstverwandte, im allge- 
meinen frühere Gruppe, die sich am auffälligsten durch ihre Kapitcllform von der 
ersteren unterscheidet, worauf bei der bisherigen Zusammenstellung nicht geachtet 
worden ist. Aus dem Mendelschen Katalog (s. o. S. 65')) müssen zum mindesten 
Nr. 5 aus Üskeles in Lydien, Nr. 24 aus Giardino Colonna, Nr. 26 aus dem Vatikan, 
Nr. 34 aus Myra, Nr. 36 aus Cassaba in Lydien in die neue Gruppe eingestellt werden, 
dazu kommt ein Sarkophag in Sardes und ein größeres Eckfragment im Kunsthandel 
in Smyrna, angeblich aus Ephesus, das mir durch Photographie bekannt wurde. 
Wenn erst einmal die schon bekannten Stücke zureichend oder überhaupt publiziert 
sein werden und der neuen Gruppe gleiche Aufmerksamkeif geschenkt wird wie der 
alten, wird auch die 1 y d i s c h e G r u p p e , wie ich sie nach der wichtigsten Fundgegend 
benennen möchte, bald ähnlich reich dastehen wie die Sidamaragruppe. Kleinasiatisch 
sind ferner zwei schon miteinander in Beziehung gesetzte Sarkophage, der Bellero- 
phonsarkophag in Athen, aus dem südlichen Kleinasien hergebracht, und ein 
Sarkophag von Torre Nova in Rom, durch ihre Kapitellform unter sich und mit der 
lydischen Gruppe verbunden. Beziehungen zu diesem Kreis hat endlich eine weitere 
Gruppe aus vorläufig vier Sarkophagen mit Heraklestaten: im Palazzo Torlonia, 
in der Villa Borghese, im Vatikan und im British Museum in London; ihre Kapitell- 
form verbindet sie enger mit den beiden letzten Gruppen und trennt sie von der 
ersten; aber es liegen gewisse Anzeichen von westhcher Beeinflussung vor, die es 
wahrscheinlich machen, daß die Sarkophage zwar von Kleinasiaten, aber in Rom 
selbst geschaffen wurden^). 

Die kleinasiatischen Denkmäler gestatten uns aber, die für die Datierung 
außerordentlich wichtige Frage zu lösen, in welchen Stufen sich diese Zerformung 
der lesbischen Welle vollzogen hat. Noch hellenistisch ist die lesbische Welle am 
Mithridatcstor von Ephesus in den Abschlußprofilen der zweistreifigen Archivolten- 
stirnen um die Nischen der seitlichen Durchgänge: sie stellt sich zu Beispielen wie 



') Delbrueck, Arch. Jahrb. XXVIII (1913), 307. 

') Myra: Rott-Michel, Kleinasiat. Denkm., Leip- 
zig 1908, 337 f. 127, was aus Petersen-Luschan, 
Reisen II, 26 f. 24 nicht zu ersehen ist; Giar- 
dino Colonna: Miinoz, Monumenti d'arte 
mediaevale e modema, fasc. I; ein Kapitellchen 
davon: Journ. hell. stud. XXVII (1907), 108 f. 6b 
(Strzygowski) abgebildet; Vatikan: Ame- 
lung I, Taf. 70, Nr. 518; Sardes: Amer. 
Jour. Arch. 17 (1913), 476 f. 5;Torre Nova: 
Rom. Mitt. XXV (1910), 97; A t h e n: Robert, 
Sarkophagreliefs II, Taf. 50, Nr. 138; Tor- 



lonia: Robert, Sarkophagreliefs III, Taf. 34 f., 
Nr. 126; Borghese: ebd., Taf. 38, Nr. 127; 
auf der einen Seite hat das Zwischenblatt eine 
unkleinasiatische, aber echt römische Umstili- 
sierung zur ausgebildeten »Tulpenform« erfahren, 
auch das Lanzettblatt ist eigenartig unver- 
standen (Abb. 34 h); Vatikan: ebd., Taf. 39, 
Nr. 130; Amelung I, Taf. loi; London: 
Robert III, Taf. 39, Nr. 131: wahrscheinlich das 
späteste Stück der Gruppe, denn seine lesbische 
Welle geht überein mit Diokletianspalast u. a.,' 
s. u.; dazu kommt wohl Robert III, Taf. 43, 



Nr. 141 aus Pal. Mattei. 



74 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 



dem Neuen Tempel von Samothrake (Weickert, Taf. VI, 6), dem Artemision von 
Magnesia (ebd. VII b) und Wandmalereien aus Delos (VII e, f); hellenistisch ist sie 
auch noch am Augustustempcl von Ancyra, insofern das Innenblatt sich noch nicht 
losgelöst hat, was im Westen in dieser Zeit an allen augusteischen Bauten'): 
Tempel in Nimes, in Pola, in Tarragona usw. vollzogen ist. In dieser neuen Form 
begegnet es uns am claudischen Hallenbau inMilet im Abakus des jonischen Kapitells 
und am Markttor von Milet (Abb. 34 a), das äußerlich nicht datiert ist, aber nach 
Akanth'usranken- und Eierstabbildung und sonstigen Merkmalen unmittelbar vor 
die flavische Zeit gehört, unter der Hängeplattc über dem Zahnschnitt; nur eine 
Beobachtung muß gemacht werden: die Spitze des Lanzettblattes ist abgeschnitten, 
und es zeigt einen leicht erhöhten Stegwulst vorgewölbt. Zwei hadrianische Beispiele, 
das Tor von Adalia und die Thermen von Aphrodisias *) (Abb. 34b), zeigen die Ent- 
wickelung nur unmerklich weiter fortgeschritten; das Lanzettblatt fußt ganz breit, 
man beginnt den runden Kopf freier zu setzen, doch ohne ihn tiefer zu umbohren, 
der Stegwulst hebt sich stärker heraus ; das obere Profil schneidet an den Kleeblattbogen 
scharf an, doch bleibt die Rundung innen geschlossen; dieselbe Stufe etwa zeigt 
auch das untere Stockwerk der Bibliothek von Ephesus (Abb. 34 c), nur daß die 
Umbohrung des runden Kopfes um eine Linie tiefer ist und der Stegwulst sich stärker 
abhebt vom Grunde; das obere dagegen hat schon einen weiteren bedeutungsvollen 
Schritt getan (Abb. 34 d): der Kleeblattbogen ist abgeschnitten, der runde Lanzett- 
blattkopf stößt an das obere Profil an, er ist auch mit einer breiten Rille umbohrt 
bis zum Nasenansatz des Bogens, nur der letzte Schritt ist noch zu tun, die deutlich 
sich absetzenden Randstege des breiten Lanzettblattes im Zusammenhang mit der 
Umbohrung des Blattkopfes abzubohren; das muß in der Zeit des Antoninus Pius 
geschehen sein, denn in der Zeit Marc Aureis ist es schon in flotter Übung am Sarkophag 
von Melfi (Abb. 34 e), — aber wohl erst in den späteren Jahren, denn am Antoninus- 
tempel von Sagalassos scheint die Form vom Oberstock der Bibhothek von Ephesus 
noch zu herrschen, da man den Zeichnungen Niemanns hier wohl ebenso trauen 
kann wie bei Aspendos. Jedoch ist schon in der Bibliothek von Ephesus selbst an 
Rankenpilastern des unteren Stockes die Furche zu selten des Steges vielfach gebohrt, 
wenn auch noch nicht so, wie am Sarkophag von Melfi; konsequent ist die Bohrung 

') Weickert hätte bei eingehender Stiluntersuchung 

nicht entgehen sollen, daß die lesbische Welle vom 

Forum holitorium (Taf. VIII, b) nicht von 180 a. 

datieren kann, sondern nachaugusteisch sein muß; 

in der Tat haben wir einen Neubau durch Tiberius 

gesichert (Rom. Mitt. XXI [1906], lögff. [Hülsen]).* 
') Datierung einzelner Teile in hadrianische Zeit 

gesichert C. R. 1906, 167; als Randeinfassung 

an den schönen Imposten, die z. T. ins Museum 

von Konstantinopel gelangt sind, statt des 

Lanzettblattes Palmettenfüllung, während sonst 

das hier angezogene Lanzettblatt vorwiegt z. B. 

ebd., 170 f. 2; ähnlicher Wechsel schon in Ancyra. 

Aspendos: gehört in die Zeit des Antoninus 



Pius nach den Gründerinschriften, die aus Italien 
bekannte Personen nennen: LaAckoronski I, 91: 
die Form der lesbischen Welle in dem oberen 
Geschosse der Bühnenwand entspricht in der 
Niemannschen Zeichnung, ebd., f. 87, merkwürdig 
genau der vom Untergeschoß der Bibliothek von 
Ephesus, während die Form in der Nischen- 
verdachung schon mit dem Sarkophag von Melfi 
übereingeht (ebd., f. 90); Melfi: nach der 
Frauenfrisur um 170 datiert, Delbrueck a. a. O., 
299 ff. ; Sagalassos: Lafickoronsld II, f. 118, 
120; Ephesus, Nymphäum: bekanntgemacht 
in einer Sitzung des österr. arch. Instit. in Athen, 
März 19 14, durch W. Wilberg. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 75 

durchgeführt am neuentdeckten Nymphäum in Ephesus, dem bisher sogenannten 
Claudiustempel; die Fertigstellung der beiden Bauten wird also wohl um 150 
anzusetzen sein. Die Zerformung geht rasch weiter, wie gleich die Nischenverdachung 
der Bühnenwand des Theaters von Aspendos im Verhältnis zu den unteren Stock- 
werken erkennen läßt ^). Der Tempel von Aphrodisias (Abb. 34 f) und das Theater 
von Hierapolis (Abb. 34 g) bieten Beispiele aus der Wende des 2./3. Jahrhs. ; 
dann schließen die Sarkophage der Sidamaragruppe an, am frühesten Beispiele wie 
etwa das Fragment von Isnik »), an späteren Beispielen wird die lesbische Welle 
oder richtiger ein Ausschnitt: der Kleeblattbogen mit dem Lanzettblatt ohne das 
(ehemalige) Innenblatt vollkommen unverständhch für den, der sich nicht die ganze 
Entwickelung gegenwärtig hält. Die lesbische Welle in der traditionellen Reihung 
erhält sich aber naturgemäß auch weiterhin; ein recht charakteristisches Beispiel 
des 3. Jahrhs. bietet uns Hierapolis an einer Platte für eine Brunneneinfassung 3); 
die Halbbogen, die schon im Theater, besonders an einer Tür der Skene, nur 
mehr kümmerliche Ansätze des ehemals oben schließenden Rundbogens aufwiesen, 
haben hier die eigene Erinnerung an ihre Vergangenheit verloren, treten zu selten 
des dürr dastehenden Lanzettblattes weitauseinander und verbinden sich mit den 
begleitenden Stegen des Lanzettblattes zu einer Art zweischenkliger Giebel mit einem 
Knauf auf der Spitze; nur das Innenblatt bleibt stabil. Diese Form bildet einen 
guten Übergang zu zwei Beispielen aus der großen Architektur, die recht weit- 
tragende Schlüsse gestatten: die lesbische Welle in kleinasiatischer Form findet sich 
am Diokletianspalast (Abb. 34 i) von Spalato im Abschlußgesims des Türsturzes 
der Porta aurea, im Abschlußgesims unter der Wölbedecke im Innern des Baptiste- 
riums, im Innern des Mausoleums über dem Puttenfries, in der gleichen Form auch 
im Abschlußprofil der Hauptarchivolte des Konstantinsbogens in Rom auf der Süd- 
seite. An beiden Bauten sind jedoch gewisse Veränderungen zu bemerken, die nicht 
anders zu beurteilen sind als die bemerkten Umbildungen am Sarkophag der Villa 
Borghese (Abb. 34 h) : das ehemalige Innenblatt, das während der ganzen Entwickelung 
in Kleinasien unangetastet geblieben war, muß eine Art Tulpenform annehmen, 
die ohne Zweifel unter dem Einfluß des -westlichen Typus steht, und auch das durch 
das Auseinandertreten der Halbbogen ganz haltlos gewordene Lanzettblatt wird in 
ähnlicher Weise neu ausstaffiert, nur daß ein rund umbohrter Knopf oben an die alte 
Lanzettblattform erinnert. Im Diokletianspalast von Spalato findet sich aber anderer- 
seits die lesbische Welle mit Blumenfüllung, eine charakteristisch weströmische 
Form, im Abschlußgesims außen und in den Kassetten der Wölbung am Juppiter- 
tempel (Baptisterium), ebenso auch am Konstantinsbogen an wiederverwendeten 
und neugearbeiteten Gesimsstücken. Der östliche Einfluß macht sich am Bogen 
in dieser merkwürdig sporadischen Form übrigens auch darin geltend, daß von den 



^) Die höchstliegenden Teile von Bauten zeigen in im Interesse der stärkeren Fernwirkung, die ja 

Ephesus (Bibliothek) und hier in Aspendos eine überhaupt das treibende Moment bildete, 

unverhältnismäßig drastischere Auflösung der ') Strzygowski, Orient od. Rom, 46 f. 13. 
Formen als die weiter unten liegenden, offenbar 3) Altert v. Hierap., 59, Nr. 5 (Winter), leider nur 

in einer flüchtigen Zeichnung. 



76 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

acht sicher neugearbeiteten Pilasterkapitellen eines auf der Südseite, das äußerste 
nach dem Kolosseum hin, dem östlichen Typus angehört, wie die Kapitelle vom 
Diokletianspalast, während die übrigen, so gut wie die Kapitelle des Diokletians- 
bogens von Sbeitla oder die von der Maxentiusbasilika dem westlichen Typus zuzu- 
zählen sind. In einer ganz zergangenen Form begegnet uns endlich die kleinasiatische 
lesbische Welle auf einer byzantinischen Grabplatte vielleicht des 6. Jahrhs. 
in Sitiä in Kreta, wo sie schon dem byzantinischen verschränkten Rundbogenfries 
ähnlicher sieht als ihrem Vorbild^) (Abb. 34k). 

Ganz lehrreich ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Fassade der 
Grabeskirche in Jerusalem, die als konstantinisch -syrisch angesprochen wurde *) 
(Abb. 33 c). Die Gesimsfolge vom Zwischen- und Kranzgesims der Türwand folgt 
antikem syrischen Schema bis auf den Schrägschnittstab, der sich zwischen Zahn- 
schnitt und lesbische Welle drängt. Betrachten wir diese aber näher, so stellt sich 
heraus, daß gar keine lesbische Welle von antiker Ornamentierung vorliegt, sondern 
ein fünfzackiges Blattmotiv, das in offenbarstem Mißverständnis eines antiken 
syrischen Vorbildes etwa von der Stufe in Baalbek sich die Form verständlich nach- 
zubilden sucht und durch geschickte Bohrung auch tatsächlich einen ähnlichen 
Eindruck erzielt 3): das ist neben vielen anderen stilistischen Anhaltspunkten (be- 
sonders den Blattmotiven der Konsolen und der Sima) ein sicherer Beweis gegen die 
konstantinische Entstehungszeit dieser Gesimse: die konstantinische Zeit kennt gar 
kein so intensives Hinarbeiten auf Licht und Schatteneffekte, in der Ornamentik 
ist sie müde ausgehende Antike; die meisten der Akanthusblattmotive von den 
Simen und Konsolen sind vor der neuen justinianischen Blütezeit nicht zu belegen 
und entwickelungsgeschichtlich nicht möglich, anderes nicht vor der Kreuzfahrerzeit 
(z. B. die Stege zur Trennung der Simablattreihung, genau so an der Bogenleibung 
des Fassadenfensters der St. Annakirche); das Ganze ist eben, worauf schon der genaue 
Augenschein führt, Arbeit der Kreuzfahrerzeit, die es auch sonst sehr wohl verstanden 
hat, sich andere antike, dazu byzantinische und arabische Elemente aufs beste anzu- 
gleichen. 

Schließlich komme ich noch kurz auf Griechenland zu sprechen, um auch den 
Gegenbeweis zu führen, daß der Sarkophag von Melfi nicht hierhin gehören kann. 
In der großen Architektur ist mir für die Kaiserzeit bisher überhaupt kein Beispiel 
einer ausgeführten lesbischen Welle bekannt geworden: Griechenland ist so sparsam 
und nüchtern und vor allem so konservativ wie keine andere Provinz, es lebt ganz 

') Diokletianspalast, Baptisterium : Ko- gleiches Fragment bemerke ich auf einer alten 

walczyk, Denkm. d. Kunst in Dalmatien, Berlin Aufnahme von Bonfils aus Athen von einer jetzt 

1910, Taf. 40; H^brard-Zeillcr, 104 f.; Porta zerstörten Mauer aus größtenteils byzantinischen 

Aurea, 46; Mausoleum ebd., 86, 87, 88; Kon- Marmorornamentstücken. Kreta : Gerola, Mon. 

stantinsbogen: Die alten schematisieren- Yen. II, 58 f. 27. 

den Aufnahmen geben davon nichts, hier tut die ^) Strzygowski, Orient od. Rom, Taf. IX, i, 

Veröffentlichung neuer exakter architektonischer 127 ff. 

Aufnahmen, die anscheinend gemacht worden 3) So daß S. selbst offenbar nicht darauf aufmerk- 
sind (Am. Journ. Arch. 17 [1913], 487 f. [Fro- sam wurde; wenigstens gibt er es nirgends zu 
thingham]), dringend not. Ein ganz kleines erkennen. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 77 

in der Vergangenheit, es kopiert in hadrianischer Zeit nicht nur am Olympeion zum 
weiteren Ausbau die hellenistischen Kapitelle, sondern wendet die dabei erworbene 
Kenntnis auch beim Bau des Hadriansbogcns an '). Es gibt aber eine bestimmt 
griechische Sarkophaggruppe, die als solche durch ihre weite Verbreitung in Griechen- 
land und, wo sie außerhalb vorkommt, mehrfach durch das Material — pcntclischer 
Marmor — gesichert wird : es haben sich Sarkophage bzw. Fragmente in Athen, Delphi, 
Patras, in Korinth und dem Peloponnes, in Kreta und Saloniki gefunden, Stücke in 
Tarent und Venedig sind aus pentclischem Marmor, von Sarkophagen in Konstan- 
tinopel ist die Herkunft teils unbekannt, teils wird Saloniki angegeben, von einem 
anderen in Oxford ist sie unbekannt, und es wird Klcinasien vermutet: alle diese *) 
haben zur Einrahmung ihrer figürlichen Ornamentation oben und unten eine be- 
stimmte Kymatienfolge: am Fuße nach innen zum Figurenfeld überleitend: Flecht- 
band oder Blattwulst, aufwärts gerichtete lesbische Welle (und Perlstab); oben 
nach auswärts gehend: Perlstab, Eierstab (und lesbische Welle) 3); diese lesbische 
Welle (Abb. 35) hat die Form, die in spätest hellenistischer oder Anfang der Kaiser- 
zeit üblich wurde, wo man eben anfing, das Innenblatt loszulösen und etwas selb- 
ständiger — aber beileibe nicht als Blüte — zu stilisieren. So hat sie sich bewahrt 
ohne jedes Zugeständnis an eine virtuosere Mache, die sonst überall in den Provinzen 
sich entwickelt hatte. 

Die lesbische Welle bietet uns also für die Kaiserzeit einen der wichtigsten 
Anhaltspunkte für die Herkunftsbestimmung tcktonischer Denkmäler und zu- 
gleich, zunächst für die kleinasiatischen Stücke, einen ziemlich sicheren Anhalts- 
punkt für die Datierung, wenigstens in dem Sinne, daß man Sarkophage, die vor 
die Zeit des Antoninus Pius gehören (z. B. zwei prächtige Stücke links von der 
Treppe des Museums in Konstantinopel aus Kleinasien) und nachher (Sarkophag 

') Am Olympieion ist die mittlere einzeln II, Taf. XLVII, Nr. 116; P e 1 o p n n e s: aus 

stehende Säule von den übrigen noch vorhandenen Stavrochori, ebd., Nr. 121 und Nr. 113, letzteres 

verschieden und sicher römisch. Am Ha- jetzt in London; Kreta: Jerapetra jetzt in 

driansbogen sind die korinthischenKapi teile London, ebd. II, Taf. XI, Nr. 23, 23 a; Salo- 

des Oberstockes z. B. in der Caulisform mit ge- n i k i : jetzt Konstantinopel, ebd. III, Taf. XLIV, 

wundenen Kannelürcn ohne Knoten offenbar Nr. 144, 145; Tarent: ebd. III, Suppl. A, 

vom Olympieion beeinflußt, ebenso die Pilaster- i a, b, f ; Venedig: ebd., Suppl. B II; K o n - 

kapitelle unten in dem merkwürdigen Detail einer stantinopel: unbekannt woher, ebd. II, 

tropfenförmigen Zwickelfüllung in den Voluten. Taf. LIII, Nr.152; Oxford: aus Kleinasien (?), 

') Athen: Robert, Sarkophagrel. II, Taf. LIII, ebd. III, Taf. X, Nr. 36. 

Nr. 151, Kastriotis, rXunxi TOÜ'Et)vixoO Moustfou, 3) Ein gleiches Fuß- und Abschlußprofil (jedoch oben 
Athen, 1908 Nr. 2019; ferner die Fragmente ohne lesbische Welle) hat auch der Alexander- 
Nr. 2020 — 2022, letztere von der römischen Sarkophag von Sidon (Hamdy Bey-Reinach, 
Agora; Delphi: vor dem Museum auf- Nccropole royale, Paris 1892, Taf. XXV ff.), 
gestellt; Patras: zwei Sarkophage jetzt in die Basis des Leochares aus dem Philippeion von 
Athen, Nationalmuseum, Nr. 1186: Robert III, Olympia: (Baudenkm.) II, Taf. 82, 2, 3 und 
Taf. LXX, Nr. 216 mit Darstellung der kaly- ein Rundaltar des II. Jahs. beim Dicnysos- 
donisehen Jagd, und Nr. 11 87 mit Kinderdar- theater in Athen: besonders wichtig, weil sie 
Stellungen s. Stais, Guide illustr^ (Marbres et beweisen, daß diese Profilfolge schon in frühest- 
bronces) ^1910, I94fl.; Korinth: Robert hellenistischer Zeit in Griechenland feststand und 

traditionell bewahrt wurde. 



rrS E. Wcigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

von Torre Nova u. verw., Sarkophag Torlonia u. vcrw.) sicher unterscheiden kann; 
auch für undatierte Bauten leistet sie den Dienst eines ziemlich zuverlässigen Zeit- 
messers, und man sollte sich bei Datierungen in erster Linie hieran halten und nicht 
willkürlich Bauten nach dem Eindruck der Architektur (mehr oder weniger technisch 
gut) oder gar nach allgemeinen Erwägungen über das I. bis III. Jahrh. verteilen. 

Die Friese. 

Der Fries stellt eine dreifache Aufgabe, da er außen über den Peristylsäulen 
an der Ccllawand im Peristyl und in der Vorhalle, endlich im Innern der Cella in drei 
verschiedenen Formen auftritt. Ich behandle zuerst den Ranken- und Pfeifenfries, 
da diese beiden die wirklich zeitgemäße Form der Friesverzierung darstellen. Die 
Ranke ist die sogenannte Akanthusranke in wirkungsvollster Durchführung 
auf einer vorgebauchten Fläche ausgeführt. Das stilgeschichtliche Grundgesetz 
für die Entwickelung der Akanthusranke hat Riegl mit feinem künstlerischen Blick 
erkannt, und Studniczka und Furtwängler haben im Kampfe um das Tropaeum 
Trajani das Material besser gesichtet und durchgearbeitet '). Den dabei eingeführten 
Ausdruck »Akanthisierung« halte ich allerdings nicht für glücklich, weil er nichts 
besagt; denn es ist eben nicht die Eigenart des Akanthus, den Stengel mit Blättern 
zu umkleiden, sich um Rosetten einzurollen usf.; man kann die Entwickelung nur 
dadurch kurz charakterisieren, daß man von der fortschreitenden Umbildung der 
Stengelranke zur Laubranke spricht. 

Ich habe schon oben bemerkt, daß Rom und mit ihm der Westen die östlichen 
hellenistischen Provinzen in der Entwickelung der Ranke bedeutend überholt hat. 
Am Mithridatestore von Ephesus (Abb. 36) findet man die Ranke mit starkem, sich 
ungewöhnlich verdickenden Stengel, wie er in dieser Form schon ähnlich bei frühen 
attischen Grabstelen des 4. Jahrhs. auftritt; im Grunde ist die Ranke von 
der Sima des Artemisions auch hier noch unverändert wiederholt, nur mit Hinzu- 
fügung eines pflanzlichen Motivs, aber ohne innere Umwandlung: der geriefelte 
Stengel bildet einen Ablauf gegen einen strickförmigen Knoten, auf den ein kurzer 
zweiteiliger geschlossener Blattkelch folgt; aus ihm kommen drei geriefelte Caules 
hervor, zwei äußere kürzere, während der innere die Ranke in der beschriebenen 
Art fortführt, die äußeren setzen sich mit rund schUeßenden Kannelüren gegen einen 
kleinen zweiteiligen Hüllblattkelch oder auch nur ein Hüllblatt ab: abwechselnd 
einmal oben, einmal unten entsendet der eine Stengel einen unpflanzlichen, sich ein- 
rollenden Cauliculus (Volute) in Helixform mit Kanal, der andere bildet ein pflanz- 
liches Motiv: offene oder geschlossene Araceenblüte u. a. Einen ganz ähnlichen 
Zustand bietet auch der Augustustcmpel von Ancyra in seinen Friesranken, nur daß 
der Übergang vom Hüllblattkelch zum stengelumfassenden Hüllblatt sich dort schon 
mehrfach zeigt und in der Ranke im Türrahmen in einer Art durchgeführt wird, 
die am ehesten an das Julierdenkmal von S. Remy erinnert, aber doch fortgeschrittener 



') Riegl, Stilfragen, 248 fi. Studniczka, Tropaeum, 93 ff. Furtwängler, Tropa'ion von Adamklissi, Abh. 

bayr. Ak. Wiss. XXII (1905), 488. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 70 




Abb. 36. Ephesus, Mithradatestor. 



ist. Strenger ist in Syrien der etwas 
ältere Peripteros von Suwedah') und 
die Überreste von Akantiiusdekora- 
tion in der Trauf leiste unseres Jup- 
pitcrtempels. 

Im Westen verläuft die Ent- 
wickelung um deswillen rascher, weil 
in augusteischer Zeit in die Ranke 
ein neuer Trieb zu stärkerer Natu- 
ralisierung kam, dessen Quellen vor- 
läufig wenigstens verborgen sind, 
dessen Wirkung aber, einem Fermente 
gleich, die Entwickelung und Um- 
gestaltung mächtig förderte. In 
Pompeji liegen zwischen dem Girlan- 
dengrab und der gewölbten Nische^) 
zwei Rankenfriese, der eine aus Tuff 
(Abb. 37), der andere aus Marmor 
(Abb. 38) mit identischer Ranken- 
bildung: von einem aufrechten mitt- 
leren Akanthusblatt verbreiten sich 
rechts und links die Ranken. Irti 
Tuffries hat das mittlere Akanthus- 
blatt den von italisch-korinthischen 
Kapitellen her bekannten Blatt- 
charaktcr, im Marmorfries haben die 
Blattlappen vier kurze, dreieckspitze 
Zacken. Das Tuffmaterial und der 
italische Blattcharakter gestatten 
einerseits nicht, das Datum sehr weit 
herabzurücken, der identische Mar- 
morfries daneben, der den Übergang 
von Tuff- zu Marmorbauten bezeugt, 
andererseits nicht weit heraufzu- 
gehen: die beiden werden in die 
frühaugusteische Zeit gehören. Der 
Rankenstengel ist noch geriefelt und 
setzt mit einem schmalen feinen Ring- 
knoten vor dem Hüllblattkelche ab, 
aber mit ihm kommen aus dem mittleren Kelche, der durch das Akanthusblatt und 
zwei seitliche, sich unter diesem einrollende Schmalblätter gebildet wird, zwei dünne, 

') Butler, S. 333, setzt ihn rund zwischen 50 und 
: V. Chr. 




Abb. 37. Pompeji, Tuflfrics. 




Abb. 38. Pompeji, Marmorfries. 



2) Mau, Pompeji, 407 £. 240. 



3o ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

feine, echte Pflanzenstengcl vor: der untere krümmt sich in eleganter Rundung 
unter die überfallende Spitze der seitlichen Schmalblätter und endet dort in einer 
lilicnähnlichcn Blüte, der andere rollt sich unter dem Bogen des großen Rankcn- 
stengels ein und endet dort in einer Rosette. Der Kelch des Rankenstengels ist offen 
und besteht aus zwei ausschwingenden schmalen Ficdern, in der Mitte setzt sich 
wieder der geriefelte, aber sich nicht merklich verdickende Rankenstengel fort, da- 
neben drei wieder dünne, echte Pflanzenstengel: der eine biegt sich in schlanken 
Windungen abwärts und läßt seine schwere Frucht, deren natürliches Vorbild mir 
unbekannt ist, die aber zugleich an Eichel und Pinienzapfen erinnert, auf dem vor- 
springenden Profilrand des Architravs aufruhen, wie man Kürbis und Melonen stützt ; 
der Rankenbiegung folgend, verläuft der Stengel mit der Rosette, der Erbe des un- 
pflanzlichen Cauliculus, in der Einrollung und nach oben tastet ein Greifhaken, so 
wie wir ihn bei allen Schlinggewächsen beobachten können. Wieviel Naturmäßiges 
steckt schon in diesen Ranken! In dieselbe Zeit gehören wohl auch Akanthus- 
ranken in Barcelona von einem Friese, der in der römischen Mauer verbaut war '). 
Eine ähnliche Stellung nehmen die Ranken vom Fries des runden Nai'skus 
und von der Archivolte des zweiten Stocks am Julierdenkmal von S. Remy ^) ein. 
Besonders wichtig für die Weiterentwickelung erscheint daran, daß die Ricfclung 
des Stengels aufgegeben ist und der Stengel sich nicht mehr mit Ablauf und (Strick-) 
Knoten vor dem Kelch absetzt, sondern sich einfach schlauchförmig zu einem Kelch 
erweitert, wenn neue Verzweigungen entstehen sollen 3). Daran knüpft nämlich 
die Rankenbildung besonders der Ära pacis 4) an: jeder Gedanke an den alten streng 
stilisierten Caulis und die metallischen Cauliculi ist verschwunden; obgleich alles 
mit höchster Kunst verteilt und im Grunde nicht minder stilisiert ist wie dort, ent- 
faltet sich alles so triebkräftig, als ob es gewachsen wäre, so naturhaft, als ob es diese 
künstlerische Art, sich natürlich zu geben, im Samenkorn mitbekommen hätte und 
nun eben gewachsen sei nach seinem inneren Gesetze: und diese römische Ranken- 
form ist älter als die Caulisranke von Ephesusl Daneben taucht im Westen eine 
ganze Fülle verwandter Denkmäler auf; nicht tatsächlich älter, sondern jünger ist 



') Annuari de l'inst. d'estud. catal. 1911/12, 416 f., 
Abb. 182 IT., und Puig y Cadafalch, Arquitectura 
23 f. 22; 27 f. 23; Abb. S. 88; 89 f. 88. Man 
vergleiche damit den Rankenfries vom Augustus- 
tempel in Tarragona. 

*) Antike Denkm. d. Instit. I, Berlin 1 89 1 , Taf. 1 3 — 1 7, 
Text 87 f.; dazu C. I. L. XII, 1012: zwischen 
Cäsar und Augustus. 

3) Auch das ist nicht an sich neu, an Grabstelcn 
kommt es schon früh und oft vor, aber in die 
griechische Rankendekoration ist es fast nie 
eingedrungen; doch ist es lehrreich, den einen 
so behandelten Fall in Olympia (Baudenkm. II, 
199, Taf. CXXIII, 2) mit unserem Denkmal 
einerseits und mit den Ranken am Greifen- 



kapitell der Propyläen des Appius Claudius 
Pulcher in Eleusis andererseits zu vergleichen 
(Springer-Michaelis, 355 f. 638, vgl. Athen. Mitt. 
XIV (1889), 9 ff., Michaelis): in Olympia ent- 
springen aus dem Kelch nur zwei Cauliculi, 
gänzlich unpflanzlich; in Eleusis behalten bei 
allen reichen Verschlingungen und trotz der 
kleinen Rosetten und Araceenblüten die unpflanz- 
lichen Cauliculi ihren Platz, erst am Julier- 
denkmal sind sie ganz zugunsten pflanzenhafter 
Formen ausgeschieden. 
■*) 13 — 9 V- Chr., letzte bedeutende Äußerung: 
Studniczka, Zur Ära pacis, Abh. sächs. Ges. 
XXVII (1909), 899 ff., ein paarguteAbb. Strong, 
Roman sculpture, London 1907, Taf. 17, 18, 20. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 8 1 

der Rankenfries des Augustustempels von Tarragona, aber er bewahrt uns einen 
älteren Zustand, der stadtrömisch wohl den frühen Augustusbauten zukäme; dann 
reiht sich an der Rankenfries vom Theater in Arles, der Fries des Cäsarentempels 
in Nimes, der Impostenschmuck der Bogen von Cavaillon und Orange, Imposten- 
und Friesranke auch in Pola ') u. a. Den Fries des Augustustempels von Pola be- 
trachten wir uns etwas aufmerksamer, weil er (für uns) das Prinzip aufstellt, nach 
dem syrische Beispiele gerne verfahren: die Ranken nicht über die ganze Länge 
in ununterbrochenem Zuge sich abrollen zu lassen, sondern in sich abzugrenzen und 
eines oder zwei Interkolumnien als zu schmückende Einheit zu nehmen. 

Aus einem dichten, eckumfassenden Akanthusbusch, der aus drei reich be- 
wegten hohen Blättern und kleinen abwärts gekehrten Bodenblättern besteht, sprießt 
neben einer prächtigen Traube ein mit Akanthus umkleideter Stengel hervor, der 
sich oben umbiegend teilt; die Vcrzweigungsstelle liegt innerhalb einer engen Blatt - 
Umhüllung, die nach einer kleinen zurückgeschlagenen Blattmanschette (wie man 
sie an gewissen Schwämmen beobachtet) anhebt, nach unten rollt sich, neuerdings 
umkleidet, der eine Rankenteil zu einer rauschenden Blätterspirale ein mit Trauben 
dazwischen, während der andere etwas freibleibend die Ranke vorwärtstreibt; um 
und durch die beiden im Winkel voneinander abgehenden Rankenäste schlingt sich 
ein dünner kriechender Stengel, der in einer Rosette endigt und zusammen mit den 
zurückgebogenen Spitzen der Hüllblätter aus den beiden Rankenästen den frei- 
bleibenden Zwickel füllt, eine reizvolle, fein motivierte Befriedigung des künstlerischen 
horror vacui. Nur ganz kurz bleibt der Stengel frei, gleich umfängt ihn wieder ein 
Hüllblatt, das mit zur Zwickelfüllung dient, dann folgt die Blattmanschette, und 
hinter einem neuen Hüllblatt teilt sich nun die Ranke unten zum zweitenmal, der 
alte Stengel rollt sich in derselben Abfolge der Umkleidung mit Hüllblatt, Manschette, 
Hüllblatt ein, nur sitzt diesmal in der Mitte eine große fünflappige Rosette, aus deren 
Kelch ein dünner Stengel kühn über Blüte und Rankenwindung wegkriecht, um 
für den oberen Zwickel ein neues Füllmotiv zu entfalten. Dann folgt an dritter Stelle 
wieder der rauschende Blätterkelch wie an erster, an vierter eine große Araceenblüte, 
an fünfter eine ähnlich wie die zweite gebildete Rosette, an sechster das Blattmotiv 
von eins aufwärts gerichtet, mit der siebenten Einrollung ist die Friesmitte erreicht, 
wo die beiden Rankenzüge von den Ecken her sich begegnen müssen: von oben 
herabkommend und innen sich erhebend, bäumen sie sich auf wie edle Pferde unter 
dem Ruck der Zügel und stehen still; als letztes Motiv sind rückwärts gegeneinander- 
gekehrte gesprengte Halbpalmetten, die wirklich akanthisiert sind, d. h. pflanzHchen 
Charakter bekommen haben. 

Die Akanthusranke über den Säulen der Vorhalle des Bakchustempels (Frau- 
berger, Taf. 13) hat mit der reif augusteischen das Organisationsprinzip gemeinsam: 
das Ausgehen vom Akanthusblattbusch, die enge spiralige Einrollung um Blüten 

') Tarragona: Puig y Cadafakh 206 f. 229; vaillon: Esp^randieu I, lyaf.; Orange 

Nimes: s. Taf. 111,2; Arles: Espi5randieu, s. 0.; Pola: Sergierbogen, Impostenranke: 

Recueil I, 158, Durm, f. 438 f. zu S. 389; Ca- Stuart-Revett, Antiquities, Vol. IV, chap. III, 

pl. IX, 2; Augustustempcl, Fries: Noack, Taf. 75. 



82 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

und Blattbüschel, die eng umfassenden Hüllblätter des Stengels, die Zwickelfüllung 
durch HüUblattüberfali und kleine abgezweigte Blüten, aber in der Ausführung 
waltet eine grundverschiedene Auffassung. An Stelle des Akanthusbusches stehen 
drei gereihte Blätter in der Formgebung des östlichen Typus an Kapitellen; im Westen 
erscheint im Zusammenhang mit der Ranke niemals der viel stärker tektonische 
Blattypus vom Kapitell, sondern eine weichere natürlichere Form, die ein Blatt- 
gebüsch zu bilden vermag. Die Formvorstellung des Ostens ist hierin viel naturferner, 
lediglich auf die stärkere Wirkung durch abstrakt künstlerische Mittel ausgehend 
(Kontrast der Bewegung von Ranke und ruhig stehendem Blatt, der Licht- und 
Schattengebung durch die Rillung der Blätter). Noch mehr unterscheidet sich 
die Ranke durch ihr Verhältnis zur Grundfläche; für den Beschauer ist sie gänzlich 
vom Grunde losgelöst, wie eine Gitterung eingespannt zwischen den zwei Rand- 
leisten. In augusteischer Zeit kommt der Grund trotz des Strebens nach guter Be- 
deckung der Fläche immer durch; nicht nur, sondern jeder einzelne Teil geht von der 
Grundfläche aus, betont, daß gerade im Hereinschwellen vom Grunde seine plastische 
Form besteht. In Baalbek ist durch das geschickteste Zusammenwirken von Bohrer 
und Meißel der Grund geleugnet; die Fernwirkung ist der bestimmende Gesichts- 
punkt, nur für einen von großer Höhe herabwirkenden Fries hat sie Berechtigung 
und ist sie geschaffen und angewandt worden (der beste Beweis dafür der sogenannte 
schöne Fries an der Türwand in Augenhöhe ')): es ist derselbe Formengeist, der die 
spätere Bildung des Eierstabes und der lesbischen Welle bestimmt. Im einzelnen 
bleibt der Abstand zwischen der augusteischen und unserer Formenbildung aus den 
gleichen Gründen derselbe: während dort das einzelne Blatt eine sorgfältige Ober- 
flächenbehandlung mit modellierender Herausarbeitung der Blattstruktur, der 
Berippung, sonstiger fein beobachteter Einzelzüge erfährt, wird hier kaum indi- 
vidualisiert, die Zacken werden wie in das Blatt eingerissen und selbst in die Fläche 
der Hüllblätter, da sie glatt bleibt und zu unbelebt erscheinen würde, werden durch 
Längsrillen starke Drücker gesetzt. 

Unser bewährtes Vergleichsstück, die Propyläen von Gera§ (Taf. V, i), bieten 
in ihrem auf die Straße zu gerichteten Fries eine vollkommene Parallele: reicher 
ist er nur insofern, als in die von Spiralen umrankten Blütenkelche figürliche Motive 
gesetzt sind, springende Tiere und spielende Putten; übrigens findet sich hier an 
einem herabgefallenen Stück auch einmal das Akanthusgebüsch mit herabhängenden 
Bodenblättern. Nicht zu überbieten ist der gehäufte Reichtum amNymphäum(Taf.V,2), 
wo an den zahlreichen Verkröpfungen die Ecke jeweils durch ein umgreifendes Akan- 
thusblatt besetzt wird. Ein bedeutender Unterschied besteht jedoch: am Bakchus- 
tempel und an den Propyläen bleibt bei allem Reichtum der Stengel das Maßgebende 
in der Erscheinung: in der ganz dichten Füllung am Nymphäum ist er ungleich viel 
weniger fühlbar, das gilt noch mehr für den Fries vom Tempel von Bosra (Taf. IV, 2) 
und vom sogenannten Triumphbogen von Damaskus, auch was Sunamen und Atil 
in traurigen Resten bieten, weist in die gleiche Richtung: das Stengelhüllblatt um- 

') Puchstein u. v. Luepke, Baalbek, 30 Ansichten, Taf. 24: von zartester Wirkung. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 83 

kleidet nicht mehr den Stengel so, daß er darunter fühlbar bleibt, es wird eins mit 
ihm und führt seine Rolle fort: so wird aus der Stengelranke dann die Laubranke. 
Ganz charakteristische Beispiele für dieses Stadium, das sich um die Wende 
des 2./3. Jahrhs. in Syrien wie in Kleinasien vollzieht, bietet Aphrodisias 
in den Rankenfriesen beim Propylon des Aphroditetempels und das Theater von 
Hierapolis: die Zeit der reichen Stengelranke, jedoch in weniger dichter Füllung als 
Baalbek vertritt das erste Geschoß der Bibliothek von Ephesus und die Ranken- 
pilaster von der Tür des Tempels auf der Theaterterrasse von Pergamon. In vier 
trefflichen Beispielen erreichen wir, von der flavischen Zeit rückwärts gehend, wieder 
unseren Rankenfries von Ephesus; das Markttor in Milet bezeugt die Aufnahme 
und Beherrschung der Formen, wie sie in weströmischen Rankenfriesen der reif- 
augusteischen Zeit ausgebildet worden waren. Noch nicht so reich, aber von ähn- 
licher Art sind die Akanthusranken vom jonischen Hallenbau in Milet, der zweiteilige 
Hüllblattkelch behauptet sich jedoch trotz allem Neuen. Die Ranken einer Basis 
von der Ostfront des Didymaions haben noch die sich verdickenden Stengel mit Ablauf, 
Strickknoten und zweiteiligem Hüllblattkelch, aber die Cauliculi fehlen und in den 
reichen Spiralen sitzen Blätter- und Rosettenmotive, wie wir sie am Augustustempel 
von Pola beobachtet haben. An der Sima des Smintheions in der Troas endlich 
haben wir annähernd die Stufe des Mithridatestores, nur daß neben den kleinen 
Blattkelchen an den Verzweigungstellen auch umhüllende Blätter die CaulicuH 
teilweise verkleiden '). 

Im Innern derCella herrscht der Pfeifenfries auf ebener Grundfläche: gereihte 
Kanäle unten horizontal abgeschnitten, oben gerundet; sie sind ganz wie Säulen - 
kannelüren behandelt, also vor allem die Stege nicht gebohrt, die Kanäle nicht tief 
ausgehoben: das ist ungewöhnlich streng für eine Zeit, deren Sucht für starke Augen - 
reize im Architekturornament wir so vielfach beobachtet haben; daß das auch nicht 
die Regel in Baalbek ist, sondern gerade hier ein gewollter Kontrast zu dem übrigen 
Reichtum, sieht man an den zwei anderen Stellen, an denen die Pfeife auftritt: in der 
Abakushohlkehle der Kapitelle, die auch an der Wand entlang fortgeführt ist, und 
an der Stirn der großen Hängeplatte (ebenso auch an den kleinen Giebeln zwischen 
den Säulen); hier zeigt sie sich in ihrer wahren Gestalt: der Kanal tief gehöhlt, die 
Seitenflächen der Rinne sogar leicht gebaucht, der glatte Zwischensteg durch eine 
Rille aufgehoben und nur metallartig dünne Ränder belassen. 

Als immer dankbare Analogie auch hierin bieten sich die Propyläen von Geraä, 
die, wie der Bakchustempel, am selben Bau abwechselnd Ranken- und Pfeifenfries 
verwenden : auf der Tempelseite sitzen Pfeifen der letztbeschriebenen Form auf einer 

") Aphrodisias, s. Athen. Mitt. 1914, T. VI, 2; Bildung der Kymatien, besonders des lesbischen, 

Hierapolis: ein reiches gekrümmtes Gebälk- unmöglich über die trajanisch-hadrianische Zeit 

stück, Architrav und Fries, offenbar von einer herabgerückt werden; das obere Gebälk scheint 

Rundnische der Bühnenwand; Ephesus: später; D i d y m ai o n: Pontremoli-HausouUier, 

s.o. S. 59'; Pergamon: Altert. IV, Taf.XXXI, Didymes, Paris 1904, 145, Noack, Taf. 55 a; 

Text 67 : der Türrahmen und wohl auch die Smintheion: Antiq. o£ lonia IV, pl. 29, 

jonischen Kapitelle können nach Rankenform und Schede VIII, 47. 



84 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 



bauchigen Grundfläche. Eine ebenso gute Parallele bietet in Kleinasien die Bibliothek 
von Ephesus: Rankenfries im ersten, Pfeifenfries im zweiten Geschoß, ebenso findet 
sich in Sagalassos in der Basilika, dem ehemaligen Dionysosheiligtum, Ranken- 
und Pfeifenfries nebeneinander, nicht minder am Theater von Ephesus. Der Pfeifen- 
fries ist auch sonst in Kleinasien häufig: in Termessos, in Pergamon im Kaisersaal 
des oberen Gymnasiums, im Theater von Sagalassos und in Aezani auf einer karnies- 
artigen Grundfläche, wie er auch in Saloniki an der »Incantada« auftrat. In Rom 
findet er sich wiederverwendet an der Vorhalle des Lateransbaptisteriums — hier 
über wiederverwendeten Kapitellen des östlichen Typus — und im Innern: man 
kann sicher behaupten, daß er im stadt- und weströmischen Formenkreis nicht 
heimisch ist •). 

Dagegen ist die Pfeife in den zwei anderen Verwendungsarten im Westen ge- 
bräuchlich bereits seit augusteischer Zeit: in der Abakushohlkehle und als Schmuck 
der Stirnplatte: für die Abakushohlkehle haben wir Nimes, Orange und den Bogen 
von Cavaillon, der vielleicht später als Orange, aber sicher vorflavisch ist, den Sergier- 
bogen in Pola und die späteren Kapitelle unseres Juppitertempels, dann den Ves- 
pasianstempel auf dem Forum, auch noch ein paar südgallische Beispiele; jedoch 
wird sie in der späteren Zeit im Westen so gut wie aufgegeben, die glatte Hohlkehle 
bevorzugt. Dagegen verwendet sie der Osten, Syrien insbesondere, im 2. und 3. Jahrh. 
mit ganz besonderer Vorliebe: z. B. Gera§ am großen Peripteros, den Pro- 
pyläen, den beiden Theatern, am Bet el Tei' (Abb. 39) und vielfach in den Säulen- 
straßen, auch Kleinasien verwendet sie noch spät: in Aphrodisias namentlich am 
späten Thermenumbau *). Die Pfeife als Schmuck der Stirnplatte des Konsolen- 
gesimses findet sich augusteisch außer an dem für die antoninische Zeit in Anspruch 
genommenen Gebälk des Castortempels am Concordiatempel, gerne wird sie so an 
flavischen Bauten in Rom verwendet am Titusbogen, amVespasianstempel, amNerva- 
forum, an einem domitianischen Theater in Albano, ferner am Antoninustempel 
und zuletzt noch am Konstantinsbogen, hier wohl nur, weil die wiederverwendeten 
Gesimsstücke dazu zwangen; denn im späteren 2. und besonders im 3. Jahrh. 
bevorzugt man auch hier durchweg die glatte Stirnplatte 3). In Gallien wird seit 
dem Bogen von Orange eine Art konvexer Pfeife beliebt, in Nordafrika verwendet 
das Kapitol vonDugga die normale Pf eife an dieser Stelle 4). In Kleinasien haben wir 
einige Beispiele: die Bibliothek von Ephesus im ersten Geschoß, das Theater von 
Perge, die Faustinathermen in Milet, den Tempel auf der Theaterterrasse von 
Pergamon 5) : jedoch bleibt auch hier die glatte Stirnplatte eigentlich die Regel. 

■) Sagalassos: Lartckoronski II, 142 f. 112, ') C. R. 1906, 165 f. i. 

Basilika E i; Ephesus: Forschungen II, 3) Für Rom vgl. Noack, Taf. 76 — 79. Albano: 
Taf. VII; Termessos: Lanckoronski II, 87 Studi Romani II (1914), 23 f. 2 (Lugli). 

f. 42, Taf. VI: mit davor gereihten Akanthus- 4) Dugga: Noack, Taf. 180. 

blättern; P e r g am n: Institutsph. Perg., 955; 5) Perge: Lanckoronski I, 54 f. 39; Perga- 
Sagalassos: Theater: Lanckoronski II, 156 mon: Altert. IV, Taf. 34, 35; M i 1 e t : Wiegand, 

f. 131; A e z a n i : Lebas-Reinach, Voyagearch^- 7. vorl. Bericht: Abh. Berl. Ak. Wiss. 1911, 32 

ol., Paris 1888, Arch. As. Min., 30; Salo- f. 12, Arch. Anz. 191 1, 429 f. 7. 

niki: Stuart- Revett III, chap. IX, pl. IIL 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. g c 




Abb. 39. Geras, Südtempel (Bet el Tei). 



Dagegen bieten alle in Syrien verfügbaren Beispiele diesen Stirnschmuck: in Gera5 
Propyläen, Bet el Te'i, Nymphäum, in Damaskus Propyläen und das prächtige 
Verdachungsgesims des großen Südportals zum Tempel, der Tempel in Bosra, die 
Synagoge von Kefr Birim ') und 
die romanische Nachahmung an 
der Fassade der Grabeskirche. 
Die effektreiche Formenbehand- 
lung — Vertiefung der Kanäle, 
Austreiben der Seitenflächen und 
Ränder, Stegrillen — bildet sich 
in der mittleren Zeit desTiberius 
und herrscht durch die flavische 
und trajanisch-hadrianische Zeit 
bis zur spätantoninischen. So- 
bald wir aber in das 3. Jahrh. 
eintreten, erlahmt, wie fast 
überall, der Wille und die Kraft: 
die Pfeifen verlieren ihre alte 
Schlankheit, sie werden breiter 
und kürzer; damit geht von 
selbst auch die tiefe Höhlung 
verloren, die Pfeifen nähern sich 
einer Folge gestelzter Rund- 
bogen. Die Umbohrung wird 
zunächst noch ausgeführt, unter- 
bleibt aber allmählich, genau so, 
wie es beim östhchen Akanthus- 
blatt geht: die Umbohrung be- 
halten noch bei der Tempel von 
Bosra und die Propyläen von 
Damaskus, ihnen entspricht der 
Aphroditetempel von Aphrodi- 
sias. Niedrig und wenig umbohrt 
sind sie bereits am Verdachungs- 
gesims des großen Südtores des 

Peripteros von Damaskus (Abb. 40); die Umbohrung unterbleibt ganz in den 
Thermen von Aphrodisias an den vorhin genannten Kapitellen eines späten Umbaus. 
Der Protomenfries (Taf. I, 2) über den Säulen des Peristyls ist in der 
gleichzeitigen Architektur Syriens ein vollständiges Unikum und findet auch an dem 
Konsolenfries des Trajaneums nur eine unvollkommene Parallele. Es ist klar, daß 
diese Friesbildung unter dem maßgebenden Einfluß des älteren großen Juppiter- 




Abb. 40. Damaskus, Tempel, Türgesims. 



■) Survey. West. Palest. I, Taf. zu S. 230. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



86 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

tempels entstanden ist und der Zwang der Harmonisierung mit dem sicher viel- 
bewunderten Vorbild die Beibehaltung einer unzeitgemäßen Form bewirkt hat, die 
man natürlich sofort fallen läßt, sobald dieser äußere Zwang aufhört. Trotz der 
allgemeinen Anpassung hat man nicht sklavisch nachgeahmt, namentlich das Akan- 
thusblatt geht mit dem Kapitell, und, was noch wichtiger ist, der Wechsel zwischen 
Akanthus und Palmette, der sich allmählich im Konsolengesimse durchgesetzt hatte, 
greift auch hierher über. An Stelle der hölzernen Zapfenblätter, die das Losgehen 
der Protomen vom Friese des Juppitertempels schlecht und recht maskieren sollen 
(Taf. II, 2) — von unten sind sie kaum sichtbar • — , ist am Bakchustempel ein Blatt- 
kranz aus zurückgeschlagenen Blättchen getreten; wären die Köpfe der Protomen 
besser erhalten, so würden auch Löwen- und Stierköpfe den Zeitunterschied 
zwischen augusteischer und antoninischer Zeit sicher nicht verleugnen. 

Derselbe Zwang der Harmonisierung mit dem Großen Tempel besteht im all- 
gemeinen auch für die Glieder des Abschlußgesimses im Äußern; auch da sind gerade 
die Abweichungen am bezeichnendsten. Das Flechtband ist ausgeschieden worden, 
dafür vermittelt eine lesbische Bandwelle den Übergang von der Grundfläche des 
Frieses zum Zahnschnitt. Der Eierstab zeigt die charakteristische Form der frühen 
antoninischen Zeit in Syrien ebenso wie sonst am Tempel, wo immer er auftritt. 
Konsolen und Mäander haben sich nicht merkbar verändert, das Schraubenband 
weniger, als man annehmen sollte, da kein Schrägschnittstab mit Gegenübersetzung 
der glatten Stabfläche und der queren Rille daraus geworden ist. An der Palmetten- 
sima begegnet uns die bezeichnendste Abweichung. Wenn es der Architekt auch 
fertiggebracht hat, glatte Konsolen und Mäander zu setzen, wo er gewohnt war, 
Akanthuskonsolen und Pfeifen anzubringen, die Rankenstengel mit ihren Voluten 
konnte er sowenig in der Sima beibehalten wie in der abschließenden Hohlkehle 
des Architravs: es ist eine rechte kanonische Sima des 2. Jahrhs. geworden 
mit der abwechselnden Reihung eingerollter und fiedriger Palmetten. 

Die Cellawand dahinter hat als Profilfolge unter dem Konsolengesims: Eierstab, 
Zahnschnitt, lesbische Welle, die Vorhalle innen: lesbische Welle, Zahnschnitt, Eier- 
stab, die Cella innen: Eierstab, Zahnschnitt, lesbische Welle, ebenso die Hof hallen 
wie auch der Bakchustempel; die gleiche Folge bieten Propyläen, Südtempel (Abb. 39) 
und Nymphäum von G^raä, der Tempel von Bosra, der Peripteros von Damaskus, 
die Synagoge von Kefr-Birim; man kann sie also die kanonische Folge in Syrien 
nennen. 

Das Konsolgesims an der äußeren Cellawand hat flache Konsolen mit unter- 
gelegtem Blattornament, Akanthusblatt und Palmettenmotive wechselnd; ebenso 
in der Vorhalle und in den Hof hallen, ebenso alle weiteren Beispiele in Syrien; nur 
die Cella im Innern und der Rundtempel haben wieder vom Juppitertempel her die 
geschwungenen Balkenkopfkonsolen. Die Pfeifen auf der Stirnplatte treten mit der 
oben gekennzeichneten Ausnahme sonst in Baalbek durchgehends ebenso wie im 
übrigen Syrien auf, desgleichen über einem Perlstab die Sima mit Blattreihungen, 
wobei in der Regel Fieder- und eingerollte Palmette wechseln, es tritt aber öfter 
auch das Akanthusblatt unregelmäßig oder in dreitaktigem Wechsel auf, der Tempel 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 8? 

von Bosra verwendet nur Fiederblätter. Stellen wir daraus die typische Folge 
für Syrien im 2. und 3. Jahrh. fest, so erhalten wir: Eierstab, Zahnschnitt, 
lesbische Welle, Blattkonsolen mit dem Wechsel von Akanthusblatt und Palmette 
und umlaufendem Eierstab, Stirnplatte mit Pfeifenschmuck, Perlstab, Sima mit 
Blatt- und Palmettenreihung. 

Vergleicht man damit Kleinasien, so ist das Bild dort nicht so einheitlich: die 
Folge: Eierstab, Zahnschnitt, lesbische Welle oder umgekehrt wird nicht regelmäßig 
durchgeführt: der Eierstab ist vielfach in das Krönungsprofil des Frieses einbezogen 
und dann durch eine glatte Leiste vom großen Abschlußgesims getrennt (Theater 
von Perge), oder der Eierstab wiederholt sich (Hadrianstor von Adalia, Bibliothek 
von Ephesus in beiden Geschossen, Faustinathermen in Milet), besonders häufig 
unterbleibt überhaupt das dritte Profil (Theater von Aezani, Tempel auf der Theater- 
terrasse von Pergamon, Theater von Sagalassos u. a.). Sehr gebräuchlich ist auch 
die jonische Hängeplatte statt der korinthischen Konsolplatte (Hadrianstor von 
Adalia, Thermen von Aphrodisias, Bibliothek von Ephesus erster Stock [Aphrodisias 
hat über dem Zahnschnitt und unter der Hängeplatte ein Karnies mit gereihten 
Akanthusblättern, ebenso die Propyläen bei der großen byzantinischen Kirche von 
Milet, Ephesus mit intermittierender Wellenranke], Theater von Termessos), be- 
sonders über Kompositkapitellen. Die Konsolen sind immer mit Blatt- und Palmetten- 
motiven unterlegt. Die Stirnplatte ist, ausgenommen die wenigen schon angeführten 
Beispiele mit Pfeifen und die ganz reich mit Ranken oder Rosettenmotiven prunkenden 
Beispiele (Obergeschoß der Bibliothek von Ephesus), glatt. Der Perlstab unter 
der Sima (Hadrianstor von Adalia, Nymphäum von Aspendos, Juppitertempel von 
Aezani, Odeon von Laodicea) wird sehr oft ersetzt durch den Eierstab (Theater von 
Termessos, Nymphäum von Side, Gebälk in Sillyon, Tempel in Pergamon) oder durch 
die lesbische Welle (Theater von Aezani, Thermen von Aphrodisias, Bibliothek von 
Ephesus). Nicht minder abwechslungsreich ist der Simenschmuck: besonders beliebt 
ist die intermittierende Wellenranke (Theater von Perge, Nymphäum von Side, Theater 
von Termessos und vielfach im südlichen Kleinasien, Bau in Laodicea, die oben 
genannten Propyläen von Milet, der römische Hallenbau am Delphinion und die 
Faustinathermen daselbst, vgl. ferner Bibliothek von Ephesus unter der Hänge- 
platte). Wird die wechselnde Palmettenreihung angewandt, so sind die Palmetten 
streng, fast dürr, nur eingerollt und auswärts geschwungen, vor allem fehlen die 
reichen Fiederpalmetten (Juppitertempel und Theater von Aezani, Thermen von 
Aphrodisias, Hadrianstor von Adalia, Tempel in Pergamon usw.), eine stark blättrige 
Form einer Art Araceenpalmette wird kontinuierend gereiht an den Simen der Biblio- 
thek von Ephesus '). 

') Perge, Theater: Lanck. I, 54 f. 39; Adalia: Aphrodisias: für die gereihten Akanthusbl. 
ebd. I, Taf. 7; Ephesus: Österr. Jahrh. XI vgl. Antiq. of lonia III, chap. II, pl. 26; Ter- 
(1908), 124 f. 26 f.; Aezani, Theater: Lebas- messos, Theater: Lartck. II, 97 f. 55; Aspen- 
Reinach, Taf. 14, Juppitertempel: ebd., Taf. 32; dos, Nymphäum: ebd. I, 100 f. 78; Side: 
Pergamon, Theaterterasse : Altert. IV, ebd. I, Taf. 31; Sillyon: ebd. I, Taf. 14; 
Taf. 34; Sagalassos: Lafick. II, 1561.131; Milet, Delphinion: Kawerau-Rehm, D., 

Berlin 1914, 144 f. 26. 

7* 



88 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 

Interessant ist auch hier ein Seitenblick auf den Diokletianspalast von Spalato, 
den man ja als typisch-syrisches Bauwerk in Anspruch nehmen will '): das Abschluß- 
gesims des Juppitertempels zeigt die Folge lesbische Welle (von stadtrömischer 
Form), Zahnschnitt (kein drittes Profil), Akanthuskonsolen, glatte 
Stirnplatte, kleine Hohlkehle, Sima mit intermittierender 
Wellenranke'): schon bei den Formen der lesbischen Welle ergab sich, daß 
in Rom und Kleinasien die Verwandten zu finden sind: auch hier. Die intermittierende 
Wellenranke ist ja auch in Rom im allgemeinen, besonders aber auf Karniesprofilen 
sehr beliebt: in der Sima des sogenannten Pädagogiums auf dem Palatin, am Nerva- 
forum, im Architravabschlußgesims des Vespasianstempels, im Flavierpalast auf 
cjem Palatin, am domitianischen Theater in Albano, in den Caracallathermen, am 
aurelianischen Soltempel bei S. Silvestro, im Kämpfergesims des Severusbogens usw. 
Dazu kommt, daß die sägezackige Akanthusform, die in Spalato mehrfach vorkommt 
(an Kapitellen der oberen Säulenstellung und im Kämpfergesims des Mausoleums, 
an den seitlichen Konsolen der Türe des Baptisteriums), ihre nächsten und fast 
einzigen zutreffenden Parallelen in Kleinasien (und Rom) findet, während Syrien 
an der Entwickelung dieser Form, soweit ich das Material übersehen kann, so gut wie 
unbeteiligt ist 3). Daraus ergibt sich, daß syrische Kunst mit dem Diokletianspalast 
nichts zu tun hat, wohl aber kleinasiatische und in sehr geringem Umfange Stadt- 
römische. 

Bisher stand der Bakchustempel im Vordergrund, die Hofhallen und der Rund- 
tempel wurden gelegentlich herangezogen: es ergeben sich nirgends tief ergehende 
Unterschiede, die einen größeren zeitüchen Abstand unter diesen Bauten bedingen. 
Damit steht im Widerspruch die allgemeine Annahme, daß noch unter Caracalla 
an der Akropolis gebaut worden sei. Man stützt sich dabei auf eine Inschrift, wonach 
der Speculator Longinus bronzene und vergoldete Säulenkapitelle für die Propyläen 
gestiftet hat. Das kann aber sehr wohl sogar längere Zeit nach Abschluß des Baues 
stattgefunden haben, worauf schon Puchstein hingewiesen hat 4). Die erhaltenen 
Pilasterkapitelle der Propyläen, deren eines einem Säulenkapitell vom Rundtempel 
auffallend gleicht (Abb. 30, 31), können in keinem Fall bis an die Jahrhundertwende 
herangerückt werden; das verbieten Sunamen und Atil und andere Bauten, die der 
gleichen Zeit angehören. Für den Eierstab und den übrigen Profilschmuck gilt dieselbe 
Grenze. Es handelt sich nur darum, zu wissen, wann die zweite Bauperiode von 
Baalbek einsetzt. Da verweise ich auf das prächtige Peltenornament, das als Sima 
über der sogenannten schönen Tür, in der Südwestecke des Altarhofes angebracht 
ist; mir sind bisher zwei Beispiele aus Pompeji bekannt, ein skulpiertes 5) von einem 

') Strzygowski, Mschatta. Jb. preuß. Kunsts. 25 ') H^brard-Zeiller, 104; im Innern 105; Mausoleum 
(1904), 229 f. »Es ist längst bekannt, daß die S4S.; Peristyl 66 f. 

Bauformen von Spalato typisch syrisch sind«; 3) Vgl. Athen. Mitt. XXXIX (1914) 39 ff., wo ich 
vorsichtiger Hibrard - Zeiller, 1 58 £f. Auch die Entwickelungsgeschichte dieses Akanthus- 

Mesopotamisches findet Strzygowski: Amida, typus verfolge. 

148 f. 4) Arch. Jahrb. XVI (1901), 154,11. 

5) Altmann, Grabaltäre, 181 f. 145. 



E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und DiflFerenzierung. 8q 




.Grabaltar und ein gemaltes 
von einem neu aufgedeckten 
Grabbau vor dem Tor d. Reg. 
VI. Ins. XV. Eine andere Be- 
obachtung führt uns vielleicht 
weiter: Über der eben genann- 
ten Tür befindet sich eine 
ehemals prostyle Nische, deren 
Pilaster eine ungewöhnliche 
Kapitellform aufweisen : zwei 
eckumgreifende Akanthusblät- 
ter nehmen die Kapitellhöhe 
bis zu den Eckvoluten ein, 
zwischen ihnen sitzt am Fuß 
des Kapitells ein Eierstab, die 
Doppelhelices verbinigcn sich 
unten, biegen über dem Eier- 
stab um und rollen sich volu- 
tenartig unter einer Blattpal- 
mette ein, welche die Kapi- 
tellmittc füllt; darüber sitzt 
die gewöhnliche Deckplatte. 
Diese auffallende Kapitellform 

steht meines Wissens in Syrien allein; aber Kleinasien, Griechenland und Rom 
bieten datierte Beispiele. Im Lateran gibt es ein paar Säulenkapitelle des 
gleichen Typus, die nach ihrem Fundort mit gutem Recht dem Trajansforum 
zugeschrieben werden. Verwandte St-ücke sind wiederverwendet in S. Martino 
ai Monti und werden darum wohl aus den trajanischen Thermen stammen, 
auf deren Gebiet die Kirche liegt; ebenso sind solche Kapitelle in S. Nicola 
in Carcere (Abb. 41) wiederbenützt. In der Moles Hadriana gab es gleichfalls 

solche Pilasterkapitelle. Ein klei- 
nes Stück dieser Art ist im Kreuz- 
gang von San Lorenzo fuori le 
mura an der Wand befestigt, zwei 
merkwürdig verkröpfte Ovalkapi- 
telle des gleichen Typus befinden 
sich an der Treppe zu S. Trinita 
dci Monti, endlich befindet sich 
auch ein solches PilastcrkapitcU 
im Museum von Neapel; in allen 
Fällen hat der Akanthus östlichen 
Typus, die Stücke sind also sicher 

Abb. 42. Pergamon, Gymnasien (Instph. 368 B). VOn Östlich geschulter Hand aUS- 



Abb. 41. Rom, S. Nicola in Carcere. 




QO E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Gntwickelung und Differenzierung. 

geführt '). In Griechenland bietet das früheste Beispiel der Hadriansbogen in 
Athen, antoninische die großen Propyläen von Eleusis, die Exedra in Olympia 
und das Odeon des Herodes Attikus, sonst findet es sich mehrfach in Athen, 
verbaut an der kleinen Metropolis, im Dionysostheater, auf der Akropolis, bei der 
Attalosstoa usw.; auch auf der Insel Thasos begegnet es in der gleichen Zeit ^). 
Endlich ist der Typus reich vertreten in Pcrgamon (Abb. 42) in den Gymnasien, 
ferner am Zeustempel von Aezani, in Aphrodisias, Halikarnaß 3) u. a. Es gibt 
zwar auch ganz vereinzelte Nachläufer, sogar ein frühbyzantinisches Stück 4), 
die Hauptmasse der Beispiele gehört jedoch in die spättrajanische, die hadria- 
nische und die Zeit des Antoninus Pius; in denselben Zeitgrenzen hält sich 
stilistisch, was wir vom korinthischen Kapitell und allen Einzelformen in Baalbek 
kennen. Daraus folgere ich, daß die zweite Bauperiode von Baalbek in spät- 
trajanischer Zeit eingesetzt haben mag, hauptsächlich in hadrianischer und anto- 
ninischer Zeit durchgeführt und auch noch zur Zeit des Antoninus Pius abge- 
schlossen wurde. Darin wird die versprengte Notiz bei Malalas ihre Richtigkeit 
haben, daß in der Weihinschrift, die von der Vollendung der staunenswert groß- 
artigen Akropolisbauten von Baalbek Zeugnis gab, der Name des Antoninus Pius 
stand; eine spätere Zeit kann zum Ausbau nichts Nennenswertes beigetragen haben, 
nur noch zur Ausschmückung. 

Fasse ich ganz kurz zusammen, so ergibt sich mir: Der Baubeginn des großen 
Tempels fällt in die Gründungszeit der römischen Kolonie Julia Augusta Heliopolitana; 
seine Formengebung ist bestimmt durch stadtrömisch -augusteische Kunst in Durch- 
dringung mit späthellenistischen Traditionen, die Differenzierung zu ausgeprägt 
östlichen, römisch -griechischen Ornamenttypen setzt sehr bald ein; was erhalten 
ist, fällt vor die flavische Zeit. In der zweiten Bauperiode bietet uns Baalbek inmitten 
einer rein östlichen, römisch- (griechisch-)syrischen Umgebung das eigenartige Bild 
einer stärker von weströmischen Einflüssen durchsetzten Kunst, die sich durch die 
Ausbildung syrischer Künstler in Rom erklären mag. Der östliche griechische 

■) Lateran: Ronczewski, Motive, 56 f., Abb. 97, 51; Arch. Ephim. 1912, 164 f. 3, Taf. lo (Ver- 

103; Moles Hadriana: Rodocanachi, Le sakis); Kleine Metropolis: Athen. 

ChateauSaint-Ange, Paris 1909, 8, pl. 2; Hülsen, Mitt. XXXI (1906), Beil., f. 9. Thasos: 

II libro di Giul. da Sangallo, Leipzig 1910, f. 9: Ost. Jahresh. XI (1908), 163 f. 56 (Sitte): 

die Vollendung durch Antoninus Pius wahr- sicher nicht V. Jh. 

scheinlich schon 139, darnach Beisetzung der 3) Pergamon: Institutsph., 367 — 369, 753; 

Asche Hadrians, die aus Pozzuoli überführt Aezani, Theater: Lebas-Reinach, Taf. 10; in 

wurde. Aphrodisias in der Stadtmauer verbaut, vgl. 

*) Hadriansbogen: Stuart-Revett, Antiquit., ferner Theater von E p h e s u s , Forschungen 

Vol. III, chap. III, pl. VI— VIII; Eleusis: II, 63 f.iigff.; Halikarnaß: Institutsph. 

IIpaxTtxa, 18S7, Taf. I. Plan; zur Datierung der Kleinasien, 297. Hellenistische Vorbilder dafür 

großen Propyläen, ebd., 52, A" u. 53 f., die Büste wären Kapitelle wie Cockerell-Kinnard u. a. 

im Clipeus muß ohne Zweifel als Antoninusbüste Antiquit. of Athens, London 1830, 55 u. Taf. IV, i 

angesprochen werden, vgl. Am. Joum. Arch. XIV, aus Halikarnaß, dem ein Büstenkapitell in 

1910, 155 A. (Dinsmoor); Olympia: Bau- Nimes parallel geht, s. Durm, Bauk. Etrusk. u. 

werke II, Taf. XC, i, 3; Odeon: Stuart- Römer, Stuttgart ' 1905, 72 f. 80, 81. 

Revctt, Antiqu., nicht genaue Vignette, Vol. III, 4) Aus Saloniki: Wulff, Altchristi, u. mittelalt. 
Bildw., Berlin 1909, Nachtrag, 309, Nr. 1631. 



K. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. g i 

Kulturkreis hat sich jedoch im übrigen eine selbständige, von der westlichen klar 
unterscheidbare Formenwelt geschaffen, die ihren prägnantesten Ausdruck im Akan- 
thusblattypus und der Behandlung des korinthischen Kapitells findet, sich aber 
nirgends verleugnet. Innerhalb dieser östlichen Hauptgruppe setzt sich Syrien gegen- 
über Kleinasicn (und dem starr konservativen Griechenland) klar ab durch anders- 
artige Ausbildung, Gruppierung und Auswahl bestimmter Schmuckformen, besonders 
der Kymatien, seit der hadrianischen Zeit scheint sich die Differenzierung rascher 
und deutlicher auszuprägen: Kleinasien zeigt eine größere Mannigfaltigkeit und 
Freiheit der Bildungen bei stärkerer Zurückhaltung in der technischen Mache, Syrien 
hält sich mehr an einen eng und kanonisch begrenzten Formenkreis, dem es aber 
die reichste Wirkung durch üppige Formenbehandlung abzugewinnen vermag. Soweit 
der Osten nach dem Westen übergreift, scheint Kleinasien (und Griechenland) die 
Formgebung zu bestimmen. In der gesamten Entwickelung gehen Syrien und Klein- 
asien parallel, die höchste Blüte erreichen beide um die Mitte des 2. Jahrhs., in der 
hadrianischen und antoninischen Zeit, mit dem Ausgang des 2. Jahrhs. beginnt ein 
Erlahmen, das sich im 3. Jahrh. fortsetzt: Baalbek bezeichnet den Höhepunkt der 
römisch -syrischen Baukunst vor dem langsam einsetzenden Rückbildungsprozeß. 
Für die römische Kunst bezw. Reichskunst scheint sich mir endlich wenigstens 
einiges Sichere zu ergeben: Die Tatsache, daß sich in römischer Zeit zwei große, 
in sich einheitliche Formgruppen bilden, die in und trotz allen provinziellen Sonder- 
entwickelungen bestehen bleiben, schließt m. A. n. die Einheitsformel »Hellenismus« 
aus. Daß die künstlerische Grenzlinie zwischen beiden zugleich die sprachliche ist, 
beweist, daß hier kein Zufall und keine Willkür waltet, sondern tiefer liegende 
Gründe bestimmend sind: die lateinische Kultur des Westens, Rom im weiteren 
Sinne, hat sich in der Kaiserzeit einen ebenso gerriäßen und notwendigen Aus- 
druck seiner Wesensart geschaffen wie der griechische Osten. Es hat sogar mehr 
getan: die oben gemachten Beobachtungen zeigen das augusteische Rom als künst- 
lerisch fortgeschrittensten Punkt im ganzen Reiche; kraft eines Naturgesetzes übt 
es darum auf die gesamte Richtung der künstlerischen Entwickelung einen un- 
widerstehlichen Einfluß: wie von einem Hochdruckgebiete strömt er nach allen 
Seiten aus, zugleich vernichtend und belebend. Die alten provinziellen Sonder- 
formen gehen unter, die neuen Einheitsformen fassen Wurzeln; die weitere Ent- 
wickelung geht in der Hauptsache den Weg, der in augusteischen Bauten des 
Westens am frühesten vorgezeichnet ist. ^ 

Athen. EdmundWeigand. 



02 J. Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. 




TRAGISCHE SZENE AUF EINEM KAMPANISCHEN 
GLOCKENKRATER DES VIERTEN JAHRHUNDERTS. 

Mit Tafel 6 und 7. 

Der Fundort des in der Vorderseite auf Tafel 6, in der Rückseite auf der Anfangs- 
vignette abgebildeten kampanischen oder lukanischen Gefäßes ist Bajae, wo es im 
Jahre 1868 in Gegenwart des ersten Besitzers, des Barons von Nolcken, ausgegraben 
wurde. Aus dessen Sammlung ging es mit einigen andern Gefäßen gleicher Her- 
kunft durch Schenkung in die kleine Antikensammlung des Großherzoglichen 
Museums zu Schwerin über. Höhe 40 cm, Randdurchmesser 40 cm, Höhe des 
Bildfeldes 18 cm, Breite 30 cm; Form und Technik sind plump, ebenso wie die 
bildliche Darstellung nur geringen Anspruch auf künstlerische Qualität erheben 
kann. Jedoch erweckt sie ein erhebliches gegenständliches Interesse, und darum 
ist das Gefäß wohl wert, veröffentlicht zu werden, wenn auch, wie ich gleich im 
voraus bemerken möchte, eine Deutung bisher nicht gefunden ist. 

Der dargestellte Vorgang ist einfach und an und für sich betrachtet ohne weiteres 
verständlich. Auf einem Altar sitzt ein Schutzflehender, ein alter Mann mit vollem 
weißem Haupt- und Barthaar. Er ist in ein langes, bis auf die Füße reichendes Ge- 
wand gehüllt, das in der Mitte gegürtet ist und dessen Ärmel bis zur Handwurzel 
herabgehen; es ist das Gewandstück, das auf der Bühne vornehme Männer tragen. 
Dem Gewand entsprechen die reich geschmückten Schuhe. Der linke Arm ist unter 
dem Mantel verborgen und in die Seite gestemmt, die rechte Hand mit einer Geste, 
die Trauer, kummervolles Nachsinnen oder stumme Verzweiflung ausdrücken soll, 
an das Gesicht gelegt, das Haupt gesenkt, der Blick starr und ziellos ins weite ge- 
richtet. Die Form des Altars mit den hochgestellten Platten kehrt auf unteritalischen 
Gefäßen häufiger wieder: als Beispiel nenne ich wegen der Verwandtschaft des Motivs 
die höchst interessante und bedeutende Vase in den Wiener Vorlege- 



J. Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. 03 

blättern B4. Der Altar ist mit Blut bespritzt, von einem großen Fleck in dem 
Winkel zwischen dem Gewandzipfel und dem rechten Bein des Greises rinnt das 
Blut herunter bis auf die Trittstufe, bildet hier eine Lache und tropft dann weiter 
bis auf den Boden. 

Der Hauptperson, die würde- und eindrucksvoll zu gestalten der Maler sich 
möglichste Mühe gegeben hat, gegenüber sitzt ein jüngerer Mann mit dunklem Haar 
und Bart. Er trägt einen Mantel, der die rechte Brust und den rechten Arm frei- 
läßt, und ist durch das lange, verzierte Zepter ebenfalls als ein König oder Vornehmer 
charakterisiert. Der Gestus ist unzweideutig der der Trauer: es ist das unsagbar 
schöne Motiv vom Grabmal am IHssos, das hier, wenn auch in weitem Abstände, 
fortlebt. Das Haupt ist dementsprechend leicht gesenkt, die Stirn gefurcht, der 
Blick kummervoll auf das Gegenüber gerichtet. Er sitzt auf einem lehnenlosen, 
mit einem Pantherfell bedeckten Stuhl. 

Zwischen beiden Männern am Boden liegt ein weibliches Wesen, unbekleidet 
bis auf die prächtigen Schuhe, durch die der Maler wohl andeuten will, daß es sich 
auch um eine vornehme Person handelt. Daß es ein junges Mädchen ist, wird man 
ohne weiteres aus dem zarten Körperbau und der starken Hervorhebung der Haar- 
flechten schließen; daß sie tot ist, zeigen die geschlossenen Augenlider und das kraftlos 
zur Seite gesunkene Haupt. Deutlich sichtbar ist ferner eine Wunde etwas unterhalb 
der Brust, aus der das Blut heruntergerieselt ist und auf dem Boden eine Lache 
gebildet hat; anscheinend ist auch eine zweite Wunde am Halse vorhanden. Der 
rechte Arm ist an den Leib gepreßt, vielleicht verband der Maler einen Zweck damit 
und wollte zur Erhöhung des Mitleids bemerkbar machen, daß die Jungfrau auch 
im Tode der Schamhaftigkeit nicht vergaß, der linke ist nach rückwärts gesunken 
und durch den eigentümlich nach vorn gedrehten Leib, dessen Haltung nicht ganz 
verständlich erscheint, verdeckt; merkwürdig ist auch die Stellung der Beine. Ob 
man in dieser gezwungenen Lage des Körpers, in der unnatürlichen Haltung der 
Arme und der Verschränkung der Beine ein Ungeschick des Malers zu sehen hat, 
der auf diese Weise den weiblichen Körper zeigen wollte, oder ob eine bestimmte 
Absicht darin zum Ausdruck kommt, wird sich nur entscheiden lassen, wenn man 
den dargestellten Vorgang erkannt hat. Ein charakteristischer Zug ist jedenfalls 
die Bettung auf Blumen. Daß die mit gewisser Regelmäßigkeit verteilten, meistens 
gleichmäßig zu dreien angeordneten Pünktchen Blumen bedeuten soller, kann man 
aus der Vergleichung mit den ähnlich stilisierten Gebilden oben am Rande und auf 
der Rückseite, daß sie etwas besonderes darstellen sollen, aus der Art, wie sie den 
Körper vom Kopf an bis zu den Zehenspitzen begleiten, erschließen. Zweifellos 
muß aus der gesamten Situation entnommen werden, daß das Mädchen am Altare 
geopfert ist. 

Bis hierhin ist die Darstellung in den Hauptzügen verständlich. Weiteren 
Aufschluß jedoch gibt das Bild nicht. Wir erfahren nicht, wer das Mädchen getötet 
oder geopfert hat, in welchem Verhältnis der Greis zu der Jungfrau steht, ob er etwa 
ihr Vater ist; wir fragen vergebens, weshalb er sich schutzflehend auf den Altar 
geflüchtet hat, ob er die Opferung vollzogen hat und nun irgendwelche Rache fürchtet, 



QA J. Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts, 



oder ob er in Besorgnis ist, von denen, die das Mädchen getötet haben, ein gleiches 
Schicksal zu erleiden. Auch über das Verhältnis des zweiten Mannes zu den beiden 
andern Personen erhalten wir keine Auskunft; nur werden wir mit einiger Sicherheit 
sagen können, daß der Schutzflehende von ihm nicht bedroht wird, sondern daß 
er als Mittrauernder gedacht ist. Beachtenswert ist vielleicht noch, daß eine Waffe, 
etwa Schwert oder Opfermesser als Andeutung des Opfers, nicht vorhanden ist. 

Die ganze Szene spielt sich im Freien vor einem deutlich als Heiligtum charakte- 
risierten Hintergrund ab. 

Der Maler ist nicht ganz ohne Geschick. Er versucht den Altar schräg von 
der Seite zu sehen, die Perspektive wiederzugeben und Vorder- und Seitenansicht 
und die Tiefe zur Anschauung zu bringen. Offenbar sollen wir uns den Altar in das 
Bildfeld hineingerichtet denken, vör ihm etwa in gleicher Höhe das Mädchen und 
gegenüber etwas im Hintergrunde die dritte Person. Freilich ist es dem Maler weder 
gelungen, einen einheitlichen Ansichtspunkt zu gewinnen noch die sitzende Figur 
mit dem Ganzen in Einklang zu bringen; es ist eine schiefe Darstellung heraus- 
gekommen, in die man sich nur mit Mühe hineinsieht'. Immerhin ist wenigstens 
ein Versuch gemacht, das zeichnerische Problem aufzufassen und den Eindruck 
der perspektivischen Ansicht durch die Farbe zu unterstützen, auch ist das Mittel 
der Schattierung angewandt. Einfacher lag die Sache bei dem Stuhl und ist hier 
auch besser gelungen. Die ganz oder teilweis sichtbaren Stuhlbeine, das darüber 
hängende Fell — man beachte auch die geschickte Ausnutzung des Schwanzes — 
und die sitzende Figur sind in ein richtiges Verhältnis gebracht, das hellfarbige Zepter 
dient dazu, den Tiefeneindruck zu verstärken. In der Wiedergabe des weiblichen 
Körpers ist eine Art von Naturalismus nicht zu verkennen, z. B. in der Bildung 
des rechten Oberschenkels (die untere Linie des rechten Arms bildet zugleich den 
Kontur des Oberschenkels). — An Farben sind angewandt ein etwas schmutziges 
Weiß, gelb in verschiedenen Abtönungen, braun, schwarz, verschiedene Nuancen 
eines stumpfen Rot. Die Gliederung des Gefäßes zeigt die Nachwirkung alter Tradition. 
Die vordere Bildfläche ist oben eingefaßt von einem Kymation, unten von einer 
Mäanderborde, der stark ausgebogene Rand mit einer Efeuranke mit Früchten ge- 
schmückt. Die Rückseite ist gleichgültiger behandelt (siehe die Anfangsvignette; 
Dionysos mit bekränzter Schale und Thyrsos, ein Diadem im Haar, sitzt auf einem 
Felsblock, ein Satyr steht vor ihm mit trichterförmigem Becher, links von dem 
Gott Altar mit Flamme), unten durch ein wellenartiges Band abgegrenzt, oben 
ohne Abgrenzung; die hintere Randhälfte zeigt ein pflanzliches Ornament, an- 
scheinend einen Olivenzweig. Die Felder sind getrennt durch die Henkelpartien, 
unter den Henkeln befinden sich Palmettenmotive, darüber sind rote Felder aus- 
gespart, die bis an den Gefäßrand herantreten. 

Wenn also auch unserm Vasenmaler unter seinesgleichen ein gewisses Geschick 
nicht abgesprochen werden kann, so ist doch kein Zweifel, daß die Erfindung hoch 
über der Ausführung steht. Die eigentliche Erfindung der Vorderseite, der wohl- 
überlegte Aufbau der Gruppe, die wirkungsvolle Gegenüberstellung der beiden 
scharf charakterisierten männlichen Gestalten, ihre bis ins einzelne durchgeführte 



J. May bäum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. nc 

Individualisierung, die bewegte Horizontale des toten Mädchenleibcs zwischen 
ihnen, die ausdrucksvollen Geberden, alles das beweist ein wirkliches künstlerisches 
Vermögen. Wenn man hinzunimmt, daß die Darstellung nicht vollständig genug 
ist, um aus sich heraus verständlich zu sein, so könnte man wohl auf den Gedanken 
an ein Vorbild aus der hohen Malerei kommen. Doch ist es natürlich müßig, der- 
artige Betrachtungen anzustellen. Soviel jedoch wird nach dem ganzen Charakter 
der Szene als wahrscheinlich gelten können, daß die letzte Anregung auf ein Drama 
zurückgeht. Der Vasenmaler konnte entweder annehmen, daß der zugrunde liegende 
Vorgang so bekannt war, daß sein Gruppenbild auch in seiner UnvoUständigkeit 
den Beschauern ohne weiteres verständlich sei, oder er machte sich überhaupt keine 
Gedanken über den Zusammenhang und wollte nur eine traurige Geschichte darstellen, 
die ihm gefiel, weil sie gleicherweise dem diesen unteritalischen Malern so häufig 
eigenen Zug zur Grausamkeit wie zur Lüsternheit Genüge tat. 

Mit diesem Bilde möchte ich ein zweites verbinden, und zwar von einem Gefäß 
desselben Kunstkrc'ises (Bild der Hauptseitc Tafel 7, Gesamtansicht mit der Rück- 
seite, auf der zwei Mantelfiguren dargestellt sind, in der Schlußvignette). Diese große 
und prächtige Amphora stand früher in der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu 
Petersburg, jetzt befindet sie sich in der Kaiserlichen Ermitage; sie ist 62 cm hoch und 
an der breitesten Stelle 20 cm breit, der Umfang beträgt hier 70 cm, das Hauptbild ist 
oben 27 cm, unten 24 cm breit. Sie ist bisher nicht abgebildet oder beschrieben und 
wird, soweit ich sehe, nur bei Vogel, Szenen Euripideischer Tragödien S. 127 und danach 
bei Röscher s. v. Oineus Sp. 762 erwähnt. Diese Erwähnung legte mir den Gedanken 
an die Möglichkeit eines Zusammenhanges mit der Schweriner Vase nahe. (Die 
Abbildungen, die Erlaubnis der Veröffentlichung sowie die Größenangaben verdanke 
ich der ganz außerordentlichen Liberalität von Herrn E. Pridik, dem auch an dieser 
Stelle zu danken mir inneres Bedürfnis ist.) Auch hier spielt die Szene vor einem 
Heiligtum, auch hier sitzt auf einem Altare ein Schutzflehender, und zwar ein bärtiger 
Mann in prunkvoller Gewandung. Hinter dem Altar oder auf demselben steht eine 
Stele, auf ihr wird man wohl das Bild des Gottes zu ergänzen haben. Im Vorbei- 
gehen möchte ich auf ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie die Statue eines Gottes 
auf einer Stele hinter dem Altar steht und auf ihn herabblickt, aufmerksam machen, 
das schönste, das mir aus der ganzen Vasenmalerei bekannt ist. Es findet sich auf 
dem herrlichen attischen Krater aus Nola in der Sammlung Plaeberlin in Eschersheim 
(abgebildet und kurz besprochen von Pagenstecher im Arch. Anzeiger 1 910 Sp. 460/463 ) , 
der sowohl wegen seiner Darstellung als wegen seiner hohen künstlerischen Qualität 
eine eingehende Behandlung verdiente. 

Hinter dem Altar liegt auch hier ein Mädchen. Daß sie tot ist, wird hinlänglich 
klar durch die geschlossenen Augen, den herben Gesichtsausdruck, die Haltung des 
Kopfes. Leider ist nur dieser sichtbar, der Leib aber durch den Altar verdeckt. Auf 
diesen zu schreiten zwei Männer, der eine ein Greis, in gleicher Kleidung wie der 
Schutzflehende, der andere ein Jüngling. Der linke Arm des Greises ist in den Mantel 
gewickelt, die zum Stoß erhobene Rechte hält ein merkwürdiges Instrument, für 
das ich eine Parallele nicht finde. Es ist eine Art von Stab, am untern Ende breit 



q5 J> Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. 

und abgeplattet, oben rundlich spitz zulaufend; am breiteren Ende ist deutlich eine 
Umschnürung sichtbar, vielleicht kann sie für einen Kundigen den Ausgangspunkt 
der Deutung bieten. Diesen Stab hat der Alte in der Mitte gefaßt und zwar so, daß 
das breitere Ende dem Mann auf dem Altar zugekehrt ist, den er offenbar mit einem 
Stoße bedroht. Neben dem Greis schreitet ein Jüngling einher, dessen mächtiger 
Gliederbau von der Chlamys nicht verhüllt wird; auf den Haupte trägt er einen Pilos, 
mit der Rechten streckt er ein entblößtes Messer vor sich, auf dessen charakteristische 
Form und schönen Griff ich besonders aufmerksam machen möchte. Auch hier erheben 
sich dieselben Fragen: wer hat das Mädchen getötet, wer ist ihr Vater, in welchem Ver- 
hältnis stehen die Personen zueinander? Auch dieses Bild bleibt die Antwort schuldig. 

Die Szene ist groß empfunden und hat eine dramatische Gewalt. Wie ein unent- 
rinnbares Schicksal schreiten die beiden Männer auf den schütz- und wehrlosen 
Gegner zu. Prachtvoll ist der Kopf des Alten. Aus der weißen Flut des Haares und 
Bartes, die wild und mächtig das Haupt umlodert, treten höchst wirkungsvoll die 
zornigen Augen und der fest zusammengepreßte Mund hervor; man meint eine 
tragische Maske zu sehen. Daß beide, der Alte wie der Junge, den Schutzflehenden 
bedrohen, erscheint zweifellos. Ebenso lehrt der Augenschein, daß dieser in dem 
Alten seinen eigentlichen Gegner erblickt, denn sonst könnte er nicht diesen ent- 
setzensvollen Blick auf ihn richten. Auch hier ist die Mimik von der größten Wirk- 
samkeit und in dem angstvollen Blick der weit aufgerissenen Augen, den hoch- 
gezogenen Brauen, der gefurchten Stirn, der großartigen Geste der das Haar raufenden 
Hände das Entsetzen lebendig wiedergegeben. 

Vieles entgeht gewiß bei fehlender Anschauung des Originals, aber das lehren 
auch die schwachen Abbildungen, daß wir ein wirkliches Kunstwerk vor uns haben. • 
In der Art, wie die Figuren, deren bedeutende Größe man sich an der Hand der oben 
gegebenen Maße vergegenwärtigen möge, in den Raum gestellt sind, in der Stärke 
und Eindringlichkeit der Charakterisierung, in der Sicherheit und dem lebendigen 
Fluß der Zeichnung tritt uns eine nicht gewöhnliche künstlerische Fähigkeit entgegen. 
Der Aufbau der nach oben sich etwas verbreiternden Gruppe in den gewaltigen 
Vertikalen, deren Strenge nur leise durch die schwach betonten horizontalen Linien 
gemildert ist, zeigt das feinste Gefühl für die Darstellungsmöglichkeiten, die diese 
besondere Gefäßform dem Künstler bot (auch der Maler des Schweriner Gefäßes 
hat ein richtiges Verständnis für die seiner Form angemessene Ausgestaltung des 
Bildfeldes). Nicht unbeachtet lassen wolle man auch die lebendige Variation in der 
Haltung der Arme und Hände, sowie in dem Fall und dem Linienfluß der Gewänder. 
Die Gruppe steht fest und sicher in ihrem Raum und ist zu einer inneren Einheit zu- 
sammengeschlossen, aber in sich wieder höchst glücklich abgestuft und variiert, alles 
getragen von dem unbeirrbaren Gefühl für das Angemessene und Echte, das der grie- 
chischen Kunst auf allen ihren Entwicklungsstufen eigen ist. Auch die besondere 
Größe und Ausstattung (die Amphora ist polychrom, vgl. Roschcr a. a. 0. Sp. 762) 
zeigen, daß es sich um ein Prunkstück handelt, dem besondere Sorgfalt zugewandt ist. 

Das Pathos der Tragödie weht uns aus diesem Bilde an, und jeder wird beim 
ersten Anblick die Empfindung haben, daß er eine tragische Szene mit Augen schaut. 



J. Maybaum, Tragfische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. Q7 

Die Wirkung des Theaters auf die Kunst, vor allem auf die Malerei, ist sicherlich 
auch in formaler Hinsicht höchst bedeutend gewesen. Wir werden uns kaum eine 
Vorstellung von der künstlerischen Vollendung der griechischen Bühne machen 
können in Hinsicht auf den Aufbau der Gruppen, auf die Charakterisierung der 
Einzelgestalt in Maske, Gang, Bewegung, Geste, Gewandung, auf die Abtönung der 
Farben und vieles andere, was wir nur ahnen. 

Stellen wir die beiden Gefäße nebeneinander, so springt die Ähnlichkeit beider 
Darstellungen sofort in die Augen, allerdings ist ja auch die Verschiedenheit nicht 
zu verkennen, die weniger in der Hinzufügung der dritten männlichen Figur zu suchen 
ist als in der verschiedenen Rolle, die der Greis und der bärtige Mann spielen. Dennoch 
scheint mir eine starke Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, daß beide Darstellungen 
oder ihre Vorlagen auf dasselbe Drama zurückgehen. Wie man jene Verschiedenheiten 
erklären könnte, ob zwei verschiedene Szenen dargestellt sind oder ob man zu dem 
allerdings etwas wohlfeilen Aushilfsmittel greifen will, der Schweriner Maler habe 
den Vorgang nicht erfaßt und willkürlich entstellt, darüber zu reden wird erst dann 
Zweck haben, wenn der Sinn der Sache erfaßt ist. 

Leider muß ich mein Unvermögen bekennen, zur Deutung auch nur das geringste 
beizutragen, und daher an dieser Stelle, wo die eigentliche Untersuchung beginnen 
sollte, abbrechen. Trotz allem Nachdenken und Suchen ist es mir nicht gelungen, 
etwas irgendwie Annehmbares zu finden; alle Einfälle, z. B. der Gedanke an Thyestes, 
erwiesen sich näherem Zusehen als unhaltbar (eine Beziehung zu Oineus vermag 
ich noch weniger zu erkennen). Ich begnüge mich also, wenn auch mit dem vollen 
Gefühl des Unbefriedigenden, die beiden Gefäße zusammengestellt und vorgelegt 
zu haben — hoffentlich bewährt sich diese Verbindung und hat das Suchen wenigstens 
diese eine Frucht gehabt — und muß das Verdienst, die feineren Fäden aufzudecken, 
Kundigeren überlassen. 

Schwerin i. M. J. M a y b a u m. 




og P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 



DIE ANFÄNGE DER ERDKUGELGEOGRAPHIE. 

I. 

Am Schlüsse des platonischen »Phädon« steht die Offenbarung von den Schick- 
salen der Menschenseele, ein umfangreiches und durchaus nicht einfaches Gebilde. 
Zwei Vorstellungsreihcn treffen und vereinen sich hier: die erste ist kosmologisch 
physikalisch, geographisch, die andere ist mythisch und eschatologisch. Überdenkt 
man die Absicht des Dichterphilosophen, so besteht kein Zweifel, daß in dem escha- 
tologischen Einschlag Zweck und Sinn des Ganzen ruht, während die naturwissen- 
schaftlichen Gedanken, so viel sie dem Forscher Piaton bedeutet haben müssen, 
doch in diesem Zusammenhang nur Unterbau und Grundlage sein können. Es ist 
von Nutzen, wenn man die Jenseitsdichtungen des »Gorgias« und des »Staates« 
vergleicht. Im »Gorgias« haben wir das Totengericht »auf der Wiese am Dreiweg« 
und die beiden Orte für die Guten und für die Verdammten, hier die Inseln der Se- 
ligen, dort den Tartaros — also rein mythische Landschaft ohne jeden Versuch, 
ein wissenschaftliches Erd- oder Weltbild unterzubaucn. Diesen Versuch hingegen 
macht der »Phädon«, und zwar mit solcher Ausführlichkeit, daß hinterdrein das 
Totengericht und die Schicksale der Seelen fast wie ein Anhängsel wirken, wenn man 
rein von außen .auf die Verteilung der Massen sieht. Und am Ende seines »Staates« 
stellt Piaton in der Spindel mit den acht ineinandcrgesetzten Ringen, die um die 
Erdachse kreisen, ein genau ausgedachtes und ausgerechnetes Bild des Weltalls hin, 
bevor er die Seelen zur Wahl eines neuen Lebens vor die Schicksalsgöttinncn treten 
läßt. So scheint schon dieser Vergleich darauf hinzuweisen, daß die Verbindung von 
Kosmologie und Eschatologic erst durch Piaton selbst vollzogen worden ist. Im 
»Gorgias« steht er der orphischen Jenseitslehre noch ganz nahe, und naturwissen- 
schaftliches Interesse äußert sich nicht. In den späteren Werken sehen wir den 
alten Strom mit einem neuen vermischt, der aus ganz anderer Richtung kam. — 
Die verschiedenen Elemente innerhalb der Schlußdichtung des »Phädon« gilt es zu 
sondern. 

Weder die Größe noch die Beschaffenheit der Erde — so beginnt Sokrates 
seine Überzeugung darzulegen • — entspricht der bei den Fachleuten verbreiteten 
Ansicht. Die Erde ruht als Kugel in der Mitte des Wcltenraums infolge ihres eigenen 
Gleichgewichts und der überall ebenmäßigen Form der Himmelssphäre. Das ist 
genau die Theorie des Parmenides, und wenn man von der Kugelform absieht, schon 
die desAnaximander. Die Erdkugel nun heißt »sehr groß«, nicht sowohl im Verhältnis 
zum Weltall — wenigstens wird davon nichts gesagt — als im Verhältnis zu dem 
kleinen Raum, den wir Menschen auf ihr einnehmen, »wir vom Phasis bis zu den 
Säulen des Herakles«. Damit soll offenbar der östliche und der westliche Endpunkt 
unserer Oikumene angegeben werden, die hier weniger in ihrer äußeren Begrenzung 
gegen den Okeanos als gleichsam nach innen zu in ihrer Lagerung um das Mittclmeer 
gesehen wird. Einen so kleinen Raum also beansprucht die uns bekannte Länder- 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 



99 



masse auf der großen Kugel, daß wir um das innere Meer hcrumwohnen »wie Frösche 
oder Ameisen um eine Pfütze«. ... 

Unser Wohnplatz ist aber nur einer von -vielen, die als Vertiefungen, Gruben 
oder Höhlungen (xoila) rings um die Erdkugel verteilt sind. In diesen Ver- 
tiefungen sammelt sich Wasser, Nebel und Luft, während »die eigentliche Erde« 
(aÜTYj 7j 7^), also die Kugeloberfläche gleich- 
sam dort, wo sie stehen geblieben und nicht 
ausgehöhlt worden ist, in den reinen Äther 
hinaufragt. Dies alles ist ganz genau vor- 
gestellt und wird durch Zeichnungen (Abb. i 
u. 2) am schnellsten klar. Unten auf dem 
Boden der Einsenkung hat sich das Wasser 
gesammelt, über ihm steigt das Land empor, 
auf dem wir wohnen, umströmt von der Luft, 
und die höchste Stufe ist »die eigentliche 
Erde«, zu ihren Füßen umspült vom Luft- 
meer wie unser Wohnort vom Wassermeer, 
und selbst in den Äther ragend wie unser 
Wohnort in die dichtere und trübere Luft. 
Wie scharf dies gesehen und wie anschaulich 
es gedacht ist, lehrt ein Einzelzug vielleicht 
am besten : Die »eigentliche Erde « hat ganz 
unserem Wohnort entsprechend ihre Inseln, 
»die von der Luft umflossen werden und 

nahe am Festland liegen« (iii a). Ein Blick auf die Abbildung 2 zeigt, warum 
sie fern vom Festland, also aus der Mitte der Höhlung aufragend nicht wohl gedacht 
werden konnten. 




Abb. I. Zum »Phädon«. Erdkugel. (Die dunklen 

Stellen sind die »Höhlungen«, in deren einer 

unsere Oikumene liegt; weiß geblieben ist die 

eigentliche Kugeloberfläche.) 




Abb. 2. Zum »Phädon«. Durchschnitt durch die halbe »Höhlung« unserer Oikumene. 
(Die Figur ist nach rechts ungefähr symmetrisch zu ergänzen.) 

Was wir bisher verfolgt haben, ist ein rein naturwissenschaftliches Gedanken- 
gebilde, das gar nichts eigentümlich Platonisches in sich trägt und von irgendeinem 
Physiker erdacht sein kann. Bald aber wird an dem Glanz der Schilderung Piatons 



lOO 



P. Friedländer, Die Anfange der Erdkugelgeographie, 



eigner Atem spürbar, (iiob) Könnte jemand die Erde von der Ferne anschauen, 
so würde sie ihm wie ein bunter Ball erscheinen '). Denn die eigentliche Oberfläche 
leuchtet in den herrlichsten und reinsten Farben, von denen die Farben unserer 
Maler gleichsam nur Proben sind, und selbst die trüben »Höhlungen« wirken mit 
jenen Stellen zusammengesehen als farbige Flecke. Die schönsten Gewächse gibt es 
oben und köstliches Gestein, dessen Abfälle man hier bei uns als Edelsteine kennt, 
und Gold und Silber. Auch Lebewesen hausen in dieser höheren Welt und sogar 
Menschen mit um so feineren Sinnen und klarerem Denken begabt gegenüber den 
Menschen hier unten, als sie sich in einem reineren Element bewegen. Ewiger Früh- 
ling herrscht bei ihnen, so daß stete Gesundheit und ein viel längeres Leben als uns 
ihnen beschieden ist. Und die Götter wohnen und verkehren unter ihnen. — Das 
sind zuletzt Züge, die aus dem Bild der Seligen Inseln oder des Paradieses stammen *). 

Recht eigentlich platonische Gesinnung durchtränkt aber schon das, was vor- 
hergeht (109 c): Unsere Welt am Boden der Höhle ist nur ein trüber Abglanz der 
Herrlichkeiten droben. Und doch wissen wir in seltsamer Täuschung nicht um 
unsern Zustand. Wir glauben auf der Oberfläche der Erde zu wohnen und merken 
nicht, daß wir in Wahrheit auf dem Boden einer tiefen Einsenkung leben 3). Wir 
glauben den Himmel über uns zu erblicken und an ihm die Sterne, wie sie wirklich 
sind; dabei sehen wir doch nur die obere Grenze der Luft gegen den Äther, und das 
Licht kommt zu uns durch unsre trübe Atmosphäre geschwächt. Könnten wir aber 
auftauchen über die Oberfläche unseres Luftmeers in den Äther, dann würden wir 
erst des Irrtums gewahr werden und würden den wahren Himmel und das wahre Licht 
über uns, die wahre Erde um uns haben. 

Wie nahe wir hier dem Mittelpunkt platonischen Dichtens und Philosophierens 
sind, kann niemandem entgehen. Der Seelenmythus im Phädrus, das Höhlengleichnis 
im Staat bieten jedes in seiner Weise die innerlich verwandtesten Bilder und schlagende 
Entsprechungen bis in den Wortlaut hinein 4). Und wenn wir den Ausdruck im 
»Phädon« betrachten, so sind Formeln wie »die Erde selbst«, »die wahre Erde«, »der 



■) Daß in der 8uj8exc!sxutos acpatpa irgend- 
etwas Allegorisches stecke (Olympiodor in Phae- 
donem p. 199 Norvin und mit ihm Wyttenbach, 
Phaedo 293, K. F. Hermann, Geschichte und 
System der piaton. Philosophie, 687, Suserühl, 
Genetische Entwicklung d. pl. Phil. I, 461 denken 
an das pythagoräische Dodekaeder), darf man 
nicht glauben; das brächte etwas völlig Fremdes 
hier herein. Bunte Lederbälle aus 12 (wohl 
zwickeiförmigen) Stücken muß es gegeben haben. 

») Vgl. etwa Pindar, Ol. II 77, Frg. 129. 

3) Diese Sinnestäuschung ist durchaus nichts Un- 
vorstellbares. Man denke sich nur den Boden 
der Höhle hinreichend groß und lasse etwa die 
Wände schräg in die Höhe steigen. Wir wohnen 
ja keineswegs am Ende unserer Oikumene, son- 
dern ziemlich in deren Mitte. Da brauchen wir 



die weit entfernten Wände unserer Höhlung so 
wenig zu sehen, wie etwa ein Bewohner der Nord- 
seeküste die Alpen. Die Abbildung wird dem 
nicht ganz gerecht. 
4) K. F. Hermann, Geschichte und System der 
plat. Philos. 688. Für den Vergleich von »Phädrus« 
und »Phädon« vgl. Pohlenz, Aus Platos Werdezeit 
333 f. Wenn Pohlenz die Anregung zu dem 
Mythus auf Philolaos zurückführen will, so kann 
ich dem nicht beistimmen. Der Anklang von 
Vorsokr. 32 A 20 scheint mir zu allgemein, die 
Vorstellung zu verschieden. Wyttenbach, Phaedo 
p. 291 eriimert an Anaxagoras (Fr. 4 D.). Aber 
dort steht nur, daß es auch anderwärts als bei 
uns hier Menschen geben müsse. Eine Vorstellung, 
die natürlich sehr viele geteilt haben, und die das 
Wesentliche von Piatons Dichtung gar nicht trifft 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. lOI 

wahre Himmel« (ctu-CT) f, -(r^, yj u)? dXyjOui? 77^, 6 öXyj&üj; oupavoc, to dXrj&tvöv (pöj;) 
ebensoviele Hinweise auf die ausgebildete Ideenlehre. Kann man doch geradezu 
sagen: der metaphysische Gegensatz zwischen Ideenwelt und Welt der Erscheinungen 
ist hier auf die Erde herabgeholt und spiegelt sich in dem Wertgegensatz der »wahren 
Erde« und unserer Oikumene auf dem Boden der Höhlung. Dieser Wertgegensatz 
also, mit ihm die ganze phantasievolle Schilderung der »wahren Erde« und dieser 
Name selbst: das mindestens ist eigentümlich platonische Schöpfung und gehört 
jedenfalls in eine andere Sphäre als die Physik, mit der Sokrates seinen Vortrag 
begann. 

Löst man diese Schicht ab, die Piatons von der Ideenlehre erfüllte Phantasie 
hingebreitet hat, so bleibt ein in sich geschlossenes kosmologisches Bild zurück: 
die Erde als eine große Kugel in der Mitte des kugelförmigen Weltenraumes ruhend; 
auf der Erdkugel zahlreiche Einsenkungen, deren eine unsere Oikumene ist. Auch 
die Verteilung der Elemente, nach der sich Wasser und Luft in jenen Höhlungen 
sammeln, während die eigentliche Erdschale in den Äther ragt, paßt durchaus zu 
diesem Ganzen. Nun geht, wie bekannt und schon gesagt, die Kugeltheorie mit- 
samt der Begründung des In-der-Mitte-Schwebens auf Parmenides zurück. Der- 
selbe scheint auch gezeigt zu haben, daß wir auf der großen Erdkugel ein verhält- 
nismäßig nur kleines Stück bewohnen "). Aber von den Höhlungen ist nirgends 
sonst etwas überliefert, und man kann wohl fragen, ob etwa Piaton sie erfunden 
habe, um für jenen fast metaphysischen Wertgegensatz die stoffliche, gegenständ- 
liche Unterlage zu gewinnen, oder ob er sie übernahm und die Farben der eigenen 
Phantasie auf das Übernommene warf. Hat man die Frage so gestellt, dann wird 
der Entscheid ohne großes Zögern erfolgen dürfen: Es ist sehr begreiflich, wenn 
Piaton über einer physikalischen Theorie seinen phantastischen Mythus erbaute, 
hingegen fast unvorstellbar, wie jener Mythus ohne solche Grundlage entstanden 
sein, ja diese von sich aus geschaffen haben sollte. Doch erscheint uns zunächst gar 
nicht einmal die Quellenfrage als der wesentliche Punkt, sondern die Hauptsache 
ist, daß man sich bewußt werde, wie das Weltbild, soweit wir es bisher betrachtet 
haben, gleichsam ganz verschiedenen Bezirken des Denkens angehört, wie sich die 
physikalische Unterschicht und die mythisch-metaphysische Oberschicht deutlich 
voneinander abheben lassen, und wie die Lehre von den Höhlungen entschieden 
auf die Seite der Naturwissenschaft tritt. 

Wurde die Untersuchung bis jetzt rein vom Gedanken her geführt, so scheinen 
schriftstellerische Form und Ausdruck das Ergebnis zu bekräftigen 2). Man muß 
durchaus darauf acht geben, mit welchem Nachdruck Piaton zu Anfang auf dem 
wissenschaftlichen Charakter dessen, was er vortragen will, in immer neuen Wen- 
dungen besteht. Zunächst: Sokrates' Theorie über Form und Gestalt der Erde tritt 
in Gegensatz zu dem, was die meisten Fachleute (01 rapl y% sttoöoTsj Xs^etv) 

') Vgl. Berger, Gesch. d. wissenschaftl. Erdkunde mich (im Anschluß an einen im Philologischen 

der Griechen 209 ff. und s. unten! Verein von mir gehaltenen Vortrag) Herr Dr. 

') Bei diesem Gesichtspunkt ausführlicher zu ver- Mussehl angeregt. Anderes habe ich von anderen 

weilen, als ursprünglich beabsichtigt war, hat in der Diskussion gelernt, besonders von W. Kranz. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 8 



J02 P> Friedländer, Die Anfilnge der Erdkugelgeog^rapbie. 

davon lehren. Er selbst ist durch jenianden »überzeugt« worden (irlTCWjiat). 
Auch Simmias hat vielerlei Meinungen über die Erde gehört. Nun möchte er die 
»Überzeugung« des Sokrates (a as itsi'ftst) kennen lernen. Darzustellen »was 
ist« (a f' lUTt'v), das sei nicht schwer, erwidert Sokrates. Freilich zu beweisen, 
daß es sich so verhalte, sei eine ungeheuer schwierige und umfassende Aufgabe. 
Aber das Bild der Erde wolle er seiner »Überzeugung« nach ausführen. Und dann 
beginnt er mit dem Wort »ich bin überzeugt«, jene kosmologisch-physikalische Aus- 
einandersetzung. Ganz anders später dort (lio b), wo er die Schilderung der »wahren 
Erde« gibt, und wo eine Zwischenbemerkung des Unterredners ausdrücklich den 
neuen Abschnitt markiert. Da spricht er von einem »Mythos«, den er erzählen wolle, 
und stellt so mit allem Nachdruck dieses metempirische Gebiet in Gegensatz zu der 
rein naturwissenschaftlich gemeinten Darstellung am Anfang. Allerdings muß man, 
nachdem der prinzipielle Gegensatz aufgewiesen ist, doch andrerseits eingestehen, 
daß sich die Teile ganz so reinlich nicht sondern, wie es ja in Piatons Geist nichts 
Unverbundenes gab. Denn schon bevor das Wort »Mythos« als Grenzmarke dasteht 
und die Schilderung der oberen Erde beginnt, ist jener Gegensatz von Sein und 
Schein auf die Erde herabgeholt worden, der durchaus nur von der Ideenlehre und 
von keiner Physik her verstanden werden kann. Aber mag auch der Übergang 
einigermaßen fließend sein, so darf Piatons eigene Angabe, daß der eine Pol seines 
Gebildes wissenschaftlich (in unserem Sinne), der andere mythisch ist, keinesfalls 
unterschätzt werden. Und deutlich macht er auch erkennbar, wo der Mythos wieder 
sein Ende erreicht. Denn nachdem er die ganze Seligkeit der Bewohner auf jener 
wahren Erde hat ahnen lassen (lll c xai tt,v aXXr/v süoat^oviav Toutmv äxoXou&ov s?vat), 
kehrt er mit einem merklichen Übergang an die Stelle zurück, bis zu der das 
naturwissenschaftliche Bild ausgeführt worden war. 

Hatte Sokrates früher (109 b) nur betont, daß die »Orte« zahlreich und von 
verschiedener Gestalt und Größe seien, so macht er jetzt diese Unterschiede an- 
schaulich. Manche der Höhlungen seien tiefer und mit einer weiteren Öffnung (also 
mit schrägeren Seiten) versehen als unsere Oikumene, manche seien tiefer, aber 
mit engerer Mündung, wieder andere weniger tief und gleichzeitig sanfter nach unten 
geböscht. Und so sind noch mannigfache Formen denkbar. Die Höhlungen nun 
stünden in vielfacher unterirdischer Verbindung miteinander, und durch die ver- 
bindenden Kanäle fließe Wasser, warmes und kaltes, aber auch Schlammströme 
verschiedener Art und gewaltige Feuerströme. Die Bewegung in diesen Adern werde 
reguliert von dem großen Zentralreservoir, dem Tartaros. Der sei selbst eine solche 
»Höhlung«, unterscheide sich aber von den übrigen dadurch, daß er die ganze Erd- 
kugel durchziehe. Und je nachdem nun die »Schaukel« (aioipa) dieser Wassermasse 
bald nach der einen, bald nach der anderen Richtung vom Erdmittelpunkt stärker 
ausschlage, würden bald hier, bald dort die unterirdischen Kanäle stärker gefüllt ■). 

') Oder, Ein angebliches Bruchstück Demokrits, denn seine aimpa ist ein mechanisches Prinzip, 
Philologus Supplem. VII, 275 (den Hinweis ver- welches zu der vitalistischen Vorstellung des ein- 
danke ich Diels): »Um zu wirken hat Plato sich und ausatmenden Erdtieres schlecht paßt«, 
nicht gescheut, disparate Elemente zu vereinigen; Demgegenüber muß gesagt werden, daß diese 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. jqj 

Unter den zahlreichen und verschiedenartigen Strömen, die die Erde durchsetzen, 
seien die wichtigsten der Okeanos und dann jene drei: Acheron, Pyriphlegethon und 
Kokytos. 

Der Lauf dieser Unterweltsströme braucht nun in allen Einzelheiten hier nicht 
nachgezeichnet zu werden: ihr Ursprung aus dem Tartaros, in den sie dann wieder 
zurückkehren, ihre Windungen im Innern der Erde, wie etwa Kokytos und Pyri- 
phlegethon dem Acherusischen See an je einer Stelle ganz nahe kommen, ohne doch 
ihr Wasser mit ihm zu vermischen. Nur darauf kommt es an, daß man erkenne, 
wie alle diese Züge in der einen Absicht erfunden und dargestellt sind, um die Schick- 
sale der verschiedenen Seelenklassen vorzubereiten und möglich zu machen. Der 
Acherusische See ist für die »Mittelmäßigen« da, damit sie dort Lohn und Strafe 
empfangen. In Kokytos und Pyriphlegethon treiben die schweren, aber immer noch 
heilbaren Verbrecher. Und die Strömung führt sie an die Punkte, wo jeder Fluß 
sich dem Acherusischen See bis auf eine ganz kurze Entfernung nähert, und von 
dort aus müssen sie die Verzeihung derer, an denen sie gesündigt haben, und deren 
Aufenthalt jener See ist, zu erbitten bemüht sein, damit ihnen der Übergang in den 
See und so die Befreiung aus dem Strom zuteil werde. Es läßt sich noch weiter 
bis ins einzelne verfolgen, wie die Beschreibung der Unterweltsstcöme nicht etwa 
aus naturwissenschaftlichen Gedankengängen entspringt, sondern ganz darauf 
angelegt ist, für das sogleich folgende Jenseitsbild eine topographische Grund- 
lage zu liefern. 

Nun sind die vier besonders herausgehobenen Ströme ja keineswegs die ein- 
zigen in ihrer Art, vielmehr nur die bemerkenswertesten unter zahllosen ihresgleichen. 
Diese unterirdischen Gänge aber, in denen Wasser, Schlamm und Feuer strömt, und 
die von dem großen Reservoir in der Mitte stärker oder schwächer gefüllt werden, 
haben mit Eschatologie nicht das mindeste zu tun. Sie dienen in Piatons Zusammen- 
hang freilich dem Zweck, die Unterweltsströme einer weiteren Kategorie von Er- 
scheinungen einzuordnen, um sie nicht durch Isolierung unglaubhaft und unver- 
ständlich wirken zu lassen. Aber sie besitzen an sich einen viel weiter reichenden 
Sinn. Sie geben eine bis ins einzelne ausgebildete Theorie von Quelle und Fluß, 
Ebbe und Flut, Überschwemmung und Trockenheit, Schlamm- und Lavaausbruch, 
Wind und andern geophysischen Vorgängen. Von theologischen, eschatalogischen 
Gedankenreihen entfernt sich das so weit als nur möglich, und wie noch Aristoteles in 
seiner Meteorologie (II 2, 355b 32) die Lehre eingehender Bestreitung für wert 
hält, so tritt sie auch für uns mit entschiedener Klarheit auf die naturwissenschaft- 
liche Seite des platonischen Denkens. 

Diese geophysische, von aller Theologie befreite Lehre hängt nun aufs innigste 
mit jener früher besprochenen Theorie der »Höhlungen« zusammen, fordert sie 
geradezu als ihre Voraussetzung. Denn erstens sind eben die Höhlungen durch die 
Kanäle verbunden, die Kanäle durchbohren die Wände und Wälle, die zwischen den 

»vitalistische Vorstellung« bei Piaton durchaus daß die oben dargestellte geophysische Theorie 

nur als Vergleich auftritt ((usjiEp 1 1 2 b), und einheitlich mechanisch ist. 



I04 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 



einzelnen Höhlungen gleichsam stehen geblieben sind (vgl. Abb. 3), so daß, denkt 
man die Höhlungen fort, ersichtlich auch die Wege zwischen ihnen jeden Sinn ver- 
lieren müßten. Zweitens ist der Tartaros, also der große Regulator, in dem alle 
Kanäle letztlich Anfang und Ende haben, selbst nur eine der Höhlungen unter den 
vielen, obschon die mächtigste und die einzige, die sich durch die ganze Erdkugel 
erstreckt, so daß, denkt man die Höhlungen fort, mit ihnen logisch auch der Tar- 
taros, mit diesem die Kanäle fortgedacht wären ■). 

Wenn also eine rein auf den Sachverhalt gerichtete Analyse die Zusammen- 
gehörigkeit beider Theorien erweist, so ergibt sich die beste Bestätigung, sobald 
man den Blick auf die formal-darstellerische Seite richtet. Nachdem das phantasie- 
volle Bild der »eigentlichen Erde« vor uns aufgerollt worden ist (iiob — m c), 
kehrt der Schriftsteller (es wurde schon darauf hingewiesen) ausdrücklich zu den 
rings um die Erdkugel gelagerten »Orten in den Höhlungen« zurück und beschreibt 



.o3E3 




Abb. 3. Zum »Phädon«. Durchschnitt durch einen Teil der Erdkugel. 



genauer ihre verschiedene Gestalt, während er vorher (109 b) nur die Tatsache ihrer 
Verschiedenheit berührt hatte. Das tut er, um nun die physikalische Theorie an- 
knüpfen zu können, und so wird rein durch den Aufbau der »Mythos« von der »wahren 
Erde« als etwas Für-sich-stehendes fühlbar, und rein durch den Aufbau fügen sich 
jene beiden naturwissenschaftlichen Gedankenkomplexe zu einer Einheit. 

Nachdem dieser enge Zusammenhang sowohl von der Gedankenanalysc wie 
von der Beobachtung der darstellerischen Form her gesichert ist, sei zuletzt daran 
erinnert, daß wir vorher die erste jener Theorien aus ihrer Verknüpfung mit. dem 



») Die Lehre von der Porosität der Erde begegnet 
bei Diogenes von Apollonia (Seneca Nat. Quaest. 
IV 2, 28 sunt enim perforata omnia et invicem 
pervia) und ähnlich schon bei Anaxagoras (Vor- 
sokr. 46 A 90) TÖ u8iop zu oiä rrj? ytj« öirj8o6- 
(jievov xal StaJtXüvov aiTTjv äX(i.'jpöv yfvcTai 
Tüii ix^vi TTjv yfjv TotO'JTOUt yjjxoü? it aÜTrji). 
Aber fast alle Besonderheiten der plato- 
nischen Theorie fehlen vollständig, und ich 
kann daher nicht zustimmen, wenn sie in zwei- 
felnder Form von Diels (Über die Genfer Frag- 
mente des Xenophanes und Hippon, Sitzungsber. 
d. Berl. Ak. 1891, 581 [7]) auf Diogenes oder 

scharf genug 



Anaxagoras, zuversichtlicher von Oder (a. a. 0. 
275) auf Anaxagoras zurückgeführt wird. Die 
platonische Theorie erklärt eine viel größere An- 
zahl von Erscheinungen durch eine einheitliche 
Konstruktion. Die -/ot).tü[iLaTa im Erdinnern, 
von denen Anaxagoras sprach (Doxogr. 562, 10), 
gleichen weder den platonischen xoiXa der Erd- 
oberfläche, noch dem einen, die ganze Erde durch- 
ziehenden Tartaros, und keinesfalls läßt sich ein- 
fach das eine für das andere setzen oder aus dem 
platonischen Bau irgendein Stein herausziehen, 
ohne das Ganze zu gefährden. Man kann die 
Einheitlichkeit in Piatons Gesamtbild gar nicht 
hervorheben. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. lOC 

metaphysisch gefärbten Mythos, die zweite aus ihrer Verknüpfung mit Eschatologie 
gelöst und jede für sich als ein rein naturwissenschaftliches Gebilde erkannt haben. 
Jetzt gibt ihr Zusammenschluß die letzte Bestätigung. 

Noch bedarf der eschatologische Mythos eines kurzen Überblickes, der von 
einem Vergleich mit dem entsprechenden Mythos des »Gorgias« ausgehen soll. Hier 
kennt Piaton nur zwei Seelenklassen, die Sünder und die Gerechten, und dement- 
sprechend zwei Orte für ihr Leben nach dem Tode, Tartaros und Insel der Seligen '). 
Im »Phädon« sind aus den zwei Klassen vier geworden, und dementsprechend hat 
sich auch die Topographie des Jenseits ausgestaltet. Aber bei näherem Zusehen er- 
kennt man doch ohne Mühe den Weg, der von der älteren, einfacheren Ansicht zu 
der jüngeren, reicheren führt. Die Seligen sind hier wie dort eine Einheit geblieben, 
nur daß für die Philosophen im »Phädon« noch eine Sonderstellung angedeutet wird. 
An Stelle der Sünder aber sind drei Gruppen getreten: die Mittelmäßigen, die unheil- 
baren Verbrecher und die Heilbaren. Allen drei Gruppen ist ihr Aufenthalt unter 
der Erde bestimmt, und es zeigt sich somit ihre Zusammengehörigkeit gegenüber 
den Guten, die allein droben auf der »wirklichen Erde« ihr seliges Leben führen. 
Um diesen Wohnsitz würdig für sie zu bereiten, hat Piatons dichterische Phantasie 
jene »wirkliche Erde« mit allen Farben geschmückt, die ihm Paradiescsvorstellungen 
seines Volkes und die eigene ins Anschaulich -Bildhafte gewendete Ideenlehre reichten. 

Wir haben früher den metaphysischen Mythos von seiner physischen Grund- 
lage, der Höhlentheorie, geschieden und dann die Eschatologie von ihrer physischen 
Grundlage, der Aderntheorie. Die physikalischen Theorien schlössen sich zusammen, 
und jetzt erkennt man, wie auch der Mythos und die Eschatologie ineinandergreifen, 
wie jener bestimmt ist, diese vorzubereiten. Man kann also recht wohl den Aufbau 
der platonischen Gesamtschöpfung auf eine einfache Formel bringen und ihn leicht 
schematisierend in vier Teile sondern. Der erste gibt die Schilderung der Welt und 
der Erdoberfläche bis in die Höhlungen hinab. Daraus entwickelt sich der zweite, 
welcher das mythische Bild der »wirklichen Erde« ausmalt. Der dritte knüpft aus- 
drücklich an den ersten an und lehrt die Beschaffenheit des Erdinnern kennen. 
Daraus entwickelt sich viertens die Eschatologie, mit der nunmehr Abschluß und Ziel 
des Ganzen erreicht ist. Teil l und 3 sind rein naturwissenschaftlich, Teil 2 und 4 
mythisch -eschatologisch zu verstehen. 

IL 

In die Geschichte der geographischen Wissenschaft wollen wir das platonische 
Erdbild hineinstellen. Deshalb richten wir unseren Blick auf jene eigentümlichen 
»Höhlungen« der Erdoberfläche und fragen, was mit ihnen gewollt sei. Da scheint 
zunächst klar: wenn es viele solcher Höhlungen gibt, und wenn eine davon unsere 
Oikumene ist, die einzige von allen, die man kennen kann, so muß die Theorie von 
dieser Oikumene ausgegangen sein und muß die übrigen Höhlungen nach dem Vor- 

') Zur Analyse und Geschichte dieser Vorstellungen vgl. Malten, Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 49. 



j06 P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 

bild dieser einen geformt haben. Denn man konnte nicht mit dem Unbekannten 
beginnen und danach das verhähnismäßig Wohlbekannte gestalten, sondern nur so 
ist der Vorgang möglich: Auf der großen Erdkugel dachte man sich in einer ver- 
gleichsweise kleinen Einsenkung unsere Oikumene. Da es aber jeder Wahrschein- 
lichkeit gespottet hätte, daß dieser uns zufällig bekannte Wohnplatz wirklich auch 
der einzige wäre, so setzte man durch einen Analogieschluß zahlreiche andere Wohn- 
plätze auf die Erdoberfläche und gab ihnen eine entsprechende Form, d. h. man 
stellte sie sich als Höhlungen vor. Mithin müssen wir, um den Ursprung des selt- 
samen Gedankens zu begreifen, von unserer Oikumene ausgehen und müssen fragen, 
wie man dazu kam, sie auf den Boden einer solchen Höhlung zu versetzen. Bevor 
sich aber eine Antwort geben läßt, ist es notwendig, ganz kurz die beiden Entwick- 
lungslinien ins Auge zu fassen, auf denen sich die Wissenschaft vom Erdbild bis 
dahin bewegt hatte. 

In lonicn schuf Anaximander die Geographie als Wissenschaft, indem er die 
erste Erdkarte entwarf. So sagt die antike Überlieferung, und sie hat recht. Denn 
man muß es scharf betonen, daß seine Erdkarte keine praktische, sondern eine 
wesentlich theoretische Leistung war und eben dadurch eine Wissenschaft begründet 
hat '). Karten zum Gebrauch des Lebens, Itinerarien, Portulanen, gab es längst *). 
Die Kolonisationsfahrten in den Pontus sind ohne solchen Behelf nicht denkbar, 
und wie sollte den loniern fehlen, was der Südseeinsulaner aus Stäbchen und Muscheln 
darzustellen weiß! Die Tat Anaximanders kann nur darin bestanden haben, daß 
er ein Ganzes schuf. Das wird dem praktischen Gebrauch gar nicht so sehr gedient 
haben. Denn wenn det milesische Steuermann durch den Hellespont fuhr, brauchte 
er nichts vom Peloponnes oder Sizilien zu wissen, und wer ein bestimmtes Fahrtziel 
hatte, dem mochte eine Erdkarte eher verwirrend als nützlich sein. Der theoretische 
Charakter geht sogar soweit, und darin zeigt sich ganz besonders die Wissenschaft- 
lichkeit der Schöpfung, ihr Streben zum Gesamtbild, daß auch jene Gegenden der 
Erde notwendig mit dargestellt waren, die man aus keiner Erfahrung kannte, sondern 
rein aus dem Gedanken heraus konstruieren mußte, ja Gegenden wie den äußeren 
Rand der Karte, den Okeanos und seine Küsten, die man in keinen Zeiten jemals 
erreichen zu können vermeinte. 

Die runde Erdkarte des Anaximander hat Hekataios verbessert. Herodot hat 
als Empiriker dagegen gekämpft, daß man vorschnell konstruiere, wo man doch 

■) Auch Diels, Wissenschaft und Technik bei den liehen vorbeigegangen. Wie verständnislos 

Hellenen, Neue Jahrbücher XXXIII 1914, 5, stellt moderne Geographen der wissenschaftlichen 

die praktische Weltkarte in Gegensatz zu der Großtat des Anaximander gegenüberstehen, zeigte 

theoretischen Leistung Anaximanders als Philo- mir die »Kartenkunde« der Sammlung Göschen 

sophen. Und gewiß ist die Karte um eine Stufe S. 20 f. 

praktischer. Dennoch scheint mir eben in dem, ') Berger a. a. 0. 250 scheint den richtigen Sach- 

wo sie über das unmittelbar Praktische hinaus- verhalt umzukehren, wenn er die Entwicklung so 

geht, sich ihr Wissenschaftscharakter zu offen- darstellt, als seien im vierten Jahrhundert an 

baren. Berger, Gesch. d. wissensch. Erdkunde d. Stelle der allgemeinen Erdkarten Hafenverzeich- 

Gr. 35 ff., ist, wenn ich nicht irre, an dem Wesent- nisse und Küstenbeschreibungen getreten. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 107 



keine Sicherheit haben könne '). Sein Einspruch war in gewissem Sinne berechtigt 
und ist auch nicht ohne Erfolg gebhebcn, wie denn nichts diese Wissenschaft mehr 
gefördert hat als das Auf und Ab von Konstruktion und Kritik. Aber die ionische 
Rundkarte dauerte fort, und vom Standpunkt der Erdkugelgeographic und der 
ausgebildeten Zonenlehre hat Aristoteles in ganz ähnlichen Worten wie ehedem 
Herodot seine Stimme gegen Geographen erhoben, welche die Erde kreisförmig 
zeichnen ^). Dieselbe Polemik trifft man noch bei Geminus 3) an, und in den Rad- 
karten des ausgehenden Altertums und des frühen Mittelalters gewinnt das runde 
Erdbild wieder die Herrschaft, nur daß, was ehedem frische und kindliche Wissen- 
schaft war, jetzt zum kindischen Schematismus erstarrt ist. 

Die geographische Theorie des Anaximander ist von seiner physikalisch -astro- 
nomischen Gesamtanschauung nicht trennbar, und wir müssen uns in seinem Sinne 
die kreisförmige Erdkarte auf die Oberfläche der »Säulentrommel« gelegt denken, 
als welche ihm die Erde im Weltraum schwebte. Zwar nicht die Säulentrommel, 
aber, was hier auf dasselbe herauskommt, eine diskosförmige Erde setzte noch 
Demokrit an, und da er gleichfalls nicht nur ein Erdbild entworfen, sondern auch 
eine Erdkarte veröffentlicht hat, so muß er sich gleichfalls die bewohnte Erde irgend- 
wie genauer auf jene Oberfläche aufgetragen gedacht haben 4). Bei Anaximander, 
dem die Erde eine Trommel, die Oikumene kreisförmig war, lag hier kaum eine 
Schwierigkeit. Demokrit hingegen 5) bestimmte bei der Oikumene das Verhältnis von 
Länge zu Breite wie 3 : 2, und es bleibt ungewiß, ob er ihr andere bewohnte Inseln 
zur Seite stellte, oder sie noch immer wie Anaximander die einzige sein ließ, bloß 
mit einer geänderten Relation zum Kreisrand der Erdoberfläche. 

Eine Einzelheit muß noch hervorgehoben werden. Wenn man den Erdkörper 
als Scheibe dachte und die Oikumene mitsamt dem umgebenden Okeanos darauf 
konstruierte, so mußte unfehlbar jener jugendliche, auf das Greifbare gerichtete Sinn 
nach dem äußeren Abschluß des Ganzen fragen. Derb gesprochen: der Okeanos 
würde nach außen hinabfließen, wenn dort nichts wäre, um ihn festzuhalten. In 
gewissem Sinne hat ja schon die Nekyia der Odyssee mit ihrem Jenseitsland die 
Lösung vorbereitet, und von den ionischen Physikern sind viele gefolgt. Im allge- 
meinen gibt Kleomedes die alte Theorie und ihre auf der Hand liegende Begründung 
(Kykl. Theor. I 8, 40). Die einen hätten die Erde für flach gehalten, andere aber 
hätten in der Überlegung, daß das Wasser nur auf ihr bleiben könne, wenn sie tief 



■) IV 36 yeXü) ii öptüv yffi 7iEpi(ä5o'j{ ypä'iavTot ypatfovTEt xd? yEtuypatpfoj itoX'j xfjc äXrßtiai zhi 

noXXout rfifj tlolI o'!>8iva voov iy/iYzuii ^;Tjy»jaa- TiETrXavrjjjivot. — ■ Geminus gehört in die sulla- 

(Aevov. Ol 'Q/.Z1W11 T£ fi^ovra yptt'fO'Jli irepi; -rijv nische Zeit; s. R-E VII 1027. 

YTjv äoüaav xuxXoxEpia (ü; citiö X'lpvou zocl xtjv 4) Diels, Vorsokratiker 55 A 94. B 15; dazu die Vor- 

'Aij(rjv xcil EipcürrjV iioiE'ivxiuv ijrjv. bemerkung der SchoHen zu Dion. Per., Geogr. Gr. 

') Meteor. II 5, 362 b 12 8iö xal yEXofuJS ypätpo'jai Min. II 424; letztlich aus Eratosthenes. 

vüv xa« 7rEpi(58o'j{ T7j{ Yi« ■ ypätpouai yäp xuxXoxsp^ 5) Vorsokratiker 55 B 15 irpuixo; Ik AT)|a(5xpixo; 

x»)v oixo'jfiivrjv. suvEiOEv, oxi ^TpOfiVjxTjt ^ ffi i?j(ji.i(!Xiov x6 affMi 



3) EisaytüY») üi xi tfaiv(!(j.Eva 16, 2. oi oe axpOYyuXaj xoü i:Xocxou{ lyouia. 



I08 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographje. 

und ausgehöhlt (ßa&era xal xoiXyj) sei, ihr solche Form gegeben^). Ausdrück- 
lich als Vertreter dieser Lehre sind uns Demokrit und Archelaos bezeugt: Demokrit 
nennt die Erde »scheibenförmig und in der Mitte vertieft« (SiaxosiS?, täi ■kKoItu, 
xoiX>)v 5s TAI [1230)1 Vorsokr. 58 A 94)*), Archelaos »ringsum hoch, in 
der Mitte vertieft« (xuxXwi (xsv ouaav u<{;rjXT^v, [xssov 5s xoi'Xi]v Vorsokr. 47 A 4). 
Die gleiche Ansicht ist wohl auch für Anaximenes daraus zu erschließen, daß er (wie 
Archelaos) die Sonne nicht »untergehen«, sondern »von den höheren Teilen der Erde«, 
also von einer Art Randgebirge, verdeckt werden ließ (Vorsokr. 3 A 7). Ja, er selbst 
oder ein Nachtreter von ihm möchte im »Phädon« (99 b) mit dem Ungenannten ge- 
meint sein, welcher der Erde »wie einem flachen Troge (waTrsp xap56i:a)t itXaxstat) 
die Luft als Trägerin unterschiebt«. Der Trog weckt wieder die Vorstellung eines 
Gegenstandes mit konkaver Oberfläche. 

Als Demokrit seine Erdkarte auf seine Erdscheibc legte, war schon seit nahezu 
einem Jahrhundert im Westen die Kugeltheorie aufgestellt worden. Parmenides 
und die Pythagoräer haben sie gelehrt. Parmenides wird auch von Poseidonios als 
Begründer der Zonentheorie genannt 3). Da er, abweichend von der sozusagen 
klassischen Lehre, die »verbrannte Zone« nicht zwischen die Wendekreise ein- 
schränkte, sondern sie weit über diese hinausgreifen ließ, so muß er, um die bewohn- 
bare Zone nicht übermäßig zusammenzudrücken, die Erdkugel selbst sehr groß 
gedacht haben 4). Wieweit er sich mit der Frage beschäftigt hat, unserer Oikumene 
genauer ihren Platz auf der Erdkugel anzuweisen, steht nicht fest, und durch allge- 
meine Erwägungen ist nicht voranzukommen. 

Es braucht jetzt kaum noch ausdrücklich gesagt zu werden, wie man das Erd- 
bild Piatons verstehen muß: es ist ein jugendlich kühner Versuch, die beiden Linien 
zu vereinigen, das Erdbild der lonier auf die Kugel des Parmenides und der Pytha- 
goräer zu legen. Der auffälligste Zug in der platonischen Konstruktion waren die 
»Höhlungen«. Die bieten jetzt dem Verständnis keine Schwierigkeiten mehr, seit- 
dem wir bei den loniern haben verfolgen können, wie sie mit einer gewissen Not- 
wendigkeit dazu gedrängt wurden, ihre flache Erdscheibe an den Rändern erhöht, 
in der Mitte eingesenkt zu denken. Der Ausdruck xoTXo; war dafür stehend; es ist 
derselbe, der uns bei Piaton begegnet. Die wissenschaftliche Forderung mußte sich 
einmal erheben, daß man mit der Erdkugeltheorie das von den loniern so energisch 
entwickelte Erdbild vereinige. Dann lag nichts näher als die Höhlung beizubehalten 
und durch einen Wahrscheinlichkeitsschluß zahlreiche analoge Gebilde dazuzu- 
denken. Auch war man auf diese Weise einer Schwierigkeit überhoben, die sich in 
den Anfängen der Erdkugeltheorie manchem aufdrängen mochte: wie auf der ge- 

•) Ähnlich Martianus Capella VI 590: Formam ter- globosara. Und nachher: si emersi solis exortus 

rae non planam, ut aestimant positioni qui eam concavis subductioris terrae latebris abde- 

disci diffusioris assimilant, neque concavam, retur. 

ut alii qui descendere imbrem dixerunt telluris in 2) Vgl. Vorsokr. 46 A 87 Ott oUte xo^Xt] fj y^ <•>{ 

gremium (die Begründung ist etwas anders ge- A7j[X(5xptT0j oÜte jiXaxeta (!){ 'AvaSaydpa;. 

faßt und mutet altertümlich an), sed rotundam 3) Strabo II, p. 94; vgl. Berger, a. a. O. 208. 

' 4) So richtig Berger 213. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. lOQ 

wölbten Kugelfläche ein Aufenthalt denkbar sei, wie zum mindesten die Wölbung 
von niemandem empfunden werde. 

Wer diesen Schritt, der gewiß als ein wissenschaftlich bedeutender Schritt 
anzusehen ist, nun eigentlich vollzogen habe, können wir nicht mit Sicherheit sagen. 
Die Linie geht von Parmenides zu Plato. Daß Parmenides, der die Erdkugeltheorie 
vermutlich schuf, selbst schon so weit gegangen wäre, die ionische Geographie in 
seine Konstruktion einzubeziehen, wird nicht nur mir schwer glaubhaft erscheinen. 
Daß erst Plato jenes kosmologisch-physikalischc Ganze erdacht habe, zu dem bei- 
spielsweise die Theorie der unterirdischen Adern untrennbar gehört, dürfte gleich- 
falls kaum jemandem wahrscheinlich sein. So möchte die Annahme am meisten für 
sich haben, daß irgendein Forscher zwischen Parmenides und Piaton, und diesem 
zeitlich näher als jenem, ein Pythagoräer etwa, den wir nicht nennen können, als 
Resultat eines starken, kombinatorischen Denkens jenen kosmologisch-physikalischen 
Aufbau errichtet hat, den dann Piaton übernahm, um ihn seinem eschatologisch- 
metaphysischen Zweck dienstbar zu machen. 



III. 

Das Erdbild des »Phädon« ist in Piatons Werk nicht das einzige. Scharf heben 
sich von ihm die Vorstellungen ab, die der Anfang des »Timäus« (24 e) als geogra- 
phische Grundlage für den Atlantisroman entwickelt. Mit dem Weltbild des »Timäus« 
hat das nichts zu tun, sondern gehört sachlich einem ganz anderen Gedankenkreise, 
eigentlich ja dem »Kritias«, an. 

Rings von Meer umflossen liegt unsere Oikumene, »Europa und Asien«. Draußen 
vor den Säulen des Herakles erhob sich ehemals aus dem Ozean die Insel Atlantis, 
die später durch gewaltige Erdbeben und Sturmfluten zugrunde ging und das Meer in 
jenen Gegenden unbefahrbar flach gemacht hat. Vordem aber bestand Verkehr von der 
Atlantis zu unserer Oikumene und zu den anderen Inseln im Meere, dann weiter zu 
dem »wahren Festland«, das sich um das »wahre Meer« herumlegt. Der Ausdruck 
»wahres Meer« ist gewählt im Gegensatz zu dem kleinen Mittelmeer, »wahres Fest- 
land« im Gegensatz zu unserer »Oikumene«, die als Insel, als eine unter mehreren, 
gedacht wird. 

All das ist vollkommen vorstellbar und läßt sich im wesentlichen durch Zeich- 
nung vergegenwärtigen (Abb. 4): ein großes Meer; in ihm eine Reihe größerer und 
kleinerer Inseln, von denen eine unsere Oikumene ist; das große Meer rings umgeben 
von einem riesigen Festland. Dieses Festland erstreckt sich um die ganze Erdkugel 
herum; das immerhin sehr ausgedehnte Meer erscheint in ihm als Binnensee einge- 
bettet, und wir dürfen es im Sinne des Schöpfers dieser Theorie für durchaus möglich 
erklären, daß es noch anderwärts inmitten des »wahren Festlands« abgeschlossene 
Meeresbecken gebe. 

Ob es sich aber hier nicht überhaupt eher um ein Spiel der Phantasie als um 
eine geographische Hypothese handele, könnte wohl jemand fragen. Dem wäre zu 
erwidern: Für den Roman sind höchstens Oikumene und Atlantis notwendige Er- 



HO 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdliugelgeographie. 



fordernisse, überflüssig aber sind Inseln, wahres Meer und wahres Festland. Nun 
gehen alle Einzelheiten mitsamt diesen überflüssigen Zügen in eine Einheit zu- 
sammen, sind also unabhängig von dem Roman erdacht worden, sind also ein Theorem 
der physischen Geographie, nicht die spielende Erfindung eines Dichters. Und 
wahrhaftig ist das nicht im Spiel erfunden, was einen gewaltigen Fortschritt des 
wissenschaftlichen Denkens darstellt. 

Die fundamentale Verschiedenheit dieses Erdbildes von dem des)>Phädon« wird 
jedem deutlich geworden sein '); man kann den Hauptgegensatz vielleicht folgender- 
maßen in Worte fassen: Die einzelnen »Höhlungen« dcs»Phädon« sind durch unüber- 




Abb. 4. Zum »Tiinäus«. Erdkugel. (Das »wahre Festland« erstreckt sich auch um die 

abgewandte Seite der Kugel.) 

steigbare Schranken voneinander getrennt. In der platonischen Ausgestaltung schieben 
sich geradezu transzendente Welten zwischen unsere »Höhlung« und jede andere. 
Aber auch wenn man sich nur auf die physische Grundlage einstellt, so erscheint 
der Gedanke, von unseier Oikumene etwa in die benachbarte gelangen zu wollen, 
phantastisch und widersinnig. Wir müßten anders organisierte Menschen sein, 
müßten Äther atmen können statt Luft, um jemals unseren Ort zu verlassen. Das 
Erdbild des »Timäus« bannt uns nicht mehr durch solche metaphysischen Grenzen 
auf einem kleinen Fleck der Kugel fest. Es ist ein rein praktisches Hindernis, wenn 



') Daß Proklos in seinem Timäuskommentar I, 180 
Diehl den Gegensatz nicht erkannt hat, verzeiht 
man ihm leicht. Leider hat noch Berger, Die 



Grundlagen des marinisch-ptolemäischen Erdbil- 
des, Bcr. der sächs. Gesellsch. 1898, S. 91 ff. arglos 
das Widersprechende durcheinandergemischt. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 1 1 j 



der Atlantische Ozean zu flach geworden ist, um noch die Durchfahrt zu gestatten. 
Ehedem aber war der Verkehr ungehindert zwischen den Inseln, ja selbst zum Fest- 
land, und wer konnte beispielsweise auf dem Boden dieser geographischen Vor- 
stellung den Gedanken verwehren, daß vielleicht im Osten zu wagen sei, was im 
Westen freilich durch jenes praktische Hindernis ausgeschlossen war? Die abso- 
luten Schranken, durch die der »Phädon« unsere Erdoberfläche in einzelne für immer 
voneinander getrennte Bezirke aufgelöst hatte, sind hier gefallen; die Erdoberfläche 
ist eine Einheit geworden und weiterer Forschung, weiteren Entdeckungen geöffnet. 

Daß hier die geographische Wissenschaft einen mächtigen Schritt getan hat, 
den man, auf die Linie der weiteren Entwicklung blickend, einen Fortschritt nennen 
muß, kann nicht zweifelhaft sein. Unsicher bleibt, wie weit die Akademie an dieser 
Entwicklung beteihgt ist. Einerseits können wir sagen, daß Analogien zu der geo- 
graphischen Vorstellung des »Timäus« nicht völlig fehlen. Das »wahre Meer« ist ja 
im Grunde nichts anderes als der alte Okeanos. In dem »wahren Festland« verkennt 
man schwer das jenseits des Okeanos gelegene Land, wie die Nekyia der Odyssee 
es schildert, wie es gewiß der Volksmeinung angehörte, ja, wie es eigentlich noch in 
dem hochragenden Erdrand der ionischen Physiker dauert '). Ob schon jemand 
unter diesen im Gegensatz zu Anaximander und Hekataios nicht eine runde Oiku- 
mene, sondern mehrere große Inseln auf die flache Scheibe setzte, das zu entscheiden 
versagt die Überlieferung. Möglich ist es durchaus. Vielleicht könnte Demokrit 
so gedacht haben, der ja die Oikumene nicht kreisrund, sondern oval mit dem Ver- 
hältnis der Achsen wie 3 : 2 konstruierte, sich also jedenfalls über ihre Lage zum 
Kreisrand der Erdfläche seine Gedanken gemacht haben maß. Aber dies soll nur eine 
Möglichkeit, nicht einmal eine Vermutung sein. 

Sind hier also Vorstufen teils nachweisbar, teils denkbar, so spürt man andrer- 
seits an einem Punkte ganz sicher Piatons eigenen Geist: in den Benennungen »wahres 
Meer« und »wahres Festland« (6 dXrjfttvo? tovtoj. sxsrvo 82 to irsXa^o; ovtwc ^ ts 
itspisj(ouaa auxo -y^ iravTsXu)? d^TjOtö? opOoTax' av Xs-^otTO -^ireipoc). Hier gehen 
sie ausschließlich auf die Größe, einen Wesensunterschied bezeichnen sie nicht. Und 
doch muß jeder sehen, daß ihnen wiederum, wie abgeblaßt auch immer, der platonische 
Gegensatz von Idee und Erscheinung zugrunde liegt ^). Daher wird man nicht 
zweifeln, daß zum mindesten ein Stück der Gedankenbewegung, wenn nicht die ganze, 
die von dem älteren Bild nach dem jüngeren hin zu vollziehen war, sich innerhalb 
der Akademie abgespielt hat. Lebhafteste Beschäftigung mit physischer Erdkunde 
ist so für Piaton und seine Schule augenscheinlich. Das gibt dem Bilde, in welchem 

') Vgl. Martin, foudes sur le Timde I, 312; Berger, 104, den Begriff des wahren Festlandes »durch- 

Ber. d. sächs. Gesellsch. 1898, 98. Auch das aus mythisch« nennt. Nur durch fast unbegreif- 

äußere Land, das auf der Karte des Kosmas liehe Irrtümer kann derselbe Gelehrte dieses 

Indikopleustes den Okeanos umgibt, gehört in wahre Festland als eine Vorstufe zu dem marinisch - 

dieselbe Gedankenrichtung; vgl. The Christian ptolemäischen Erdbilde (mit seiner Geschlossen- 

Topography of Cosmas ed. by Winstedt 129, 26 heit des Indischen Ozeans und seinem Landzu- 

(= p. 185 A) und Tafel VII. sammenhang zwischen Ostasien und Ostafrika) 

*) Nicht ohne Bedenken ist es, wenn Berger, a. a. 0. betrachten. 



112 P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 

Usener ') die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit innerhalb der Akademie 
gezeichnet hat, wohl einen neuen Zug, aber keinen fremden. — 

Man weiß, daß die Erdvorstellung des »Timäus« mitsamt den romanhaften 
Motiven des »Kritias« von Theopomp in einen utopistischen Exkurs seines Geschichts- 
werks übernommen worden ist ^). Das wahre Festland hat er beibehalten, das wahre 
Meer heißt bei ihm Okeanos, und statt der vielen Inseln kennt er, wenn Allans Be- 
richt (Var. Hist. III i8) vollständig ist, nur drei, Europa, Asien, Afrika. Er wäre 
danach in mancher Hinsicht zu einfacheren Vorstellungen zurückgekehrt, hätte die 
vielen Inseln des Weltmeeres als uncrwiesene Hypothese beseitigt und aus den drei 
überlieferten Elementen, unserer Oikumene, dem sie umgebenden Okeanos und dem 
wahren Festlande, sein Erdbild konstruiert. Auch daß er die drei Erdteile als Inseln 
voneinander sondert, wird ein Archaismus sein 3). Aber leider kennen wir weder 
die Einzelheiten seiner Theorie noch wissen wir, wie weit er es mit ihr ernst nahm. 
Immerhin müssen ihm die Voraussetzungen als möglich gegolten haben 4). 

IV. 

Antike Wissenschaftsgeschichte gleicht einem unterirdischen Strom, der nur 
hier und dort auf kürzere oder längere Strecken an das Licht tritt. Da wir dem 
Problem der Erdkugelgeographie im)>Phädon« begegneten, war es ersichtlich von dem 
Ort seines Ursprungs höchstens einige Schritte entfernt. Dann aber muß es mit 
großer Energie und Lebhaftigkeit weiter entwickelt worden sein. Im »Timäus«, also 
wenige Jahrzehnte später, finden wir es gewaltig gefördert, und daß es, einmal auf- 
geworfen, nicht wieder zur Ruhe kam, lehrt uns Aristoteles, der schon wieder einen 
ganz neuen Standpunkt vertritt. Mit dem Ausblick auf diesen Versuch wollen wir 
schließen. 

Nachdem Aristoteles in seiner Schrift Ilspl oüpavou die Beweise für die Kugel- 
gestalt der Erde beigebracht hat, fährt er fort (II 14, 297 b 30), es folge aus den 
Himmelserscheinungen nicht nur, daß die Erde eine Kugel, sondern auch daß sie 
eine nicht eben große Kugel sei. Denn bei einem geringen Wechsel unseres Auf- 
enthalts in nördlicher oder südlicher Richtung ändern sich die Meridianhöhen der 
Gestirne. Sterne, die man in Ägypten oder Cypern sieht, werden weiter nördlich 
(also in Griechenland) unsichtbar, andere, die im Norden Zirkumpolarsterne sind, 
gehen weiter südHch auf und unter. Der Schluß auf die Kleinheit der Erde erscheint, 
nachdrücklich wie er ausgesprochen wird, als eine Korrektur der älteren Ansicht, 

') Vorträge und Aufsätze 82 ff. Entwicklung recht verstanden, widerlegt ihn hin- 

') Vgl. Rohde, Griech. Roman' 219. reichend. Vgl. auch Partsch, Aristoteles Ȇber 

3) Zugrunde liegt die primitive Vorstellung, daß die das Steigen des Nil«, Abh. d. Sachs. Gesellsch. 

Grenzflüsse zwischen den Erdteilen, also Nil und XXVII 16, 599 [49]. 

Phasis oder Nil und Tanais das Binnenmeer mit 4) Auf Plato geht auch zurück, was bei Plutarch, 

dem Okeanos verbinden. Ganz vergeblich sucht De facie in erbe lunae, cap. 26 p. 941 von dem 

Berger, Gesch. d. wissensch. Erdkunde 92 ff., »wahren Festland« erzählt wird; ebenso fußt auf 

was von Zeugnissen in diese Richtung weist, zu Piaton Mcif>XEX),0{ äv Tol; Ai8iomxoT{ in Proklos' 

entkräften. Die eine Argonautensage, in ihrer Timäuskommentar I, 177 Diehl. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 



^13 



die uns bei Piaton und sehr wahrscheinlich schon bei Parmenides entgegentritt. Da 
man zuerst die Erde als Kugel begriff und auf ihr den uns bekannten Länderbezirk 
unterzubringen versuchte, mußte sie diesem gegenüber mit einer Notwendigkeit, 
die wir leicht nachfühlen werden, unendlich groß erscheinen, unsere Oikumene als 
ein winziger Fleck, den man auf der ungeheuren Fläche nur unvollkommen zu loka- 
lisieren wußte. Und es ist wieder begreiflich, ja es erscheint als notwendiger Schritt 
der Entwicklung, wenn dann das Pendel nach der anderen Seite ausschlägt. 
Der Fortschritt liegt ersichtlich darin, daß man bei dem ersten Stand der Dinge 
nicht wagen durfte, die Frage nach der Lage unserer Länder und ihrem Verhältnis 



Nördliche gemäßigte Zone 
(unsere Oikumene). 



Heiße (verbrannte) Zone. 




Sudliche gemäßigte Zone. 



Abb. 5. Zu Aristoteles. (Der größte Teil der abgewandten Kugelseite 
ist von dem Festland erfüllt zu denken.) 



zur Größe des Ganzen ernstlich zu stellen. Das war erst möglich, als man der Über- 
sehbarkeit des Erdglobus sicher geworden war. 

Die relative Kleinheit unserer Erde ist für Aristoteles eine erwiesene Sache. 
Nicht so sicher, aber wohl erwägenswert scheint ihm der Schluß, den manche gezogen 
hätten, daß sich die Gegend der Heraklessäulen auf der einen Seite, also das West- 
ende der Oikumene, und Indien auf der anderen, also ihr Ostende, nahekommen, 
und daß infolgedessen der Atlantische und der Indische Ozean nur ein Meer seien "). 
Die Vorstellung ist im allgemeinen durchaus klar und auch im Bilde zu vergegen- 
wärtigen (Abb. 5)2). Zweifelhaft und viel erörtert, freilich für unseren Zusammenhang 



') Einen Vertreter dieser Ansicht können wir mit 
Namen und Datum nennen. »Athinagoras 
Arimnisti inquit unum esse mare quod rubrum 
et quod extra Eracleas columpnas. « Aristoteles 
Tztfi TTfi ToO NefXo'j dvaßaSEtuc, Aristotelis 
Fragmenta ed. Rose p. 194 1. 3. Es war zwischen 
357 und 349, daß Athenagoras jene Theorie vor 



Artaxerxes Ochos vertrat. Vgl. Partsch, Des 
Aristoteles Buch »Über das Steigen des Nil« 
S. 572 [22] 7. 
') Die Küstenlinien außerhalb der gemäßigten Zone 
sind punktiert, um anzudeuten, daß sie sich nach 
der Ansicht jener Zeit empirischer Kenntnis ent- 
ziehen. Die von uns angedeutete Form wird 



sich im folgenden rechtfertigen. 



IIA P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 

auch nicht von entscheidender Bedeutung ist die Frage, wie das Wort auvctTrcstv 
aufzufassen sei, in dem Satze tou? uuoXajißotvovTa? auvaitrsiv xhv irepl tä? 'HpaxXsou; 
OTjjXa; Touov töji irspt 'Ivot/r^v, ob es nur ein Nahekommen bedeute, oder ob die 
von Aristoteles wiedergegebene Theorie wirkliche Berührung, also eine oder mehrere 
Landbrücken von Ostasien nach Europa und Libyen angenommen habe. Daß gram- 
matisch beides möglich ist, steht fest '), und auch der folgende Satz, der sich für 
diese Theorie auf das Vorkommen von Elefanten an den beiden »äußersten Punkten« 
beruft, scheint nicht unbedingt für die eine oder die andere Ansicht verwertbar, 
wiewohl sich bezweifeln läßt, daß bei dem Vorhandensein einer Landbrücke von 
»äußersten Punkten« überhaupt die Rede sein kann ^). Aristoteles hätte sich unzwei- 
deutiger ausgedrückt, wenn die Entscheidung nach einer von beiden Seiten für sein 
Problem irgendwie bedeutsam gewesen wäre 3). 

In der gemäßigten Zone eine einzige Landmasse, der Rest von Meer erfüllt: 
das ist die Anschauung, die sich auch aus zwei Stellen der »Meteorologie« als 
aristotelisch ergibt. An der einen (Met. II l, 354 a l) liest man folgende Deduktion. 
Es soll bewiesen werden, daß Meere im Gegensatz zu Flüssen keine Quelle haben. 
Das lehrt die Erfahrung an Binnenmeeren, deren Ufer man ja ringsum kennt. Von 
ihnen hängt das »Rote Meer« an einem Punkt mit dem »Meer außerhalb der Säulen« 
zusammen, das hyrkanische und das kaspische hingegen sind von diesem völlig 
getrennt und mit Land umgeben. Da ist die Unterordnung des Roten Meeres unter 
die Binnenmeere eigentlich unlogisch, aber psychologisch vollkommen begreiflich. 
Es ist »beinahe«, bis auf eine schmale Verbindungsstelle, ein Binnenmeer, darf alo 
für den vorliegenden Zweck als solches betrachtet werden. Diese Charakteristik 
paßt vortrefflich auf das auch von uns so genannte »Rote Meer« und kann sich nur 
auf dieses beziehen, weil die ganze Erörterung einen empirisch bekannten Gegenstand 
verlangt, der Indische Ozean aber oder das Meer zwischen Arabien und Indien, das 
sonst noch mit dem Roten Meere gemeint sein könnte, durchaus nicht überall er- 
forscht war und durchaus nicht jene Beschreibung zuließ. Der Wortlaut ^at'vi-at 
xoivfovouaa bestätigt die vorgetragene Ansicht. Läßt mithin Aristoteles das »Rote 
Meer« mit dem »Meer außerhalb der Säulen« verbunden sein, so ist dafür die Vor- 

■) Strabo I, p. 56 sagt in einem ganz anderen Zu- wicklung der geogr. Kenntnis von der Neuen Welt 

sammenhang, der aber zufällig dasselbe sprach- I, 120: »Das sinnreiche Argument, welches Ari- 

liche Problem bietet: tö 6e 8r) „Tevorf^Cetv tov stoteles von dem Vorkommen der Elefanten auf 

XejfSivra T(5nov ouvcfjtrovTa TiJöi zrfi 'EpuSpäs den gegenüberliegenden Küsten Afrikas und 

x<iXjr(ui " ä(ji(p(ßoX(5v ^(JTiv, ^TtEiSi) tö auvcc^ruEiv Indiens entlehnt, gründet sich auf den unbe- 

orjuafvEi xat xö CTuvcfTfiCsiv xai xö daÜEiv. Vgl. deutenden Abstand der beiden Ländermassen, 

Sorof, De Aristot. geographia (Dissert. Halle indem vorausgesetzt wird, daß sich an den beiden 

1886) p. 8. Endpunkten der Oikumene übereinstimmende 

*) Simplicius p. 548 Diels sagt über das Argument: Erzeugnisse vorfinden müssen.« Es ist also nicht 

O'j yäp 6fioi(5xTjxa xüiv x(i7r(uv teiSEi^ai po'iXExai richtig, aus dem Elefantenargument eine Land- 

u>i oTpiai 8iä xo'ixuv ä)Aä yEixvfasiv. Aber Verbindung zu erschließen. Vgl. Berger, Gesch. 

Nachbarschaf t ist noch nicht Landzusammenhang. d. Erdkunde 318. 

Lehrreich ist die Beurteilung Alexanders von 3) Auf welcher Seite der Verfasser dieses Aufsatzes 

Humboldt, Krit. Unters, über die histor. Ent- steht, wird durch die Zeichnung deutlich. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeograpbie. I i e 

äussetzung notwendig, die in Ilspi oupotvou formuliert wurde, daß der Atlan- 
tische Ozean mit dem Meer östlich von Indien zusammenfällt "). 

An einer späteren Stelle (Met. II 6, 362 b 21) wird auseinandergesetzt, daß 
sich die Bewohnbarkeit der Erde auf die gemäßigten Zonen beschränke. Es gebe 
also zwei durch die heiße Zone geschiedene Oikumenen, die nach Norden und Süden 
an unbewohnbaren Gegenden ihre Grenze fänden. Wohl aber sei in ost -westlicher 
Erstreckung prinzipiell keine Grenze gegeben, und nur die Größe des Meeres ver- 
hindere praktisch eine Reise um die Erde in gedachter Richtung (Aar' et \x.-q 
icou xcuXust OaXaTTT,? rXT,9o; Stmv etvai ■KOpsuaijjiov). Zwischen Ostasien und den 
Heraklessäulen scheine das Meer den Zusammenhang aufzuheben. 
Ohne das würde; unsere gemäßigte Zone einen fortlaufenden bewohnbaren 
Landgürtel bilden (xi os ttj? 'IvSixtj? e;u) xal täv 'HpaxXsiujv (Jt/jXäv 01« t})v OaXaTiav 
oü (patvovTai ouvsi'pstv -rtöi awsyßii stvai iräsav oixou[j.£vr(V). Es mögen in dem Ge- 
dankenzusammenhang, den Aristoteles hier nur streift, mehrere Möglichkeiten er- 
wogen worden sein. Unter ihnen kann es leicht auch die Theorie eines zwischen 
Ostasien und Westeuropa liegenden Erdteils, eines »Amerika«, gegeben haben. Aber 
Aristoteles scheint auch hier wieder der Annahme geneigt zu sein, daß unsere Zone 
nur eine einzige Landmasse trage. So gewinnt man zunächst den Eindruck, als 
ob das in der Meteorologie vertretene Theorem mit der in IlEpt oüpavou unter Vor- 
behalt gegebenen Ansicht stimme, wie sie sich in unserer Abb. 5 ausgedrückt findet. 
Aber hier erkennt man bei schärferem Zusehen doch noch einen wesentlichen Unter- 
schied. Um die Verkehrtheit der kreisförmigen Erdkarte darzulegen, führt Aristoteles 
aus, die Erfahrung der Land- und Seereisen habe gelehrt, daß Länge und Breite 
nicht gleich seien, sondern sich verhielten wie »mehr als 5 zu 3«, also 

6 : 3 > L : B > 5 : 3. 

Wie breit Aristoteles die gemäßigte Zone angenommen hat, wissen wir nicht '). 
Setzen wir einmal aufs Geratewohl die uns geläufigen 43" ein 3) und berechnen 
wir die Länge auf dem 36. Breitengrade (dem Parallel von Rhodos), so ergibt 
sich (wie ich mit freundlich gewährter mathematischer Hilfe festgestellt habe), 
daß die Länge der Landmasse Y4 oder etwas mehr des gesamten Kreises 
beträgt oder zwischen 90" und 108" liegt. Und wenngleich diese Rechnung mehrere 
ganz unsichere Positionen enthält, fest steht auf jeden Fall, daß bei jenem Verhältnis 
von Länge und Breite das Land viel weniger, das Wasser viel mehr als die Hälfte 
der Zone füllt, daß also Abb. 5 durchaus nicht der von Aristoteles in der Meteorologie 
vorausgesetzten Anschauung entsprach. Wobei es dahingestellt bleiben kann, 
wieweit er sich rechnerisch die Konsequenzen klar gemacht hat, und wie weit er 
die angegebenen Zahlen für endgültig hielt. 

Ist hier nun ein unleugbarer Widerspruch vorhanden, indem die Landmasse 

') Faßt man, wie zuletzt Partsch, a. a. O. 569 [19] ') Berger, Gesch. d. Erdkunde 305. 

tut, den Ausdruck »Rotes Meer« in weiterem 3) Wahrscheinlich war sie noch erheblich schmaler. 
Sinne, so ändert sich ganz und gar nichts an Vgl. Berger 320. 

unserem Ergebnis. 



I ] 5 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 

nach der einen Theorie weit mehr, nach der andern weit weniger als die halbe Erd- 
kugel umfaßt haben muß, so sinken doch diese beiden gegensätzlichen Meinungen, 
gegen die Folie etwa der »Timäus «-Geographie gesehen, auf den Wert von Varianten 
derselben Grundthese zurück: die Erdkugel ist klein, die uns bekannte Landmasse 
Europa, Asien, Libyen, nimmt einen sehr erheblichen Teil in der gemäßigten Zone 
ein. Daß zwischen Westeuropa und Ostasien noch andre Landmassen liegen sollten, 
ist nach der in Oepl oupavou zitierten Ansicht ausgeschlossen, nach der Meteoro- 
logie zwar an sich möglich, aber nicht der aristotelischen Meinung entsprechend. 

Wie hat sich aber Arietoteies das Festland, von dem unsere Oikumenc ein 
Ausschnitt ist, nach Süden hin gestaltet gedacht? Er nahm ja in der südHchen 
gemäßigten Zone eine der unseren entsprechende Oikumene an. Verband seine 
Theorie die beiden durch eine Landmasse zu einem großen einheitlichen Kontinent, 
wie er der Wirklichkeit einigermaßen entspricht, oder war ihm die verbrannte Zone 
von einem Gürtelozean erfüllt, so daß er die Theorie des Kleanthes und Krates in 
gewissem Sinn vorweggenommen hätte.-' ') 

Diese zweite Ansicht schien sich auf eine Stelle der Meteorologie (II 5, 363a 5) 
berufen zu können, wo von den Ost- und Westwinden »auf dem südlichen Meer 
außerhalb Libyens« [Tztpl xtjv sJcu Atßurj? OaXocrrav xrjv voxtav) gesprochen wird ^). 
Eingehendere Betrachtung lehrt jedoch die bezeichneten Worte ganz anders 
verstehen. Aristoteles legt dar, daß der Südwind nicht etwa vom Südpol komme. 
Sonst müßte, da sich die südliche und die nördhche Halbkugel in den wesent- 
lichen Naturerscheinungen entsprechen, der Nordwind auf die südliche Halbkugel 
hinübergreifen. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Vielmehr hört er schon hier 
(in unserer gemäßigten Zone) auf und kann nicht weiter nach Süden dringen, da 
»auf dem südlichen Meer außerhalb Libyens«, wie bei uns Nord- und Südwinde, so 
dort Ost- und Westwinde herrschen. (Gedacht scheint, daß sie sich wie eine Quer- 
barre vor die Bahn des Nordwindes legen.) Es handelt sich an dieser Stelle der Ar- 
gumentation ersichtlich um eine empirisch feststehende Tatsache. Dann kann aber 
ein Äquatorialozean gar nicht gemeint sein. Denn vorausgesetzt selbst, die Theorie 
hätte ihn aus irgendeinem Grunde erfordert, so wäre er doch als in der verbrannten 
Zone liegend, jeder möglichen Erfahrung entrückt gewesen, man hätte also auch 
nicht wie etwas Selbstverständliches angeben können, was für Winde auf ihm wehen. 
Gemeint sein kann nach alledem nur »das südliche Meer an Afrikas Ost- und West- 
küste« (noch innerhalb unserer Zone), und darauf möchte auch der Wortlaut führen 3). 

Wir scheinen mit dem bisher benutzten Material eine Entscheidung der Frage 
nicht erzwingen zu können, ob Aristoteles einen Äquatorialozean ansetzte oder 

') Berger, a. a. O. 215 (und Ber. d. sächs. Ges. 1898, Asien und Libyen 44, wo die Schwierigkeit richtig 

121), findet die Ansicht des Krates von den sich gefühlt, aber nicht scharf zu Ende gedacht ist. 
kreuzenden Gürtelmeeren bereits im »Phädon« 3) Bei ^ e;(o SaXorra denkt Aristoteles an den 

vorgebildet. Das beruht auf den allerschwersten Osten oder Westen. Meteor. I 13, 350 b 13 

sprachlichen und sachlichen Mißverständnissen. Xpefi^xitj; . . . . eis xrjv s^uj ^ei SäXarrav. 362 b 28 

') Sorot, De Aristotelis geographia 14; Berger, Gesch. xoi hi iffi 'IvoiäTj; ?;u> xcti xüiv sttjXiüv xiüv 

d. Erdk. 321 ; Bolchert, Aristoteles' Erdkunde von 'HpaxXeiuiv. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 



117 



nicht i). Hilfe bringt erst die bisher unbenutzte Schrift »Über die Nilschwelle«. 
Partsch hat in einer ausgezeichneten Abhandlung erwiesen, »daß der in mittelalter- 
licher Übersetzung uns erhaltene liber de inundacione Nili nicht mit Unrecht den 
Namen des Aristoteles an der Stirn trägt, sondern eine allerdings nicht unwesentlich 
abgekürzte, aber anscheinend nur durch rein formale Zutaten veränderte Über- 
lieferung einer dem Eratosthenes in unverkürzter Form vorliegenden echten Ab- 
handlung des großen Philosophen darstellt^).« Wer die Skepsis sehr weit treiben 
und von der Person des Aristoteles absehen wollte, würde doch zugeben müssen, 
daß die Schrift unter den Augen des Meisters entstanden ist, wo man sich denn für 
jede wesentliche Frage und Ansicht doch immer auf ihn zurückgeführt sähe. Hier 
wird nun unter den verschiedenen Theorien auch die des Nikagoras von Cypern 
beigebracht: der Nil steige im Sommer, weil er in einem Teil der Erde entspringe, 
wo Winter herrsche, wenn wir Sommer haben. Schärfer gefaßt, sagt Aristoteles, 
ergibt dies die Vorstellung, daß die Quellen in der südlichen gemäßigten Zone an- 
zusetzen sind. Und widerlegt wird die Theorie nicht etwa durch den Hinweis auf 
einen Gürtelozean, der dem Strome seinen Weg von der südlichen zur nördlichen 
Halbkugel abschneiden würde, sondern durch die Erwägung, daß der Strom zwischen 
den Wendekreisen eine Zone doppelt so breit wie die gemäßigte durchfließen müßte 
(ein Lauf von solcher Länge war aber schon vorher als mit den Erscheinungen unver- 
träglich abgewiesen worden), und daß dies die »verbrannte Zone« wäre (in der offen- 
bar das Wasser verdampfen würde, anstatt in solcher Fülle zu uns zu kommen). 
Durch dieses Doppelargument ist die Theorie widerlegt. Aber die Widerlegung steht 
mit ihr grundsätzlich auf demselben geographischen Standpunkt. Wir wissen jetzt, 
daß sich in dem Erdbild des Aristoteles eine Festlandmasse ununterbrochen von der 
nördlichen Polarzone bis mindestens in die südliche gemäßigte Zone erstreckt hat. 
Welchen Männern sich Aristoteles in seinen geographischen Theorien an- 
schließt, erfahren wir nicht. Doch dürfte mehr als eine Spur darauf weisen, daß man 
die Richtung durch den Namen Eudoxos einigermaßen bezeichne. Damit soll Eudoxos 
nun durchaus nicht als »Quelle« für Aristoteles hingestellt werden. Aristoteles hat 
gar keine einheitliche »Quelle«, und andrerseits wird sich gar ein Widerspruch zwischen 



') Berger, a. a. 0. 323, sagt ganz richtig, daß dem 
Verhalten des Aristoteles zur Ozeanfrage der 
Schein der Zurückhaltung anhafte. 

') Partsch, Des Aristoteles Buch Ȇber das Steigen 
des Nil«. Der Text in: Aristotelis Fragmenta 
ed. Rose p. 188 sqq. — Diels, Doxogr. 226 sq., 
hielt die Schrift wenigstens für altperipatetisch 
(während er jetzt nach seiner freundlichen Mit- 
teilung Partsch folgt). Ein Argument, das ihm 
gegen die Autorschaft des Aristoteles zu sprechen 
schien, glaube ich entkräften zu können. Wenn 
nämlich der Verfasser von De inundacione Nili 
bei der Polemik gegen Thaies sich genau an 
Herodot anschließt, so muß man daran denken, 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



wie Herodots Polemik gegen die Rundkarten mit 
wörtlichem Anklang bei Aristoteles wiederkehrt 
(s. S. 107, Anm. i u. 2). Ein anderer Anklang 
wird dann auch nicht zufällig sein : Herod. I, 203 
TT(V fih yip'EXXrjVc; va'jTtXXovxat Träaa xal ij e$tu 
3TTj)iu)v [wozu will man 'HpaxX^ujv einfügen ? ] 
^aXalda ^ 'AxXavTi; xaXEOfj^vr) xai ij 'EpuSpr] fxirj 
eoüaa Tuy/avEi. Arist. de caelo 298 a 9 tou; 
'!)7toXafißctvovTa{ ouvaTtTeiv t6v repl Tat 'HpaxXefey? 
HTljKai T^!Tov T(üi Trepi ttjv 'IvSixrjv xal toütov 
tÖv Tprfnov Eivat TTjv öciXaTTav [it'av. Danach 
wird aus dem Verdachtsmoment eher ein 
Argument für aristotelischen Ursprung, wenn es 
nach Partsch dessen noch bedürfte. 



1X8 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 

ihm und Eudoxos auftun. Dennoch scheint es, daß man den großen Mathematiker 
und. Naturforscher in unseren Zusammenhang rücken muß, und es gilt, das wenige, 
was von seinen geographischen Lehren übriggeblieben ist, zum Vergleich heranzu- 
ziehen '). 

Eudoxos hat die Kugelgestalt der Erde gelehrt. Das folgt schon aus allge- 
meinen Erwägungen zwingend genug ^). Es ist aber geradezu überliefert in einer Stelle 
des Aetius (Doxogr. 386), wo die Ansicht des Eudoxos über die Nilschwelle mit- 
geteilt wird. Er erklärte sie unter Berufung auf »die Priester« aus Regengüssen 
und diese aus der »Gegensätzlichkeit der Jahreszeiten« (xatä tt,v ävTiTrspiataaiv 
Tcöv (upüiv) 3) Wenn bei uns unter dem nördlichen Wendekreis Sommer herrsche, 
so hätten die »Gegenwohner « (ä'v-oixot) unter dem südlichen Wendekreis Winter, 
und von dort komme das Überschwemmungswasser des Stromes. Die Hypothese 
— sie ist uns schon in Aristoteles' Buch von der Nilschwelle begegnet 4) — setzt 
ersichtlich die durchgebildete Kugel- und Zonentheorie voraus. 

Wenn nun weiter Aristoteles für die Kleinheit der Erdkugel geltend macht, 
Sterne, die in Ägypten und Cypern sichtbar seien, verschwänden weiter nördlich, 
also etwa in den Breiten Griechenlands, so muß man an die Tatsache erinnern, daß 
die im Altertum berühmteste Beobachtung der Art, den Kanobosstern betreffend, 
eben von Eudoxos ausgegangen war. Bekanntlich hatte Eudoxos den hellen Stern 
in Ägypten kennen gelernt und ihn dann auf seiner Warte über der Stadt Knidos 
eben noch am Horizont wiederfinden können. Poseidonios entsann sich, als er in 
Spanien war, dieser Entdeckung (Strabo H 119). Und ob nicht Aristoteles eben 

•) Daran, daß die Ttj; reptoBos dem berühmten Griechen und Römer I 2, 216 und mit Berufung 
Mathematiker Eudoxos von Knidos gehöre, ist auf Diels, Seneca und Lucan 17 bemerke) in der 
wirkUch (trotz Berger, a.a.O. 242 ff.) kein Sache undenkbar, daß die ausgebildete Erdkugel- 
Zweifel möglich. Das Entscheidende hat Boeckh, und Zonentheorie auf die ägyptischen Priester 
Über die vierjährigen Sonnenkreise der Alten zurückgehe, obgleich auch Diodor I 40 die An- 
15 ff., dargelegt, Daß der große Eudoxos zu den sieht des Eudoxos »einigen Philosophen in Mem- 
bedeutendsten Geographen gehörte und Ver- phis« zuschreibt. Eudoxos scheint sich gern 
fasser einer rf,; r:ep(ooo; war, sagt die auf Era- auf seinen ägj-ptischen Aufenthalt und seinen 
tosthenes zurückgehende Übersicht über die Verkehr mit der Priesterschaft berufen zu haben. 
Entwicklung der geographischen Wissenschaft, Vgl. auch Diog. Laert. VIII 79 über die angeb- 
die in verschiedenen Brechungen bei Strabo I i, lieh aus dem Ägyptischen übersetzten »Hunde- 
Agathemeros I i und im Anfang der Scholien dialoge«. 

zu Dionysios Periegetes vorliegt. Zum T>'pus 4) Was dort dem Nikagoras zugeschrieben wird, 

der Ftj; XEpi'oöo; gehören aber seit dem VI. Jahr- ist nur die grobe Vermutung ohne die wissen- 

hundert sowohl die Kartenkonstruktion im schaftliche Grundlage der Zonentheorie. Diese 

ganzen als auch Länder- und Völkerkunde. Wenn baut erst Aristoteles unter, indem er sie mit den 

Älian Dinge als eudoxisch zitiert, die nichts mit W'orten einleitet: Non plane autem hoc deter- 

Eudoxos zu tun haben können, so kann das die minat. videtur enim nichil negociatus esse circa 

andere Überlieferung nicht verdächtigen. hoc quod dicitur. So aber wie nun die Ansicht des 

^) Forbiger, Handbuch der alten Geographie Nikagoras auf die Höhe einer wissenschaftlichen 

I 112; Berger, Gesch. der wissensch. Erdkunde Hypothese erhoben wird, stimmt sie mit dem, 

247. was von Eudoxos überliefert ist, und man wundert 

3) Ungenau ist die Nachricht im Schol. 477. — sich, diesen bei Aristoteles nicht genannt zu 

Es ist doch wohl (wie ich gegen Ukert, Geogr. d. finden. 



P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. I ig 

dieselbe im Auge hat, darf man wohl fragen ^). Andrerseits ist es zwar nicht über- 
liefert, aber alles eher als unwahrscheinlich, daß schon Eudoxos, der iiaS)7j[jia-:f/ö? 
dvTjp xal ii}(rj[xax«uv Ejxirstpo? xal xXtfia'-cjuv (Strabo IX 390), aus jenem Tatbestand 
denselben Schluß wie Aristoteles gezogen habe, nämlich auf die Kleinheit der Erd- 
kugel. Und daß er sie in der Tat nicht sonderlich groß vorgestellt hat, wird durch 
die nun folgende Erörterung deutlich werden. 

Wir schlössen vorhin, daß Aristoteles die heiße Zone nicht von einem Gürtel- 
ozean durchströmt dachte, sondern daß er die »alte Welt« im wesentlichen richtig 
als eine auf die südliche Halbkugel übergreifende Festlandsmasse sah. Dasselbe 
läßt sich für Eudoxos sehr einfach zeigen. Wir kennen bereits seine Ansicht, der 
Nil entspringe in der südlichen gemäßigten Zone. Also mußte er die heiße Zone durch- 
queren, und Afrika hat sich bei Eudoxos von der nördlichen gemäßigten mindestens 
bis in die südliche gemäßigte Zone erstreckt *). Diese Landverteilung stimmt zu 
Aristoteles und beweist außerdem, wie schon angedeutet, die relative Kleinheit der 
eudoxischen Erdkugel. 

Bei Aristoteles standen zwei Ansichten über die Verteilung von Land und Wasser 
nebeneinander. Die erste legte auf den Globus einen Kontinent von solcher »Länge«, 
daß Westeuropa und Ostasien nur durch ein schmales Meer noch getrennt wurden. 
Die zweite, die sich Aristoteles mehr zu eigen macht, beschränkte die ostwestliche 
Ausdehnung erheblich und ließ sie in der uns allein bekannten Zone vermutlich 
weniger als ein Viertel der Gesamtlänge einnehmen. Dann war an sich Raum für 
ein »Amerika« vorhanden. Doch schien wenig auf eine solche Theorie bei Aristoteles 
hinzuweisen. Eudoxos gibt ein ganz ähnliches Verhältnis, und stellt man die beiden 
Gleichungen nebeneinander: 

Eudoxos 3) Länge : Breite = 2 : i, 

Aristoteles 6:3 (= 2 : i) > Länge : Breite > 5 : 3, 

so wirkt die aristotelische Ansicht fast wie eine Korrektur der eudoxischen, 
und noch in der Abweichung ist die Verwandtschaft unverkennbar. 

Ob Eudoxos sich den übrigen Teil der Oberfläche durch Meer ausgefüllt dachte, 
oder ob er noch andere Landmassen annahm, wissen wir nicht. Worin er aber mit 
Aristoteles stimmt, das sei hier nochmals hervorgehoben. Beide setzen die Erd- 
kugel verhältnismäßig klein an. Aristoteles benutzt als Beweis die Veränderung 
der Meridianhöhen, für welche eben Eudoxos die im ganzen Altertum berühmteste Ent- 
deckung gemacht hatte. Auf dieser Kugel erstreckt sich bei beiden die Landmasse 
Europa, Asien, Afrika aus der nördlichen kalten bis mindestens in die südliche ge- 
mäßigte Zone. Über das Verhältnis von Länge zur Breite unserer Oikumene sind 
zwar die beiden Autoritäten nicht derselben Meinung, aber der Unterschied spricht 
eher für einen Zusammenhang, als daß er ihn ausschlösse. — 

') Es ist kein Beweis, aber doch der Erwähnung Stellen bei Berger, Gesch. d. Erdkunde. 247, 

wert, daß Simplicius z. d. St. (p. 547 Diels) als Anm. 5. 

Beispiel eben den Kanobos anführt. Andere =) Anders Ukert, a. a. 0. 

3) Agathemeros I 2 (Geogr. Gr. min. II 471) EjooSo; oe t6 (ifjxo; oitt^.oOv toü TrXaTO'j;. 



I20 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 



Bei Eudoxos und den Gewährsmännern des Aristoteles finden wir über Piaton 
hinaus die entscheidenden Schritte für die Erkenntnis der Erdoberfläche getan. 
Es ist dieselbe Linie, die später unter den Antoninen von Marinus und Ptolemäus 
fortgesetzt wird '). Auch für diese gibt es eine einzige mächtige Landmasse, die 
sich durch die nördliche und die südliche Halbkugel erstreckt und freilich eine viel 
größere ost-westliche Ausdehnung hat als bei Eudoxos und wenigstens in der einen 
aristotelischen Theorie. Die bekannte Länge betrug nach Marinus 225", während 
Ptolemäus sie auf 180° reduzierte. Wie weit sich das feste Land noch über Sera und 
Kattigara nach Osten hindehnte, darüber enthielten sich jene in Kenntnissen wie 
in Entsagung fortgeschrittenen Forscher jeder Hypothese. 



Welchen Sinn kann letzten Endes diese ganze geschichtliche Betrachtung 
haben ? Es ist nichts Neues, was hier gesagt werden, wird, aber man soll Sic zat xpt? 
Xi-jnv T« -/aXa. 

Wir haben den ersten, tastenden, bald immer festeren Schritten nachgespürt, 
mit denen menschliche Wissenschaft den Boden, auf welchen wir gestellt sind, zu 
erobern trachtete. Die Griechen sind es, die unsere Erde entdeckt haben. Auch 
als Columbus es unternimmt, »pasar a donde nacen las especerias navegando al 
occidente«, folgt er griechischen Gedanken. 

Es ist der Gedanke, der unsere Erde entdeckt hat. Der Gedanke ordnet den 
zufälligen empirischen Stoff, der ohne ihn rohe und wirre Masse bleiben müßte, 
und ergänzt ihn durch die Kraft der Hypothese zu einem sinnvollen Ganzen. Der 
Gedanke und die »vorgefaßte Meinung« fordert dazu auf, Dunkles zu erhellen und 
das Gebiet des Erfahrungswissens zu erweitern. Nur wenn die Leidenschaft des 
Gedankens führt, kann die Entdeckung wahrhaft fruchtbar und wertvoll sein. 

Auch dies ein Beispiel, wie das Zurückgehen auf die geistesgeschichtlichen 
Anfänge und Urphänomene, also auf die Griechen, die Situation klärt und das Urteil 
befreit. Auch dies ein Beitrag zur Frage nach dem Nutzen und Nachteil der Historie 
für das Leben. 

Berlin. PaulFriedländer. 

') Vgl. Berger, Die Stellung des Posidonius zur Erdmessungsfrage, Ber. d. sächs. Gesellsch. d. Wiss. 

1897, 73- 



G. Dehn, Die Statue des Joven Orador in Madrid. 121 

DIE STATUE DES JOVEN ORADOR IN MADRID. 

(Zu Jahrbuch XXVII (1912) S. 199 ff.) 

In den Jahresheften des Österreichischen Instituts Bd. XV S. 279 hat Wilhelm 
Klein meine Stellungnahme zu der Statue des Joven Orador angegriffen. Ich be- 
schränke mich auf folgende Richtigstellung: 

Durch das außerordentlich liebenswürdige Entgegenkommen der Direktion 
des Kgl. Münzkabinetts in Berlin habe ich die bewußte Münze von Anchialos ') 
im Abguß studieren können ^). Es ergab sich dabei sofort, daß ich 3) mich in einem 
Punkt durch die ungenaue Abbildung im Jahrbuch XIII 4) hatte täuschen lassen: 
die Stellung der Beine stimmt entgegen meiner damaligen Behauptung im wesent- 
lichen mit der des Joven Orador überein. Im übrigen kann ich getreu der mir von 
Klein gewidmeten Formel »Dehn kann nicht sehn« ebenso wie Pick 5) und die Be- 
arbeiter der Antiken Münzen Nördgriechenlands Bd. II Thrakien ^) weder die Herme 
noch das darüberliegende Gewandstück erkennen. Und zwar erklärt sich dieses 
Nichtsehen der Herme nicht etwa, wie Klein zu meinen scheint, durch den Mangel 
'>der porträthaften Wiedergabe des Kopfes«, sondern durch die höchst einfache 
Tatsache, daß überhaupt kein Kopf vorhanden ist, und daß die Form der ganzen 
Stütze niemals die einer Herme ist, sondern wohl am richtigsten mit Pick 7) als hohe 
Stele bezeichnet wird. Was nun das »Gewand über der Herme« betrifft, so bleibt 
es Klein vorbehalten, es als vorhanden zu erkennen; der Abguß zeigt auch nicht die 
kleinste Spur davon ^). 

Ist nun auch, worauf ich noch zurückkomme, überhaupt die Münze von ganz 
untergeordneter Bedeutung für das Problem der Madrider Statue, so sei doch noch 
darauf hingewiesen, daß die Gruppierung des Kindes im Verhältnis zur Statue auf 
dem Münzbild völlig abweichend ist von der der Kleinschen Rekonstruktion, die 
sich aus den vorhandenen Resten ergab: Die Vertikalachse des Kinderkörpers liegt 
auf dem Münzbild außerhalb der Stele, während sie bei der Madrider Statue beinahe 
mit der Vertikalachse der Stele zusammenfällt. 

Die Abweichungen des thrakischen Münzbildes bildeten aber nicht den Haupt- 
inhalt meiner Ausführungen im Jahrbuch 1912 (3 Zeilen Text); es wurde hier an 
der Hand von Abbildungen der Beweis erbracht, daß der zugehörige Kopf des Joven 
Orador in Madrid in Zukunft nicht mehr als getreue Kopie eines griechischen Originals, 

') Vgl. Archäol. Jahrb. XXVII 191 2, 200, 5 — 5) Vgl. Anm. 4. 

dazu »die Antiken Münzen Nord-Griechenlands« ') Vgl. Anm. i. 

Bd. II Thrakien Taf. VI 12 S. 223 Nr. 427. 7) a. o. a. 0. 

') Bei der Vorzüglichkeit der Abbildung auf der *) Zu meiner Beruhigung habe ich eine Reihe 

Tafel des thrakischen Münzkorpus (vgl. Anm. i) von Fachgenossen um ihre Meinungsäußerung 

genügt es, auf diese zu verweisen, da sie alles, über diese zwei Punkte gebeten; ich habe niemand 

was der Abguß zu sehen erlaubt, wiedergibt. gefunden, der trotz bester Vergrößerungsgläser 

3) Archäol. Jahrb. 191 2 S. 200. Herme und Gewand auf der Münze zu erkennen 

4) Behrend-Pick S. 173 Taf. X 33. vermochte. 

Jalirbuch des archäologischen Instituts XXIX. lO 



122 G. Dehn, Die Statue des Joven Orador in Madrid. 

sondern als bewußte Umgestaltung eines römischen Künstlers anzusehen ist. Ganz 
abgesehen also von der Frage, ob die Madrider Statue jemals mit einem Kind zu- 
sammengruppiert war oder nicht, müssen wir daran festhalten, daß, solange die 
Zugehörigkeit des Kopfes nicht bezweifelt wird, der Madrider Joven Orador auch 
hinsichtlich der ganzen statuarischen Komposition nicht als getreue Kopie eines 
griechischen Originals gelten darf. Ein Kopist, der sich nicht scheut, bei der Ge- 
staltung des Kopfes die Bildung der Haare einem nicht dahingehörigen Vorbild zu 
entnehmen, kann nicht erwarten, daß wir seiner Treue für die übrige statuarische 
Komposition ohne Einschränkung vertrauen. 

Paris. .. GeorgDehn. 



MIKON UND PAIONIOS. 

Mit Tafel 8—10. 



Die Nereiden des nach ihnen 
benannten Nereidendenkmals 
von Xanthos ') zeigen einen Gc- 
wandstil, der an diesem Werk 
zum erstenmal in der griechischen 
Kunstgeschichte auftritt. Der 
Stoff, der die Gestalten bekleidet, 
preßt sich bei der eiligen Be- 
wegung eng an die Körper, hebt 
sich von ihnen nur in einzelnen 
dickeren Falten ab und bildet 
hinter den Körpern eine reich - 
bewegte Masse (Abb. i — 3). Eins 
der Mädchen 2) ist vor den Ge- 
nossinnen durch einen besonders 
feinen ionischen Chiton ausge- 
zeichnet. Nur über der Brust 
ist der Leib von einer stärkeren 
Stoff masse, dem Überschlag, be- 
deckt. Der Stoff ist als dünnes 
Gewebe dadurch gekennzeichnet, 
daß über die ganze Fläche des 
Gewandes zart modellierte Falten 
und dünne Ritzhnien hinlaufen, 
leicht gewellt und einander oft 
berührend. Der untere Teil des 
Rockes aber weht auch hier in 
großen, geschwungenen Falten 
zurück (Abb. 3). 



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Abb. 



Nereide von Xanthos. 



') Catalogue of sculptures in the British Museum 
11 909 ff., Friederichs -Wolters 987 fE. Mon. 
Inst. X Taf. 1 1 ff. Reinach, Repertoire de la 
statuaire II S. 382 ff. Unsere Abbildungen i — 3 
nach Brunn-Bruckmann 211 — 213 mit gütiger 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



Erlaubnis des Bruckmannschen Verlags. Ebenso 
die später anzuführenden nach Furtwängler- 
Reichhold, Gr. Vasenmalerei und Arndt-Amelung, 
Einzel-Verkauf. 
») Cat. sc. II PI. IV. 



124 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Es ist unmöglich, sich 
diese Darstellung von Peplos 
und Chiton in einen vor der 
Natur gewonnenen Eindruck, 
etwa von besonders dünnen 
Stoffen oder Modellstudien mit 
feuchten Gewändern, unmittel- 
bar zurückzuübersetzen; der 
Akt ist zu aufdringlich betont, 
und die Falten sind zu geflis- 
sentlich vereinfacht. Die Frage 
erhebt sich, wie die Künstler 
zu dieser Stilisierung gekommen 
sind. Die Gewänder ent- 
sprechen weder der Natur des 
Marmors, den man lieber als 
Masse gewahrt sieht, noch dem 
Stil der Bronze; denn solche 
dünnen, lose flatternden Flächen 
im Ton oder Wachs zu model- 
lieren, würde große Schwierig- 
keiten machen und umständ- 
liche Stützvorrichtungen er- 
fordern. Noch weniger befriedigt 
der Gedanke an einen dekora- 
tivcn Geschmack, »der in jede 
Naturbeobachtung sogleich tek- 
tonisch wirkungsvolle Schmuck - 
formen hineinsieht« (^Bulle, 
Schöne Mensch zu Taf. 121/2). 
W. Klein (Kunstgeschichte II 
S. 197) bemerkt dagegen die »malerischen Elemente« in den Nereiden: »Sie machen 
den Eindruck, als ob sie weder in Stein noch in Bronze gedacht, sondern wie aus 
einer Zeichnung in Stein übertragen wären. Namentlich erinnert an einigen die Art 
der Gewandung lebhaft an die tralucida vestis der polygnotischen Frauen und der 
ihnen entsprechenden Gestalten der Vasenmalerei.« Zusammenhang mit der 
Malerei ist auch von einem nahe verwandten Werk, der Nike des Paionios, wegen der 
ganzen Erfindung oft behauptet worden, z. B. von Klein, Kunstgeschichte II S. 191: 
»Unverkennbar ist die Mitwirkung der malerischen Anschauung in diesem die 
Gesetze der Schwere überwindenden plastischen Meisterwerk.« Das Problem der 
fliegenden Menschengestalt ist »von Haus aus malerisch« (Studniczka, Siegesgöttin 
S. 18), und nur mit Mühe wird durch den Adler, die Seevögel und die Delphine der 
körperliche Zusammenhang mit der Basis und die notwendige stoffliche Stützung der 




Abb. 2. Nereide von Xanthos. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



125 



Figuren hergestellt. In der 
Zeichnung dagegen ist es ohne 
weiteres möglich, schwebende 
Gestalten darzustellen. Frei- 
lich bestreitet H. Bulle sowohl 
in diesem besonderen Falle 
(Schöne Mensch zu Taf. 123) 
wie im allgemeinen das Be- 
mühen, Erscheinungen in der 
Plastik aus der Malerei herzu- 
leiten, »die alle Motive für die 
Plastik gewissermaßen erst 
ausprobiert habe« '), und zur 
Nike bemerkt er: »Die Malerei 
dieser Epoche war noch gar 
nicht fähig, eine Bewegung von 
so starker räumlicher Tiefe, ein 
so energisches Vorwärtsdringen 
gegen den Beschauer darzu- 
stellen. Jeder Zug an der Nike 
ist von Anfang an plastisch ge- 
fühlt.« Aber räumliche Tiefe ist 
doch gerade das, was die Lö- 
sung des Paionios noch ver- 
missen läßt, und was erst später 
durch Chiasmus und diagonale 
Komposition erreicht wurde. 
Die Gestalt ist vielmehr recht 
unbeweglich, »der Körper steht 
sozusagen still«*). Kann man 
ferner dies Gewirr der Falten, 

die Schattenwirkung des Mantels, den Gegensatz zwischen nackten und beklei- 
deten Körperteilen, die gewaltsame Behandlung des Marmors »plastisch« nennen? 
Endlich: Die Malerei für alle Erscheinungen in der Plastik verantwortlich zu 
machen, ist wohl nie im Ernst versucht worden. Studniczka (Siegesgöttin S. 17/18) 
zog die bronzenen Nike-Akroterien des Paionios und die parischc Nike 3) heran. 
Er meinte, Paionios habe seine verwegene Komposition erst in Erzguß versucht, 
bevor er sie in den spröden Marmor übertrug, und wie für die Komposition sei die 
parische Figur auch für die Marmorbehandlung eine Vorläuferin des späteren Meister- 
werks. Aber diese Interpretation der Inschrift des Paionios liest zuviel hinein 



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Abb. 3. Nereide von Xanthos. 



') Brunn-Bruckmann, Denkmäler zu Taf. 649 S. 9 

Anm. 17. 
') Sauer, Neue Jahrbb. f. Altert. Wiss. 1912, S. 484. 



3) Siegesgöttin, Taf. VI 32, 33; G. Rösch, Alter- 
tümliche Marmorwerke von Faros Taf. 5 S. 23. 
Reinach, R6p. stat. III 117, 3. 



1 26 B. Schröder, Mikon und Paionios, 



in die einfach stolze Feststellung, daß der Künstler »auch beim Anfertigen der 
Akroterien für den Tempel den Preis erhalten habe«. Über das Aussehen der 
Bronzeakroterien und ihr Verhältnis zur Nike können wir nicht das Mindeste ver- 
muten. Ja, es hält schwer, sich den Stil der Marmornike auch an den Bronze- 
akroterien zu denken, schon wegen der technischen Schwierigkeiten, die er der 
Modellierung in Wachs und dem Guß bereitet haben würde. Die parische Figur aber 
ist im Gewandstil gerade das Gegenteil der Paioniosnike. Ihre schwere und stoff- 
reiche Gewandung drückt sich nur ein wenig an den Körper, und über die Fläche 
des Rocks sind schematische, unten umgebogene Linien gezogen, die zwar aus der 
Malerei wohl bekannt, aber von dem Stil der Paioniosnike ganz verschieden sind '). 

Mit solchen allgemeinen Behauptungen und Erwägungen ist jedoch die Frage nach 
dem Ursprung von Stil und Komposition der Nereiden und der Nike nicht zu erledigen 
und auch ihre Herleitung aus der Malerei weder zu beweisen noch zu bestreiten. Aller- 
dings fehlen malerische Originale und brauchbare Nachrichten, die einen u n- 
mittelbaren Zusammenhang zwischen der Malerei und den statuarischen 
Werken außer Zweifel lassen, doch vermitteln den Zusammenhang die Re- 
liefs, die dieselben Erscheinungen wie die Statuen aufweisen. Die Krieger auf 
den Friesen des xanthischen Denkmals (Mon. Inst. X Taf. XI ff., Reinach, Repertoire 
des Rehefs I S. 473 ff., vgl. Beilage 2) tragen Chitone, die bis über das Knie hinab- 
reichen, in ihrem Stil dem Chiton der Nereide Abb. 2 gleichen und ebenso wie dieser 
zwischen dem Peplos der Nereide Abb. i und dem Chiton der Nereide Abb. 3 
genau die Mitte halten (s. Beilage i). Überall ist der Akt vollkommen sichtbar, und 
darüber liegen feine, langgezogene Faltengrate. Wo diese Grate sich vom Körper 
lösen und über den Grund hin ausstrahlen, gleichen sie vollkommen den Falten 
an den wehenden Röcken, die bei allen Meermädchen in der gleichen Weise 
stilisiert sind. 

Ist nun diese Stilisierung des Stoffes echt plastisch ? 

Wie eine ältere Vorstufe sieht der Chiton auf dem melischen Relief 
mit der trauernden Elektra (Mon. VI Taf. LVII). aus. Auch hier sind über den 
völlig sichtbaren Akt dünne, gewellte Grate gezogen. Auch die geschwungenen Grate 
des bewegten Gewandes über dem sichtbaren Akt sind in den melischen Reliefs vor- 
gebildet *). So wahrscheinlich der Zusammenhang dieser Rehefs mit der Malerei ist, 
zumal bei den schwebenden und schwimmenden Gestalten, so schwierig ist es doch, 
genau stimmende stilistische Parallelen aus der Vasenmalerei zu den allgemeinen 
Übereinstimmungen der gleichen Kunststufe beizubringen. Aber auch, wenn dies ge- 
länge, wäre der Zusammenhang der melischen Reliefs mit den xanthischen Friesen 
nicht erwiesen. 

Doch läßt sich von den xanthischen Reliefs auf geradem 
Wege zu der Malerei gelangen, die der Plastik die Vorbilder geliefert hat. 
Furtwängler hat schon in der Arch. Zeitung 1882 S. 358 auf die Verwandtschaft des 

■) z. B. Arch. Ztg. 1854 Taf. 68. Furtwängler- Taf. XLV. Mon. Inst I Taf. X/XI. Gerhard, 

Reichhold, Gl. Vm. Taf. 26. Mon. Inst. VIII A. V. CLVI. Arch. Ztg. 1883 Taf. 17. 

=) Müller-Wieseler Taf. XIV 52; Schöne, Gr. Reliefs Taf. XXXI 126; Taf. XXXV 135, u. a. m. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 127 



xanthischen Frieses mit den Kompositionen der großen ionischen Wandmalcr des 
5. Jahrhunderts hingewiesen, »von deren Wirksamkeit in Athen wir zufälHg etwas 
wissen, deren sonstige ausgebreitete Tätigkeit wir nur ahnen können, und deren tief 
eingreifendem und umgestaltendem Einfluß auf die ganze attische Kunst nachzu- 
forschen unsere dringende Aufgabe ist. . . . Das Nereidenmonument kann uns in 
etwas den völHgen Verlust jener ionischen Wandbilder ersetzen. . . . Das Nereiden- 
monument ist nicht nach attischen Werken geschaffen, sondern direkt aus der Quelle 
geflossen, welche die athenische Kunst gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts neu be- 
fruchtet hatte« (vgl. Meisterwerke S. 220 Anm. 4). Jetzt läßt sich die damals ausge- 
sprochene Vermutung begründen und der Begriff »ionische Wandmalerei« schärfer 
formulieren. Wir beobachten auf den Friesen eine Menge von Kampfmotiven, die 
hier zum erstenmal in der großen Kunst so massenhaft auftreten und ganz verschieden 
sind von den Typen der archaischen Kunst mit ihren Stichschwertern und steifen 
Lanzenkämpfen. Es ist, als ob in dieser Werkstatt ganz bewußt die unendliche 
Mannigfaltigkeit der Kämpferstellungen auf Formeln gebracht sei, die gleichsam in 
Kombinations- und Permutationsrechnung gefunden sind. Angriff gerade auf den 
Gegner zu, Angriff im Zurückweichen, Vorderansicht und Rückansicht, Vordringen 
und Flucht, Verwundung und Tod, Kampf zu Pferde, zu Fuß, kniend, im Sitzen — 
alle Möglichkeiten scheinen hier ausprobiert, und nur mit Mühe hat die folgende Zeit 
neue, meist künstliche Motive erfinden können. Die hier gegebenen Lösungen sind 
nur in der Eleganz der Linienführung zu verbessern; Verstärkung des Ausdrucks 
führt zu überspreizten Bewegungen, wie z. B. auf dem Kopenhagener Amazonen- 
relief Brunn-Bruckmann Taf. 646 unten und den im Text damit verglichenen 
Werken. Genau auf derselben Stufe wie der xanthische Fries, mit denselben Mo- 
tiven, derselben Härte der Zeichnung, dem großen Maßstab und dem unfreien Aus- 
druck der Gemütsbewegung stehen nun eine Anzahl von Vasen, die die Kämpfe von 
Griechen und Amazonen vor Augen führen. Es sind die Vasen, die sich um das 
schönste Stück der Art, die Münchener Penthesileaschale, gruppieren: i. Oinochoe in 
New York, Bulletin of the MetropoHtan Museum 1906 vol. I Nr. 6; LeMusee III 1906 
S. 57; Sambon, Vases antiques de terre cuite, Collection Canesa 1904, Nr. 234. 
2. Stangenkrater in München, Vasensammlung Nr. 2380. 3. Lekythos in Wien, 
Fairbanks, White Athenian Lekythoi S. 131 Abt. 35 Nr. 19. 4. Amphora aus Nola, 
Pharmakowski, Attische Vasen Taf. XVII. 5. Vase in Palermo, Raffaello Politi, 
Esposizione di sette Vasi Greco-Sicoli-Agrigentini 1832 Taf. II. 6. Krater aus Gela 
in Palermo, F.-R., Gr. Vm. Text zu Taf. 75/6. 7. Krater aus Ruvo inNeapel, F.-R., 
Gr. Vm. Taf. 26, Rein. Rep. II, 276. 8. Münchener Penthesileaschale, F.-R., Gr. Vm. 
Taf. 6. 9. Krater in Bologna, F.-R., Gr. Vm. Taf. 75/6. lO.- — -13. Kratere, Stamnos 
und Stangenkrater in Bologna, [Pellegrini, Atti e Memorie della storia patria delle 
provincie della Romagna XXI 1903 Taf. II, S. 266 und 268. 14. Volutenkrater in 
New York, F.-R., Gr. Vm. Taf. 11 6/7. 15. Glockenkrater in New York, F.-R., Gr. 
Vm. Taf. II 8/9. 16. Nolanische Amphora, Zeichnung in Gerhards Sammlung von 
Vasenbildern, Mappe XXIII, 22. 17. Zannoni, Scavi della Certosa Taf. 91, 5. 
18. Stangenkrater in Genf (unpubl.). 19. Glockenkrater in Neapel, Heydemann, 



128 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 




Abb. 4. Stamnos in Florenz, 



Katalog 1768. 20. Stamnos in Florenz, Museo archeologico Verz. Nr. 1973 (4CX)4) 
(Abb. 4). 

Die Vasen sind in ihrer Erscheinung voneinander recht verschieden; es sind teils 
künstlerisch hochstehende Werke, wie die Penthesileaschale und der Krater in 
Bologna (F.-R. Taf. 75/6), teils ängstliche Handwerkerarbeiten, wie die Neapler 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



129 



Amazonenvase. Auch die Komposition ist nicht überall dieselbe, sondern entweder 
friesartig oder mit landschaftlichen Andeutungen oder in reicher Staffelung angelegt. 
Auch ist der Stil in der oben gegebenen Anordnung von strengen zu freier bewegten 
Gestalten entwickelt. Die Vasen können also nicht von einem Vorbilde abhängig 
sein; sie stehen aber nahezu auf derselben Stilstufe und unterscheiden sich 
deutlich von einer jüngeren Gruppe von Vasen mit Aniazonenkämpfen, die 
etwa der Stilstufe des Amazonenkampfes von Trysa entsprechen, z. B.: i. Krater 
in Bologna, Pellegrini, Atti e memorie .... della Romagna 1903 Taf. III. 2. Mon. 
ant. dei Lincei XVII Taf. 43. 3. Mus. Gregoriano II Taf. XXIV, 2. 4. I. H. St. 
XXIV 1904 Taf. VIII S. 309. 5. Mon. Inst. X Taf. IX, i. Brit. Mus. Cat. E 280. 
6. Mon. Inst. X Taf. IX 2. 7. Mus. Greg. II Taf. XX. 8. Gerhard, A. V. 163, 164, 
165, 3. 4. 9. Mon. ant. XIV Taf. LI. 10. Annali 1867 Taf. F. 11. Luynes Taf. 43. 
12. Mon. Inst. VIII Taf. XLIV; CR. 1866 Taf. 6. 13. Not. degU scavi 1891 S.407/8. 
14. Panofka, Cab. Pourtalcs Taf. 35. 15. Lcbes Stoddart, F.-R., Gr. Vm. Taf. 58. 
16. Inghirami, Vasi fittiU. II, 168; Tischbein II, 10. 17. Tischbein IV, 20. u. a. m. 
Sie sind auch noch durch Einzelheiten in der Tracht verbunden: Die SchuTter- 
spangen der Männer, die eigentümlichen Helmformen (Arch. Jahrb. XXVII 191 2, 
S. 317 ff.), die Musterung der nordischen Jacken und Hosen der Amazonen. Der 
Schluß auf eine Gruppe einander nahestehender Werke als Vorbilder läßt sich nicht 
abweisen. So wie am Nereidendenkmal der große Fries mit der Feldschlacht neben 
der malerisch gehaltenen Stadtbclagerung steht, so mögen auch die Vorbilder der 
Vasenmaler entweder friesartig, wie die Mehrzahl der angeführten Amazonenvasen, 
oder Gemälde auf großen Wandflächen gewesen sein, auf denen die Kampfgruppen 
übereinandergestaffelt waren, sich zum Teil gegenseitig verdeckten oder durch 
Geländelinien abgekürzt waren, wie es der Krater in Bologna (Atti e Memorie della 
Romagna XXXI, Taf. II) nachzuahmen scheint. Zu gleicher Zeit mit der Entstehung 
der Amazonenvasen, in den sechziger Jahren des 5. Jahrhunderts, hat der Meister 
Mikon in Athen Wandmalereien, darunter Amazonenschlachten, ausgeführt. Seine 
Bilder wird man also mit Wahrscheinlichkeit unter den Vorbildern der Amazonen- 
vasen suchen dürfen. 

Ich muß kurz zusammenfassen, was bisher, namentlich von Robert, Furtwängler 
und Hauser hierzu geäußert worden ist: Bezeugt ist von Mikon eine Amazonen- 
schlachtinderPoikile Stoazu Athen(Overbeck, S. 0. 1054, 1081, 1082). Wir wissen aber 
von dem Bilde nur, daß die Amazonen beritten waren. Zweitens wird im Thcseus- 
tempel zu Athen (Overbeck, S. Q. 1086) außer einer Kentauren- undLapithenschlacht 
und dem Abenteuer des Theseus auf dem Meeresgrunde eine Amazonenschlacht erwähnt. 
Von diesen Bildern war das Abenteuer des Theseus, nach einer beiläufigen Äußerung 
des Pausanias, von Mikon gemalt. Man hat durch Konjektur (iv t^ öttjuso)? ispul statt 
iv TÜii Oififjoupü)) und Kombination verschiedener Nachrichten erweisen wollen, daß 
Polygnot vielleicht die andern Bilder, also auch die Amazonenschlacht, gemalt habe. 
Aber diese Schlüsse können nicht als bindend gelten. Mikon kann auch die Amazonen 
im Theseion gemalt haben, sicher waren die in der Stoa von seiner Hand. Deren Stil- 
stufe aber bezeugen uns die angeführten Amazonenvasen, wenn wir die Vasenmalerei 



130 



B. Schröder, Mikon und Paionios, 




Abb. 5. Amphora in München. 



mit ihrem schwarzen Grund in die bunte Erscheinung des Wandbildes zurücküber- 
setzen und das, was den verschiedenen Vasenbildern gemeinsam ist, als Vertre- 
tung der Stilstufe nehmen, auf der auch Mikon gestanden hat. Wir sind hierzu be- 
rechtigt, denn ganz nahe verwandt sind die Vasen, auf denen Nachwirkungen von 
anderen Mikonischen Werken zu erkennen sind. So scheint das Berliner Krater- 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



131 



bfuchstück mit einer Kentauren - 
Schlacht (Arch. Zeitung 1883 Taf. 
17) dem einen Bild im Theseion 
nachgebildet'). Ist aber Mikon 
als dessen Urheber nicht sicher, 
seist doch die Marathonschlacht 
in der Stoa von ihm, und Ein- 
zelheiten daraus sind, wie mir 
scheint sicher, auf einigen streng 
schönen Vasen nachgebildet, die 
den Amazonenvasen gleichen, auf 
denen aber der Stil des Vorbildes 
auch durch verschiedene Maler 
verschieden wiedergegeben wor- 
den ist (Arch. Jahrb. XXVI 191 1 
S. 281 ff.). 

Die Richtigkeit all dieser 
Kombinationen und die nahen 
Beziehungen zwischen den Ama- 
zonenvasen und den Nereiden - 
friesen zugegeben, fragen wir 
nach dem Gewandstil auf den 
Vasen. Wo Chitone vorkom- 
men, sind sie auf eine der Vasen- 
malerei bis dahin fremde Weise ^) 
charakterisiert: mit dünnen, 
flüssigen und leidlich eng ge- 
stellten Linien, die bei einigen 
sorgsam gemalten Exemplaren, den Krateren in Paris (F.-R. Gr. Vm. Taf. 108), 
Neapel (F.-R. Taf. 26/7) und Bologna (F.-R. Taf. 75/6) den Akt durchscheinen 
lassen. Es ist auch in der Vereinfachung durch die Vasenmalerei ersichtlich, 




Abb. 6. Vom Krater von Ruvo in Neapel. 



■) Hauser, Furtw.-Reichh., Gr. Vm. II Text zu 
Taf. loS. 

') Altere und abweichende Beispiele durchsichtigen 
Chitons: i. Als glatte Fläche mit Streumustern: 
Gerhard, A. V. 159. Gardner, Vases in the 
Ashmolean-Museum 318 Taf. 24. In Relief: Ger- 
hard, Etruskische Spiegel Taf. LXXXIX. 2. Mit 
Tremolierstrichen: Euthymides: F.-R., Gr. Vm. 
Taf. 14. De Ridder, Vases peints Bibl. Nat. 
S. 280 Nr. 386, Abb. 57. Amphora in München, 
F.-R. Taf. 33. Pelike in Wien, F.-R. Taf. 72. 
In Relief: Hermes am Fries der »wagenbestei- 
genden Frau«. A. M. XXX 1905 Taf. XII. 

W. Müller, Nacktheit und 



3. Gerade Striche, in Gruppen zusammengefaßt 
oder dicht gestellt. Der untere Rand des Chitons 
ist gezackt, a) Kurzer Chiton : I. H. St. XXX 
1910 PI. II. Gerhard A. V. 234. Luynes 34. 
Millingen Taf. 9 = München, Jahn 227 (Abb. 5). 
Euphronios: F.-R. Taf. 5. Duris: F.-R. Taf. 74. 
De Ridder, Vases peints Bibl. nat. S. 433 Abb. 107 
Nr. 575 = Luynes 141. F.-R. Taf. 86. Nach- 
wirkung; Gerh. A. V. 184. Mon. II Taf. XIV. 
h) Langer Chiton: Gerh. A. V. 168. F.-R. Taf. 
16. Euphronios: F.-R. Taf. 23. Makron: F.-R. 
Taf. 85. Brygos: F.-R. Taf. 50; Hartwig, Msch. 
Taf. XXXIV. Arch. Zeitung 1861 Taf. 150. Vgl. 
Entblößung S. 108 ff. 



172 B- Schröder, Mikon und Paionios. 



daß im Vorbild auf die Körperformen und die eigene Bewegung des Stoffes 
geachtet war. Besonders peinlich ist der Chiton auf dem Ruveser Krater gemalt 
(Abb. 6). Hier hat der mehr fleißige als begabte Maler sich offenbar bemüht, 
eine wegen ihrer Neuheit auffallende Eigentümlichkeit des Vorbildes genau wieder- 
zugeben, nämlich wie der sorgfältig und mit allenEinzelheiten gezeichnete 
Akt unter den dünnen Chitonfalten sichtbar bleibt. Setzt man diesen Stil in eine 
etwas flottere Zeichnung, wie sie die Kratere in Bologna zeigen '), und in die 
Mittel der Wandmalerei um, wie sie ältere weißgrundige Schalen und Vasen verwen- 
den (Riezler, Weißgrundige attische Lekythen S. 65), so ergibt sich genau der 
Gewandstil des großen Frieses am Nereidendenkmal, nur 
daß hier natürlich die Körperformen gerundet erscheinen und die Falten als Grate 
darauf liegen. Man mache umgekehrt die Probe: Strichzeichnungen nach den Relief- 
figuren des Frieses (Mon. d. Inst. X, Taf. 11 — 15) ergeben Figuren, wie wir sie als ge- 
meinsame Vorbilder für den Stil der Vasenmaler erschließen können. Sicher haben die 
Amazonenbilder des Mikon den Friesen noch näher gestanden, als es nach den oben 
angeführten Vasen scheinen könnte. Die Tracht der Griechen auf den Friesen, der 
lange Chiton 2), ist in rotfig. Malerei sonst nur bekannt als Tracht eines Kitharöden 
(Dumont-Chaplain, Les Ceramiques PL XVI), als nordische Tracht des Dionysos 
(Gaz. arch. 1879 pl. 15), eines Thrakers (Ann. 1844 tav. H) und vereinzelt auf einer 
etruskischen Urne 3). Auf den angeführten Amazonenvasen tragen die Griechen 
den attischen kurzen Chiton; nur auf der Florentiner Amazonenvase, Verz. Nr. 1973 
(4004), die wir in Abb. 4 mit gütiger Erlaubnis des Herrn L. A. Milani abbilden, 
trägt der verfolgende Grieche genau denselben langen Chiton wie die Kämpfer auf den 
attischen Friesen. Diese Tracht kann also auf den Wandmalereien keineswegs ge- 
fehlt haben. 

Dieselbe Erscheinung läßt sich auf Vasen beobachten, die den betrachteten 
mikonischen Vasen im Stil der groß und etwas steif gezeichneten Gestalten nahestehen. 
So auf den Volutenkrateren in Bologna (Iliupersis), Mon. X Taf. LIV, XI Taf. 
XIV/XV4), dem Stangenkrater in Bologna (Kentaurenkampf), Pellcgrini, Catalogo 
dei vasi dipinti delle Necropoli Felsinee Nr. 199 Abb. 47, und den Vasen mit Giganten- 
schlachten: a) in Florenz Mus. Etr. 4226, Milani, II r. museo archeol. di Firenze S. 154, 
Athena und Gigant. (Die Seite mit Poseidon und Gigant: Overbeck, Kunst- 
mythologie Taf. XII, 26.) b) Collections I. P. Lambros u. Dattari, Auktionskatalog 
Paris 1912 Taf. XI (Gigant), c) Millingen, Unedited ancient monuments Taf. 49/50 
(ungenau) 5). 

') F.-R. Gr. Vm. 75/6 (Amazonenschlacht); Pelle- denChiton zu zeichnen: Lebes, Mon. Inst ITaf. 

grini, Catalogo dei Vasi dclle Necropoli Fei- 38; Hydria, Noel des Vefgers, L'Etrurie Taf. 39; 

sinee, Nr. 199 Abb. 47 (Kentaurenkampf). Assteasvase mit dem rasenden Herakles Mon. 

») Amelung, P.-W. Chiton S. 2333. Inst VIII Taf. 10. Furtw.-Reichh., Gr. Vm. III 

3) Brunn, Urne etr. I, 69, 2 = Reinach, R^p. des S. 62 Abb. 29. Leroux, Vases grecs de Madrid 
Reliefs III S. 466. Nr. 369. Neben dieser Darstellung des dünnen Chi- 

4) vgl. F.-R. I. S. 133. tons ist um die Mitte des 5. Jahrhs. eine andere 

5) Jüngere Fortsetzungen dieser »mikonischen« Art, Art aufgekommen, die in Malerei den Stofi mit 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



133 



Zu den großfigurigen Vasen gehört ferner die Gigantenvase von Altamura '), 
Hier sehen wir den Chiton zum Teil in einer an Archaisches anknüpfenden Manier 
mit gruppenförmig zusammengefaßten dünnen Strichen und Sternmustern darge- 
stellt, einer Art, die auch auf dem Bologneser Amazonenkrater F.-R. Taf. 75/6 noch 
nachklingt. Aber an den Ärmeln der Hera (Abb. 7) erkennt man deuthch die von 
uns oben erschlossene Art der Chitonzeichnung mit wenigen Strichen über dem 
sichtbaren Akt und ebenso am rechten Ärmel der Athena (Abb. 8) auch im Kleinen 




Abb. 7. Von der Gigantenvase von Altamura. 



Abb. 8. Von der Gigantenvase von Altamura. 



den Faltenschwung, wie er an den Röcken der Frieskämpfer und Nereiden im Großen 
durchgeführt ist. 

Dies Zeugnis ist willkommen, denn sonst ist es nicht leicht, für die fliegen- 
den Röcke genau entsprechende Vorbilder in der Malerei nachzuweisen; wir 
können aber noch verfolgen, wie sich das Motiv allmählich entwickelt hat. Abge- 
sehen von der altertümlichen und lange bewahrten Darstellung des Gewandes als 
einer unbewegten und nur mit Streumuster belebten Fläche *) wird in älterer Malerei 



vielen, lejcht hingeworfenen Strichen über dem 
Akt andeutet und in derPlastik ihre vornehmsten 
Denkmäler in den Parthenongiebeln und dem 
Reiterrelief Albani hat. Hierüber soll später ge- 
handelt werden. 



•) Brit. Mus., Cat. of vases E 469; 6. Hallisches 
Winckelmanns-Programm 1881, Tafel. 

=) Coghill 22; Millingen 35 (Reinach); Annali 1878 
tav. K; A. Z. 1852 Taf. 41. 



134 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



mehr das Hängen und das Ausstrahlen des Rockes über den gespreizten Beinen an- 
gedeutet^). Erst allmähhch wird man des Widerstandes inne, den der Stoff an den 
Beinen findet, und zeichnet die Falten so, daß sie von dem vorderen Kontur des 
vorgestellten Beins zurückfließen*) und sich ebenso an dem rückwärts aufstehenden 
Bein brechen 3). Zu gleicher Zeit befaßt man sich mit dem Motiv, wie der Stoff 
von der Bewegung und dem Widerstände der Luft sich im S-förmigen Schwung 
bläht 4). So ergibt sich der wallende Gewandstil aus der Vereinigung der eben ge- 
sondert betrachteten und lange gesondert verwandten Motive. Die ältesten zeich- 
nerischen Beispiele, durch deren künstlerische Dürftigkeit der große Stil durch- 
schimmert, finden sich auf dem etruskischen Spiegel G. Körte, Etr. Spiegel IV 
Taf. 362, und auf der Silberschale C. R. 1881 Taf. I, 5; die Mänaden auf der Schale 




^m^ 



Abb. 9. Von einem Stamnos in Bologna. 

kommen den Nereiden schon nahe, die laufenden Krieger auf der dazugehörigen Schale 
C. R. 1881 Taf. I, 3, sind den Nachbildungen von Mikons Perserschlacht zu ver- 
gleichen (A. J. XXVI 191 1 S. 281 ff.). 

Die flatternden Mäntel des xanthischen Frieses fehlen auf den Amazonen- 
vasen, denn sie waren dem Vasenmaler unbequem, da er den schwarzen Grund 
brauchte, um die Körper voneinander zu scheiden. Das zeigt sich ganz deutlich noch 



») Ann. 1849 Taf. B; Mon. Inst. IX Taf. XVII. 
Mon. VIII Taf. XV; u.a. 

») Gerhard, A. V. Taf. 180; Mon. IX Taf. XLVI; 
Mon. II Taf. XLVIII; C. R. 1872 Taf. IV. Ann. 
1860 Taf. L, M. Millingen, Coli. Coghill 14/15; 
Ann. 1833 Taf. C; DeRidder, Vases peints de la 
Bibl. Nat. Fig. 120, Nr. 846. 

3) Luynes 30/31, 36; Laborde II 33; Murray, De- 
signs of gr. Vases in the Br. Mus. PI. XIII, 50. 



Zannoni, Gli scavi della CertosaTaf. XXIII. Bu- 
sirispriester. Abb. 9. Mon. ant. XIV S. 914 
Abb. 109 u. a. m. 
4) Mon. III Tav. XXIII; Brit Mus. Cat. Vases E. 
439. Pellegrini, Vasi delle Necropoli Felsinee 
Fig. 69 Nr. 273. Mon. 1856 Taf. XI. Mus. Greg. 
II Taf. LXXXIV. Im Relief früh auf Mün- 
zen von Katana, Brit. Mus. Cat. of coins, 
Sicily S. 41. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. lit 



auf der Xenophantosvase Ant. du Bosph. Cimm. Taf. XLVI, i, auf der die Jäger 
mit fliegenden Mänteln in Relief aufgesetzt sind, während von den gemalten Jägern 
nur einer einen leicht wehenden Mantel, die andern nur den anhegenden Leibrock 
haben. Aber gerade die Mäntel auf dem Fries verraten in ihrer Linienführung die 
Hand, die über die große Wandfläche frei hinwegfahren konnte und diese prachtvollen 
Wellen in großem Schwung auf die Fläche warf. Ganz nahe steht dem Fries die Vase 
Laborde I Taf. XVIII, deren Stil in der Wiedergabe offenbar vom Zeichner verjüngt 
worden ist; hier ist der in großen Wellen nach hinten fliegende Mantel als wirkungs- 
volles Motiv verwendet. Mit dem runden Schwung der Falten kommt der Mantel 
außerhalb Xanthos und gleichzeitig mit den Friesen auf dem Reliefbilde des Reiters 
in Kadyanda vor '), in zeichnerischer Kunst zuerst auf der etwas jüngeren fikoro- 
nischen Ciste, später in allen Kunstgattungen unendlich oft. Wir werden also an- 
nehmen dürfen, daß die geschwungenen Mäntel nicht als alleinige Erfindung dem 
Meister der xanthischen Friese gehörten, sondern in der großen Malerei der Zeit 
vorgebildet waren. 

Wollen wir aus der vereinfachenden Wiedergabe der Vasenmaler den Gewand- 
stil der Wandmaler wieder herstellen, so nehmen wir an, sie hätten den Akt mit 
schwarzen Linien in Umriß und Innenzeichnung ohne Schraffierung oder Schatten- 
gebung auf die Fläche gesetzt und das Gewand in strenger Stilisierung durch lang- 
gezogene Faltenstriche angedeutet: den feinen Chiton mit ganz dünnen Linien, die 
über den sichtbaren Akt gelegt sind, den Pcplos, die Mäntel und die unteren Teile 
der Chitonröcke mit weiter voneinanderstehenden, dickeren Doppelstrichen; die 
fliegenden Mäntel waren vermuthch mit deckender Farbe zugestrichen und die Falten- 
striche in hell oder dunkel darauf gesetzt (vgl. die Penthesilcaschale, F.-R. Gr. Vm. 
Taf. 6). War auch bei den Peplosgestalten das Gewand mit Deckfarbe zugestrichen, 
so konnte der Akt durch die dünne Schicht erkennbar bleiben, wie auf den attischen 
Lekythen und auf den Grabstelen von Pagasai ^), und die Falten auf die gedeckte 
Fläche aufgemalt sein (vgl. die Europaschale F.-R. Gr. Vm. Taf. 114). Ebenso in 
deckender Technik waren wohl auch die gemusterten Kleider der Amazonen, die 
Muskclpanzer (Gr. Vm. Taf. 75/6) und die landschafthchen Einzelheiten, Boden- 
erhöhungen und Pflanzen ausgeführt. Dies scheint mir aber der Stil zu sein, den 
der Fries von Xanthos und seine vorauszusetzende Vorlage zeigt. Wollte der Pla- 
stiker diese Chitone mit ihren anliegenden und frei fliegenden Teilen und diese frei 
flatternden Mäntel meißeln, so mußte er die Grate erhaben über die Körperflächen 
führen; sollten diese in ihrem Umriß deutlich erkennbar sein, mußte der Grund rings 
herum tief gehöhlt werden. Nun wurden die erhöhten Faltengrate auch außerhalb 
des Körpers weitergeführt, so daß sie hier über dem Reliefgrunde doppelt hoch 
heraustraten. So ist der Gewandstil der xanthischen Friese aus der Technik der 
Malerei zu verstehen 3). 

') Benndorf u. Niemann, Reisen im südwestlichen 3) Wenn wir Bewegungsmotive und Gewandbehand- 

Kleinasien I, Taf. 45. lung der Gemälde aus der Zeit des Mikon mit 

') W. Riezler, Weißgrundige attische Lekythen den xanthischen Reliefs vergleichen, so dürfen 

S. 49 f. wir uns bei diesen noch einer Erfindung des Mikon 



136 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



II. 

Nun läßt sich das enge Verhältnis zur Malerei auch bei andern Reliefs feststellen, 
deren Stil in bewegten Gestalten die Art des Nereidendenkmals teilt oder weiterführt. 
Von Reliefs im Stil des 5. Jahrhunderts sind zu nennen: 

I. Steinreliefs: 

Die Sarkophage des Merehi und Payava aus Xanthos, Smith, Cataloguc of 
sc. II Nr. 951 und 950; Reinach, Rep. Reis. I S. 487 f. 

Grabmal in Limyra, Petersen und v. Luschan, Reisen Taf. XV. 
-Das Grabmal von Tics, Benndorf-Niemann, Reisen S. 140 Abb. S. 144. Kampf- 
szenen und Bild einer Stadt, wie am Nereidendenkmal und an dem Grabmal von 
■Pinara (Benndorf-Niemann, Reisen I S. 54). 

Widderopfer aus Larymna, Weihrehef in Chalkis, Arch. Jahrb. XXVIII 1913 
Taf. 27. 

Hermes und Nymphen, Weihrelief in Berlin, Beschreibung der Bildwerke 709 A, 
Brunn-Bruckmann, Denkmäler 548 oben. 

Mänaden, tanzend auf Reliefs in Madrid, Winter, 50. Berliner Winckelmanns- 
"programm S. 97 ff. Arndt -Amelung, E. V. 1683 — 1686, mit einem Stier auf Re- 
liefs in Rom und Florenz nach einem gemeinsamen Vorbild, Amelung, Vatikan II 
Taf. 7 Nr. 94; Br.-Br. 342, b. Reinach, Reis. III S. 384 und 36. 

Der lykische Sarkophag von Sidon (Hamdi-Bey und Reinach, Necropole de 
Sidön Taf. 14—17)- 

Das Kasseler Artemisrelicf aus Athen, M. Bieber, Athen, Mitt. XXXV 1910, 9 ff. 

Grabmal des Dexileos, Conze, Att. Grabreliefs Nr. 11 58. 

Relief eines Apobaten, Svoronos, Das Athener Nationalmuseum Taf. LVI 
Nr. 1391. Reinach, Reis. II S. 421. 

Metopen und Friese von Phigalia (Smith, Brit. Mus. Cat. of sc. I, Nr. 519 ff. 
V. Duhn, Heidelberger Abgüsse 151 — 159), Argos (Waldstein, The Argive Heraeum 1 
S. 144 ff., zum Stil: Furtwängler, Athen. Mitt. 1878 S. 296. Arch. Studien f. Brunn 
S. 90, Anm. III. Berl. phil. Wschr. 1904 S. 817), Trysa (Lit.: v. Duhn, Heidelb. 
Abg. 194 — 202), von der Tholos in Delphi (Rev. de l'Art 1901, 366 ff.), vom 
Erechtheion (Ant. Denkm. II Taf. 31 — 34), vom Tempel der Athena-Nike (Brit. 
Mus. Cat. of sc. I S. 239 ff.) und von der Balustrade beim Tempel der Athena- 
Nike (Kekul6, Die Reliefs an der Balustrade der Athena-Nike; v. Duhn, Heidelb. 
Abg. 191, 192)')- 



erinnern. Die Anekdote von dem Butes, der auf 
einem Bilde Mikons nur am Helm und einem 
Auge erkennbar war und im übrigen hinter einem 
Berge verschwand, wird anschaulich gemacht 
sowohl durch den Volutenkrater in New York 
(F.-R., Gr. Vm. 117), wie durch die Kämpfer, 
die auf dem xanthischen Fries in der belagerten 
Stadt hinter den Zinnen verborgen sind, und 
von denen außer dem Schildrande nichts als 



Auge und Helm zu sehen ist (Six, J. hell. St. 
XIII S. 132), am besten aber durch den Payava- 
sarkophag, der dem Nereidenmonument so nahe 
steht, und auf dessen großer Kampfdarstellung 
am Unterbau ein Krieger angedeutet ist, von 
einem Berg und seinem Schild und Helm bis 
auf sein Auge unsichtbar gemacht (Smith, Brit. 
Mus. Cat. of sc. II Taf. IX). 
') Auch die Ost- und Westmetopen vom Parthenon 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



137 



2. Mctallrcliefs: 

Münzen von Mallos in Kilikien, Studniczka, Die Siegesgöttin, Taf. III Abb. 12. 
Silberrhyton in Triest, Rev. arch. XXXIX (2) 1901, Taf. 16/18; Österr. Jahrh. IV 
1902 Taf. I S. 112 ff. S. 124 ff. Spiegel in Berlin, Studniczka, Siegesgöttin, Taf. II 
Abb. II. 

Überall empfindet man die große Übung und Vorliebe der Künstler, die Linien 
in,schwungvoller Rundung, selbst auf Kosten der Natürlichkeit und Richtigkeit über 
die Fläche zu führen. F. Winter, der dies bei den 
Madrider Mänadenreliefs hervorhebt (50. Winckel- 
manns-Programm S. 121), irrte indessen, wenn er 
hierin nicht so sehr einen Fortschritt in der Zeichen- 
technik als in der Technik der Marmorbehandlung 
sah und die Erfindung eines neuen Werkzeugs, 
des laufenden Bohrers, für den Stil verantwortlich 
machte. Die Zeichnung ist das erste, zunächst 
gegebene. In zeichnerischer Technik hat der Ge- 
wandstil sich herausgebildet, und die Plastik, die 
den Stil übernimmt, schafft sich in dem laufenden 
Bohrer das nötige Werkzeug. Auch beweisen die 
genannten Metallreliefs, daß der Stil nicht an den 
Stein und seine Werkzeuge gebunden ist; daß aber 
Stempelschneidekunst oder Treibarbeit den Stil 
erfunden hätten, wird niemand behaupten. 

Der Fries von Phigalia ist immer mit der 
Malerei in enge Beziehung gesetzt worden. Murray 
(Hist. of gr. Sc. II S. 176) und Kekule (Gr. 
Skulptur^ S. 116) dachten an die polygnotische 
Malerei. »Vielleicht sind wirklich in beiden Teilen 
des Frieses Entlehnungen und Anregungen aus 
Gemälden mit solchen Amazonen- und Kentauren- 
kämpfen verwertet.« Im besonderen zeigt sich die 
vorbereitende Tätigkeit des Malers, der nicht an die 
stoffliche Oberfläche des Steins gebunden ist, in der 

Darstellung des einen gefallenen Kentauren, der mit dem Oberkörper nach vorn gestürzt 
ist und in stärkster, dem Relief nicht angemessener Verkürzung erscheint. Auch ist 
zu beachten, wie auf die Mitwirkung der Farbe gerechnet war, z. B. bei dem Mantel 
der nackten Frau am Idol und bei den übrigen »flach reliefierten Gewandstücken 
um Köpfe und Körper der vermutlich hell davorstehenden Gestalten, und bei denen 
die Phantasie die Farbe sogleich ergänzt.« Von erhaltenen Werken der antiken 
Zeichenkunst ist die etruskische Ciste (Mon. Inst. VI/VII, Taf. LXI, LXII) zu ver- 




Abb. 10. Von einer Hydria in Berlin. 



und die Metopen von Sunion (A. M. IX 1884 Taf. 17 — 19) gehören hierher, doch ist auf ihnen 

zu wenig Gewand erhalten. 



138 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



gleichen, deren untere Friese nach Vorlagen des 5. Jahrh. eingeritzt sind. Der 
unterste, ein Kentaurenfries, zeigt dieselben leidenschafthchen Bewegungen, die 
flatternden Mäntel und die thrakischen Helme wie der Fries von Phigalia. Beziehungen 
der Friese von Trysa zur Malerei sind von Benndorf dargelegt worden; auch für die 
Nikebalustrade lassen sich ähnliche Erscheinungen aus der Malerei aufzeigen, die 
Zeichnungen auf Holz Ant. Bosph. Cimm. LXXIX, 17 und die Vasen I. H. St. 
XV 1895 PI. XV. Dubois-Maisonncuve, Introd. Taf. 33. 'E<p. %. 1897 Taf. 9. 
Stackeiberg, Gräber Taf. 24 und Zannoni, Scavi della Certosa Taf. LXXHI, 15. Das 
Kasseler Artemisrelief (A. M. XXXV 1910 Taf. H) ist mit der Pelike im Britischen 
Museum (ebenda Taf. HI) nicht bloß durch das Motiv verbunden. Die Vase zeigt 




Abb. II. Von einer Pelike in St. Petersburg. 

am Rock der Artemis, wenn auch gleichgültig vereinfacht, noch die Doppelstriche 
der Falten wie auf dem Relief und im Gewand der Nike die Fortentwicklung des 
Stils, die in der Plastik zu den Niken des Balustradenreliefs führte. Den Mänaden 
gleicht die laufende Frau auf der Hydria in Berlin, Furtwängler, Beschr. 2636, 
Gerhard, Ant. Bw. Taf. 44, El. c6t. IV Taf. V. (Abb. 10), einen Nachklang von 
der Art zeigt noch die Vase Ant. Bosph. Cimm. LVI, i (Abb. II). Später führen 
die unteritalischen Vasen, z. B. Mon. Inst. XII, Taf. XV/XVI; Mon. 1854 Taf. 16 
den Stil in verfeinerter, aber schwächerer Weise weiter. 

III. 

Den Xanthischen Friesen schließen sich unmittelbar die Nereiden an, sowohl 
in der gebundenen Bewegung wie im Stil der wehenden Rockfalten. Eine Über- 
tragung des am Relief ausprobierten Stils auf die freie Skulptur war nur eine Frage 
der Kühnheit und bei so reliefmäßig komponierten Gestalten nicht einmal sehr ver- 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



139 



messen. Den nahen Zusammenhang mit der Malerei verraten im besonderen noch 
die Mäntel, die, von beiden Händen gehalten, sich hinter den Nereiden blähen 
und für die Körper einen effektvollen Hintergrund bilden. Für Mäntel als Hinter- 
grund bietet die Vasenmalerei, zumal die Kunst der Schalenmaler, eine Menge 
Beispiele (z. B. großfigurig auf einer Lekythos, nach einem Vorbild der großen 
Wandmalerei Murray, White Athenian Vases pl. VHI; Schalen: Hartwig, Meister- 
schalen S. 284 u. 337), und es bedarf keiner Worte, um zu beweisen, daß die Wirkung 
solcher Mäntel bei dunkler Färbung sich noch erheblich steigert. Die Art aber, 
wie die Nereiden mit den Händen den Mantel halten, daß er sich hinter ihnen bläht, 
kommt auf Vasen selten vor. Vorgebildet erscheint das Motiv bei den Nereiden 
auf dem Halsbild der Neapler Amazonenvase (F.-R., Gr. Vm. 26/7) [mit ihren 




Abb. 12. Von einer Hydria in Athen. 



schmalen Mäntelchen, denen sich aus jüngerer Zeit die schon erwähnte Frau auf der 
Talosvase vergleichen läßt. Besser entspricht den Nereiden eine rotfig. Hydria 
schönen Stils, deren Darstellung, eine Iliupersis, den Zusammenhang mit der großen 
Malerei (vgl. den Krater von Orvieto, Mon. Inst. X. Taf. 54) deutlich zeigt. Abb. 12, 
nach einer Aufnahme, die Herr G. Matthies im athenischen Kunsthandel her- 
gestellt und uns freundlich überlassen hat, zeigt ihren Stil. Die Zeichnung der 
Chitone ist in bequemer Ateliertradition, die der Köpfe und Bewegungen ziemhch frei 
gehalten. Hier faßt Helena den Mantel ganz in der Art der Nereiden, und es 
ist offenbar, wie leicht es die Malerei hatte, solche Mäntel zu malen. Keine 
Technik, die mit bildsamem Stoff arbeitet, konnte darauf verfallen, solche Flächen 
aufzubauen, und nur die Marmortechnik durfte es wagen, sie aus der bestehenden 
Masse herauszuholen. 

Auch für die eigentümliche Art des Chitons der Nereide Abb. 2 lassen sich 
Parallelen in Relief und Malerei nachweisen. Auf der im Stil noch recht strengen 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 12 



140 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



esquilinischcn Reliefstele des Mädchens mit dem Mantel (Bullettino communale IX 
1881 Taf. 14. Br.-Br. 417. Reinach, Reis. III S. 335. Abb. 13) ist die weite Masse 

des Chitons in genau derselben Weise mit 
feinen Ritzlinien bedeckt, und ebenso ist 
auf der im Stil noch sehr gebundenen 
Vase Dumont-Chaplain, Les ceramiques 
PI. XVIII (Abb. 14) das Gewand des 
knienden Priesters über dem sichtbaren 
Akt durch leicht hingeworfene gewellte 
Striche angedeutet. Die Vorstufen er- 
scheinen auf der Berliner Euphronios- 
schale (Hartwig, Meisterschalen Taf. LI), 
der Anesidoraschale (Murray, White Athe- 
nianVasesPl.XIX), derPenthesileaschale 
(F.- R. Gr. Vm. Taf. 6) und der Hermo- 
naxvase in Paris (Phot. Alinari 23701). 
Ein jüngeres Werk mit derselben Ge- 
wanddarstellung ist die Talosvase (F. -R. 
Gr. Vm. Taf. 38/39, Abb. 15); hier ist der 
Chiton der laufenden Frau und ihrHima- 
tion mit den langen, gewellten Strichen 
gezeichnet, die einander zu haschen und 
zu fliehen scheinen. Die Talosvase scheint 
der fikoronischen eiste in der Komposition 
als Gegenstück zu entsprechen, beide 
Werke scheinen also zusammen zu ge- 
hören und auf ein gemeinsames Vorbild 
zurückzugehen, in dem mit Wahrschein- 
lichkeit die Darstellung von Argonauten 
im Dioskurentempel zu Athen, ein Werk 
des Mikon, vermutet worden ist (F. Behn, 
Die ficoronische Cista S. 68 f.). Nach den 
inzwischen gewonnenen Erkenntnissen 
müßte das von der Ciste ziemhch treu, 
von der Talosvase sehr frei nachgebildete 
Vorbild einer späteren Zeit des Meisters 
entstammen, in der sein freier gewordener 
Stil dem seines jüngeren Mitarbeiters Po- 
lygnot so sehr ähnelte, daß sie zusammen 
mit der gemeinsamen Ausmalung eines 
Gebäudes betraut werden konnten. Da das Anakeion nicht sicher datiert ist, steht 
dieser Annahme nichts im Wege. Es ist also denkbar, daß der Maler der Talosvase 
sich auch in der Darstellung des Gewandes an das Mikonische Vorbild angeschlossen hat. 




Abb. 13. Grabstele vom Esquilin. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



141 



Natürlich konnte auch die 
Plastik Unterstützung durch die 
Farbe nicht entbehren. Farbig 
zugedeckt waren vermutlich Mäntel 
und schmückende Einzelheiten. 
Körper und Chitone sind wohl mar- 
morfarbig zu denken. An der Nike 
des Paionios ist der Grund von 
Peplos und Binden für eine pastose 
Färbung gerauht, und an einem 
Zipfel des Überschlags hat sich in 
den Faltentiefen ein wenig Rosa ge- 
halten (Treu, Olympia III, 193). 
Das hat seinen Grund, da die GHed- 
maßen so plastisch vor dem Gewand 
stehen und also auch auf die Fern- 
richtung farbig von ihm unterschie- 
den werden mußten. Es liegt nahe, 
gerade hierin Nachahmung der Malerei 

und der Wirkung hellen Malgrundes vor dunkel gemaltem Peplos und Himation 
anzunehmen. 

Den Nereiden folgt alsdann eine Reihe statuarischer Werke, von denen hier, 
wo es sich um die Entstehung des Stils handelt, nur die älteren genannt seien. 




Abb. 14. Von einer Pelike aus Athen. 




Abb. 15. Von der Talosvase. 



12' 



142 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Die Nike des Paionios, Olympia IIITaf. 46 — 48. Br.-Br.444, 445. Bulle, Schöne 
Mensch Taf. 123. Literatur: von Duhn, Heidelberger Gipsabgüsse Nr. 189. 
Apollon in Kopenhagen, Arndt, La Glyptotheque Ny Carlsberg Taf. 33. 
Apollon in Berlin, Beschr. d. Bildw. 50. 

Apollon im Vatikan (Braccio Nuovo), Amelung, Die Skulpturen des Vatikans I, 
Taf. 7 Nr. 41. 

Apollon im Vatikan (Sala delle Muse), Amelung-Helbig, Führer 263; Savignoni, 
Ausonia II 55/6 Abb. 26. 

Apollon in Morillon bei Genf, E. V. 191 1 — 1913. 

Apollon in München, Furtwängler, Beschr. 
213 a; E. V. 1180/1. 

Artemis in Rom, Jones, Sculptures of the 
MuseoCapitolino, Salone 26, PI. 71; Clarac 573, 
1225. 

Artemis Colonna in Berlin, Beschr. d. 
Bildw. 59; A. J. XXVI 1911, 34 ff. 

Artemis in Dresden, Becker, Augusteum 
Taf. LV (jetzt ohne die Ergänzungen aus- 
gestellt). 

Artemis in München, Fr.-W. 450. Br.-Br. 
562. Furtwängler, Beschr. d. Glyptothek Nr. 
197; Clarac 563, 1246 B. 

Artemis in London, Smith, Cat. sc. 1558; 
Clarac 569, 121 1. 

Athena in Rom, Museo Capitolino, Salone 
36. Jones Taf. 73. 

Eos {}) in Triest, E. V. 579. 
Mänade in Rom, Museo Capitolino, Atrio 
10, Jones a. a. O. PI. 3, lO; Clarac 697, 1642. 
Mädchen in Neapel, flügellose Nike? E. 
V. 765; Le Musee II S. 301. 
Flügellose Nike in Athen, Svoronos, Das Athener Nationalmuseum Taf. XXVII, 
1732; Studniczka, Kaiamis Taf. 5 S. 51. 

Nike in Rom (Kunsthandel), E. V. 1179. 

Die Giebelgruppen von Delos, Bulletin de corr. hell. III 1879 Taf. X — XII. 
Torso in Sevilla E. V. 1831 (Abb. 16). 

Die statuarischen Vorbilder zu den Münzbildern auf antoninischcn Medaillons: 
Apollon: Poole, Cat. Rom. M6d. PI. VIII, i; Gnecchi, Medaglioni Romani II Tai. 
48, 8; Artemis: Fröhner, Les Medaillons Romains S. 50; Gnecchi, ebenda II Taf. 43, 7, 
Roschers Lexikon unter Artemis Sp. 606. Hier Abb. 17 nach Abgüssen, die wir 
den Herren G. F. Hill und K. Regling verdanken. 

Das gemeinsame Kennzeichen dieser Werke besteht wie bei den Reliefs in der 
wehenden Kleidung, die stark stilisiert den Akt absichtlich zeigt, auch sind die Figuren 




Abb. 16. Torso in Sevilla. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



143 



alle außer den Nereiden auf strenge Vorderansicht berechnet und in die Fläche aus- 
gebreitet. Diese Eigentümlichkeiten widersprechen der angenommenen Beziehung 
zur Malerei nicht. Schon bei der Nike des Paionios wurde der geringen räumlichen 
Tiefe und der unvollkommenen Bewegung gedacht, die weniger mit plastischen 
Mitteln wiedergegeben als durch den Faltenschwung vorgetäuscht wird; so haben 
auch die anderen Statuen eher den Anschein einer gehemmten als einer vordringenden 
Bewegung, und doch zeigen sie künstlerisch einen Fortschritt in der Bewältigung 
des Bewegungsproblems über die Nereiden hinaus, die sich mit dem Unterkörper 
zur Seite bewegen und dabei den Rumpf dem Beschauer zukehren. Derselbe Wechsel 
hat sich in der Malerei vollzogen. Die Vereinigung von Vorderansicht des Körpers 
mit Profilstellung der Beine war aus der archaischen Kunst geläufig. Man kann 
noch verfolgen, wie dann die Maler zwischen Profil und Vorderansicht geschwankt 




Abb. 



17- 



Zwei antoninische Medaillons. 



haben; es fragte sich, welches den Vorzug erhalten sollte (vgl. Studniczka, Sieges- 
göttin Taf. III). Einen energischen Vorstoß zur Lösung des Problerns muß die 
Wandmalerei gemacht haben; das lehrt u.a. die reitende Amazone auf dem New Yorker 
Glockenkrater F.-R., Gr. Vm. Taf. 118. Wenn solche auf den Beschauer zukom- 
menden Figuren in der Vasenmalerei selten erscheinen, so mag daran ein Rest von 
Stilgefühl bei den Malern schuld sein, die vielleicht die Fläche des Gefäßes nicht 
noch mehr vergewaltigen und gänzlich aufheben wollten. Sind doch schon stehende 
Figuren in Vorderansicht gegen die Profilfiguren in der Minderzahl. 

Was die in ihren Mitteln noch beschränkte Kunst der Darstellung unbewegt 
schwebender Körper schuldig bleiben mußte, suchte sie durch sinngemäße Behand- 
lung des Gewandes auszugleichen. Zuerst hängt es wie ein Sack herab '). Dann 
wird der Widerstand der Luft 2), der S-förmige Schwung 3) und das Gegen- 

') Brit Mus. E 513; Studniczka, Die Siegesgöttin, 2) C. R. 1874 Taf. VII; Gerhard, A. V. 82; Nouv. 
Taf. III Abb. 26. Ann. 1839 Taf. H. 

3) Benndorf, Griech. u. Sicil. Vasenbilder 47, i. 



144 



B. Schröder, Mikon und PaioDios. 



wehen gegen die Beine beobachtet, deren Kontur und Rundung nun sichtbar wird'). 
Auf der schönen Kanne in Kopenhagen (Sammlung im Prinzenpalais Nr. 73), die 
wir mit gütiger Erlaubnis von Herrn Chr. Blinkenberg auf Taf. 8 abbilden, ist 
der Körper ganz in Vorderansicht wiedergegeben, der Kopf zur Seite gewendet, 
das Gewand von den sichtbar gezeichneten Beinen in starker Wölbung zur Seite 
geweht. Ein Schritt weiter, und der Kopf stünde in Vorderansicht und das Ge- 
wand wäre wie bei der Paioniosnike zu beiden Seiten ausgebreitet. Auch diese For- 
mulierung des Gewandes kommt vor, wenn auch selten, so bei einem der fliegenden 

Figürchen auf dem Astragal des 
Britischen Museums^). Ähn- 
liches ist in der Gestalt der 
schreitenden Mänade Mon. Inst. 
V Taf. XXXV angestrebt: Der 
Akt ist fast ganz sichtbar und 
das Gewand in langen Strichen 
vorgetäuscht; der Rock schlägt 
nach beiden Seiten und deutet 
in stark geschwungenen Linien 
heftige Bewegung an (Abb. 18). 
Diese Proben zeigen, wie 
ernsthaft selbst die Vasenma- 
lerei sich mit den Problemen 
der Bewegung sowohl des Kör- 
pers wie der freien Gewand - 
masse beschäftigt hat, und daß 
sie mit ihren bescheidenen Mit- 
teln Lösungen brachte, die auf 
die große Kunst Rückschlüsse 
erlauben. Daß die große Malerei 
sich in jener Zeit auch um das 
Problem der fliegenden Men- 
schengestalt bemüht hat, lehrt 
die bekannte Nachricht über Aglaophon, den Vater des Polygnots); freilich, wie er 
Bewegung und Gewand seiner Nike wiedergegeben hat, erfahren wir nicht. 

Die Vorstufe zu den vorwärtsschreitenden Statuen erscheint im Relief auf dem 
Grabmal von Limyra (s. oben S. 136). Der Torso in Sevilla E. V. 1831 erinnert mit 
der Entblößung des einen Beins an die Nike des Paionios, mit der Art der Gewand- 
falten an die Berliner Hydria, Abb. 10; er ist zugleich so flach gearbeitet, daß man 
ihn für den Rest eines Reliefs halten könnte; ersteht auf der Grenze, wo Zeichnung 
und Relief einerseits und Rundplastik andererseits ineinander übergehen (Abb. 15). 




Abb. 18. Von einer Schale aus Vulci. 



■) tl c6t. II Taf. CVIII A. Luynes 38. Br. Mus. 
E 144. Nike auf der Talosvase, Arch. Zeitung 
1848 Taf. 24; F.-R., Gr. Vm. Taf. 38/39. 



>) Stackeiberg, Gräber Taf. XXIII; F.-R., Gr. Vm. 

Taf. 136. 
3) Schol. zuAristophanesAv. 573;Overbcck,S.Q.3i5. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



145 



Es ist auch zu beachten, wie leicht später solche auf den Beschauer mit ausgebreiteten 
Gewändern zukommenden Gestalten in Relief erdacht oder aus freier Plastik in Relief 
übersetzt werden konnten. So scheinen die Mänade auf der Pythiasara (Hauser 
Br.-Br. Text zu Taf. 599; S. 13 Fig. 11; Neugebauer, Skopas S. 69; Altmann, Grab- 
altäre Abb. 205 vgl. S. 273) die weibliche Gestalt auf dem Dresdner Schauspieler- 
relief '), und die Vertreterin der Stadt Aegae auf der Basis von Puteoli (Br.-Br. 
575) nach statuarischen Vorbildern der hellenistischen Zeit gearbeitet. Diese Statuen 




Abb. 19. Melisches Relief in Berlin. 



aber zeigen, wenn auch in jüngerer Stilisierung, die von uns behandelten Merkmale 
in Gewand und Bewegung. Man sieht demnach, daß eine Darstellung solcher Ge- 
stalten in flacher Kunst, also auch in der Malerei, möglich ist. 

Ein Wort verdienen noch die Seetiere und Vögel, die bei den schwebenden Ge- 
stalten den tektonischen Zusammenhang mit der Basis herstellen. Auf melischen Re- 
liefs, deren Zusammenhang mit der Malerei schon oben als wahrscheinlich ange- 
nommen wurde, finden sich unter dem Widder, der den Phrixus durch die 
Wellen trägt.'Fische in dem purpurn gemalten Wasser (Abb. 19; Berlin, Antiquarium 
Mise. Inv. Nr. 8417). Die Vasenmalerei läßt mit wenigen Ausnahmen (Fiorelli, 
Vasi Cumani Taf. IX) das Wasser, das die Figuren umspült, weg und malt nur die 

') Schreiber, Hellenistische Reliefbilder Taf. 86; vgl. M. Bieber, Das Dresdner Schauspielerrelief S. 85. 



146 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 




Abb. 20. Aus dem Westgiebel des 
Nereidendenkmals. 



Fische. Höchstens wird das Wasser unterhalb 
der Figur durch ein Wellenband angedeutet, und 
die Fische und Delphine springen durch die 
Luft '). Wie die Vasenmalerei kann auch die 
freiplastische Kunst die Wassermasse nicht dar- 
stellen. Sie deutet daher das Element mit seinen 
Lebewesen an, wie mit den bärtigen Tritonen 
unter den Reitern von Lokri (R. M. 1890 pl. 9; 
Antike Denkmäler I Taf. 50), und bei solcher 
Gewöhnung des Auges und Verstandes konnte 
es geschehen, daß die Nereiden durch Delphine 
und Wassertierc ganz über die Wellen hinaus- 
gehoben wurden oder daß die Vorstellung von 
den über die Wellen hinspringenden Meermäd- 
chen*) auf diese Weise leicht verständlichen 
Ausdruck fand. Ebenso wird auf einem Meli- 
schen Relief durch die getötete Meduse unter 
dem Bellerophon das Fliegen des Rosscs an- 
schaulich gemacht (Müller-Wieseler XIV, 51). In 
der Vasenmalerei werden bei fliegenden Gestalten 
wie Eros noch lange solche Tiere beibehalten, 
obwohl doch nun das Fliegen längst durch die 
Haltung und Bewegung des menschlichen Körpers 
ausgedrückt wird (El. c6t. IV Taf. 50 (Hund), 
Taf. 56 (Gans)). Wenn dann Eros und Nike auf 
diese Tiere Jagd machen, so ist das eine Weiter- 
bildung des hübschen Motivs (El. cer. I Taf. 100, 
IV, Taf. 45). Der Adler unter der Nike des 
Paionios ist also mit älteren und jüngeren Bei- 
spielen zu vergleichen und aus nichts so gut wie 
aus malerischer Technik zu erklären. Dasselbe 
gilt, wenn Furtwänglers Rekonstruktion richtig 
ist, von dem Roß unterhalb der dclischen Gruppe, 
A. Ztg. 1882 p. 339, das nach der Bemerkung 
Homolles B. C. H. 1879 S. 517 noch zur Hälfte 
im Marmorblock steckt und damit, wie es scheint, 
noch ans Relief erinnert. 



') Europa auf Stier: Brit. Mus. F. 184. fil. cer. I 
Taf. XXVII. Helle auf Widder: Tischbein 111,2. 
Nereiden, C. R. 1876 pl. V. Aphrodite auf 
Schwan: fil. cer. IV pl. IV usw. 

') Himerius, Or. 16,2; Kalkmann, A. J. X 1895 S- 57- 



Das Motiv der stehend, auf Delphinen über das 
Wasser hinfahrenden Nereide (Overbeck, Kunst- 
mythologie Taf. VI, 12) ist spätere Erfindung 
und vielleicht aus plastischen Werken von der 
Art der xanthischen Nereiden entstanden. 



B. Schröder, Mikon und Faionios. 



14; 



IV. 

Vom Relief aus gelangen wir auch zu den ruhig stehenden Gestal- 
ten, bei denen naturgemäß das Motiv der wehenden Kleidung wegfällt, der 
Stoff aber doch eng am Körper anliegt, so daß sich die Verwandtschaft mit den 
oben aufgeführten Werken ergibt. Im 
Relief des Giebels vom Nereidenmo- 
nument ist ein stehender Jüngling im 
kurzen Chiton dargestellt (Abb. 20). 
Das Gewand folgt nicht dem Gesetz 
der Schwere, wie es beim ruhigen 
Stehen der Fall sein müßte; vielmehr 
schmiegt es sich eng an den Körper 
an, dessen Formen von den ge- 
schwungenen Faltenlinien umschrieben 
werden. In ganz ähnlicher Weise ist 
das Gewand am Oberkörper der neben 
ihm thronenden Frau behandelt. Zu- 
mal bei dem Jüngling ist das zeichne- 
rische Element noch deutlich fühlbar; 
auch hier setzen sich die Falten für 
das nachschaffende Gefühl nicht in 
Meißelarbeit um, sondern in Striche, 
die die Hand mit dem Stift oder Pinsel 
gezogen hat. 

Hieran schließen sich unmittel- 
bar die Triester Nike E. V. 579 und 
einige Werke der Kleinplastik: 

In der Bronzestatuette des Anti- 
quariums zu Berlin'), die wir auf 
Taf. 9 abbilden, steht der Jüng- 
ling mit leicht zurückgesetztem Bein 
aufrecht, die Linke ist gesenkt, die 
Rechte in Schulterhöhe gehoben und 
mit der Fläche nach unten gekehrt. 
Der Kopf ist leicht nach rechts ab- 
wärts gesenkt, das reiche, gewellte Haar 
wird von einem Bande zusammen- 
gehalten, unter das auch die hochgekämmten Nackenhaare gesteckt sind. Unter- 
leib und Oberschenkel bedeckt ein dünner Chiton, der von zwei gedrehten Trag- 
bändern über den Schultern gehalten wird 2). 




Dionysos im Louvre. 



') Mise. Inv. 7308, H. 20 cm. in Smyrna erworben; 
angeblich in Adrianopel gefunden. Arch. Anz. 
1901 S. 229; Arch. Zeitung 1879 S. 104. 



^) Zu dieser Tracht s. den Torso der Kyrene im 
Brit. Museum Cat. of sc. II Nr. 1472 (Rein. Rep. 
stat. II 317, 10); die Wiener Statuette der Ata- 



148 



6. Schröder, Mikon und Paionios. 



Die rechte Hand ist innen roh bearbeitet; ob sie einstmals auf einem Gegen- 
stande aufgeruht hat, ist nicht zu erkennen und kaum wahrscheinhch; ähnhch ist 
die Stellung von Arm und Hand bei der Kalathiskostänzerin, Vente Greau pl. 95, 
Reinach, R6p. stat. IV 242, 9, hat hier aber sicher eine andere Bedeutung. Die hohen 
Stiefel geben der Gestalt Ähnlichkeit mit Dionysos, die Chitontracht mutet ungrie- 
chisch oder wenigstens fremdartig an, der Fundort Adrianopel leitet die Vor- 
stellung unwillkürlich zu thrakischen Gottheiten; an einen der jugendlichen Teil- 




Abb. 22. Amazone in Neapel. 

nehmer am Dionysischen Thiasos oder an Gestalten wie Zalmoxis möchte man 
denken »). Das Gewand zeigt in geistvoll andeutender Mache den Charakter 



lante, Arch. Anz. 1892 S. 51; Wiener Jahrbücher 
XII I S. 81 (Rein., Kip. II 315, 8); die Artemis 
Babelon-Blanchet,' Bronzes de la Biblioth^que 
Nationale 128 (Rein, R^p. stat. II 316, 1); die 
Karyatide R. M. 1897 S. 130, 7 (Rein., R^p. stat 
II 425, 7); Torso vom Fries des Athenatempels 
in Priene. Wiegand-Schrader, Priene S. 115 
Abb. 87; Relief der Artemis aus Oberctschdorf 



Rein., R^p. Reliefs III 528, 6; Amazonen auf 
der Vase Tischbein, II pl. 8 und der etruskischen 
Urne Brunn, Urne Etrusche I 67, i; Rein, R^p. 
Reis. III 445; Virtus auf dem Hippolytos-Sarko- 
phag Robert, Die ant. Sarkophagreliefs Taf. 
LII/LIII. 
') Tomascheck, Wiener Akademie, Sitzungsberichte 

1894 s. 37 a 



B. Schröder, Mikon und Paionios, 



149 



dünnen Stoffes, der die Körperformen nur schwach verhüllt. Der Akt ist mit allen 
Einzelheiten dadurch sichtbar gemacht, daß aus der Masse des Wachsmodells Teile 
wieder entfernt wurden, also ganz entsprechend der Arbeit am Marmorklotz; hier am 
kleinen Objekt ist die Bewegung der Hand noch herauszufühlen: es war eine strei- 
chende Bewegung, ganz anders als das Hämmern oder Bohren am Steinklotz, anders 
auch als das Auftragen und Glätten größerer Gewandfalten: es ist ein Strichziehen, 
das wiederum die Bewegung der 
zeichnenden Hand in die Er- 
innerung ruft. Die Stellung, Form 
der Stiefel, die Art, wie das Haar 
im Nacken hochgekämmt ist, Bil- 
dung des Nackten an der Brust und 
im Gesicht, namentlich an den 
Augen, rücken die Statuette neben 
die Bronzefigur eines Dionysos im 
Louvre (Mon. Piot I Taf. 15/16; 
Studniczka, Kaiamis Taf. 7 a; De 
Ridder, Les Bronzes antiques du 
Louvre Taf. 17 Nr. 154), deren Stil- 
bestimmung zwischen peloponne- 
sischer und attisch-ionischer Kunst 
schwankt (Studniczka, Kaiamis 
S. 80). Auch die »quattrocen- 
tistisch -eckige Grazie des geknickten 
Handgelenks« läßt sich an beiden 
Werken vergleichen (Abb. 21). 
Starke Ähnlichkeit mit der Gesichts- 
bildung der Neapler Amazone (E.V. 
772/3) glaube auch ich zu er- 
kennen, deren Gewandstil, wie mir 
scheint, dem Vorbild des New 
Yorker Volutenkraters (F.-R. Gr. 
Vm.Taf. 116) vollkommen geglichen 
haben muß (Abb. 22). Die Ama- 
zone rechts in der Hauptgruppe neben dem Felsen (Abb. 23) mit ihrem halbgelösten 
Chiton, den tütenförmigen Falten des unteren Teils und den Hängefalten dazwischen 
scheint mir in den wesentlichsten Zügen vergleichbar, sowie das Pferd der Neapler 
Statuette den Pferden auf dem Krater gleicht, zumal denen der Rückseite (F.-R. 
Taf. 117) mit ihren aufgewehten Stirnschöpfen. Also auch von dieser Seite gelangen 
wir wieder in den Kunstkreis, von dem wir ausgingen. 

Ein Werk derselben Hand und gleichen Stils ist die Bronzestatuette im Louvre, 
De Ridder, Les Bronzes antiques du Louvre Taf. 19 Nr. 185; Reinach, Rep. stat. 
II, 504, 8, hier Abb. 24 nach einer Aufnahme, die wir Herrn A. de Riddcrs gütiger 




Abb. 23. Von einem Volutenkrater in New York. 



ISO 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Vermittlung verdanken: ein Jüngling in gegürtetem Chiton, Chlamys über dem 1. Arm 
und hohen Stiefeln, mit der Rechten, zu der das Haupt sich neigt, libierend. 
Der dünne Chiton über dem fast ganz sichtbaren Akt zeigt dieselben Eigenschaften 
wie der an der Berliner Statuette; auch die Chlamys ist in wenig stofflicher Weise 




Abb. 24. Statuette im Louvre. 



gegeben; das Spiel der Falten ist in zwei Gruppen, die senkrecht hängenden und die 
schräg über den Arm weglaufenden, aufgeteilt. Ob ein jugendlicher Gott oder Sterb- 
licher gemeint ist, läßt sich schwer sagen. Das Stück verrät auch kein ethnogra- 
phisches Merkmal, außer den hohen nordischen Stiefeln. Auch die Statuette 
Nr. 488 des Louvre (De Ridder Taf. 37, aus Macedonien) gehört anscheinend in 
diesen Kreis. Sie ist der Pariser Bronze 154 und der Berliner durch den Akt, Kopf 



B. Schröder, Mikon und Paionios. jC} 

und die Bildung des Haares, der Pariser Bronze 185 durch den Akt nah verwandt. 
Auch hier wieder ein jugendHcher dionysischer Gott und ein nordgriechischer Fundort. 

Hierher gehört ferner als Werk des 5. Jahrhs. eine Tonstatuette der Artemis 
(Taf. 9 a), die mit der Sammlung von Gans ins Berliner Antiquarium gelangt ist (Invcn- 
tar7678), eine gutcReplik des Typus Winter, Typenkatalog H 163,2 (Berlin, Inv.8543, 
aus Phokis). Die Göttin steht aufrecht, ganz leicht zur Unken Seite geneigt, wohin 
auch der Kopf blickt; die Rechte umspannt in gefälliger Haltung die beiden Speere, 
die Linke ist in den Rücken gestemmt und rafft den Mantel, dessen Spange auf der 
linken Schulter ruht. Quer um den Leib ist ein Fell gelegt und straff festgebunden^ 
nach einer Mode, die um die Mitte des 5. Jahrhs. weitere Verbreitung gewinnt '). 
Der mit einem Tuch umwundene Kopf zeigt gescheiteltes und leicht gewelltes Haar 
und im Antlitz groß aufgefaßte, breitflächige Formen von ernstem Ausdruck, die 
an den Hertzschen Kopf und die Köpfe des Frieses vonPhigalia erinnern. Der Figur 
ist an ihrer schwachen Stelle, hinter den mit Endromides bekleideten Füßen eine 
ästhetisch günstig wirkende Stütze in dem liegenden Hunde gegeben. Das Ganze 
ist bis auf die allzu kurzen Unterschenkel von solcher Mächtigkeit, daß es im kleinen 
Maßstab ein statuarisches Werk wiederzugeben scheint. Die Stiefel, das umgürtete 
Fell sowie der über die Knie reichende Chiton erinnern an Dionysos und an die 
thrakischc Bendis, mit der diese Artemis auch in der Führung zweier Lanzen über- 
einstimmt. Zwar liegt das Himation in so reizvoll - zufälligen Falten^ daß man 
hier an eine naturalistische Studie nach dem Modell denken möchte. Auch das Fell, 
mit dem schief sitzenden Kopfe mutet als Nachahmung der Wirklichkeit an. Aber 
der Chiton, der bis über die Knie hinabreicht, liegt so eng am Körper an, und die Falten 
der Grate sind so unstofflich und zeichnerisch langgezogen, daß auch hier wiederum 
nicht die Umsetzung der natürlichen Erscheinung, sondern die Übung eines 
Ateliers anzunehmen ist. 

So denken wir uns ferner mit Hilfe des Hegesoreliefs (Conze, Die attischen Grab- 
reliefs Nr. 68, Taf. 30) und rotfiguriger Vasen wie Mon. Inst. 1854 Taf. XVI (Dienerin), 
Tischbein, Vases Hamilton II, 25 (Nike) und Gerhard, Ant. Bildw. 59; F.-R. Taf. 59 
(Phaonkrater), die sogenannte Genetrix und ihre Verwandten ^) nicht in Bronze 
(S. Reinach, Rev. arch. 1900 S. 386), sondern in Zeichnungen zurück, auf denen der 
Akt im Umriß gegeben und das Gewand nur durch einzelne dünne Faltenstriche an- 
gedeutet war. 

Einige Verwandte der Genetrix, Aphrodite Colonna (E.V. I132), Lazzaroni 
(E. V. 1169), mit ihren Repliken Valentini und Odescalchi (Furtw., M. W. S. 653 f., 
E. V. 2061), die verschollene Statue Altemps, Clarac 410 H, 827 D (Watzinger, Ö. J. 
1914), die Aphrodite im Kapitohnischen Museum (Jones, Katalog Taf. 23; Clarac 609, 
1350) und die Torse im Akropolis-Museum, E. V. 1286 und 1287, setzen diese Art des 



Hartwig, Bendis S. 8. Arndt. La Glyptotheque Sauerlandt, Gr. Bildwerke 66. Statuette in Neape 

Ny Carlsberg zu Taf. 88. E. V. 498; Statue Albani E. V. 1106. Statue 

') Lit bei v. Duhn, Heidelb. Gipsabgüsse Nr. 190; in Wien (Modena), A. ep. M. Ö. III Taf. i. Statue 

besonders: Statue im Thermenmuseum, Br.-Br. in Rom (Colonna) E. V. 1 132/3. Torso inMantua 

474, Amelung, Moderner Cicerone I S. 458, Ausonia III 1909 S. 100 ß. 



I £2 B. Schröder, Mikon und Paionios. 



»feuchten« Chitons in reicherer Ausführung fort. Über die Beziehungen der Aphro- 
dite Lazzaroni zum Rehef (Basis von Rhamnus, Erechtheion und GrabreHefs) 
s. Amelung zu E.V. 1 169. Von Vasenmalereien sind z. B. Panofka, Cabinet Pourteles 
Taf. 16, Mon. Inst. V Tai. XXIII, Ann. 1868 Taf. L, M, unmittelbar zu vergleichen. 
Daß dieselbe Stilisierung in Ton (Winter, Typenkatalog II 198, i und 199, 2) und 
Bronze (z. B. Br. Mus., Bronzes 311) wiederkehrt, beweist nur, wie sich die 
verschiedenen Techniken der Kleinkunst der bequemen Stilisierung bemächtigen. 
Von den jüngeren Verwandten der Genetrix haben die Aphroditen Colonna 
(E. V. I132) und Lazzaroni (E. V. I169), die im Kapitohnischen Museum (Clarac 609, 
1350), aus der Sammlung Altemps (Clarac 410 H, 827 D) und der Torso in Athen 
(E. V. 1287) zu dem dünnen Chiton das umgelegte Himation. An den 
beiden zuerst genannten Aphroditen, denen sich die Statue Doria Pamfili (R. M. 
XVI 1901, Taf. I) und in weiterer Entfernung die Aphrodite aus Epidauros sowie, 
von attischen Stilelementen beeinflußt, die Hera Borghese mit ihren Verwandten 
(Arndt, La Glyptotheque Ny Carlsberg pl. 56 ff.) anschließen, ist das Himation 
ganz erhalten, und zwar in einer Stilisierung, die in seiner gleichsam feuchten Er- 
scheinung der Natur widerspricht. Auch dies ist in der Malerei vorgebildet, sehen wir 
doch nicht selten auch in der Vasenmalerei den Akt unter dem Himation ganz oder 
teilweise durchgeführt'), und auch im Relief wenigstens angedeutet, so in der 
Alxenorstele und am Nereidenmonument bei den Männern vor dem Satrapen. Es 
braucht aber die Durchsichtigkeit des Stoffes nicht notwendig vorhanden zu sein. 
Auch ruhig stehende Figuren mit hängendem Gewand, wie die Karyatiden von der 
Via Appia *) und in Kairo 3), sind nun in ihrer unwirklichen Gewandbehandlung, 
die schon an die Artemis Colonna hat denken lassen (Bulle R. M. IX 1894 S. 159, 
Arch. Jahrb. XXVI 191 1 S. 36), verständlich. 

Hier reiht sich eine Peplosstatue an 4), die durch eine Einzelheit, die rund 
ohne herabfallende Falten gebildete Brust, mit dem Phigaliafriese und Malereien wie 
Mon. Inst. IX Taf . VI verbunden ist und in andern Teilen, wie dem von eng anliegendem 
Stoff bekleideten linken Bein, der Genetrix ähnelt. Die geraden Steilfalten am 
rechten Bein können ebensowohl einer plastischen Auffassung, wie an den bronzenen 
Peplosfiguren 5) , wie einer malerisch reliefmäßigen Formulierung, wie z. B. an der 
Pcnelope des Frieses von Trysa, entstammen. Sichtbarkeit des Aktes unter dem 
Peplos erscheint in der Vasenmalerei auf Lekythen sehr oft, indem der Peplos ton- 
grundig gezeichnet wird oder der Akt durch die dünne Lasur des Gewandes durch- 
scheint oder gar der Körperkontur mit Weiß auf die Deckfarbe aufgesetzt wird. 
So darf mit Furtwängler auch die Athena von Leptis *) in diesen Kreis gezogen 
werden, an der die Falten um das rechte Bein sich den gewöhnlichen, rein pla- 

i) F.-R., Gr. Vm. Taf . 54 (Duris), Taf. 71 (Hydria), sculpture Nr. 27 449 ; Reinach, R^p.stat. IV 139, 1. 

III S. 20 (Peithinos); fil. cer. II Taf. XVI; 4) Furtwängler, Griech. Originalstatuen in Venedig 

Riezler, Weißgrundige attische Lekythen Taf. 36. S. 25 Taf. IV, 2; Clarac 640, 1450. 

») Bulle, R. M. IX 1894 S. I59ff. ; Clarac.444, 814B; 5) Wiegand, 71. Berliner Winckelraannsprogramm. 

Fr.-W. 1557. S) Furtwängler, Gr. Originalstatuen in Venedig S. 6. 

3) Edgar, Catal. g^nöral du Mus^e du Cairc, Grcek Bulle, Schöne Mensch Abb. 166/7. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



153 



stischen Gewohnheiten nicht fügen wollen. Die Zeichnung ist auch hier als Vorbild 
ohne Mühe zu erschließen. Endlich fällt an einer Phidiasischen Peplosfigur im 
Kapitolinischen Museum (Atrio 4, Jones, Sculptures of the Museo Capitolino S. 27 
Taf. 3) die Einzelheit auf, wie am hnken Bein im Gegensatz zu der ganzen übrigen 
Gestalt das Gewand anklebt und in großen Schwungfalten zurückweht. Es genügt 
nicht, hier Einfluß der Paioniosschule festzustellen (Amelung, R. M. XVI 1901 S. 30). 
Wie solche Falten entstehen konnten, wird sogleich klar, wenn man ein Vasenbild ' 




Abb. 25. Krieger in Florenz. 



wie Benndorf, Gr. u. siz. Vbb. XV vergleicht. Die Falte am linken Bein der stehenden 
Frau ist mit einem frechen Pinselhieb gemalt. Ein Vorbild derselben Art ist an der 
kapitolinischen Statue in Stein übertragen. 

Wenigstens in einem Augenblick der Ruhe zwischen heftigen Kampfbe- 
wegungen befindet sich der Krieger in Florenz, Gori, Mus. Flor. Bd. III 
Taf. LXXVII, Clarac 850, 2155, Dütschcke, III Nr. 239 (Abb. 25): im Lauf nieder- 
kniend, mit dem Muskelpanzer und bis zu den Knien reichendem Chiton, die Füße 
in Schnürsandalen und um die Brust den Schwertriemen. Zu den hängenden Falten 
des Chitons sind am Nereidenmonument bei der stärkeren Bewegung der Gestalten 
zufällig keine genauen Parallelen; aber die Bildung der Falten mit Graten und flachen 
Tälern ist genau dieselbe wie dort. Der Reiter auf der Grabvase Fr. -W. 1080, 



I e^ B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Conze Taf. 218/9, Nr. 1073, ist ein weiteres Beispiel für diese Bildung im Relief; 
für die Muskelpanzer mit Chiton geben das Nereidenmonument, der Fries von Phigalia 
(Reinach, Reis. I S. 221, 5), und die genannte Grabvase, aus der Vasenmalerei der 
Amazonenkrater von Bologna F.-R. 75/6 und der Dionysos C. R. 1867 Taf. IV Bei- 
spiele genug. Zur Stellung vgl. die knienden Krieger auf dem Bologneser Krater 
und im Westgiebel des Nereidenmonuments (Reinach, Reis. I S. 486, 2). 



Die Datierung des Nereidendenkmals stand bisher nicht fest. Der Name des 
darin beigesetzten Herrschers ist uns durch keine Inschrift gegeben, die belagerte 
Stadt auf dem kleinen Fries läßt sich nicht identifizieren, denn über Ereignisse dieser 
Art schweigen unsere für die lykische Geschichte sehr dürftigen Quellen. Den einzigen 
Anhalt bieten der Stil und die verwandten Denkmäler. In die letzten Jahrzehnte 
des 5. Jahrhs. wollte es Benndorf setzen (Das Heroon S. 231 ff., 243). So auch Treu 
(Olympia III S. 191). Unsicher war noch Amelung (R. M. IX 1894 S. 196 Anm. i), 
der die Zeit etwa zwischen 440 und 420 vorschlug. Furtwängler (Meisterwerke 220 
Anm. 4) setzte das Denkmal »höher ins 5. Jahrh., kaum nach 440« und in die Nähe 
der Parthenonmetopen. Bulle betonte die altertümlichen Züge bei den Nereiden und 
das Gebundene, Unfreie in ihrer Bewegung (Schöne Mensch zu Taf. 121) und wollte 
die Datierung bis vor 450 hinaufgeschoben wissen. Diese Datierung läßt sich durch 
andere Denkmäler stützen, vor allem durch die Beziehung der Friese zu den Ama- 
zonenvasen, die nach den bisher erworbenen Kenntnissen über die Chronologie der 
attischen Vasenmalerei in die sechziger Jahre des 5. Jahrhs. fallen müssen und mit 
der Chronologie des Mikon, soweit wir sie erschließen können, zusammengehen. Seine 
datierbare Tätigkeit ist bezeugt für das Theseion, das man nicht allzuweit von der 
Überführung der Gebeine desThescus nach Athen (a. 474 v. Chr.) entfernen wird, und 
für die Poikile Stoa, die noch in die Zeit des kimonischen Regiments fallen muß, also 
vor 460. Auch die Inschrift aus Olympia, die den Mikon als Bildhauer nennt, zeigt 
altertümliche, ionische Schrift, und wenn Furtwängler (Sammlung Somzee Taf. I ff.) 
mit Recht den schönen Athleten der Sammlung Somz6e mit der Basis von Olympia 
verbindet, so würde auch sein Stil der Ansetzung in die sechziger Jahre entsprechen. 
Man hat sich gewöhnt, zwischen der Malerei und der Verwertung ihrer Erfindungen 
durch die Plastik einen gewissen Zwischenraum anzunehmen. Doch ist zu bedenken, 
daß dem Besteller eines so prunkvollen Grabbaues, wie das Nereidendenkmal war, 
gewiß nur die neueste Mode gut genug war. So meine ich, kommen wir mit der Da- 
tierung in der Tat vor die Mitte des 5. Jahrhs. Für die Chitonzeichnung der Nereide 
Abb. 3 wurde die Stele vom Esquilin (Bull. comm. IX 1881, Taf. 14) verglichen. An 
ihr ist das Nackenhaar auffällig streng stilisiert, ein Zeichen, wie hoch die Datierung 
dieser Chitonzeichnung hinaufgehen darf. 

Können wir die Nereiden datieren, muß ihr in kurzem Abstand die Nike folgen, 
um deren Datierung bekanntlich zwei Termine, 425 ') und gegen 450 v. Chr., 

') Dafür zuletzt Hauser, Österr. Jahresh. XVII 1914 S. 77. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. ice 



streiten. Der strenge Stil des Gewandes, die gerade Haltung des Körpers, die ge- 
bundenen Formen des Hertzschen Kopfes, des nächsten Verwandten der Nike 
(Amelung, R. M. IX 1894, 162 ff.) mußten es »weitaus glaublicher erscheinen lassen, 
daß sie bereits um die Mitte des 5. Jahrhs. entstanden ist« (Bulle, Schöne Mensch 
zu Taf. 123). Diese Datierung findet eine Stütze in der strengen Haltung und 
Haartracht des ApoUon Ince, den Sauer mit Glück der Paioniosnike an die Seite 
gesetzt hat (Arch. Jahrb. XXI 1906, 175/6). Dazu passen die andern Werke der 
Schule, zu deren Datierung wir Hilfsmittel außer dem Gewandstil haben. So scheint 
es mir sicher, daß die Artemis Colonna mit ihrem noch recht strengen Haupte ziem- 
lich hoch ins 5. Jahrb., etwa die 40er oder 30er Jahre, zu setzen ist. Daran reiht 
sich der Tempel von Phigalia, der während des peloponnesischen Krieges geweiht 
worden ist, das Heraion von Argos, gebaut nach 423 (Waldstein, The Argive Hcraeum 
I S. 118), und die Nikebalustrade, spätestens 410 geweiht (Furtwängler, Meister- 
werke 222; Gricch. Originalstatuen 28; Keil, Anonymus Argentinensis 324). Die 
späte Datierung der Hegeso und des Dexileos, die sich aus der Anlage des Fried- 
hofs und der Dexileos-Inschrift ergibt (Brückner, Friedhof am Eridanos S. 106 und 
59), kann nicht für den Stil zutreffen. Die Steine müssen älter oder nach älteren 
Vorlagen gearbeitet sein. Die Sirenen vom Dexileosgrab stimmen mit der Datierung 
ins Jahr 394, sind aber im Stil erheblich jünger als das Relief, ebenso das Relief 
A. M. XXXV 1910 Taf. 12, das aus demselben Jahr stammt. 

Auch die Heimat der von den xanthischen Künstlern wie von Paionios 
vertretenen Kunst war bisher nicht sicher erkannt worden; nur ihr ionischer Cha- 
rakter stand außer Frage (Bulle, Schöne Mensch zu Taf. 123). Vielleicht führt auch 
hier die ältere Malerei weiter. Mikon nennt sich auf der Inschrift aus Olympia 
Athener; das kann athenisches Bürgerrecht, muß nicht athenische Herkunft be- 
deuten; bezeichnet sich doch der Karer Bryaxis auf den Inschriften als Athener 
(Amelung, Ausonia III 1908, 115 Anm.). Die Inschrift des Mikon ist in ionischem 
Alphabet geschrieben, und schon daraus hat man, wenn auch nicht mit Sicherheit, 
auf außergriechische Herkunft Mikons geschlossen '). 

Eine besondere Untersuchung hat ergeben, daß die Helmformen, die zugleich 
mit Mikon plötzlich in die attische Vasenmalerei eindringen, nordischer Herkunft, 
d. h. aus den Mützen der äxpoxo[Aoi Opijixe? entwickelt sind (Arch. Jahrb. XXVII 
1912 S. 317 ff.), und es konnte die Vermutung ausgesprochen werden, daß Mikon 
sie aus seiner künstlerischen oder politischen Heimat, dem thrakischen Norden, mit- 
gebracht habe. Ist man einmal auf dieser Fährte, wird man versucht sein, auch 
die Kunst Mikons, Rosse zu malen, und die berühmte thrakische Rossezucht mit- 
einander in Beziehung zu bringen. 

Nun sehen wir die thrakischen Helmformen auch am Nereidendenkmal, am 
Fries von Phigalia und an den Metopen von Argos. Der Gedanke, die ganze 
Schule, die sich an das Nereidendenkmal anschließt, könne in einer nordischen 



') Fränkel, Arch. Zeitung 1876 S. 227. Loewy Bildhauerinschriften Nr. 4t. M. Heinemann, 

Landschaftliche Elemente S. 96. 

Jahrbuch des archäologflschen Instituts XXIX. IX 



156 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Stadt ihre Heimat haben, drängt sich auf und wird durch weitere Beobachtungen 
bestätigt. 

Den Löwen am Nereidendenkmal gleicht sowohl die Chimära auf einem Meli- 
schen Relief wie — außer anderen lykischen Löwen und der Florentiner Chimära 
— der Löwe auf einem Relief aus Akanthos in Makedonien (Br.-Br. zu Taf. 641 — 645 
Text S. 13 f.)- Der Meister Paionios stammte »nicht aus der Pallene, sondern aus 
dem ionischen Mendc bei Ainos« (Paus. V 10, 8; Loewy, Bildhauerinschriften Nr. 49). 
Wenn man die Schicksale von Künstlern aus neuerer Zeit betrachtet, so wird man 
finden, daß es bei kleinen Verhältnissen und schwierigem Verkehr üblich und natürlich 
ist, wenn ein kunstbegabter junger Mensch bei dem tüchtigsten Meister, der in der 
Nähe zu haben ist, in die Lehre gegeben wird. So muß man die Schule des Paionios 
an einem nicht zu weit entfernten Kulturort suchen. 

Das Nichtattische der Phigaliafriese ist immer empfunden worden (Kekule, 
Griech. Skulptur^ S. iio). Genaue Parallelen waren schwer anzugeben; an die 
olympischen Skulpturen erinnerte wohl die ganze Art. Kekule sprach daher mit 
sorgsam gewähltem Ausdruck von »Blutsverwandtschaft«, aber als genaue stilistische 
Ähnlichkeit konnte er nur die Verhüllung der Unterschenkel anführen. Eine wirk- 
liche stilistische Verwandtschaft findet sich in einem statuarischen Werk, der Ama- 
zone Patrizzi (Matz-Duhn 948)') in Zeichnung auf der oben angeführten Ciste 
Mon. Inst. VI/VII Taf. LXI, LXII, und in Relief auf der Schwertscheide von 
Nikopol (C. R. 1864 Taf. V; Ant. de la Scythie Taf. XXXV; Reinach, R6p. Reliefs 
III S. 497) mit dem Bilde einer Perserschlacht. Der Stil dieses Schlachtenbildes 
hält die Mitte zwischen den Friesen von Xanthos und Phigalia; man vergleiche die 
Gruppe des Kriegers, der einen Verwundeten wegzieht, auf den drei Denkmälern ^) 
Die Bewegungen der Krieger geben der Wildheit der Gestalten von Phigalia wenig 
nach; auch der Faltenwurf gleicht dem von Phigalia sowohl in der allgemeinen 
schwungvollen Bewegtheit wie in dem Motiv des straff gespannten oder hochgewehten 
Chitonsaums. Auf der Schwertseite sind zweimal korinthische Helme der thraki- 
schen Mützen- und Helmform mit runder, vorn überhängender Spitze angeähnelt (A. J. 
XXVII 1912 S. 321), die thrakischen Helme auf dem Fries von Phigalia sind von 

■) Ich benutze die Gelegenheit, um das wichtige, sehen, vollkommen dem von Phigalia, sowohl in 

jetzt verschollene Werk nach der Zeichnung des der Muskulatur an dem Pferdeleib wie in der 

Codex Pighianus (fol. 291) abzubilden (Beilage i), weicheren Faltengebung des Gewandes (s. 

die anscheinend treuer ist als die Zeichnung bei Beilage 2). pas Motiv kommt noch am Fries 

De Cavalleriis, Antiquarum statuarum urbis des Athena-Nike-Tempels (Overbeck, Gr. Plastik 

Romae 2 Vol. II44; Reinach, R6p. stat. II 326, I. Tafel zu S. 483 Platte o) und auf der unter- 

Die Statue gleicht im Motiv dem absteigenden italischen Vase Mon. Inst. X 28 wieder vor, auf die 

Reiter auf dem xanthischen Fries Reinach, Rdp. Matz und v. Duhn hingewiesen haben. Auch das 

Reis. I 473 E (s. Beilage 2); auch die Art, wie zusammenstürzende Roß mit dem Perser auf 

das Gewand sich gelockert hat und von der Schul- der Schwertscheide von Nikopol (Rein., R^p. 

ter herabhängt, kommt in Xanthos öfter vor. Reis. III 497) hat eine ähnliche Bewegung. 
Der Stil der Statue ist aber nicht so großflächig ') Xanthos: Reinach, R^p. Reis. I S. 475, Q. Phi- 

wie der von Xanthos, sondern gleicht, wenn wir galia, ebenda S. 222, 9 und 17. Schwertscheide 

durch die kleinliche Art des Zeichners hindurch- von Nikopol, Reinach, Reis. III, 497 ; vgl. Trysa: 



ebenda I S. 452, 2. 458, 3. 463, 4. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS 191 4. 



Beilage i zu Seite 1 56. 




Amazone Patrizzi (nach der Zeichnung des Codex Pighianus). 



JAHRBUCH DES INSTITUTS 19 14. 



Beilage 2 zu Seite 156. 




Vom Fries des Nereidendenkmals. 




Vom Fries aus Phigalia. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. icy 



besonders reiner Form (A. J. XXVII 1912 S. 332, 335). Fr. Hauser (Neuattische 
Reliefs S. 126) hat die Vermutung ausgesprochen, die südrussischen Goldwaren 
möchten von Kyzikos importiert sein. Seine Gründe waren der unattische, ionisch 
weiche Stil, die Legierung des Goldes mit Silber, wie an den kleinasiatischcn Elektron- 
münzen, die kleinasiatische Prüderie in den Darstellungen und zumal die Überein- 
stimmung des Stils mit Münzen von Kyzikus, dessen Handelsbeziehungen mit Süd- 
rußland durch kyzikenischc Statere aus der Gegend von Kertsch erwiesen sind. 
Ebendahin weist der Stil des Fhigaliafriescs. So hat die Gruppe Reinach, Rep. des 
Reliefs I S. 221, i mit dem in die Knie gesunkenen Kentauren die größte Ähnlichkeit 
im Stil und Motiv mit einer kyzikenischen Münze (v. Fritze, Nomisma VII 1912 
Taf. V, 18), die zu v. Fritzes dritter Gruppe, also in die Phidiasische Zeit ge- 
hört. Auch die bärtigen Köpfe auf etwas jüngeren kyzikenischen Münzen aus der 
vierten v. Fritzeschen Gruppe lassen sich noch mit den Kentaurenköpfen von 
Phigaha vergleichen (Nomisma VII 1912 Taf. V, 30 — 33). Nun findet sich in 
Phigalia eine wichtige Einzelheit. Der Wagen, auf dem Artemis in den Kampf 
zieht, wird von Damhirschen gezogen. Diese Tiere sind zwar in ganz Kleinasien 
heimisch, aber im besonderen müssen sie auf Prokonnesos zu Hause gewesen sein, 
das ihnen den Namen und das redende Münzbild verdankt. Damhirschköpfe als 
Schmuckstücke erscheinen unter südrussischen Goldsachen z. B. Ant. Bosph. Cimm. 
XXIV 17, XXXII II, und eine ganze Damwildjagd auf der Silbervase Ant. Bosph. 
Cimm. XLII. Ein Damhirschkopf wird von einem Greif zerfleischt auf der 
Schwertscheide von Nikopol C. R. 1864 Taf. 5, Ant. de la Scythie 1866 Taf. 35, 
deren Beziehung zu lonien und im besonderen zu Kyzikos schon erwähnt wurde. 
Das Tier findet sich nun öfter in dem Kreis der hier behandelten Kunst. So 
bildet ein Damwildkopf auch den Behälter bei dem Tarentiner Rhyton, das sich 
jetzt in Triest befindet und Österr. Jahresh. V 1902 S. 124 ff. von Winter mit 
ionischen Werken des 5. Jahrhs. verglichen worden ist. Die Parallelen, die Winter 
später (Österr. Jahresh. VI 1903, Beiblatt S. 62) mit Tarentiner Terrakotten zog, 
um zu erweisen, daß das Rhyton vielleicht in Tarcnt verfertigt sei, wirken nicht so 
überzeugend, doch werden auch sie recht behalten, sind doch die Ursprünge der 
unteritalischen Kunst ebensosehr in lonien wie in Attika zu suchen '). Wir sehen 
nun auf dem Rhyton die wehenden Falten, den geschwungenen Saum, den am Grunde 
ausgebreiteten Mantel der Athena und bei dem gelagerten Liebespaar die gespreizten 
Hände wie bei den großen Kampffriesen, zumal Phigalia, so daß der ionische Ur- 
sprung und die Verwandtschaft mit der Nereiden-Paioniosgruppe in der Tat kaum 
zweifelhaft sein kann. Ein nahestehendes Kunstwerk, das Silberrhyton in St. Peters- 
burg, Ant. du Bosphore Taf. 36, Reinach, Rep. Reis. III S. 496 ist wieder in Süd- 
rußland, in Pantikapaion, gefunden worden. Ein Damhirsch steht auch neben der 
Artemis auf dem antoninischen Medaillon (oben Abb. 17), deren mutmaßliches 
Vorbild wir mit unter den Statuen aufgeführt haben; einen Damhirsch reitet Artemis 
auf der Perservase, Mon. Inst. IX Taf. L, LI, die im Stil wie die anderen tarentiner 



■) Watzinger, De vasculis Tarentinis S. 27/28. 

13* 



158 B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Vasen den Stil jener Malerei fortsetzt, die wir hier für die Plastik des 5. Jahrhs. als 
Vorbild annehmen. 

Auf dem oben angeführten Relief aus Larymna (Arch. Jahrb. XXVIII 191 3, 
Taf. 27) ist ein Widderopfer dargestellt, das von dem Herausgeber A. Rodenwaldt mit 
Wahrscheinlichkeit auf den Kabirenkult bezogen wird. Als nächste Parallele dienen ihm 
hierbei Münzen von Gela und Kyzikos (NomismaVII 191 2 Taf. V, 4, S. 12; Rodenwaldt, 
Abb. 7), und dies Bild auf den Münzen von Kyzikos ist in religiöser Hinsicht mit 
Nachrichten und Monumenten zu verbinden, die aus dem Gebiet rund um Kyzikos, 
aus Thrakien bis nach Pergamon, stammen. Von dorther ist also auch die Vorlage 
des Reliefs von Larymna herzuleiten. Die Nikebalustrade ist in einigen Motiven, 
der Führung und Tötung des Opfertiers, durch das pergamenische Relief Amtl. 
Berichte d. Kgl. Preuß. Kunstsammlungen XXXII 191 1, Nr. 11 S. 242, hier Abb. 28, 
und durch das melische Relief Schöne, Gr. Reliefs Taf. XXXI Nr. 126, im Stil durch 
die Reliefs von Phigalia und Argos vorbereitet; in der attischen Kunst fehlt es an 
Vorläufern. Außer den oben zum Vergleich herangezogenen Malereien finden sich 
schlagende Analogien nur auf den Münzen von Kyzikos (von Fritze, a. a. O. Taf. VI, 
13; VI, 28; Taf. V, 2), und nach Kyzikos scheinen auch ihre inhaltlichen Beziehungen 
zu weisen. »So halte ich denn auch jetzt noch fest an den von Kekule früher ver- 
muteten Beziehungen der Geländerreliefs auf Alkibiades' hellespontische Siegestaten« 
(A. Michaelis, Athen. Mitt. XIV 1889 S. 364 ff.), d. h. in erster Linie die See- und 
Landschlacht bei Kyzikos. Der Nachricht, daß die Kyzikener den Alkibiades mit 
Opferticrcn versorgten (Athenaeus XII 534; Hasluck, Kyzikos S. 167), mag man 
sich wohl bei der Darstellung der opfernden Niken erinnern. Wie eine jüngere Weiter- 
bildung des Berliner Nymphenreliefs mutet ein Relief aus Gallipoli an, dem alten 
Kallipolis am Bosporus '). Es ist aus weißem, grobkörnigem Marmor und verrät in 
den breit wallenden Rockfalten der Nymphen das gemeinsame Kennzeichen der im 
Abschnitt II zusammengestellten Werke. Der Typus des in attischer Kunst nicht 
heimischen Dexileosreliefs erscheint im 3. Jahrh. wieder auf einem' Reitergrabstein 
aus Abdera (B. C. H. 1913 S. I19), der dann weiter zu den Typen der rheinischen 
Reitergrabsteine führt (Rom. -Germ. Korr.-Bl. 1914 S. 37). 

In dieselbe Gegend weisen die statuarischen Denkmäler. Die Nike des Paionios 
hat mit keiner Nikedarstellung des 5. Jahrhs. soviel Verwandtschaft wie mit der 
kyzikenischen Münze Nomisma VII Taf. V, i. Auf den Kyzikenern unterscheiden 
sich Typen, die nur als Münzstempel brauchbar und dafür gemacht sind, von den 
Typen, die von größeren Reliefs oder malerischen Darstellungen abhängen (z. B. 
V. Fritze, a. a. O. Taf. V 5, 6, 18, Taf. VI 18, 19, 20, 28) oder statuarische Werke nach- 
bilden (z. B. Taf. IV 5, 6, 32, 33, 36, Taf. V 12, Taf. VI 12, 15, 18, 22). Zu diesen 
letzten gehört die Nike Taf. V i, die wie nach einer Rundplastik in Seitenansicht 
abgebildet und vom Stempelschneider durch den schlechten linken Flügel entstellt 
erscheint. Diese Plastik würde der Paioniosnike zeitlich nur um ein geringes nach- 

■) Arch. ep. Mitt. Ost. I 1 877 Taf. i. v. Schneider, Album Taf. 11, S. 5. Reinach, Reis. II S. 142. 

Als Fundort gilt auch Lampsakus. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. i cg 



stehen. Die Artemis Colonna mit ihrem eigenartigen Motiv, wie sie mit vorgestreck- 
ten Armen vorwärts läuft, gleicht den zum größten Teil nordgricchischen Darstel- 
lungen, auf denen Artemis erscheint, laufend im langen, vom Winde zurückgeschla- 
genen Gewand, in den Händen lange Fackeln (Kyzikos: v. Fritze a. a. O. Taf. VI, I2; 
Stater (Demeter?). Brit. Mus. Cat. of coins, MysiaXV, 4; XIII, 8; XII, 12; XI, 7 auf 
dem Altarbau, cf. Studniczka, Österr. Jahresh. VI 1903 S. 126. Apameia: Brit. Mus. 
Cat. of coins, Pontus XXV, 12. Prusa: ebenda XXXV, 5 und 8. Parium: Cat. of 
coins, Mysia XXII, 14. Zum Typus vgl. ferner die Reliefs von Thespiae, E.V. 1303 
und Thasos, Conze, Reisen auf den Inseln des thrak. Meeres Taf. X. Zum Typus 
des Kopfes vgl. Cat. of coins, Mysia VIII, 8.) Die Artemisstatuettc der Sammlung 
von Gans wurde oben mit Darstellungen der fiiXofX'^? Bendis verglichen; die auf thraki- 
schem Gebiet gefundene Bronzestatuette Taf. IX schien uns einen ungriechischen, 
vielleicht thrakischen Gott darzustellen. Aus Makedonien stammt die ihr verwandte 
Statuette des Louvre, De Ridder, Les Bronzes Nr. 488. Der lange, über die 
Knie reichende Chiton, den der Gott wie die Krieger am Nereidenmonument und 
auf dem Florentiner Stamnos Nr. 1973 (4004) Abb. 4 trägt, ist auch dem Dionysos in 
der Vasenmalerei eigen •) und als thrakische Tracht bei dem Trabanten des Midas, 
Ann. 1844 tav. H, sowie bei der tätowierten laufenden Mänade auf dem Münchener 
Krater Nr. 2379 erkennbar. Es ist der Bassara genannte thrakische Chiton irooijpr/s 
itoixiXos (Etymologicum magnum p. 191, 5) ^). 

Die Genetrix ist schon in griechischer Zeit in Tonstatuetten nachgebildet 
worden, die in Myrina, Aegae, Amisus und in der Troas gefunden worden sind. 
(Winter, Typenkatalog II S. 214). Die Rätsel, die das Werk aufgibt, werden weder 
durch die Reihe der nahe verwandten Werke noch durch die bekannte, bald abgelehnte, 
bald angenommene Hypothese von der Urheberschaft des Alkamenes gelöst. Ohne 
uns für oder gegen Alkamenes zu entscheiden, wollen wir doch auf die eine Über- 
lieferung, er stamme von Lemnos, hinweisen. Auch von dem Typus der Aphrodite 
Lazzaroni (E. V. I169) ist in Myrina eine Terrakotta-Nachbildung gefunden worden 
(Furtwängler, Meisterwerke Abb. 126). 

Im In-Tepe bei Troja ist eine schöne Terrakottagruppe zweier Tänzerinnen 
gefunden 3), die die Fortbildung des ionischen Gewandstils »in seinem Heimatlande« 
zeigt, in einer Weise, die die »Herbheiten der Nereiden überwunden« hat, aber die 
»Freude am phantasievollen, dekorativen Schwung« beibehalten hat. Auf der Basis 
vonPuteoli, Br.-Br. 575, ist eine Anzahl von Städten durch statuarische Typen darge- 
stellt, deren verschiedener Charakter zeigt, daß ihre Vorbilder bestimmte Beziehungen 
zu den betreffenden Städten hatten. Unter ihnen fällt die Darstellung von Aegae 

') Amelung, P.-W. s. v. Chiton S. 2333; Gaz. arch- ihn De Ridder, Vases peints de la Bibl. Nat. II 

1879 Taf. 15; Röscher, Lexikon I Sp. 1108. S. 348 Abb. 79 Nr. 456, und die geometrischen 

^) Auch die »barbarische Tracht« des faltenlosen, Ornamente auf den Kitteln gleichen denen der 

gemusterten Kittels, der mit der großfigurigen großen thrakischen Reitermäntel (Furtwängler, 

Vasenmalerei aufkommt (F. -R., Gr. Vm. IS. 130 50. Berliner Winckelmannsprogramm S. 158.) 

zu Taf. 26/7) ist thrakisch. Eine Mänade trägt 3) Rev. arch. i89iTaf.VIII;Winter,TypenkatalogII, 



145, 6; Bulle, Schöne Mensch S. 264 zu Abb. 58. 



l5o B. Schröder, Mikon und Paionios. 



auf, die sich ebenso von den übrigen Typen unterscheidet, wie sie den hier behandelten 
schreitend -hüpfenden Gestalten mit dem wehenden Kleid ähnelt. Aegae liegt in der 
Troas, unweit Myrina, auf mysischem Gebiet. So konnte auch in der weiblichen Figur 
auf dem Dresdener Schauspielerrelief die Personifikation einer kleinasiatischen Stadt 
oder Phyle erkannt werden '). 

Fassen wir alle diese Indizien — lokale, ethnographische und zoologische — 
zusammen, so umschreiben wir damit die nordöstliche Ecke des ägäischen Gebietes. 
Von allen Ortschaften aber war keine so oft zu nennen wie das reiche, prächtige, von 
Marmor erbaute und mit Marmor befestigte Kyzikos. In seiner nächsten Nähe liegen 
ergiebige Steinbrüche. Prokonnesos lieferte einen Marmor, dessen Verwendung für 
das Altertum wiederholt bezeugt ist ^). Auf eine marmorreiche Gegend ließen 
schon all diese besprochenen Skulpturen schließen, mit ihrer Virtuosität der 
Meißelführung, die sich nur an einem wohlfeilen Material erlernen läßt. Zu dem 
Nachweis, daß die Originale unter ihnen auch wirklich aus Kyzikos selbst stammen, 
reichen leider die vorhandenen Nachrichten nicht aus. Doch ist zu bemerken, daß 
am Nereidenmonument, das aus ,,parischem Marmor« sein soll (Smith, Cat. of sc. 
Bd. II S. 7) die Platten jede mit einer in sich abgeschlossenen Darstellung geschmückt 
ist (Smith, Cat. II S. 11, 19, 27). Zu den Phigaliaskulpturen bemerkt Kekule von 
Stradonitz (Gr. Skulptur^ S. 117): »Die einzelnen Friesplatten enthalten stets in sich 
abgeschlossene Gruppen und Gestalten, die nirgends auf eine benachbarte Platte 
übergreifen. So gerät man leicht auf die Vermutung, daß sie auswärts fertiggestellt 
und fertig nach Bassai gebracht worden seien«. Die Bemerkung des Katalogs, der 
Marmor sei »probably obtained in the neighbourhood«, ist dagegen eine unbegründete 
Vermutung. Die Nike des Paionios ist von »großkristallinischem Inselmarmor« 
(Lepsius, Marmorstudien S. 106 Nr. 374) 3). Die Skulpturen von Trysa sind aus 
Kalkstein, kommen also hier nicht in Frage. Die Skulpturen von Argos sollen von 
parischem Marmor (Waldstein, The Argive Heraeum I S. 146 Anm.- 1), die der Nike- 
balustrade von pentelischem Marmor sein (Kekule, Balustrade S. 20); es sei jedoch 
auf die Bemerkung von Lepsius hingewiesen, er habe in Phigalia und Olympia 
Werkstücke weißen Marmors gesehen, der einen Stich ins Hellgraue und längliche 
Kristalle hat und den er für »Inselmarmor« hielt (Marmorstudien S. 57). Nach 
der Beschreibung könnten diese Stücke von prokonnesischem Marmor sein. 

Mag also hier unsere Aufzählung von Indizien mit einer Frage schließen, deren 
Beantwortung einen Marmorkenner erfordert, so glaube ich doch, genügt das Übrige, 
um als Heimstätte der Paioniosschule Kyzikos anzunehmen, auch wenn in 
unserer Literatur eine Schule von Kyzikos nicht ausdrücklich genannt wird. 

So kommen wir endlieh dazu, der letzten Ursache für die effektvolle Anwen- 
dung des malerischen Gewandstils zur Darstellung von Bewegung nachzuspüren. 

') M. Bieber, Das Dresdner Schauspielerrelief, 3) Das Material des »Hertzschen Kopfes« (R. M. 

Tafel und S. 13; zum Gewandstil s. S. 85. IX 1894 Taf. VII. v. Duhn, Heidelb. Abgüsse 

') Blümner, Technologie III S. 36. Marquard, Cy- Nr. 189), bläulicher Marmor mit sehr kleinen 

zicus und sein Gebiet S. 34. Strzygowski, Orient Kristallen, würde wichtig sein, wenn der Kopf 

oder Rom S. 54. Hasluck, Cyzicus S. 30. sicher Original und nicht Kopie wäre. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. jgl 



Immer ist, wenn man diese Gewänder kennzeichnen wollte, von der Wirkung 
der Luft, des frischen Seewindes gesprochen worden, der so den Stoff eng an den 
Leib preßte und die Falten beweglich flattern ließe. Es kann als ausgemacht gelten, 
daß auf die Vorliebe für solche fliegenden Gewänder keine Schule verfallen konnte, 
die im Binnenlande, etwa in Argos oder Athen, arbeitete'), und daß der gewohnte 
Anblick wehender Gewänder die Vorstellungskraft der Künstler mit solchen ge- 
schwungenen Faltenmotiven erfüllen und ihre Hand führen mußte. So dürfen wir 
uns mit Fug des Nordwindes erinnern, der immer um die »frigida Cyzicus« tost ^). 
Das Kunstmittel der zeichnerischen Darstellung durchsichtigen Gewandes ist älter 
als das Nereidenmonument und der Malerei und dem älteren plastischen Kunst- 
gewerbe, wie an den melischen Reliefs ersichtlich, vertraut. Aber es mußte die Be- 
obachtung des Lebens und der Natur hinzukommen, um dem Kunstmittel seine 
ganze Wirkungskraft zu erschließen, die nur leider bald in Manier entarten sollte. 
Dieser Ausgleich von Stil und Natur wurde zuerst von Malern gefunden und dann 
sogleich von den Bildhauern übernommen, die zu seiner Ausführung in runder 
Plastik natürlich der körperlichen Natur nicht entraten konnten, sich ihrer aber nur 
in idealer Läuterung im Erinnerungsbild bedienten. So wäre es also falsch, den 
Stil »malerisch« oder »plastisch« mit einseitiger Betonung zu nennen. Die 
Schwesterkünste haben gleichen Teil an der Schaffung des Stils und an dem 
Gleichmaß von Idealismus und Natur, das die älteren Leistungen der Schule, vor 
allem die Nike des Paionios, in die Reihe der unvergänglichen Kunstwerke stellt. 

VL 

Außer den prächtigen Münzen sind Werke sicher kyzikenischer Herkunft selten. 
Für das kyzikenische Kunstschaffen in archaischer Zeit zeugen die Reliefs Annual 
of the Brit. School VIII 1901/2 Taf. IV (Herakles; Stier und Löwen) und B. C. H. 
XXXIII 1909 Taf. 7, Reinach, Reis. II S. 176, 3, Roschcrs Lexikon unter Gryps 
S. 1767 (Wagenrennen), für das 5. Jahrh. außer Androkydes, dem Zeitgenossen und 
Nebenbuhler des Zeuxis und Parrhasios, authentisch nur noch ein statuarisches Werk, 
das aus Kyzikos stammt, jetzt dem Britischen Museum gehört und hier (Taf. 10) 
mit gütiger Erlaubnis von Herrn A. H. Smith abgebildet wird 3). Seine hohe Schön- 
heit bedarf keines Lobes. Erhalten ist der Torso bis auf den Kopf, beide Unter- 
schenkel, den ganzen rechten Arm und den unteren Teil des linken. Der rechte Arm 
war hoch erhoben und scheint sich auf einen Stab gestützt zu haben, der linke war 
im Ellenbogen vorgestreckt. An den Hüften sitzen Reste von Stegen, die den Rumpf 
mit dem linken Arm und dem Attribut der Rechten verbunden hatten. Ferner sind 
beide Füße mit einem Stück der eigentümlich geformten Plinthe erhalten (Abb. 26). 
Die Füße stehen auf einem scharfkantigen Gegenstande, der im Londoner Katalog als 
Schiffsvorderteil erklärt wird; hinten steigt die Phnthe wie Erdreich an, vorn scheinen 

') B. Sauer, Die griechische Kunst und das Meer. son, Reisen und Forschungen im westlichen 

N. Jahrb. f. Altert. -Wiss. XV 1912 Nr. 7 S. 482. Kleinasien S. 50. 

») H. V. Moltke, Briefe. Ges. Schriften Bd. 8 S. 59. 3) Smith, Cat. of sc. 1538. Reinach, Rep. stat. II 

Th. Wiegand, Athen. Mitt. 1904 S. 294. Philipp- 30, 5. 



l62 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



Wellen heranzuspülen. Neben dem linken Fuß ist der Rest einer Stütze sichtbar, ob 
von einem Delphin, wie der Katalog angibt, kann ich nicht entscheiden. Die Wellen 
genügen wohl, um die Benennung »Poseidon« zu rechtfertigen. Der hohe Gegenstand, 
auf den sich die Linke stützt, wird also ein Dreizack gewesen sein; die ausgestreckte 
Rechte wird einen Delphin oder Thunfisch gehalten haben '). Der Torso wird im 
Katalog in hellenistische Zeit gesetzt. In das 5- Jahrh. weisen jedoch die, wenn auch 
ausgebildeten, so doch nicht in hellenistischer Weise übertriebenen Muskeln, die 
ruhige Haltung und Einzelformen, wie die streng in fein ziselierten Löckchen 
gebildeten Schamhaare. Die Haltung des Körpers mit dem hohen Aufstützen der 
einen Hand ist im 5. Jahrh. nicht ungewöhnlich '). Der Stil des Torsos ist ganz ver- 
schieden von argivischen oder attischen Akten. Zu vergleichen sind ionische 
Werke: der Apollo von Ince Blundell Hall (Sauer, Arch. Jahrb. XXI 1906 S. 163 ff.), 

mit dem er auch den unentschiedenen 

Stand auf beiden gleichmäßig belasteten 
Beinen gemein hat, die nackten Krieger 
am großen Fries und der Jüngjingstorso 
vom xanthischcn Nereidendenkmal, der 
Boreas des Akroters vonDelos, also lauter 
Werke aus dem oben behandelten Kreise. 
Nahe verwandt ist auch das wertvolle 
Bruchstück in Sevilla, E. V. 1830, hier 
Abb. 27: ein Mann, der am Boden halb 
sitzt, halb liegt und sich mit dem Arm 
auf den Boden stützt, ähnlich dem am 
Boden ruhenden Heros auf dem Marathon- 
bild des Pariser Niobidenkraters (F.-R. 
Gr. Vm. Taf. 108) und dem Aktaion 
auf dem Krater F.-R., Gr. Vm. Taf. 115. Die Chlamys über dem linken Arm und 
hinter dem Körper verrät namentlich in dem Stück im Hintergrund genau die Auf- 
fassung wie am Nereidendenkmal mit den wenigen hochstehenden Graten über 
flachen Tälern. In dem Motiv, wie die vordere Hälfte der Chlamys über die 
linke Schulter zurückgeschlagen ist, ähnelt das Werk dem Neapler Adonis (Br.-Br. 
334, Clarac 865, 2203), dessen Chlamys ganz ebenso stilisiert ist, dessen weiche 
Körperformen aber eine jüngere Datierung verlangen. Ferner gehören hierher der 
Kapaneus Albani (Br.-Br. 607) und die Stele von Pella in Konstantinopel, an der 
im Akt namentlich eine ungewöhnliche Einzelheit, die tiefe Delle unterhalb des Brust- 
beins mit dem Torso aus Kyzikos zu vergleichen ist 3). Diese Stele sieht auch dem 
ApoUon von Ince Blundell Hall im Profil so ähnlich, daß man sie dem Kreis des 




Abb. 26. Fuße des Torsos aus Kyzikos. 



') Vgl. die Münze von Kyzikos, Brit. Mus. Cat. of 
coins, Mysia PI. XI, 8; Relief im Vatikan, Ame- 
lung, Katalog II Taf. 15. 

') Athena in Madrid, E. V. 1508/09. Br.-Br. 502 



links. Reinach IV 165, 6. Torso in Sevilla, E. 
V. 1810 u. a. m. 
3) Fr.-W. 37; Mendel, Cat. des Sculptures du Mus^e 
Ottoman I S. 132 Nr. 39. Rodenwaldt, Arch. 



Jahrb. XXVIII 1913 S. 318. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



163 



Paionios einreihen möchte. Von jüngeren Werken schließt sich der Ares Borghcse an, 
dessen Helm unter den thrakischen Helmen, Arch. Jahrb. XXVH 1912 S. 322, Form 7, 
hätte aufgezählt werden müssen und somit wieder in die nordische Gegend weist. 
Ebendahin führt uns eine Reihe älterer Werke, die dem Torso nahe stehen, die 
Gruppe der Tyrannenmörder und die selinuntischen Metopen des Tempels E, zumal 
der sitzende Zeus der Zeus-Hera-Metope. Diese Metopen sind jüngst durch die Ver- 




Abb. 27. Torso in Sevilla. 

wandtschaft des Zeuskopfes mit dem Aristogeitonkopf des Britischen Museums, 
Arch. Jahrb. XXVHI 1913 S. 26 ff. '), in eine noch engere Verbindung mit den 



I) Auf eine dritte Replik (Herme) dieses Kopfes 
im Neapler Museum hat mich L. Curtius freund- 
lich hingewiesen. Diese Herme ist besser als der 
»Pherekydes«, aber schlechter als das Londoner 
Exemplar, von dem sie in wesentlichen Einzel- 
heiten abweicht. Eine — wenn auch schwache — 
Stütze meiner Deutung des Londoner Kopfes 
sehe ich in einer Doppelherme des Britischen 
Museums (Ancient Marbles H Taf. XVH, Müller- 

die sie vollends 



Wieseler Taf. XXXVI, 429, Catalogue of sc. 
1623). In ihr ist ein bärtiger Kopf, an dem die 
Bartlocken genau in derselben Art wie am Phere- 
kydes gebildet sind, mit einem jugendlichen 
Kopf verbunden, der trotz aller Verflachung 
noch ein Vorbild strengen Stils von der Art 
des Harmodios verrät. Auf die beiden künst- 
lerisch völlig wertlosen Köpfe ist dann eine 
konventionelle archaisierende Haarfrisur gestülpt, 
unkenntlich macht. 



104 B- Schröder, Mikon und Paionios. 



Tyrannenmördern gesetzt worden, als es früher schon auf Grund der Akte und 
Stellungen usw. möglich war '). Nun scheint mir aber der Zusammenhang der 
Tyrannenmörder nicht nur mit manchen Gestalten der Amazonenvasen (Hauser, 
F.-R., Gr. Vm. II S. 322), sondern vor allem mit dem Apollon auf dem Niobiden- 
krater unverkennbar. Die Niobidentötung ist von dem Maler auf die Rückseite 
des Gefäßes und mit weniger Sorgfalt als die Hauptseite mit der »aktuellen« 
Darstellung der Marathonschlacht gemalt. Sie verrät aber dieselbe Schule wie 
jenes Bild, nur auf etwas älterer Stufe (M. Heinemann, Landschafthche Elemente 
S. 99 ff. Dazu, ohne die These M. Heinemanns zu widerlegen, P. Jacobsthal, 
Theseus auf dem Meeresgrunde S. 21 ff.). .Der Maler hat die Vorlage von der 
vorigen Saison auf den zweiten Platz verwiesen, wie sonst die ältere Vorlage auf den 
oberen Bildstreifen, auf den Hals der Vase oder, wie bei den klazomenischen Sarko- 
phagen, an das Fußende rückt. Wir sind auch hier im Zusammenhang mit der Mi- 
konischen Schule*). Neben den Tyrannenmördern steht auch der Akropolisknabe3), 
neben diesem der Knabentorso in Palermo, E. V. 550, durch den sich Arndt an einen 
Torso in Eregli (Perinth) am Marmarameer, also in unmittelbarer Nähe von Kyzikos, 
erinnert fühlte, und der auch durch sein Material, leicht bläulichen Marmor, Herkunft 
aus den Brüchen von Prokonnesos zu verraten scheint. Ob in der Darstellung der 
Tyrannenmörder und des Epicharinos (?) auf Kyzikener Münzen 4) eine engere Be- 
ziehung des Kritios und Nesiotes zu Kyzikos zu erkennen ist, mag eine offene Frage 
bleiben; auch die nahe Verwandtschaft der Selinuntischen Metopen mit dem schönen 
Berliner Nikerelief aus Pergamon 5) mag für die Herkunft des Stils noch nicht beweis- 
kräftig genug sein. Aber die selinuntische Metope mit dem Kampf zwischen Athena 
und dem Giganten gibt wieder einen Anhalt mit ihrer engen Beziehung zu der 
Brygosschale mit dem Gigantenkampfe de Luynes, Vases PI. XIX, Hartwig, Meister- 
schalen S. 356. Leider fehlt auf der Schale gerade der Kampf der Athena; wäre er 
erhalten, man meint, er müßte der Selinuntischen Metope geglichen haben, so sehr 
stimmen Gewänder und Bewegungen in den Kampfgruppen auf beiden Werken über- 
ein. Der Helm des Giganten ist arg zerstört, doch scheinen die hohe Kappe und der 
runde Kontur einer Verzierung über dem Ohr von der thrakischen Helmform mit dem 
hohen Kopf und dem seitlich aufgerollten Stirnschirm herzustammen; die Brygos- 
schale ist aber eins der ältesten Werke griechischer Kunst, auf denen die thra- 

') vielleicht ist es nicht Zufall, daß auf dem Marmor- Petersburger Krater C. R. 1867 Taf. VI. Der 
sessel J. H. St. V 1884 Taf. XLVIII auf der Dionysos mit seinem flachen Schädel, den spiral- 
einen Seite die Gruppe der Tyrannenmörder, förmigen Bartlocken und seiner Ausfallstellung 
auf der anderen eine Kampfszene aus einer gleicht dem Aristogeiton, wie der Gigant mit 
Amazonenschlacht wiedergegeben ist, die sehr seinem thrakischen Helm und seiner knienden 
wohl einem »Mikonischen« Wandgemälde ent- Stellung vielen Figuren der Amazonenvasen, 
lehnt sein kann. Der stilistische Unterschied 3) A. M. 1880 Taf. i. Bulle, Schöne Mensch Taf. 40. 
zwischen beiden Gruppen würde zu der Datierung Schrader, Archaische Marmorskulpturen S. 58. 
des Denkmals und der Gemälde stimmen. 4) v. Fritze, Nomisma Heft VII, 1912, S. 27, Taf. IV 

*) Zwischen dieser Niobidentötung und den Tyran- 5, 6. 

nenmördem auf der einen Seite und den Mikoni- S) Amtl. Berichte XXXII Nr. 11 S. 242. Hierzu 

sehen Vasen auf der anderen vermittelt der Abb. 28. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 



165 



kische Helmform erscheint, und zugleich in der Art der Bewegungen und den 
(besonders am Hephaistos) durchsichtig gezeichneten Gewändern direkter Vorläufer 
der »Mikonischen« Vasen, im besonderen des Petersburger Kraters') C. R. 
1867 Taf. VI. Diese Metopen sind aber auch mit dem oben behandelten Kreis 
jüngerer Werke verknüpft, und zwar durch die Beziehungen zwischen den Zeus- 
Hera-Metopen von Sehnunt und Phigaha (Sauer, Ber. d. "Sachs. Ges. 1895 S. 231). 




Abb. 28. Relief aus Pergamon in Berlin. 

Scheint also die Bildung des Londoner Torsos nicht nur auf den Kreis des 
Nereidendenkmals, sondern zugleich auf die unmittelbar vorhergegangenen Phasen 
derselben Kunstschule zu deuten, so weist auch die Darstellung des Gewandes in 
dieselbe Gegend. 

Das Gewand besteht in einer Chlanis, die über die Schulter geworfen, lang vor 
und hinter der linken Körperhälfte herabhängt, eng am Leib anliegend, als ob sie 



') Siehe Seite 164 Anm. 2. 



i66 



B. Schröder, Mikon und Paionios, 



im Schreiten vom Wind dagegcngepreßt würde, also ganz ähnlich wie die Kleidung 
bei den oben betrachteten laufenden und schreitenden Gestalten. Dies lange Stück 
Zeug, aus archaischer Kunst wohl bekannt, genießt in der Zeit nach den Perser- 
kriegen besondere Vorliebe in Malerei und Plastik. Es wird lose über beide Schul- 
tern gelegt '), teilweise um Arm oder Schulter gewickelt ^) oder mehr oder weniger 
schmal zusammengeschoben über eine Schulter geworfen 3), auch zuweilen durch den 




Abb. 2g. Von einer Nolaner Amphora der Sammlung Barre. 



Gürtel gezogen 4), um nicht im Kampf herabzurutschen und sich um die Beine zu 
schlingen, wie in den Kämpfen an den Friesen von PhigaHa, am Niketempel, am 



') Furtwängler, Gemmen X, 3. Arch. Zeitung 1845 

Taf. 36 u. a. m. 
') Bullett. communale 1908 Taf. I, Statue in Rom. 

Oinomaos von Olympia. Anakreon Borghese. 

Vasen mit Erich thoniosgeburt: Mon. Inst. X, 39 

und Gerhard A. V. 151 (Sauer, Das Theseion 

S. 60, 62/3). 
J) Kapaneus Relief Br.-Br. 607. Trysa: Anführer 

in der Feldschlacht und Telemachos im Freier- 



mord Reinach Reis. I S. 449, 4; 445, 3. Lapith 
auf dem Krater Laborde I, 25. Stele von Pella 
F.-W. 37. Reiter auf dem Stamnos De Ridder 
Vases Bibl. Nat. Taf. XIII, 388. Polydeukes 
auf der Talosvase. Grabmal des Aristonautes 
Komos Miliin I, 36 u. a. m. 
<) Inghirami, Vasi fittili II Taf. 169. Trysa, Krieger, 
Reinach, R^p. Reis. I S. 451, 3 und oftauf unter- 
italischen Vasen, z. B. Inghirami III CCXXII. 



B. Schröder, Mikon und Paionios. 167 



Panciatichirelief ') (Br.-Br. 607) und auf der Gigantenvase des Aristophanes und 
Erginos (F.-R. Gr. Vm. III Taf. 127). Auch wird der Schal mit dem einen Zipfel 
lose seitwärts um den Leib, über den Arm oder rückwärts über die Schulter ge- 
schlagen^) oder kreuzweis gelegt und wie eine Schärpe geknotet3). Die Mehrzahl 
der Denkmäler gehört dem ionischen Kreise, in dem eine Vorliebe für die Schärpen- 
tracht bestanden zu haben scheint. Im Stil wird aber diese Chlanis bei den ver- 
schiedenen Kunstv/erken sehr verschieden behandelt. Fast archaisch unstofflich auf 
Vasenbildern wie Inghirami, Vasi fittih II, Taf. 169, de Luynes Taf . 40, der Neapler 
Amazonenvase F.-R. 26/7, Brygosschale F.-R. 25, Erichthoniosvase Gerhard, A. V. 151 
und an der Statue in der Villa Borghese Bull. comm. XXXVI 1908 Taf. I — III; bronze- 
mäßig modeUiert und, um tiefe, schwarz beschattete Hohlräume zu vermeiden, mit 
dem Körper eng verbunden, an der Anakreonstatue; stofflos in Strichmanier stihsiert 
und doch dem Körper angepaßt z. B. auf dem Bologneser Amazonen- Krater F.-R. 
75/6, dem Pariser Niobidenkrater, der Aristophanesschale und der Jünglingsstele von 
Pella, die in der Zeichnung der Chlaina und Stellung des Körpers dem Dionysos auf 
der Vase in Neapel, Museo Borbonico II Taf. XLV sehr ähnlich sieht. Ebenso un- 
materiell, aber weicher und breiter, erscheint das Kleidungsstück am Oinomaos in 
Olympia. Gerade der Vergleich mit dem zuletzt genannten zeigt, wohin der Lon- 
doner Torso gehört: zu den Mikonischen Vasen und der Stele von Pella. Diese Stele 
verrät noch deutlich die Hand, die auf der Oberfläche des Steins oder in der Vorlage 
über dem gezeichneten Akt die Faltenstriche leicht von oben nach unten zog. Bei 
dem niedrigen Relief blieb die Körperoberfiäche samt der Chlaina nahezu eben; bei 
einer stärkeren Relieferhebung wäre der Stoff ebenso den Rumpfformen gefolgt, 
ohne die Gesetze des eigenen Gewichts zu achten, wie es an dem Kyzikener Torso 
der Fall ist. Der Eindruck, als sei der Stoff vom Wind oder der Bewegung ange- 
preßt, ist eine zunächst zufällige, in diesem Fall dann sinnvoll angewandte Begleit- 
erscheinung des Stils. Die Falten der Chlanis wirken wie eine Verfeinerung der 
Falten am Kapaneusrelief und am Himation des Zeus auf der Selinunter Metope, 
bei dem die ganze Gewandung sich ohne weiteres in gezogene Striche zurücküber- 
setzt. Auch die Falten auf dem Bologneser Krater und dem Berhner Fragment, A. Ztg. 
1883 Taf. 17, sind noch etwas strenger stilisiert. Die Zeichnung der Falten auf der 
fikoronischen Ciste würde am ehesten entsprechen, die Chlaina auf der Schale des 
Aristophanes und Erginos würde dagegen schon ein jüngeres Stadium vertreten. 
So ergibt sich auch aus der Vasenchronologie ein relatives Datum, das wir nicht zu 
weit von der Mitte des 5. Jahrhs. ansetzen werden. Was also den Torso mit den oben 

') Das Panciatichirelief scheint doch original zu sein Spinelli A. J. XVIII 1903 S. 46. Niobidenkrater 

und nur überarbeitet. Ich glaube auf der Tafel F.-R. Taf. 108. Schale mit Epheben, De Ridder, 

Br.-Br. 6o7nochdenKonturdesehemalsrichtigen Vases Bibl. Nat. Abb. III. 
Helmbusches und über der rechten Hand mit 3) Dubois-Maisonneuve, Introd. Taf. XXIII. Brygos- 

dem sinnlos nach unten gekehrten Schwert noch schale F.-R. Taf. 25. Onesimosschale Hartwig, 

die Spur der rechten Hand mit aufwärtsge- Msch. S. 550/1. Iliupersis Mon. X Taf. LIV. 

kehrtem Schwert zu erkennen. Volutenkrater in New York F.-R. Taf. 116/7. 

') Krater in Bologna F.-R. Taf. 75/6. Pelike Glockenkrater in Genf F.-R. II S. 314. Lebes 



Stoddart F.-R. Taf. 58. 



l58 C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen. 

behandelten Skulpturen verbindet, ist der Stil sowohl des Rumpfes wie der Gewandung, 
in der ich meine, weniger ein Abbild der natürlichen Erscheinung als Nachahmung 
zeichnerischer Technik zu erkennen. Man verfolge mit dem Auge oder mit dem 
Stift die langen, gewellten Faltenstriche und sehe, wie die Striche so willkürlich an- 
setzen, ausweichen und verlaufen (vgl. die Iliupersis, Froehner, Verkaufskatalog 
Paris 1878, CoUection M. de Albert B(arre), hier Abb. 29); das ist nicht am Modell 
studiert, sondern Nachahmung einer nicht plastischen Technik, die das Erinnerungs- 
bild bewegten Stoffs mit zeichnerischen Mitteln festhielt. Wenn dann dieser Torso 
ebendaher stammt, wo wir den Stil der stilistisch verwandten Skulpturen entstanden 
glaubten, so meinen wir in ihm eine wertvolle Bestätigung der Theorie zu erkennen, 
die die Skulpturen aus dem Kreise des Paionios mit der nordionischen Malerei 
und mit der Stadt Kyzikos als Sitz dieser Schule in Zusammenhang bringt. 

Berlin. B. Schröder. 



CHRYSIPPOS UND ANTIGONE AUF APULISCHEN 

VASEN. 

Mit Taf. II— 13. 

Drei viel besprochene Vasenbildcr findet der Leser auf Taf . 11 — 13 nach neuen 
Zeichnungen Lübkes zum ersten Male stilgetreu abgebildet. Über den Anlaß zu ihrer 
Publikation an dieser Stelle, der ein rein zufälliger ist, habe ich zunächst ein Wort zu 
sagen. Einer im Druck befindlichen mythologischen Monographie wollte ich diese 
Vasenbilder in kleinen, anspruchslosen Textabbildungen beigeben und wandte mich 
deshalb an meine verehrten Freunde V. Spinazzola und R. Zahn mit der Bitte um 
geeignete Vorlagen. Da traf es sich denn, daß die beiden Berliner, bisher nur in Ger- 
hards Apulischen Vasenbildern veröffentlichten Amphoren gerade gereinigt und von 
den modernen Übermalungen befreit wurden, eine vortreffliche Gelegenheit, um 
wenigstens ihre gegenständlich wichtigsten Bilder, die Chrysippszenc und die 
Antigoneszene, von Lübkes geschickter und erfahrener Hand neu zeichnen zu lassen. 
Von der Neapler Chrysippdarstellung aber, die bisher nur in Overbecks Heroischer 
Gallerie I 2, man kann nur sagen, karikiert abgebildet war, hat mir Spinazzola mit 
gewohnter Liebenswürdigkeit vier Teilphotographien anfertigen lassen. Auf diesen 
hat Lübke die ganze Komposition wieder so hergestellt, wie sie auf Taf. 1 1 erscheint. 
Aber auch von jenen Teilphotographien wenigstens die beiden schönsten hier in den 
Text zu setzen, habe ich mir nicht versagen können (Abb. i, 2). Daß aber jene drei, 
unter dem ständigen Beirat von Zahn und Rodenwaldt mit so großer Mühe und 
schönem Gelingen geschaffenen Zeichnungen Lübkes ihren Zweck schon erfüllt haben 
sollten, wenn sie als Vorlagen für die erwähnten Textabbildungen gedient hatten. 



C. Robert, Chrysippos und Antigone auf apulischen Vasen. 



169 



das wollte vielen Beteiligten und Interessierten nicht in den Sinn. Vielmehr mußte 
sich der Wunsch aufdrängen, sie in Originalgröße veröffentlicht zu sehen. Diesem 
Wunsche kam mein hochverehrter Freund Dragendorff in freundlichster Weise ent- 
gegen, indem er mir für diesen Zweck das Jahrbuch zur Verfügung stellte. Ich selbst 
aber befinde mich jetzt, wo ich zu den Tafeln ein paar begleitende Worte aufsetzen 
soll, in einer etwas schiefen Position. Denn während sonst der Hausbrauch dieser Zeit - 




Abb. I. Teilansicht des Kraters im Museum zu Neapel (zu Taf. 11). 



Schrift ist, daß die Abbildung das Wort erläutert, ist hier die Publikation die Haupt- 
sache, der Text nur Beigabe. Und wenn ich nur für die Deutung und das Verständnis 
der Darstellungen etwas Neues oder Wesentliches beibringen könnte. Aber nicht 
einmal das ist der Fall. Ich kann nur Bekanntes und Anerkanntes wiederholen; denn 
das eigentliche Problem, die Frage nach den poetischen Quellen der Darstellungen, 
läßt sich nicht so nebenher, sondern nur in ganz großem Zusammenhang erörtern und 
führt über die Grenzen einer archäologischen Zeitschrift, mag man diese auch noch 
so weit stecken, unendlich hinaus. Auch daß es sich um zwei ganz verschiedene Ge- 
schichten handelt, die zwar beide dem thebanischen Sagenkreis angehören, im übrigen 



170 



C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen. 



aber in keinerlei Verbindung miteinander stehen, ist der Einheitlichkeit der Dar- 
stellung nicht förderlich. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als daß ich mich wie in 
einem Katalog im wesentlichen auf die Angabe des Tatsächlichen beschränke, hier und 
da ein paar aphoristische Bemerkungen einstreue und die Probleme kurz formuliere, 
ohne auf ihre Lösung näher einzugehen. 

Die Taf. 11 abgebildete Darstellung vom Raub des Chrysipp nimmt die eine 




Abb. 2. Teilansicht des Kraters im Museum zu Neapel (zu Taf. 1 1). 



Seite des oberen Bauchstreifens einer Ruveser Amphore im Neapler Museum ein; 
HeydemannVasens. 1769, Overbeck a. a. O. S. 7. Sehr verwandt ist die Darstellung 
desselben Vorgangs auf der berühmten pränestinischen Cista Barberini, Mon. d. 
Inst. VIII tav. 29, 30 (darnach Wien. Vorlegebl. 1889 Taf. VIII 2); vgl. G. Matthics, 
Die pränest. Spiegel S. 71 Abb. 10, Heibig 3 II S. 3i8f. Nr. 1768 a. Laios entführt 
Chrysippos auf seinem Viergespann; der Pädagoge des Knaben macht den aus- 
sichtslosen Versuch, dem Räuber seine Beute abzujagen. Auf der Cista wird er dabei 
von einem Spielkameraden des Chrysippos, vielleicht einem seiner Brüder (Atreus ? ), 
und zwei Hunden unterstützt. Von diesen ist auf der Vase nur der eine übrig ge- 



C. Robert, Chrysippos und Antigone auf apulischen Vasen. 1 7 1 

blieben, aber an andere Stelle, unter das Viergespann, versetzt, wo er sich an einer 
erbeuteten Schlange ergötzt, zugleich aber, durch das Herandonnern des Wagens 
ängstlich geworden, den Schwanz zwischen die Beine kneift. Während auf der 
Cista nur eine hinter dem Pädagogen angebrachte Taube andeutet, daß Aphrodite 
dem Knabenräuber huldvoll gesinnt ist, arbeitet der Vasenmaler mit einem viel 
größeren erotischen Apparat. Ein Eros führt den rechten itapa'ssipo? am Zügel, ein 
Eros bringt Chrysippos Kranz und Tänie, und der Knabe ist durch seinen Anblick 
und die Geschenke so hingerissen, daß er bewundernd zu ihm aufblickt und des Päd- 
agogen ganz vergißt, nach dem er auf der Cista hilfeheischend die Arme ausstreckt 
(vgl. auch Taf. 12). Aber auch Aphrodite selbst ist gegenwärtig. Neben einer weib- 
lichen Herme ") sitzend, auf deren Haupt sie den Ellbogen stützt, weist sie mit ge- 
lassener, aber eindrucksvoller Handbewegung den verfolgenden Pädagogen zurück. 
In der Rechten hält sie einen Ball: otpatpirji Ssuxs (xs i:opcpup£ifji ßctXXtuv j^puooxojxrj« 
'Epto; xtX. Den kurzen, keulenartigen Gegenstand auf der Plinthe der Herme vermag 
ich nicht zu deuten. Ein Thyrsos, als welchen ihn Heydemann beschreibt, ist es 
gewiß nicht. Der Platz dieser Herme wird auf der Ciste durch eine ionische Säule 
eingenommen, die wohl das Ende des Hippodroms, die vuaaa, bezeichnen soll. Statt 
sie zu umfahren, fährt Laios über sie hinaus und bricht so aus den Schranken des 
Hippodroms, so daß dem Pädagogen seine Absicht, den Knaben zu entführen, klar 
wird. Hat auf der Vase die Herme dieselbe Bedeutung wie die Säule auf der Ciste .? 
Man könnte an die von Hesych bezeugte 'A<spo5iTifj ' luitoSajisia erinnern, so daß sich 
die Göttin hier wieder einmal auf ihre eigene Herme stützen würde; weiter daran, daß 
in historischer Zeit auf der einen vutJd« des olympischen Hippodroms ein Erzbild der 
Hippodameia stand toiiviav xe lynnaoi xal dvaSeiv tov IlsXoTca (xsXXouaa itiX t^i vi'xiji 
(Paus. VI 20, 19), natürlich nur als Analogen, denn zur Zeit des auf der Vase dar- 
gestellten Vorgangs ist die Heroine Hippodameia noch am Leben. Aber das alles 
hieße dem Vasenmaler viel zu große Gelehrsamkeit zutrauen. Denn allem 
Anschein nach gibt doch die Cista die Vorlage getreuer wieder als die Vase, so daß 
die Aphrodite auf Rechnung des Vasenmalcrs kommt. Nur daß die Herme tat- 
sächlich die der Aphrodite ist, scheint mir der Erwägung wert. Als Kontrastfigur zu 
Aphrodite ist links der jugendliche Pan mit Keule und Syrinx ^) angebracht. 

Die hier dargestellte Sagenversion berichtet kurz und bündig Apollodor III 44, 
Amphion und Zethos töv jiIv Auxov xTeivouai . . . Aat'ov 8e dSeßaXov. 6 8k ht FleXoirov- 
v-^Stot SiaxsXöiv irijevouxat OeXom, xal xouxou TcaTöa Xpilaiitirov otpftaToSpopiEtv SiSotaxwv IpaaÖEk 
dvapiraCsi. Daß dies ein Tragödienstoff ist, liegt auf der Hand; fraglich ist nur, ob es 
der des 410 zugleich mit Ofvoixao? und Ooividaai aufgeführten XpuaiTrTro; ist, was 
Welcker annahm, Wilamowitz aber bestreitet. 

•) Vgl. die Herme auf der Perservase. Schwanken haben sich Lübke und Rodenwaldt 

2) Da hier ein überschmierter Bruch durchgeht, Heß für letzteres entschieden. Dieser hat aber jetzt 

sich nach der Photographie nicht mit Sicherheit an dem Original festgestellt, daß alle Röhren 

feststellen, ob die Röhren der Syrinx von gleicher gleich lang sind, die Syrinx also die ältere Form 

oder ungleicher Länge sind. Nach langem hat. In diesem kleinen Detail bedarf also Lübkes 

Zeichnung der Berichtigung. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 14 



172 



C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen. 



Die Taf. 12 abgebildete Paralleldarstellung findet sich auf einer Amphora 
derselben Form im Berliner Museum, und zwar gleichfalls im obersten Bauchstreifen, 
Furtwängler, Vasenkat. 3239, Gerhard, Apul. Vasen Taf. VI. Hier nimmt statt des 
Pädagogen Vater Pelops selbst die Verfolgung auf, und da sein Trabant dem Gespann 
von vorn in die Zügel fällt, hat es fast den Anschein, als ob ihm die Befreiung seines 
Sohnes gelingen werde, der denn auch hier die Arme hilfeheischend zu ihm zurück- 
streckt, wie auf der Barberinischen Cista nach dem Pädagogen. Und in der Tat liest 
manÄhnhches beiHygin fab. 85, wo aber Pelops, um seinen Sohn wiederzugewinnen, 
einen förmlichen Krieg führt [hello recuperavit), und bei dem sogenannten Dositheos in 
Pseudo-Plutarchs kleinen Parallelen 33. Aber bei näherem Zusehen erkennt man, daß 
beide Male das Motiv nur eingeführt ist, um zwei absolut unvereinbare Sagenversionen 
gewaltsam miteinander zu verknüpfen, die Entführung des Chrysippos durch Laios, 
die unbedingt mit dem Selbstmord des geschändeten Knaben enden muß (Ael. nat. an. 
VI 15), und seine Ermordung durch seine Brüder Atreus und Thyestes. Die Befreiung 
des Chrysippos aus den Armen des Laios ist also nichts wie ein Produkt jämmerlich- 
ster Mythenklitterung, Pelops' Befreiungsversuch auf der Vase muß ebenso ver- 
geblich sein wie der des Pädagogen auf den beiden anderen Repliken '). Das beweist 
auch der mit Kranz und Tänie auf Chrysippos zufliegende Eros, das genaue Abbild 
der entsprechenden Figur auf der Neapler Vase. War es schon an sich kaum glaub- 
lich, daß auf dem Berliner Exemplar eine andere Sagenform befolgt sein sollte wie 
auf dem Neapler, durch diese beiden Vasen gemeinsame Figur wird die Sache ent- 
schieden. 

Eine Amphora ganz derselben Form, derselben Provenienz und derselben Fabrik 
ist es endlich, die die Taf. 13 abgebildete Antigonedarstellung enthält, wieder im 
obersten Bauchstreifen, Furtwängler, Vasenkat. 3240, Gerhard, Apul. Vasen Taf. XI, 
darnach Arch. Zeit. 1870 Taf. 40, i, Wien. Vorlegebl. 1889 Taf. IX 12 u. ö. Die richtige 
Benennung der Figuren hat Heydemann auf Grund der von ihm zuerst publizierten 
Ruveser Antigonevase gegeben ^), auch erkannt, daß hier dieselbe Tragödie illustriert 
wird, deren Inhalt Hygin fab. 72, allerdings seiner Gewohnheit nach mit manchen 
fremden Zutaten, wiedergibt. Darnach ist der Moment dargestellt, wo Herakles den 
König Kreon um Gnade für Haimon und Antigene bittet. Haimon hatte Antigone, 
statt sie nach seines Vaters Befehl zu töten, heimlich auf dem Lande verborgen ge- 
halten; sie hat ihm einen Sohn geboren, der bei den Knabenwettspielen in Theben 
den Sieg errungen und von Kreon an dem Muttermal der Sparten, der Lanze, als 
sein Enkelkind erkannt worden ist. Antigone wird vor den König geführt; sie soll 



') Auf einer vierten Replik, einer Vase der Samm- 
lung Pulzky (Wien. Vorlegebl. VI 11, 2), die 
übrigens die älteste erhaltene Illustration des 
Vorgangs ist, beschränkt sich die Darstellung 
auf das Viergespann des Laios und Chrysipp und 
im Hintergrund dessen klagende Mutter. 

*) Abgeb. Nacheuripideische Antigone, darnach 
Arch. Zeit. XXVIII 1870 Taf. 40, 2. Besser, aber 



keineswegs gut, Mon. d. Inst X tav. 27, darnach 
Wiener Vorlegebl 1889 Taf. IX 12 ti. ö. Hinzu- 
gekommen ist das wichtige Karlsruher Fragment 
Hauser, Arch. Zeit 1884 Taf. 19, darnachWiener 
Vorlegebl. Ser. E Taf. VI 3, Schumacher, d. Z. 
IV 1889 Taf. 7 Nr. 227 f. Winnefeld, Vasen- 
sammlung in Karlsruhe S. 62, und am besten 
A. Winkler, Darstellungen der Unterwelt S. 30, 35 



und Aus der Anomia S. 149. 



C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen. . lyt 

mit ihrem Gatten Haimon des Todes sterben. Da kommt als deus ex machina, 
aber als einer, der noch auf Erden wandelt, Herakles, um für sie zu bitten. Auf dem 
Bilde sehen wir den Sohn des Haimon von seinem Großvater weg auf seine gefesselte 
Mutter zuschreiten, während er auf dem Ruveser Exemplar hinter Kreon steht. 
Rechts finden wir in tiefer Niedergeschlagenheit seinen Vater Haimon. Hinter dem 
König steht sein Doryphoros, dem der Übermaler in die gesenkte Rechte einen 
Kranz gegeben hatte, der sich jetzt als ein Pilos {?) entpuppt hat. 

So weit ist wohl alles gesichert. Nur zweierlei ist kontrovers. Erstens ob die 
Geschichte so ausging wie bei Hygin, daß Herakles' Bitte erfolglos bleibt: cum 
Hercules pro Haemone deprecaretur, ut ei ignosceret, non impetravit. Kann man sich 
eine solche vergebliche Bitte des xaXXivuo? schon an sich schwer vorstellen, so ist 
es doch geradezu absurd, daß sich ein Künstler einen solchen Mißerfolg des Zeus- 
sohnes zum Gegenstand seines Gemäldes gewählt haben sollte. Bei Hygin erklärt 
sich das Paradoxon daraus, daß er ähnlich wie in der oben besprochenen Chrysipp- 
fabel Konkordanz zwischen zwei unvereinbaren Sagenformen herstellen wollte; 
denn er fährt fort : at Creon Megaram filiam suam Herculi dedit in coniugium, wodurch 
dieser sein Erbe wird, vgl. fab. 32. Da mußte freilich Haimon aus der Welt geschafft 
werden. Nach Sophokleischem Vorbild läßt ihn der Mythograph sich selbst um- 
bringen. 

Die zweite Kontroverse ist, ob diese Tragödie die 'AvtqovT) des Euripidcs oder 
ein Drama des vierten Jahrhunderts ist. Für die zweite Alternative sind nach Heyde- 
mannsVortritt sehr viele Forscher, zuletztPaton, Harvard StudiesXH, 1901, p. 267 ff., 
und Bruhn in der Einleitung zu seiner vorzüglichen Neubearbeitung von Naucks 
Antigone -Ausgabe S, 28 £f. eingetreten, für die erste Max. Mayer, De Euripidis 
mythopoeia p. 73, und, im wesentlichen ihm folgend, Huddilston, Americ. Journ. of 
Archaeology HI, 1899, p. 183 ff. Die Entscheidung hängt von der Interpretation 
der Worte des Aristophanes von Byzanz in der Hypothesis zu Sophokles' Antigone 
ab, zu der vor kurzem Th. 0. H. Achelis im Philologus LXXHI 1914 S. 150 gute 
Bemerkungen veröffentlicht hat. 

Halle a. S C. R o b e r t. 



174 



G. Lippold, Zum famesischen Stier. 



ZUM FARNESISCHEN STIER"). 

W. Klein hat kürzlich nachzuweisen versucht, daß unter den kampanischen 
Wandgemälden fast gar keine Kopien älterer, »klassischer« Bilder vorhanden seien, 
daß eine große Anzahl überhaupt keine malerischen Vorlagen, sondern Werke der 
Plastik nachbilde. Von den Gründen für diese Behauptung, die sich großenteils leicht 
widerlegen lassen, soll hier nur ein scheinbar besonders schlagender betrachtet werden. 
»Daß auch das Bild des Vettierhauses, die Bestrafung der Dirke (Herrmann Taf. 43), 
von dem Original des Toro Farnese abstammt, das er mit ähnlicher Freiheit malerisch 
umgesetzt hat, hat meines Erachtens Herrmann gegen Sogliano und Mau vergebens 
in Abrede zu stellen versucht.« 




Abb. I. Detail von einer etruskischen Aschenurne. 

Bei Erörterung dieser Frage ist auffallenderweise ein schon lange bekanntes 
Monument nicht in Betracht gezogen worden, das die sicherste Entscheidung gibt: 
eine etruskischc Aschenurne (Abb. i) ^), die von dem Werke des ApoUonios und 
Tauriskos gewiß nicht abhängig ist, da sie älter ist als dieses 3). Hier ist die Gruppe 
schon wesentlich in der späteren Fassung vorhanden. Daß auf der Urne der eine 
der beiden Brüder Flügel bekommen hat (auf der fragmentierten Wiederholung 
fehlen sie), kann bei dem Charakter dieser Reliefs nicht auffallen, ebensowenig wird 



l) Studniczka, Zeitschr. f. bild. Kunst XIV (1903), 
171 ff. — Klein, Österr. Jahresh. XIII 1910, 123 ff. 
(vgl. bes. 147). — Rodenwaldt, Komposition der 
pompeian. Wandgemälde 219 ff. — Herrmann- 
Bruckmann Taf. 43. — Während des Druckes 
ist erschienen die Dissertation von H. Schaal, 
»De Euripidis Antiopa«, wo die Urnen bereits 



richtig verwertet sind; verfehlt scheint mir da- 
gegen die Polemik gegen Studniczka. 

») Brunn-Körte, Urne etrusche II, tav. IV, I. 
Ebenda Nr. 2 eine fragmentierte Wiederholung. 

3) Zur Datierung der Urnen: Körte, Das Volumnier- 
grab S. 33. Tosi, Studi e Material! IV p. 35 
Anm. 110.. 



G. Lippold, Zum famesischen Stier. lyc 

man die nackte Frau links, mit der Antiope gemeint sein wird, zur ursprünglichen 
Komposition rechnen. Das Relief beweist die Existenz einer derartigen Komposi- 
tion — und zwar wahrscheinlich in Malerei — vor ApoUonios und Tauriskos. Ver- 
gleichen wir nun das pompeianische Bild einerseits mit dem Urnenrelief, andererseits 
mit der zu erschließenden ursprünglichen Fassung der plastischen Gruppe '), so kann 
kein Zweifel sein, welchem von beiden Typen das Gemälde zuzuweisen ist: es stellt 
sich entschieden zu dem Urnenrelief: mit ihm teilt es das Vorwärtsschreiten des 
Amphion, während er in der Gruppe noch bemüht ist, den Stier zurückzuhalten. 
Zethos wendet in der Gruppe dem Beschauer den Rücken und packt Dirke bei den 
Haaren, seine Rechte ist hoch erhoben (vgl. Abb. 2); auf Urne und Gemälde erscheint 
er mehr von vorn und ist beschäftigt, die um den rechten Arm der Dirke geschlungene 
Fessel straffer anzuziehen. Diese Übereinstimmungen können nur erklärt werden, 
wenn auch das Bild von der älteren Vorlage abhängig ist, die dem Relief zugrunde 
liegt. Diese ältere Komposition haben auch ApoUonios und Tauriskos benutzt, 
natürlich mit größerer Freiheit, da sie ja etwas Neues schaffen wollten und zudem die 
Umsetzung in die Rundplastik manche Abweichungen 
nötig machte. 

Es bestätigt sich somit die von Herrmann und Ro- 
deawaldt aus inneren Gründen angenommene Priorität 
der malerischen Komposition. Diese aus den vor- 
handenen Wiederholungen auch nur in dem Maße herzu- 
stellen, wie es bei der plastischen Fassung möglich ist, 
wird nach dem Charakter jener Wiederholungen nicht 
gehngen können. 

Die Verfertiger der Urnen verfügen über ein so be- 
schränktes Können und haben von ihren Vorbildern Abb. 2. Paste der Sammlung Amdt 
offenbar nur so ungenügende Skizzen besessen, daß wir 

zufrieden sein müssen, wenn wir hier eine Komposition nur in den gröbsten Umrissen 
wiedererkennen. Die pompeianischen Bilder andererseits, soweit ist Kleins Ansicht 
begründet, können in keinem Falle als Kopien in dem Sinne betrachtet werden wie 
die Masse der Marmorkopien. So scheint bei dem Dirkebild z. B. die Lage der Dirke 
verändert zu sein: denn sowohl die Urnen wie die plastische Komposition geben sie 
mit dem Kopf nach der Seite des Amphion zu. Bei der Ungenauigkeit der Kopien 
wird man bei der Datierung des Vorbildes sehr vorsichtig sein müssen. Rodenwaldt 
schheßt: das Dirkebild ist Pendant zu dem Pentheusbild desselben Zimmers (Herr- 
mann- Bruckmann Taf. 42), letzteres hat seine nächsten Analogien am pergamenischen 



') Zu den antiken Wiederholungen ist hinzuzufügen Gemme bei Jahn, Archäol. Beiträge Taf. III 3 

eine Paste der Sammlung Arndt (hier Abb. 2), (»Berlin« - — in Furtwänglers Katalog nicht auf- 

die trotz einiger Flüchtigkeiten (der linke Arm geführt; Cades III B. 90) antik ist, weiß ich 

der Dirke ist nicht angegeben, ebensowenig der nicht; sie stimmt mit keiner der beiden Fassungen 

des Zethos) die Gruppe gut wiedergibt; wichtig genau; eher stellt sie sich noch zu der des Vettier- 

ist der hocherhobene Arm des Zethos. — Ob die hauses. 




I ^5 ^- Lippold, Zum famesischen Stier. 

Altar, folglich ist die Vorlage pergamenisch. Dagegen hat v. Salis ') mit Recht ein- 
gewendet, daß die Übereinstimmung des Pentheusbildes mit dem Altarfries sich 
dadurch erklärt, daß bei diesem die Malerei des 5. Jahrhunderts ausgenutzt ist und 
das Pentheusbild ebenfalls ein Werk des 5. Jahrhunderts reproduziert. Die Ähnlich- 
keiten in der Komposition mit dem Dirkebild sind aber keineswegs zwingend und 
werden noch bedeutungsloser, wenn man erwägt, daß die beiden Bilder im Vettier- 
haus gar keine Pendants sind: das zeigt die Abbildung bei Herrmann S. 52 Fig. 13: 
das Pentheusbild liegt dem Eingang gegenüber, während zu beiden Seiten, als Gegen- 
stücke, das Herakles- und das Dirkebild angebracht sind. Endhch haben wir eben 
bemerkt, daß die Lage der Dirke wahrscheinlich gegenüber dem Original verändert 
ist. Dann fällt für die Originale eine wichtige Parallele der Komposition weg. Das 
Pentheusbild darf also für die Datierung des Dirkebildes nicht herangezogen werden. 
Dieses werden wir nach der starken Tiefenentwicklung frühestens in das spätere 
4. Jahrhundert setzen. 

Das Dirkebild ist nicht das einzige Beispiel der Wiederkehr der nämlichen Kom- 
position auf pompeianischen Bildern und etruskischen Urnen. Herrmann publiziert 
Taf. 12 seines Werkes ein Exemplar einer zweimal, beidemal unvollständig erhalte- 
nen Darstellung, die er, Brunn folgend, auf die Entführung der Helena deutet. Unter 
den Gründen für diese Erklärung hat er jedoch den entscheidenden, schon von Brunn *) 
gefundenen, nicht angeführt: die Komposition entspricht, nur im Gegensinne, einem 
häufig wiederkehrenden Bilde etruskischer Urnen 3), bei denen die Deutung völlig 
sicher ist. Auch hier erscheint Helena, zögernd, von einem Manne und einem Kinde 4) 
geführt, auf das Schiff zuschreitend; hinter ihr Begleiter des Paris. Von den Leuten 
im Schiff streckt der eine die Hand aus. Paris selbst sitzt auf einem Schemel, aber 
nicht in, sondern vor dem Schiff; es ist möglich, daß die etruskischen Künstler hier 
ihre Vorlage geändert haben, weil sie zu schwierig wiederzugeben war. Die Ähnlich- 
keit der Hauptgruppe ist ausschlaggebend für die Zurückführung des pompeianischen 
Bildes auf die gleiche Vorlage. Daraus folgt weiter, daß der Mann, der Helena ge- 
leitet, nicht, wie Herrmann wollte, Paris sein kann; dieser ist weiter rechts, in oder 
vor dem Schiff sitzend, anzunehmen. Daß sich die Darstellung im Gegensinn wieder- 
holt, ist nicht auffällig: eine Parallele dazu bietet die Darstellung des Abschieds des 
Theseus von Ariadne, die v. Sahs und Hauser mit Sicherheit auf ein griechisches 
Original der Wende vom 5. zum 4. Jahrhundert zurückgeführt haben 5). Hier gibt 
das älteste Zeugnis, die unteritalische Vase, das Schiff des Theseus auf der Unken 
Seite des Bildes, während die späteren *), die pompeianischen Bilder 7), das Relief 
im Vatikan und die Sarkophage, das Schiff auf der rechten Seite, die ganze Kom- 

•) Arch. Jahrbuch XXV 1910, 144. «) Die von v. Salis a. a. O. S. 138 Abb. 5 abgebildete 

') Kleine Schriften III, S. 91. attische Scherbe zeigt Theseus nach rechts eilend ; 

3) Brunn-Körte, Urne I, tav. XVII ff. doch ist die Lage der Ariadne anders, und auch 

4) Auf den Wandbildern ein Mädchen, auf den Urnen Hypnos ist von Theseus abgewandt, 
regelmäßig ein Knabe. 7) Bei Herrmann- Bruckmann Taf. 16 ist auch die 

5) V. Salis, Arch. Jahrb. XXV 1910, 138 ff. Hauser, Figur der Athena aus dem Original übernommen, 
Furtwängler-Reichhold III S. 104 ff. wie die Vase beweist, nur dem späteren Ge- 
schmack entsprechend, schwebend abgebildet. 



G. Lippold, Zum famesischen Stier, 



177 



Position im Gegensinne zeigen'). Hier wird man bei dem noch selbständigen Vasen- 
maler am ehesten eine Änderung annehmen, die kaum voneinander abhängigen 
späteren Zeugen für treuer halten. Diese Komposition gibt uns zugleich ein weiteres 
Zeugnis für die Benutzung älterer Gemälde in der pompeianischen Malerei, also 
gegen Kleins Theorie. 

Das Ergebnis unserer Betrachtung des Dirkebildes legt nahe, auch das ver- 
wandte Problem des Laokoonbildes vom neuem zu erwägen. Man ist jetzt vielfach 
der Ansicht, alle römischen Laokoondarstellungen seien von der Gruppe abhängig *). 
Dabei muß man für das pompeianische Bild ein besonderes, »römisches« Original 
annehmen, von dem — direkt oder indirekt — wieder Filipino Lippis Zeichnung be- 
einflußt wäre 3). Nun steht es fest, daß schon in sehr viel älterer Zeit die Laokoon- 
geschichte künstlerische Darstellung gefunden hat. Es würde auch sehr gut zu dem 
Charakter der späthellenistischen Kunst passen 4), wenn die Künstler des Laokoon 
ein älteres Gemälde in ihrer Gruppe benutzten. War ein solches vorhanden, so wird 
man nach Analogie des Dirkebildes annehmen, daß die römischen Maler auch bei den 
Laokoondarstellungen nicht der plastischen, sondern der malerischen Vorlage folgten. 
Dieser dürfen wir natürlich nicht das Beiwerk, namentlich den Hintergrund, zu- 
schreiben. Dagegen ist der durch die Situation eigentlich geforderte und sehr charak- 
teristische Stier, wie auch Rodenwaldt gesehen hat, gewiß dem Original entnommen. 
Genauer läßt sich dieses allerdings bei der Dürftigkeit der Nachbildungen nicht 
rekonstruieren. 

Der enge Zusammenhang, in dem die Komposition einer ganzen Reihe von 
römischen Wandbildern mit Werken anderer und zum Teil älterer Kunstgebiete steht, 
und auf den hier in einigen Beispielen hingewiesen werden sollte, ist ein zwar sicherer, 
aber doch nur äußerhcher Beweis für die von Klein so mit Unrecht angezweifelte Ab- 
hängigkeit dieser Kunst von der klassischen Malerei: wichtiger ist die nicht so strikt 
zu beweisende Erkenntnis, daß unter aller römischen und zum Teil provinzialen Ver- 
gröberung durch die Hand der kampanischen Dekorationsmaler in diesen Werken 
soviel künstlerisches Gut der großen griechischen Kunst durchschimmert, daß es sich 
lohnt, immer wieder die Ausscheidung des Echten zu versuchen — auf die Gefahr hin, 
weit unsicherer zu gehen und weit schwerer zu irren als auf dem Gebiete der Kopien- 
forschung in der Plastik. 

München. GeorgLippold. 



') Eine Ausnahme macht nur das rohe Relief 'Etpirjfi. 4) Wenn Tosi (Studi e Materiali IV, p. 28 f.) mit 



dipy. 1896, Taf. 5, das, worauf mich Prof. Wolters 
aufmerksam macht, ebenfalls unsere Komposition 
nachbildet 

') Dagegen Rodenwaldt S. 263 ff. 

*3) Daß diese auf das gleiche Vorbild zurückgeht, 
haben Foerster und Rodenwaldt mit Unrecht 
geleugnet. Die Abweichungen bei dem natürlich 
nicht einfach kopierenden Renaissancekünstler 
fallen gegen die Übereinstimmung in Hauptzügen 
nicht ins Gewicht. 



Recht auf einer etruskischen Urne (Brunn Tav. 
XLVII, 26) die Wiederkehr des Motivs der Kopen- 
hagener Iphigeniengruppe (Studniczka, Winckel- 
mannsblatt 1912) erkannt hat, wäre auch für 
diese die Abhängigkeit von einem älteren Gemälde 
wahrscheinlich gemacht: denn die Gruppe kann 
aus stilistischen Gründen kaum vor das 2. Jahrh. 
V. Chr. datiert werden, ist also vielleicht jünger als 
die Urne. Doch ist die Übereinstimmung nicht 
genau genug, um zum Beweis dienen zu können. 



DAS PFERD IM TOTENGLAUBEN. 



Die wachsende Einsicht, daß das homerische Epos für die Götterwelt der 
Hellenen keinen Anfang, sondern in mancher Hinsicht einen Bruch mit älteren Vor- 
stellungen bedeutet, hat den Blick von den Menschengöttern Homers auf die alten 
mutterländischen Kulte zurückgelenkt und dort den Ursprüngen der religiösen 
Begriffsbildungen nachzufragen gelehrt. Alte, noch im Stadium einer theriomorphen 
Religion wurzelnde Verbindungen zwischen Poseidon und der Erdmutter, uns greif- 
bar vor allem in dem meerabgeschiedenen Arkadien, ließen einen chthonischen Gott 
erkennen, der im Boden die Erde erschütterte, dann wieder ihm den Segen in Saat 
und Quell entsprießen ließ '). Erst von Küstenbewohnern oder eher durch die Kolo- 
nisation über Meer wurde der Herr der süßen Wasser zum Gebieter auch der Meeres- 
flut, die doch seit alters der ötXio; -(ipmv (A 538, 2 141) und die Töchter des Nereus 
bevölkerten und die alte Genossin des Triton. 

Als ein in der Erdtiefe waltender Gott steht Poseidon naturgemäß dem Unter- 
weltsgebieter nahe, den wir mit seinem umfassendsten Namen Hades nennen. Er- 
schüttert Poseidon die Erde, so fürchtet Hades, die Strahlen der Sonne möchten 
in sein Reich einbrechen; so rückt noch das Epos (Y 54 ff.) die beiden Götter in 
enge Nähe.' Alte Genealogien und Alternationen in den gleichen Sagen ver- 
binden den einen Gott aufs nächste mit dem anderen; verständlich werden sie, wenn 
man vom chthonischen Poseidon ausgeht; sie datieren sich daher in vorhomerischc 
Zeit hinauf. 'Ev IluXu) iv vsxusaat wird Hades von Herakles in der Ilias (E 395 ff-) 
verwundet; für Hades tritt bei Hesiod (Rzach frg. 33) eine speziellere Ausdrucks- 
form des Unterweltsherrn ein, Neleus, der Erbarmungslose^): bei Pindar (Olymp. 
IX 30 ff.) kämpfen mit sichtlicher Verdoppelung im gleichen Kampfe Poseidon und 
Hades Schulter an Schulter. Nun heißt Neleus selber Sohn des Poseidon (X 235 ff.); 
des Neleus gewaltigster Sohn, wiederum Herakles' Gegner, ist der Unterweltsherr 

') Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad. 1906, 67, Kultur), Bresl. 1906. Weitere Literatur Kyrenc 

Griech. Trag. III 70; die erste ausführlichere Be- 120, i. Auch Furtwängler Samml. Sabouroff 

gründung bei O. Hoffmann, Poseidon (84. Jahres- I 25, 36 weist kurz auf den ursprünglich chthoni- 

bericht der Schlesischen Gesellsch. für vaterländ. sehen Charakter des Poseidon hin. 

») S. unten S. 188. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. I^ 



i8o 



L. Malten, Das Pferd im Totenglaubea. 



(Peri)klymenos'); und dieser heißt in anderen Genealogien Sohn des Poseidon*) und 
empfängt von Poseidon die Gabe, sich in die mannigfachsten Gestalten zu ver- 
wandeln, eine Gabe, die noch der neugriechische Todesgott Charos besitzt 3). Sie 
alle, Poseidon, Hades, Neleus, Periklymenos variieren in dieser Sage in verschiedenen 
Ausdrucksformen den gleichen Begriff des Unterweltsherrn 4) ; Poseidon ist unter 
ihnen die Gestalt mit dem umfassendsten Wesensgehalt; daher er hier und sonst 
genealogisch als der 'Vater' erscheint. In der kyrenäischen Sage sind der 'Herr der 
weiten Höllentore', Eurypylos, und 'der, den man nur mit frommem Schauder 
nennt*, Euphemos, Poseidonsöhne; ihre Sage spielt am Tainaronkap, wo zugleich 
Poseidon und Hades wohnen 5). ErichthoniosErechtheus, der 'gewaltige Herr der 
Chthon' (unten S. 1^9 f.), verbindet sich auf der Akropolis mit dem Poseidon im 
Burgfelsen zu einer Gestalt. Erginos von Orchomenos ist Sohn des Poseidon *) oder 
des Klymenos 7), ebenso entstammt Idas bald dem Poseidon *), bald dem Klyme- 
nos 9), Nykteus dem Poseidon •") oder dem Chthonios"); Hyperes ist Sohn des 
Poseidon") oder desMelas'3). Chthonios gilt als Poseidonsohn '4), der 'Allauf nehmer' 
(Polydektes) '5) ist Sohn des Poseidon ^^); durch Vermittelung des (fremdländischen) 
Chrysaor ist der Unterweltsgott Geryones '7) Enkel des Poseidon. In Koroneia 



') HesiodRz. frg. Ii2b (Wilamowitz Herrn. XXXIII 
1898, 522) Klymenos selbständiger Unterwelts- 
gott in Hermione (Lasos bei Athen. 624 E), an 
der Seite der Chthonie (Paus. II 35, 9), die Lasos 
Köre nennt. Periklymene Mutter des 'Unbe- 
zwinglichen' (Admetos) im Argonautenkatalog 
bei Hygin Fab. 14. IlEpixX'jficvo; 6 nXoixtuv 
Hes. s. V. 

') Sohn des Poseidon Pindar Pyth. IV 173 ff. (Eurip. 
Phoen. 1163 K.) und der Chloris (Schol. Pind. 
Nem. IX 57 ff.); über letztere unt. S. 188; 
über die ursprüngliche Einheit der beiden Peri- 
klymenoi der Sage Wilamowitz, Aischylos, Inter- 
pretationen 102, 2. 

3) Hesiod a. a. 0. Periklymenos verwandelt sich in 
Adler (so auch Hygin Fab. 10), Ameise, Biene und 
Schlange. In neugriechischen Volksliedern ver- 
wandelt sich Charos in Schlange, Adler und 
Schwalbe (B. Schmidt, Volksleben der Neugriech. 
228, 231). In einem von Radermacher Jenseits 
:io, 2 angezogenen Beleg im Testamentum 
Abraham wandelt sich Sävatot in mannigfache 
Gestalten, auch die wechselnde Gestalt der Empusa 
(Aristoph. Frösche 288 ff.) gehört in diesen 
Zusammenhang. 

4) Die Konsequenz, in diesen Sagen Poseidon als 
Meergott zu fassen, mußte zu Formulierungen 
führen, die den inneren Widerspruch in sich 
tragen, wie in Useners Satz 'Periklymenos, der 
ebenso gewiß zur Sippe des Poseidon gehört wie 



er seiner Benennung nach ein Hades ist' (Rhein. 
Mus. LIII 1898, 367 = Kl. Schrift. IV 295). 
Demzufolge mußte Usener auch den Neleus als 
den Verkörperer des 'Götterstromes' fassen 
(Göttern. 13, Rhein. Mus. a. a. O. 353, Stoff 
des griech. Epos 8) und den Neliden Nestor 
als 5Xto« ■^ipw'/ (Stoff des griech. Epos 8 f.). — 
Die nahen Beziehungen von Neleus zu Poseidon 
betonte bereits Wilamowitz Sitzungsber. Berl. 
Akad. 1906, 67; 1910, 389, 2, Götting. Anz. 
1914, 71 f. 
5) Kyrene 120 f. 
') Apoll. Rhod. I 185 ff. 

7) Pind. Olymp. IV 19. In der Erginossage wird 
Klymenos im Poseidonhain zu Onchestos ver- 
wundet (Apd. Bibl. II 67). 
') xaxi roXXoi; Apd. Bibl. III 117. 
9) Parthen. Narr. amat. 13. 

'") Sohn des Poseidon Hyg. Astron. 2, 21, Fab. 157, 
Enkel des Poseidon Apd. III in. 

") Apd. Bibl. III 40. 

") Paus. II 30, 8. 

■3) Pherekydes FHG I 86, 55. 

'.) Diod. 5, 5-, 1. 

'5) Homer. Hymn. auf Demeter 9 nennt den Hades 
TtoKij^ixTTji, 17, 430 iroXuS^Yfiiov. 

■') Tzetz. Lyk. 838, Abkömmling Poseidons bei 
Pherekydes Schol. Apoll. Rhod. IV 1091. 

•;) Wilamowitz Herakl. » I 65, zuletzt Weicker P.-W. 
VII 1289. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



I8l 




entspricht die Kultverbindung zwischen Hades und Athene der sonst gewöhnlicheren 

zwischen Poseidon und Athene '). 

Es war nötig, die engen Beziehungen, die zwischen den beiden Göttern be- 
stehen, so, daß der eine für den anderen eintreten kann, kurz zu charakterisieren, 

damit es nicht mehr als Zufall 

erscheine, daß die beiden yßovioi 

von allen männlichen Göttern der 

Hellenen eine engste und gemein- 
same Beziehung haben: die zum 

Pferde. 

Bei Poseidon reicht diese 

Verbindung in die vorhomerische 

Periode des Gottes zurück. Nicht 

nur erscheint er in Lokalsagen in 

mannigfachen Variationen als 

Schöpfer, Vater, Geber des Rosses, 

empfängt er Pferdeopfer und führt 

die mannigfachsten vom Pferde 

abgeleiteten Epitheta, werden ihm 

zu Ehren Wagenwettkämpfe ge- 
feiert, fährt er selber zu Wagen 

oder reitet zu Pferde (Abb. 1,2)2); 

alte binnenländische Sagen führen den Hippios selbst in Gestalt des Rosses 

ein. Es sind die bekannten Geschichten von Thelpusa (Paus. VHI 25, 5) und 

Phigaleia (Paus. VHI 42, i ff.), in denen 
Poseidon als Hengst der stutengestal- 
teten Demeter-Erinys 3) naht; nach der 
Sage von Thelpusa gebiert Demeter eine 
Tochter, wie natürlich, in Stutengestalt, 
als zweites Kind einen Hengst, Erion; 
für Phigaleia nennt Pausanias die Toch- 
ter nach jüngerer Auffassung (es ist 
Köre) menschengestaltet (VHI 42, i), 
während das dort angeführte delphische 
Orakel (§ 6) noch von der 'Göttin, die 
ein Füllen geboren hat', der miroXsj^r,? 

Abb. 2. Poseidon zu Pferde, auf korinthischem Tonpinax. Ar^O), spricht; das alte Kultbild der 



Abb. 



Poseidon und Amphitrite zu Wagen, auf korin- 
thischem Tonpinax. 




') Strabon 411; Gruppe Griech. Myth. 1139. 

') Auf korinthischen Tonpinakes des 6. Jahrhunderts 
(Arch. Jahrb. XII 1897, 21 Abb. 11 und 23 
Abb. 14; daher unsere Abb. i und 2.) Für das 
übrige genüge der Hinweis auf de Ridder Bull, 
de corresp. hellen. XXII 1898, 228 ff., Gruppe 
Griech. Myth. Il40ff., E. H. Meyer in Roschers 



Mythol. Lex. III 2822 ff., Nilsson Griech. Feste 
69 f., Farnell Cults of the Greek states IV 74. 
3) Von Interesse wäre es, wenn die thelpusische 
Kupfermünze mit Erion auf der einen, Demeter- 
kopf auf der anderen Seite (Abbild. Zeitschr. für 
Numismat. I 1873, 133, Journ. of hellen, stud. 
VII 106 Taf. LXVIII Nr. XXII, Head Hist. 

15* 



I82 



L. Malten, Bas Pferd im Totenglauben. 



Göttin mit Pferdekopf (§ 4) lehrt, daß auch hier theriomorphe Vorstellungen die ur- 
sprünglichen waren. Nicht anders hat auch die Sage in Lykosura gelautet, wo der 
Vater der Despoina den Namen Hippios trug (Paus. VIII 37, 10), wie denn auch am 
Gewandschmuck der Göttin neben anderen Tieren das Pferd erscheint '). Längst ist 
auch gesehen, daß die arkadische Sage, in der Rhea dem Kronos statt des Poseidon- 
kindes ein Füllen zu verschlingen gibt (Paus. VIII 8, 2, Schol. Vergil Georg. I 12), 
mit der Pferdegestalt des Gottes operiert^), ebenso daß noch im Epos ein Nachhall 
daran sich findet, wenn Antilochos ('t' 582 ff.), zu seinem Ahn Poseidon betend, die Hände 
auf die Häupter seiner Pferde legt 3). Vorausgesetzt wird die Roßgestalt Poseidons 
ferner in den Sagen, die von der Zeugung des Pegasos handeln; daß, wie zu fordern, 



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t;'i. ,, 





Abb. 3. Medusa auf böotischer Reliefvase. 



auch die Mutter des 'starken' Rosses Stutengestalt trug, lehrt ausdrücklich die böotische 
Reliefvase (Abb. 3)4), auf der Medusa mit Pferdeleib und Menschenkopf erscheint. In 
Verbindung mit dieser Darstellung erfordern jetzt einige Vasenbilder erhöhte Aufmerk- 
samkeit, auf denen umgekehrt die Göttin den Pf erdekopf trägt: ein altrhodischer Kylix 
(Abb. 4) 5), eine schwarzfigurige Berliner Schale (Abb. 5) '') und eine rotfigurigeNeapler 



num.' 456) als Halsbandschloß der Göttin den 
Kopf eines Pferdes aufwiese. Tierkopf ist wohl 
gesichert; nach einer gütigen Mitteilung Imhoof- 
Blumers,der mir auch einen Abguß zur Verfügung 
stellte, ist Pferdekopf wahrscheinlicher als Löwen- 
kopf; doch ist Sicherheit nicht zu gewinnen. 

') Cawadias Fouilles de Lycosura Taf. IV, S. 11, 
Ann. Brit. School 1906/7 Taf. 14, M. Bieber 
Photogr. des Instit. Athen II 356 nr. 6235, 
Reinach Rupert, de rel. II 424. Wenn die tzC~- 
via 8r)p(üv Pferdeköpfe in den Händen hält 
(Thompson Journ. of hellen, stud. XXIX 1909, 
289 fl.) ist hier das Tier nur eines unter den vielen, 
über die die Herrin der Natur gebietet. 

^) de Visser Die nicht menschengestalt. Götter der 
Griechen 50. 



3) Gruppe Griech. Myth. 1141, i. 

4) Böotische Reliefvase: de Ridder Bull, de corr. 
hellen. XXII 1898, 449, 453 f. Tafel IV/V (dar- 
nach Roschers Myth. Lex. III 2034 und uns. 
Abb. 3). Die Bedeutung dieser Darstellung in 
ihrem Wert erkannt von Wilamowitz Griech. 
Tragöd. II 227, ebenso bei Hannig, de Pegaso, 
Bresl. phil. Abhandl. VIII 1902, 3; 6. 

5) Rhodisches schwarzfig. Gefäß: C. Smith Journ. 
of hellen, stud. V 1884, 221 fl., 239 f., Tafel XLIII 
= Brit. Mus. Cat. 2 B, 380; darnach uns. Abb. 4. 

') Furtwängler Berlin. Vasenkatal. 1753; abgeb. 
Gerhard Griech. und etrusk. Trinkschalen Taf. II, 
III; Müller-Wieseler II 897; unsere Abb. 5 nach 
einer durch B. Schröder freundlichst vermittelten 
Photographie aus dem Berliner Museum. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



183 



Amphora (Abb. 6) '), auf der Medusa, auf einem Felsen sitzend, mit großem Pferde- 
haupt dargestellt ist. Auf allen drei Darstellungen ist, im Gegensatz zu der alten 




^.v:1^:f:fMN-*»,;|f: 





Abb, 4. Medusa auf altrhodischem Kylix 



Abb. 6. Medusa auf einer rotfigurigen 
Amphora in Neapel. 




Abb. 5. Medusa auf einer schwarzfigurigen Schale im Berliner Museum. 

Relief vase. Persans auf der Flucht; dem Mythos zufolge ist also die Enthauptung bereits 
geschehen^) und der Pferdekopf würde, im Sinn späterer Vasendarstellungen, als der 

') Heydemann Die Vasensammlungen des Museo Borbonico XIII Taf. 59; darnach (mangels besserer 

nazion. zu Neapel nr. 1767, abgeb. Real Museo Vorlage, die nicht zu beschaffen war) uns. Abb. 6. 

^) Auf der Berliner Schale ist mit dem Streifen am Hals wohl Blut angedeutet. 



184 L- Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



des Pegasos zu verstehen sein, der aus dem Halse der Meduse herauswächst. Der 
Augenschein unterstützt diese Deutung nicht: der Kopf scheint mehr oder weniger 
fest auf den Schultern der Göttin zu sitzen i). L ie böotische Reliefvase führt darauf, 
daß nach alter Tradition Medusa pferdegestaltig gedacht wurde und daß erst sekundär 
im Zusammenhang mit dem Perscusmythos man zwei Elemente der Sage, die alte 
Pferdegestalt der Göttin und die (normal erfolgte) Geburt des Rosses von den beiden 
roßgestaltetcn Göttern, dahin kombinierte, daß in wunderlicher Darstellung nach der 
Köpfung der Göttin aus ihrem Halse ein kleiner Pegasoskopf emporschoß, dem dann 
in weiterer Entwicklung ein kleiner menschengestalteter Chrysaor an die Seite gestellt 
wurde. Medusa, die Waltende, ist eine Ausdrucksform der Erdgöttin ^) (wie Poseidon 
selber Eurymedon ist 3); sie alterniert also in Wesen und Erscheinung mit der stuten- 
gestalteten Demeter-Erinys und der 'schwarzen Stute', Melanippe (unten S. ipSf.). 
In den Kreis ihrer 'Schwestern', der Gorgonen, die, aus apotropäischen Fratzen erst 
allmählich zu voller Menschengestalt entwickelt '^), das Dämonisch-Schreckhafte von 
Anbeginn an verkörpern, gehört die 'Weitwaltende' mit ihre.n umfassenderen Wesen 
nicht von vornherein hinein; doch konnte sie hineingezogen werden, da Medusa, 
wie jede Erdgottheit, gebend und nehmend, gnädig und zürnend ist; die Ent- 
wicklung führte wohl über die 'Gebieterin der Toten', wie denn die gespenstige 
Hekate, die auch ihrerseits zuweilen als Stute dargestellt wird 5), iraaijxsSouaot ^) 
heißt. Die Stutengestalt der Medusa war ihr gewiß schon eigen, bevor sie in den 
Gorgonenkreis eintrat?); nicht als Gorgone ist sie Stute; ihre Gorgonen- 
schwestern tragen auf den Bildwerken die Pferdegestalt nicht. — In der Erinnerung 
an die alte Pferdegestalt der Demeter treten schließlich die lakonischen Demeter- 
priesterinnen als TiujXoi auf 8). 

Die Sagen selbst lehren, was Wilamowitz zuerst scharf formuliert hat, daß 
der llo3£i5iüv, '\i:mo; Ersatz ist für den llocrsiStüv "lTnto?9). Zugleich beweisen 

■) Wahrgenommen haben das bereits F. Knatz köpf (Orph. Argon. 978, Lydus de mens. 3, 8 

quomodo Persei fabul. artif. tractaverint. Bonn S. 41, 20 ff. W.). Hekate als Reiterin s. unt. 

1893, 18, 48 und Hannig a. a. 0. S. 197. 

') Wilamowitz Griech. Trag. II 226 f. ') Wünsch Zaubergerät aus Pergamon 25. 

3) Pindar Olymp. VXII 31. Daß der Name der 7) Von Poseidon und Medusa stammt das Roß 

Medusa mit dem Poseidon Eurymedon zu ver- Pegasos (Hes. Theog. 278), nach ursprünglicher 

binden sei, dessen Geliebte sie ist, hat Gruppe Vorstellung haben es die beiden Götter natur- 

Griech. Myth. 1 141 zutreffend bemerkt. 'Medusa gemäß in Pferdegestalt gezeugt. Bei Hesiod ist 

ist nur noch ein besonders fürchterliches höllisches nach der Art seiner religiösen Auffassung die 

Gespenst, aber ihr Name sagt, daß sie einst mehr anthropomorphe Gestalt durchgedrungen; doch 

war' (Wilamowitz Griech. Trag. II 227). Die vergleiche man die Art seiner Schilderung h 

Zusammenhänge nicht richtig eingeschätzt von (jiaXaxiiJ XetjJLtövt xai äv9c3t Eiapivoiai etwa mit 

Ziegler P.-W. VII 1632. 11 150 f. oder T 221 ff. oder der arkadischen 

1) Furtwängler in Roschers Myth. Lex. I 1 704 ff. Sage, wo in ähnlicher Situation die weidenden 

5) Sie heißt Ir.Tzoi bei Porphyr, de abstin. IV 16 und Rosse auf der Wiese sich verbinden. 

auf einem Londoner Papyrus (Wünsch Aus einem *) Inscr. Gr. V 1 , 594, Wide Lakon. Kultei72, Athen, 

griech. Zauberpapyr. = Lietzmann Kl. Texte 84, Mitt. XIX 1894, 281 f., de Visser a. a. 0. 43. 

22), 'trjTOTtpo'citüro; Seot Papyr. Par. 2549, iKjroxuiov V) Griech. Trag. II 227, I. Ebenso S. Reinach, 

a. gl. O. 2614 (Abt, DieApol. des Apuleius, R.V. Cultes, mythes et religions III 140, Gruppe 

V. IV 222, 6). Unter ihren Köpfen ist ein Pferde- Griech. Myth. 1141, i. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



185 



sie (was bei der Natur des Pferdes als Landtier auch das Gegebene ist), daß 
das Pferd bereits dem festländischen Poseidon zugehört. Als dann 
der Gott mit seinen Verehrern übers Meer zog, fuhr nunmehr auch das Rosse- 
gespann des Poseidon über oder durch die Wogen. So formulieren es in aller 
Klarheit die antiken Vergleiche: die Wogen klaffen auseinander, unbenetzt fährt 
das Gespann durch die Wogengasse; in der Tiefe machen die xi^ty) ihre Reverenz: 

■^'Ti&oauvrj Ss OaT^aara SiiaxaTO • xot 8s totovco 

pt'ixcpct [la'X' oüo' uirsvsp&ö Siai'vsxo yakx&Oi ä'Jtuv (N 29 ff.). 

Ähnlich Vergil (Aen. I 147), nach dessen Bild unter Poseidons Gespann die vom 
Meere gepeitschten Wogen sich glätten; die gleiche Vorstellung noch bei Quintus Smyrn. 
5, 88 ff. Dagegen ist die Identifizierung vonRoß undWelle dem antiken Menschen 
nie geläufig gewesen, sie fehlt auch dem Typenschatz des antiken Vergleichs ganz 
und gar '). Es muß dies um so mehr betont werden, da heutige Forscher ohne Be- 
denken von dem natursymbolischen Bilde denAusgang nehmen-), wie es uns Modernen 
in den white horses, den cavalloni, den 'weißen Wellenrossen', den 'schwarz- 
grünen Rossen mit silbernen Mähnen' in Heines 'Nordsee' vertraut geworden ist 3). 
Poseidons Rosse sind älter als der Meergott Poseidon. Nichts mit Natursymbolik 
hat es auch zu tun, wenn der Dämon, der zu Lande in Pferdegestalt umgeht, als 
solcher dem Boden seine Schätze entlockt, der Huf des dämonischen Rosses die 
Quelle schlägt 4). Hesiod (Theog. 6) nennt auf dem Helikon die 'Roßquelle', 



') Den Gegensatz sieht man recht deutlich an dem 
vielverwendeten Vergleich zwischen dem dahin- 
ziehenden Schiff und dem Pferd: 8 708 (iXö; 
t-TTOi), V 81 ff., Find. Pyth. IV 25 (die Argo mit 
einem Schiff verglichen; der Anker ihr Zaum), 
Sophokl. Frg. 129, Plautus Rud. 267, Artemidor 
I 56. Der Pegasos rationalistisch als Schiff ge- 
deutet Palaiph. 29. Bekannt ist der Schiffs- 
name "I;:'jtia. Das Ungestüm der Rosse wird mit 
dem dahinbrausender Flüsse verglichen U 384 ff. ; 
der Wettlauf zweier Ströme mit dem Wett- 
lauf zweier Stuten in der indischen Ballade bei 
Geldner, Festgr. der Universität Marburg zur 
52. Philologenversamml. 1913, 102 f. 

2) So Preller-Robert Griech. Myth. 568, Rader- 
macher Jenseits 108 u. a., dagegen bereits 0. Hoff- 
mann a. a. O. 6, v. Negelein Teutonia, Arbeiten 
zur german. Philol. II 1903, 75, 8. 

3) "Schaumwellen glich die Mähne' Graf Strachwitz, 
Die Perle der Wüste. 

4) Wilamowitz spricht Griech. Trag. II 230 allgemein 
von Wassergeistern, die Hippukrene und Aganippe 
geschlagen; anderwärts (Berlin. Klassikertexte 
V 2, 49, I ; Griech. Literaturgesch.3 25) weist er 
in konkreterer Formulierung dem roßgestalteten 
Poseidon dies Werk zu. Die Voraussetzungen für 



diese Kombination bieten ihm 1. die Existenz des 
Poseidon auf dem Helikon, wie sie der homer. 
Hymn. XXII 3 und Hom. Epigr. VI 2 gewähr- 
leiste (Sitzungsber. Berlin. Akad. 1906, 46). 
Da jedoch Aristarch (Schol. E 422) von einem 
Kult an dieser Stelle nichts wisse, wird die 
Ableitung bestritten von Nilsson Griech. Feste 74 f., 
Ziehen Gott. Anz. 1911, 115, Sittig P.-W. VIII 
1856, bezweifelt von Bölte P.-W. VIII 6 f. 
2. Die Existenz des roßgestalteten Poseidon in 
Böotien, die aus seiner Paarung mit der 'schwarzen 
Stute', Melanippe, hervorgehe (Griech. Trag. II 
227, i). Dies ist zutreffend; es würde aber, wenn 
der männliche Gott die Hippukrene schlägt, für 
die Quelle Aganippe die Nötigung vorliegen, eine 
Gestalt wie die stutengestaltige Demeter oder 
Melanippe als Quellöffnerin zu erschließen. Daß 
jedoch für Hippukrene wie Aganippe die Sub- 
stituierung der großen Götter entbehrlich ist, lehren 
die Beispiele oben im Text; Sittig a. a. 0., 
der das Gleiche hervorhebt, weist auch mit 
Recht auf " Iiraou «xpo, "Itijtou -/(öfirj, "Itijiou arjiia, 
EüfTTTTT) (in Karlen), entsprechend bei uns Roß- 
berg, Roßfelden u. v. a., in denen die gleiche 
Selbständigkeit des Pferdedämons sich ausspricht. 
Als dann der tttj^ö; Ir.Tzo;, der Pegasos, (unt. 



lg5 L- Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

Hippukrene, unweit von ihr liegt dieAganippe, die eine freundliche Stute geschlagen; 
auch in Trözen gab es eine Hippukrene (Paus. II 31, 9). Im Katalog der Süß- 
wassermädchen (Theog. 351) begegnet eine Hippo; sie gehört begrifflich zur Aga- 
nippe; in Ephesos heißt aus der gleichen Vorstellung heraus eine Quelle Kallippia 
(Plin. n. h. V 115) '). Aufs Meer übertragen, reiten die Meermädchen, die 
Hippothoe, Hipponoe, Menippe (Theog. 251, 260) auf dem Hippokampen*), wie Poseidon 
mit dem Rossegespann über die Wogen fährt; auch hier aber bleibt die Vor- 
stellung ganz konkret, wie sie es auch in den germanischen Sagen vom quellöffnenden 
Rosse ist 3). 

Die nahen Beziehungen Poseidons zum Pferde faßt Pindar (ed. Schroeder 1908 
frg. 243) in dem Beinamen ■/XuT6irtu>,o;4) zusammen; das gleiche Epitheton gibt das ho- 
merische Epos dem Hades. Wenn der Kämpfer dem sterbenden Feinde zuruft: otoau» 
f^oyriv'Aihi xXutoj:(uXii) (A 445, E 654, [\ 625), so blickt aus der kurzen Formel die volle 
Vorstellung durch, daß der Gott mit seinem Gespann erscheint, die Seele des 
Toten in Empfang nimmt und sie mit sich in sein Reich hinabführt. Den Vorgang 
so im einzelnen sich vorzustellen, gibt die Koresage an die Hand. Wie die Schlacht - 
Szenen der Ilias zeigen, ist es zu eng, bei dem xXutokcuXo; der Ilias an den braut - 
raubenden Gott zu denken; die Koresage ist vielmehr nur die individuelle Aus- 
prägung einer allgemeinen Auffassung, in die das Motiv des Brautraubes hinein- 
gewoben ist 5). 

Hades xXutottwXo? steht in dieser Ausprägung im Epos allein, und die Forschung 
noch in P. Stengels Aufsatz über den xXutottcuXos ^) hat ihn in dieser Isolierung gelassen. 
Das Material läßt aber wesentliche Erweiterung des Vorstellungskreises zu und eröffnet 
damit für die Deutung der Verbindung von Unterweltsgott mit Pferd neue Wege. 

I. Ein athenisches Relief, das im Typus des Koreraubes die Entführung der 
Basile durch Echelos hinunter in die Erdtiefe darstellt, hat gelehrt, daß die 'Königin' 
eine Ausdrucksform für die Herrin der Unterwelt ist 7); den Namen ihres Gemahls 

S. 207 f.) mit dem TTr^yal in Verbindung gebracht 4) Die Deutung des Wortes auf die 'berühmten 

wurde (zuerst bei Hesiod Theog. 282), wurde der Rosse' hat Wilamowitz Herm. XXXIV 1899, 

namenlose Hippos der Hippukrene zum Pegasos; 71, i gegen Verrall Journ. of hell. stud. XVIII 

im Grunde heißt auch das nicht mehr, als daß 1898, i ff. gerechtfertigt. ittüXot und "7:7:0« unter- 

das'Quellroß'denQuellschlägt(Hannig dePegaso schiedslos nebeneinander stehen auch in der vü$ 

92 ff., 131 ff.) (jieXavi7:7:o« (Aeschyl. Heliad. N.* 69) und der 

») Fernzuhalten ist die Quelle ' l7:'ippa (so) in Halaesa Xz\i-Ä6Tzmkoi iifiifa (Pers. 386; xijt 'H(x^pa{ 7:0)- 

auf Sicilien (Inscr. Graec. XIV 352). Xov Xeuxöv Schol. Hes. Theog. 325). 

*) Der Typus des Hippokampen reicht in weit ältere 5) Arch. für Religionswiss. XII 1909, 308 ff. 

Zeit hinauf; er erscheint zuerst gesichert in der ^) Opferbr. der Griechen 1546. 

an bizarren Mischwesen reichen Zeit der Insel- 7) Kekule, 65. Berlin. Winckelmannsprogr. 1905, 

steine. Material und Ursachen für diese Misch- 9 ff. ; über den Fund der zugehörigen Basis Arch. 

bildungen bei Lamer P.-W. VIII 1751. Anz. 1910, 155. Zur Deutung der Basile Robert 

3) Weinhold Die Verehrung der Quellen in Deutsch- und E.Meyer Herm. 30, 1895, 285 f., Kern P.-W. 

land (Abhandl. der Berl. Akad. der Wissensch. III 41, Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad. 

1898) 12 ff., L. Freytag Das Pferd im german. 1906, 67. Erinnert sei auch an die j^&ovfuiv 

Volksglauben (Festschr. zu dem fünfzigjähr. ßosO.eioiauf den Goldplättchen von Thurioi (Diels 

JubiläumdesFriedr.-Realgymnas. Berlin 1900)46. Vorsokr.3 II 176, 18 f.). 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



187 



Echelaos verstehen wir durch Vergleichung mit 'Ayr^atXaos ') und 'A-^T^ctavSpo? ^), be- 
zeugten Namen für den Unterweltsgott; er ist in dieser Ausdrucksform 'Fürst der 
unterirdischen XaoC, der Toten 3); als solcher entführt er, wie das Relief zeigt, die 
Geliebte auf einem Gespann feuriger Rosse. Vom gleichen Typus sind ein Relief 
in Rhodos, ein anderes in Chios gefunden 4); die Namen sind vom Künstler nicht 
beigeschrieben; sie könnten den Kreis des rosseführenden Gottes durch unbekannte 
Lokalnamen erweitern. 




Abb. 7. Totenmahlrelief in Triest mit Weihung an Zeuxippos und Basileia. 



2. Einen solchen bringt ein Totenmahlrelief in Triest, das dem Zeuxippos 
und der Basileia geweiht ist (Abb. 7) 5). Hier heißt der Gott direkt nach seinem 



') Das Material bei Usener Göttern. 361, 25; y^i'iwi 
'Hysaftoiot Nikander frg. 74 vs. 72. Möglicher- 
weise ist damit zu verbinden ein Name wie 
Ageleos (Nikander mp. 3 bei Anton. Lib. 2), der 
Bruder des Klymenos, der Gorge und Melanippe ist. 

') Hesych s. v. 'A-p^ravopoi • 4 "AiSt/j. 

3) Malten, Archiv für Religionswiss. XII 1909, 310, 
E. Petersen a. gl. O. XIII 1910, 61. 

auch Wilamowitz Reden 



4) Kekule a. a. 0. 3 ff., 15 f. 

5) Conze Sitzungsber. Wien. Akad. 1872, 323 Taf. i, 
2. Inscr. Gr. II 1573. Unsere Abb. 7 nach einer 
Photographie, die A. Puschi in Triest freundlichst 
übersandt hat. Damit vergleicht Furtwängler 
Samml. Sabour. I 37 ein Weihgeschenk' aus dem 
5. Jahrhundert an Chrysippos (in Verona, Dütschke 
535). Als Unterweltsherrn erkennt den Zeuxippos 

und Vortr.3 71, i an. 



igg L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



Gespann. Das weibliche Pendant zu diesem 'Rosseschirrer' ist Zeuxippe, die in 
bedeutsamen genealogischen Verbindungen wiederkehrt (s. u. S. 195, 6). 

3. Wiederum mit Basile vereint ist Neleus; mit der gemeinsam er in Athen 
ein Temenos hat'). Alternierend mit Echelos und Zeuxippos muß auch Neleus König 
der Tiefe sein. Die Spuren dürfen wir nicht m Epos suchen; ihm ist Neleus Mensch 
so gut wie Admetos, Amphiaraos, Rhadamanthys ^). Jedoch aus dem Namen hat man 
das Wesen des Gottes längst erschlossen; das vrlKs.1; r^ixotp des Epos, die vr^kzrjit'iiwiM'npan 
xai Kfjps? (Hesiod Theog. 217), der vr^XsiTjc KIppEpo? (ebd. 770), der vr/siTj? "Aiotj? 3) mit 
dem v/jXssc r^Top (Hesiod 455 f.) haben die sichere Deutung auf den 'Erbarmungslosen' 
gegeben 4). Seine Gattin ist Chloris. /Xtupöv ist die Farbe des jungen, blaßgrünen 
Blattes; dementsprechend gibt Ovid (Fast. V 195) die hellenische Chloris mit Flora 
wieder. Andrerseits bezeichnet yXwpbv das E laßfahle, wie im Epos das y)^tophv oioi, bei 
Aischylos /Xcupov osifia; ykiopm ist die Finsternis, die keine Farbe hat (Hesiod Aspis 
265), der Acheron hat ein yXiopov /süixa (Anyte Anthol. Palat. VH 486); yXwpov ist die 
Farbe der Krankheit bei Thukydides (II 49); der Thanatos in der Apokalypse reitet 
einen nnro; yXiupo? (6, 7). Entsprechend reden die Lateiner von der mors pallida, 
den pallida Ditis regna oder der lurida mors. Wenn die Strigen einem Kinde das 
Blut ausgesogen, sagt Ovid (Fast. 6, 149 f.) von der Gesichtsfarbe: color oris erat, 
qui frondibus olim esse solet seris, quas nova laesit hiems; das würde dem 
griechischen yXcopo; entsprechen 5). Für die Gattin des Schonungslosen, die selbst 
Tochter der Fersephone heißt (Schol. Ä 289), ist nur die Deutung in dem Sinne 
'die Fahle' passend. Der gewaltigste der Neleussöhne trägt den Namen Peri- 
klymenos, d. h. einen Kultnamen des Unterweltsgottes; auch er übrigens wieder 
Sohn der Chloris (Schol. Find. Nem. IX 61); daß Neleus selbst Sohn des Unter- 
weltsgottes Poseidon ist, Herakles in seinem Reiche iv FluXti) ev vsxüsaat kämpft, 
wurde oben bemerkt. Neleus nun, durch Namen, Verwandtschaft und Sagen als 
Unterweltsgott fest gesichert, ist Herr eines berühmten Gespannes von Rossen; 
entgegen natürlichem Gesetz vererben sich die Tiere in seiner Familie, so daß Nestor 
sie in der Ilias führt; er heißt nach ihnen hmza; sie aber bewahren in der Bezeich- 
nung NifjXi^tai Tinroi (A 597) den Namen des Gottes, für den sie charakteristisch 
sind, und als fluXoqsvss? (M" 303) die Erinnerung an ihren Ursprung von den Toren 
der Hölle 6). Dies der objektive Bestand; der einzelne epische Dichter freilich ist sich 
dieser alten Beziehungen nicht mehr bewußt, die doch wichtig genug sind, daß sie 

■) Inscr. Gr I. Suppl. II p. 66, 53 a (aus dem 'fahler bin ich als Gras'. Ähnlich wenn an den 

Jahre 418). Nemeen, die aus einem Leichenagon hervorge- 

') Ich bemerke das gegen W. Kranz Herrn. L 1915, gangen sind, der Kranz if. yXtopöiv jrXixeTcti 

96, 2, der sich auf das Epos stützt, das nur seXivtov (Schol. Pind. Nem. Argum. 4). 
rein äußerlich älteste Überlieferungen gibt. *) Auf diese Bedeutung der Neleuspferde wie der des 

3) Epigr. des Lukian Anthol. Palat. VII 308; vrjXer); Erichthonios und Admetos hat bereits Wilamowitz 
iväyxa Alkman (Bgk. 4 8i). aufmerksam gemacht, ebenso auf die Verblassung 

4) E. Meyer a. a. 0., Furtwängler Samml. Sabour. der ursprünglichen Ideen im Epos (Griech. Trag. 
I 22, Wilamowitz Red. und Vortr.3 71, i, Griech. III 68, Red. und Vortr.3 71, i). Unter den zwölf 
Trag. III 68, Sittig P.-W. VII 2420. Ncleussöhnen haben drei das Pferd im Namen 

5) Sappho Bgk.l 2, 4 /Ätopotif/a 0^ ttoiol; Ijijjii (Hippokoon,Hippolochos,Lysippos Schol. A 692). 



; L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. igg 

als altes Typengut weiterleben; die Verpflanzung der Vorstellungen von dem Mutter- 
landc übers Meer hatte den Ursprungscharakter verdunkelt und nur die Formen 
gelassen. 

4. Seit 0. Müller ist anerkannt, daß Admetos, der 'Unbezwingliche', der 
Sohn der Klymene (Schol. Eur. Alk. 16) oder Pcriklymene (Hyg. Fab. 14), den 
Unterweltsgott repräsentiert '), in einer, dem Namen zufolge, ähnlichen Auffassung 
wie Neleus. Des unterirdischen Königs Tochter ist die gespenstige Hekate (Hes. 
s. V. 'ASjiTJTOu xopif)); nur bei einem Gotte konnte Apollon ein langes Jahr Blutschuld 
sühnen; unter seiner Pflege gediehen die Rosse ^) und die übrigen Herden 3) des 
Unterweltsherrn. So erzählte die Geschichte ein hesiodisches Gedicht •»), das nach 
der Weise des Epos Admetos als reichen König einführte; die in der Sage liegende 
Voraussetzung, daß die Dienstschaft in der Unterwelt stattfand, deutet das epische 
Gedicht leise noch darin an, daß Leto ihren Sohn von der härtesten Strafe, einer 
Verbannung in den Hades, losbitten muß 5). Auf die in diesem Gedicht behandelten 
Sagen verweist die Ilias an zwei Stellen, beidemal um der Rosse des Admetos willen. 
Vor Troja führt sie des Admetos Sohn Eumelos, 8? imrotjtJv^ Ixe'xaaxo (*I'"288); im 
Schiffskatalog heißt es von ihnen (B 763 ff.) 

tirirot [i£v (xs-y' ä'ptatat saav (I)rjp7)Tia5o(o, 
T«; 'Eu[j.r;Xo? sXauve iroofu/saj opvi&a? (7jc, 
TOS iv ritspti;] &psi|i' dpYupoTO^os 'AttoXXujv, 
ajxcpo) ÖTjXst'a?, csoßov 'ApTjo? cpopsoucra?. 

Wieder beweist das Wunderbare, daß der Held nicht seine eigenen Rosse führt, 
sondern die einer früheren Generation, daß die Pferde für den Vater charakteristisch 
sind; Unterweltsgott und Pferd stehen auch hier in enger Verbindung. Auch hier 
ist die Erinnerung geblieben, daß die Vorstellung im Mutterlande wurzelt; von dort 
ist das Tatsächliche übernommen worden; die ursprünglichen Ideen sind im Epos 
verblaßt. ■ 

5. Mit überirdischen Kräften begabt sind die Rosse, die der Troerkönig 
Erichthonios in der Ilias führt (Y 219 ff.). Sie laufen, 3000 an Zahl, über die Halme 
der Felder und die Kämme der Wogen, ohne sie mit den Hufen zu berühren; Boreas 
zeugt mit ihnen unsterbliche Nachkommen. So trägt auch den Schmied Ilmarinen, 
wenn er zum Teufelskönig fährt, sein Fohlen, das mit dem eisernen Zaum, dem 
kupfernen Geschirr und mit stählernen Zügeln geschirrt ist, sausend übers offene 
Meer, ohne daß des Pferdes Huf dabei naß wird ^). 

Der Name des Erichthonios, den bereits Wilamowitz 7) über die Erichtho 
= Erichthonie der Würzburger Phineusschale mit Chthonie in Beziehung setzte, darf 

■) Prolegom. 300 ff., Wilamowitz Isyllos 75, Griech. 4) Rekonstruiert von Wilamowitz Isyllos 57 ff., 

Trag. III 68, Wentzel P.-W. I 380, E. Rohde Griech. Trag. III 71 ff. 

Psyche» II 80, 2. 5) Hesiod bei Philodem n. eOssß. 63, Comp. 34. 

') Kallim. Hymn. auf Apollon II 48, Schol. 1'"288, *) E. Schreck Finnische Märchen 3 ff., Radermacher 

Stat. Theb. VI 332 f. Daher der Sohn Hippasos. Jenseits 63. 

3) Eurip. Alk. 588, 601. Daher der Sohn Eumelos 7) Arist. und Athen II 128, Kretschmer Griech. Va- 

und die Tochter Perimele. seninschr. 228, Böhlau Athen. Mitt. XXV 1900, 47. 



ipo 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



in seinen einzelnen Bestandteilen als gedeutet gelten, seitdem eine Vase im Perser- 
schutt der Akropolis einen Perichthonios zutage gefördert (Abb. 8) '); darnach 
ist Erichthonios der 'gewaltige Herr der Chthon' ^). So, als yßöviog, haben auch die 
Attiker ihren Erichthonios empfunden: aus der Tiefe der Erde hebt auf den Vasen- 
bildern die Mutter Erde ihr Kindlein ans Licht 3); h -jr,? ßXaaösvxa nennt ihn Euri- 

pides 4) ; er trägt die Gestalt der Schlange, die 
Erscheinungsform der ypövioiS); als solche emp- 
fängt er den Honigkuchen, der den chthonischen 
Mächten zusteht 6). Wollte man bei anderen 
Göttern, wie bei Hermes, ihre chthonische Seite 
hervorheben, so gab man ihnen das Beiwort 
kpiybövio? 7). Die gleiche chthonische Urnatur ist 
auch bei Erichthonios' Doppelgänger Erechtheus 
unverkennbar, der mit ihm in der Wurzel zu- 
sammenhängt; für den Wechsel von s und i ver- 
gleiche man außer dem von Wilamowitz beige- 
brachten 'Epix&eu? der parischen Chronik^) und 
den 'EptTi[j.o?-'EpsTt|xo?, 'Api\i.oiyo^, 'ApsaTpaxoc, die Fick- 
Bechtel 9) zitieren, das Nebeneinander von 'Epitpu^ 
und 'EpetpuXrj in Arkesine ">) und den 'AvravSpo? 
'Epeoajiou AtyipatTj? "); die Identität empfindet noch 
in peisistratischer Zeit ") der Dichter von B 547 ff., der den Erechtheus, ent- 
sprechend der Erichthoniosgeburt auf den Vasen, aus der apoupa hervorgehen läßt '3). 




Abb. 8. Vasenscherbe von der Akropolis 
mit Inschrift Perichthonios. 



^) Graf, Vasen der Akropolis Taf. 33 (b); darnach 

unsere Abb. 8. 
') Kyrene 83, 4, P.-W. VIII 351. 

3) Zusammenstellung bei Escher P.-W. VI 444, Ab- 
bild. Arch. Jahrb. XXVI 191 1, 108 f. Eine nur 
in der Form verschiedene Ausdrucksform dafür 
ist, wenn Erichthonios der Ge Kurotrophos einen 
Altar stiftet (Said. s. v. -/O'jpoTpotpo; yfj), im 
Grunde wieder dieselbe Vorstellung, wenn die 
Nemesis von Rhamnus (eine Erdgöttin, Wilamo- 
witz Griech. Trag. II 222, 2) Mutter des Erech- 
theus wird (Mantissa bei Leutsch Paroim. Gr. II 
769) oder wenn Erechtheus Sohn der Unterwelts- 
herrin Zeuxippe ist (Apd. III 193). In die Ver- 
bindung von Erichthonios mit Ge, die nur zum 
Ausdruck bringt, daß der Gott ein yTjYcvi^t, ein 
y8(ivio{ ist, ist Athene erst sekundär eingedrungen : 
P.-W. VIII 350 f. 

4) Ion 227; ägavf^xe y?] 1005 f. 

5) P. -W. VI 442 f., VIII 351, PoweU Erichthonios 
and the daughters of Cecrops 1906, 6, 18 f., 
Frickenhaus Athen Mitt. XXXHl 1908, 171, 



Küster, Die Schlange in der griech. Kunst und 
Religion (Relig. Vers, und Vorarb. XIII) 99. 
') So auch den Schlangen im Erdheiligtum des 
Trophonios (Stengel Kultusaltert.' 71). 

7) Literatur bei Escher P.-W. VI 446; dazu Wilamo- 
witz Griech. Trag. III 69, i. 

8) Arist. u. Ath. a. a. O. 

9) Griech. Personenn. 374. Das umgekehrte Ver- 
hältnis liegt vor in 'E3(0,ao{ IlXaTate'ij (Fick- 
Bechtel 470) neben dem üblichen 'Ejf^Xao«. 

'") Inscr. Graec. XII 7, 54 und 203. 

") Inscr. Graec. VII 540. 

") Wilamowitz Hom. Unters. 247. 

'3) B 548 9pii|e sc. 'AftVjvTj, T^xe JefSmpo; äpoupo. 
Ein ähnliches Kompromiß liegt vor in der Sage 
des O t o s und Ephialtes X 307 ff. exEXE sc. 
Iphimedeia von Poseidon, dp^ie C^ßtupo; äpo'jpa. 
In dem letzten schimmert die Tradition einer 
Erdgeburt der beiden Riesen durch; direkt be- 
zeugt wird diese von Eratosthenes (Schol. Apoll. 
Rhod. I 482), der die Riesen pry^evsTc nennt, die 
von Iphimedeia herangezogen seien (Tpa^T)vai): 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



191 



Weil er ein y^wio? ist, kann Erechtheus die enge Verbindung mit dem Poseidon 
-fatTjo^os') auf der Burg eingehen, der hier ebenfalls noch der alte chthonische 
Gott ist. Erst die aus dem Epos zurückflutenden neuen Vorstellungen haben 
bewirkt, daß der Blitzschlag, mit dem der alte Gott vom Burgfelsen Besitz er- 
griffen ^), zum Schlag mit dem Dreizack umgedeutet ward und daß das leicht 
salzhaltige Wasser des Burgfelsens 3) von einer öa'Xa-rca Zeugnis ablegen mußte. 
So wenig Verwandtes Erechtheus mit diesem späteren Meergott Poseidon hat, 
so nahe steht er, der im yd<s\i.a der Burg haust, dem faiVjoxo?, von dem er nach 
späterer Auffassung in das yäcsiioi hineingebannt wurde 4). Als /^ovw? schließlich 
trägt auch Erechtheus Schlangengestalt 5), als ypono^ ist er Sohn einer Zeuxippe 
(Apd. III 193), Vater einer Chthonie (Apd. Bibl. III 196) und der rechte Ahn 
eines Volkes, das selbst der x&wv zu entstammen sich rühmt ^) ; wenn nach Hesiod 
(Paus. II 6, 5) Erechtheus Vater des Ortseponymen Sikyon ist, hat der Unter- 
weltsherr hier als Erechtheus die gleiche Funktion wie in Milet der Sohn der 
Ge: Anax7). 



also umgekehrt nuanciert wie in der Odyssee. 
Inhaltlich widersprechen die beiden Traditionen 
einander nicht; Poseidon ist wiederum der Gott 
der Erdtiefe, die 'gewaltig Waltende' die Erd- 
mutter, die in einer Version selber Poseidon- 
tochter heißt (Hyg. fab. 28); in Mylasa hatte sie 
einen Kult mit -jipa [AcyctXa (Paus. X 28, 8). 

■) Die Zeugnisse bei Usener Göttern. 140. Priester 
des Poseideon Erechtheus sind die Eteobu- 
taden; ihr Ahnherr Butes ist Sohn des Poseidon 
(Hesiod frg. 124 Rz.), seine Mutter Zeuxippe 
(Apd. III 193, Hyg. fab. 14), seine Gattin 
Chthonie (Apd. III 197); Poseidon wiederum 
nicht als der Meergott, um dessentwillen 'der 
Hirt' zum Meerdämon werden müßte (Töpffer 
Att. Geneal. 113 f., Böhlau Bonn. Stud. für 
Kekule 127), sondern der alte chthonische Gott, 
der über den Erdsegen wacht, der (puTaXfiio?. In 
einem noch älteren Stadium werden wir den 
Butes wie Agreus und Nomios als Sondergott 
zu fassen haben (Kyrene lof., Weinreich Lykische 
Zwölfgötter-Reliefs. Sitzungsber. d. Heidelberger 
Akad. d. Wissensch. 1913, 16 ff.). 

') Bekannt, seitdem Balanos in der Decke über 
dem Mal drei Löcher fand, das typische Zeichen 
für das Blitzmal (Dörpfeld Athen. Mitt. XXVIII, 
1903, 465 ff.). Die entscheidenden Rückschlüsse 
für Poseidons Waffe hat Usener gezogen (Rhein. 
Mus. LXVIII, 1903, 189), der auch an S 385 f. 
erinnert: Seivov aop TavjTjxcs . . . eixeXov daxE- 
poit^ (a. gl. 0. LX 1905, 23 = KI. Schrift. IV 
490). Ursprünglich führt Poseidon das Feuer- 
symbol in Blumenform (darüber Jacobsthal Der 



Bhtz, Berlin 1906), ein Residuum davon z. B. noch 
auf den korinthischen Pinakes (s. die Tabelle bei 
Walters Journ. hell. stud. XIII 1892/3, 17; Jacobs- 
thal S. 30, 32), wo die florale Bildung der Poseidon- 
waffe nicht sekundäre Ornamentalisierung ist, 
sondern Rest der alten Blumenbildung. Letzte Be- 
handlung bei Ch. Blinkenberg The underweapon 
in religion and folklore, Cambridge 1911, 51 ff. 
Den Folgerungen von E. Petersen, Burgtempel 
derAthenaia 72, daß auf der Akropolis ursprüng- 
lich Erichthonios der Blitzträger gewesen, kann 
ich nicht beistimmen. 

3) Festgestellt von Köster Woch. klass. Phil. 1908, 
656 f., E. Schmidt Athen. Mitt. XXXVIII 1913, 73. 

4) Eurip. Ion 292, Rohde Psyche' I 136. Poseidons 
Blitzstrahl, mit dem er sich des Burgtelsens be- 
mächtigt, läßt den alten Hauptgott, den Rivalen 
des Zeus, erkennen; die Bannung des Erechtheus 
durch Poseidon in das ytdafia ist ein Zeichen für 
die Auseinandersetzung des einen mit dem anderen 
chthonischen Herrn des Burgfelsens ; die ftotXaosa 
resultiert erst aus dem Eindringen des homerischen 
Meergottes in die älteren Vorstellungskomplexe. 
So meine ich scheiden zu sollen, was Petersen 
Burgtemp. 68 für Dubletten erklärt. 

5) Euripid. N.» 930 (Wilamowitz Kyd. 141, 228). 
') Auch Erichthonios erscheint hie und da als 

Ahnherr der Athener; da die Zeugnisse ziemlich 
rar sind (Ermatinger Die attische Autochthonen- 
sage 110 f.), sei 'Epi5(9ov(ou ßXrfaxTjiJia aus den 
Anapästen Berl. Klassikert. V 2, 133, 138 notiert. 
7) Paus. I 35, 6, u. s. (Wilamowitz Sitzungsber. 
Berl. Akad. 1906, 66). 



192 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



Wie nun der Troer Erichthonios, von dem wir ausgingen, über wunderbare 
Rosse verfügt, so weisen die Attiker Erichthonios und Erechtheus ähnliche enge 
Verbindung mit dem Pferd auf. Erichthonios gilt als erster Bändiger des Pferdes, 
als Erfinder des Viergespanns'); der himmlische Fuhrmann trägt seinen Namen*). 
Entsprechend heißt auch Erechtheus Erfinder des Viergespanns 3); auf einem Ge- 
mälde im Erechtheion war er als Wagenlenker dargestellt 4). Aus der Gleichheit 
des Attributs bei den beiden Erichthonioi 5) und schon aus der Verbindung des 
Pferdes mit einer Gestalt dieser Art folgt, daß das Pferd für Erichthonios wesen- 
haft ist; Erichthonios mit dem Pferd ist ein neuer Typus des Unterweltsherrn mit 
dem Rosse. 

6. Tiefer als der Troerkönig Erichthonios und seine Rosse, von denen nur das 
Y berichtet, wurzelt im Epos, als Besitzer berühmter Pferde, der troische König 
Laomedon. "Eve)( imwtv Aaojisoovxo; unternimmt Herakles seinen Zug gegen Tro ja 
(K 640) ^) ; Zeus selber gab diese Rosse, «ptaiot uttouv, oaaoi saa.v uir' r^öa r^ikiöv 
TS (E 266 f.) 7); der Dichter der ''A&Xa (*I^348) zitiert sie als Muster von Schnellig- 
keit; Anchises legt ihnen heimlich seine Stuten unter, in dem Wunsch, von ihnen 



•) Marm. Par. 140 (Jacoby S. 44 f.), Eratosth. 
Kataster. 13, Varro bei Philargyr. zu Vergil 
Georg. III 113, Vergil a. a. 0. und Probus z. St., 
Hyg. Astr. II 13, Euseb. Chron. 32 Seh., Erma- 
tingcr a. a. 0. 47, 52. 

») Eratosth. Kataster. 13. 

3) Aristid. Panath. 1 170 D. und Schol. (III p. 62 D.), 
Themist. XXVII, 337 a. 

4) Schol. Arist. Panath. III p. 62 D., von Petersen 
Burgtemp. 1 1 1 für das Gemälde des Ismenias in 
Anspruch genommen; dagegen G. Körte Götting. 
Anz. 1908, 850. 

5) WieNeleus, Admetos usw. werden dieHellenen auch 
die Vorstellung vom Erichthonios aus dem Mutter- 
lande mit nach lonien gebracht haben; ob frei- 
lich, sobald die umfassendere Bedeutung des 
Namens erkannt ist, in dem Erichthonios des 
Epos speziell der attische Erechtheus -Eri- 
chthonios zu sehen ist (Bethe Neue Jahrb. VII 
1901,673), ist mir zweifelhaft (vgl. auch Petersen 
Burgtemp. 88). Daß Phanodemos (Dion. Halik. 
Antiqu. Rom. I 61, Strab. 604) kombiniert und 
keine tatsächliche Überlieferung gibt, hat Crusius 
(Sitzungsber. Münch. Akad. 1905, 777) zutreffend 
bemerkt. Nicht gerechtfertigt ist umgekehrt 
Gruppes Forderung (Bursians Jahresber. Suppl. 
1907, 489, Berl. phil. Wochenschr. 1908, 1597), 
der Name müsse des Ipt- wegen aus dem Epos 
stammen. Namen mit ^pi- z. B. in Athen 
no[T]äfJHov 'Ept ... (Inscr. Gr. III 1, 1259), in 
Attika Erithalion (Inscr. Gr. I Suppl. p. 162 zu 



C 179 d), in Aigina 'EpfTifios (Inscr. Gr. IV 13), 
in Euboia auf einer Bleitafel Eriklees (Roehl 
Inscr. antiqu. 372, 106), auf Amorgos Eriphyle 
(Inscr. Gr. XII 7, 203). ipt- und (Jpi- stehen als 
Paralleltormen nebeneinander; als Parallele diene 
Iparjv und äpiTjV, die in jedem Dialekte möglich 
sind. Auch im Namen des Rosses Arion (so das 
Epos) und Erion (in Arkadien) ist wohl mit Recht 
der Wechsel von dpi- und äpi- erkannt worden 
(Bechtel Bezz. Beitr. VIII 326, Solmsen Unters, 
zur griech. Laut- und Verslehre 53). 

') Damit ist zu verbinden T 145 ff-, wo vom -».rfOi 
die Rede ist; Friedländer Herakles 7, 3 sieht hier 
mit Recht Beziehung auf das Hesioneabenteuer 
(Apd. II 104, Ovid Metam. XI 214 fordert He- 
rakles die Rosse für die Befreiung der Hesione). 
Die Rosse des Laomedon waren im Epos ge- 
geben; der Dichter, der Herakles nach Troja 
bringen sollte, greift sie als ein fertiges Motiv 
auf; für Herakles um so leichter, als sein Ver- 
langen nach berühmten Pferden aus der Sage 
der Rosse des Diomedes gegeben war. 

7) An dieser Stelle wie anschließend im Aphrodite- 
hymnus 211 ist Tros der Empfänger der Rosse, 
als Gegengabe für den Raub des Ganymed. Wie 
wenig die Pferde für Tros charakteristisch sind, 
lehrt das Konkurrenzmotiv; in der Kleinen Ilias 
(Schol. Euripid. Troer. 821) erhielt Tros als Ent- 
gelt den goldenen Weinstock. Auch Robert Stud. 
zur Ilias 540 hält die Verbindung der Rosse mit 
Tros für unursprünglich. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. ig^ 

Nachwuchs zu gewinnen {F. 265 ff.) '); nach ihnen heißt Troja suTtwXo? oder xXoto- 
uwXo?. Wer ist der König Laomedon } In dem ausschließlich mit bedeutsamen Namen 
arbeitenden Stemma der troischen Könige ein schattenhafter 'Volksherrscher' } Götter 
treten bei ihm in Dienst, Apollon und Poseidon haben ihm die Mauern gebaut (H452f.), 
nach anderer Version Poseidon allein, während Apollon des Königs Herden weidet 
{<P 441 ff.) ^). Die beiden Götter kommen -apa Ato?; sie haben eine Strafe abzu- 
büßen sk svtauTov. Schon den Alten war die hier angedeutete Beziehung unver- 
ständlich; sie einigermaßen zu erklären, las Zenodot im A (400), wo von einem 
Aufstand der Olympier gegen Zeus die Rede ist, an Stelle der übhchen Lesart "Hpr^ 
T r^Ss RoastSatüv xoti riaXXot? 'AOtjvtj an letzter Stelle Ooißo? 'AiroXXouv: die Buße im 
<I) sollte der Versündigung im A entsprechen 3). Uns drängt sich der Vergleich 
mit der Admetossage auf: Tzapa Ato? hat Apollon auch in Admetos' Dienst gemußt 
und bei ihm sh sviauTov die Herden gehütet 4). Beide Sagen sind einander so ähnlich, 
daß wir einen Zusammenhang irgendwelcher Art nicht gut abweisen können. Nun 
ist Admetos als Herr der Unterwelt sicher gedeutet; die Folgerung auf den mit ihm 
alternierenden Laomedon liegt nahe. Name und Genealogien führen nach der gleichen 
Richtung. Aao[j.so(uv gehört der Namenskette an, aus der wir 'A-^rpiXao^/EyßXciLOi u.a. 
als urkundlich gesicherte Namen des Unterweltsherrn kennen gelernt haben; es 
sind die unterirdischen Xaot', über die er gebietet 5); der "AvaJ in Milet entspricht 
der gleichen Auffassung. Seiner Eigenschaft als Herrn der Tiefe wie als Besitzer 
der Rosse entspricht es schließlich, wenn er eine Zeuxippe *) (oder Leukippe 7) zur 
Gemahlin hat; da diese, wie oben gezeigt, mit der Unterweltsherrin Basile alter- 
niert, entspricht das Paar Laomedon — Zeuxippe in Namen wie Charakter den sicher 
gedeuteten Paaren Echelos — Basile und Zeuxippos-r— Basileia. 

Erichthonios und Laomedon, beide Ausdrucksformen des Unterweltsherrn mit 
dem Pferd, begegnen beide als Herrscher im Stammbaum der troischen Könige; 
die Erkenntnis ihres Wesens ist für den Aufbau des troischen Stammbaums 

') Aineias' Rosse stammen von denen des Laomedon 4) Pherekyd. im Schol. Eurip. Alkest. i, Apd. Bibl. 

ab (E 272 f.); Diomedes trachtet nach ihnen; III 122: aus der Koroniseöe, Wilamowitz Isyllos 

W 291 f. besitzt er sie. 63 ff. 

^) Als Mauerbauer erschienen die beiden Götter auch 5) Den Laomedon, Laodamas u. a. deutet schon 

bei Hesiod frg. 142 Rz., bei Panyassis (frg. 16K.) Gruppe Griech. Myth. 307 vermutungsweise auf 

und bei Pindar Olymp. VIII 32 f. Apollon hält Gottheiten des Hades. Einen anderen mit Xa<5{ 

Wilamowitz (Griech. Tragöd. III 264, 2) für den gebildeten Namen, Aao'Soxo?, hat Usener Arch. für 

ursprünglichen in der Verbindung; er hat auch Religionswiss. VII 1904, 327 ff., als alten Hades- 

die Mauern des Alkathoos gebaut Theogn. 773 ff.; namen gedeutet und mit noX'i?£ivo«, noXuS^YiJuuv 

bei Poseidon wird man nicht an den fon-fioyoi zusammengestellt. Der zweite Bestandteil -fi^Suiv 

denken dürfen, vielmehr an den na-f ofXios, der kehrt wieder in sOpu[A^5tuv als Beinamen für den 

z. B. eine aus dem Meer aufgetauchte Insel festigt unterirdischen Poseidon, M^Sousa als Namen der 

(Strab. 57) oder im Tartaros Tore baut (Hesiod Erdherrin, ähnlich gehalten sind i'va; (s. o. S. 191) 

Theog. 732 ; Preller-Rob. 585). und Pasianax (Wünsch Rhein Mus. LV 1900, 67 f.). 

3) Die Absicht der Konkordanz wird in den be- 6) Alkman Bgk.4 113. 

treffenden Iliasscholien und im Schol. Pind. 7) Schol. zu Lykophr. 18; ein Leukippos in der 

Olymp. 8, 41 unmittelbar ausgesprochen. sikyonischen Genealogie Euseb. Chron. 16 Seh., 

Augustin. de civit. dei XVIII 3. 



Xg^ L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

von besonderer Bedeutung. In einer der jüngsten Zutaten der Ilias, dem Zweikampf 
des Hektor und Aineias'), zählt Aineias die Reihe seiner Ahnen auf (T215 ff.): vom 
Zeussohn Dardanos entstammt Erichthonios, dessen Sohn ist Tros, von diesem 
stammt Ilos, des Ilos Sohn ist Laomedon, der Vater des Priamos. Vom Trossohne 
Assarakos stammt über Kapys und Anchises der Redende, Aineias selber. Aineias 
ist Führer der Dardaner (B Sipf.)^); auf die Verherrlichung des Dardanos zielt 
auch der Stammbaum: Dardanos hat eine Stadt Dardanie am Ida gegründet, die 
älter ist als Ilios (V 215 ff.); im gleichen Zusammenhang prophezeit Poseidon, das 
Geschlecht des Dardanos werde nicht vergehen (V 303 ff.); Aineias und seine Nach- 
kommen würden über die Troer herrschen für alle Zeiten (307 f.). Das gleiche Orakel 
begegnet wieder im Aphroditehymnus (103 f., 196 ff.), der zu Ehren der Aineiaden 
gedichtet ist; beide Partien, das V wie der Hymnus, sind oracula ex eventu; 
als sie gedichtet wurden, herrschen über Ilios nicht mehr die Troes, sondern 
die Dardanoi. Das historische Verständnis für diese Vorgänge, speziell für die 
Herkunft der Dardaner, hat P. Kretschmer 3) angebahnt. Als thrakisch- 
illyrisches Volk begegnen, belegbar seit dem Jahre 284 v. Chr. Geb., von da an fort- 
laufend die Römerzeit hindurch bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. 4), im Gebiet des 
Axios und der Morawa die Aapoavist? oder AapSavtäxai, von dort sich nach Samothrake 
vorschiebend, wo schon Hellanikos 5) den Dardanos kennt, und an den Hellespont, 
ah dem eine Stadt Dardanie*) gelegen ist, deren Erinnerung noch in den Dardanellen 
lebt. Der Vergleich mit den Wanderungen der Phryger, der Myser und Päonen lehrt, 
daß auch die Dardaner einst aus dem Nordwesten der Balkanhalbinsel nach Kleinasien 
hinübergezogen sind 7). Ihr Eponym Dardanos hebt sich darnach als Vertreter 
eines fremden Volkstums, das einmal Herr über die Troer geworden sein muß und 
seine Stadt am Ida daher mit dem üblichen naiven Anspruch des späteren Siegers 
für älter als Ilios erklärte ^), von dem ursprünglichen Bau des Stemmas als letzte 

') T 75 ff. wird ein Zusammenstoß zwischen Achill sten bei Tomaschek Die alten Thraker I (Sit- 

und Hektor vorbereitet; erst vs. 364 ff. kommt zungsber. Wien. Akad. 1893) 23 ff. 

das Motiv zur Ausführung; dazwischen steht un- 5) Hellanikos FHG I 63, 129. Bei Dionys von 

vermittelt die Aineiasepisode. Die Unursprüng- Halikarn. Ant. i, 61 kommt der Dardanossohn 

lichkeit des Zusammenhangs sah schon Kammer, Idaios (der Name nach der Stadt Dardanie am 

Zur homer. Frage 38 f., 45 ff. Das Stemma der Ida) aus Samothrake. 

Könige mit L. Friedländer zu athetieren, ist ') Zuerst genannt von Herodot V 117 (für die Zeit 

nicht möglich, da der Stammbaum und das des Dareios). Weitere Literatur bei H. Degen, 

spätere Orakel des Poseidon (T 303 ff.) einen de Troian. scaenic. Leipz. 1900, 11. 

einheitlichen, dem gleichen Zwecke dienenden 7) Für den Hügel Batieia (B 8n ff.) erinnert H. 

Zusammenhang ausmachen. Jacobsohn (Herm. XLV, 1910, 81, 2) an die epi- 

') Ein Gegensatz zwischen ihm und den Troern ist rotische Stadt Baxtai und den illyrischen Namen 

auch N 460 deutlich. Bdrcuv. 

3) Einleit. in die Geschichte der griech. Sprache 185, *) Die Nachricht über diese Stadt Dardanie am Ida 

245 f., weiter fortgeführt durch Bürchner P.-W. (T 216, Hellanikos F. H. Gr. I 127; Konon 21) 

IV 2157 und Thrämer ebd. 2177. Auch Wilamo- wird in Zusammenhang stehen mit den Traditi- 

witz Griech. Liter.3 15 knüpft die Dardanoi des onen, die den Dardaner Aineias auf dem Ida 

Epos an die illyrischen Dardaner an. gezeugt werden lassen von Anchises und der Berg- 

*) Die Zeugnisse über die Dardaner am vollständig- mutter des Ida, die in diesem Falle mit Aphro- 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. ige 

Oberschicht ab. Der Stammbaum beginnt dann mit Erichthonios, dem Herrn der 
Wunderpferde, d. h. mit dem Urkönig. Es folgen der Vertreter des Stammes, Tros, 
und der Vertreter der Stadt, Ilos. Mit Laomedon begegnet zum zweiten Male der 
Urkönig, wieder als Besitzer der Rosse, ihm folgt, mit unhellenischem Namen, 
Priamos. Die doppelte Existenz des Urkönigs in dieser Reihe lehrt, daß das Stemma 
allmählich gewachsen ist. Nun sitzt Laomedon in der Ilias ungleich fester als der nur 
im r zitierte Erichthonios; es heißt auch Priamos im f 250 Actojisoiv-tctorj? '), anstatt, 
wie an vielen anderen Stellen, Aapoavtor^c. Man hat sich also einmal darauf beschränkt, 
den Priamos Sohn des Urkönigs zu nennen, eine Formulierung, die ihn als Autochthon 
kennzeichnen will. Dann schoben sich die Vertreter von Volk und Stadt davor, der 
Urkönig trat noch einmal an die Spitze der erweiterten Genealogie, diesmal als Eri- 
chthonios. Wenn für ihn und Laomedon in der Ilias die Rosse typisch sind, diese da- 
gegen weder fürDardanos noch für Ilos oder Priamos existieren, für Tros nur einmal in 
unursprünglichem Zusammenhang(ob. S. 192, 7), so lehrt dasdeutlich, daß Erichthonios 
und Laomedon eine identische Grundanschauung repräsentieren^). Wie schließlich die 
hellenischen Namen im Stemma der Troerkönige beweisen, ist der Stammbaum 
von Griechen so geformt worden, mit Benutzung einzelner einheimischer Namen; 
die Einleitung mit dem Urkönig entspricht ganz hellenischer Art: die Milesier leiten 
sich so vom Urkönig Anax ab, und ebenso steht der Urkönig in der Gestalt des Zeux- 
ippos an der Spitze einer Genealogie, deren sikyonischen Ursprung Wilamowitz 
aufgedeckt hat 3). Das sikyonische Herrscherstemma +) gibt endlich einen einwand- 
freien Beleg für die Möglichkeit einer mehrfachen Existenz des Urkönigs in Stamm- 
bäumen, die nicht aus einem Gusse sind. In der Genealogie von Sikyon, die so zu- 
sammengeschoben ist, daß der Eponym erst in der Mitte des Stemmas erscheint, 
deren Schluß uns auch noch in mehreren Brechungen vorliegt 5), begegnet Laomedon 
in der bedeutsamen Funktion als Vater des Ortseponymen Sikyon; zur Tochter 
hat Laomedon eineZeuxippe^), das weibliche Pendant zum Unterweltsherrn Zeuxippos, 

dite (so der homerische Hymnus, der sie noch 3) MeXctviTtüO; 6 K6x),(ür:o« 6 ZeuSitittou (Wilamowitz 

ganz als ttotvi« örjpöiv charakterisiert), sonst mit Kydathen 147, Aristot. und Athen II 130, 10). 

Artemis identifiziert wurde (Kyrene 73). 4) Paus. II 5, 6 ff., Euseb. Chron. Schöne 38 ff., 

') Bei Vergil Aen. 3, 248 heißen die Troer insgesamt E. Schwartz, die Königslisten des Eratosth. und 

Laomedontiadae. Die Bedeutung des Laomedon Kastor 50 ff. 

leuchtet auch daraus hervor, daß nach einer bei 5) Pfister Rhein. Mus. LXVIII 1913, 529 ff. 
Servius zu Verg. Aen. II 241 angeführten Tradi- ') Über Zeuxippos und Zeuxippe ob. S. 187 f. Die 
tion von der Integrität des Grabes des Laomedon, genealogischen Verbindungen, in denen Zeuxippe 
das super portam Scaeam lag, der Bestand Trojas erscheint, können eine Gegenprobe abgeben für die 
abhing. Daß die Stadt erst unter Laomedon ihre oben gegebenen Deutungen einiger Einzelgestal- 
Mauern (ob. S. 193) erhielt, erscheint passend, ten. Zeuxippe erscheint als i. Mutter des Erech- 
sobald man in ihm den Urkönig sieht; aber die theus (Apd. III 193), 2. Mutter des Laomedon 
Folge ist, daß nach dem Stemma der Eponym (Paus. 2, 6, 5), 3. Mutter des Priamos, d. h. 
Ilos und die anderen Vorgänger des Laomedon Gattin des Laomedon (Alkman, Schol. F 250), 
strenggenommen über ein mauerloses Ilion ge- 4. Mutter einer Chthonophyle, deren Name für 
herrscht haben. sich spricht (Paus. 2, 6, 5 f.), 5. Tochter des 

*) So werden denn auch die Rosse beider verwech- Hippokoon (Diod. 4, 68, 5), in dem also eine 

seit; Hyg. fab. 89 von den Laomedonpferden Gestalt nach der Art des Zeuxippos stecken wird, 
qui super aquas et aristas ambulabant. 

Jahrbuch des archäolo|pschen Instituts XXIX. - l5 



ig6 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



der selbst einige Stufen tiefer in derselben Genealogie erscheint '). Auch in Milet 
hat man keinen Anstoß daran genommen, Anax und Neleus in einer und derselben 
Genealogie zu führen, und in der Abfolge der attischen Könige stehen Kekrops, 
Erichthonios und Erechtheus unbeschadet nebeneinander. 



Die Zusammenstellung der verschiedenen Formen, in denen der Unterwelts- 
herr in Verbindung mit dem Pferde auftritt, ergibt ein erstes Resultat: das Pferd 
im Besitz des Unterweltsfürsten ist wurzelhaft. Damit wird der Versuch 
von P. Stengel ^) als unzulänglich erwiesen, der das Roß des xXuToitcuXo; mit Hilfe eines 
Analogieschlusses deuten wollte: weil die Toten in der wilden Jagd Rosse besäßen, 
könne es nicht verwunderlich sein, das Roß auch im Besitze des Hades zu finden. 
Da das Fundament sich über den xXuTortuXo? des A hinaus wesentlich verbreitert 
hat, hat der Analogieschluß nicht mehr die notwendige Tragkraft. Auch würde er 
positiv zu einer unzutreffenden Folgerung führen: es müßte dann Hades Führer der 
wilden Jagd sein; eine Funktion, die er im hellenischen Glauben nicht ausübt, dem 
vielmehr Hekate die Führerin des gespenstigen Heeres ist 3). 

Gegenüber der alten Sage, die das Pferd in Zusammenhang mit dem Jenseits- 
herrn kennt, treten, wie schon öfter angedeutet, im homerischen Epos die ursprünglichen 
Ideen in den Hintergrund ; ein Musterbeispiel dafür, daß sie zwar in ihren äußeren Formen 
noch vorhanden sind, während doch die ihnen ursprünglich anhaftenden Vorstellungen 



■) Vielleicht darf man in den Kreis alter Unterwelts- 
götter mit dem Pferde auch den 'Eyir.uiXoi im 
W 296 ff. aufnehmen, der hier wie Zeuxippos und 
Melanippos ebenfalls aus Sikyon stammt und dessen 
Reichtum besonders hervorgehoben wird, so wie 
Erichthonios (T 220) der 'Reichste der Menschen' 
genannt wird, eine Bezeichnung, die dem Unter- 
weltsgott als Herrn der Bodenschätze wohl an- 
steht. 

') "AiOTjS xXuTOTiiu/o; (Opferbräuche der Griechen 
154 ff.); die wertvollen Einzelergebnisse werden 
unten verwendet. Stengel fürchtet, eine Ausdeh- 
nung der Untersuchung über das ganze griechische 
Gebiet und auf die verwandten Völker würde die 
Unsicherheit des Urteils nur erhöhen. Das darf 
nicht schrecken. Er hofft, eine Einschränkung 
auf das Gebiet des Kultus werde zu bescheidene- 
ren, aber vielleicht aussichtsvolleren Resultaten 
führen. Das ist ein Irrtum. Jedes Problem muß 
so weit gegriffen werden, wie es selbst sich dar- 
stellt; im Ausschnitt behandelt, birgt es von 
vornherein den Fehlerquell in sich. Nur das 
auvopäv kann der Wahrheit näherführen. 

3) Der 'Jäger Hades' und die 'Jägerin Persephone' 
pflegt nach K. Dilthey Arch. Zeitg. XXXI 1874, 
82 zitiert zu werden. Nun gibt es gewiß auch 



eine Auffassung des Unterweltsgottes als Jäger; 
als KuvTjYETTj; erscheint er z. B. mit seinen -/ivs; 
(Inscr. Gr. II 1651, Komiker Piaton bei Athen. 
442 a, Wilamowitz Isyllos 100, Herakl.^ II 195), 
in Böotien (im Gegensatz zu Attika) denkt man 
sich dem entsprechend auch den Toten als Jäger 
(Rodenwaldt Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 314, 
337); doch ist es ein öfters begangener Fehler in 
mythologischen Untersuchungen, dergleichen Ein- 
zelausprägungen ohne weiteres auf das Konto des 
großen Gottes Hades zu setzen. Die von Dilthey 
für die 'Jägerin Persephone' zitierte Pausanias- 
stelle (IX 39, 4) handelt von der Kopr^; 9i^pa in 
Lebadeia, die, so wenig wie die verwandte 'Jäge- 
rin' (Thero) vonChaironeia, etwas mit Persephone 
zu tun hat (Kyrene 76, 2). Der Jäger Agreus 
(und Zagreus) sind Sondergestalten, die erst all- 
mählich sich größeren Göttern unterordneten 
(Kyrene 10 f.). Wenn Dionysos Jäger ist, hängt 
das mit dem orgiastischen Wesen einer bestimm- 
ten, ursprünglich unhellenischen Religionsform 
zusammen und ist für Hades nicht zu verwerten. 
Dilthey faßt unter dem Schlagwort 'Wilde Jagd' 
Dinge zusammen, die ganz divergenter Natur 
sind. — Über Hekate als Führerin des wilden 
Heeres s. unt. S. 237. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 107 



blaß geworden, bieten die Athla im W. In dem Wagenrennen treten fünf Helden 
mit ihren Gespannen in die Schranken: Eumelos mit den Rossen seines Vaters 
Admetos (>]'' 288 f.), Antilochos mit denen seines Ahnen Neleus, die der Dichter 
nuXoifsvsE^ nennt (vs. 303), Diomedes mit den geraubten Abkömmlingen der Lao- 
mcdonpferde (vs. 290 f.); Menelaos führt die Stute, die sein Bruder vom Sikyonier 
Echepolos erhalten hat; ohne jede Charakterisierung bleiben nur die Pferde des 
Meriones (vs. 351). Paradigmatisch, als Muster für Schnelligkeit, nennt der 
Dichter außerdem noch den Arion des Adrastos und die Laomedonpferde (vs. 347 f.). 
Unabhängig vom Epos hat unsere Untersuchung gelehrt, daß die Pferde des 
Admetos, Neleus, Laomedon nach altem, mutterländischem Glauben Tiere des Unter- 
weltsherrn waren; für die Stute des Echepolos wurde das gleiche wenigstens ver- 
mutet (S. 196, i). Davon weiß der Dichter der Athla nichts mehr; mit der Ver- 
pflanzung nach Kleinasien ist der Ursprungscharakter verloren gegangen. Aber 
er gruppiert diese Pferde und keine anderen; eine Tradition existierte also auch 
noch für ihn. Und er behandelt sie, die aus alter Tradition stammen, unter- 
schiedlich gegenüber den traditionslosen Rossen des Meriones, den ßapoiarctt, wie er 
sie nennt (vs. 530), die für die Entscheidung nicht in Betracht kommen. Meriones 
ist der kretische Bogenschütze'); der Dichter greift mit ihm einen bekannten 
Namen des Epos auf, mit dem er die Zahl seiner Wettkämpfer erhöht, und gibt dem 
Schützen Rosse; aber es ist in der Ordnung, daß Hans und Grefe keine Lorbeeren nach 
Haus tragen. Noch ein anderes Mal berührt das Epos die Frage nach den äpn-oi i-kt.ol 
Am Schluß des Katalogs der Helden, als die Muse Auskunft geben soll, welches die 
trefflichsten Rosse seien (B 761 ff.), entscheidet sie: fewji jisv iii-f äpi^-oti saav <I)r,rjr,T'.a6ao, 
xä? 'Eu[xr,>.o? IXciuvs Ttootuxia; ö'pvt&a; &; d. h. wieder die Admetospferde; daran ge- 
reiht werden die Renner des Achill: auch diese aber entstammen dem Kreise des 
Unterweltsherrn, als Geschenk des Unterweltsgottes, des iizmo; rioasioöJv, an Peleus 
{W 277 f.). 

In den Vorstellungen des hellenischen Volkes hat sich lebhafter als im Epos 
der alte vorhomerische Glaube vom Pferd als Begleiter des Todesgottes erhalten; 
er ist noch heut lebendig. So reitet die 'Grimme', die Todesgöttin Brimo, auf den 
Münzen ihres Kultortes Pherai ein springendes Roß^), die Fackel in der Hand, die 
bei ihr so wie bei den Erinyen 3) sengen, nicht leuchten soll; auf einer Fluchtafel 
ist die gespenstige Hekate nach einer wahrscheinlichen Besserung Wünschs tTrirsuipta 4). 
In der Apokalypse (VI 8) reitet der Tod einen rcTtoc /Xtupo? 'und ich sah, und siehe, 
ein fahles Roß, und der darauf saß, hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach'. Moira, 
als Dämon des Todes bekannt 5), erscheint in einem Leidener Papyrus als Motpa 
airavia uspiimta;o[j.£v)i) &), im -Papyrus Mimaut wird ein ikito? rffi 'Axxai'rj?, wiederum 

■) Im V selbst 860 ff. ist er der berühmte Schütze, 4) Antike Fluchtafeln (= Lietzmann Kl. Texte 20) 
der sogar den Teukros übertrifTt. Auf dem Ge- S. 19, wo i;r7:eiTpo überliefert ist. 

spann erscheint er nur noch P 610. 5) Dieterich Nekyia' 59, Deubner Athen. Mitt. 

=) Catal. Brit. Mus. Thessaly Tat. X nr. i6. XXVll 1902, 264. 

3) Wilamowitz Griech. Trag. II 236, 3. ') Dieterich Abräxas 95, Nekyia' 59, 3, der auch 

16* 



ig3 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



einer Unterweltsgöttin '), genannt; eine der Medusen, Stheno, heißt auf einem 
Zauberstein aus Pergamon it).Tjci--o? ^). Der Teufel wird im heutigen Griechenland 
mancherorts reitend gedacht; so soll die Roß trappe auf Kalauria von ihm her- 
rühren 3). Bekannt ist, daß der neugriechische Todesgott Charos beritten ist; im 
Mondenschein schirrt er sein Roß zum Ausritt 4); er zieht über das schwarze, in 
Nacht und Nebel gehüllte Gebirge, mit den geschiedenen Seelen: 'er treibt die Jungen 
vor sich her und hinterdrein die Alten, am Sattel hat er zart und jung die Kinder 
angereihet' 5). Des Charos Pferd ist schwarz *) wie er selbst ■ — auch dieser Zug 
ist alt; wenn sich auch der homerische Demeterhymnus über die Farbe der Rosse 
nicht äußert, so kennt sie die orphische Tradition als Rappen; in dem neugefun- 
denen Traktat ist ansprechend ergänzt worden s-i' dp[x[a't(uv] y.[uav]i'--(uv 7), in den 
orphischen Argonautika I194 hat Pluton xuavÖTpix«^ i-üw;; für Ovid, der in seinen 
beiden Darstellungen des Koreraubes ^) die schwarze Farbe der Rosse kennt, war 
das alexandrinische Koregedicht des Kallimachos 9) maßgebend; ein Mosaik mit 
Koreraub, in Rom gefunden, nennt die Rosse des Hades XOövto?, 'Epsßiüc, Zocjo; 
und Aufaw; (Inscr. Gr. XIV 1303). 

Unter den einzelnen Unterweltsherren, die wir zusammengestellt'"), heißt Eri- 
ch thonios nach seinem Sitz in der Erdtiefe; Neleus Admetos fassen den Gott 
nach der Seite des Töters, Laomedon Echelaos als Herrscher über die Toten, Zeux- 
ippos als Herrn des Rossegespanns. Wenn für Namen von so verschiedener Färbung 
die Verbindung mit dem Pferd konstant ist, so haben wir zu folgern, daß in der 
Verbindung Gott und Pferd der Akzent auf dem Pferde liegt. So 
erhebt sich die Frage, wie weit bei den Hellenen das Pferd als Erscheinungsform für 
die chthonischen Mächte, speziell für solche dämonischen Charakters, gegolten hat. 

Daß die großen chthonischen Götter, Poseidon und Demeter-Erinys, Pferde- 
gestalt trugen, war erwähnt; ebenso daß Medusa auf altertümlichen Gefäßen als Stute 
dargestellt war. In den gleichen Kreis wie beide gehört Melanippe; ihr Gatte ist 



zutreffend den Zusammenhang mit dem xX'jTd- ') B. Schmidt a. a. 0. 225, Waser Charon, Charun, 

ruiXot betont. An die pferdeköpfigen Dämonen Charos 97, 99. 

in gnostischer Literatur, an die die Zunge des 7) Berlin. Klassikertexte V I, 9 Kol. 3 vs. 4; K. Fr. 

Lästerers gebunden wird, erinnert Dieterich W. Schmidt Woch. klass. Philol. 1908, 281 ff. 

Nekyia' 208, 2. 8) Metam. 5, 360, 404 (atri equi), Fast. 4, 446 (cae- 

•) Pap. Mimaut 31, Wünsch Rhein Mus. LV 1900, ruleis equis). 

258 f., Radermacher Jenseits 44, 3. 9) Malten Herrn. LXV 1910, 506 ff., Wilamowitz 

^) Wünsch Antik. Zaubergerät aus Pergamon 27. Sitzungsber. Berl. Akad. 1912, 535. 

Auch eine Gestalt wie Lyssa wird reitend gedacht; ■") Auf den thrakischen Reiter gehe ich mit Bedacht 

Herakles, von ihr geritten, 'galoppiert' zum Morde nicht ein; hier ist erst eine reichere Publikation 

des alten Vaters (Euripides Herakl. 1001 tirnciet, des Materials und eine genauere Sonderung 

mit Wilamowitz' Erläuterung II 217). vielverschlungener Fäden nötig, ehe mit einiger 

3) B. Schmidt Volksleben der Neugriech. 177. Sicherheit über diese Gestalt geurteilt werden 

4) A. Passow, Liebes- und Volkslieder des neugriech. kann. Letzte Behandlung bei Seure Rev. des 
Volkes 55. ^tud. anciennes XIV 1912, 137 ff., 239 ff., 382 ff., 

5) Passow a. a. 0. 56. Ähnlich ebd. ein Liedchen, methodisch wertvolle Weiterführung bei Wein- 
in dem ein Vogel aus der Unterwelt vom reiten- reich Athen. Mitt. XXXVIII 1913, 62 ff. 

den Todesgott Charos spricht. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. ]qq 



Poseidon, sie selbst die 'schwarze Stute'; ohne besonderen Eigennamen vertritt diese 
Gestalt die Stute Demeter-Erinys der arkadischen Sage; Erdmutter die eine wie die 
andere '). Das unmittelbare Pendant zu Melanippe haben wir in Melanippos; als 
Stadtgründer (von Triteia, Paus. VII 22, 8) entspricht er dem Unterweltsherrn 
Anax in Milet; eine sikyonische Genealogie hebt an mit den bedeutungsvollen 
Namen MsXa'vnrTro? 6 Kux>.tuTto? 6 Zsu£i7t7tou (Wilamowitz Kydath. 147), in Athen 
gibt es ein MiXotviir-iioy (Harpokr. s. v.), dessen Inhaber dem des dortigen N/jXsTov 
entsprochen haben wird ^). Hippomenes von Onchestos (Apd. III 210) gehört in 
denselben Kreis; darauf weist der Name des Roßstarken, der Vater Poseidon und 
die im IlostSi^iov d'ikoLhv ä>,30c zu Onchestos (B 506, Hymnus auf den pyth. Apollon 
52 ff., Pindar Isthm. I, 33) begangenen Zeremonien mit den equi conscii 3). 

Sproß der Verbindung zwischen Poseidon und Melanippe ist Aiolos^); er selbst 
wiederum zeugt mit Hippe, der Stute, eine Melanippe. Daß auch er einmal in Rpßgestalt 
gedacht wurde, legt schon die Abstammung von solchen Eltern nahe; Kontrolle bietet 
die Odyssee (x 2), die des Aiolos Vater 'Iir-o-:/)? nennt; darin steckt der lloasioiüv "Ittkio?, 
wie auch die Späteren verstanden, die mit dem Paare Poseidon-Melanippe alter- 
nierend Hippotes-Melanippe Eltern des Aiolos nennen (Diod. IV 67, 3) 5). Aiolos, 
der Windgott, in Roßgestalt ist nicht überraschend; die Roßgestalt der Winde ist 
bekanntlich weit verbreitet ^). Die Winde in Roßgestalt jagen über die Wogen des 
Meeres 7) ; in Roßgestalt zeugen sie im Epos mit stutengestalteten Harpyien treff- 
liche Renner; so Boreas mit der Harpyie Podarge den Xanthos und Balios (H 149); 
das Roß Erion stammt von Zephyros und der Harpyie ^j. Spätere variieren in 

') Wünsch Rhein. Mus. IL 1894, 108; Wilamowitz und von einer Kuh gesäugt; dieser Zug der 

Griech.Literaturgesch.325.- Das in gewissem Sinn Sage entfließt der ursprünglichen Stiergestalt des 

Gegensätzliche, das Wünsch darin vorzuliegen Boiotos. Die säugende Stute für Aiolos ist wohl 

schien", daß Melanippe zugleich chthonische nur zufällig nicht überliefert; sie findet sich 

Gottheit und Geliebte des Poseidon ist, löst in den Sagen für Hippothoon, Neleus, Pelias. 
sich nach dem Grundprinzip dieser Untersuchung, 5) Vgl. auch S. Wide Lakon. Kulte So, 2, Usener 

wonach in all solchen Fällen Poseidon noch Rhein. Mus. LIII 1898, 359 = Kl. Schrift, IV 287. 
nicht der Meergott ist. ^) Einiges bei Steinmetz de ventor. descript. Götting. 

») Melanippos als Unterweltsgott: Usener de carmine 1907, 6, 2; Arch. Jahrb. XXV 1910, 33, 5. Auch 

quod. Phoc. 30, Wünsch Rhein. Mus. IL 1894, im deutschen Volksglauben spricht man vom 

108, Kuhnert in Roschers Myth. Lex. IV 530, Wind 'füttern'; man opfert dem Wind oder wirft 

Neustadt de Jove Cretico 12, Wilamowitz Heu in die Luft (Wuttke-Meyer3 Deutscher 

Aischylos, Interpret. 102. Volksabergl. 294), oder man streut dem Winde 

3) E. H. Meyer in Roschers Myth. Lex. III 2829. Mehl hinaus, damit er 'was zu fressen habe' 
Aus der Natur des Vaters entfließt die Sage (E. H. Meyer Mythol. der German. 230). 

von der Tochter Leimone, die von einem Pferd 7) Eurip. Phoin. 210 'jr.ip c(xo(p-i3T(ov rcBfiov 

zerrissen wird (Kallim. frg. 457 Sehn. u. s). StxcXfaj Zecpipo'j i:voaI{ tezE'iaotvro;, Horaz 

4) Der zweite Sohn ist Boiotos, der Ahnherr der Carm. IV 4, 44 Eurus per Siculas equitavit 
Böoter; auch er ist ursprünglich in Tiergestalt undas, wo der Eurus als Roß durch die Wogen 
zu denken (Wilamowitz Gr. Trag. II 227, i). Ein galoppiert, nicht als Reiter zu Pferd sitzt (Wila- 
Rind weist die Stelle, wo Theben gebaut werden mowitz Herakl.' II 217). 

soll; Parallelen dazu gibt es aus jederzeit; Kadmos 8) Eustath. zur II. 23, 246, Quint Smyrn. 4, 570; 
als Städtegründer ist dem gegenüber sekundär. In daneben Parallelversion, die Poseidon und Erinys 

Euripides' MeXavinKr] <3o'ffj werden die Kinder oder Poseidon und die Harpyie als Eltern nennt: 



Aiolos und Boiotos von einem Stier bewacht Schol. Y 346. 



200 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



den Namen '). Da die Harpyien unverkennbar raffende Stürme sind ^), der Ver- 
gleich von Wind und rasch dahinfliegendem Pferde dem Altertum geläufig ist 3), 
hat der Vergleich zwischen Roß und Wind zur Verbreitung der Vorstellung vom 
roßgcstalteten Winde gewiß wesentlich beigetragen; hinzuzunehmen ist, daß dem 
antiken Glauben die Winde unheimliche Gesellen sind, die man mit nächtlichem 
Opfer besänftigt 4), und daß auch die Harpyien im Volksglauben als raffende Dämo- 
ninnen gelten wie Sirenen, Keren usw. (unt. S. 239ff., 242 f.); solche Wesen sind 
es, denen im Volksglauben die Erscheinungsform des als gespenstig empfundenen 
Pferdes besonders gern gegeben wird 5). 

Waren es in den bisher behandelten Fällen bestimmte Gestalten des Glaubens, 
Götter der Tiefe oder Dämonen, die Roßgestalt annahmen, so führen Spuren in der 
Tragödie darauf, daß ganz allgemein der (namenlose) Dämon, der Verderben bringend 
den Menschen anspringt, in der Gestalt des tretenden Pferdes vorgestellt wird. Die beiden 
bezeichnendsten Beispiele hat Wilamowitz *) herausgehoben und erläutert. oat'jAovo; 
X'rl^^l ßctpsia 5'j!JTux<üj irsuXTjyjisvoi 'der schwere Huf des Dämons hat uns furcht - 



•) Podarge als Mutter der Dioskurenrosse bei Ste- 
sichoros (Suid. s. v. K'iXXapo?), Boreas verbunden 
mit den Stuten des Erichthonios T 221 ff., 

. Boreas mit der 2i9ovi7j "Apruia äeXXcJro; 
(Nonn. Dion. XXXVII 154 ff.), Zephyros mit 
der Harpyie bei Quint. Smyrn. 8, 154 f., Boreas 
mit der 'Eptvy; ßXoa'jp&Tii; 8, 241 ff. Winde be- 
fruchten Stuten (Preller-Robert 473, 2; Gruppe 
442, 3). In dem von Furtwängler (Arch. Zeitg. 
XL 1882, 339 ff.) rekonstruierten Akroterion in 
Delos (abgeb. Roschers Myth. Lex. I 1277) er- 
scheint unter Oreithyia ein Pferdchen. Nach 
Analogie der anderen Gruppe, die den Hund 
unter Kephalos bildet, muß das Pferd eher als 
auf Boreas auf Oreithyia bezogen werden 
(Loeschcke Dorpat. Progr. 1886, 3). Zur Erklä- 
rung der Oreithyia geht Loeschcke von der Nereide 
Oreithyia i 39 ff. aus; doch Oreithyia ist 'die im 
Gebirge stürmt' (Wilamowitz Hom. Unters. 324); 
als solche ist sie älter als ihre Verwendung im 
Katalog des Epikers. Dieser häuft für seine Meer- 
mädchen klingende Namen, die auch sonst zum 
großen Teile (Doto, Phemo, Nemertes, Apseu- 
des u. a.) nichts mit dem Meer zu tun haben; 
der Nereidenkatalog bei Hesiod Theog. 243 ff. 
entbehrt denn auch der Oreithyia. Als W i n d - 
d ä m n gleich Boreas kommt auch der Oreithyia 
Roßgestalt zu; ein letzter Nachklang ist, wenn 
sie der Penthesileia ein Roß schenkt, das 
ftoi^m |ji£T^7TpeTrEv 'Apz-jirfli (Quint. Smyrn. i, 
169). Vgl. jetzt auch Ch. Fränkel Satyr- und 
Bakchennamen auf Vascnbildcrn 1912, 48, 6. 



^) Milchhöfer Anf. d. Kunst 64, Wilamowitz Griech. 
Trag. II 229 f., Stengel Herm. XXXV 1900, 634, 
Gruppe Gr. Myth. 846, 6. Bei Hesiod Theog. 
267 ff. laufen die Harpyien ävifjicuv zvoti^Ji. 

3) Die Rosse des Rhesos laufen av^[ioi3i 6(10101 
(K 437). Die Boreade Kleopatra ist 5(ii7r7tO{ 
Soph. Antig. 985; ein Roß ist iOXir.O'Ji bei Pind. 
Nem. I, 6; Pherenikos ist möXo; äsXXoSpdfAa; 
(Bakchyl. 5, 37); izXKi'jti Ir.r.oi Soph. Oed. Kol. 
463; 8e(JvTtov «){ äv^fiiuv Kallim. frg. 135. 
Man beobachte, wie anders hier die Situation ist 
als bei dem angeblich im Altertum so weit ver- 
breiteten Vergleich zwischen Roß und Welle 
(ob. S. 185). 

4) Kult an den pdDpot von Titane Paus. II 12, 2. 
Daß die Opfer und Zeremonien in allen Teilen 
chthonisch sind, zeigt Stengel Herm. XXXV 
1900, 632 ff. ; für das Alter der Kults wird dadurch 
nichts präjudiziert, daß das homerische Epos 
Ähnliches nicht kennt: ähnliche Voraussetzungen, 
den verderblichen Ausbruch der Winde zu be- 
schwichtigen, müssen auch den Opfern der athe- 
nischen Heudanemen am Spalte der Semnai zu- 
grunde gelegen haben. Menschenopfer an Winde, 
Herod. II 119, Vergil Aen. II 110 f. 

5) Wie Wind und Harpyien sind bei Alkman auch 
die Träume in Rossegestalt gedacht (Wilamowitz 
Herm. XXXII 1897, 252, 2). 

«) Herm. XXXIV 1890, 70 f., Griech. Tragöd. II 
231, zustimmend Gruppe Bursians Jahresb. 
Supplem. 1907, 381 f. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 2OI 



bar getroffen'; darin faßt am Ende des Agamemnon (vs. 1660 Wil.) Klytaimestra das 
ganze Leid zusammen, das das Atridenhaus getroffen. Damit zu verbinden sind 
die Worte des Oidipus. auch sie am Ende des Stückes: xi; 6 uTjor^sa? ^iziCova 
(■Krfir^^'XTa) 8at'[i.(üv xwv [xazw-iuv und »opa'S/jv (= csspofisvo?), lü> ootitxov, Tv' izfikto; 
(Oidip. Tyr. 1300 f., 1308 f., gegen Ende des Dramas); der Dämon ist in die Höhe 
gesprungen i), damit der Schlag des Hufes um so wuchtiger auftrifft. 'Es ist schauer- 
lich schön, wenn man nur daran denkt, daß der Dämon in Roßgestalt entweder 
noch gedacht wird oder doch von ihm aus älterer Tradition so geredet wird' =>). In 
die gleiche Vorstellungsreihe tritt Aeschyl. Pers. 515 w ououovtjTs Socijagv, w? ayctv 
ßapy? TTGOotv svr/ou tcocvxI flspir/w •(ivsi; das ^oootv aXXe3i)at entspricht, wenngleich ab- 
geschwächt, dem yji'k^ T:sTrXrjY[i.ivoc und dem siaXXscrOa'. der beiden erstgenannten 
Stellen; um einen weiteren Grad schwächer heißt es in demselben Drama vs. 911 
(bc u)[i.o»p6vu); Sai'[i.u>v sve^tj rispdüiv -/cvs5. Das 'Springen' und das Ziel des Sprunges 
gibt Sophokles Antig. 1345 -ot'o' s-l xpax'' [j.ot totjao? 8uaxojxt3xo? siir^XotTO, zum dritten 
Mal an der markanten Stelle am Dramenschluß; parallel ist Sophokl. Oidip. Tyran. 
263 vüv 8' I; xh xst'vou xpäi svT^XaS)' r; Tu/rj und, in weiterem Abstände, Fragm. 
trag, adesp. N.- 486 dXX' f|[xEpa? r^ vuxxö? t; Atx>) ttoxs xm ooassßoOvxt ary' v/ou::' ivr^- 
Xaxo. rioxixo?, Tu}(7j, Ai'xi] erfüllen hier, was in der stärksten und ursprünglichen 
Prägung des Bildes Sache des Sai'ixtuv war. Dem £;- st?- Iva'XXsjDoti verwandt 
ist (s[i)-ixvsi.y 3) : Agamemn. 1 1 75 Sai'jxwv uuspßapTj; sjxtlixvwv, 1468 oarjiov, 8? ifxmxvsi? 8(u[A(x3t, 
Hippolyt. 575 '-«i^aSoc sv oojxoi? raxvst, Herakl. 597 tovov xiv I; 8o[iou? TisTtxtuxoxa, Philokt. 
965 i[iot [ib otxxo? oitvöc EtiuiTrxwxs xi?, ferner öpioa/.stv: Sophokl. Trachin. 1028 Optiiaxsi 
8iiXo(ia . . . vo30f, Oid. Tyr. 470 'AiroXXtuy s-ivfypiuJXE'., weiter 7r-/)o5v: Eurip. Hippol. 1351 
•rc/j8ä acpot'xiXo;. Anderwärts ist es nicht der roßgestaltige Dämon selber, der den 
Schlag tut, sondern der junge Gott auf dem Rosse reitet die alten Mächte nieder: 
Eumeniden 150 vso? oh. -^paw? ootip.ova; xctöi-Traso); dazu 731, 808 f . Die angeführten 
Stellen entstammen der älteren Tragödie; im Epos, das volkstümlichen Anschau- 
ungen weit ferner steht, findet sich Vergleichbares nicht. 

Ist in den Zeugnissen aus der Tragödie das Roß als Inkarnation eines in ihm 
wirkenden bösen Geistes gedacht, so hat die hellenische Sage aus dem Volksglauben 
heraus, der zumal das schwarze Pferd als unheimlich empfand, zwei Rossen in alten 
bedeutsamen Mythen ein individuelles Dasein gegeben; sie werden zum bösen Dämon 
ihres Herrn und tragen ihn in das unabwendbare Verderben. Es sind der Erion 
des Adrastos und Pegasos, das Roß des Bellerophontes. 

Die Genealagie des Erion gibt den ersten Aufschluß über sein Wesen. Nach 
arkadischer Sage, die Pausanias (VIII 25, 4 ff.) aus Thelpusa berichtet, entstammt 
Erion chthonischen Mächten, dem Poseidon tumo? und der Erinys, die hier als die 
'zürnende' galt, wenngleich ihr Wesensgehalt erlaubte, sie mit Demeter zu verbinden. 
Die Sage von dem Rosse und seinen göttlichen Eltern hatte im alten Epos Eingang 
gefunden; nach den Homerscholien fand sie sich bei den x'jxXixot'; daß dahinter 
die kyklische Thebais steckt, hat Bethe 4) zutreffend bemerkt. Auf denselben Vor- 

') So erklärt Bruhn z. St. zutreffend das IS^W.ssSai. 3) Wilamowitz Hippolyt. S. 213. 

') Wilamowitz Herrn. a.a.O. 4) Schol. zu l*" 347, Bethe Theban. Heldenlieder 90 f. 



202 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

aussetzungen fußt Antimachos in seiner Thebais, in der er die Demeter-Erinys wie 
auchThelpusa namhaft machte (Paus. VIII 25, 4, 9); mit leichter Umbiegung läßt er 
das Roß aus der y«?» hervorgehen; der Erdschoß gebiert, wenn die beiden unter- 
irdischen Götter ihre Vereinigung vollzogen; so entsteht auch das Roß Skyphios') 
aus der ^aw, wenn Poseidons Samen sie befruchtet^). Auch der Ilias ist die Genealogie 
bekannt; 'Apt'(uv ftsoo-.v ^^vo? wird in den Athla {W 346 f.) zitiert. Wie Erions Vater 
der Kuayo/otiTTj; ist, gilt das gleiche Epitheton nach mehrfacher Bezeugung für den 
Rappen Erion selber 3). 

Der Gebieter des Rosses ist Ad ras tos; ihn soll das Roß nach- feststehender 
Tradition als einzigen aus dem unglücklichen Zuge der Sieben gegen Theben nach 
Hause gerettet haben. Diese Angabe erschien befremdlich: wie sollte der, 'der 
nicht entrinnen kann', allein dem Verhängnis entflohen sein? Von dieser Über- 
legung ausgehend, zog Usener 4) die epische Überlieferung vom Tode der beiden 
Brüder Amphios (Kurzform zu Amphiaraos) und Adrestos heran 5), um daraus 
Z.U folgern, daß auch Adrastos nach der ursprünglichen Form der Sage im Kampfe 
erlegen sei. Darin steckt eine richtige Empfindung, wenngleich die Folgerung, es sei 
Adrastos in einem konkreten Epos gefallen, nicht haltbar ist ^). Das «ptüiov ij<söiSoc 
liegt darin, daß Useners Formulierung den Erion aus der alten Sage ausschaltete: 
warum die Sage dem Rosse seine spezifische Abkunft gegeben, blieb unerklärt; 
unbeachtet auch, warum sie gerade dieses Fluchroß mit einem Reiter 7) eben dieses 
Namens verbunden. Die Lösung hat Wilamowitz gefunden *) und damit einer der 
grandiosesten Sagen des Altertums Sinn und Zusammenhang wiedergegeben. Wohin 
trägt der Erion den Adrastos? Nach der einen Tradition, die den Hintergrund 
für Äschylus' Eleusinier und Euripides' Hiketiden abgab, entführte das Roß den 

') Den Namen glaube ich verbinden zu sollen mit 4) Bei Bethe a. a. O. 65 ff., Stoff des griech. Epos 

Xenophons Ttttto; ■A'yf(xyuiy6i (de re equestr. 7, 37 ff-, 40 = Kl. Schrift IV 234 ff.; unabhängig 

10: ■fj'nrjyikio U, 7)v |ji£v /utpaYtufd-cpo; f, ö itt- davon Gruppe Griech. Myth. 507. 

7:0t, avcoT^pu) Tat? yep5(v, r^v 5^ [jiäXXov ävaxE- 5) A 328 ff. (wo die Eigennamen ausgefallen 

X'jtptbj, xoTioT^pm). Daraus Pollux 1, 197, Libanios sind: Wilamowitz Isyllos 52, 20), B 830 ff. 

Vol. 4 p. 203, 21 ixEpoYväS«) (?7Ti:<{)) xai Die homerische Auffassung von dem im Kampf 

xu'f GcYiuyoüvTi ; vgl. X'jtpdvouTo;. Den Namen getöteten Adrastos wirkt noch bei Vergil Aen. VI 

hat das Roß nach einem körperlichen Fehler 480 nach, wo Adrastos unter Kriegsgefallenen 

in derselben scherzenden Form, in der ein erscheint. Selbst getötet hat er sich in der Novelle 

Dioskurenpferd Kyllaros, 'Lahmfüßchen', heißt bei Herodot (I 45) und bei Hygin Fab. 242. 

(WilamowitzAristot.undAth.il 176 'eigentlich ') P. Friedländer Rhein. Mus. LXIX 1914, 333. 

kein Kompliment für ein Pferd, das Hera <) Ich gebrauche hier wie sonst der Kürze halber 

schenkt', Sapph. und Simon. 241, 2). den Ausdruck 'Reiter', obwohl in älterer Zeit 

') Heeg Roschers Myth. Lex. IV 1076. gefahren wird. Für die vorliegende Untersuchung 

3) Thebais bei Paus. VIII 25, 8, Aspis 120 (|i.^Yav kommt es mehr auf die Verbindung mit dem 

fTTitov 'Apteva xuavoxa''njv). Daher Adrastos' Pferd als auf dessen Verwendung an. Für 

Sohn Kyanippos (Apd. I 103); bei Hyg. Fab. Adrastos mit oder auf dem Erion Bethe Theban. 

242 Hipponoos. Für Statins ist Erion ein Falbe Heldenlieder 93, 25. 

(VI 279 rutilae manifestus Arien igne iubae, 479 ") Ausgesprochen in gelegentlichen Hinweisen: 

flavus Arion). Herrn. XXVI 1891, 225, i; XXXIV 1899, 71; 

Griech. Trag. I 192, i ; II 226. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben, 203 

Adrastos auf seiner Flucht an den Kolonos Hippios ') — dorthin, wo die Erinyen 
zu Haus sind. Bei Pindar kehrt Adrastos nach Argos zurück^), nach einer dritten 
Version nach Sikyon 3) — • für beide Orte ist Kult der Erinyen -Eumeniden 4) bezeugt. 
Sohn der Erinys ist Erion: zu der Mutter in die Erdtiefe kehrt das Roß heim und 
trägt ihr seinen Reiter zu, der so den Mächten der Tiefe, der 'Hölle', nicht entrinnt. 
Die antike Tradition hat die Elemente der Sage — • Abstammung des Erion von der 
Erinys, Entrinnen des Adrastos auf dem Erion aus dem Kampfe, Rast auf dem 
Roßhügel — treu gewahrt, nur ist der innere Zusammenhang im Epos verloren ge- 
gangen. Der im Epos 'entkommt', ist doch zugleich nach dem ursprünglichen Sinn 
der Sage seinem Geschick verfallen. 

Daß Erion aus der alten Sage nicht mit Usener auszuschalten ist, in ihr vielmehr 
eine bedeutsame Rolle spielte, läßt sich auch von anderer Seite her zeigen. Wilamo- 
witz hat gelegentlich darauf aufmerksam gemacht, daß die redenden Rosse Achills 
im T (404 ff.) eine Steigerung der weinenden Rosse im P (437 ff.) darstellen, und 
hat daran die Bemerkung geknüpft, 'leider kann man nicht beweisen, daß er (der 
Dichter des T) den Arion des Adrestos vor Augen hatte, aber der Sohn des Poseidon 
und der Erinys muß mindestens in der originalen Sage handelnde, also auch redende 
Person gewesen sein' 5). Diese Vermutung ist um so frappanter, als Wilamowitz 
nicht herangezogen hat, daß unsere Überlieferung in der Tat den redenden Erion 
kennt. Als Adrastos den letzten Versuch gemacht, den Kampf der beiden feindlichen 
Brüder zu schlichten, 

fugit omnia linquens 
castra, viros, g.enerum, Thebas, ac fata monentem 
conversumque iugo propellit Ariona (Statins Thebais XI 441 fT.). 
Bei einer anderen Gelegenheit, bei den Leichenspielen, die in Nemea zu Ehren des 
toten Archemoros gefeiert werden, nennt Statins (VI 402) den Arion praesagus: 

•) Etym. Magn. s. v. iTniia . . . Jj oxi 'A^potSTOj sammen, die auf megarischem Boden Spuren der 

8i^ßir)8sv tpe'jYwv, {tA KoXiuvtjJ an^raj to\)? Ttttio'j;, Sieben finden, Überlieferungen, die verständlich 

IIo3Ei5mva xai 'AStjV^ t7T:ii'o'j; 7:po3TjY<!p£'JIsv ; werden, wenn man alte Zusammengehörigkeit der 

Bachmann Anecd. I p. 38, 10 aXXoi 0^ tpasiv lü; Megaris mit Böotien annimmt (Wilamowitz 

"AopaaTov tpö'iyovTa xotl ^rcl KoXiuvoO OTTfimTd Griech. Trag. I 190, Aischylos, Interpretat. lOl, 3 

TOi){ i'7i7:o'j; xtX., Bekker Anecd. S. 350, Schol. u. s.). Auch Aigialeus, Adrastos' Sohn, hatte ein 

Soph. Oedip. Kol. 712 6 yip KoXwvöj 'iTiTteüj (ovo- Heroon im megarischen Pagai (Paus. I 44, 4; IX 

fintaSbj T.ixp' ii iit^ifxrj^i otiT^ii oii xov "Aopaaxov. 19,2), während er doch seinem Namen zufolge 

Vgl. auch ApoUod. III 77, 79. Heroon des Adrastos nach Aigialeia-Sikyon gehört, 
auf dem Kolonos Paus. I 30, 4. 4) Für Argos durch die Votivreliefs Athen. Mitt. IV 

') Isthm. VII 11 ii 'ApYO{ Tttttiov (nach dem ersten 1879, Taf. IX f., für Sikyon durch Paus. II 11, 4. 

Zuge gegen Theben), Pyth. 8, 55 "AßoivTo; ct^uiic Die doppelte Seite der Göttinnen als segnende 

(nach dem Epigonenzug). • und strafende Mächte zugleich heben eine Reihe 

3) Dieuchidas im 3. B. der Megarika nennt für der Lokalkulte besonders hervor; so verstehen 

Sikyon ein leeres Grab des Adrastos (Schol. Pind. sich die 'weißen' und 'schwarzen' Erinyen in 

Nem. 9, 30, Paus, i, 43, i), das eigentliche Grab Megalopolis (Paus. VIII 34, 3) und die ähnlichen 

sei in Megara. Letztere Notiz des megarischen Überlieferungen in Keryneia (Paus. VII 25, 7; 

Schriftstellers gehört mit einer Reihe anderer zu- Schol. Oidip. Kol. 42). 

5) Herrn. XXXV 1900, 563 f. 



204 ^' M^lt^"' ^'^ Pferd im Totenglauben. 



senserat adductis alium (sc. den Polyneikes) praesagus Arion 
Stare ducem loris. 
Bei der doppelten Bedeutung des Wortes praesagus könnte aus dem Zusammen- 
hang heraus daran gedacht werden, daß das Roß mit seinem Ahnungsvermögen, 
seiner Witterung, den fremden Lenker spürt; auf die Bedeutung 'weissagend' im 
Sinne eines allgemeinen Epithetons führt jedoch eine Stelle des Properz, der in der- 
selben Situation das Roß vocalis Arion nennt ') 

qualis et Adrasti fuerit vocalis Arion, 

tristis ad Archemori funera victor equus. 
Der Tod des Archemoros, dessen Namen die Sage als 'Anfang des Unheils' ver- 
steht (das Epos bildet ähnlich E 63 vr^ot; dp^^sxa'xou;), gibt eine passende Gelegen- 
heit, an der das Roß seinem Herrn zum ersten Mal das kommende Unheil ange- 
deutet haben wird ^). 

Wir haben darnach zwei Gelegenheiten, bei denen Erion in Aktion tritt ; zuerst bei 
denAthla in Nemea, zum zweitenmal vor Theben. Es fragt sich, wie hoch wir diese 
Traditionen hinaufverfolgen können. Der Tod des Archemoros und die Athla zu seinen 
Ehren sind im 5. Jahrhundert allbekannt; Simonides 3), 'Pindar'4), BakchylidesS), 
Aeschylus*), EuripidesV) berühren sie; Kallimachos führt den 'xApxoi? uTTto? 'Api'cuv ein, 
der beim Zeus Apesas siegte ^). Aus der Thebais des Antimachos wissen wir wenigstens 
soviel, daß der Dichter, vor der eigentlichen Expedition, eine Opferschau oben auf dem 
Apesas ansetzte9). Daß die Tradition von Archemoros und seinen Leichenspielen nach 
573, dem Einsetzungsjahr der Nemeen, entstanden sei, ist aus mehreren Gründen 
sehr unwahrscheinlich; erstlich hätte diese Sage sich schwerlich entwickelt, nach- 
dem einmal der große Gott seine Hand auf die Spiele gelegt, dann weisen noch mehrere 
an den Nemeen geübte Bräuche, wie die Trauerkleidung der Preisrichter und der 
Eppich als Gabe für den Sieger '°), darauf hin, daß die Nemeen sich an einen älteren 
Leichenagon angeschlossen, endlich liegen Parallelen in den gleichfalls aus Leichen- 
spielen hergeleiteten Olympien und Isthmien vor "). Das Alter solcher Agone 
wird durch die aUXa ert IlsXta ")_ die verschiedenen Leichenagone in Theben, auf 
die die Ilias verweist (A 389 ff., *F 679 f.) und die dUXa eirl HaTpoxXw genügend be- 
wiesen. Nach all dem ist naheliegend, daß die geschlossene Tradition des 5. Jahr- 

') II 34, 37 ff. mit Rothsteins Note. 7) In der Hypsipyle (Oxyrh. Pap. VI S. 65 frg. 60 

») Tümpel (P.-W. II 622) meint, daß es den Tod vs. 9g ff.). 

des Archemoros beklage. Nebenbei sei ein Ver- *) Frg. 82, der Apesas auch frg. 29. 

sehen Tümpels berichtigt; Ovid Met. VI 118 ff. 9) Schol. Statins Theb. III 460 und Wilamowitz 

spricht von zwei Rossen, dem Erion (ohne Herm. XXXIII 1898, 513 f.; XXXIV 1899, 601. 

Attribut) und dem Pegasos, der volucris heißt. ">) Argum. IV zu Pindars Nemeen; Belege für den 

Erion hat keine Flügel. Eppich als Totenblume Olck P.-W. VI 256. 

3) Bergk * fr. 52. ") Rohde Psyche I» 152, i. Auch die Parallel- 

4) Nem. X 28 ^v 'A^paardvi vofiii), Didymos zu vs. Version, nach der die Feier zu Ehren von Adrastos' 
49, Argum. III zu den Nem., Boeckh S. 425. Bruder Pronax eingesetzt sei (Hypoth. III zu 
Den Apesas erwähnt Pindar frg. 280 b (Bcrgk). Pind. Nem., Aelian Var. bist. IV 5) knüpft an 

5) VIII (IX) 10 ff. äSXxjClav ^!t' 'ApyEfJi'ipiii. einen Leichenagon an. 

') In den N^(i£a (N.^ S. 49). '^) Wilamowitz Textgesch. der Bukoliker 196, 2, 

Friedländer Herakl. 64 f., Rhein. Mus. LXIX 1914, 306. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 205 

hunderts auf eine epische Quelle zurückgeht'). Nun zitiert die Ilias ('F 346 f.) 
den Arion mit einer Genealogie, die mit derjenigen der Thebais sich deckt 
0Ü8' ei -/.SV [xstwiaösv 'Apiova oiov sXauvoi, 
'Aopijsxnu xayhv ittkov, o? sx Osocsiv "csvo? t^sv, 
und zwar zitiert sie das Roß inbinnen von Leichenspielen (zu Ehren des Patroklos) 
als Paradigma aus der Vergangenheit. Darin einen direkten Verweis auf die 'Thebais' *) 
zu sehen, in ihr die gesuchte Vorlage zu finden und zu folgern, daß eben hier Erion 
in Leichenspielen vorkam, liegt um so näher, als die geforderte Szene bei Properz und 
Statins noch vorliegt; das gleiche lehrt die mythographische Tradition, nach der 
Adrastos bei den Leichenspielen zu Ehren des Archemoros als erster mit dem Erion 
siegte (Apd. 11166)3), der Schluß von der Ilias auf die 'Thebais' ist für den um so 
verpflichtender, der auch in den Verweisen der Ilias auf die anderen, in Theben ange- 
setzten Leichenagone Hinweise auf alte, vorhomerische Sage vom thebanischen Kriege 
erkennt 4). Was die zweite Warnung des Erion angeht, so mag man nach inneren 
Gründen abwägen: es weissagt Erion wie der Xanthos Achills; Erion aber ist in der 
Sage von einer ganz anderen Konsistenz als der 'Schecke' und der 'Falbe', und es ist 
von einer ganz anderen Kraft, wenn das Unglücksroß, der Sohn chthonischer Eltern, 
seinem Herrn von dem künftigen Verderben Kunde gibt. Wir wissen, daß in der 
Thebais Erion den Adrastos aus der Schlacht trug; er flieht s.i\i.a-a Xu^pä ospwv aüv'Apiovt 
xuavoj(atr(j5): wenn in der Schlußszene des Feldzuges, angesichts des Brudermordes, 
Erion den Adrastos an das kommende Unheil mahnt, so ist die Warnung unmittelbar 
vor der Katastrophe von größerer Ursprünglichkeit als die Mahnung der Rosse Achills 
an des Helden doch noch weiter entfernten Tod. Man glaubt auch hier in der epischen 
Tradition der Spätzeit einen Reflex aus einer alten Dichtung resp. einer alten, ihr 
zugrunde liegenden Sage zu spüren, die schon auf die Ilias gewirkt hat. 

Die Heldensage hat, wie wir oben bei den Rossen des Neleus usw. feststellten, 
die Tendenz, die dämonischen Züge der Rosse zurücktreten zu lassen. So ist auch 
der [xs-^a? 'Aptwv, wenn er in der Aspis (vs. 120) das Roß des xaXXivty.o? wird, nichts 
mehr als ein edles Ritterpferd. Und doch brechen selbst in unserer trümmerhaften 
Überlieferung immer wieder Erinnerungen an alte, ursprüngliche Züge durch. Wie 
kommt noch Statins dazu, von Erion, selbst im Dienste des Herakles, zu sagen illi etiam 
ferus indocilisque teneri (VI 291).? Auch bei den Leichenspielen für Archemoros, 
wie Statius sie darstellt, bewährt Erion wieder seine alte dämonische, dem Reiter 
Unglück bringende Macht. Adrastos überläßt ihn dem Polyneikes: 

iratusque oneri insolito truculentior ardet (Theb. VI 405). 
aurigam fugit, aurigae furiale minatur 

I) So schon Welcker Episch. Cycl, II 350 f., anders lieferung cipfioiTi xcil oi'sxiu, woraus schon Valcke- 

Bethe Theban. Heldenl. 172, P.-W. II 456. naer a),(iaTi machte; 5X|j.a und 0(5x0; folgen ein- 

») d.h. die Summe der vorhomerischen Sagen vom ander auch ft 128 f. Damit schwinden Welckers 

thebanischen Kriege in ihrem epischen Nieder- Bedenken Episch. Cycl. II 352 f. 

schlag; 'Thebais' verstanden in dem Sinne von 4) Zuletzt Friedländer a. a. 0. 318 ff. 

Wilamowitz Griech. Liter.3 23. 5) Paus. VIII 25, 8; in 'befleckten' Gewändern, wie 

3) Adrastos siegt Imzuy, Amphiaraos nach der Über- BetheTheban.Heldenlied. 93,25 zutreffend erklärt. 



2o6 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

efferus (407 ff.), 

nam flavus Arion 

ut videt, saliere iubae, atque erectus in armis 

stat sociumque iugi comitesque utrumque laboris 

secum alte suspendit equos. Ruit ilicet exul 

Aonius (479 ff.). 
Zäher noch als der Mythus hat der Volksglaube die Erinnerung an das dämonische 
Roß wachgehalten. In Argos, so erzählt Gavius Bassus '), gab es ein Roß, das 
nacheinander all seine Besitzer, den Gn. Seius, den Dolabella, C. Cassius und Anto- 
nius in den Tod getragen, so daß der equus Seianus sprichwörtlich ward; magnitudine 
invisitata, colore poeniceo, ut quisquis haberet eum possideretque, ut is cum omni 
domo familia fortunisque omnibus suis ad internecionem deperiret. Es ist schwer, 
den Erion des Argivers Adrastos zu verkennen. So stiftet auch das Halsband der 
Eriphyle später noch phokischen Frauen Unheil -), so erfüllt sich beim aurum 
Tolosanum3) wie beim Nibelungenhort an jedem neuen Besitzer der alte Fluch. 
In seiner verderblichen Wirksamkeit dem Erion des Adrastos verwandt ist 
der Pegasos des Bellerophontes. Auch er wird seinem Reiter zum Verhängnis; auf 
dem vermessenen Flug zum Himmel, so berichtet Pindar 4), wirft er seinen Herrn 
in die Tiefe. Wie natürlich und von Pindar geglaubt, führte der Sturz zum Tode; 
erst die Kontamination mit der Sage vom äXSai)«!, das die Ilias (Z 200 ff.) an Stelle 
des Sturzes vom Rosse einführt, machte eine Situation möglich, wie sie Euripides 
(N.^ S. 443) im 'Bellerophontes' gestaltet, wo der Held vom Fall humpelnd die Bühne 
betritt. Das Roß ist Sproß des Poseidon und der Medusa 5); diese, zugleich die All- 
waltende und doch wieder auch Gorgonenschwester, ist der Demeter-Erinys in 
ihrem doppelten Wesensgehalt verwandt; die Genealogien für Erion und Pegasos 
decken sich also, wie das Wesen der Tiere. Weiterbildungen in der Sage lehren, 
daß man auch beim Pegasos sich des spezifischen Charakters des Rosses als 
Unheilsdämon voll bewußt war; so läßt nach einer zuerst bei Euripides (N.^ 
S. 567 f.) belegten Version Bellerophontes die buhlerische Stheneboia den Pegasos 
besteigen, um sie von ihm herab ins Meer zu stürzen, und die Gründungslegende 
des karischen Bargylia (Steph. Byz. s. v.) läßt den Ortseponymen vom Pegasos er- 

') Bei Gellius III 9. Das Roß heißt dort Nachkomme der Göttin geweiht (Diod. IV 15, 3 f.). Hier mag 

der Pferde, die Herakles dem Thraker Diomedes der Ausgangspunkt der Übertragung liegen. Auf 

geraubt. Von denen wissen wir nur, daß sie Men- Erion bezieht die Notiz des Gavius Bassus auch 

schenfleisch fraßen, nicht, daß sie dem Reiter Wilamowitz Herrn. XXXIV 1899, 71, i. 

verderblich wurden, zudem erscheinen sie immer ») Ephoros (bei Athen. 232 f.), Parthenios 25. 

in der Mehrzahl, hier aber dreht es sich um ein 3) Gellius III 9 mit Parallelen, 

bestimmtes dämonisches Roß. Auf Herakles sind 4) Olymp. XIII 84 ff. Vom Ende des Bellero- 

ähnlich auch der Erion in der Aspis und die Lac- phontes heißt es hier kurz 8iot5(U7:ä(jO(jn(i ot fxdpov 

medonrosse in der Ilias übertragen worden; er ifiit; er kommt also um, während das Roß un- 

ist der Erbeuter herrlicher Rosse xax i^oy^jv. mittelbar sich zu den uralten Krippen des Zeus 

Ein zweites tritt hinzu. In Argos wurden bis zu erhebt. Isthm. VII 44 ff. eppt'ie Ilctyaso; 

Alexanders Zeit heilige Rosse der Hera gehalten; ScaTnäTav. Die übrigen Stellen aus späterer Lite- 

von ihnen fabulierte man, sie seien die von He- ratur bei Hannig de Pegaso 72. 

rakles erbeuteten Diomedesrosse, die Eurystheus 5) Hannig a. a. 0. 26. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 207 

schlagen werden: TtXyjYötc uuo Ur^'^dcsou tsXsut5; man halte daneben, was oben vom 
Hufschlag des dämonischen Rosses in der Tragödie ausgeführt wurde '). 

Die Reiter des Erion und des Pegasos sind in den erreichbaren Formen der 
Sage Menschen. Adrastos ist 'der, der nicht entrinnen kann'; auf dieser Voraus- 
setzung baut sich noch die Novelle bei Herodot (I 35 ff.) auf; die Reiter des equus 
Seianus sind ebenfalls Menschen. Ebenso ist der Reiter des Pegasos in der Sage 
der terrenus eques (Horaz carm. IV 11, 27), der seine Strafe eben dafür erleidet, 
daß er in das Reich der Götter einzudringen sich vermißt. Zu einer bestimmten Zeit 
also existierte der Glaube an ein Fluchroß, das den Menschen, der es reitet, ins unab- 
wendbare Verderben trägt; Parallelen aus nordischem Glauben werden unten (S. 213) 
dazutreten. Eine zweite Frage ist, ob wir damit die ältesten Vorstellungen fassen. 
Von einer Reihe von Gelehrten ist Adrastos als 'der, dem man nicht entrinnt', als 
Unterweltsgott, gedeutet worden ^) ; auch Bellerophontes gilt als alter hellenischer 
Gott 3). Der Name des Bellerophontes war schon den Alten unverständlich; so 
konstruierten sie einen Belleros, den der Held getötet haben sollte; auch für uns 
bietet sich für BsXXspo- im Griechischen keinerlei Anknüpfung. Von Bellerophontes 
leiten in der Ilias lykische Fürsten ihr Geschlecht ab; beides vereint legt die Annahme 
nahe, daß Bellerophontes kein Grieche ist 4). Mit kultlichen Beziehungen steht es 
äußerst kümmerlich: Pausanias (H 2, 4) nennt ein ts[x£vo; in einem Zypressenhain 
vor Korinth, Quintus von Smyrna (X 162) ts[j.cvo? und aTj]j.a in Lykien; dazu tritt 
hier die häufige Verwendung der Beilerophonsagen in lykischen Gräbern 5). Das 
entscheidet nicht in erster Linie für oder wider den Gott, lehrt aber, daß Bellero- 
phontes im Glauben der Hellenen keine Stelle hat. Wenn im Stemma des Z helle- 
nische und unhellenische Namen (wie Sarpedon) sich mischen, so lehrt dies, daß 
die lykischen Fürstengeschlechter nach ihrer Berührung mit Hellenen an diese An- 
schluß gesucht haben; dem entsprechen in späterer Zeit etwa die Bestrebungen der 
makedonischen Argeiadai, sich an Argos und Herakles anzugliedern 6). Die Aben- 
teuer des Bellerophontes verlegt die Sage nach Lykien; die Zähmung des Pegasos 
in Korinth (Pind. Olymp. XIH 60 ff.) ist keine Sage von Eigenwert; sie gibt das 
araov ab für den dortigen Kult der Athena Chalinitis (Paus. II 4, i; 5). Ist Bellero- 
phontes Lykier, so entrückt er vorerst unserer Deutung. Pegasos wird, da das Epos 
die TT/j-fol uTTtot nennt, seit A. Kuhn mit Recht als das 'starke' Roß gedeutet; es 

') Es ist auch gut von F. Hannig in seiner Myth. Lex. IV 530, E. Neustadt de Jove Cretico 

tüchtigen Arbeit de Pegaso (Bresl. philol. Ab- Berl. 1906, 12 ff., Wecklein Berl. phil. Woch. 

handl. VIII 1902) S. 64 f. ausgeführt worden, 1911, 673 f., Fick Bezzenb. Beitr. XXXXVI 1913, 

daß bei Hesiod Theog. 325 (ttjv [xev [sc. die 91. 

Xffiaipa] n%aao{ EiXe xai la9Xö« BeXXspocpdv-oj?) 3) Bethe P.-W. III 241 ff. 

das Roß eine wesentliche Rolle neben dem Helden 4) Allerdings scheint mir der Versuch von Nieder- 
hat. Hannig S. 161 f., Roschers Myth. Lex. III mann problematisch (Rhein. Mus. LH 1897, 
1752 bestimmt auch zutreffend den Charakter des 506 ff.), Bellerophontes als die lykische Form für 
Rosses als eines Fluchdämons; vgl. auch Gruppe Hipponus zu erweisen. 

Gr. Mythol. 123. 5) Benndorf, Heroon von Gjölbaschi-Trysa 61 ff. 

») Bethe P.-W. 411 ff., Maaß Gott. Anz. 1890, 357, ') Wilamowitz Arist. und Athen II 175; Parallelen 
Gruppe Griech. Myth. 507, 1, Kuhnert Roschers Griech. Trag. III 76, 2. 



208 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



ist ein Name wie Hippasos, Gorgasos, Pyrasos '); das Roß ist also hellenischen Ur- 
sprungs. Dann steht es mit dem fremden Bellerophontes nicht in einer letzten, un- 
löslichen Verbindung; die Ilias läßt den Bellerophontes seine Taten ohne den Pegasos 
ausführen. Hier endet, soweit ich sehe, zurzeit die Möglichkeit für uns weiterzu- 
kommen; wie Bellerophontes und Pegasos verwachsen sind, wer Bellerophontes ist, 
ist noch unerkennbar. — Der Name des Adrastos ist doppeldeutig; die Grammatik 
entscheidet nicht: so wahr Admetos der 'Unbezwingliche' ist, so wahr ist die Priesterin 
Admete oder die Artemis Admata die 'Unbezwungene'. Was wir sonst von Adrastos 
wissen, läßt m.E. keine absolute Entscheidung zu. Den Gründen, die für einen alten Gott 
vorgebracht sind ^), möchte ich eine Überlegung beifügen : Amphiaraos ist mit Adrastos 
der einzige, der nicht im Kampfe fällt; beide werden nach der ursprünglichen Sagen - 
form vom Gespann in die Erdtiefe entrückt. Nun ist Amphiaraos der alte Gott, 
der in Oropos im Erdboden haust; gilt die Parallele für Adrastos.-' Oder täuscht 
ein, nicht verpflichtendes. Nebeneinander beider in der Sage? Das Wesentliche für 
unsere Entscheidung bleibt in jedem Falle der kontrollierbare Status der Sage, in 
dem Adrastos der Mensch ist, der auf dem Fluchroß reitet; wenn wir darüber 
hinaus in ein älteres Stadium zurückgehen dürfen, in dem der Gott den Menschen 
ablöst, würde Adrastos mit dem Erion dem Kreise der oben behandelten Unterwelts- 
herren mit dem Pferde beizufügen sein. 

Erions und des Pegasos Bedeutung wurde unabhängig von der ihrer Reiter 
festgestellt. Hier sind die dämonischen Rosse noch in Aktion. Das sind die Rosse 
der Unterweltsherren, des Neleus usw., nicht mehr, da wir ihre Gebieter nur im 
Spiegel der Heldensage sehen. Nur einer unter ihnen, der zur größten Bedeutung 
gelangte, Hades, agiert noch mit dem Gespann, und zwar dann, ausschließlich 
dann, wenn es gilt, die Seele sterbender Helden, oder, in besonderer Abwand- 
lung, die der Gattin in sein Reich zu rauben. Das ist wesentlich; den Hades pflegen 
an sich die tsÖv/^xots? anzugehen, nicht die övttjcjxovtcc, sagt WilamowitzS) mit Recht, 
um die rare Verwendung des Hades als Töter in einem Vers des Semonides 

xou? S' 'Apsi SsojjLrifisvouj 

zu kennzeichnen. Hier entbehrt Hades des Gespanns: darin liegt, im Gegensatz 
zum xXu-öirtuXo; der Ilias, das Bemerkenswerte. Ist dem so, ist ferner das Roß als 
ständiger Begleiter der Unterweltsgötter nachgewiesen, hat sich gezeigt, daß dämoni- 
sche Gewalten im Roß ihre Verkörperung fanden, führen die Sagen selbst solche Rosse 
vor: dann ist das Roß als Inkarnation des Dämonischen ursprünglicher 

') Kretschmer Griech. Vaseninschr. 210, der den Spiele im karischen Atuda (Bull, de corr. hellen. 

Pferdenamen nr^dZai heranzieht, und Hannig 1890, 238) aufmerksam macht. 

S. 150, der auch erweist, daß die Verbindung des 3) Sappho und Simonides 272, 2; Griech. Trag. III 

Rosses mit den iTTjYat unursprünglich ist (S. 92 ff. ; 79. E 397 kämpft Herakles gegen Hades; die 

Roschers Myth. Lex. III 1736, 1751). kurze Anspielung sagt nicht, wie. Pindar (Ol. IX 

*) Besonders Neustadt a. a. O., der auf die AopäoTT^a- 33) verleiht dem Hades in diesem Kampf den 

^aßS^t; damit kommt das Bild vom Hirten hinein. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 20Q 

als der anthropomorph gestaltete Gott neben demPferd. Wir erschließen 
eine Entwicklungsfolge, die ihre Parallele hat in der vor unseren Augen sich 
vollziehenden Umsetzung vom [lotjctBöJv tinto; zum Iloasiotüv finrioc. Der Glaube, 
daß der verderbliche Dämon in Gestalt des Rosses umgeht, um, wie es das 
Bild aus der Tragödie zeigt, den Menschen anzuspringen oder sonst in den 
Tod zu entführen, gibt die letzte Erklärung dafür, warum für die mannig- 
fachen Spielformen des Unterweltsgottes, so variierend sie untereinander sind, 
bis hinunter zum Charos der Neugriechen, das Roß das ständige Attribut bleibt. 
Die Rosse im Gespann des Hades sind die Dämonen'), die den Ster- 
benden treffen; sie trafen ihn, bevor sie noch in dem Gotte Hades 
einen 'Lenker' erhielten. In späterer Zeit, als die anthropomorphen Bildungen 
in der Götterwelt sich völlig durchgesetzt, zog die alte Vorstellung vom tiergestal- 
teten Dämon sich ins Reich des Aberglaubens zurück; dort aber haftet sie in ihrer 
alten, ursprünglichen Form: ein Roß im Traum sehen, sagt Artemidor im Traum- 
buch I, 56, bedeutet für den Kranken den Tod. 



Der hellenische Volksaberglaube sagt: 'ein Roß im Traum sehen, bringt den 
Tod', ohne dem Roß einen bestimmten Namen zu geben. Wir haben keine Über- 
lieferung dafür, daß die einzelnen Göttergestalten, die das Roß führen, Hades, Ad- 
metos, Neleus usw. ursprünglich unter diesem ihrem Namen in Pferdegestalt gewan- 
delt sind. Wir haben sie für Poseidon. Allein daß auch hier nicht der Begriff Poseidon 
es ist, der die Roßgestalt fordert, sondern umgekehrt die Roßgestalt das Akzedens 
zu einem Gott Poseidon ist, geht daraus hervor, daß die Roßbildung auch für 
andere Wesen wie Medusa, Erinyen, Harpyien usw. gilt. Es ist überhaupt unrichtig, 
zu behaupten, Götter seien ays Tieren entstanden ^) ; umgekehrt wählt eine ursprüng- 
liche Phantasie als Erscheinungsform der Dämonen oder Götter des öfteren dieses oder 
jenes Tier (auch unbeseelte Gegenstände), weil die menschliche Gestalt als die eigene 
und bekannte keine adäquate Vorstellung für die als fremd empfundene Macht 
abgab. In unserem Falle haben wir also vomPferd und seiner Natur, wie der Volks- 
glaube sie auffaßte, nicht von den Einzelgöttern 3), auszugehen, um zu verstehen, 
warum all diese Gewalten gerade Pferdegestalt tragen. Zeugnisse dafür, wie der 
Volksglaube das Wesen des Rosses, zumal des schwarzen 4), auffaßte, wie und warum 

•) Hinzuzunehmen sind die Ausführungen S. 216 die Beschränkung auf den Namen Poseidon zu 

und 249. eng ist. Der Dämon in Roßgestalt erfüllt diese 

^) Dazu vergleiche man die beherzigenswerten, Funktion, später das Gespann, das den Wagen 

gegen die Auswüchse des Totemismus gerichteten des Hades, Echelos usw. zieht. 

Ausführungen von E. Meyer Gesch. des Altert. 4) Wir werden unten ausführen, daß das Pferd, nach 

I 13, 108, 110, 112. einer anderen Seite seiner Natur gefaßt, das 

3) Wenn Gruppe Griech. Myth. 814 sagt, strahlende, weiße, auch zum Sitz für lichte Gott- 

'Poseidon in Pferdegestalt fährt empor, die Men- heiten gewählt wird; das bestätigt, daß nicht das 

sehen in sein Reich zu holen', so ist das der all- Tier Gott ist, sondern Mittel und Zweck, gewisse 

gemeinen Empfindung nach richtig, wenngleich an den Göttern empfundene Eigenschaften in 

einer sichtbarlichen Erscheinungsform zu fassen. 



210 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

er das Pferd als Erscheinungsform für dämonische Mächte verwandte, bieten, die 
Vorstellungen des Altertums ergänzend, in reicher Fülle nordisch -germanische Sage 
und moderner Volksglaube'); zugleich bieten sie Gelegenheit, die Entwicklungslinien, 
wie wir sie für das Altertum gezogen, auf ihre Richtigkeit hin zu kontrollieren. 

1. Das Pferd ist die Verkörperung von etwas Unheimlichem, auf den Tod 
Deutendem. Träumt man in Ostpreußen vom Pferde, so bedeutet das etwas Schlim- 
mes ^), ebenso gilt in der Cote d'Or der Traum, auf einem Pferde zu sitzen, als Zeichen 
naher Trauer 3). Wenn das Pferd an jemandes Hause nicht vorbei will, muß er bald 
sterben (Oldenburg) 4), wenn Pferde beim Umzug, besonders am Hochzeitstag, 
nicht weiter wollen, bedeutet das frühen Tod 5), ebenso wenn sich das Pferd vor der 
Haustür wälzt oder sich im Geschirr schüttelt *). Wenn ein Pferd am Leichen- 
wagen gähnt 7), scheut oder schnauft ^), oder wenn das eine Leiche ziehende Pferd 
rückblickt und an einem Hause stillhält?), oder wenn es jemanden auffällig ansieht'"), 
bedeutet das baldigen Todesfall. Wer ein durch den Ort rasselndes, nächtliches 
Schimmelfuhrwerk anredet, erkrankt und stirbt noch im gleichen Jahr "). Wird 
am Fenster eines Schwerkranken abends ein Pferd sichtbar, so muß der Kranke 
sterben "); wenn jemand plötzlich stirbt, so heißt es, es habe ihn das weiße Pferd 
mit dem Hufe geschlagen '3). 

2. Der Tod wird in der Erscheinungsform des Pferdes gedacht. Der Tod schaut 
aus wie ein Hengst "t); die Totenbahre heißt in Deutschland wie in Ungarn St. Micha- 
elspferd '5). Dänische, auch für Deutschland belegte Sitte ist, Kirchhöfe damit ein- 
zuweihen, daß ein lebendiges Pferd auf ihnen begraben wird '^) ; dessen Gespenst 
ist dann das Totenpferd, das jede Nacht auf drei Beinen nach dem Hause hinkt, 
in welchem jemand sterben soll '7), läßt es sich auf dem Kirchhof sehen, so bedeutet 
das Todesfälle '^) ; ebenso erzählt in der Schweiz das Volk von diesem dreibeinigen 
Pferd, das ein feuriges Auge in der Mitte des Kopfes hat '9); von einem Sterbenden 
sagt man, 'der^weiße Schimmel wird ihn holen' ^°). 

') Zusammenfassende Behandlungen: M. Jahns Roß ») Henne am Rhyn Deutsche Volkssagen 77. 

und Reiter, Leipzig 1872, J. v. Negelein Z(eitschr. '°) ZW XI 414, 4, ähnlich aus dem Vogtland be- 

des) V(ereins für) V(olkskunde) XI 1901, XII legt XII 14. 

1902, Teutonia, Arbeit, zur german. Philol. II ") Freytag 20. 

Königsberg 1903, L. Freytag Das Pferd im ") Freytag 59, ZW XI 416, XII 379. 

germanischen Volksglauben (Festschr. zu dem 'i) Freytag 51. 

fünfzigjähr. Jubil. des Friedrichs-Realgymnas. in M) Schönwerth Aus der Oberpfalz 1859, 7. 

Berlin, 1900). 'S) Jahns I 323; ZW XI 416, XII 379. Nach ZW 
*) ZW XI 415. XII 379 wird im Neuj^rsischen der Sarg als 

3) ZW XII 383. 'hölzernes Pferd' bezeichnet. 

4) Wuttke-Meyer3, Der deutsche Volksaberglaube ■') Grimm Deutsche Mythol.4 956; Jahns I 408. 
der Gegenwart 1900, 199. ■/) Henne am Rhyn Deutsche Volkssagen 1878, 78. 

5) Freytag 69. Jahns I 408. 

«) ZW XII 16, 389, XI 415- "*) Grimm Deutsche Mythol. a. a. O. 

7) ZW XI 4:5. Nach südslavischem Glauben reißt '9) Vernaleken Alpensagen 76. Dreibeinige Pferde 
das Pferd den Rachen auf, als wollte es eine Seele sind auch in Bayern gespensterhaft und teuflisch 
verschlingen (ZW XI 415). (Panzer Bayer. Sagen und Bräuche II 444). 

8) ZW XI 410. ") Wuttke-Meyer3 199. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 2 I I 

3. Das dreibeinige Pferd tritt mit einer anthropomorph gebildeten Gottheit 
in Verbindung, wird zum iielhestr '). In Schleswig sagt man von einem, der schwer 
auftritt: han gaaer som en helhest*). In Tondern trabt allnächtlich das dreibeinige, 
blinde Roß der Hei herum 3). 

4. Hei reitet auf dem helhestr; versöhnt jedoch wird nicht sie, sondern ihr 
Pferd, woraus deutlich ersichtlich ist, wie die Entwicklung verlaufen ist 4). Die 
Todesgöttin Hei reitet in Schleswig und Dänemark, aber auch bei den Wenden, 
auf einem dreibeinigen Roß und bringt Pest 5). Von ihr kaufen sich die alten Skan- 
dinavier durch einen Scheffel Hafer los, der für das Pferd bestimmt ist; noch jetzt 
legen die Bauern von Mielberg einen Sack mit Hafer auf den Hestenberg; nachts 
kommt dann 'Jemand' und holt den Hafer für das Pferd ^). Ähnlich läßt man 
anderwärts über Nacht einen Sack auf dem Feld für 'König Abel' 7) ; der reitet 
in der gespenstigen Jagd auf einem kleinen Pferde, von drei glühenden Hunden 
begleitet, am Körper und Gesicht kohlschwarz *). In Schleswig sagt der Genesende: 
Jeg gav döden en skiäppe havre9); damit hat er sich vom Tode losgekauft; wer 
stirbt, gibt dem Tod Futter ab '°). Wir erinnern uns, daß auch im griechischen Zauber- 
papyrus (ob. S. 198) von dem cttttos ttj; 'Axtai'?); die Rede war; das Pferd steht 
vornean, aber schon wird es näher charakterisiert durch das Hinzutreten einer 
bestimmten Unterweltsgöttin. Auch der gespenstige Zug hält an einer bestimmten 
Stelle und füttert die Pferde mit etwas Hafer "). In der Oberpfalz kommt der Tod 
auf einem mageren Schimmel angeritten '2); in Rügen heißt der Tod auch Schimmel- 
reiter 13). In Siebenbürgen klopft der wilde Jäger als Todesgott an die Türen '4). 
Er reitet auf kopflosem, schwarzem Pferde oder auf einem Schimmel, dessen Nüstern 

•) d. h. Heipferd. Altnord, hestr bedeutet Pferd Mythol.4 788 f., Rochholz I 114 Anm.); in Meck- 

jeden Geschlechts (Kluge Etymol. Wörterb.7 lenburg ließ man noch im 18. Jahrh. am Ende 

204). jedes Roggenfeldes einen Streifen unabgemäht; 

') Grimm4 704, 261, Jahns I 399 (Dänemark). Arbeiter schließen darum einen Kreis und sprechen 

3) Rochholz Schweizersagen aus dem Aargau 1856, dreimal 'Wode, hol deinem Roß nun Futter' 
I 199. (Wuttke-Meyer 3 19,296; Müllenhoff Sagen, Mär- 

4) ZW XI 416. chen und Lieder der Herzogtümer Schleswig- 

5) Jahns I 399, Rochholz I 128. Holstein und Lauenburg 1845, 244 f.). Der 'corn- 
') V. Perger Deutsche Pflanzensagen 1864, 115. Mit spirit' geht als Pferd durchs Getreide (Frazer 

dem Ausdruck 'Jemand* meidet der Volksglaube, Golden Bough II 281 ff.). 

die unheimliche Macht bei Namen zu nennen; die 9) Grimra4 704, Jahns I 399. 

hellenischen Parallelen zuletzt Arch. Jahrb. "•) Schönwerth Aus der Oberpfalz 6. Auf dem helhestr 

XXVIII 1913, 47; zu dem -rij der dort zitier- reitet denn auch der Helljäger, der im Hellhaus 

ten Pindarstelle ist zu vergleichen Deubner Herrn. alljährlich sein Opfer empfängt (Simrock Deut- 

XXXXIII 1908, 641. sehe Mythol.3 199). Daß der Hellreiter die 

7) Wuttke-Meyer3 297. jüngere Stufe der Entwicklung darstellt, betont 

8) Freytag 28. Ähnliches scheint bei Erntebräuchen auch K. Helm, Altgerman. Religionsgesch. 1913 
geübt zu werden: auf der Insel Möen jagt der I 262 f. 

Grönjette jede Nacht zu Pferd, das Haupt unter ") Rochholz I 114. 
dem Arm. Zur Erntezeit legen die Bauern ihm ") Schönwerth 6. 
ein Gebund Haber für sein Pferd hin (Grimm '3) a. gl. 0. 7. 

■4) ZW XII 379. 

Jahrbuch des arohänlog-ischen Instituts XXIX. 17 



212 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

Funken entsprühen '), oder auf einem großen, weißen Pferd, von 24 wilden Hunden 
begleitet»). 

5. Die gleichen Züge gelten vom Teufel und anderen dämonischen Mächten; 
wiederum in der Entwicklung, daß der reitende Dämon den pferdegestalteten ab- 
löst. Nach französischer Sage weidet zur Nachtzeit auf den Kirchhöfen ein großes, 
schwarzes, seine eisernen Spannketten mit unheimlichem Geräusch schüttelndes 
Roß, die Inkarnation des Teufels 3); als schwarzes Roß erscheint der germanische 
Teufel im Gefolge der drei Fräulein 4) ; er treibt sich als Schimmel um oder beißt 
als Hund die Herden auseinander 5), verwandelt sich beliebig in einen 
Rappen ^) ; das Teufelsroß wird der Jungfrau Maria in Stutengestalt 
gegenübergestellt 7). Der italienische und südtiroler Orco erscheint in Gestalt 
eines weidenden Pferdes 8). Im Stall der Unterwelt steht ein weißköpfiges 
Pferd; das ist des Teufels Großmutter 9); der Pferdefuß, den er nicht missen kann, 
ist ein Rest der ursprünglichen Tierbildung ">). Nach ungarischem Glauben ist das 
Pferd aus dem Teufel entstanden "). Ebenso erscheint die Hexe als weißes Pferd"); 
um den Hügel, wo die Hexen sich sammeln, trabt während des Mahles ein graues, 
kopfloses Pferd '3). Selbst den bösen Traum denkt man in Roßgestalt: die gespen- 
stigen Heiderosse dringen durch verschlossene Türen nachts in die Schlafkammer, 
legen sich mit ihren Vorderhufen dem Schlafenden auf die Brust und stieren ihn 
mit glühenden Augen an h). Zuweilen glaubt man im dämonischen schwarzen Rosse 
auch den wilden Jäger verkörpert ^5). 

6. Ein Übergangsstadium repräsentieren Beispiele, in denen die theriomorphe 
Vorstellung neben der anthropomorphen steht; so erscheint im Hardtwald der böse 
Geist bald als grüner Jäger, bald als ledig umherlaufendes Roß ^^). 

7. Im esthnischen Märchen hat der Wirt der Unterwelt ein schwarzes Pferd in 
seinem Stall "7), nach Schweizersage hat der Teufel einen Roßstall am^Weg, wo er 
die Rosse an den Schwänzen hinauszieht und alle Vorübergehenden plagt '8) ; der 
schwarze Höllenfürst bringt einen rabenschwarzen Gaul, aus dessen Nüstern Feuer 
sprüht '9), Mephisto und Faust brausen auf schwarzen Rossen daher»"); des Teufels 
Großmutter reitet einen großen, schwarzen Hengst»'). Mit dem Pferde wechselt 
der Wagen; der Teufel holt die eitle Gräfin in einem Wagen mit sechs schwarzen 

•) Grimm Myth.4 774. ■•) ZW a. gl. 0. 416, 6. 

') Ranke Die deutschen Volkssagen 77. ") Freytag 48. 

3) ZW XII 388. -3) Vernaleken Alpensagen 58. 

4) Jahns I 324. 14) Tobler 50. 

5) Rochholz I 206. 15) Frey tag 51. 

') ZW XI 419. 16) Rochholz I 292. 

7) Rochholz II 21. - »7) Kreutzwald 97. 

«) ZW XI 416. -8) Rochholz I HO. 

9) Esthnisches Märchen (bei F. Kreutzwald, übers. '9) Hessel Sagen und Geschichten des Rheinthals 77f. 

von F. Löwe, Halle 1869) 184. ">) Faust 'Nacht, offenes Feld'. 

■") 0. Tobler, Die Epiphanie der Seele in deutscher ") Frenssen, Klaus Hinrich Baas 12. 
Volkssage, Diss. Kiel 1904, 46, 3. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 213 

Pferden ') u. ä. Vom Dämon selbst schließlich geht die Vorstellung weiter zu un- 
heilwirkenden Mächten: so setzt sich nach altem Sprachgebrauch das kalte Fieber 
in Gestalt eines Weibes auf den von ihm Befallenen und reitet ihn ^). 

Die angeführten Beispiele, die sich beliebig vermehren lassen, ergeben in Material 
wie in den Entwicklungsgliedern gesicherte Parallelen zu den hellenischen Vor- 
stellungen. Sie lehren, wie beiden Völkern der Natur des Pferdes etwas Unheim- 
liches anzuhaften schien, wodurch es geeignet wurde zur Erscheinungsform gespen- 
stiger Mächte 3). Sie lehren weiter, wie sich die Tiergestalt für die Dämonen zäh 
noch hielt, als schon anthropomorphe Vorstellungen in den Vordergrund traten. 
Sie lehren schließlich, warum in einer Epoche, in der die menschengestaltigen Bil- 
dungen sich durchgesetzt, das Pferd mindestens als Attribut dämonisch -göttlicher 
Mächte sich behauptete. Die gleichen Voraussetzungen haben auch zu gleichen Ausprä- 
gungen geführt. Wenn der Dämon bei den Hellenen mit schwerem Hufschlag Ver- 
derben bringt, so trifft nach unserem Volksglauben das weiße Pferd den Sterbenden 
mit dem Hufe 4) ; des heiligen Michael Pferd hat ihn geschlagen, heißt es in Ungarn 
vom tödlich Erkrankten 5); das gespenstige schwarze Roß mit glühenden Augen 
springt von hinten auf nächtliche Wanderer zu *) ; das weiße Roß der Idesfelder 
Hardt rennt nächtlich feuerschnaubend an den Totenhügeln hin und springt Vor- 
übergehenden todbringend auf die Schulter 7). Wenn der Erion den Adrastos in 
die Hölle entführt, so vergleichen wir die Sagen vom Neck, der die Menschen lockt, 
um sie in den See zu stürzen ^), oder die Entführungssagen, in denen das gespenstige 
Pferd seinen Reiter ins Totenland trägt. 'Wer nicht ist wie der Himmel, den holt 
der Teufel auPm Schimmel', droht Abraham a S. Clara 9). Im wilden Heer erblickte 
man einst ein gewaltiges Roß, das bestimmt sein sollte, den wilden Grafen von der 
Mark abzuholen, der auch bald darauf starb. Auch Papst Benedikt wurde vom 
schwarzen Teuf eisrosse in die Hölle geholt '"). Ihre grandioseste Ausprägung hat 
diese Vorstellung im germanischen Glauben gefunden in dem gewaltigen kohlschwarzen 



') Vernaleken Alpensagen 84; ähnlich Tettau und die Seele des Verstorbenen zu zerreißen droht; 

Temme Die Volkssagen Ostpreußens 226. er ist also kein 'Seelenlöwe'. 

') Bastian Die Seele und ihre Erscheinungsweisen 4) Frey tag 51. 

in der Ethnographie. Berlin 1868, 87. ZW XII 5) Jahns I 323. 

23. 6) a. gl. 0. 48. 

3) Ebenso nahm die dämonische Macht Platz auch 7) v. Negelein Teutonia II 19, Freytag 62. 

in anderen Tieren: im Löwen (Usener de Iliad. *) Wuttke-Meyer 3 48 f. (der bösartige, roßgestaltete 

carm. quod. Phocaic. 33 ff.), im Bären (Deubner Nix); wenn der Neck in sein Element zurückkehrt, 

Athen. Mitt. XXVII 1902, 261 f., 264), im Dra- nimmt er Pflug und Pflüger mit in die Flut (Sim- 

chen (Wilamowitz Griech. Trag. III 171, 3) u. s. rock Deutsche Mythol.3 431, Henne am Rhyn 77, 

Von ihnen begegnet der Löwe häufig in der Negelein Teutonia 73, Ranke Die deutschen 

Grabkunst (Brueckner Friedhof am Eridanos 76, Volkssagen 201). Öfters wird erwähnt, daß das 

79 u. s.), hier, wie alle derartige Darstellungen, dämonische Roß bei dem Ritte riesengroß an- 

als Symbol. Tritt einmal, wie in der Inschrift schwillt (Rochholz II 20 f., 26, ZW XI 416, XII 

auf Antipatros von Sidon (Kaibel Epigr. ex lapid. 389)- 

coli. nr. 96), das redende Wort hinzu, so wird der 9) Kuhn Sagen und Gebräuche Westfalens II 57. 

iyßpokifoy als der böse Dämon bezeichnet, der '") Jahns I 405. 

17* 



214 ^' ^^t'D, Das Pferd im Totenglauben. 

Rosse, das sich dem Dietrich von Bern näherte und ihn aus dem Kreise der Menschen 
ins unbekannte Land entrückte '). 

II. 

Die bisherige Untersuchung bewegte sich im Kreise dämonischer Mächte, die 
mit dem Pferd in Verbindung standen; das Resultat war, daß vom Töter als Be- 
sitzer des Rosses, das er fährt oder reitet, eine Entwicklungslinie hinaufführt zum 
Töter in der Gestalt des gespenstigen Pferdes. Eine parallele Entwicklungslinie 
läßt sich für den Toten ziehen; auch er erscheint in hellenischem wie in nordisch- 
deutschem Glauben zugleich in der Erscheinungsform des Pferdes, daneben fahrend 
oder reitend im Besitze des Rosses. 

Vor der Schlacht bei Leuktra erschien dem Pelopidas im Traum der Vater 
Skedasos, dessen Töchter einst von lakedämonischen Jünglingen vergewaltigt waren 
und sich dann selbst getötet hatten, mit der Aufforderung, am Grabe der Jungfrauen 
ein Opfer darzubringen^); nach der einen Version forderte er das Opfer eines weißen 
Füllens 3), nach der anderen das einer Jungfrau 4). In beiden Fällen erkennt, als 
Pelopidas ratlos ist, der Seher das gesuchte Opfer in einer plötzlich erscheinenden 
weißen Stute 5), die dann am Grabe geopfert wird. Die Mädchen erhalten also ein 
Stutenopfer. Nun lehrt eine Beobachtung der verschiedenen Opfer, daß häufig 
dasjenige Tier als Opfer gebracht wird, in dessen Erscheinungsform man sich ur- 
sprünglich den Opferempfänger vorstellte: Poseidon, der Tinrioc, empfängt Pf erde - 
opfer^), den Winden, die in Roßgestalt gedacht wurden, werden Pferde dargebracht?), 
der böse Geist am Schweizer Pilatus, der in Roßgestalt umgeht, wird mit Pferde- 
opfern versöhnt^), der Skamander empfängt Pferde und Stiere (O 131 f.): aus dem 

') ZW XI 418. nicht Deine), die nahe der Küste im Meer auf- 

^) Xenoph. Hellen. VI 4, 7, Diod. XV 54, Plutarch sprudelte; das gilt dem Poseidon, der Herr der 

de Herod. malign. 11 (Rohde Psyche^ II 349, 5, Erdtiefe und der ihr entfließenden Quellen ist 

Pfister Reliquienkult im Altertum I 308 f.). (ob. S. 179). Daß Pferdeopfer selten sind (Usener 

3) Plutarch Narr. amat. 3 (müXoj Xe'Jxö«). ^ Stoff des griech. Epos 8, Wilamowitz Griech. Trag. 

4) Plutarch Pelopid. 21 f. (^lapö^vo; Savfli^). II 230, i) ist bei dem Wert des Tieres begreiflich. 

5) Plutarch Pelopid. 22 ä; ä.'^iXTfi nwkoi dTcotpuyoüoa Auch enthielten sich die Griechen des Pferde- 
. . . 15 TE ■/p6a axiXpousa ttjj jjakirj; TruparfraTov. fleisches, Galen VI p. 664 K, Porphyr, de 

') Weiße Rosse werden ihm von Mithridates ins abstin. I 14; S. Reinach Cultes, mythes et 

Meer gesenkt (Appian Bell. Mithr. 70), S. Pom- relig. III 129), wozu die als dämonisch emp- 

peius stürzt ihm Pferde ins Meer (Dio Cassius 48, fundene Natur des Tieres beigetragen haben 

48); Stengel Philol. XXXIX 1880, 182 ff., Jahrb. mag. Von manchen Kulten, wie dem des 

f. klass. Philol. XXVIII 1882, 733 ff., Opferbr. Apollo oder der Alektrona, war das Pferd 

der Griechen 155 ff. [Arr. Anab.VI 19, 5 ist zu ausgeschlossen (Th. Wächter Reinheitsvorschr. 

streichen;eshandelt sich da um Stiere]; S. Reinach im griech. Kult, Relig. Versuche und Vorarbeit. 

Cultes, myth. et relig. III 132. Das Roß wird IX 91). 

hier in die Meeresfluten versenkt, natürlich, da 7) Festus S. 181 Lacedaemonii in monte Taygeto 

Poseidon seit Jahrhunderten zum Meergott ge- equum ventis immolant. 

worden. In alter Zeit, wie Pausanias (VIII 7, 2) *) Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau II 

hervorhebt, warf man ihm Pferde in die Süß- 23, 25. 
wasserquelle Dine, (den 'Sprudel* vgl. schon <I) 132 ; 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



215 



Wasser entsteigen der Neck in Pferdegestalt oder der Secbulle'); Hekate, selbst 
zu(ov, erhält Hundeopfer *). Das führt darauf, sich die toten Mädchen in Stutengestalt 
umgehen zu denken. Seine Bestätigung findet dieser Schluß in den Namen, die 
für eine der Jungfrauen überliefert werden: Hippo oder Euxippes). Wie darnach die 
Erdmutter als Melanippe, als schwarze Stute, vorgestellt wird, so denkt man sich 
die toten Mädchen, die Leuktrides, in der Gestalt weißer Stuten 4). — 'Schimmel*, 
Xanthippos, heißt auch der Heros, der in Tronis Opfer empfängt; andere sahen 
in ihm den Eponym Phokos 5) ; das verbinden wir dahin, daß man sich den Phokos 
in der Erscheinungsform des Schimmels umgehen dachte*). 

Das führt uns wieder auf die Rosse, die der Totengott in seinem Gespann führt. 
Irdischer Art sind sie nicht; dem Höllenfürsten gebühren dämionische Tiere. Nun 
ist bekannt, daß nach antikem und modernem Glauben die Seelen als Hunde im 
Gefolge der Hekate oder des wilden Jägers schweifen 7) ; man ziehe für die Rosse 
im Gespann des Hades den parallelen Schluß, den die eben erwiesene Pferdegestalt 
des Toten an die Hand gibt: der Gott der Toten schirrt die Seelenrosse 



') Auch Helios empfängt Roßopfer (in Rhodos 
Fest. s. V. October equus S. l8l ; auf dem 
Taygetos Paus III 20, 5; anderes bei Stengel 
Opferbräuche 156 f.; hinzuzufügen Aelian de 
natur. anira. 14, 18 töv 8^ tküXov (ävfo;(OVTi xtjj 
'HXftjj xctxaö'iouaiv) ; begreiflich, wenn man hin- 
zunimmt, daß nach altem indogermanischem 
Glauben man sich die Sonne als ein über den 
Himmel stürmendes Roß dachte (unt. S. 251). 
An den Sonnenwagen knüpft noch Festus a. a. 0. 
das Opfer an (quod is tali curriculo fertur circum- 
vehi mundo); wie Helios ein Rossegespann hat, 
so ist die 'HfJi^pa XeuxdTKuXos und die Nyx (jieXäv- 
i-^ot (ob. S. 186, 4), ebenso reitet Eos (Eurip. 
Orest. 1004; danach von Wilamowitz im Phaeton 
ergänzt Berl. Klassikert. V 2, 81 £(o(? litTTEÜei))- 
Mit dieser Erklärung entfällt die Schwierigkeit, 
mit Stengel die Roßopfer an Helios als Vhtho- 
nisch* deuten zu müssen; von anderer Seite da- 
gegen schon Nilsson Griech. Feste 428. Die Er- 
scheinungsform eines Gottes, die Gestalt, in der 
seine Priester oder Priesterinnen agieren, und das 
Opfertier tragen so oft die gleiche Gestalt, daß 
hier ein zusammenhängender Komplex vorliegen 
muß; das näher auszuführen, würde hier zu weit 
abführen. 

») unt. S. 237. 

3) Bei Pausan. IX 13, 5 heißen die Namen MoXnia 
und [izizii), bei Plutarch Narr, amator. 3 Ittttu), 
und MiJ>rjT(a oder 9eav(ö und Eü;{7nrrj. Konstant 
ist in den drei Angaben die "Stute', für die andere 
Schwester mußte ein anderer Name gesucht wer- 



den, der denn auch variiert; MiXt^t!« ist wohl bei 
Plutarch in MoXTtia zu ändern. Ohne nähere Be- 
gründung, die der Ort verbot, deutet auch Wila- 
mowitz Staat und Gesellsch. 26 an, daß die Hel- 
lenen sich ihre toten Helden in Pferdegestalt um- 
gehend dachten. Wie ich einer mündlichen An- 
deutung verdanke, ist Wilamowitz von anderer 
Seite her zu dem gleichen Resultate gelangt. 

4) Schon hier sei darauf verwiesen, daß nach Parallel- 
sagen dieselben Mädchen auch als Wölfinnen er- 
scheinen (unt. S. 238, 20) und daß im allgemeinen 
die Toten in Hundsgestalt gedacht werden (unt. 
S. 2381.). 

5) Paus. X 4, 10. 

') Roßopfer an Tote: für Patroklos (T 171 f.), für 
Diomedes (Strab. S. 215; dazu jetzt M. Mayer 
Apulien 399), für Marmax, den Freier der Hippo- 
dameia (Paus. VI 21, 7), für Menelaos (Eurip. 
Helene 1258 K: h ßapß^poi; jaev iztiov fj taüpov vd- 
[AOt, sagt Theoklymenos, nicht, wie man geglaubt 
hat, um die Sitte als barbarische einer hellenischen 
entgegenzusetzen ; vielmehr nennt er, um derHelene 
entgegenzukommen, den Landesbrauch, um, falls 
dieser zur Hellenensitte stimme, die Tiere von 
sich aus anzubieten. In der Tat wird nachher 
vs. 1556 ff. wenigstens der Stier zum Opfer für 
den Toten aufs Schiff geschafft; auf das Roß 
verzichtet der Dichter). Eine Erinnerung an ein 
Roßopfer liegt wohl auch vor, wenn nach dem 
Tode der Alkestis den Pferden in Thessalien 
die Mähne abgeschoren wird (Eurip. Alkest. 443). 

7) s. unt. S. 2381. 



2l6 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



vor seinen Wagen'). 'Ich gehe', erzählt M. Gorki aus seiner Kindheit ^), 'und 
war eben auf den Fußweg unten auf dem Grund der Schlucht gelangt, als mit einem- 
mal ein schreckliches Pfeifen und Heulen in der Schlucht anhebt. Ich blicke auf 
und sehe, wie ein Dreigespann von schwarzen Rappen auf mich zujagt, und ein 




Abb. 9. Lakonische Stele aus Chr)-sapha. 



dicker Teufel mit einer roten Mütze sitzt drin und lenkt sie im Schlitten saßen 

gleichfalls lauter Teuf el . . . . und so fuhren sieben solcher Schlitten an mir vorüber. . . 
und alle Pferde waren ganz schwarz wie die Raben; in Wirklichkeit aber waren 
es lauter böse Menschen, die von ihren Eltern verflucht waren. Solche Menschen 
dienen den Teufeln zur Lust und Freude, sie spannen sie vor ihre Wagen und 
hetzen sie an ihren Feiertagen durch die finstere Nacht'. Was für das Altertum 
auf mühsamem Wege erschlossen werden mußte, hier bringt es eine moderne Stirn - 

') Vgl. auchWilamowitz in einem Briefe an Wiegand Mit den Ausführungen oben im Text sind zu- 

(Athen. Mitt. XXIX 1904, 298): 'der Tod ist sammenzuhalten S. 209 und 249. 

xXuT(5ittoXo{, weil er die Seelenrosse beherrscht'. ') 'Meine Kindheit'. Autobiogr. Roman. Voss. Zeitg. 

8. Mai 1914. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



117 



mung in den entsprechenden Formen zum Ausdruck. Die Rosse des Hades sind 
schwarz '), Persephone fährt auch mit weißen ^); die hilfreichen Mädchen des Skedasos 
sind weiße Stuten. Weiße und schwarze Rosse (ohne daß auf die Farbe Ent- 
scheidendes ankommt) sind die guten und bösen Seelen oft auch im germanischen 
Glauben. Mit Verwendung all dieser Elemente dichtet auf dem Grund alter Vor- 
stellungen seines Volkes Piatons erhabener Mythos weiter; die Seele, als Wagen- 
lenker, eine Süfi'-puTo; 5uva[n? üuoTcispou Csuf'^u? xs xotl rjvtoyou . . . i7t7TO[j.öp»u) jisv 8uo 




Abb. lo. Grabstele aus Kyzikos. 

v.vk siBij, Tjvio/ixov 3s £100? xpiTov 3), lenkt das Gespann der beiden Seelenrosse, des 
weißen, das nach oben, des schwarzen ([xsXa'-j-xptu?), das nach unten strebt. Aus der 
Seele als Pferd, wie der Glaube sie bot, sind im Mythos die Rosse der Seele geworden. 
Die alte Erscheinungsform der Toten bleibt, die Bewußtheit der ursprüng- 
lichen Bedeutung tritt zurück: so wird aus dem Toten als Pferd der Tote 
mit dem Pferde. Auf dem Schlachtfeld von Marathon, wo eine Reiterschlacht 
nicht stattgefunden, setzen die als Heroen verehrten Toten den Kampf in der 
Nacht weiter fort; dabei hört man das Gewieher ihrer Rosse 4). 



') s. ob. S. 198. 

») Pind. Olymp. 6, 95. 

3) Phaedr. c. 25, 34. 

4) Paus. I 32, 4 dvo räsav vixTa xa\ iTtiKuv ypE- 



[j.ETtt(5vTU)v xal äv?p(öv liiYoiihuiv eSTtv aisB^üftat. 
Richtige Folgerung aus dieser Stelle bei Stengel 
Opferbräuche 160. 



2l8 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 




Abb. 1 1. Relief aus dem Athener Asklepieion mit Inschrift ÖEÖötufyo; i/ptu;. 

Zu den Zeugnissen in der Literatur treten, diese wesentlich ergänzend, die 
Monumente der bildenden Kunst. Das Pferd erscheint hier auf einer Reihe von 
Denkmälern, die zunächst das eine gemeinsam haben, daß sie sich, z. T. laut direkter 
inschriftlicher Bezeugung'), auf den Toten beziehen: eine lakonische Stele aus 
Chrysapha (Abb. 9) ^), Grabreliefs (Abb. 10) 3) und andere mit dem Namen des 
Toten signierte Reliefs (Abb. 11)''), der Sockelreiter auf altattischen Grabstclens), 



') Totenmahlreliefs mit dem Namen des Heros: 
Milchhöfer Athen. Mitt. IV 1879, 164, i, Arch. 
Zeitg. XXXIX 1881, 295, 13, Furtwängler Athen. 
Mitt. VII 168, Gardner Sculpt. tombs of Hellas 
97, Tod and Wace Catal. of the Sparta Mus. 105, 
Jacobsthal, Xa'piTEt Leo dargebracht 459, Karo 
Arch. Anz. 1912, 246. Lakonische Stelen mit In- 
schrift: Milchhöfer Athen. Mitt. II 1877, 481, IV 
128, Arch. Zeitg. XXXIX 1881, 295, Furt- 
wängler Athen. Mitt III 297, 3, VII 162, Reliefs: 
Furtwängler Athen. Mitt. III 291 u. s. 

*) Die Stele, gefunden in Chrysapha bei Sparta, 
abgeb. Athen. Mitt. VII 1882 Taf. VII (darnach 
unsere Abb. 9), ausgezeichnet besprochen von 
P'urtwängler S. 160 ff., ist bisher in dem Kreise 
verwandter Stelen (Athen. Mitt. II Taf. XX— 
XXV, III Taf. VIII mit Beischriften Timokles 
und Aristokles) das einzige Beispiel, auf dem das 
Pferd erscheint. Die Stele gehört nach Milch- 

Att. Grabrel. Taf. 



höfer (Athen. Mitt. II 448) und Furtwängler 
S. 160 der zweiten Serie der lakonischen Reliefs 
an. Wie hier, ist das Pferd beim thronenden 
Heros auch dargestellt auf dem Woodschen Relief 
aus Patras (Athen Mitt. IV 125, VII 164 = uns. 
Abb. 12, die nach einer neuen Photographie aus 
dem Berliner Museum hergestellt ist). 

3) Stele aus Kyzikos (Arch. Jahrb. XX 1905, 50; 
daher uns. Abb. 10). 

4) Vgl. unt. S. 219, I. 

5) Das berühmteste Beispiel ist die Lyseasstele 
(Loeschcke Athen. Mitt. IV 1879 Taf. I, Conze 
Attische Grabreliefs Taf. i); eine neue, halblebens- 
große Darstellung wird nach der Kopie Gilli6rons 
in den Antiken Denkmälern III Taf. 32/33 dem- 
nächst erscheinen. Für das 'Beipferd' auf dem 
Sockel s. unt. S. 222. Andere Beispiele Athen. 
Mitt. a. a. 0. Taf. II — IV; der Sockelreiter auf 
der Stele in der Sammlung Barracco Conze 

IX I (Text S. 8). 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



219 




Abb. 12. Totenmahlrelief aus Patras. 



eine Reihe von Totenmahlreliefs (Abb. 12 — 14) '), einige Pferdekopfamphoren 



') Die Hypothese von Svoronos (-Barth) Athen. 
Nationalmus. 533 ff., es seien die sog. Totenmahl- 
reliefs auf Asklepios und Hygieia zu beziehen, 
muß hier soweit erörtert werden, als Reliefs mit 
Pferd oder Pferdekopf in Betracht kommen. Der 
horror vacui soll die Künstler veranlaßt haben, 
leere Räume mit Pferdekopf auszufüllen (S. 534): 
gut, aber warum gerade mit Pferdekopf? Das 
Pferd soll durch ein 'Fenster' hineinsehen (S. 534f., 
539): ein solches ist auf attischen Reliefs nicht 
beabsichtigt (unt. S. 223, 4); das Relief von Patras 
(ob. Abb. 12), dessen 'Fenster' Svoronos (S. 539) 
besonders nennt, zeigt, wie gewöhnlich, deutlich den 
Kasten. Letzten Endes soll das Fenster für das Haus 
beweisen, in dem nach Svoronos das Symposion 
der Götter stattfindet. Bei den kleinasiatischen 
Reliefs will Svoronos die Asklepioshypothese 
nicht durchführen (S. 535, 539); es muß also 
ein Bruch in der Entwicklung angenommen 
werden; das Pferd soll hier, wiederum möglichst 
bedeutungslos, für Stand oder Liebhaberei des 
Toten zeugen (S. 539). Ein im Athener 
Asklepieion gefundenes Relief, das einen Reiter 
darstellt mit der Inschrift ösdSiopos %«>; 
(S. 538, 4, Taf. XXXIII Nr. 1401, darnach 
unsere Abb. 11) darf nicht einen gewöhnlichen 
heroisierten Sterblichen darstellen, sondern soll auf 
einen Heros aus dem Asklepioskreis, vielleicht einen 
Sohn, vielleicht einen Geliebten, vielleicht einen 



Pferdearzt des Gottes gehen. Fünf andere Reliefs 
müssen mit Gewalt auf Asklepios umgedeutet 
werden (S. 5408.): bei dem ersten ist die -Deu- 
tung der Inschrift IlpaSiT^Xrjs auf Asklepios 
willkürlich, beim zweiten wird die Ergänzung der 
Inschrift 7]pu)i av^ihjxsv Eüxo'Xuji zu ösoüi] TJpiui 
(= Asklepios) äv^SrjXEV eüzdXw widerlegt durch das 
dritte Relief, dessen Inschrift "HouXos mi%rpi.f^ 
EixdXoi unantastbar ist. c'j-/oXo5 ist Beiname nicht 
nur des Asklepios, sondern auch des Hermes; daß 
eine Sondergestalt Eukolos anzusetzen ist, lehrt 
Eukoline, die übrigens nicht zu Asklepios, sondern 
zu Hekate neigt (Jessen P.-W. VI 1055 f.). Als 
viertes muß das Zeuxippos-Basileia-Relief (ob. 
S. 187 f.) auf Asklepios-Hygieia gedeutet werden, 
trotzdem dasEchelos-Basile-Relief (ob. S. 186 f.), 
das den Raub darstellt, deutlich erwiesen hat, 
daß die Basile mit Kore-Persephone zusammen- 
gehört, und Zeuxippos seine Analogien im Hades- 
kreis hat. Auf dem fünften Relief mit Inschrift 
'rTjiaärji (Janssen, Griech. Grabrel. VI 16; unsere 
Abb. 13 nach neuer, von A. E. J. Holwerda 
gütigst übersandter Photographie aus Leiden), 
deren "Richtigkeit Svoronos mit Glück gegen 
Furtwängler verteidigt, muß die einzig 
mögliche Beziehung auf einen Toten namens 
Teiades, für welchen Namen Svoronos selbst die 
Belege bringt, angezweifelt werden, damit 'der 
Teier' (Ti^ios) = Asklepios herausspringt. 



220 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 




Abb. 13. Totenniahlrelief im Museum zu Leiden. 




Abb. 14. Totenmahlrelief aus Teos. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



221 



(Abb. 15) '), deren eine, die Aristionvase, mit Knochen und Asche gefüllt war^), Pferde 
in Gräbern 3), Vasen mit Darstellungen, die auf den Toten hindeuten 4). Während 
bei den meisten dieser Gruppen die Beziehung auf den Toten nicht geleugnet werden 
konnte, sind andere, aus dem Zusammenhang gelöst, vielmehr als Erinnerungsbilder 
aus dem Leben des Verstorbenen aufgefaßt worden, so besonders der Sockelreiter. 
Er sollte nach ConzeS) Stand und Reichtum der Familie des Verstorbenen andeuten, 
nach anderen Gelehrten, wie namentlich Deneken ^), Fabricius 7), Brueckner *) und 




Abb. 15. Pferdekopfamphora in Dresden. 



') Dresden Nr. 1773 (Arch. Anz. 1902, 117, Jahrbuch 
XXII 1907, 141). Photographie und Publikations- 
erlaubnis wird G. Treu verdankt. 

') Loeschcke Archäol. Jahrb. II 1887, 276, Hackl 
Archäol. Jahrb. XXII 1907, 78 ff., 141. 

3) In dem Kuppelgrab von Menidi S. 5, vor allem 
Wolters Arch. Jahrb. XIV 1899, 108, 112, I2iff., 
128; in böotischen Gräbern: Furtwängler Samml. 
Sabour. I 37; in der theräischen Nekropole: Dra- 
gendorfif Thera II S. 77, 125, 306 f. (archaisch), 
S. 77 (hellenistisch). 

4) Sophilosvase aus Menidi mit Schlange vor dem 
Gespann (Wolters Arch. Jahrb. XIII 1898, 26, 
28, Taf. I, XIV 128), Amphora 'Etprjfji. äp^- 1897 



Taf. 5 mit Wagenfahrenden, davor Löwe, oben 
Hahn (Wolters XIV 128, 23), vielleicht die Nio- 
bidenvase mit vier reitenden Jünglingen (Loeschcke 
Arch. Jahrb. II 1887, 275 ff., Ant. Denkm. I 
Taf. 22), Louvre E 646 mit reitendem 
Epheben auf der einen, Hahn auf der anderen 
Seite; herangezogen von Hackl Arch. Jahrb. XXII 
1907, 95 u. s. 

5) Att. Grabreliefs Text S. 4. 

6) Roschers Myth. Lex. I 2584. 

7) Athen. Mitt. X 1885, 164. 

8) Athen. Mitt. XVIII 1893, 152, Arch. Jahrb. XVII 
1902, 42. Ebenso S. Würz Studien zu attischen 
Kriegergräbern. Münster 1913, 70 f. 



222 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



Heibig'), soll er eine Hindeutung auf den ritterlichen Stand des Toten enthalten*). 
Wesentlich war für diese Hypothese die angebliche Existenz eines zweiten, 
ledigen Pferdes, das der Sockelreiter auf der Lyseasstele führe; dadurch sollte 
der Knappe mit dem Beipferd charakterisiert sein. Wie eine neue Kopie der 

Lyseasstele von Gillierons Hand, die in der 
Sitzung der Berliner Archäologischen Gesell- 
schaft vom 2. April 1913 ausgestellt war und 
von G. Loeschcke besprochen wurde 3), zeigt, 
war das eine Täuschung; ein Beipferd ist nicht 
vorhanden; daß nun der allein dahinsprengende, 
nicht etwa seines Herrn harrende Reiter der 
Knappe des Priesters sei, entbehrt jeder Wahr- 
scheinlichkeit, wie es auch bei einem Denkmal 
dieser Zeit auffallend wäre, daß der 'Knappe' 
auf einer anderen Stele nackt dargestellt sein 
sollte 4). Dazu traten bei den Ausgrabungen 
an der athenischen Stadtmauer Grabstelen ans 
Licht, die so unverkennbar auf Grabsymbolik 
bezügliche Sockeldarstellungen aufweisen wie 
die Gorgo (Abb. 16) 5). Damit ist der Kreis 
markiert, in den wir den Sockelreiter zu setzen 
haben; es ist der Tote, der reitet^). Nicht 
Lyseas, etwa gar im Jugendporträt 7) ; der Tote, 
generell genommen, sitzt auf dem Pferde. Den 
oberen Streifen nimmt der Priester ein, der den 
Weiheguß spendet; dem Leben gegenüber sind 
die Gespenster auf den Sockel hinuntergedrängt. 
Von der Grundvoraussetzung ausgehend, 
daß der Tote reite, fragten andere, wozu und 
wohin der Ritt gerichtet sei, und deuteten die 
Darstellung des sprengenden Toten auf die 




Abb. 16. 



Gorgone auf einer attischen 
Grabstele. 



') Les 'iTnrctt Athöniens S. 49 ff. Konziliatorisch 
erkennt Kekule Griecli. Skulptur* 193 f. zwar das 
dämonische Element des Pferdekopfes an, meint 
aber, daß dieser wenigstens im Beginn vielleicht 
nur dann gewählt worden sei, wenn der Heroi- 
sierte auch im Leben mit Reiten und Pferden zu 
tun hatte. 

') Dagegen machten schon Furtwängler Samml. 
Sabour. I39 und Rohde Psyche' 1241,3 geltend, 
daß das Pferd auch bei Frauen stehe, Wolters 
Arch. Zeitg. XL 1883, 304, 13, daß auch Kinder 
reiten; Belege bei Deneken Roschers Myth. Lex. 
I 2585- 



3) Arch. Anz. 1913, 62 f.; vgl. ob. S. 218, 5 Anm. 

4) Conze Taf. IX 2, Text S. 8. 

5) Abgeb. Athen. Mitt. XXXII 1907 Taf. XXI f., 
darnach unsere Abb. 16. Noack S. 523 ff., ohne 
die Folgerung aus seinem Fund zu ziehen 
(S. 540, 3). Vgl. auch. unt. S. 250. 

') Loeschcke Arch. Jahrb. II 1887, 277; Arch. Anz. 
1913, 63, Furtwängler Samml. Sabour. I 36. 

7) Das bemerkte schon Conze Text S. 4. An Jugend- 
bildnisse resp. an Vater und Sohn auf dem oberen 
und unteren Teil der Stelen denkt Petersen 
Österr. Jahresh. VIII 1905, 80 mit Anm. 18. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 223 

letzte Reise ins Jenseits. Für einen Teil der Monumente, zumal für die Pferde 
in Gräbern, wird das zutreffen'); darauf deuten die Gespanne, die sich, z. B. 
in Menidi, neben den ledigen Pferdchen finden, darauf z. B. auch die Sporen, 
die man in einem pergamenischen Grabe mitgefunden hat ^). Aber ander- 
wärts ist, z. B. auf der Barraccostele 3), der Heros auf stehendem, nicht bewegtem 
Pferde dargestellt, oft ist, wie auf den Totenmahlreliefs, nur der Pferdekopf sichtbar; 
es macht nicht den Eindruck, daß dabei an Entführung gedacht ist. Auf das 'Fenster', 
durch das der Pferdekopf öfters auf Totenmahlreliefs zu blicken scheint, darf man 
sich nicht berufen, etwa im Gedanken an das germanische Totenpferd, das am Fenster 
des Schwerkranken erscheint, ihn zu holen: die attischen Reliefs geben den Kopf im 
Kasten oder Rahmen 4), auf ostgriechischen Reliefs ist das 'Fenster' von Pfuhl in seine 
Bestandteile aufgelöst 5), erst auf den späteren Reliefs ist wirklich in realistischer 
Ausdeutung ein Fenster dargestellt*). Und schließlich widerraten Hund und 
Schlange auf Stelen und Totenmahlreliefs nachdrücklich, an Entrückung zu denken. 

Furtwängler, dessen Behandlung des gesamten Monumentenkomplexes grund- 
legend bleibt 7), hat sich daher mit gutem Grunde gegen die Entrückungstheoric, 
soweit sie auf diese Monumente ausgedehnt wird, ausgesprochen und betont, daß 
das Pferd allgemeingültigen Charakter habe, es sei 'symbolisch-attributiv' ^). 
Von Loeschcke 9), Wolters ■<>), v. Fritze "), Rohde ^^), Pfuhl '3), Weicker m), Wila- 
mowitz '5), Eitrem '^) ist diese Auffassung aufgenommen und das Pferd als 'Symbol' 
des Heros erklärt worden, d. h. als ein Merkmal, mit dem der Künstler andeute, daß 
der hier Dargestellte ein Toter sei. Freilich war sich Furtwängler ^7) bewußt, daß 
mit dem 'Symbol' eine letzte ursprüngliche, den Monumenten zugrunde liegende 
Deutung des Pferdes nicht gewonnen sei; eine solche könne nur bei einer Über- 
schau über das gesamte, nicht auf das Hellenische beschränkte Material erwartet 
werden. 

Jedes Symbol ist etwas starr gewordenes; es gibt nicht mehr das Sein, sondern 

') Poulsen Dipylongräber 1905, 31 f., dazu Pfuhl ') Pfuhl a. a. 0. 141. 

Gott. Anz. 1906, 347. Dabei wird dann der Ge- 7) Athen. Mitt. VII 1882, 160 ff., Einleitg. zur 

danke mitgespielt haben, daß man das Terrakotta- Samml. Sabouroff I. 

pferdchen als Ersatz für ein eigentlich geopfertes *) Athen. Mitt. a. a. 0. 164, Samml. Sabour. I 25, 

Pferd mitgab (Bloch Neue Jahrb. VII 45 f., 39. 

Dragendorff Thera 11 122, Keller Ant. Tierw. 9) Arch. Jahrb. II 1887, 276 (gegen Athen. Mitt. 

1909, 1252!.). Spuren von Tieropfern in Gräbern: IV 1879, 44, 291 f.). 

Stengel Opferbr. 136 f., 140 f. ■») Arch. Zeitg. XL 1882, 304, Ant. Denkm. I 48, 

») P. Jacobsthal Athen. Mitt. XXXIII 1908, 435. Arch. Jahrb. XIV 1899, 128. 

3) Ob. S. 218, 5. ") Athen. Mitt. XXI 1896, 347. 

4) Vor dem 'Fenster* warnen schon Friederichs- '^) Psyche- I 241, 3. 

Wolters 1071, F'urtwängler Samml. Sabouroff I "3) Arch. Jahrb. XX 1905, 151; XXII 1907, 126, 36. 

35 f. M) Der Seelenvogel 10, 6. 

5) Arch. Jahrb. XX 1905, 136, 141. Auch der Vor- '5) Wilamowitz bei Wiegand Athen Mitt. XXIX 
hang, hinter dem öfters das Pferd erscheint 1904, 298. 

(S. 124 f.) oder der Mauerrand (S.I28), sind, wie '*) P.-W. VIII 1143. 

die Parallelen zeigen, nicht um des Pferdes '7) Athen. Mitt. a. a. 0. 165; ein Deutungsversuch 

willen da. Samml. Sabour. I 25. 



224 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



ein Ti auixßoXXstai. Eine Primärstufe wird /nit keinem 'Symbol* getroffen, 
so wenig wie mit einem 'Attribut'; auch Götterattribute pflegen starrgewordene 
Residua älterer lebendiger Vorstellungen zu sein. Aber dürfen wir primäre Angaben 
von dem einzelnen Verfertiger unserer Bildwerke überhaupt erwarten? Neben- 
einander stellt der Künstler zu dem Toten Pferd, Hund und Schlange, von denen 
jedes einzelne schon genügte; der Hund unserer lakonischen Stele, die als einzige 
das Pferd zeigt, springt, anders als auf verwandten Monumenten (Abb. 17), bereits 




Abb. 17. Lakonische Stele aus Sparta. 

genrehaft spielend am Toten empor '), bald wird die anfängliche Parataxe allge- 
mein zu einer spielenden Syntaxe ^), in der z. B. der Verstorbene mit der Schlange 
im Grunde seine eigene Seele nährt. Das sieht nicht darnach aus, als ob in den 
Ideen der Bildner noch ein ursprüngliches lebendiges Bewußtsein wach wäre; es 
wird seine Richtigkeit damit haben, daß im Kreise dieser Kunstwerke starr ge- 
wordenes Typengut, 'Symbole', tradiert werden. So hantiert auch der epische 
Dichter mit den Nr^Xr^iai r-mcoi, den 'x\o[i.Tj-ou iizr.'ji u. a. ; so wenig aber etwa dem 
Dichter der ''A&Xa ihre Ursprungsbedeutung noch durchsichtig war, so wenig wird 
zumeist der einzelne Bildhauer des 5. oder 4. Jahrhunderts noch darüber bewußten 



') So auf dem Relief der i. Serie Athen. Mitt. II Hund neben dem Thron des Toten sitzt (Furt- 

Taf. XXII (darnach unsere Abb. 17), wo der wängler a. gl. 0. VII 166). 

') Furtwängler Samml. Sabour. I 33 f. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



225 



Aufschluß haben geben können, was es mit dem 'symbolischen' Pferdekopf, den er 
dem Toten beifügte, für eine ursprüngliche Bewandtnis habe. 

Für unsere Erkenntnis jedoch müssen wir jenseits des 'Symbols' zurück; und 
glücklicherweise deuten die Monumente selbst uns den Weg. Von den zumal auf 
den Totenmahlreliefs dem Toten beigegebenen Tieren repräsentiert die Schlange, 
wie niemand bezweifelt, die Seele des Toten; sie ist eine Erscheinungsform des Toten. 




Abb. 18. Eidolon und Schlange aut einer Hydria im Berliner Museum. 

Wenn mit ihr alternierend oder gemeinsam Pferd und Hund erscheinen, so ist es 
methodisch, ihnen gegenüber das gleiche Erklärungsprinzip anzuwenden, d. h. sie 
ebenfalls als alte Erscheinungsformen des Toten anzusehen. Sowohl für Pferd wie 
für Hund ') bestätigen das die literarischen Zeugnisse und die germanischen Paral- 



') Die Beispiele für den Hund als Erscheinungsform 
des Toten unt. S. 238 f. Den Ausdruck 'Höllen- 
hund' (Pfuhl Arch. Jahrb. XXH 1907, 127) 
möchte ich für unsere Denkmäler meiden; er 
führt uns zu stark an den Hund des Töters (unt. 
S. 236 f f . ) ; eingehende Versenkung indenGeistder 
Totenmahlreliefs, lakonischen Stelen und Pterde- 
kopfamphoren lehrt aber, daß auf ihnen alles dem 
Toten zugehört; Pf erd, Hund, Schlange so gut wie 
Waffen usw. Insofern ist auch Wolters' Wider- 
spruch (Arch. Zeitg. XL 1882, 304) gegen Furt- 
wängler (Athen. Mitt. VII 165 f.), den dieser 
nicht gelten lassen wollte (Samml. Sabour. 25, 6), 



doch berechtigt: Furtwängler brachte für das 
Pferd des Toten den xXuTfeioXos als Parallele, 
während Wolters zutreffend innerhalb der Sphäre 
des Toten bleiben wollte. Wie schliei31ich in letzter 
Linie das Pferd des Töters und des Toten einander 
nahestehen, wird unten (S. 248) gezeigt; hier 
handelt es sich darum, zunächst den Monu- 
menten das Ihre zu geben. — Den einheitlich auf 
den Toten gestimmten Geist der Monumente ver- 
kennt jede Interpretation dieser Denkmäler, die 
Pferd, Hund und Schlange auf ihnen nach ver- 
schiedenen Prinzipien deuten will. Dahin gehört 
Samters Annahme (Geburt, Hochzeit und Tod 



226 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



lelen '). Der Künstler, dem die Erscheinungsform zum 'Symbol' geworden, ver- 
koppelt sie und häuft damit in Pferd, Hund und Schlange auf einem und demselben 
Monument die 'Merkzeichen' für die Toten ; seine schlagende Parallele hat dies darin, daß 
auf demselben Bildwerk die Seele zugleich als Eidolon und als Schlange dargestellt 
werden konnte (Abb. i8) ^). Und zweitens, zum gleichen Ergebnis führend: von den 




Abb. 19. Pferdekopfamphora aus München. 

Pferdekopfamphoren haben einige nur den Pferdekopf zum Schmuck, andere weisen 
auf der einen Seite den Pferdekopf, auf der anderen ein menschliches Profil auf; auf 



206, 5), es sei das Pferd nicht nur in den Gräbern, 
sondern auch auf den Totenmahlreliefs zum 
Ritt ins Jenseits bestimmt. Oder ist auch der 
Hund ein Entrückungshund und die Schlange 
eine Entrückungsschlange ? 

') Unt. S. 233 ff., 238. 

') Hydria im Berliner Museum Furtwängler 1902 

Heroenreliefs s. auch Pfuhl Arch. 



(unsere Abb. 18 nach neuer Photographie). 
Ähnliche Häufungen auf der Amphora des 
Britischen Museums, abgeb. in Keschers Myth. 
Lex. III 1711 sowie auf der Amphora im Mus. 
nazion. zu Neapel, abgeb. in Roschers Myth. 
Lex. III 3223. Über den Parallelismus der ver- 
schiedenen Erscheinungsformen der Seele auf 
Jahrb. XX 1905, 69. 60. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



227 



einer Münchener Amphora (Abb. 19, 20) ') ist es eine Frau, auf einem Pariser Exemplar 
ein Mann ^). Eine Göttin wird die Frau des Münchener Exemplars nicht sein 3); 
das Gegenbild aus dem Louvre zeigt einen menschlichen Krieger. Wenn nun das 
Prototyp dieser Vasen, die Aristionvase, mit Knochen gefüllt war, die anderen großen 
Pferdekopfamphoren also mit Wahrscheinlichkeit ebenfalls entweder selbst Gräber 
waren oder auf Gräbern standen 4), wenn der Pferdekopf und das menschliche Profil 
als einziger Schmuck auf ihnen erscheint, so werden wir zu der Gleichung geführt: wie 




Abb. 20, Andere Seite der Amphora Abb. 19. 

die toten Mädchen den Skedasos als Stuten umgehen, so erscheint der resp. die Tote, 
deren Bild die eine Seite trägt, auf der Rückseite der Amphora in der Erscheinungs- 
forj^ des gespenstigen Pferdes. Dabei kann es dahingestellt bleiben, ob der einzelne 



Hackl Arch. Jahrb. XXII 1907, 84 f., Abb. 5, 
6, hier Abb. 19, 20. 

') Louvre (Pottier E 822 Taf. 58; leider ist nur 
die Seite mit Pferdekopf abgebildet; eine Photo- 
graphie der anderen war wegen des Krieges 
nicht zu erhalten); Hackl 86. 



3) So Hackl S. 95, der doch selbst an den Krieger- 
kopf der Louvrevase erinnert sowie daran, daß 
an klazomenischen Sarkophagen Bildnisse der 
Verstorbenen angebracht seien. 

4) Wolters Ant. Denkm. I 48, Hackl Arch. Jahrb. 
XXII 1907, 88 f. 



Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



18 



228 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



Künstler noch so ursprünglich empfand, oder ob er für seine Person den Pferdekopf 
nur noch als 'Merkzeichen' seinem Toten beifügte '). 

So stehe ich nicht an, für die lakonische Stele von Chrysapha, die Toten- 
mahlreliefs und die Pferdekopfamphoren die Erscheinung des Toten als Pferd als 
die hinter den Monumenten liegende Vorstellung zu bezeichnen, die dem 'Symbol', 
zu welchem sie in der Regel den Künstlern geworden, zugrunde liegt. 

In weiterer Entwicklung zeigen uns die Monumente den Toten zu Pferd, fahrend 
oder reitend; nicht zunächst auf einem Ritt im Hades oder zum Hades, sondern eben 
nur reitend, in jener ursprünglichen Verbindung mit dem Tier, das für ihn kenn- 
zeichnend ist, in dessen Gestalt er selbst einst umgegangen. So erscheint der Tote 
reitend auf den Sockeln der altattischen Grabstelen wie der Lyseasstele, auf nord- 
griechischen und böotischen Grabstelen ^), auf ostgriechischen Grabreliefs, wo die 
drei typischen berittenen Jünglinge, die im Hintergrund des Grabbezirks erscheinen 
(Abb. 14), von Pfuhl richtig als reitende Tote gedeutet sind 3). 

Daneben bemächtigt sich der Entrückungsgedanke auch des Pferdes. Wer 
dem Toten, wie in Menidi, den Schild mitgab 4), doch dazu, daß er ihn im Jenseits 
trüge, gab ihm wohl auch das Roß zu dem Zwecke ins Grab mit, daß er auf 
dem Wege ins Jenseits und im Hades des Pferdes nicht entbehre. So tritt das 
entrückende. Pferd neben das Schiff 5), das ins Jenseits hinüberführt, oder die 



') Hackl in seinem Aufsatz über die Pferde- 
kopfamphoren (Arch. Jahrb. XXII 1907, 
78 ff.) deutet den Pferdekopf auf diesen Vasen 
als Erscheinungsform des Toten, in dem Sinne, 
daß der Künstler sich dieser Auffassung voll 
bewußt ist. Wenn Hackl Loeschcke für seine 
Ansicht zitiert, ist das freilich eine mißverständ- 
liche Deutung von Loeschckes Ausführungen Arch. 
Jahrb. II 1887, 276, in denen nur von Symbol, 
nicht von Erscheinungsform gesprochen wird. Wie 
mir Loeschcke mündlich äußerte, hält er daran 
fest, in dem Pferdekopf auf den Monumenten 
nicht mehr als ein Symbol, ein Merkzeichen für 
den Verstorbenen, zu erblicken. Was Hackl 
meint, ist schwerlich für die ausübenden Künstler, 
wohl aber für die Auffassung einer ihnen voran- 
liegenden Zeit, deren Glauben sie als Typengut 
weitergeben, gültig. — - F. Poulsen in seinen auf- 
schlußreichen Ausführungen über die Enkomi- 
funde (Arch. Jahrb. XXVI 191 1, 240) wendet 
gegen Loeschcke und Hackl ein, es werde 'die 
religiöse Deutung' des Pferdekopfes auf den alt- 
attischen Vasen 'nicht mehr möglich sein, wo wir 
den Ursprung und die Wanderung dieses Motivs 
kennen'. So wenig jemand leugnen wird, daß der 
Pferdekopf in älterer Kunst auch rein dekorativ 
verwendet wurde, so wenig darf Typenverbreitung 
und inhalthche Bedeutung miteinander identi- 



fiziert werden. Wenn irgendwo der Glaube 
existierte, daß das Pferd zu dem Toten in Be- 
ziehung stehe, konnte dieser Glaube sich zur 
Ausdrucksform einen Typus wählen, der ihm 
ohne diese Bedeutung von anderwärts zuge- 
kommen war; das Flügelpferd ist Erfindung des 
Orients, nicht aber der Pegasos. Poulsen sucht 
für die attischen Vasen formellen Anschluß an 
Kunstprodukte anderer Provenienz und schließt 
daraus auf das Manko religiösen Inhalts ; Loeschcke, 
Hackl und ich stellen die gleichen Vasen, 
deren eine mit Knochenresten gefüllt war, 
in inneren Zusammenhang mit dem Pferd auf 
lakonischen Stelen und Totenmahlreliefs und 
gewinnen so einen Zusammenhang, der für den 
Pferdekopf der Amphoren eine bestimmte inhalt- 
liche Bedeutung ergibt. 

2) Zusammenfassend Furtwängler Athen. Mitt. VIII 
1883, 370 f., Samml. Sabour. I 36 ff. Aus Böotien: 
G. Körte Athen. Mitt. III 1878, 309 ff., zuletzt 
Rodenwaldt Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 313 f., 
330 f., 338, Taf. XXIV, aus Thessalien: Lolling 
Athen. Mitt. XI 1886, 51 ff. 

3) Arch. Jahrb. XX 1905, 123, 126, 150 ff. Unsere 
Abb. 14 aus Arch. Jahrb. a. a. 0. 123. 

4) Wolters Arch. Jahrb. XIV 1899, 118 ff., 127. 

5) Dieterich Mithraslithurgie » 183, 235; Waser 
Charon 5, Gruppe Griech. Myth. 1651, i. Ton- 



L Malten, Das Pferd im Totenglauben. 229 




Abb. 21. Votivrelief aus Lokroi Epizephyrioi mit Entführung der Köre. 

Schuhe'), Kleider ^), Nahrung, die man für die letzte Reise mitgibt. In diesem Sinne 
gibt der Pergamener die Sporen mit ins Grab. Entrückend trägt auch das Gespann des 
Unterweltsgottes die Seele des Sterbenden hinüber ins Jenseits. Für die fallenden 
Helden in der Ilias wurde die Vorstellung oben (S. i86) erläutert; der Raub einer weib- 
lichen Seele fand seine typische Ausdrucksform in der Sage vom Raube der Köre 
durch Hades ; die Göttin selbst ist in diesemMythos Prototyp für die weibliche Seele 
schlechthin 3 ) . Zu den bekannten Darstellungen traten vor kurzem einige Votivrelief s aus 

Schiffchen in apulischen Gräbern: Pagenstecher ») Solche verlangt die tote Melissa bei Herod. V 92. 

Sumbol. litter. in honor. J. de Pelra,Neapeli9ii, 3) Archiv für Religionswiss. XII 1909, 308 ff. 

62 ff. Natürlich wird um dieses Mythos willen nicht 

') Samter Neue Jahrb. XIX 1907, 136, Geburt, etwa die Göttin Köre selbst eine 'Seele'. 
Hochzeit und Tod 195 ff. 

18* 



230 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 




Abb. 2 2. Votivrelief aus Lokroi E".pizephyrioi mit Entführung einer Verstorbenen. 

Lokroi Epizephyrioi '), auf denen der bärtige Hades die Geliebte entrafft (Abb. 21)='). 
Am gleichen Orte wurden einige Darstellungen gefunden, auf denen ein unbärtiger 
Dämon, meist unter Vorantritt des Hermes, eine Frau entführt (Abb. 22)3), zuweilen 
bleibt hinter dem Führer des Gespanns, der eben den Wagen betritt, eine Schar 
trauernder Frauen zurück (Abb. 23) 4). Diese auf die Gespielinnen der Anthologie 
zu deuten, ist mißlich, da jedes charakterisierende Merkmal, wie Blumen oder Körb- 
chen, fehlt. Der Herausgeber Quagliati scheint daher mit Recht für diese Gruppe 
die Deutung auf den Koreraub abzulehnen; dargestellt ist die Entführung einer weib- 
lichen Verstorbenen durch einen Hadesdämon; im Grunde genommen eine Vorstellung, 
die vom Koreraub nur graduell verschieden ist; die ähnlichen Formen der äußeren 
Darstellung sind also auch innerlich berechtigt. So ergibt diese Gruppe einen Über- 



') Ausonia III 1909, 136 ff., 152 ff., mit Ergänzungen ') Unsere Abb. 21 nach S. 169 Abb. 24. 
und Nachträgen von Oldfather Philol. LXVII 3) Abb. 22 nach S. 154 Abb. 18. Von Hermes ist 
1908, 433, 75, LXIX 1910, 114 ff., 120. vor dem Gespann ein Rest erkennbar. 

4) Abb. 23 nach S. 164 Abb. 20. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



231 




Abb. 23. Votivrelief aus Lokroi Epizephyrioi mit Entführung einer Verstorbenen. 

gang ZU den etruskischen Darstellungen, auf denen der Tote auf dem Gespann oder 
zu Pferde von Charun ins Jenseits geleitet wird (Abb. 24) ■). Überall ist hier der 
Entrückungsgedanke lebendig; als Voraussetzung fordert dieser Glaube aber bereits 
die Existenz eines gemeinsamen Totenlandes unter oder jenseits der Erde, in dem 
die Toten sich sammeln; recht volkstümlich ist dieser Glaube trotz aller Dichtung 
im hellenischen Volke nicht geworden, das sich den Toten lieber am Grabe 
weilend dachte (Plato Phaidon 81 d), wo er seine Spenden empfangen konnte, wo 
er nützte und schadete; beruht doch der Glaube an die Nützlichkeit der Heroen- 
gebeine, der noch die Athener des 5. Jahrhunderts veranlaßte, ihren Thescus zu 
holen, auf der alten Anschauung, daß der Tote sei und wirke, wo seine Gebeine 
liegen. 

Im Zusammenhang mit dem Entrückungsgedanken steht es weiter, wenn 
der alte, generelle Glaube, daß der Tote reite, dahin verengt wird, daß der Tote 
sein Lieblingstier^) mitbekommt, ein Glaube, der noch heute darin lebt, daß man 
dem Verstorbenen sein Leibroß zum Grabe nachführt 3), ursprünglich, um es ihm zu 
schlachten; so werden dem Marmax, dem unglücklichen Freier der Hippodameia, 
seine Rosse, mit denen er den Wettkampf gegen Oinomaos verloren, in den Tod nach- 



■) Etruskische Urne Volterra I2i; unsere Abb. 24 
nach einer von G. Körte freundlichst überlassenen 
Photographie. Abgeb. auch bei Darcmberg- 
Saglio I iioo, Martlia, L'art etrusque 17S, Reinacli 
Rupert, de reliefs III 472. Radermacher jenseits 
112: Charon oder die Läse führen den reitenden 
oder fahrenden Toten ins Jenseits. Ritt oder 
Fahrt zum Hades auf etruskischen Grabsteinen: 
Delbrueck Arch. Anx. 1912, 271. 



^) Selbst dies war als Grundidee für die Pferde auf 
der lakonischen Stele und den Totenmahlreliefs 
erklärt worden; gut von Furtwängler Athen. Mitt. 
VII 1882 163 mit der Frage abgetan, «b auch 
die Granate in der Hand des Toten seine Lieb- 
lingsgranate sei. Vgl. auch Wolters Arch. Zeitg. 
XL 1882, 304, 13. 

3) So wird dem Pallas sein Leibroß zum Grabe 
nachgeführt (Vergil Aen. XI 89 f.). 



232 



L. Malten, Das Pferd im- Totenglauben. 




Abb. 24. Etruskische Urne aus Volterra mit Darstellung des von Charun entführten Toten. 

gesandt'). Das individualisierende Moment dringt dann auch in der bildenden Kunst 
auf der ganzen Linie vor: eine Frau, die Eutamia heißt, bekommt, im Spiel mit dem 
Namen, eine große Hündin, die treue Wächterin des Hauses, an ihrem Grabmal 
zu Häupten dargestellt^), ein großer Hund inbinnen der Inschrift 'F^Xto? EüoSi'a 
TTj {)ps'j(aT(j |xv3ta? '/i[''-^ deutet darauf, daß die Verstorbene die gute Wächterin 
des Kindes gewesen 3), ein Mann erhält das alte Grabsymbol, den Löwen, nur weil 
er i\s(ov heißt 4), in römischer Zeit hat jeder Anspruch, ein Pferd auf sein Grabmal 
zu bekommen, der dem Ritterstand angehört 5). Dem individuellen Lebensschicksal 
gilt es auch, wenn Dexileos ^), der tapfere Ritter, zu Roß im Kampf mit dem unter- 
liegenden Feind auf seinem Grabstein dargestellt wird, weil er es im Leben so geübt. 
Je mehr man sich müht, die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen zu begreifen, ohne 
künstlich zu schematisieren oder einzuengen, um so leichter tritt schließlich aus 
der anfangs verwirrenden Fülle der Weg von uralten, allgemeingültigen Vor- 



') Paus. VI 21, 7 OMfiMv öl £7:ixo[Taa'fa';ai [j.£v 

T«; ITTITO'j; TU) MctpfAaxi. 
') Conze Att. Grabrel. Taf. XXVIII, Friederichs- 

Wblters 1029. 

3) Collignon Revue archdol. IV 1904, 48 ff. 

4) Conze Taf. CCLXXVI. 

5) Br. Schröder Bonn. Jahrb. CVIII/IX 1902, 49 ff. 
im Zusammenhang mit 'dem lächerlichen Stolz 
auf das Ritterpferd, der Fiktion des Adels' steht 



es auch, wenn man seit dem ausgehenden fünften 
Jahrhundert dreigliedrige Namen mit -i;:ro; kom- 
poniert, die z. T. pompös, z. T. von einem sinn- 
losen Wohlklang sind (Wilamowitz Arist. und 
Ath. II 29, 39, K. Schmidt Herrn. XXXVII 
1902, 355). 
«) Conze Tat. CCXLVIII, Brueckner Der Friedliof 
am Eridanos 57 ff. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 2^3 

Stellungen bis zu den persönlichen Umgestaltungen und Abtönungen einer späteren 
Zeit zutage. 

♦ 

Nun die Parallelen aus dem Norden. Die Toten gehen als schnaubende und 
tobende Pferde um'); öfters wird, da man in fortgeschrittener Zeit die Tiergestalt 
als etwas Entwürdigendes empfand, die Tiergestalt besonders bösen Menschen oder 
Selbstmördern, auch Ermordeten, zugeschrieben, die dazu verdammt werden, als 
kopfloses Pferd oder als dreibeiniger Hund mit tellergroßen Feueraugen umzu- 
gehen^). Eine keltische Sage berichtets); 'Osschin, der Sohn des Fionn Mac Cumhal, 
hörte, daß ein Kornfeld nachts immer zertreten werde. Da bleibt Osschin eines 
Abends auf dem Felde zurück. Er hört in der Stille der Nacht ein Rauschen im 
Korn und gewahrt ein weißes Füllen ohne Makel. Das Roß flieht; Osschin verfolgt 
es und faßt es endlich bei der Mähne. Da tut die Erde sich auf, Roß und Verfolger 
versinken und befinden sich bald in einem schönen, weiten Wiesenland. .... Hier 
wird das Füllen zu einer weißen, glänzenden Jungfrau, die Osschin willkommen 
heißt und ihn bald die Erde vergessen macht. Als der Held ein Jahr, wie er meint, 
hier zugebracht, sehnt er sich nach der Oberwelt zurück. Da ist er aber 300 Jahre 
bei den Toten gewesen.' Der ruchlose Hirt im Tiroler Reute geht als Schimmel um 4) ; 
der tote Pferdedieb trägt Roßgestalt 5); der geizige Junker von Rued wird nach seinem 
Tode in ein Pferd verwandelt ^) ; die Vorfahren des der Hölle verfallenen Ritters 
erscheinen als kohlschwarze Rappen 7). Das 'kleine graue Männlein' hat Eltern 
und Großeltern des ruchlosen Edelmanns in Rappen verwandelt ^). Die verwünschte 
Prinzessin erscheint alle sieben Jahre als weißes Pferd 9), eine weiße Jungfrau geht 
um als Roß mit glühenden Hufeisen •"). Die Seelen der sündigen Toten stehen als 
Pferde im Horsel(= Pferde)berg "). Das Oerkentier, der Geist eines Ermordeten, 
erscheint als Roß"^). Der erhängte Fuhrmann heißtRoßheiri"3). Zuweilen gewahren 
wir eine Zwischenstufe zwischen Tier und Mensch: der betrügerische Bauer erscheint 
als Mensch mit Pferdefüßen 14) ; in Oldenburg erscheint die böse Seele ebenfalls als 
Mensch mit Pferdefuß '5). In anderen Fällen wird in einem und demselben Falle 
alternierend Tier- oder Menschengestalt angeführt: der tote Hirtenknabe erscheint 
als Schimmel, Hund oder Mönch »6), das Oerkentier mitunter als Pferd, auch als 
großer Mann mit Hundebegleitung '7); daß der begleitende Hund den Toten in Hunds- 
gestalt ersetzt, ist deutlich '8). Uns Modernen ist der uralte Glaube an die Erschei- 

") Wuttke-Meyer Deutscher Volksaberglaube 3 473. ") v. Negelein XII 23 ff. 

») Ranke Die deutschen Volkssagen 53. '^) Rochholz II 67. 

3) Mannhardt German. Mythen, Berlin 1858, 462. '3) Rochholz II 27. 

4) Freytag 45. "4) Tobler 62. 

5) Freytag 47. : "5) Wuttke-Meyer 3 473. 

^) Freytag 50. '*) Vernaleken Alpensagen 77. 

7) Freytag 51. ■') Rochholz II 67. 

8) Freytag 37. '*) Ähnlich muß der Junker nach seinem Tode als 

9) Tobler Die Epiphanie der Seele, Dissert. Kiel Schwein gehen; hin und wieder darf er auch in 
1911, 49 f. Menschengestalt umgehen; dann erscheint er als 

■°) Tobler 80. Jäger mit Hund (Rochholz I 98). 



2 1A L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

nung des Toten in der Gestalt des, meist weißen, Pferdes zu starker Lebendigkeit 
geworden in Ibsens 'Rosmersholm' '). 'Fräulein, ich glaube, es sind die Toten, 
die so lange an Rosmersholm hängen. . . . Meines Wissens würde sonst doch wohl 
nicht das weiße Pferd kommen' (S. 6). 'Wenn er nur nicht dem weißen Pferd be- 
gegnet. Denn mir ist bange, wir werden bald von irgendsolchem Spuk hören' (S. 29). 
'Äußerlich war sie ruhiger, aber als sie ging, sagte sie: jetzt können Sie bald das 
weiße Pferd auf Rosmersholm erwarten' (S. 36). 'Die wilden Einbildungen kommen 
in jedem Augenblick dahergejagt und erinnern mich an die Tote. Wie das weiße 
Pferd auf Rosmersholm' (S. 51). 'Man erzählt sich hier, daß die Toten als jagende, 
weiße Pferde zurückkommen' (S. 62). 'Mir war, als hätte ich einen Schimmer von 
den weißen Pferden gesehen. — Von den weißen Pferden! Am hellen Mittag! — 
Ach, die weißen Pferde auf Rosmersholm gehen zu allen Tageszeiten um* (S. 75). 
'Wenn es nur ein Irrtum wäre? Eines jener weißen Pferde von Rosmersholm? — 
Mag sein, denen entkommen wir nicht, wir hier auf dem Hofe' (S. 90). 'Die 
verstorbene Frau hat sie geholt' (Schlußworte des Dramas). Unheilverkündend 
wie die weiße Frau unserer Schloßsagen erscheint die weiße Stute auf Ros- 
mersholm. 

Von der älteren theriomorphen Stufe übernimmt eine begrifflich weiter ent- 
wickelte Vorstellung das Pferd, aber nur noch als Attribut des Toten, der nun reitend 
oder fahrend gedacht wird. Die geizige Äbtissin erscheint nach ihrem Tode als Schim- 
mclreiterin ^), im nächtlichen Zuge der Toten im Scaläratobel in Graubünden reiten 
die Vornehmen auf weißen Schimmeln 3). 'Bald wird dich der weiße Schimmel 
holen', sagt man dem Sterbenden 4). Die Seelen in den norwegischen Sagen müssen 
bis ans Ende der Welt auf kohlschwarzen Rossen umreiten 5). Die Toten ziehen zu 
Wagen hoch über die Erde dahin 6). In diesen Zusammenhang gehört auch das 
Leonorenmotiv; der tote Bräutigam holt das Mädchen auf seinem Schimmel?); 
die Toten reiten so schnelle ^). 

Der Tod, selber zu Roß, setzt den Toten auf sein Tier 9); im Kampfe lädt er 
die Seelen auf seinen Säumer"). So trägt das Pferd den Toten ins Jenseits. Der 
Entrückungsgedanke ") nähert sich auch hier den einfacheren Vorstellungen vom 
reitenden Toten. Das Roß trägt den Toten zu Hei '=); dem Vornehmen wird sein 
eigenes Roß für die Reise mitgegeben: quorundam igni et equus adicitur '3). Mit 

') Die angeführten Stellen verteilen sich über alle 9) Grimm D. Myth.4 704. 

Akte. Zitate nach der Übersetzung bei Rcclam. '") Jahns Roß und Reiter I 400. 

^) Tobler 73. ■■) Entsprechend nahm der Tote auch Schuhe, Schiff, 

3) Vernaleken Alpensagen 60. Fahrgeld, Diener und Kleider mit auf den Heiweg 

4) A. Kuhn Sagen, Gebräuche und Märchen aus (Grimm D. Myth.4 701). 

Westfalen II 57, Wuttke-Meyer 3 199. ") Freytag 37; K. Helm Altgerman. Rcligionsgesch. 

5) Panzer Bayer. Sagen und Bräuche II 437. I 213 deutet die Darstellung auf golländischen 
°) Rochholz I 225 ff., Radermacher Jenseits 76 f. Grabsteinen dahin, daß der Tote auf ihnen nach 
7) Hessel Sagen und Gesch. des Rheintals 47 f. Walhall reite. 

*) Grimm D. Myth.4 704, 2, Simrock D. Myth.3 342, '3) Tacitus German. 27, Belege dafür bei Müllen- 
V. Negelein XI 418, XII 380, Freytag 23. hoff D. Altertumsk. IV i, 382. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



235 



Sattel und Zaum wird das Roß zu dem Toten gelegt. So wird der Frankenkönig 
Childerich mit seinem Rosse beerdigt •); den in der Bravallaschlacht gefallenen 
König Hilditönn läßt Ring von Schweden auf einen Wagen legen; das Roß wird 
getötet und der Sattel beigegeben, indem er dem Toten sagte, er möge jetzt tun, 
wie er wolle, nach Valhöll reiten oder fahren ^). 

Nicht erst vom Grabe beginnt die Jenseitsreise mit dem Pferde; bis in 
unsere Tage trägt das Pferdegespann den Toten vom Hause zum Grabe, wie auf 
den attischen ixcsopat'-Darstellungen 3); zuweilen wird sogar, wie mittelalterliche 
Zeugnisse lehren, der Tote auf ein Pferd gebunden, daß er reitend den letzten Erden - 
weg vollende 4). 

III. 

Das Ergebnis der beiden ersten Kapitel ist in Kürze: der Töter wie der Tote 
erscheinen nach ältester Anschauung in der Gestalt des gespenstigen Pferdes; im 





Abb. 25. Kopf des Hades auf einem Grabgemälde 
von Orvieto. 



Abb. 26. Kopf des Hades auf einem 
Grabgemälde von Corneto. 



Verfolg der Entwicklung, mit zunehmenden anthropomorphen Anschauungen, treten 
sie in menschlicher Gestalt neben das Pferd, das in mannigfachen Varianten sich 
als ihr Attribut behauptet. Diese Duplizität, die dem Töter wie dem Toten die gleiche 
Erscheinungsform verleiht, fordert eine Erklärung; wir werden sie sicherer zu geben 
imstande sein, wenn wir den Kreis weiter ziehen und die Untersuchung auf einige 
verwandte Begriffe ausdehnen. 



') E. H. Meyer Mytholog. d. German. 1913, 109. 
^) VVeinhold Altnord. Leben 495. 
3) Beispiele bei Kroker Arch. Jahrb. I 1886, 95 f., 
Wide Arch. Jahrb. XIV 1898, 202 ff. 



4) Rochholz II 21 bringt Belege aus dem 11., 13. 
und 16. Jahrhundert. Ein Weg im Baselland, an 
dem die alten Gräber lagen, hieß darnach der 
'Reitweg'. 



2^6 L- Malten, Das Pferd im Totenglauben. 

I. Der Hund'). Die'AiSo? v-wir^, die in der Ilias (E845) Athena aufsetzt, die 
ihrem Träger axotoj verleiht ^), ist mehr als die tarnhut der nordischen Zwerge: wie 
der Name besagt undDarstellungen, etwa aus den Gräbern von Orvieto (Abb. 25)3) und 
Corneto (Abb. 26)4), lehren, wurde sie gedacht in der Form eines gewaltigen, geöffneten 
Hunderachens, der das Haupt des Unterweltsgottes überragt. Analoge Erscheinungen 
haben gelehrt, darin den Überrest einer ursprünglichen Hundsgestalt des Töters 
zu erblicken; daß dieser von Anbeginn an Hades geheißen, ist nicht gefordert; es 
wird umgekehrt der Rest einer theriomorphen Bildung des Töters sich als Besitz- 
stück des Gottes Hades behauptet haben. Im Kerberos 5) wie im Orthros des 
Geryoneus ^) kennen wir noch solche hundgestaltete Unterweltsdämonen. Freilich 
sind nach der dem späteren Hellenentum geläufigen Anschauung die Funktionen 
des Kerberos nur noch sehr beschränkte; er ist der Pförtnerhund des Hades, 
der /Mtov UTuyspo? 'Aioan (9 368) : das setzt bereits einen anthropomorphen 
Herrn der Erdtiefe voraus; er bewacht den Eingang zur Unterwelt: das fordert 
ein gemeinsames Reich der Toten; er läßt die Eintretenden freundlich ein und be- 
grüßt sie durch Senken der Ohren und hindert nur das Entweichen aus dem Hades?): 
dieses unnatürliche Verhältnis mußte sich entwickeln, sobald einmal ein für die 
Toten bestimmtes Reich postuliert war; da durfte der Hund naturgemäß keinen 
mehr am Eintritt hindern. Abstrahiert man von den Zutaten, so bleibt eine 
Vorstellung, nach der der dämonische Hund, eine Inkarnation des Töters, 
die dahinscheidenden Seelen verschlang ^). Auf verschiedenem Wege sind 

') Eine Fundgrube für Material ist Roschers Ab- Religionswiss. X 1907, 224 ff. gesammelten Bei- 
handlung 'Das von der Kynanthropie handelnde spiele. Der Honigkuchen ist der Schlange so 
Fragment des Marcellus von Side' (Abhandl. der wenig speziell zu eigen wie dem Hunde; er gilt 
sächsischen Gesellsch. der Wissensch. XXXIX ganz allgemein im Opfer an die ^8($vioi, da man 
[XVII] 1897, 25 ff. dem Honig besänftigende Kraft beimaß (Stengel 

^) Aristoph. Acharn. 390. Opferbräuche 183 u. ö.). Wenn Dieterich und 

3) Abgebildet in Roschers Myth. Lex. I 1807; dar- Radermacher Jenseits 75 im Kerberos 'die fressen- 
nach, dank der Verlagsbuchhandlung B. G. de Erdtiefe selbst in Gestalt eines furchtbaren 
Teubner, unsere Abb. 25. Hundes' sehen, so ist mir das zu symbolisch aus- 

4) Abgebildet Mon. d. Inst. IXTaf. 15, 15 a (darnach gedrückt. Wilamowitz Her.» I 46 'der Herr des 
unsere Abb. 26) und bei Bulle Der schöne Todes mag in dem Erdinnern hausen als ein 
Mensch» I 648. Anziani M61. d'arch^ol. et gräßlicher Hund'; Griech. Trag. III 80. Vgl. 
d'hist. XXX 1910, 273 ff. erklärt die Kappe als auch Weicker Arch. Jahrb. XXII 1907, iio. 
Wolfsrachen; er publiziert einige etruskische '') Über Geryoneus als Unterweltsherrn zusammcn- 
Denkmäler, auf denen er einen wolfsköpfigen fassend Weicker P.-W. VII 1289 f. 

Dämon dargestellt findet. Vgl. auch unt. S. 7) Hesiod Theog. 769 ff. Hier und da sind Spuren 

238, 20. ursprünglicherer Auffassung erhalten; so knurrt er 

5) Das Material bei Immisch in Roschers Mythol. bei Sophokl. Oed. Kol. 1571 die Kommenden an. 
Lex. II II 19 ff. Gegen Immischs Deutung des ^) Einen ähnlichen Weg der Deutung hat bereits 
Kerberos als ursprüngliche Schlange haben schon Loeschcke Aus der Unterwelt, Dorpat. Progr. 
Röscher Kynanthr. 44 und Dieterich Nekyia' 49 1888 beschritten. Die Darstellung auf dem Sarko- 

. Einspruch erhoben. Wenn der Hund mit Schlan- phag von Klazomenai (abgebild. in Roschers 

genschwanz dargestellt wird, liegt eine Konta- Myth. Lex. II 1127), von der Loeschcke ausgeht, 

mination zweier Unterweltstiere vor; wie weit zeigt einen Jüngling mit je einem Hahn in jeder 

diese geht, lehren die von R. Herzog Arch. für Hand und je eine Hündin, von rechts und links 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



237 



Wilamowitz i) und Radermacher 2) dazu gelangt, auch im Totenschergen Charon 
ursprünglich einen Dämon in Hunds- (oder Löwengestalt) zu erkennen. 

Wie diese Dämonen der Unterwelt, so ist die Führerin des gespenstigen Heeres, 
Hekate, Hündin; bellend zieht sie an der Spitze ihrer Scharen; weil sie selbst 
hundsgestaltet ist, empfängt sie Hundsopfer 3); abgeschwächt lebt die alte Vorstellung 
fort in Beinamen und Geschichten 4). Als Hunde erscheinen auch Wesen wie Keren 5), 
Erinyen ^), zuweilen auch die Tclchinen 7), Hündin ist ein verderbliches Scheusal 
wie Skylla 8). Ein dämonischer Hund ist der Pestdämon, der den Leuten von Ephesos 
im Theater in der Gestalt eines alten Bettlers entgegentritt; der Feuerblick der 
Augen, den er mit Blinzeln verdecken will, wird hier, wie sonst, besonders hervor- 
gehoben; nach der Steinigung liegt unter dem Haufen ein toter Hund 9). Im 
griechischen Mittelalter erscheint der Teufel als Hund '»); Dämonen in Hundsgestalt 
spielen im neugriechischen Volksglauben "). 



an ihm emporspringend. Die unmittelbare Be- 
ziehung auf die zwei Hunde des Yama läßt sich 
so nicht mehr aufrechterhalten; auf die Zweizahl 
kommt in dem Sarkophagbild wohl überhaupt 
nichts an; die Szene ist im 'antithetischen Wappen- 
schema 'angelegt. DenGrundgedanken Loeschckes, 
daß die Darstellung sich auf einen Toten bezieht 
und die Hündin den Verstorbenen anspringt, der 
Hahn, so häufig das Opfertier, ihn schützt, halte 
ich für ansprechend. — ■ Für die Vorstellung vom 
Unterweltsgott als reißendem Tier zitiert Norden 
Vergils Aeneis VI 207 Leti sub dentibus (Lucrez 
I 852) und die fauces Orci (Arnob. adv. gcnt. H 

53)- 

') Hom. Unters. 225, 23, Herm. XXXIV 1899, 230, 
Textgesch. der Bukol. i8i, 2, Griech. Tragöd. III 
80, ausgehend von yapoTtoj, dem funkelnden 
Blicke des Hundes {yjxpn-'x x4(ov Poet. lyr. Bgk.3 
frg. adesp. loi). Eine Inschrift von Mytilene mit 
tppoüpoc ETretJTi 0' 6?p] yapoTrd; wird von Paton 
und Collignon (Rev. arch^ol. IV 1904, 50, 5) auf 
die Statue eines Hundes bezogen. Charon 
Hundename: Waser Charon 16 f. 

>) Wien. Stud. XXXIV 19 12, 30 ff., von den 
scharfen Zähnen und der Gefräßigkeit ausgehend 
(xapyapdSo'j? xüujv). 

3) Hes. s. V. ä-jaX^ia 'Exätrj;, Porphyr, de abstin. HI 
17, IV 16, Imtox'ifuv (Wünsch Aus einem griech. 
Zauberpapyr. = Lietzmann Kl. Texte 84, 22). 
Hundekopf: Joh. Lyd. de mens. 3, 8 S. 41, 3 W. 
'Bellen' der Hekate: Röscher Kynanthrop. 43, 
119. Eivootct ist xuiov iiiXotita. (Pap. Paris, v. 
1434): daher Opfer schwarzer Hündinnen an 
sie (Paus. III 14, 9). 



4) Röscher Kynanthr. 30, 75; 43, 119; Dieterich Ne- 
kyia^ 51, 2, Rohde Psyche» II 83, 3, 408, 413, 
Wünsch Jahrb. für klass. Philpl. Suppl. XXVII 
1902, 115 f., Abt, Apolog. des Apulejus (R. V. V. 
IV 202, 3; 222, 6), Orth Der Hund im Altertum, 
Progr. Schleusingen 1910, 35 f., Heckenbach P.- 
W. VII 2776 f., S. Reinach Cultes, mythes et 
religions I 58 f., Wilamowitz Griech. Trag. III 
267. 

5) Material bei Röscher Kynanthrop. 46 ff. 

•i) Röscher a. a. 0. 48 ff. Das Gebell ausdrücklich 
hervorgehoben Äschyl. Eumen. 131 f., Euripid. 
Iphig. Taur. 285 K. 

7) Kyrene 91 f. 

8) Das lehrt der Name (Maaß Herm. XXV, 1890, 
405, 2); Hunde bellen in der Odyssee ([a 85) 
um ihre Hüften; vgl. CatuU LX 2; die hunds- 
gestaltete Hekate ist ihre Mutter (jVkusilaos 
Schol. Apoll. Rhod. IV 825), ihre Augen sind 
jrjpoEi8eT{ (Schol. [a 85). 

9) Philostr. Leben des ApoUon. von Tyana 4, 10; 
Röscher Kynanthr. 32 ff. 

'") Röscher 50. 

") K. Dieterich Zcitschr. des Vereins für Volkskunde 
XV 1905, 387 ff. — Die Hunde des Yama 
spüren die Menschen aus, die sterben sollen 
(Zimmer Altind. Leben 422, E. Meyer Gesch. des 
Altert. I 23, 909). — Nach mexikanischem Glauben 
setzt ein Hund die Seele des Toten über den 
Strom der Unterwelt (de Sahagun, Hist. gen6r. 
des choses de la nouvelle Espagne, trad. par 
Jourdanet, Paris 1880, 223 f.. Seier, Codex 
Borgia. Berlin 1904, I 125 f., 194, 197 f., 305). 



238 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



Der germanische Teufel erscheint gern als schwarzer Pudel'); die Hexen 
als Hunde oder Katzen*); Frau Holle, die Führerin des gespenstigen Zuges, 
bellt 3), als Hündin gedacht wie Hekate. Der wilde Jäger zieht als Hund über 
den herrschaftlichen Teich zu Stolberg*). Dämonen in Hundsgestalt umkläffen 
nach kroatischem Glauben den Sterbenden und verschlingen seine Seele 5); ge- 
spenstige Hunde deuten in Deutschland vielerorts auf Tod; so umkreist in West- 
falen der 'Krüppelhund' in der Nacht dreimal das Haus, in dem ein Mensch sterben 
soll, in Böhmen legt sich ein großer, schwarzer Hund vor das Haus, in dem ein 
Sterbender liegt '). 

Wie die dämonischen Mächte, so erscheinen entsprechend auch die Seelen in 
Hundsgestalt. Als Hündin jagt die tote Hekabe bellend im Gefolge der Hekate: 
z'/.afYarj'. TapjA'jjjoujav iwu^roi; ßpOTO'j;?). Ilovr^pol oii^v/z; nennt Porphyrios die Seelen 
der Abgeschiedenen, die als ovoospot -/.ovcf im Gefolge der dämonischen Hündin jagen *). 
Ein viy-pö; spukt als Hund, bis er ordnungsgemäß begraben wird 9). Der Hund ist 
eine der Erscheinungsformen des Toten bereits in einer Zeit, die jenseits der lakoni- 
schen Stelen und der Totenmahlreliefs liegt, in denen er, wie Pferd und Schlange, als 
'Symbol' für den Toten fortlebt '»). 

Analog wieder im Germanischen. Frau Gaude (Führerin des gespenstigen 
Heeres wie Frau Holle oder Perhta) hat hinter sich im Zuge vierundzwanzig Hün- 
dinnen; das sind ihre vierundzwanzig Töchter, die frevelndliche Jagdlust in der 
ewigen Jagd abbüßen; vier 'übernehmen den Dienst der Rosse am Jagdwagen der 
Mutter' "). Der wilde Jäger ist ein verfluchter Freischütz, den nun seine Frau und 
Kinder als Hunde begleiten '*). Nach einer Sagenform war Hackelberg ein Mensch, 
der seine sieben Söhne grausam getötet; nach ihrem Tode werden sie zu sieben 
Hunden '3). Die Seelen zweier Feinde kämpfen über dem Grabe weiter als Hunde'4); 
die verfluchte Seele eines Verräters geht in Hundsgestalt um '5); ebenso der er- 
schossene Hochschüler als schwarzer Pudel '^). Die Nonnen, die mit dem Kloster 
versanken, sah man nachher als Hunde (oder Rehe) '7); der ungetreue Geistliche '^) 
oder der Selbstmörder '9) erscheinen als schwarzer Hund. Die weißgekleidete Frau 
wird erlöst, wenn der Schatzheber den großen schwarzen Hund auf dem Schatze 
streichelt und küßt *°). • 



') Tobler Die Epiphanie der Seele in der deutschen 

Volkssage, Kiel 1911, 41, 46. 
=) Wuttke-Meyer 3 160. 

3) Herrlein Sagen des Spessarts 189. 

4) Pröhle Unterharzige Sagen 206, W. Mannhardt 
Germ. Mythen 96. 

5) V. Negelein XIII 370 f. 
') Wuttke-Meyer 3 33. 

7) Lykophr. 1176 ff., Ovid Metam. 13, 571 (ululavit); 

Röscher 31 f. 
*) Bei Euseb. Praep. evang. 4, 23, 7. 
9) Lukian Philopseud. 31. 
'") s. ob. S.225f. Rohde Psyche» I 241,3 erklärte, 

über den Hund auf diesen Denkmälern keine 



sichere Meinung zu haben; daß er auf dem rich- 
tigen Wege war, beweist die Frage II 83, 3 'Hunde 
als Bilder der Seelen auf Grabreliefs?'. 

") Grimm Deutsche Mythol.4 771. 

") Mannhardt German. Myth. 300. 

■3) Mannhardt a. gl. 0. 

'.) Tobler 49. 

'5) Tobler a. gl. 0. 

■") Baader Badische Volkssagen 391. 

■7) Panzer Bayer. Sagen und Bräuche II 182. 

■') Wuttke-Meyer 3 473. 

■J) a. gl. O. 475. Tobler 69. 

-°) Mit dem Hund zoologisch und mythologisch ver- 
wandt ist der Wolf (Röscher Kynanthrop. 50 f., 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



239 



2. Vogelgestalten. Die Sirenen der Odyssee sind lockende Todesdämonen; sie 
hausen auf einer fernen Insel auf blumiger Aue, aber um sie liegt bleichendes Toten- 
gebein. Wird das Totenreich unter der Erde gedacht, so ist ihr Sitz im Hades '), 
wo sie Aioou vjiiouj öpooüsi ^), von wo die Chthon ihre Töchter emporsendet 3). 
Entsprechend stellte auch die bildende Kunst raffende Todesdämoninnen in Vogel- 
gestalt dar. Auf einem korinthischen Aryballos (Abb. 27) liegt vor einem menschen- 
köpfigcn Vogel hilflos ein Mann; der Todesdämon 'scheint sich an der Todesangst seines 
Opfers zu weiden wie ein Raubtier' 4). In denselben Vorstellungskreis gehören die weib- 




Abb. 27. Korinthischer Aryballos mit menschenköpfigem Vogeldämon. 



einschränkend Kroll Rhein. Mus. LII 1897, 343). 
In seiner Gestalt erscheint nach späteren Zeug- 
nissen Artemis (Röscher 61), die auch ein- 
mal als xiiuv die Milesier geführt (Liban. Orat. 
5, 36 F., Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad. 
1906, 65, 2). Der Heros Lykon ^poj; äaxtv iipös 
TOI« i^^ 'A9/jv«i{ SixaSTTjpi'oij, toü örjofou jjinpcfTjV 
?j((üv (Eratosth. bei Harpokr. s.v. 0£XC(C<uv); die 
Töchter des .Skedasos, die eine Version als Stuten 
vorstellte (ob. S. 2i4f.), werden auch in Wolfs- 
gestalt erscheinend gedacht; darauf führt die Er- 
zählung bei Paus. IX 13, 4 f., nach der die in 
den Herden des Kleombrotos tinbrechenden Weife 
ein (xi^vifAd der Skedasostöchter waren (Deneken in 
Roschers Myth. Lex. I 2472, Röscher Kynanthr. 
61). Auch der Heros Phokos, in Gestalt eines 
weißen Pferdes erscheinend (ob. S. 215), wurde 
in anderen Traditionen wohl als Wolf gedacht 
(Gruppe Gricch. Myth. 806). Entsprechend er- 



scheinen die Seelen auch im germanischen Glau- 
ben in Wolfsgestalt (Beispiele bei Röscher 57 ff.). 
Daß die Seelen auch als schwarze Katzen (Tobler 
47) oder als Bär (Wolf, Hessische Sagen 107) 
oder, im Kreise der malayischen Völker, als 
Tiger u. s. erscheinen (Bastian Die Seele 
und ihre Erscheinungsweisen in der Ethno- 
graphie, Berlin 1868, 102 f.), lehrt nur wieder, 
daß es auf das einzelne Tier nicht ankommt; 
es ist der gleiche Akt der Phantasie, dei bald 
in diesem, bald in jenem Tier eine geeig- 
nete Erscheinungsform für die abgeschiedene 
Seele findet. 
■) Plato Kratyl. 403 D. 

2) Sophokl. N.» 777. 

3) Eurip. Hei. 168 u. s. 

■t) Hackl Arch. f. Religionswiss. XII 1909, 2043.; 
daher, dank der Verlagsbuchhandlung B. G. Teub- 
ner, unsere Abb. 27. 



240 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



liehen geflügelten Dämonen auf einem Berliner Vasenbild (Abb. 28) ') und an einer 
etruskischen Situla (Abb. 29) ^); in beiden Fällen hält die beflügelte Gestalt ihr Opfer 
mit beiden Händen gepackt 3). Oder es verfolgt der vogelköpfige Dämon sein Opfer 
im Laufe, wie auf einer etruskischen Amphora in der Göttinger Vasensammlung 
(Abb. 30) oder auf einem attischen Pelikenfragment in Berlin (Abb. 31). 4). Der Typus 
des Vogelmenschen ergänzt hier, wie Jacobsthal zutreffend bemerkt, den Menschen - 




Abb. 28. Vasenbild im Berliner Museum mit raffendem Vogeldämon. 



vogel (d.h. Vogel mit menschlichem Kopf) der sonstigen Tradition; es ist ein ähnliches 
Verhältnis, wie es zwischen der Medusa als Stute mit Menschenkopf und der als 



') Furtwängler nr. 2157, abgeb. Archl Jahirb. I 1886 
210, Keschers Myth. Lex. I 1847. Unsere Abb. 28 
nach einer neuen Photographie aus dem Ber- 
liner Museum. Das Wesen, von Engelmann 
Jahrb. a. a. 0. als Harpyie, von Crusius (Roschers 
Myth. Lex. II 1138) als Ker, von Weicker, 
Seelenvogel 31, als Sirene mit Gorgoneion ge- 
deutet, bleibt besser unbenannt. 

') Walters Catal. of the bronzes in the Brit. Mus. 
650; darnach unsere Abb. 29. Zitiert und mit 
ähnlichen Darstellungen zusammengestellt bei 
Weicker Seelenvogel 6 f. und Roschers Myth. 
Lex. IV 608 ff. 

3) Gemildert zu einem sanften Davontragen durch 
mütterlich gebildete Dämonen erscheint die gleiche 
Vorstellung auf dem 'Harpyien'monument von 



Xanthos, wo Bulle Strena Helbigiana 35, i diese 
Wesen Sirenen nennt, während Sittig P.-W. VII 
2423 auf Benennung verzichtet, da lykische Ein- 
flüsse vorliegen könnten. In der Stimmung ähn- 
lich ist die westgriechische Terrakotta Berlin 
nr. 8299, abg. Roschers Myth. Lex. III 3255. Zu 
der von Bulle zitierten Alabasterschale von Nau- 
kratis treten einige Alabastergefäße aus Olbia 
mit ähnlicher Darstellung, Arch. Anz. 1913, 
200 f. 
4) P. Jacobsthal Götting. Vas. Tat. II 9 (S. 8 ff.); 
darnach unsere Abb 30. Durch Vergleich mit 
dem attischen Fragment (Abb. 10; darnach, mit 
Erlaubnis der Weidmannschen Verlagsbuch- 
handlung, unsere Abb. 31), erweist Jacobsthal 
die Darstellung als hellenisch. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



241 



Mensch mit Pferdekopf vorliegt (oben S. 182 f.). Zugrunde liegt den verschiedenen 
Vogelbildungen in den behandelten Darstellungen der Gedanke, daß der verderb- 
liche Dämon als Raubvogel sich auf sein Opfer stürzt. — Daneben erscheint nach 
einer weitverbreiteten Auffassung die Seele in der Erscheinungsform des Vogels, 




Abb. 29. Etruskische Situla mit raffendem Vogeldämon. 



von der bildenden Kunst z. T. in den gleichen Typen dargestellt '). So entweicht 
die Seele als Menschenvogel dem Munde der Prokris auf einem attischen Vasen- 
bilde 2), wie sie dem Aristeas als Rabe, der Ktesylla als Taube entweicht 3), oder 



') Die letzte zusammenfassende und lehrreiche 
Behandlung bei Waser Arch. f. Religionswiss. 
XVI 1913, 337 ff. 



^) Abgeb. Roschers Mytb. Lex. II iioi. 
3) Waser a. a. 0. 343 mit Parallelen. 



242 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



sie lebt im Grabbezirit ■), in dem überhaupt alle Vögel ursprünglich als Seelen zu 
deuten sind ^). 

3. Kcrcn3). Höllische Dämonen sind die Kcren. Die Seele des Patroklos jam- 
mert, die avj-(iprj Ar^p habe sie 'umgähnt' (otii'fs^^avs ^' 78 4), wir denken an die 
verschlingenden Keren in Hundsgestalt: 'At'Sao xuvsj heißen sie bei Apollonios 
von Rhodos (IV 1666) 5). Selbst Herakles^ist der Kcr nicht entronnen (1 117), 




Abb. 30. Scherbe einer etruskischen Amphora in Göttingen mit spatzenköpfigem Vogeldiimon. 

die alle Sterblichen bezwingt {\ 398), tausendfach auf sie lauert (M 326) und sie 
in den Hades bringt (f 207), wo die Scheusale selber wohnen (Eurip. Herakl. 870). 



') Nachgewiesen von Weicker, zuletzt Roschers 

Myth. Lex. IV 609. 
') Pfuhl Arch. Jahrb. XX 1905, 94. 

3) Das Material bei Crusius in Roschers Myth. Lex. 
II 113611. 

4) Die i>'jyfi des Patroklos fährt fort: ^ nEp Xdytt 
Ytv(i[iEV(iv jrep. Die 'mitgeborene Ker' verstehen 
wir am besten, wenn wir den 'mitgeborenen Dai- 
mon' des einzelnen damit vergleichen (Piaton 
Phaidon 107 D, 113 D), an den auch Oidipus 
denkt (Sophokl. Kön. Oidip 1479 mit Bruhns 
Note), ein Dämon, der ättavTi dv8pi ouixjrapaSTaxEt 
Eü9ü; yEvofi^vtu, ptuaTaftuYÖ; toü ßfcu ii7.^6i 



5) 



Kynanthrop. 



(Menand. frg. 550 K.), auch an die Motpa, den 
Todesgeist des einzelnen, in der Pistis Sophia 
kann gedacht werden (Dieterich Nekyia- 59, 3). 
Das Komplement ist der 'gute Geist' des ein- 
zelnen: angebahnt in den Ziyßd'Aai Kr^pE? des 
Epos I 411, später reichlicher für Ker belegt 
(Crusius II 1158); ebenso werden Theogn. 161 (1. 
der Satjjiiuv äa9Xö; und der ?£iX(i; einander kon- 
trastiert. 'Sein Schutzengel hat ihn bewacht', 
'sein böser Geist hat ihn getrieben', würde 
in unserem Empfinden dieser Doppelheit ent- 
sprechen. 

Mehr bei Wilamowitz Her.' II 195, Röscher 
46 f. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



243 



'Im Geleite der Hölle', xrjps3ciicp6pr|T0t, sind die Griechen vor Troja erschienen '). 
Als schreckliche Dämonen mit gewaltigen Krallen stellte die alte Kunst die Keren 
dar; so auf dem Achillschilde (1 535 ff.), auf dem Perseusschilde (Aspis 249 ff.) und 
auf der Kypseloslade (Paus. V 19, 6). Die mit diesen Wesen verknüpften Vorstel- 
lungen werden recht lebendig, wenn man die Nachbarschaft beachtet, in der sie auf- 
treten: auf dem Achillschild kämpfen sie zusammen mit Eris und Kydoimos, auf 
dem Perseusschild mit Achlys, im homerischen Epos sind sie eng verbunden mit 




Abb. 31. Attisches Pelikenfragment mit geierköpfigem Vogeldämon. 

den Moiren ^), bei Hesiod (Theog. 211 ff.) sind sie Schwestern von Moros und Thana- 
tos, bei Empedokles (Diels Vorsokr. 3 I 269, 121) sind Phonos, Kotos und andere 
Wesen derart ihresgleichen; als Saaten vernichtende Dämonen alternieren sie mit den 
Teichinen 3). So erscheinen sie denn auch als das Gefolge strafender Götter: dem 
Apollon, wenn er gegen den Mörder losspringt, folgen die Keren (Sophokl. König 
Ödip. 472 ff.), die Erinyen, sittliche Mächte 4), die selbst eine Verbindung mit einer 



') 9 527 (= "A X'iP^? ^veyxav ocjToi? sc. nach 
Troja). Vergleichbar ist A 332, wo die Keren die 
Söhne des Merops 'führen' (äyeiv). Crusius' Deu- 
tung (II 1137), 'von den Keren entrafft', in pro- 
leptischem Sinn, halte ich nicht für richtig. 

') Die Stellen bei Crusius 1138. 

3) Wilamowitz Nachr. Götting. Gesellsch. der Wis- 
sensch. 1895, 242; Crusius 1145. 

langt das Thema eine 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 



4) Wilamowitz Her.' II 195, Griech. Trag. II 233 ff. 
Aischylos, Interpret. 58, i, 79, 221, 251; daß 
die bisher für die Seelennatur der Erinyen 
beigebrachten Zeugnisse zweifelhaft seien, be- 
merkt Gruppe Griech. Myth. 768, 2; Bursians 
Jahresb. Suppl. 1907, 491 f. In Hinsicht auf die 
oft wiederholten Deutungen der Erinyen als 
rächende Seelen durch Crusius und Rohde ver- 
besondere Bearbeitung. 

«9 



244 



L. Malten, Das Pfetd im Totenglauben. 




Abb. 32. Sphinx auf Relief von Tenos. 

Gottheit wie Demeter eingehen können, werden mit den Keren gepaart (Äschyl. 
Sieben 1055 Wil.). 

Neben diesen Zeugnissen, die ganz unverkennbar für die Keren als Dämonen 




Abb. 33. Sphinx auf Vase aus Gela. 



sprechen, finden sich Spuren, nach denen die Keren auch gleichbedeutend mit Seelen 
sind. Das wichtigste Zeugnis ist der Ruf, der das Anthesterienfest beschließt: 
'üupaCe, Kfjpe?, oux sx' 'AvöeoTTjpia' ; wenn die Deutung überhaupt einen Zweifel 
zuließe, müßten die aus anderen Völkern beigebrachten Parallelen für das 'Seelen- 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



245 




Abb. 34. Sphinx auf Vasenscherbe in Athen. 



austreiben' entscheiden '). Für das Alter der Vorstellung wertvoll wäre es, wenn 
Crusius' Annahme zutrifft, daß Ktjp und xT^p im Epos in nahem Zusammenhang stehen. 
So ist es denn auch möglich, daß die Seelchen, die auf den Denkmälern erscheinen, 
und die wir zunächst Psychai oderEidola zu nennen haben, auch als xr^ps? bezeichnet 
worden sind ^). Freilich hat Aischylos (oder seine epische Quelle), der die Wägung 




Abb. 35. Sphinx auf Vase in Paris. 



•) Crusius 1148, Rohde Psyche' I 239, Waser Arch. 
f. Religionswiss. XVI 1913, 368. 

*) Crusius II II 50. Ein wirklich gesichertes Zeugnis 
für Keren = Seelen wüßte ich sonst nicht; Orph. 
Hymn. XII 16, wo Herakles die xrjpe; vertreiben 
soll, kann auf die Seelen gehen, doch steht es 
dem Kii]po[ji.'ivTijs auch an, schädliche Dämonen 



zu verjagen. Eine Krjp TUfißoüyos steht auf dem 
Grabe ihres Überwinders Koroibos (Anth. Pal. 
VII 154); da diese die [Ioivt^j ist, die Koroibos 
besiegt hat (Paus. I 43, 7), dürfen wir die Ker 
nicht als eine Seele fassen; üoiviq ist ein Wesen, 
das mit Dike, Phobos, Erinyen gepaart erscheint 
(Ilberg in Roschers Myth. Lex. III 2602 ff.). 

.9* 



246 ^- Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



der KtjPSi; im Homer (X 209 ff., darnach 70 ff.)') durch eine Wägung der Seelen 
ersetzte *), nicht den alten Namen beibehalten, sondern sein Drama ^'oyoaraaiai 
genannt. 

Als Resultat ergibt sich, daß der Begriff Kr^ps? doppeldeutig ist; er umfaßt 
sowohl Todesdämonen wie Seelen, ganz, wie die antiken Grammatiker es formuliert 
haben: zT,p£;- ']i'jya'.- aufisopo«', jAorpat OavaT»i»op'-ji (Hes. s. v.). Man hat die 
Dämonen und Seelen mit dem gleichen Namen belegt und sie sich, wie die Beschrei- 
bungen und Denkmäler es zeigen, in der gleichen äußeren Erscheinungsform gedacht 3). 

Das vorgelegte Material genügt, um erkennen zu lassen: Pferd, Hund, 
Vogel gleichermaßen haben sowohl dem hellenischen wie dem germanischen 
Empfinden als Träger für unheimliche Gewalten gegolten, sie sind Erschei- 
nungsformen sowohl für den Töter wie für den Toten. Wie ist diese 
Doppelheit zu erklären } Eine frühere Periode der Forschung legte den Nachdruck 
auf die dämonische Seite dieser Wesen; dabei kamen die Seelen zu kurz. Es be- 
deutete daher einen Fortschritt, als der Animismus in den Untersuchungen von 
Crusius 4), Rohde, Weicker 5) besonders alle Züge herausarbeitete, die für die andere 
Seite, die Seelennatur, sprachen. Dann aber schlug der Animismus ins Extrem 
über; jeder Vogel mußte nunmehr ein Seelenvogel, jede Ker eine Totenseele sein. 
Den raffenden Dämonen der bildnerischen Darstellungen wurde imputiert, sie seien 
mitsamt Seelen, der Literatur, die sie nicht genügend lieferte, mußten die alten 
ursprünglichen Seelenvorstellungen nahezu ganz verloren gegangen sein. Daß aber 
sehr konkrete Vorstellungen von den Dichtern des Epos und der Folgezeit wie 
auch von den bildenden Künstlern zumal mit den Keren verbunden wurden und 
daß diese Vorstellungen die Keren an die Seite dämonischer Mächte aller Art 
stellten, wurde als sekundär zurückgeschoben. Als Polygnot den Eurynomos malte, 

■) Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad. 1910, sich der Jüngling beidemal an der Sphinx fest; 

386 f. so mußte sich der Künstler behelfen, wenn er 

') Zuletzt Studniczka Arch. Jahrb. XXVI 1911, die Sphinx (ohne Menschenarme) stehend oder 

132 ff. (mit Literatur) und Waser a. a. O. 361 ff. in langsamer Bewegung bildete. Was gemeint 

3) Bei der Sphinx kann ich ein gesichertes Indizium ist, lehren die fliehenden Jünglinge auf 33 zur 

für die 'würgende Totenseele' nicht finden. Das Genüge; ebenso deutlich ist 35, wo die Sphinx 

Material, literarisches (Ilberg in Roschers Myth. im Ansprung dargestellt ist. Der letzte Bear- 

Lex. IV 1366) wie bildnerisches (1370), erweist beiter, Ilberg, auf dessen treffliche Zusammen- 

die Sphinx als Todesdämon. Abb. 32 (Relief Stellung des Stoffes verwiesen sei, geht ent- 

aus Tenos, abgeb. Roschers Myth. Lex. IV 1370, schieden zu weit, wenn er die Sphingen um der 

hier nach einer von P. Jacobsthal freundlichst animistischen Keren- und Erinyenhypothese 

geliehenen Tuschzeichnung von Otto, die das willen als ursprüngliche Totenseelen (Sp. 

Relief ohne die späteren Zutaten gibt), 33 (von 1377 ff.) faßt. Daß sie möglicherweise auch ein- 

einer Vase aus Gela, nach Monum. dei Lincei XIX mal als solche gefaßt wurden, soU in Hinblick auf 

1908/9, 99 Abb. 8), 34 (von einer Prothesis- die Ausführungen ob. S. 249 f. prinzipiell nicht 

Amphora aus Athen, nach Münch. Jahrb. der für unmöglich erklärt werden, 
bildend. Kunst I 1906, 4), 35 (von einer Vase 4) Über die Sirenen: Philol. L 93 ff., über Ker: 

in Paris, nach de Ridder, Catal. des vases peints Roschers Mythol. Lex. II 1136 ff., überErinyen: 

de la Biblioth. nation. I 187 Nr. 278) zeigen ebd. 1 162 ff. 
diesen Dämon, wobei die Darstellung von 33 5) Der Seelenvogel in der alten Literatur und Kunst, 



und 34 von Interesse ist: strenggenommen hält Leipzig 1902. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



247 



der ihm ein leichenfressender Hadesdämon war •), der aber, wie sein Name lehrt, 
einst mehr bedeutete ^), gab er ihm einen Geierbalg unter, damit andeutend, daß der 
Dämon in Geiergestalt gedacht wurde 3). Der Thanatos in Euripides' Alkestis 4) 
ist TTTspeu-oc, auf einer Lekythos des Britischen Museums 5) trägt er gewaltige 
Flügel; der Oberkörper ist von Flaumfedern bedeckt (Abb. 36), woraus mit Recht 
gefolgert wurde, daß der Todesdämon einmal in Gestalt eines Raubvogels vorgestellt 




Abb. 36. Befiederter Thanatos auf einer Lekythos im Britischen Museum. 



') Paus. X 28, 7. Hier und da waren Hades oder 
Hekate selbst leichenfressend gedacht (Dieterich 
Nekyia' 47, Abt, Apolog. des Apul. [Relig. Vers. 
und Vorarb. IV] 203). 

') Der 'Weitwaltende', der Todesgott selber (Robert 
Nekyia des Polygnot 61, Kern P.-W. VI 1340, 
P. Kretschmer Mitteil, der anthropol. Gesellsch. 
in Wien XXXI 1901, 64). Die Wesensverengung 
hat ihre Parallele in der der Medusa s. ob. S. 184. 
Das Pendant zu Eurynomos istEurynome; über 
sie Arch. Jahrb. XXVII 1912, 261. 



3) Polygnot hat das Mittel, Tiergestalt durch ein 
untergelegtes Sitzfell anzudeuten, öfters verwen- 
det, so, indem er mit dem Hirschfell auf die Meta- 
morphose des Aktaion, mit dem Bärenfell auf die 
Bärengestalt der Kallisto hindeutete (Kyrene 87). 

4) Alkest. 261 ßXfcüjv TrrepuiTot (sc. Öavaro;) °Ai8av 
(so Wilamowitz bei Robert Thanatos 36, Griech. 
Trag. III 155, für °Ai5t)0. 

5) Abgeb. bei Robert Thanatos Taf. II (darnach 
unsere Abb. 36) = Heinemann, Thanatos, Mün- 
chen 1913, Taf. 8. 



248 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben, 



wurde'). Will nun der Animismus auch den Thanatos als 'Seele' reklamieren? 
Treten nicht vielmehr die hinwegraffenden Vögel, soweit sie deutlich als Dämonen 
gekennzeichnet sind, an die Seite dieses vogelgestalteten Todesdämons? Am schwer- 
sten begreiflich ist, wie verkannt werden konnte, daß die Vorstellung von dämonischen, 
d. h. von vornherein überirdischen und außerhalb der Sphäre des Menschlichen ge- 
legenen Mächten in der Wurzel verschieden sein muß von der anderen, die den ab- 
geschiedenen Seelen weiterwirkende und schädigende Macht beimaß, und daß es 
nicht angeht, die eine dieser Grundideen zugunsten der anderen einfach zu eliminieren. 
Nun bringen Pferd und Hund ein neues Material hinzu, und dieses stimmt in seinem 
Charakter genau zu dem, was in der Tradition von Vogel und Ker vorliegt. 

Nehmen wir, wie wir rriüssen, den Ausgangspunkt von der Tatsache, daß der 
Töter wie der Tote in der gleichen Erscheinungsform gedacht wurden, so bedeutet 
das, zunächst in der Sprache der Mythologie gesprochen: der Tote, wenn er ein- 
geht in das Gefolge des Todesdämons, nimmt dessen Gestalt an, wird Pferd oder 
Hund, je nachdem der Töter selbst in der Gestalt eines dieser Wesen gedacht wurde. 
So tritt Hekabe als Hündin in den Schwärm der hundsgestalteten Hekate, so werden 
Frau Gaudes Töchter zu Hündinnen im Heere der dämonischen Hündin. So laufen 
die Seelenrosse im Geschirr des Todesdämons, der selbst als schlagendes oder treten- 
des Pferd gedacht werden konnte. Abstrahieren wir vom mythischen Bilde: der 
Töter und der Tote, weil sie begrifflich zusammengehören, treten 
auch in der gleichen Erscheinungsform auf; wir kommen in eine 
Periode hinauf, deren primitives Denken zwischen dem Töter und dem 
Toten noch nicht verstandesscharf differenziert, darum nicht, weil 
beide einem gleichen Wesenszustande angehören, dem alles Lebende 
als eine geschlossene Einheit gegenübersteht. Weil die letzte Wurzel 
eine einheitliche ist, geht der Töter als Pferd um ^) wie der Tote, kläffen die 
Totenseelen als Hunde im Gefolge der dämonischen Hündin, entflattert die Seele 
als Vogel, wie der Dämon als Vogel den Sterbenden hinrafft; darum ist Ker mit 
den mörderischen Krallen ein Dämon und kann zugleich auch die Seele, die zum 
Totenfeste geladen wird, Ker heißen; darum auch erscheinen die j^Uovioi gleicher- 
maßen wie die Toten in der Gestalt der Schlange 3). Darum auch gleichen sie ein- 
ander im Wesen und ist die Seele blutdürstig wie der Todesdämon nach Blut ver- 
langt 4). Noch in Zeiten, wo sie alle anthropomorphe Gestalt angenommen, bildet 



•) Lung Memnon 76, Heinemann 77. 

=) K. Helm Altgerman. Religionsgesch. I 211 f. 
glaubt auch im Germanischen einen pferdegestal- 
■teten Totenführer, ein dämonisches Roß, das im 
Sturm die Seelen führt, zu erkennen. 

3) Waser Arch. für Religionswiss. XVI 1913, 354 ff., 
Küster Die Schlange 62 ff. 

4) Für das Altertum z. B. Crusius Roschers Myth. 
Lex. n Ii6if. ; auch die Leuktrides, wenn sie 
als Wölfe erscheinen, sind den Feinden ein |jLrjvt[j.a 
(ob. S. 238, 20). Aus dem Germanischen einige 



Parallelen speziell für das Pferd: nach ostpreußi- 
schem Glauben ist es schlimm, wenn ein Reiter 
einem Leichenzug begegnet; denn er nimmt die 
Seele des Toten zurück ins Dorf und diese holt 
noch jemanden (Wuttke-Meyer 3 469). Läuft ein 
Roß in den Hof, so heißt es, der zuletzt Ver- 
storbene habe es gesandt (v. Negelein XH 380); 
nach Luxemburger Sage ist das weiße Pferd eine 
verwünschte Prinzessin; wer das Tier besteigt, 
mit dem reitet es auf Nimmerwiedersehen davon 
(Tobler S. 49 f.). In Ibsens Rosmersholm be- 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



249 



die Kunst, aus der Empfindung heraus, daß zwischen den /ftoviii und den Toten 
etwas Verwandtes ist, die Toten in Darstellungen, die mit denen der yöovioi geradezu 
identisch sind; so thronen auf den spartanischen Stelen die Toten wie die Unter- 
weltsgötter in gleicher Erhabenheit, die gleichen Attribute in der Hand, von dem 
gleichen Zuge von Adoranten verehrt '). Darum auch sind der Kult der Chtho- 
nioi und der Toten in ihren älteren Formen nahezu identisch ^). Es sei auch auf eine 
Analogie verwiesen, die die Lebenden angeht: um die Gemeinschaft mit dem in 
Tiergestalt gedachten Gotte herzustellen, verkleiden sie sich in Kulttänzen in 
die Tiergestalt ihres Gottes 3), treten ihre Priester als ntirot, iriüXoi, TOiüpoi, äpxTOi 
usw. auf 4) — der alte Drang des Menschen nach der öixotojs'.? flstö 5). 

Wenn so die letzten Zusammenhänge aufgefaßt und die Möglichkeiten bedacht 
sind, daß die Tierbildung sowohl dem Töter wie dem Toten eignet, wird man mit 
freierem Blick über das einzelne urteilen und ein überscharfes 'Entweder— Oder' meiden 
können. Wenn die Dämonen als Rosse gedacht werden und ebenso die Toten, so sind 
im 'Gespann des Hades' prinzipiell roßgestaltete Dämonen so gut wie Tote 
in Roßgestalt vertreten^); ebenso werden in dem gespenstigen Heere hundsge- 
staltete Dämonen und hundsgestaltete Tote gleichermaßen schwärmen 7). Wenn auf 
attischen Grabmälern, die für ihre Zeit nur noch symbolisch zum Ausdruck bringen. 



deutet das Erscheinen der stutengestalteten Toten 
Unheil (ob. S. 234). In der wilden Jagd werfen 
die Toten von ihren Rossen Sättel auf das Dach; 
in dem Haus muß flugs einer sterben (Panzer, 
Bayer. Sagen und Bräuche II 437), die Seelen, 
Hunde im wilden Heer, fallen Lebende an 
(Grimm Myth.4 768). An das Leonorenmotiv sei 
nur erinnert. 

•) Bekanntlich wurden sie anfangs auch als Hades 
und Persephone erklärt (Milchhöfer Athen. Mitt. 
II 1877, 304 ff., 458 £E.), bis die Exemplare mit 
Namensinschriften bekannt wurden (Milchhöfer 
a. gl. O. IV 1879, 163, Arch. Ztg. XXXIX 1881, 
293 ff., Furtwängler Athen. Mitt. VII 1882, 164, 
168, Kekule Griech. Skulpt. 42 ff., Tod and Wace, 
Catalog. of the Sparta Mus. 108 ff.) Tote im Typus 
des Götterbildes dargestellt: Rodenwaldt Arch. 
Jahrb. XXVIII 1913, 324. 

») Nachgewiesen von Stengel Opferbr. der Griech. 
144. 

3) Nilsson Neue Jahrb. XXVII 191 1, 677 ff., Wila- 
mowitz a. gl. O. XXIX 1913, 466, 474, Kern 
Herrn. XLVIII 1913, 318 f. Zuweilen genügt 
noch der Name, wie in Sparta, wo zwei Mädchen, 
die in einer Prozession zu Ehren der Leukippides 
auf einem Bronzegestell getragen wurden, nütKoi 
AeuxiTTirßcuv hießen (Hes. s. v. rüiXta, Wilamo- 
witz bei Wiegand Athen. Mitt. XXIX 1904, 297). 
In den öfters erscheinenden Wesen mit Pferde-, 



Esel-, Schweinskopf wollte Cook Journ. hell, 
stud. XIV 1894, 148 kostümierte Personen, Per- 
drizet Bull. corr. hell. XXIII 1899, 636 Dämonen 
sehen; wenn wir die Mischgestalten von den 
Inselsteinen (Abb. 37 nach Journ. hell. stud. XIV 
1894, 138 Abb. 18, aus Phigaleia), die weiblichen 
Terrakotten von Lykosura mit Kuh- und Schaf- 




Abb. 37. Inselstein aus Phigaleia. 

köpf (Perdrizet a. a. 0.) und die Bronze von 
Petrobuni (Hiller von Gaertringen und Latter- 
mann Arkad. Forschungen S. 41, Taf. 13, 3) 
hinzunehmen, werden wir eher an Dämonen den- 
ken. Verwandtes stellt Karo Arch. für Religions- 
wiss. VII 1904, 152 ff. zusammen. 

4) Wide Athen. Mitt. XIX 1894, 281 f., Gruppe 
Griech. Myth. 1598, 3. 

5) Theät. 176 B u.s.; vgl. Campbell z. St. 

') Die Einzelnachweise für Dämonen ob. S. 209, 
für Tote 216. 

7) Nicht immer geben die kurzen Schriftsteller- 
zeugnisse volle Klarheit; so spricht Aristoph. 



2 CO L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



daß hier die Stätte des Todes, der Ort der Toten ist, die Sirene erscheint, werden 
wir uns erinnern, daß sie nach alter Tradition Todesvogel wie Totenvogel war; wenn 
wir einer Gorgo am Grabsockel begegnen '), werden wir neben der Fülle der Zeug- 
nisse, die für die Gorgonen als Dämonen sprechen, die Möglichkeit nicht ausschließen, 
daß auch einmal die Seele in dieser DarstcUungsform gedacht werden konnte: 
ward sie doch auch Kcr genannt, und die Typen von ,Keren, Gorgonen, Harpyien 
usw. sind in ständigem Flusse ^). Dem einzelnen Objekt gegenüber werden wir 
öfters auf die konkrete Benennung verzichten, in dem Bewußtsein, um so schärfer 
die Möglichkeiten zu fassen 3). 



Gespenstige Mächte, wie es der Töter und der Tote sind, fanden in dem Rosse 
ihre Erscheinungsform. Das Scheuen und Zittern, Bäumen und Schnaufen des 
Tieres 4), der nächtliche Schweiß, das Wiehern, mit dem man das Lachen Wahn- 
sinniger verglich 5), der feine Instinkt, mit dem es Gefahren ^), selbst Geister wittern 
zu können schien, so daß man ihm die Gabe der Weissagung zuschrieb "), gaben 
dem Volksglauben Anlaß, im Pferd überirdische Gewalten verkörpert zu sehen; 
Sagen und Aberglauben steigerten die natürlichen Anlagen des Tieres, wenn sie von 
glühenden, tellergroßen Augen, vom unheimlichen, Tod kündenden Blicke ^), 
vom feuerschnaubenden Atem erzählten 9). 'Mopjx««, Sot/vit r--o;*, schreckt noch die 
Kinderstube die Kleinen (Theokr. XV 40) ; 'huhu, Hottepferd beißt', heißt es 
bei uns. Ebenso ließ der Instinkt des Hundes ihn als geistersichtig erscheinen ">), 
sein Geheul klang Unheil und Tod kündend "); dazu war er Aastier. Schon darin, 
daß die Tiere, miteinander alternierend, Sitz der Dämonen und Seelen werden, 
ergibt sich, daß es auf das einzelne Tier nicht ankommt. Von einer 'chthonischen 



Frösche 472 (nach Wilamowitz Her.^ I 157 aus so gut gemeint sein wie ein Toter, der eine andere 

Kritias) von i:eptopO(j.oi Kujx'jtoO vcivec Sie, wie Seele holt. 

meist geschieht, auf die Erinyen zu deuten, liegt 4) Vergil Georg. III 84 f. micat auribus et tremit 

kein Grund vor; gemeint sind die Wesen, die als artus collectumquc tremens volvit sub naribus 

x'jvEt im Gefolge des K'JvrjY^xr;;, des Jägers Tod ignem. 

(s. ob. S. 196, 3) erscheinen : dämonischeWesen oder 5) Hippokr. de morbo sacro i (VI 360 L). 

Totenseelen. Auch in den hundsgestalteten ') 2 223 ff. als .-Schills Stimme ertönt, wenden die 

rovrjpol oo[(|aove; des Porphyrios (bei Euseb. Pferde, 0330VTC1 yio Äysa il'jfj.(i). 

Praep. evang. IV 23 7 f.) wird beides stecken. 7) Achills weissagende Rosse (T 404 ff.), für die 

') ob. S. 222. Germanen Tacitus Germ. 10, Saxo Gramm. II 826 

') Furtwängler in Roschers Myth. Lex. I 1707, mit den von MüUer-Velschow zitierten Parallelen. 

Weicker ebd. IV 626 f. 8) v. Negelein XI 414, Freytag 51, 62. 

3) Das gilt auch für den modernen Volksglauben. 9) Freytag 37. Der Volksaberglaube hielt sogar an- 

Das weiße Roß der Idesfelder Hardt rennt nacht- einandergereihte Pferdezähne für ein Mittel, das 

lieh feuerschnaubend an den Totenhügeln hin Zahnen zu fördern (Plin. sec. de medic. p. 28, 

undspringt Vorübergehenden todbringend auf die 16 R., Kropatschek de amuletis, Münster 1907, 

Schulter (Freytag 62), wenn jemand plötzlich 22). 

stirbt, heißt es, das weiße Roß habe ihn mit dem "°) r. 162, wo die Hunde Athenes Ankunft wittern; 

Hufe getroffen (a. gl. 0. 51): in solchen und Theokr. II 35. 

ähnhehen Fällen kann ein Dämon in Roßgestalt ") A. Kuhn Sagen, Gebr. und Märch. Westfalens II 51. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



251 



Natur' des Pferdes als Ausgangspunkt eines chthonischen Kultes zu reden, ist wider- 
sinnig; umgekehrt kann sogar, nachdem einmal das Pferd zum Sitz für Dämonen 
geworden, der Nix, der im See haust, pferdegestaltig gedacht werden ■), ohne daß 
die Zoologie daran Anstoß nimmt. Und nicht nur dämonische, im Gegenteil auch 
lichte Gestalten hat die alte Religion im Pferdeleib umgehen lassen, indem sie dabei 
die strahlende, lichte Erscheinung des weißen Pferdes für würdig befand, zum 
Träger des Göttlichen zu werden. So ist die Sonne nach altem indogermanischem 
Glauben als weißes Roß über den Himmel gestürmt ^), woraus nach einer uns be- 
kannten Entwicklung Helios mit dem Gespann weißer Rosse geblieben ist; so 
erscheinen die rettenden Zeussöhne, die Dioskuren, als Xsuxiu ttwXiu 3), dann als 
XsuxoTtwXot 4), ihre weiblichen Partnerinnen als 'Schimmelstuten', Leukippides 5). 




Abb. 38. Stele des Nebuchadrezzar aus Abu Habbah. 



Der Glaube, daß die großen Götter in Roßgestalt erscheinen, ist nicht auf 
Hellas beschränkt; die Agvins sind Sprößlinge der Stute Saranyu, also selbst einst 
Rosse*); ebenso sprechen die vedischen Hymnen von Agni als Roß und geht ein 
Roß voran, wenn das frische Feuer nach Osten geführt wird; im Roß ist der Gott 
selber geborgen 7). Auch das 'Wasserkind' wurde 'reich an schnellen Rossen' genannt, 
was auf alte Roßbildung führt ^). Dem entsprechend sind auch Pferdeopfer für die 



') Beispiele bei Grimm Myth.4 406, Helm, Altgerman. 
Religionsgesch. I 206, Simrock Deutsche Mythol.3 
431, Meyer-Wuttke 3 48 f., v. Negelein Teutonia 
a. a. 0. 70 ff. 

") Bastian, Die Seele als Erscheinungsform 108, Olden- 
bergRelig. des Veda 81, 238 die Sonne 'das schöne, 
weiße Roß', E. Meyer, Gesch. des Altert. I 23, 
860, 872. Für die Germanen Helm a. a. 0. I 177, 
186. Nach Tacitus German. 45 glaubten die am 
Meer wohnenden Suionen, bei der aufgehenden 
Sonne formas equorum zu erblicken. 

3) So der Kultname in Theben nach Euripides' An- 
tiope (Wilamowitz Herrn. XXVI 1891, 242, Her.' 
11 14). 



4) Die Stellen bei Pfister Reliquienkult I 311, 
1015. 

5) Wilamowitz Textgesch. der Bukol. 188, i, bei 
Wiegand Athen. Mitt. XXIX 1904, 297. Ob die 
neuentdeckte Artemis Polo auf Thasos (Macridy 
Arch. Jahrb. XXVII 1912, 8, li) selbst als itwXo; 
gedacht worden ist, läßt sich nicht sicher be- 
stimmen. 

') Oldenberg, Religion des Veda 68, 73, Wilamowitz 
Herakl.2 II 14 f., E. Meyer Gesch. des Altert. 
I 2 3, 910, 915 f. 

7) Oldenberg 77 f. 

8) Oldenberg 118. 



252 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



vedischen Inder bezeugt'); charakteristisch für die hohe Wertung des Tiers ist 
das Lied für das Roßopfer *), in dem gewünscht wird, das geschlachtete Roß möge 
in den Himmel zu Vater und Mutter eingehen, ganz wie man dies einem Menschen 
wünscht. Auch furchtbare Gewalten scheinen mit dem Pferde verbunden zu sein ; 
so soll Kali, die 'Schwarze' 3), die Pest- und Todbringende, gleich Hei auf einem 
dreibeinigen Pferd durch die Lande reiten +) ; ihr gewöhnliches Tier ist der Tiger. 

Ist hier die dämonische Macht als Pferd 
oder zu Pferde ersichtlich, so ist es dem In- 
«h G^\ä^^Hb' rk 'lischcn auch nicht fremd. Tote in Tieren 

uLt— ^—-TTi» ^^Y^^\)^ 'Im verkörpert zu denken; einiges führt Olden- 

Eili^XlvÖ'J' . .^^ ,'w^««S berg 5) an; das Pferd allerdings ist kaum be- 

teiligt; nur als eine Wiedergeburtsform ab- 
steigenden Grades höherer Ordnung wird es 
im 'Königsbuch' des Mannsmrtih (i2, 43) 
genannt, uncharakteristisch neben anderen 
Tieren ''). Erinnert sei daran, daß auch aus 
dem alten Ägypten Zeugnisse für die An- 
schauung, daß Menschen nach dem Tode in 
Tierleib erscheinen, vorliegen 7). 

Ähnliche Begriffsbildungen wie im In- 
dischen begegnen auch in nordischer Sage; 
hier gebiert Loki als Stute von dem Riesen - 
pferd Swadilfar das Götterroß Sleipner *), 
als Odinssöhne gelten die mythischen Führer 
der Angelsachsen, die das Roß im Namen 
tragen, Hengist und Horsa 9). Als heiliges 
Tier des Swantowit gilt den Einwohnern von 
Rügen ein weißes Roß, das nur die Priester 
berühren durften; auf ihm ritt des Nachts der 
Gott; wie Saxo berichtet, 'eius rei praecipuum 
argumentum exstabat, quod is, nocturno tempore stabulo insistens, plerumque 
mane sudore ac luto respersus videbatur' •"), anderwärts, wie in Stettin, war das 




Abb. 39. 



Assyrische Bronzestele, erworben in 
Nordsyrien. 



■) Zimmer Altindisches Leben 72, Schrader Real- 
lexik, der idg. Altertumsk. 624. 
') Rigveda i, 163, 13. 

3) Schlagintweit Indien I 169. 

4) Keller Ant. Tierwelt I 248, 

5) Relig. des Veda 562 ff. 

') Herrn Prof. K. Geldner bin ich für gütige Aus- 
kunft zu Dank verpflichtet, Herr Dr. C. Kappus 
hat mir wiederholt wertvollen Bescheid erteilt. 

7) E. Meyer I i 3 109, 2 3, 80, 86. E. Meyer erklärt 
die Identität der theriomorphen Tiergestalt für 

">) Saxo hist. Dan. II 



Götter und Tote in Ägypten so, dal3 der Tote die 
Gestalt des Stammgottes annimmt, in dessen 
Schutz er als Lebender gestanden. Da für 
Hellenen und Germanen Pferd und Hund als 
Stammgötter nicht in Betracht kommen, muß 
hier die Entscheidung anders fallen und wurde 
oben aus der inneren Zusammengehörigkeit her- 
geleitet, die zwischen dem Töter und dem Toten 
besteht. 

') V. Negelein XI 419. 

9) Reinach, Cultes, mythes et religions III 140. 
826 MüUer-Velschow. 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 



253 



heilige Roß schwarz und von wunderbarer Größe, als Tier des Gottes mit dem 
Geschenk der Weissagung begabt '). 

Nach Mesopotamien und Ägypten ist das Pferd nach Ausweis der bildlichen 
Zeugnisse verhältnismäßig spät gelangt. Mit Hilfe der Denkmäler können wir auch 
für Vorderasien nicht über das dritte Jahrtausend hinauskommen; andere Zeugnisse 
scheinen zu fehlen. Die ältesten bisher bekannten Darstellungen entstammen 




Abb. 40. Knossischer Siegelabdruck. 



Siegeln und Tontafeln aus Kültepe (Kappadokien) im dritten Jahrtausend ^), die 
älteste Erwähnung in Sinear findet sich in einem altbabylonischen Briefe, der in die 
Zeit Chammurapis gesetzt wird 3); nach Ägypten ist das Pferd erst im zweiten Jahr- 
tausend gedrungen *). Dem entsprechend spielt das Pferd in diesen Ländern auch 

E. Meyer Gesch. des Altert. I 2 3, 613, 651 f., 654. 

Ungnad und B. Meißner (Mitteil, der Vorderasiat. 
Gesellsch. XVIII 1913, i ff.), der neues Material 
beibringt,' halten das Pferd in Babylonien mög- 
licherweise für älter als die Zeit Chammurapis. 
Ich verdanke den Hinweis Herrn Dr. E. Herzfeld. 



') Vita S. Ottonis II 32 und das übrige, bei MüUer- 
Velschow aus germanischem, slavischem, skan- 
dinavischem Glauben beigebrachte Parallelmate- 
rial. 

') E. Meyer, Reich und Kultur der Chetiter, 1914, 

54 f. 
3) Ungnad Orientalist. Literaturztg. X 1907, 638 f., 4) Schnittger Prähist. Zeitschr. II 1910, 176, 



E. Meyer I 2 3, 64, 442. 



254 ^' ^"It'»! ^'^ Pferd im Totenglauben. 



in den religiösen Vorstellungen eine geringe Rolle; es ist schon von Eduard Meyer 
gefolgert worden, daß in der babylonischen Urgeschichte bei Bcrossos die pferd- 
gestalteten Dämonen unursprünglicher Einschub sind '). Als alleinstehendes Beispiel 
religiöser Verehrung des Pferdes in Babylonien führt F. Poulsen -) die Darstellung 
der Nebuchadrezzarstcle von Abu Habbah an (Abb. 38), wo der Pferdekopf auf einem 
Altar in einem heiligen Bezirk, also religiös verehrt sei; ein löwenköpfiger Dämon 
über einem Pferd erscheint auf einem assyrischen Bronzerelief, dessen unterster 
Streifen eine Darstellung aus der Unterwelt geben soll (Abb. 39) 3). Auch in Kreta, 
wohin das Pferd nicht vom griechischen Festlande, sondern aus ägyptisch-orien- 
talischem Kulturkreise gekommen zu sein scheint 4), sind Pferdedarstellungen selten; 
nicht sicher gedeutet ist noch die Darstellung eines gewaltigen Rosses auf einemknossi- 
schen Siegelabdruck (Abb. 40) auf oder neben einem Schiffe 5); auf dem Sarkophag 
von Hagia Triada, auf dem man den 'Toten' *) von einem Pferdegespann gezogen 
glaubte, sind nach Mercklins 7) und Rodenwaldts *) Beobachtung Pferde nicht dar- 
gestellt; auch in den kretischen Stierspielen wurden, im Gegensatz zu den thessa- 
lischen, Pferde nicht verwendet 9). In den religiösen Bildungen der kretischen 
Religion finden wir denn auch Taube, Schlange, Löwe ">), nicht das Pferd. Die 
Phantasie der Völker Vorderasiens und der mit ihnen verbundenen Länder war mit 
anderen religiösen Konzeptionen gefüllt "), ehe das Pferd bei ihnen Eingang fand. 
Um so stärker ist die Rolle, die es bei den indogermanischen Völkern hat, bei 
denen das Tier seit alters einheimisch war '^) ; auch die Hellenen haben das Pferd 
von Norden her empfangen; wir begegnen seinen Darstellungen von der mykeni- 
schen Zeit her '3). Darum aber von einem 'indogermanischen Gedanken* zu 



') Gesch. des Altert. I 23, 442. 7) Der Rennwagen in Griechenland 18 denkt an 

') Arch. Jahrb. XXVI 1911, 238; daher uns. Abb. 38. ein Maultierpaar. 

3) Perrot-Chipiez Hist. de l'art II 364; darnach «) Athen. Mitt. XXXVII 1912, 139, 2, Tiryns II 
uns. Abb. 39, Furtwängler Samml. Sabour. I 106, i hält die Tiere möglicherweise für kre- 
25, 5. tische Bergziegen. 

4) E. Meyer I 2 3, 442. 9) Reichel Athen. Mitt. XXIV 1909, 95, 97. 

5) Evans Ann. Brit. school XI 1904/05, 13 ■") Prinz Athen. Mitt. XXXV 1910, 1563. 
(darnach unsere Abb. 40), nach Nilsson Götting. ") E. Meyer I 2 3, 442, 455, 757. 

Anz. 1914, 526 ein Zeugnis des Importes nach '») E. Meyer I 2 3, 651 f., 860, 882, 904. Über das 
Kreta; dazu der (unpublizierte) Siegelabdruck Alter des Pferdes im Norden Schnittger Prähist. 
aus Hagia Triada, entstammend der ersten Ztschr. II 1910, 174 ff-, 180, E. Meyer I 2 3, 8:9, 
spätminoischen Periode, mit Gespann vor 822, Helm Altgerm. Religionsgesch. I 206, 82. 
einem Wagen (Rodenwaldt Tiryns II 106). Für die Darstellungen des Pferdes in den prä- 
Pferd auf tönernen Schrifttäf eichen: Mercklin, historischen Höhlen Frankreichs und Spaniens 
Rennwagen 15 ff., Rodenwaldt Athen. Mitt. zur Zeit des Magdal^nien neues Material bei 
XXXVI 191 1, 240, 2, Evans Script. Min. I 42 £f. P. Paris Promen. arch^ol. en Espagne 1910, 21 ff., 
Pferdeknochen inTylisos; Hatzidakis '.Xpy.'Etprjfx. 33, Arch. -Anz. 1912, 427; 1914, 321, Abbe Breuil 
1912, 231. Rev. arch. XIX 1912, 196 f., 211. Für die Zeit- 

6) Wilamowitz Liter. Zentralbl. 1909, 1571, zu- bestimmung E. Meyer I 23, 246 f., 938. 

letzt Rodenwaldt Athen. Mitt. XXXVII 1912, '3) Fragmentierte Fresken aus dem Palast von 

139, i bemerken, dai3 vielmehr göttliche Wesen Mykene 'Etp. 5<p-/. 1887 Taf. XI, ergänzt durch 

dargestellt sind. Rodenwaldt Athen. Mitt. XXXVI 1911, 



L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 255 

Sprechen •), erscheint verfrüht; gleiche Verwendung konnte das Tier in religiöser Be- 
griffsbildung überall finden, wo es heimisch war. So hat, um nur ein Beispiel zu geben, 
das Pferd in der vorbuddhistischen Religion Japans, dem Shinto, einen festen Platz; 
den Göttern werden weiße Pferde geweiht, in den größeren Shintotempeln pflegt ein 
besonderer Raum zu sein, in dem das heilige Pferd gezogen wird, öfters finden sich 
darin lebensgroße hölzerne oder bronzene Pferdefiguren ^). Im Nihongi wird bei 
einem Ereignis kriegerischer Art besonders verzeichnet, daß 'ein Pferd von selbst 
Tag und Nacht um die goldenen Ställe eines buddhistischen Tempels (in Kudara) 
herumlief und bloß beim Grasfressen stille stehen blieb' 3). Auch gab man den toten 
Fürsten Terrakottafiguren eines gesattelten Pferdes mit ins Grab 4) und opferte den 
Toten Tiere, die aus Gurken oder weißen Eierfrüchten gebildet wurden 5), alles 
zum Ersatz für ursprüngliche Tieropfer ^). Man muß also auch hier am Pferd 
Züge entdeckt haben, die es als geeignet erscheinen ließen, mit Göttern und Ver- 
storbenen in Beziehung gesetzt zu werden; welche Ideen im einzelnen damit 
verbunden waren, kann nur auf Grund genauer Kenntnis des Landes und seiner 
religiösen Vorstellungen beantwortet werden. 

Berlin. Ludolf Malten. 

231 ff., 236, von der Akropolis in Mykene ') v. Negelein XI 406. 

a. gl. O. 239 ff., 246, 249. Malereien ausTiryns: ^) Aston Shinto 60 f., E. Schiller Shinto 1911, 50, 
Wagenfries sowie Fragpiente von Gespannen Rathgen Staat und Kultur der Japaner 22. 

und Pferdeköpfe aus dem älteren Palast, Tiryns 3) Nihongi übers, und erkl. von K. Florenz Mitteil. 

11 10 fi., 12, 15, Jagdfries aus dem jüngeren der Deutschen Gesellsch. für Natur- und Völkerk. 
Palast, II 96 ff., 103 ff., 162. Goldring aus dem Ostasiens. Suppl. zu Bd. VI 1897, Buch 26 S. 13. 
4. Schachtgrab in Mykene, beste Abbildung 4) Abbild, bei Rathgen S. 16 Abb. 16. • 

Tiryns II 105; Sardonyx aus Vaphio Mercklin S) Rathgen 22. 

Rennwagen 2, mykenische Grabstelen a. gl. 0. ') Münsterberg Japan. Kunst 4. Für Literaturhin- 

7 ff., Gemmen 11 ff., mykenische Tonmodelle weise bin ich Herrn Dr. E. Walter zu Dank ver- 

12 ff., Vasenbilder 2off. pflichtet. 



Nachtrag zu Seite 221. — Nach Abschluß des Reindrucks gehen dank der Direktion 
des Athener Nationalmuseums durch G. Karos freundliche Vermittelung zwei Photo- 
graphien ein: Abb. 41, die viel genannte, noch unpublizierte Aristionvase (Ephem. arch. 
1838, 130, 18, Conze Grabrel. S. 4, weitere Literatur oben S. 221), und Abb. 42, eine 
neue Aufnahme der Amphora Ant. Denkm. I 47. 

Nachtrag zu Seite 230!. — Die Andeutung der Anthologie ist gegeben auf den 
Reliefs bei Orsi Bollet. d'arte III 1909, 465, 33; 466, 35; daher sind die Darstellungen 
im Typus uns. Abb. 22 und 23 wohl eher als auf die Entführung einer Toten mit Orsi 
und Pagenstecher, Eros und Psyche (Sitzungsber. Heidelb. Akad. 191 1) 15!. auf den Raub 
der Köre zu deuten. 




Abb. 41. Aristionvase im Athener Nationalmuseum (CoUignon-Couve 662). 




Abb. 42. Pferdekopfamphora im Athener Nationalmnseum (CoUignon-Couve 661). 

Berlin. Ludolf Malten. 



Archäologischer Anzeiger 

Beiblatt 
ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts 

1914. I. 



BERICHT ÜBER ARBEITEN IM MU- 
SEUM VON KASSEL. 

Die Kasseler Antikensammlung verdankt 
ihre Entstehung, wie viele andere Museen, 
dem Sammeleifer der Fürsten. Unter 
den Naturalien, Kunstuhren und astronomi- 
schen Instrumenten befanden sich schon im 
XVII. Jahrhundert in der Kunstkammer 
der hessischen Landgrafen einige griechi- 
sche Reliefs und Inschriften, die hessische 
Truppen aus Athen mitgebracht hatten, 
nachdem sie dort im Dienst der Venezianer 
geholfen hatten, den von den Türken als 
Pulvermagazin benutzten Parthenon in die 
Luft zu sprengen (vgl. Ath. Mitt. XXXV 
1910, I ff.). Im Jahre 1700 brachte Land- 
graf Karl aus Italien antike Bronzen und 
Gemmen mit. Wilhelm VIII. erwarb in 
Holland neben den Hauptschätzen der Ge- 
mäldegalerie eine große Antikensammlung, 
die leider hauptsächlich aus Fälschungen 
besteht. Die wichtigsten Antiken erwarb 
der Landgraf Friedrich IL, der Zeitgenosse 
und treue Anhänger Friedrichs des Großen. 
Er hatte einen tätigen Agenten in Frank- 
furt, den Legationsrat Schmidt de Rossau. 
Dieser erwarb nicht nur in Frankfurt und 
auf Reisen den Rhein herauf ganze Privat- 
sammlungen und einzelne Stücke aus dem 
Kunsthandel, sondern grub auch selbst auf 
Kosten des Landgrafen in Heddernheim, 
Praunheim und Nieder-Ursel aus, so daß sich 
ziemlich viel provinzielle Altertümer in 

Archäologischer Anzeiger 1914. 



Kassel befinden. Vor allem aber kaufte 
Friedrich II. im Jahre 1777 in Rom und 
Neapel zahlreiche Bronzen und Skulpturen.' 
Seine Lieferanten waren die berühmtesten 
Kunsthändler der Zeit, Hamilton und 
Jenkins, die selbst Ausgrabungen in Ostia, 
in der Villa Hadrians bei Tivoli, im Albaner- 
gebirge und in der sonstigen Umgebung von 
Rom vornahmen und nebst der Ausbeute 
hieraus auch die Schätze römischer Villen 
ins Ausland verkauften (vgl. Michaelis, 
Ancient Marbles 74 ff.). Nach dem damals 
und schon seit der Renaissance selbstver- 
ständlichen Grundsatz, daß jede Statue voll- 
ständig sein müsse, um Wert zu haben, ließ 
Jenkins das Gefundene mit antiken und 
modernen Bestandteilen ergänzen. Da er 
ein guter Kenner des Altertums war und sich 
des gebildetsten Restaurators der Zeit, 
Cavaceppi, bediente, so waren die antiken 
aufgesetzten Köpfe oft so geschickt gewählt, 
daß es schwer war, zu entscheiden, ob sie 
auch ursprünglich zu der Figur gehörten 
und nur abgebrochen waren oder erst mo- 
dern mit einem fremden Torso verbunden 
worden sind. 

Bei den Kasseler Figuren war das beson- 
ders schwer, weil sie mehrfach restauriert 
worden sind. Sie standen kaum 28 Jahre 
in dem von du Ry erbauten Museum Fri- 
dericianum, da wurden sie 1807 nach Paris 
entführt, um zusammen mit den Schätzen 
aus Berlin, Braunschweig, dem Vatikan, 
dem Kapitol und der Villa Borghese in Rom 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



das Musfe Napolfon zu bereichern. Bevor 
sie dort ausgestellt wurden, wurden sie noch- 
mals geputzt und ausgebessert. Als sie 
dann 1815, teilweise erst 1816 über Berlin 
nach Kassel zurückkamen, mußten wieder 
einige Glieder neu ergänzt und allerlei ge- 
flickt werden. So konnte es kommen, daß 
in der Literatur über Kasseler Antiken mehr- 
fach fremde Köpfe als zugehörig und mo- 
derne Gliedmaßen als antik galten, weil sie 
wieder geflickt waren und den noch neueren 
Ergänzungen gegenüber alte Patina hatten. 

Nach gründlicher Untersuchung sind im 
vorigen Jahr durch den Bildhauer Nüßlein 
die meisten modernen Bestandteile entfernt 
worden. Die Köpfe sind von den ihnen 
fremden Torsen heruntergenommen und in 
richtiger Haltung auf Postamente gesetzt 
worden. Ergänzungen wurden nur vorge- 
nommen, wo sie durch sichere Überlieferung, 
besonders durch besser erhaltene Repliken, 
gerechtfertigt sind. Die Kasseler Antiken - 
Sammlung ist durch diese Arbeiten nicht 
nur an Zahl bereichert worden, da dreiviertel 
der vorhandenen Statuen falsche Köpfe 
trugen, sondern hat auch in künstlerischer 
und wissenschaftlicher Beziehung gewonnen. 
Die Güte mancher der bekannten Stücke 
ist erst durch die richtige Aufstellung klar 
geworden. Andere haben erst nach der Be- 
freiung von modernem Beiwerk bestimmt 
und kunstgeschichtlich eingeordnet werden 
können. 

Die bekannteste Antike von Kassel, 'der 
sogenannte Kasseler Apoll, wurde unter 
dem Papst Innocenz XIII. (1721 — 24) aus 
dem Hause Conti in einem kleinen Tempel 
am Ufer eines Sees, des Lago di Soressa, 
in der Nähe von Terracina, zwischen Neapel 
und Rom, gefunden und stand in Rom im 
Palazzo Conti (Kekule, Ath. Mitt. I 1876, 
1791.). Die Statue ist fast vollständig auf- 
gefunden worden. Es fehlten hauptsächlich 
drei Finger der rechten Hand und das rechte 
Knie. Alles übrige aber war in zahlreiche 
kleine Stücke zerbrochen. Bei der Zu- 
sammensetzung beging der italienische Re- 
staurator des XVIII. Jahrhunderts mehrere 
Fehler. Das fehlende rechte Knie ergänzte 
er zu kurz, so daß die Statue etwas nach 
ihrer rechten Seite überhing, was besonders 
die Wirkung des Kopfes beeinträchtigt, der 



wie horchend etwas auf die Seite gelegt zu 
sein schien. In der Mitte des linken Ober- 
schenkels setzte er nicht fest Bruch auf 
Bruch, sondern schmierte soviel Kitt da- 
zwischen, daß die Verbindung sich wieder 
lockerte. Da zudem an der linken Seite 
ein bei der Morschheit des Marmors zu 
schwaches Eisen eingezogen wurde, so wurde 
nicht nur die Neigung nach rechts begün- 
stigt, sondern es drehte sich auch der ganze 
Oberkörper um die Bruchstelle als Dreh- 
punkt nach rechts hinten. Dadurch wurde 
wieder ein dritter Fehler des Ergänzers ver- 
stärkt. Er hat nämlich die Vorderseite der 
modernen Basis, in die er die antike Plinthe 
einließ, nicht nach der Vorderseite des 
frontal gestellten Rumpfes, sondern nach 
dem nach links gewandten Kopf orientiert. 
Durch die Drehung nach rückwärts wurde 
der Winkel zwischen den Vorderfiächen der 
Basis und des Körpers noch vergrößert. 
So stand die Statue schief, unglücklich 
balancierend und mit falscher Drehung auf 
ihrer Plinthe (Abb. i). 

Mit Sorgfalt und Geschicklichkeit hat 
Nüßlein die Statue an den kritischen Stellen, 
dem rechten Knie und der Mitte des 1. Ober- 
schenkels, nochmals auseinandergenommen. 
Er hat den Kitt entfernt, den Oberkörper 
vorgedreht, genau Bruch auf Bruch gesetzt, 
das rechte Knie in richtiger Länge in Gips 
ergänzt und links ein starkes Eisen einge- 
zogen, um der Gefahr einer neuen Ver- 
schiebung und Senkung vorzubeugen. Die 
moderne Basis wurde soweit als möglich ab- 
gemeißelt, um die Vorderkante in gleiche 
Richtung mit der Vorderfläche der Brust 
zu bringen, doch konnte nicht weit genug 
gegangen werden, so daß noch immer eine 
leichte Divergenz herrscht und die beste An- 
sicht etwas links von der Mitte ist (Abb. 2). 
Erst jetzt kommt der Charakter des Werkes 
richtig zur Geltung: die streng frontale 
Stellung des Rumpfes, die stolze, straff auf- 
gerichtete Haltung mit zurückgenommenen 
Schultern. Vor allem hat der Kopf durch die 
richtige Stellung gewonnen (Abb. 3). Erst 
jetzt erkennt man, welche majestätische Er- 
habenheit, welcher gedankenschwere Ernst, 
welche trotzige Kraft und göttliche Unnah- 
barkeit in ihm ausgedrückt ist. In dem Ge- 
sicht erkennt man eine lebhafte, willensstarke 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 




Abb. I. Kasseler Apull. ^Vhe /u.Taiiiuiciijelzung. 



Abb. 2. Kasseler Apoll. Neue Zusammensetzung. 



Intelligenz. Der Kasseler Apoll wurde früher 
bald dem Pythagoras (Klein, Bulletino com. 
XVIII 1890, 231 ff., Gesch. d. griech. Kunst 
I 402 ff.), bald dem Myron (Furtwängler, 
Meisterwerke 371 ff.) zugewiesen. Man 
glaubte, in der komplizierten Drehung den 
Rhythmus des Pythagoras zu finden. Da 
diese Drehung nur durch den Restaurator 
hereingebracht war, so kann man jetzt die 
feierlich ruhig stehende Figur nicht mehr 
mit dem bewegten Apollon des F. identi- 
fizieren. Gegen Myron spricht vor allem 



der Kopf. Man kann keinen größeren Kon- 
trast zwischen gleichzeitigen Werken denken 
als den durchgeistigten Kopf des Apoll und 
die ruhigen Köpfe des Myron. Unmöglich 
hätte man ' auch im Altertum von dem 
Meister des Kasseler Apoll sagen können, 
er habe die Haare nicht besser gebildet 
quam rudis antiquitas, wie es Plinius 
XXXIV 58 für Myron überliefert. Es gibt 
aus der Mitte des V. Jahrh. kein zweites 
Beispiel einer so originellen, geistreich er- 
dachten und reich ausgeführten Haartracht: 



Bericht Über Arbeiten im Museum von Kassel. 



vier Zöpfe sind am Hinterkopf angeordnet und 
ein wundervoller Lockenkranz umrahmt die 
Stirn. Kürzlich wurde der Apoll dem jungen 
Phidias zugeschrieben (Curtius zu Brunn - 
Bruckmann Taf. 6oi — 3). Gegenüber dessen 
strahlendem, harmonischem, lebensfreudigem 
Schönheitsideal scheint er jedoch ein ganz 
anderes Ideal zu 
repräsentieren. 
Er ist von ern- 
ster, fast abwei- 
sender Schön- 
heit. Er ist in 
den Formen we- 
niger abgerun- 
det, härter als 
Werke des jun- 
gen Phidias. Er 
ist eher das Mei- 
sterwerk eines 
geistig tiefen, 
reifen Meisters, 
der noch mit 
archaischer Ge- 
bundenheit der 
Formen ringt, 
als das Jugend- 
werk eines ge- 
nialen jüngeren 
Künstlers. Wir 
wissen also den 
Namen des Mei- 
sters nicht. Er 
muß aber zu 
den allergrößten 
Künstlern des 
V.Jahrhunderts 
gehört haben. 

Die eigenarti- 
gen Formen des 

Kopfes zeigt noch besser die Wiederholung in 
Florenz (Br.-Br. Taf. 601). Sie beweist, daß 
das Original aus Bronze war, da ihre Arbeit 
sich genau an die Technik dieses Materials 
anschließt. Die Haare mit den herrlichen 
Lockenwellen sind wie ziseliert, die ein- 
zelnen Partien des Gesichts stoßen hart und 
eckig aneinander, Augen und Mund sind 
scharf umrändert. Der Kopist, der der 
augusteischen Epoche angehört, scheint 
das Original Zug für Zug getreu nachgebildet 
zu haben. Bei dieser kühlen Sachlichkeit 




Abb. 3. Kopl des Kasseler Apoll in richtiger Haltung. 



ist aber die Hauptsache verloren gegangen: 
das große Ethos, das der Künstler in seinem 
Werk verkörpert hatte. Der Kopist der 
Kasseler Statue hat dagegen zwar weniger 
genau gearbeitet, aber die Großzügigkeit 
des Werkes nachempfunden. Daher ist die 
Kasseler Statue nicht nur wegen ihrer besten 

Erhaltung die 
wertvollste unter 
allen Repliken. 
An der Kasse- 
ler Statue fehl- 
ten hauptsäch- 
lich nur die drei 
ersten Finger der 
rechten Hand 
und die Attri- 
bute. Über diese 
kann kein Zwei- 
fel bestehen. 
Attische Münzen 
mit Nachbildun- 
gen des Apoll 
zeigen, daß er 
links einen Bo- 
gen, rechtseinen 

Lorbeerzweig 
hielt (Studnicz- 
ka, Kaiamis, 
Abh. Sachs. Ge- 
sellsch. d. Wiss. 
XXV 1907 Nr. 
IV, 66 f. Taf. 90 
u. d). Der Bogen 

kennzeichnet 
den Gott, der die 
Frevler straft, 
der Lorbeer den, 
der die Schul- 
digen entsühnt. 
Die Verbindung dieser beiden Merkmale des 
Apollon ist auch sonst monumental bezeugt 
(vgl. Amelung, Vatikan-Katalog 11 259 f.). 
Wir haben es daher probeweise gewagt, die 
Attribute zu ergänzen (Abb. 4). Für den 
Bogen war das einfach. Sein Mittelstück 
in der linken Hand ist noch vorhanden. 
Ein Dübelloch im 1. Oberschenkel ergab 
seine Länge und bewies zusammen mit 
den Münzen, daß er schräg vorgeneigt 
war. Der vorgeschobene Mittelfinger mußte 
mit einem Pfeil gefüllt werden. Auf 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



10 



Vasenbildern werden bekanntlich öfters 
von derselben Hand Bogen nebst ein oder 
zwei Pfeilen gehalten. Schwieriger war 
die Entscheidung, wie der Lorbeerzweig 
gehalten worden 
ist. Die jetzige 
Stellung nach unten 
scheint noch nicht 
ganz richtig zu sein. 
Bei der Stellung 
nach oben wirkte 
der Zweig aber zu 
aufdringlich, bei 
der nach vorn trat 
er zu stark aus der 
Fläche heraus. Bei 
der jetzigen Lösung 
stört der Zweig 
wenigstens in kei- 
ner Weise die Kom- 
position; doch darf 
sie noch nicht als 
endgültig betrach- 
tet werden. 

Noch nicht end- 
gültig gelöst ist 
auch die Aufgabe, 
die Athena zu er- 
gänzen, die Furt- 
wängler auf die von 
lemnischen Kolo- 
nisten geweihte, 
von Phidias gear- 
beitete Statue auf 
der Akropolis zu- 
rückgeführt hat. 
Bekanntlich sind 
die besten Wieder- 
holungen des Kör- 
pers in Dresden, 
die des Kopfes in 
Bologna. Die Kas- 
seler Replik des 
Torso trug früher 
einen Kopf der sog. 

Athena Giustiniani (Abb. 5 ; vgl. Furt- 
wängler, Meisterwerke 7 f.). Jetzt ist sie 
mit einem Gipsabguß des Bologneser 
Kopfes ergänzt (Abb. 6). Die Verbindung 
wirkt gut, obwohl die Kasseler Figur nicht 
stilgetreu gearbeitet, sondern in einen effekt- 
volleren Stil mit tiefen Unterschneidungen 




Abb. 4. Kasseler Apoll. Rekonstruktionsversuch. 



umgesetzt ist. Der linke Arm mit Speer 
wurde mit Benutzung des Stückes Oberarm 
an der einen und des Finzapflochs für die 
Lanze auf der Basis vor dem linken Fuß 
der anderen Replik 
in Dresden sicher 
richtig ergänzt. 
Dagegen bleibt die 
Ergänzung des 

rechten Arms noch 
ein Problem. Das 
Original hielt nach 
Nachbildungen der 
ganzen Figur auf 
dem Relief aus 
Epidauros (Arndt- 
Amelung Nr. 1256) 
und des Oberkör- 
pers auf Gemmen 
(Furtwängler, Gem- 
men 346 Taf. 
XXXVIII Nr. 34 
—38 XXXIX Nr. 
32) einen Helm auf 
der rechten Hand. 
Dieser ist denn auch 
in Rekonstruktio- 
nen in Straßburg 
(Arch. Anz. XXI 
1906, 323 Abb. 5) 
und in München 
(Bulle, Schönet 
Mensch Taf. 120) 
ergänzt worden. Es 
scheint jedoch, daß 
er hier zu hoch, 
dort zu tief gehal- 
ten wird, da er auf 
den Gemmen ge- 
rade in Schulter- 
höhe steht (vgl. 
Amelung, Österr. 
Jahreshefte XI 
1908, 2071.). Ab- 
gesehen von dieser 
Ungenauigkeit haben wir auch deshalb 
keine der beiden Rekonstruktionen für 
Kassel benutzt, weil es gar nicht ausge- 
macht ist, daß die stark umgearbeitete 
Replik noch das ursprüngliche Attribut 
hatte. Es ist sehr möglich, daß sie an 
Stelle des seltenen Helms die übliche Schale 



II 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



12 




Abb. 5. Torso der »Athcna Lemnia« in Kassel, ergänzt mit Kopf der 
»Athena Giustiniani«. 



oder eine Eule hielt. Zahlreiche Bronze- 
statuetten der Athena haben das eine 
oder andere dieser beiden Attribute in 



der rechten, wenn sie mit der linken Hand 
den Speer aufstützen, dagegen niemals den 
Helm (vgl. Reinach, R6p. de la Stat. II 



13 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



14 




Abb. 6. Torso der »Athena Lemnia« in Kassel, ergänzt mit Gipsabguß 
des Bologneser Kopfes. 



.279, 9 u. 10; 281 f.). Wegen dieser Ungewiß- 
heit ist der rechte Arm des Kasseler Torso 
unergänzt geblieben. 



Auf die Lcmnicrin hatte der Restaurator 
des XVIII. Jahrhunderts eine Wieder- 
holung des Kopfes der sog. Athena Guisti- 



15 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



i6 




Abb. 7. Kopf der »Athena Giustiniani« in Kassel. Abb. S. Kopf der »Athena Hephaistia« in Kassel. 



niani (Helbig3 Nr. 33 u. 782) gesetzt. Erst 
nachdem der Kopf von dem Torso herunter- 
genommen und in richtiger Haltung auf 
einem Postament angebracht worden ist, 
kann man erkennen, daß er die beste Replik 
des Typus ist (Abb. 7). Die Wangen sind 
zwar leicht modern geputzt, aber Haare und 
Augen sind unberührt und zeigen vorzüg- 
liche Arbeit. Das Datum der Statue ist 
bisher umstritten. Arndt (zu E. V. Nr. 226) 
wollte sie in das dritte Viertel des fünften 
Jahrhunderts, Amelung (zu E. V. Nr. 497, 
Vatikan-Kat. I 138 ff.) in die Wende des 
fünften zum vierten, Furtwängler (Meister- 
werke 593 ff.) sogar in das vierte Jahrhundert 
setzen und dem Euphranor zuschreiben. 
Die gute Replik in Kassel entscheidet für 
die letzten Jahrzehnte des fünften Jahr- 
hunderts, da die einfachen großen Formen 



und die strenge Zeichnung der Augen an 
Werke aus der Schule des Phidias erinnern. 

Der Kasseler Kopf trägt auch zur Lösung 
einer anderen Frage bei. Die Wiederho- 
lungen der ganzen Statue zeigen bald über 
dem feingerippten Chiton eine Ägis und 
gleichzeitig eine Sphinx oben auf dem Helm, 
wie die Replik im Vatikan, bald fehlt beides, 
wie bei der Replik im Kapitol. Die Frage 
ist, ob beides Kopistenzutaten sind, oder 
ob beides dem Original angehört und vom 
Kopisten fortgelassen ist. Der gute, stil- 
getreue Kasseler Kopf, dem die Sphinx 
fehlt, scheint für erstereszu entscheiden, was 
auch von vorneherein wahrscheinlicher war. 

Noch ein zweiter Athenakopf war in seiner 
Wirkung durch den Restaurator des XVHI. 
Jahrhunderts beeinträchtigt worden, der 
ihn auf einen minderwertigen Athenatorso 



17 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



aufgesetzt hatte. Schon bei dieser un- 
günstigen Stellung hatte Amelung (Neue 
Jahrb. f. d. klass. Altert. V 1900 I 13 ff. 
Taf. II Abb. 9 — 11) erkannt, daß er die 
beste Wiederholung der sog. Athena 
Hephaistia ist (Abb. 8). Erst jetzt aber 
kommt die Schönheit der jugendlich zarten, 
aber doch festen runden Formen und der 
individuelle Ausdruck des Gesichts zu voller 



Kasseler Kopf kann nicht von einer genauen 
Replik der Statue von Cherchell stammen, 
deren Kopf geradeaus blickte, sondern von 
einer der häufigen Variationen, wo der Kopf 
nach links unten gewandt war, wie in den 
Statuen im Vatikan und in Palazzo Rospi- 
gliosi in Rom. 

Die Kasseler Sammlung ist reich an 
Werken Polyklets. Von dem Doryphoros, 



> 




Abb. 9. Kopf des Diadumcnos von Polyklct in Kassel, richtig aufgestellt. 



V 



Geltung. Die präzise Arbeit läßt engen 
Anschluß an das bronzene Vorbild erkennen. 
Bekanntlich haben Sauer (Theseion 231 ff.) 
und Reisch (Österr. Jahresh. I 1898, 55 ff. 
Fig. 32 — 36 Taf. III) als Original des 
Typus das bronzene Kultbild erkannt, das 
417/16 im Hephaistostempel zu Athen auf- 
gestellt und wahrscheinlich von Alkamenes 
gearbeitet ist. Sie erkannten in dem 
Akanthuskelch, auf den eine Athenastatue 
in Cherchell ihren Schild aufstützt, das für 
jene Statue bezeugte avOsjiov wieder. Der 



dem Kanon des Meisters, ist eine Replik des 
Körpers vorhanden, die bisher den mit zu 
starker Neigung aufgesetzten Kopf einer 
zweiten Replik trug, während sie jetzt mit- 
telst eines Gipsabgusses der vollständigen 
Wiederholung in Neapel ergänzt ist. Von 
dem zweiten Hauptwerk, dem Diadumcnos, 
ist die bekannte schöne Kopie des Kopfes 
vorhanden (Brunn-Br. Taf. 340). Er saß 
bisher mit falscher Wendung auf einer mo- 
dernen Büste. Nachdem er von dieser be- 
freit und in genau gleicher Haltung wie er 



«9 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



20 





Abb. lo. »Faustkämpfer« des Polyklet in Kassel. 
Seitenansicht. 



Abb. II. Torso des »Faustkämpfers« 
Abb. lo. 



auf der Statue saß, aufgestellt worden ist, 
kommen die Vorzüge wie die Fehler der Arbeit 
erst richtig zum Vorschein (Abb. 9). Die Vor- 
züge bestehen in der frischen und geistvollen 
Ausführung, in der lockeren Behandlung der 
Haare, in der reichen Modellierung aller 
Formen, in der Beseelung der Züge. Dies 
alles zeigt der Diadumenos im Gegensatz 
zu dem schlichteren Kopf des Doryphoros, 
weil Polyklet in seinen späteren Jahren unter 
attischem Einfluß stand. Der Fehler des 
Kasseler Kopfes besteht in der zu großen 



Betonung dieses Einflusses, in einer etwas 
zu großen Weichheit in Formen und Aus- 
druck, weil sich der Kopist nicht genau an 
das bronzene Original anschloß, sondern das 
Werk in den Marmorstil umsetzte. Der 
Charakter des Kopfes muß wegen der Mi- 
schung von echt polykletisch-argivischen 
mit attischen Zügen schwer zu fassen ge- 
wesen zu sein, da der Ausdruck der vielen 
erhaltenen Kopien ganz verschieden ist. 
Bald ist er dem Doryphoros mehr oder 
weniger ähnlich, bald mehr oder weniger 



21 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



22 



attisch. Der Kasseler Kopf gehört zu den 
attischsten zusammen mit der Wiederholung 
der ganzen Figur in Madrid (Mon. Piot IV 
PI. VIII— IX). Diese ist ebenfalls von 
ästhetischem Standpunkt aus die schönste 
Replik des Diadumenos, während man ihren 



Cavaceppi war. Der rechte Arm ist tat- 
sächlich älter als der linke, aber nur um 
höchstens 50 Jahre, d. h. die Arme wurden 
ursprünglich in Rom ergänzt, und in Paris 
oder Kassel wurde dann der abgebrochene 
linke Arm durch einen neuen ersetzt. Der 




Abb. 12. Kopf des »Westmacottschen Epheben«, früher auf dem »Faustkämpfer« Abb. 10 f. 



Wert für die Kenntnis des Originals nicht 
ebenso hoch anschlagen darf. 

Furtwängler hat in den Meisterwerken 
(446 f. Fig. 69) eine Statue aus Kassel als die 
eines Faustkämpfers von Polyklet abgebildet 
(Abb. 10). Er hielt Kopf und Körper für zu- 
sammengehörig, den rechten Arm für antik, 
und glaubte eine Replik der Figur in Lands- 
down House gefunden zu haben. Furt- 
wängler ist durch den Erhaltungszustand 
und die Geschicklichkeit des Restaurators 
getauscht worden, der in diesem Fall sicher 



Beweis für den modernen Ursprung der 
Arme ist die unantike Form des Caestus. 
Diese findet sich nicht nur an der vermeint- 
lichen Replik wieder, sondern noch an einer 
zweiten Faustkämpferstatue mit anderem 
Bewegungsmotiv in Landsdown House, die 
nachweisbar von Cavaceppi ergänzt ist 
(Michaelis Nr. 36. Reinach, Rep. de la 
Stat. I 521,7). Denkt man an den 
Diadumenos, so muß es auffallen, wie 
stark die Arme nach vorn und hinten 
heraustreten, während Polyklet sich sonst 



23 



Bericht Über Arbeiten im Museum von Kassel. 



24 




Abb. 13. Öleingießer in Kassel, ergänzt mit Kopf 
des »Narkissos«. 

bemüht, die Glieder möglichst in eine 
Fläche zu legen. Daß Kopf und Körper 
nicht zusammen gehören, beweist einmal 
die Verschiedenheit des Marmors, dann der 
Umstand, daß der Kopf zu einem ganz anderen 
statuarischen Typus gehört. Allerdings hat 
der Restaurator sehr geschickt sein Pasticcio 
aus zwei wirklich polykletisch'en Elementen 



Abb. 14. Torso des Öieingießcrs 
Abb. 13. 

aufgebaut. Der Körper (Abb. 11) erscheint 
auf den ersten Blick dem Diadumenos so 
nahe verwandt, daß man geneigt ist, ihn für 
dessen Replik zu halten (vgl. Ath. Mitt. 
XXXIV 1910, 374f.). Die Arme waren 
ähnlich erhoben wie dort. Die Körperformen 
sind aber weicher, jünger. Es ist ein Knaben- 
sieger, der dem Diadumenos wie einem älteren 



25 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel, 



26 




Abb. 15. Praxitelischer Knabe in Kassel, 
ergänzt mit Satyrkopf. 



Abb. 16. Torso des Knaben Abb. 15. 



Bruder nahesteht. Er kann als Illustration 
des von Plinius (XXXIV 56) überlieferten 
Urteils des Varro dienen, daß Polyklet 
alle seine Statuen paene ad ununi exem- 



plum, fast nach einem Schema, gebildet 
habe. 

Der Kopf (Abb. 12) stammt von einer 
anderen Knabenstatiie Polyklets. Er ist stark 



27 



Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel. 



28 



mit Säure geputzt, doch sind die echt poly- 
kletischen Hauptzüge klar erkennbar. Es 
ist ein Werk, das dem Doryphoros näher 
■ steht als dem Diadumenos. Der Kopf mit 
kurzen anliegenden Haaren ist nach rechts 
geneigt. Über dem rechten Ohr ist eine 
unausgearbeitete Stelle. Hier näherte sich 
die Hand dem Kopf, wie Repliken der ganzen 
Statue zeigen, von denen die beste der sog. 



ebenso stilgetreu polykletisch wie die vor- 
zügliche Replik im British Museum. 

Ein ähnliches, geschickt gearbeitetes Pa- 
sticcio bietet der Knabe, der aus einem Ary- 
ballos Öl auf seinen Körper träufelt (Abb. 13; 
vgl. Furtwängler, Meisterwerke 468 Anm. i). 
Die linke Hand fängt die Tropfen auf, um sie 
in die Haut einzureiben. Das Motiv ist be- 
kanntlich in den letzten Jahrzehnten des 




Abb. 17. Satyrkopf, früher auf dem Torso Abb. 15 f. 



Westmacottsche Athlet ist (Br.-Br. Taf.46). 
Auch die ganze Statue erinnert an den 
Doryphoros mit ihrer echt polykletischen 
Schrittstellung. Es ist noch strittig, ob die 
rechte Hand mit einem Kranz oder einer 
Strigilis sich dem Kopf näherte. Die Statue 
wird mit der Siegerstatue des Kyniskos 
identifiziert, die in Olympia stand. Merk- 
würdigerweise gibt es Wiederholungen, die 
ganz in attischen Stil umgesetzt sind (vgl. 
Furtwängler, Meisterwerke 452 ff. Fig. 72 
bis 75. Mahler, Polyklet 44 ff. Fig. 10 u. 11. 
Bulle, Schöner Mensch 104 Taf. 51. HelbigS 
Nr. 1083). Der Kasseler Kopf ist aber 



fünften Jahrhunderts sehr beliebt gewesen 
und sowohl von Polyklet als von attischen 
Meistern verwandt worden. Die Kasseler 
Figur erinnert am meisten an den poly- 
kletischen Öleingießer in Petworth (Furtw. 
465 Fig. TT. Bulle, Schöner Mensch 108 f. 
Abb. 19) und tut es noch mehr, nachdem 
der ergänzte rechte Arm entfernt ist (Abb. 14), 
der zu sehr nach vorn kam, anstatt in einer 
Fläche mit der Schulter über dieser zu liegen. 
Der Torso trug wieder den Kopf eines 
anderen, wenn auch fast gleichzeitigen 
statuarischen Typus. Furtwängler (a. a. O. 
483 Anm. 3q) hatte schon erkannt, daß 



29 



Bericht Über Arbeiten im Museum von Kassel. 



30 




Abb. 18. Torso der »Dresdener« Artemis, 
falsch ergänzt. 



Abb. 19. Torso der »Dresdener« Artemis, 
richtig ergänzt. 



der Kopf eine gute Replik des soge- 
nannten Narkissus ist. Auch hier kommt 
der Charakter erst bei richtiger Stellung, 
also in diesem Falle starker Drehung, Nei- 
gung und Senkung zur linken Schulter zur 
Geltung. Der Kopf ist ganz für diese eine 
Ansicht gearbeitet, z. B. ist das linke, in 
dieser Haltung kaum sichtbare Ohr nur 
abpzziert. Der Kopf läßt gut die Mischung 
attischer und polykletischer Elemente er- 
kennen, die sich im letzten Viertel des 
fünften Jahrhunderts vollzogen hat. Die 



kantige Kopfform ist polykletisch, das zarte 
Gesicht und die schwermütige Stimmung 
sind attisch. Diese Mischung ist durchaus 
nicht in allen Repliken erkennbar, sondern 
wie beim Diadumenos sind sie bald poly- 
kletisch-argivisch, bald attisch stilisiert. 

Der Kasseler Kopf stimmt völlig mit der 
besten und stilgetreusten Wiederholung im 
Louvre überein (Mon. Piot I 115 ff. PI. 
XVIII). Auch die ganze Statue zeigt die 
Stilmischung. Die Füße haben polykle- 
tische Schrittstellung. Die linke Hand 



3» 



Tbeseus und Prokmstes. 



32 



stützt sich auf einen Pfeiler wie bei der 
Amazone Polyklets, aber das kräftigere Auf- 
stützen, die Art wie die rechte Hand unge- 
zwungen im Rücken hegt und die starke 
Neigung des Kopfes, die tiefe Schwermut 
ausdrückt, weisen auf eine jüngere Zeit. 

Eine andere Statue ist aus jüngeren Ele- 
menten zusammengesetzt (Abb. 15). Der 
Restaurator hat aus einem zarten Knaben- 
torso (Abb. 16) und aus einem für diesen 
etwas zu großen Satyrkopf (Abb. 17) mit 
modernen Gliedmaßen ein Werk komponiert, 
das inhaltlich etwa an den auf Praxiteles 
zurückgeführten ausruhenden Satyr erinnert. 

Der Torso hat nun allerdings praxitelische 
weiche Formen. Die beiden Körperseiten 
sind stark differenziert. Die rechte Seite ist 
zusammengeschoben, weil die Hüfte aus- 
gebogen ist und der rechte Arm herabhängt. 
Dagegen ist die linke Seite ausgedehnt, 
weil das Bein völlig entlastet und die linke 
Schulter emporgehoben ist. Der Körper 
neigt nach links herüber, also war wahr- 
scheinlich der linke Ellbogen aufgestützt. 
Der Rhythmus erinnert stark an den 
Apollon Sauroktonos. Wahrscheinlich ist 
auch ein jugendlicher Apollon, vielleicht 
Ganymcd, dargestellt, aber keineswegs ein 
Satyr, zu dem ihn nur der Restaurator durch 
den fremden Kopf und ein modernes 
Schwänzchen gemacht hatte. 

Der Kopf paßte nicht nur deshalb schlecht 
auf die Statue, weil er zu groß war. Er muß 
von einem später entstandenen und lebhaft 
bewegten Werk stammen. Er war nach 
links gedreht und geneigt, während der 
Blick aus den etwas schief gestellten Augen 
nach links oben geht und der Mund zu einem 
leisen Lächeln geöffnet ist. Die krausen 
wirren Löckchen starren widerspenstig über 
der Stirn empor. Aus diesem Charakter 
kann man auf eine in hellenistischer Zeit 
geschaffene komplizierte Satyrstatue schlie- 
ßen, die ganz anders ausgesehen haben muß 
als die vornehmen, verträumten Gestalten 
des Praxiteles. 

An zwei Kopien nach demselben Werk 
des Praxiteles kann man den Unterschied 
zwischen einer Ergänzung des XVHI. Jahrh. 
und einer modernen zeigen. In Kassel sind 
im ganzen drei Wiederholungen der lang- 
gewandeten Artemis, die nach der einzigen 



mit Kopf erhaltenen Replik die Dresdener 
genannt wird. Der eine Torso (Abb. 18) 
trägt einen antiken, aber fremden und 
übel zugerichteten Kopf. Die r. Hand 
hängt mit einem Kranz herab, die 1. ist 
mit nichtssagender Pose emporgestreckt. 
An dem zweiten Torso (Abb. 19) haben 
wir dagegen Kopf mit oberem Teil der 
Brust und die Arme vermittelst eines 
Gipsabgusses von der Dresdener Figur er- 
gänzt und so gewissermaßen eine Rekon- 
struktion der schönen Figur gegeben, die 
im 1. Arm den Bogen hielt und mit der 
Rechten nach einem Pfeil im Köcher griff. 
An der dritten Kopie sind alle wesentlichen 
Ergänzungen entfernt. 

Die wenigen Proben aus der Kasseler 
Sammlung genügen wohl, um zu zeigen, 
wie die Antiken durch Befreiung von mo- 
dernen Zutaten an Wert gewinnen können. 



Rom. 



Margarete Bieber. 



THESEUS UND PROKRUSTES. 

Für Roschers Mythologisches Lexikon mich 
befassend mit Skiron, stieß ich auch auf die 
Darstellung eines schwarzfigurigen S k y p h o s 
der Kaiserl. Ermitage zu St. Petersburg 
(Nr. 116), die seinerzeit Ludolf Stephani im 
Compte-rendu de la Commission imp. arch. 
pour l'ann^e 1866 S. 155 in natürlicher 
Größe als Vignette publiziert und S. 177 f. 
auf Theseus und Skiron gedeutet hat (dar- 
nach auch S. Reinach, Rep. des vases I 55, 6 
und unsere Abb. i). Da Stephani bloß eine 
in stilistischer Hinsicht ungenügende Umriß- 
Zeichnung geboten, bei der z. B. übersehen 
ward das braune, auf der rechten Seite des 
Unterliegenden herabfließende Blut, wandte 
ich mich nach Petersburg an Dr. Oskar 
Waldhauer, und dieser hatte denn auch 
die Güte, mir nebst ein paar begleitenden 
Bemerkungen eine Photographie des kleinen 
Gefäßes zur Verfügung zu stellen, die bei- 
stehend wiedergegeben ist (Abb. 2). Der 
doppelhenklige Napf, mit der Campanaschen 
Sammlung in die Kaiserl. Ermitage gelangt, 
ist aus Stücken zusammengesetzt, doch 



33 



Theseus und Prokrustes. 



34 




Abb. I. Theseus und Prokrustes auf dem sf. Skyphos der Kaiserl. Ermitage zu St. Petersburg Nr. 116. 

Nach C.-R. de St. Petersb. 1866 S. 155. 




Abb. 2. Theseus und Prokrustes auf dem sf. Skyphos der Kaiserl. Ermitage zu St. Petersburg Nr. 116. 

Nach Photogr. 
Archäologischer Anzeiger 1914. 2 



35 



Theseus und Prokrustes. 



36 



ist nichts ergänzt'); er mißt in der Höhe 
0,1 m, im Durchmesser 0,18 m. Die Figuren 
sind im allgemeinen schwarz gehalten auf 
rotem Grund, die innern Linien zum Teil 
eingeritzt. Dieselbe Darstellung wiederholt 
sich auf Vorder- und Rückseite: »beide 
Seiten entsprechen sich so vollkommen, daß 
nur an ganz kleinen Ornamenten am Gewand 
der Athena Unterschiede festgestellt werden 
können« ■). Im Beisein der Athena über- 
wältigt der attische Nationalheros einen 



durch die Konturierung, die überall in dem 
Bilde für die Haarpartien eine besondere 
ist. Lebhaft rechtshin ausschreitend, hat 
Theseus mit der Linken den Gegner an der 
rechten Schulter gepackt, in der gesenkten 
Rechten schwingt er den Hammer (links 
hinter Theseus sieht man noch seine Chlamys 
und sein mit weißem Band versehenes 
Schwert). Auch der bärtige Gegner hat das 
Haupthaar umwunden von einer braunen 
Binde, im übrigen ist er ein völlig nackter 




Abb. 3. Theseus und Prokrustes auf der rf. »Tricoupi-Kylix« (Athen. Privatbesitz). 
Nach Joum. of hell. Stud. X 1889 pl. 1. 



seiner Gegner. Theseus links ist angetan 
mit ganz kurzem gegürtetem Chiton (mit 
Ärmeln bis zu den Ellbogen), von dessen 
weißer Farbe sich braunrote Streifen, Tupfen 
und Kreuzchen abheben, im Haar trägt er 
ein braunes Band. Es hat den Anschein, 
als sei er bärtig, und auch Dr. Waldhauer 
schreibt, Theseus sei offenbar bärtig gedacht, 
freilich am Bart keine Spur von Rot zu 
bemerken — keine Spur von Rot: somit 
ist Theseus doch wohl jugendlich u n - 
bärtig gegeben, was auch zur Evidenz 
hervorgehen dürfte aus der Vergleichung 
einerseits mit der Athena rechts, die gleicher- 
maßen ein nach unten verlängertes Kinn 
aufweist, und mit dem Gegner anderseits, 
dessen Bart deutlich genug herausgehoben 
ist durch den Farbauftrag sowohl wie auch 

■ ') Nach brieflicher Mitteilg. von Dr. O. Wald- 
hauer. 



Riese, tief ins rechte Knie gesunken, im 
alten Knielaufschema rechtshin gegeben, 
dabei aber die Brust von vorn und der Kopf 
dem Theseus zugewendet, direkt im Profil 
nach links. Mit der Linken umklammert 
er den Felsen im Hintergrund, die Rechte 
hat er gegen Theseus ausgestreckt, die 
gespreizten Finger dessen Gürtel nähernd. 
Bereits weist er an der rechten Seite eine 
Wunde auf, der das Blut entströmt. Von 
rechts tritt Athena herzu mit vorgestreckter 
rechter Hand (mit braunen Spangen am 
Gelenk). Die sichtbaren nackten Teile des 
Körpers haben weiße, die Haare braune 
Farbe. Die Göttin trägt auf dem Kopf den 
attischen Helm, dessen Busch weiß ist; 
sie ist bekleidet mit Chiton und Himation, 
dieses reich verziert mit braunen Streifen 
und weißen Blumen; auf ihrer Brust sieht 
man einen Teil der schuppigen Aigis, doch 



37 



Theseus und Prokrustes. 



38 



kein Gorgoneion. Endlich erhebt sich im 
Hintergrund, zwischen der Göttin und dem 
Riesen, der weiße Fels, an dem sich dieser 
festhält, und den Felsen überragt noch ein 
schwarzer Baum, dessen stilisierte Ranken 
die ganze Bildfläche überspinnen. Der 
Darstellung nun dieses schwarzfigurigen 
Petersburger Skyphos, in welchem Paul 
Wolters ein »ganz spätes, der rotfigurigen 
Technik schon gleichzeitiges Produkt« 
sehen möchte '), stellt sich direkt an die 
Seite ein wirklich rotfiguriges Vasenbild, 
die eine Darstellung der »Tricoupi-Kylix«, 
die Jane E. Harrison aus athenischem 
Privatbesitz veröffentlicht hat, Journ. of 
hell. stud. X 1889, 231 ff. z. pl. I (darnach 
unsere Abb. 3). Es fehlt hier Athena, es 
fehlt auch der Baum hinter dem Felsen und 
das den Hintergrund füllende Gerank; aber 
im allgemeinen wie auch bis auf Einzelheiten 
ist das Abenteuer in entsprechender Weise 
erzählt. Von links nach rechts sieht man 
zunächst Chlamys und Wehrgehänge (hier 
deutlich aufgehängt gedacht), weiter, wie der 
(hier entschieden jugendlich gebildete) Heros, 
diesmal nackt, aber wieder die L. vor- 
gestreckt, die R. zurückgehalten und gesenkt 
mit Doppelaxt, eindringt auf den vor ihm 
flüchtenden nackten Riesen, der wieder mit 
der Linken an den aufragenden Fels sich 
klammert, die Rechte dagegen wie ab- 
wehrend zurückstreckt gegen Theseus, dem 
er auch sein bärtig Antlitz zuwendet. Und 
selbst in Einzelheiten herrscht Überein- 
stimmung, sind beim Jüngern Bild Anklänge 
an das andere: wieder bemerkt man im 
Haupthaar der beiden Gegner die rote Binde 
und auch hier unterhalb der rechten Brust 
die blutüberströmte Wunde. Jedenfalls 
ist beidemal dem Theseus derselbe Gegner 
gegenübergestellt — wer ist es ? Skiron oder 
Prokrustes.''*) Während Stephani a. a. O. 
S. 178 auf Skiron deutete und meinte, dies 
Gemälde liefere den Beweis, daß man 
keineswegs, wie bisher geschehen (er zitiert 
Gerhard, Auserles. Vasenb. IH 33 — 36) 
den von Theseus mit dem Doppelbeil be- 

■) Vgl. P. Wolters, Sitzungsberichte d. philos.- 
phil. u. d. histor. Klasse d. K. B. Akad. d. VViss. z. 
München 1907 S. 117. 

') Ob sich der Maler selbst darüber klar war.' 



kämpften Gegner stets für Prokrustes zu 
halten habe, vertritt neuerdings Wolters a. 
a. 0. S. 116, 4 den Standpunkt, der Hammer 
in der Hand des Theseus entscheide für 
Prokrustes. Und dasselbe Schwanken in der 
Deutung wiederholt sich bei der »Tricoupi- 
Kylix«: dachte Jane Harrison zunächst an 
Kerkyon als Gegner des Theseus (Class, Rev. 
H 1888, 234 f.), so ließ dann (s. Journ. of 
hell. stud. a. a. 0. S. 232) der irsXsxu? 
sie sich entscheiden für Prokrustes, wogegen 
man hinwieder nach Konrad Wernicke (in 
diesem Jahrb. VH 1892, 213 A.) das Bild 
ebensogut wie auf Prokrustes auch auf 
Skiron beziehen könnte... Nach all dem 
Gesagten kehren wir zurück zur Darlegung 
von Eduard Gerhard, der seinerzeit den 
Hammer (bzw. die Axt) hingestellt hat als 
des Theseus Waffe, die in erster Linie das 
Abenteuer mit Prokrustes charakterisiert, 
vgl. a. a. O. S. 33 ff. und A. 9 f. 16. 
Nach Gerhard ist — und vielleicht hat er 
recht — als Prokrustes zu bezeichnen »der mit 
dem Hammer als seiner eigenen gemiß- 
brauchten Waffe bedrohte Mann«, und zwar 
ist es der Hammer, der die auf einen Ambos 
gelegten Unglücklichen den Maßen des 
Prokrustischen Bettes anpassen sollte (»in- 
cudibus suppositis extendebat eum, usque 
dum lecti longitudinem aequaret«, heißt 
es bei Hyg. fab. 38 p. 68, 19 f. Seh.), vgl. 
Gerhard a. a. 0. S. 35, oder — fügen wir 
bei — es ist die Doppelaxt, mit welcher der 
Unhold jeweilen seine zu länglich gewach- 
senen Opfer kürzte (praecidebat). Nach dem 
Prinzip aber, daß die Bestrafung stets in 
dem Sinne erfolgt, wie sich der Bösewicht 
vordem vergangen, und mit dem Gerät, 
dessen er sich dabei zu bedienen pflegte, 
wird Skiron nicht erschlagen von Theseus, 
sondern vom Felsen gestürzt, oder, wenn 
Theseus gegen Skiron eine Waffe gebraucht, 
so ist es nicht der Hammer oder die Axt, 
sondern es ist das Skiron zugehörige Wasch- 
becken, mit dem ihm Theseus den Schädel 
zertrümmern will, und das Waschbecken 
und die Schildkröte sind besondere Merk- 
male zur Charakterisierung der Skiron- 
Darstellung. 



Zürich. 



Otto Waser. 



39 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Dezember-Sitzung 1913. 



40 



ARCHÄOLOGISCHE GESELLSCHAFT 
ZU BERLIN. 

Sitzung vom 9. Dezember 1913. 
73. Winckelmannsfest. 

Das diesjährige, 73. Winckelmanns-Pro- 
gramm ist von Herrn Theodor Wie- 
gan d verfaßt und handelt über die «Bronze- 
figur einer Spinnerin im Antiquarium der 
Königlichen Museen«. 

Da der Vorsitzende, Herr G. Loeschcke, 
durch Krankheit leider am Erscheinen ver- 
hindert war, leitete Herr H. D r a g e n - 
d o r f f die Festsitzung, die in gewohnter 
Weise im großen Festsaale des Architekten- 
hauses stattfand, und begrüßte die zahlreich 
erschienenen Mitglieder und Gäste. Eine 
besondere Auszeichnung war der Sitzung 
dadurch gegeben, daß der im Mai 1913 ge- 
machte große Goldfund von Ebers- 
walde, über den Herr C. Schuchhardt 
vortrug, von Sr. Maj. dem Kaiser, dem jetzi- 
gen Besitzer, der Gesellschaft für den Abend 
gnädigst zur Verfügung gestellt war. Der 
prächtige Schatz war in einer Glasvitrine 
ausgestellt und dadurch zum ersten Male 
einem größeren Kreise im Original zugäng- 
lich gemacht. 

Wenige Wochen nur trennten denWinckel- 
mannstag von dem 60. Geburtstage W i 1 - 
helmDörpfelds, dessen von Schülern 
und Fachgenossen gestiftete Büste in der 
Winckelmannssitzung des Institutes in 
Athen enthüllt werden sollte. Herr 
Dragendorff gedachte der bahnbrechenden 
langjährigen Wirksamkeit Dörpfelds, in dem 
die Archäologie einen ihrer Pfadfinder aner- 
kennt, den Begründer der modernen wissen- 
schaftlichen Architekturforschung, den gro- 
ßen Lehrmeister der Grabungstechnik, als 
dessen Schüler sich direkt oder indirekt alle 
bekennen müssen, ob sie iri Griechenland 
oder in Germanien den Spaten ansetzen. 
Olympia, Tiryns, Troia, um nur einiges her- 
vorzuheben, sind Marksteine in der Ge- 
schichte unserer Wissenschaft, und sie alle 
sind aufs engste mit dem Namen Wilhelm 
Dörpfelds verbunden. 

Der Redner gedachte sodann der sieg- 
reichen Kriege Griechenlands. Was diese 
Expansion Griechenlands für die .Archäo- 



logie bedeutet, kann ebenfalls in wenigen 
Namen angedeutet werden: Kreta, Mace- 
donien, vor allem Dodona sind heute grie- 
chisch. Voll Dankes für die Liberalität der 
griechischen Regierung, die sich auch hier 
wieder, wie stets, bewährt hat, teilte der Redner 
mit, daß die Erforschung D o d o n a s dem 
deutschen Archäologischen Institut über- 
lassen sei. Damit fällt deutscher Forschung 
eine der vornehmsten Aufgaben, die der 
Archäologie auf griechischem Boden gestellt 
sind, zu. Es gilt zu zeigen, daß das Ver- 
trauen, das die griechischen Kollegen deut- 
scher Wissenschaft mit dieser Zuweisung 
bezeugt haben, gerechtfertigt ist. Das 
letzte noch fast unberührte panhellenische 
Heiligtum, eine griechische Kulturinsel im 
Norden, einen Platz, dessen Erforschung 
durch alle Jahrhunderte des Altertums 
führen muß, gilt es aufzudecken. Eine 
Riesenaufgabe, zu deren Bewältigung es alle 
Kräfte, geistige und materielle, anzuspannen 
gilt, damit einst neben der Erforschung von 
Olympia ebenbürtig die Erforschung von 
Dodona steht und im Kranze deutscher 
archäologischer Wissenschaft neben dem 
Ölzweig von Olympia das Eichengrün von 
Dodona nicht fehle. 

Sodann sprach Herr C. Schuchhardt 
an der Hand von Lichtbildern und unter Hin- 
weis auf die im Saal ausgestellten Originale 
über den »Goldfund von Ebers- 
wald e«. Da seine umfassende Publikation 
des Fundes schon binnen kurzem erscheinen 
wird, soll hier über den Vortrag nur kurz be- 
richtet werden. Der Fund besteht aus 8 
Goldschalen, mehreren dicken Hals- und 
Armringen, einer großen Menge dünner 
Spiralringe aus Doppeldraht, die teils wohl- 
crhalten, teils als verbraucht zu Draht- 
bündeln zusammengewickelt sind, und meh- 
reren Stücken Rohmaterials, besonders einem 
ganzen Barren. Die Goldgefäße zeigen Hall- 
stattstil und datieren den ganzen Fund in 
das 7. oder 8. Jh. v. Chr. Sie sind Trink- 
schalen, das beweisen die vielen verwandten 
Formen aus Ton oder Bronze jener Zeit, wie 
auch die ganz ähnlichen Gefäße, die eine 
hettitische Königin im 8. Jh. (Stele von 
Sendschirli) und noch weit später Gestalten 
auf griechischen Vasenbildern im Begriff 
sind, zum Munde zu führen. Die vielen 



41 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Dezember-Sitzung 191 3. 



42 



Drahtspiralen werden am ehesten als Haar- 
halter anzusprechen sein. Der Fund enthält 
also lauter Gegenstände profanen Gebrauchs. 
In der unmittelbaren Nachbarschaft der 
Fundstelle sind auch früher schon mehrfache 
Anzeichen einer reichen Siedlung zutage 
getreten. Somit werden wir nach Analogie 
der ähnlich zusammengesetzten Edelmetall- 
funde von Troja, von Vettersfelde, von 
Hildesheim, in den Goldsachen den Haus- 
schatz einer hochstehenden Persönlichkeit, 
eines Fürsten, zu erkennen haben, und 
zwar der Semnonen, die in diese Gegend 
gehören und nach Tacitus der älteste und 
edelste Stamm unter den Suebenvölkern 
waren. 

Zum Schluß trug Herr A. Bru eckner, 
ebenfalls unter Vorführung von Lichtbildern, 
über »Neue Kerameikos-Gra- 
b u n g e n« vor. Durch das Entgegenkom- 
men des Kgl. griechischen Kultusministeri- 
ums ist die Vollendung der Ausgrabungen 
im athenischen Kerameikos seit dem Juli 
19 13 dem Deutschen Archäologischen In- 
stitute überlassen. Der Vortragende, der in 
diesem Sommer zur Fortführung früherer 
Arbeiten durch die private Initiative eines 
heimischen Förderers der Sache angeregt 
und, auch in den Kriegszeiten, von den grie- 
chischen Behörden unterstützt worden ist, 
berichtete, was dort bisher erreicht und was 
sich weiter zu verfolgen empfiehlt. 

Da, wo im Altertum die große Fahrstraße 
vom Piräus mit der heiligen Straße von 
Eleusis und drittens von der Akademie her 
die von den Staatsgräbern des Kerameikos 
gesäumte Straße in das Haupttor der Stadt 
einmündeten, hat die griechische Regierung 
ein Gebiet von etwa 45 000 qm seit Jahr- 
zehnten expropriiert. Ein Drittel dieses Ge- 
bietes ist noch völlig unerforscht. Von den 
übrigen zwei Dritteln haben die Arbeiten 
der Hetairia Archaiologike in den 60er und 
70er Jahren zwar die hohe Verschüttung ent- 
fernt und dadurch eine Gräberstraße und 
Reste der Stadtmauer festgestellt; das waren 
Funde, die für die Topographie der Stadt 
eine Grundlage geschaffen und für die An- 
schauung athenischer Grabmalkunst Epoche 
gemacht haben, aber doch Funde, die sich an 
der Oberfläche hielten. Denn die eigentliche 



Untersuchung des alten Erdbodens war dabei 
kaum angefaßt worden; es war eben noch 
die Zeit, um bei Athen zu bleiben, bevor 
P. Kavvadias es in den 80er Jahren unter- 
nommen hat, der Akropolis auf den Grund 
zu gehen. Daher darf man mutatis mutandis 
sagen: unten im Kerameikos ist noch die- 
selbe Arbeit zu leisten, die oben auf der Burg 
nun abgeschlossen ist. Beweis dafür sind an 
der Stadtmauer die reichen Ergebnisse 
F. Noacks, welche 1906 über das Werk des 
Themistokles an ihr zu klarer Anschauung 
führten, und innerhalb des Gräberfeldes die 
Ausräumung seiner Hauptstraße, welche 
1909/10 im Auftrage der Hetairia Archaio- 
logike durch den Vortr. geschehen ist. Noch 
steht an der Stadtmauer wie im Gräberfelde 
die Vollendung der Arbeiten aus. 

Auf ein drittes Problem, die Wasseran- 
lagen vor dem Tore, ging der Vortr. näher 
ein. Neuere Nachgrabungen haben ein 
Kanalsystem aufgedeckt , das dicht vor 
der Stadtmauer am linken Ufer des heute 
verschütteten Eridanos- Baches seinen An- 
fang nimmt und von der Epoche des The- 
mistokles an bis in spätrömische Zeit das 
Wasser des Baches in 4 bis 5, mit der Auf- 
höhung des Bachbettes immer erneuerte 
Kanäle leitete und auf die Gärten und Felder 
des Vorgcländes verteilte. Die Verfolgung 
der Kanäle brachte mannigfaltige Einzel- 
funde namentlich von Skulpturen, die da- 
hinein, teils vom Gräberfelde, teils aus um- 
liegenden Heiligtümern stammend, im späten 
Altertum verbaut worden sind; als Schutt 
vom nahen Markte der Stadt fanden sich 
über 40 mit Namen athenischer Politiker 
bekritzelte Tonscherben von einem Scher- 
bengerichte aus der Zeit des peloponnesischen 
Krieges. 

Zum Schluß führte der Vortr. durch die 
Gräberstraße. An ihr hat die begonnene 
Untersuchung gelehrt, daß das Gräberfeld, 
in seiner Benutzung bis ins 7. vorchristliche 
Jahrhundert zurückreichend und durch Auf- 
schüttung immer aufs neue benutzbar ge- 
macht, die alten Gräber bis heute unberührt 
bewahrt hat, so daß es zusammen mit den 
übrigen Problemen, welche diese bedeu- 
tungsvolle Stelle birgt, ein reiches Material 
künftiger deutscher Erforschung bietet. 



43 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Januar-Sitzung 1914. 



44 



Sitzung vom 6. J anuar 1914. 

Den Vorsitz führte Herr G. L o e s c h c k e , 
der die außerordentlich stark besuchte 
Sitzung mit begrüßenden Worten eröffnete. 

Ihren Austritt aus der Gesellschaft haben 
zum Jahresbeginn angezeigt: Staatsminister 
Frhr. v. Thielmann, Architekt 
A b e s s e r , Prof. Dr. Köhler (jetzt 
Direktor des Gymnasiums in Hersfeld), Ren- 
tier Ferdinand Meyer in Frankfurt 
a. M., Prof. Dr. W e n t z e 1 und Prof. Dr. 
W. S i e g 1 i n. Als neue Mitglieder wurden 
angemeldet: Regierungsbaumeister Dr. 
Kohl, der der Gesellschaft bereits von 
191 1 bis 1913 angehört hat, Lehramtskandi- 
dat Dr. M u s s e h 1 , Dr. phil. Pedro 
Bosch -Gimpera aus Barcelona, zur- 
zeit in Berlin, und Fräulein Dr. phil. Mar- 
gret Heinemann. 

Der in Halle a. S. lebenden Witwe von 
Ludwig Roß, Frau Emma Roß, waren 
zu ihrem 90. Geburtstage, den sie am 31. De- 
zember 1913 in seltener körperlicher und 
geistiger Frische feiern konnte, telegraphisch 
die herzlichsten Glückwünsche der Gesell- 
schaft übermittelt worden. Ihr warmes 
Dankschreiben gelangt durch den Schrift- 
führer zur Verlesung. 

Sodann erstattete Herr A. Schiff als 
Schriftführer und Schatzmeister den Ge- 
schäfts- und Kassenbericht 
für das Jahr 1913. Unter Hinweis 
auf den im Anhang des 'j'^. Winckelmanns- 
Programms abgedruckten Jahresbericht wies 
er darauf hin, daß seit längerer Zeit zum 
ersten Male die Zahl der Mitglieder im Be- 
richtsjahre nicht gewachsen, sondern auf 163 
stehen geblieben ist, da Abgang und Zugang 
(je 14) sich ausgeglichen haben, und daß das 
erste weibliche Mitglied der Gesellschaft bei- 
getreten sei. Die Festtafel des 73. Winckel- 
mannsfestes am 9. Dezember v. J. zählte 
93 Teilnehmer; aus Stendal, der Geburts- 
stadt Winckelmanns, war wieder ein vom 
Oberbürgermeister Dr. Schütze unterzeichne- 
tes Begrüßungstelegramm eingelaufen, für 
das telegraphisch der Dank der Gesellschaft 
ausgesprochen worden ist. Die Kassen- 
verhältnisse sind geordnet und gün- 
stig; die kleinen Überschüsse, die in den 
letzten Jahren alljährlich herausgewirt- 



schaftct werden konnten, haben sich zu 
einem Fonds angesammelt, der es der Gesell- 
schaft ermöglicht, gelegentlich außerordent- 
liche Aufwendungen im Interesse ihrer Mit- 
glieder zu machen. Zu Kassenrevi- 
soren für 1913 wurden wieder die Herren 
Winnefeld und P r e u n e r bestellt, 
die dieses Amt schon seit 1907 versehen. 

Im Anschluß an die Ausführungen des 
Herrn Schiff stellt der Vorsitzende, Herr 
G. Loeschcke, im Namen des Vor- 
standes den Antrag, von dem Überschuß der 
Vorjahre einen Betrag bis höchstens zur 
Hälfte, d. h. bis zu 700 M., zur Neuheraus- 
gabe derjenigen Winckelmanns-Programme 
zu verwenden, die im Buchhandel vergriffen 
sind. Der Anfang soll, unter Zustimmung 
des Verfassers, mit Carl Roberts »Thanatos« 
(39. Winckelmannsprogramm, 1879) gemacht 
werden, und zwar, indem der Text unver- 
ändert zum Abdruck gelangt, während die 
Abbildungen völlig erneuert werden, damit 
sie den erhöhten Anforderungen entsprechen, 
die man heute zu stellen berechtigt ist. Die 
Versammlung stimmte dem Antrage freudig 
zu. Des weiteren regte der Vorsitzende an, 
in Zukunft gelegentlich Sitzungen, insbe- 
sondere das Winckelmanns-Fest, zu öffent- 
lichen Sitzungen zu gestalten, um durch 
einen größeren Kreis eingeladener Gäste, 
auch von Damen, die Publizität der Gesell- 
schaft zu erhöhen. Auch diese Anregung 
wurde zustimmend aufgenommen. 

Bei der Vorstandswahl wurde auf 
Vorschlag des Herrn Trendelenburg der vor- 
jährige Vorstand durch Zuruf wiederge- 
wählt. Der Vorstand besteht somit für das 
Jahr 1914 aus den Pierren Loeschcke 
(Vorsitzender), Dragendorff, Wie- 
gand, Brueckner und Schiff 
(Schriftführer und Schatzmeister). 

Herr v. Wilamowitz-Moellen- 
d o r f f besprach das eben vollendete III. 
Heft der von Herrn Wiegand herausgegebe- 
nen Ergebnisse der Ausgrabungen und Un- 
tersuchungen von Milet, das das Delphinion, 
bearbeitet von Georg Kawerau und Albert 
Rehm, enthält. Für den Inhalt seiner Aus- 
führungen kann auf die mittlerweile erschie- 
nene eingehende Besprechung in den Göt- 
tingischen gel. Anzeigen 1914 Nr. 2 verwiesen 
werden. 



45 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1914. 



46 



Dann berichtete Herr Dragendorff 
über die Ergebnisse der Ausgrabungen des 
Archäologischen Instituts in Tiryns 1913, 
wofür auf den mittlerweile gedruckten Be- 
richt in den Athen. Mitteilungen 1913 
S. 329 ff. verwiesen sei. 

Herr A. Deißmann machte eine 
kurze Mitteilung über neuentdeckte vor- 
christliche griechische Pergamenturkunden 
aus dem Arsakidenreiche. Von Kurden im 
Avroman -Gebirge (Kurdistan) in einem 
Steinkrug aufgefunden, kamen die Blätter 
durch Vermittlung eines griechischen christ- 
lichen Arztes nach England, wo sie von Mr. 
Minns in der Society for the Promotion of 
Hellenic Studies in Cambridge kurz be- 
sprochen wurden, zwei griechische Perga- 
menturkunden vom Jahre 88 und 22 v. Chr. ; 
die eine hat einen noch nicht entzifferten 
Fehlcvi-Text auf der Rückseite. Eine dritte 
im gleichen Krug gefundene Urkunde ist 
ebenfalls Pehlevi und soll inzwischen von 
Herrn Andreas gelesen sein. Es handelt sich 
wohl um Erbpachtverträge über einen Wein- 
berg; formell und inhaltlich sind sie reich an 
Parallelen zu den Ptolemäerurkunden aus 
Ägypten und liefern den Beweis, daß die 
Hellenisierung des Partherreiches eine stär- 
kere gewesen sein muß, als man seither an- 
nahm. Die Vertragschließenden und die 
Zeugen sind sämtlich, nach den Namen zu 
schließen, Nichtgriechen (gewiß Parther) aus 
einem kleinen Dorfe; die Orts- und Personen- 
namen sind zum großen Teil für die iranische 
Namenforschung von Interesse, aber auch 
für die allgemeine Geschichte sind die nach 
Arsakiden und ihren Gemahlinnen unter Zu- 
grundelegung der seleukidischen Ära datier- 
ten Blätter von hohem Werte. Sie zeigen 
auch erfreulicherweise, daß selbst in einem 
für die Erhaltung von Pergamenten zweifel- 
los ungünstigen Klima Originalurkunden sich 
durch zweitausend Jahre erhalten können, 
und eröffnen daher die Möglichkeit, daß auch 
außerhalb Ägyptens noch antike Texte auf 
Pergament usw. zu finden sind. Mr. Minns 
wird die Urkunden mit Kommentar ver- 
öffentlichen. 



Öffentliche Sitzung in der Sing- 
akademie am 3. Februar 191 4. 

Zum ersten Male seit ihrem Bestehen hatte 
unsere Gesellschaft die hohe Ehre und Freude, 
S. M. d e n Kaiser und I. M. die 
Kaiserin in einer ihrer Sitzungen als 
Gäste begrüßen zu dürfen. Die Teilnahme an 
der Sitzung, die durch das freundliche Ent- 
gegenkommen des Direktoriums in der Sing- 
akademie stattfand, war nicht auf die Mit- 
glieder beschränkt; vielmehr war eine große 
Zahl von Gästen, Herren und Damen, ein- 
geladen, so daß etwa 800 Personen anwesend 
waren. Das Thema der beiden durch zahl- 
reiche Lichtbilder illustrierten Vorträge der 
Herren Dörpfeld und Loeschcke bildeten 
die unter den Auspizien des Kaisers auf 
Korfu unternommenen Ausgrabungen und 
Untersuchungen. Nach Schluß der Sitzung, 
die 13/4 Stunden dauerte, empfing der Kaiser 
die Herren des Vorstandes und Herrn Dörp- 
feld in seiner Loge. 

Zuerst sprach Herr Dörpfeld über die 
von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser 
auf der Insel Korfu unternommenen Gra- 
bungen. In der Einleitung dankte er dem 
Kaiser im Namen der deutschen Archäologen 
für das lebhafte Interesse und die wirkungs- 
volle Förderung, die dieser während der 
25 Jahre seiner Regierung allen deutschen 
Ausgrabungen und archäologischen Arbeiten 
hat zuteil werden lassen, zugleich gab er 
auch seinem persönhchen Dank Ausdruck 
für die tatkräftige Unterstützung, die seine 
eigenen Arbeiten zur Lösung der Homer- 
Frage, seine Ausgrabungen in Troja und 
Tiryns, in Alt-Pylos und auf Leukas-Ithaka, 
seit 25 Jahren von selten des kaiserlichen 
Mäcen gefunden haben. Er versicherte dem 
Kaiser, daß dadurch zum mindesten ein 
ehrliches wissenschaftliches Suchen nach der 
Wahrheit über die homerischen Gedichte 
unterstützt worden sei. 

Sodann berichtete er, wie der Kaiser seit 
dem Jahre 191 1 auf der Insel Korfu selbst 
zum Spaten gegriffen hat und erfolgreiche 
Ausgrabungen unternimmt, mit deren Lei- 
tung er den Vortr. betraut hat. 

Den Anstoß zu den Grabungen auf Korfu 
gab der zufällige Fund eines Reliefs, das den 
Kampf zwischen Zeus und einem Giganten 



47 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1914. 



48 



darstellt und im Gebiete der antiken Stadt 
Kerkyra bei dem Kloster der beiden Heiligen 
Theodoroi zutage gekommen war. Der 
Kaiser war selbst zugegen, als bei Nach- 
grabungen an derselben Stelle viele weitere 
Reliefstücke dem Boden entstiegen. Die 
ausführlichen Telegramme, die der Kaiser 
selbst damals jeden Abend der Archäologi- 
schen Gesellschaft in Berlin sandte, sind 
dauernde Zeugen seines lebhaften Sach- 
interesses und seiner berechtigten Finder- 
freude. 

Die Reliefs gehörten, wie ihre Form un- 
zweideutig lehrte, zum Giebel eines archai- 
schen Tempels. Diesen Bau zu finden, war 
die erste Aufgabe der Grabungen. Da die 
Skulpturen augenscheinlich noch in ihrer 
Fall -Lage gefunden worden waren und zum 
westlichen Giebel eines Tempels gehört 
hatten, konnte die Stelle dieses Baues leicht 
bestimmt werden: sie mußte östlich von der 
Fundstelle der Skulpturen liegen. Aber ein 
durch diesen Platz gezogener Graben ergab 
ein negatives Resultat: außer mehreren 
kleinen Fundamentsteinen fand sich keine 
einzige Mauer. Der Tempel war ganz zer- 
stört; seine Säulen und Wände, ja sogar 
seine Fundamentmauern waren systematisch 
abgebrochen worden, um als Baumaterial 
zur Errichtung irgendwelcher Festungs- 
mauern in Korfu verwendet zu werden, 
deren Auffindung leider bisher noch nicht 
gelungen ist. 

Auf dem Tempelplatze wurden nur ein- 
zelne Fundamentsteine aufgedeckt, die einst 
die großen Fußbodcnplatten der Ringhalle 
getragen haben. Außerdem konnten an der 
Art und Färbung der Erdmassen die Stellen 
bestimmt werden, wo die Fundamentmauern 
der Säulen und Wände einst gelegen hatten. 
Nach diesen Anhaltspunkten ließ sich der 
Grundriß des Tempels zwar im allgemeinen 
wiederherstellen; im einzelnen kann er aber 
erst gezeichnet werden, wenn die ganze 
Fläche des Tempels freigelegt sein wird, 
was im Frühjahr 1914 geschehen soll. Da 
weiter viele Fragmente dorischer Säulen und 
ein ganzes, sehr altertümliches Kapitell, dazu 
zwei ganze Triglyphen und viele Fragmente 
anderer Bauglieder gefunden wurden, ließen 
sich auch die Aufrisse des Tempels in großen 
Zügen schon wiederherstellen: 



Je acht altdorische Säulen, die denen der 
älteren Tempel von Pästum ähnlich sind, er- 
hoben sich einst an den Fronten und trugen 
ein Triglyphen -Gebälk und über dem hori- 
zontalen Gesimse ein Giebeldreieck, das mit 
den Reliefs der Gorgo und des Giganten - 
kampfes geschmückt war. Die gefundenen 
Skulpturen bildeten das hintere westliche 
Giebelfeld, vom Ostgiebel des Tempels 
kamen leider nur wenige Fragmente zum 
Vorschein. Außer den Simen und Stirn- 
ziegeln aus Marmor, die den Tempel krönten, 
fanden sich ähnliche, aber ältere Stücke aus 
Terrakotta, die vermutlich den ursprünglichen 
Schmuck des Tempeldaches bildeten und 
später durch die jüngere marmorne Dach- 
bekrönung ersetzt wurden. 

Der göttliche Inhaber des Heiligtums hat 
sich bisher noch nicht bestimmen lassen; 
die vorgeschlagenen Namen beruhen ledig- 
lich auf Vermutungen. 

Während der Tempel selbst fast ganz zer- 
stört ist, haben wir von dem vor der Ost- 
front des Tempels liegenden großen Brand - 
opferaltar ein großes Stück von etwa 10 m 
Länge und über 2 m Breite auffallend gut 
erhalten vorgefunden. Auf zwei Stufen 
stehen noch 15 Triglyphen und Metopen 
aufrecht und trugen einst eine Steinplatte 
zur Aufnahme des Altarfeuers. Neben dem 
Altar liegt noch ein polygonal gepflasterter 
Opferplatz, der durch einen ebenso ge- 
pflasterten Weg mit dem östlichen Eingang 
des Tempels verbunden war. Von der Um- 
fassungsmauer des heiligen Bezirks, der den 
Tempel und Altar einschloß, sind bisher nur 
an der Nordseite Stücke aufgedeckt. 

Eine zweite Ausgrabungsstätte auf Korfu 
war der schon bekannte Tempel von Kardaki, 
so benannt nach einer alten Quelle im könig- 
lichen Schloßpark Monrepos. Er hat schon 
längst wegen seiner schlanken, an den Holz- 
bau erinnernden Verhältnisse und wegen des 
gleichzeitigen Vorkommens dorischer und 
jonischer Bauglieder eine wichtige Rolle in 
der Geschichte der griechischen Baukunst 
gespielt. Schon vor 90 Jahren von den Eng- 
ländern ausgegraben, war er aber seitdem 
allmählich wieder so verschüttet und von Ge- 
strüpp so überwachsen, daß fast nichts mehr 
von ihm zu sehen war. Mit Genehmigung 
S. M. des verstorbenen Königs Georg wurde 



49 



Archäologische Gesellschaft xu Berlin. Februar-Sitzung 1914. 



50 



der Bau im Jahre 19 12 wieder freigelegt 
und seine Säulenstümpfe, soweit sie sich 
noch vorfanden, wieder aufgerichtet. Der 
vordere Teil des peripteralen Tempels, 
einschließlich des Pronaos, fehlt vollständig; 
er ist ins Meer hinabgestürzt. Erhalten sind 
nur der untere Teil der drei hinteren Wände 
der Cella, der Unterbau für das Kultbild 
und von der äußeren Ringhalle noch der 
Stylobat und mehrere Säulentrommeln. Nur 
eine einzige Säule ist noch ganz vorhanden 
und trägt jetzt wieder ihr Kapitell. 

Die etwa aus der ersten Hälfte des 5. Jahr- 
hunderts stammenden dorischen Säulen der 
Ringhalle sind in der englischen Publikation 
(Stuart-Revett, Antiquities of Greece, Lon- 
don 1830, III, Taf. 4 — 8) richtig gezeichnet. 
Der Architrav ist aber insofern falsch abge- 
bildet, als das jonische Kyma sich nicht an 
der inneren, sondern an der äußeren Seite 
befindet. Der von den Engländern gezeich- 
nete Fries hat niemals bestanden; die dazu 
benutzten Steine mit ihrem altertümlichen 
skulpierten Eierstabe gehören vielmehr zum 
ansteigenden Giebelgeison. Triglyphen hatte 
der Tempel nicht, sein mit einem ungewöhn- 
lich geschwungenen Profile ausgestattetes 
Hauptgesims lag unmittelbar auf dem Archi- 
trav. Daß das Giebeldreieck über der 
Hauptfront mit Reliefs geschmückt war oder 
wenigstens geschmückt werden sollte, läßt 
sich aus der Zurichtung des hinteren Giebel- 
dreiecks erkennen, bei dem ein beabsichtigter 
Reliefschmuck nicht zur Ausführung gelangt 
ist. Stücke von Stirnziegeln und auch viele 
Fragmente einer Nike, beide aus Terra- 
kotta, wurden gefunden und werden zum 
Dachschmuck gehört haben. 

In den Fundamenten der Cellawand und 
der Kultbildbasis fanden sich Steine eines 
älteren Heihgtums verbaut, mehrere flache 
steinerne Wasserbecken und der Unterstein 
einer Stele. Sie werden zu einem älteren 
Heiligtum gehört haben, das unterhalb des 
Tempels bei der Quelle angenommen werden 
darf und vermutlich den Nymphen geweiht 
war. Später ist nun hoch über der Quelle 
der dorische Tempel erbaut worden, der dem 
Apollon oder Asklepios zugeschrieben wird, 
weil der in einer Inschrift vorkommende 
Göttername mit A anfängt. 

Die weitgestellten Säulen und die alter- 



tümlichen jonischen Formen des Gebälks, 
die G. Semper veranlaßten, den Tempel dem 
7. Jahrhundert zuzuteilen (Der Stil, II, 
S. 399), lassen sich meines Erachtens am 
besten durch die Annahme erklären, daß ein 
älterer hölzerner Tempel später in Stein 
umgebaut worden ist. Da zu beiden Seiten 
der Ruine noch alte unberührte Schutt- 
massen liegen, empfiehlt es sich, noch weitere 
Grabungen vorzunehmen. Es wäre möglich, 
dort noch Weihgeschenke oder Inschriften 
zu finden, die uns über die Geschichte des 
Tempels und über seinen göttlichen Inhaber 
aufklären könnten. 

Noch andere kleinere Grabungen haben 
an mehreren Stellen der antiken Stadt und 
auch in anderen Teilen der Insel stattge- 
funden, so bei der Kirche Palaiopolis, bei 
dem Kloster der Panagia Kassopitra, bei 
dem Dorfe Kassopo, dem alten Kassiope, 
und in Paläokastrizza, wo Victor Berard die 
Stadt der homerischen Phäaken ansetzt. 
Von den an diesen Plätzen gemachten Fun- 
den mögen hier erwähnt werden: eine wert- 
volle Marmorinschrift mit zwei Briefen der 
Römer an die Behörden und das Volk von 
Kerkyra aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., 
gefunden bei Palaiopolis, ferner eine Weih- 
inschrift für eine Statue des Timon, die von 
der Mutter Timareta »den Göttern« geweiht 
war, und ein altertümliches dorisches Ge- 
bälk, dessen Triglyphen geschwungene Ein- 
schnitte aufweisen (bei der Panagia Kasso- 
pitra). 

Bei allen diesen Grabungen sind keinerlei 
mykenische oder prähistorische Gegenstände 
gefunden worden, obwohl wir besonders 
darauf geachtet haben. Denn seit der klassi- 
schen Zeit wird bekanntlich vielfach ange- 
nommen, daß Korfu die Insel der homeri- 
schen Phäaken sei, und daß ihre Stadt mit 
dem Palaste des Alkinoos bei der antiken 
Stadt Kerkyra gelegen habe. So wissen wir, 
daß die alten Kerkyräer ihren östlichen 
Hafen nach Alkinoos benannten und in der 
Nähe auch ein Heroon dieses Königs be- 
saßen. Aber dürfen wir denn heute noch 
an die wirkliche Existenz der Phäaken Ho- 
mers glauben.? Ist nicht seit Welckers be- 
rühmtem Aufsatze (Rhein. Mus. 1832, 219) 
festgestellt, daß die Phäaken ein erdichtetes 
Volk waren und auf den phantastischen 



5« 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1914. 



52 



Inseln der Seligen wohnten? Ist nicht vor 
kurzem noch dargelegt worden, daß sie die 
Schiffer waren, welche die Toten ins Jenseits 
fuhren? Ich halte diese Ansichten für irr- 
tümlich und glaube aus Homer beweisen zu 
können, daß die Phäaken ein wirkliches aus 
Kreta stammendes Schiffervolk waren, das 
unter dem Vater des Königs Alkinoos nach 
Kerkyra ausgewandert war und dort die 
Fahrt über das Westmeer bis nach Italien 
betrieb. Ihnen diese Beweise vorzulegen, 
ist hier nicht möglich. Doch in einem 
werden Sie mir auch ohne diese Beweise alle 
zustimmen: Nachdem die homerischen Bur- 
gen und Paläste in Troja und Kreta, in 
Mykenai und Tiryns, in Orchomenos und 
Pylos gefunden sind, und nachdem die An- 
gaben Homers über die Kultur und Geo- 
graphie der heroischen Zeit sich in einer 
Weise als wahr herausgestellt haben, wie es 
Welcker nicht einmal ahnen konnte, sind 
wir jetzt verpflichtet, mindestens zu unter- 
suchen, ob die Angaben Homers über die 
Phäaken der Wirklichkeit entsprechen oder 
nicht. Es wäre unwissenschaftlich, diese 
Untersuchung zu unterlassen. 

Homer kennt die Phäaken als allerletzte 
der Menschen, bevor man in den unbe- 
kannten Westen kam; sie wohnten auf einer 
Halbinsel zwischen zwei Häfen; bei ihnen 
landete, wer vom fernen Westen nach Grie- 
chenland fuhr; in einer Nacht konnte man 
von ihrer Stadt nach Ithaka fahren, konnte 
aber auch zu Lande über Dodona diese Insel 
erreichen. 

Da uns nun Thukydides (I. 36, 2) über- 
liefert, daß der Weg von Sizilien nach Grie- 
chenland stets über Kerkyra führte, da wir 
ferner aus Strabon (324) wissen, daß man 
vom Vorgebirge Phalakron, der Nordwest - 
spitze von Korfu, abzufahren pflegte, um 
nach Tarent und Sizilien zu gelangen, und 
da wir endlich aus Homer entnehmen kön- 
nen, daß Odysseus von Westen kommend, 
mit dem Nordstern zur Linken, also in öst- 
licher Richtung, zu den Phäaken fuhr, so 
müssen wir die Stadt der Phäaken, wenn 
sie bestanden hat, an der nordwestlichen 
Küste von Kerkyra suchen. An der west- 
lichen Küste befinden sich auch die steilen, 
imzugänglichen Felswände, die Homer be- 
schreibt, nicht an der Ostseite der Insel. 



Im April 1913 habe ich die nordwestlichen 
Vorgebirge der Insel zum ersten Male be- 
sucht und dabei zu meiner großen Über- 
raschung gerade auf jenem Vorgebirge Phal- 
akron, das heute Kap Kephali heißt, prä- 
historische und mykenische Topfscherben 
gefunden. Eine Versuchsgrabung zeigte, 
daß die oben auf dem 80 m hohen Vorgebirge 
gelegenen Gebäude dieser prähistorischen 
Ansiedlung leider fast ganz vernichtet zu 
sein scheinen; sie waren durch keine spätere 
Ansiedlung überbaut und geschützt. Nur 
eine kleine, unscheinbare Mauer wurde bisher 
aufgedeckt. Ferner fanden wir Reste eines 
antiken Heiligtums bei einer christlichen 
Kapellenruine unten an der nördlichen der 
beiden Hafenbuchten. 

Ob die hierdurch konstatierte Ansiedlung, 
die sicher dem 2. Jahrtausend v. Chr. ange- 
hört, zu den Angaben Homers über die Phäa- 
kenstadt im einzelnen paßt, müssen weitere 
Grabungen lehren. Für die Frage nach der 
Glaubwürdigkeit Homers würde es offenbar 
von großer Bedeutung sein, wenn sogar die 
seligen Phäaken sich als ein Schiffervolk der 
Wirklichkeit und wenn ihre Stadt sich als 
von Homer richtig beschrieben herausstellen 
sollte. 

Schon liegt e i n wertvoller Beweis hier- 
für vor, auf den ich zum Schlüsse noch 
hinweisen möchte. Homer erzählt uns, wie 
Poseidon das Schiff der Phäaken, das den 
Odysseus in die Heimat gebracht hatte, auf 
der Rückfahrt im Angesichte der Phäaken- 
stadt in einen Fels verwandelte. Tatsächlich 
liegt heute vor dem Kap Kephali eine kleine 
Felseninsel, die genau wie ein Segelschiff 
aussieht, heute den Namen Karawi (Segel- 
schiff) trägt und sogar von mir und meinem 
Begleiter zuerst für ein wirkliches Segelschiff 
gehalten wurde. Die Bewohner von Korfu 
kennen christliche Sagen über dies ver- 
steinerte Schiff, die J. Partsch ^Kerkyra 
S. 73) schon veröffentlicht hat. Dieser Fels 
wurde auch schon im Altertum von einigen 
für das Schiff der Phäaken erklärt, denn 
Plinius (H. n. IV, 12, 53) überliefert: »a Pha- 
lacro Corcyrae promontorio scopulus, in 
quem mutatam Ulyssis navem a simili specie 
fabula est«. 

Daß in dem Felseneiland vor Kap Kephali 
in der Tat derjenige schiffähnliche Fels vor- 



53 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1914. 



54 



liegt, der den Dichter der Odyssee zu der 
Sage von der Versteinerung des Phäaken- 
schiffcs durch Poseidon veranlaßt hat, wer 
will das noch leugnen ? 

Hoffentlich werden die geplanten Aus- 
grabungen auf dem Kap Kephali weitere 
Argumente zur Lösung der Phäaken -Frage 
und damit auch zur Lösung der Homer- 
Frage liefern. 

Herr Loeschcke besprach darauf die 
Giebelfiguren des Tempels von Korfu. Da der 
Vortrag an anderer Stelle in erweiterter Form 
mit ausführlicherer Begründung erscheinen 
soll, genüge hier eine summarische Übersicht 
des Gedankenganges. Herr Loeschcke 
schilderte zunächst die erhaltenen Reste, 
von denen jedem seine ursprüngliche Stelle im 
Giebelfeld mit Sicherheit zugewiesen werden 
kann. In der Mitte Gorgo mit ihren beiden 
Kindern, Pegasos und Chrysaor. Rechts und 
links je ein gewaltiges Raubtier, das der Vor- 
tragende, unter Beruf ungaufandereDenkmäler 
verwandten Kunstkreises, für einen Löwen, 
nicht einen Panther erklärt. In der rechten 
Ecke Zeus, der einen Giganten niederblitzt, 
während ein zweiter Gegner, bereits getötet, 
die Giebelecke füllt. An der linken Seite in 
der äußersten Ecke wieder ein liegender 
Toter, davor eine langgewandete, wohl 
weibliche Gestalt auf einem Sitz, den L. 
für einen Altar erklärt; sie erhebt bittend 
die linke Hand gegen einen Angreifer, von 
dem gerade noch die gegen die Brust der 
Sitzenden gerichtete Lanzenspitze erhalten 
ist. Eine Deutung dieser Gruppe ist bisher 
nicht sicher gelungen. 

Zwei Elemente scheiden sich deutlich, 
auch dem Maßstabe nach. In der Mitte die 
Gorgo und die Löwen, an den Seiten die 
kleineren Gruppen, die unter sich wieder 
inhaltlich offenbar nicht zusammenhängen. 
Die Mittelgruppe ist apotropäisch — - die seit- 
lichen Gruppen erzählend. Es sind gleich- 
sam zwei Schichten griechischer Kultur, 
zwei Welten, die aufeinanderstoßen, die alte 
Welt der feindlichen Götter und Dämonen 
und daneben die homerische Welt, die Kunst, 
die in der Heldensage wurzelt, die sich in 
den Giebelecken hineindrängt. Einen Schritt 
weiter führt der Giebel des alten Athena- 
tempels auf der Akropolis von Athen: hier 
sind Gorgo und die Löwen als apotropäische 



Akroterien auf den Giebelfirst und die 
Giebelccken gerückt, das ganze Giebelfeld 
nimmt die erzählende Kunst ein. 

Ausgeführt ist der Giebel von Korfu am 
Anfang des 6. Jahrhunderts, ein Beispiel 
dafür, wie die peloponnesische Kunst sich 
mit der Aufgabe der Reliefbildnerei in 
großem Maßstabe abfand. 

Sitzung vom 3. März 1914. 

Den Vorsitz führte Herr G. Loeschcke. 

Als neue Mitglieder wurden die Herren 
Prof. Dr. Adolf Busse, Direktor des 
Prinz -Heinrich -Gymnasiums in Berlin-Schö- 
neberg, und Prof. Dr. Aby Warburg 
in Hamburg angemeldet. 

Vor Eintritt in die Tagesordnung legte 
Herr Loeschcke neue Photographien 
der troischen Küste vor, die kürzlich von 
Offizieren S. M. S. »Breslau« aufgenommen 
worden sind und die in der November- 
Sitzung vorigen Jahres gezeigten Photo- 
graphien dankenswert ergänzen. Er be- 
sprach sodann eingehend einen von Dr. H. 
Degering in der Vossischen Zeitung (Nr. lOi 
vom 25. Februar d. J., Morgenausgabe, i. 
Beilage) veröffentlichten Aufsatz »Das Gie- 
belfeld des Tempels von Korfu«, der sich 
gegen die von Herrn Loeschcke in der Fe- 
bruar-Sitzung der Gesellschaft vertretene 
Interpretation des Gorgo -Giebels, insbeson- 
dere gegen die Deutung der linken Eck- 
gruppe, richtet. 

Den einzigen Vortrag des Abends hielt 
(als Gast) Herr E. Krüger aus Trier über 
die bisherigen Ergebnisse der 
Ausgrabung des Trierer Kai- 
serpalastes. Seine von zahlreichen 
Lichtbildern unterstützten Ausführungen 
lauteten im wesentlichen: 

Die Ruine des »Kaiserpalastes« ist nicht 
nur der schönste und malerischste Rest des 
römischen Trier, die ausgezeichnete Lage im 
Stadtplan, die Größe der Grundfläche und 
die hervorragende Schönheit des Grund- 
risses haben das Gebäude immer als eine 
Schöpfung der römischen Kaiser erkennen 
lassen, die vom Ende des 3. bis zum Ende 
des 4. Jahrhunderts in Trier residiert haben. 
Die Kaiser -Thermen sah man bisher 
in den großen römischen Bädern von St. 



55 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1914. 



56 



Barbara in Trier. Deshalb deutete man die 
großen Säle des anderen Bauwerks als den 
Fest- und Repräsentationsbau der römischen 
Kaiser, als den Kaiserpalast. 

Die These, daß auch dieses Gebäude von 
Anfang an als eine Therme errichtet worden 
sei, hat der architektonische Leiter der 
Kaiserpalastgrabung schon sehr bald nach 
Beginn der Neuuntersuchung aufgestellt. 
Sie kann jetzt öffentlich ausgesprochen und 
vertreten werden, nachdem ermittelt ist, 
wie sich das Bauwerk in die Entwicklungs- 
reihe der römischen Thermen einfügt. Diese 
Tatsache, daß der Bau als Therme errichtet 
worden ist, und zwar von Konstantin I., ist 
das eine große Ergebnis, das bis jetzt ge- 
wonnen ist. Fraglich ist, ob dieser Thermen- 
bau vollständig fertig geworden und wenn 
dies der Fall war, auch schon in Benutzung 
genommen ist. Einige Anhaltspunkte für 
diesen letzteren Fall scheinen vorzuliegen. 

Die ganze Anlage ist später nach einem 
großzügigen Plane umgebaut worden, indem 
der Säulenhof der Thermenpalästra auf 
Kosten des ganz beseitigten Langsaales des 
Frigidariums nahezu verdoppelt wurde. Die- 
ser Umbau ist durch keinen größeren zeit- 
lichen Zwischenraum von der Therme ge- 
trennt und gehört auf jeden Fall noch in 
römische Zeit. 

Wichtigere Einzelbeobachtungen bei den 
Grabungen, die durch Lichtbilder veran- 
schaulicht wurden, sind z. B. die zahlreichen 
Wandkanäle in den heute noch stehenden 
Mauern des Caldariums — die sehr sorgfältig 
gebauten, breit vorspringenden Fundamente, 
die eine Vorstellung von den gewaltigen Ge- 
wölbelasten geben, für die sie bestimmt 
waren — mehrere Apsiden, mit denen die 
Palästra ausgestattet war u. a. Die Da- 
tierung des ersten Baues gibt eine Münze 
frischer Erhaltung aus den Jahren 313 — 317, 
die unmittelbar an einem der freigelegten 
Fundamente gefunden wurde, und ein Grab- 
relief späten Stiles, das in der Therme zum 
zweiten Male, als Türwange, verwendet ist. 
Gleichfalls für konstantinische Zeit spricht 
die Entdeckung von Grabmälerquadern in 
den Fundamenten, wie sie in ganz gleicher 
Weise von dem konstantinischen Kastell in 
Neumagen an der Mosel bekannt ist. 

Für den Umbau ist charakteristisch die 



Rücksichtslosigkeit, mit der auch die schwer- 
sten Mauern des Frigidariums und der an- 
grenzenden Räume beseitigt sind, um Platz 
zu schaffen für die Langhallen, die den ver- 
größerten Säulenhof umgeben. Die Art und 
Tiefe der Fundamentierung und der An- 
schluß der Umbaufundamente an die des 
alten Baues lassen deutlich erkennen, daß 
auch dieser Umbau noch in die römische Zeit 
gehört. Zu ihm gehört auch ein unmittelbar 
benachbartes kleines Peristyl mit verschiede- 
nen Zimmern, der Teil eines Wohnbaues, 
möglicherweise ein kleines Bad. Der große 
kreuzförmige Saal des Caldariums hat, und 
zwar schon im frühen Mittelalter, als Kirche 
zum heiligen Kreuz gedient. Man muß 
fragen, ob etwa schon im 5. Jahrhundert die 
Therme im Zustande halber Zerstörung in 
diese Kirche umgewandelt sein könnte. Oder 
ist die Therme — vielleicht in der Zeit des 
Kaisers Gratian — als Palastbau herge- 
richtet und benutzt worden.'' Beide Lösun- 
gen der noch schwebenden Frage dieser 
zweiten Benutzung Würden ein Resultat von 
allergrößtem historischen Interesse be- 
deuten. 

Der ursprüngliche Bau, die Trierer Kon- 
stantinstherme, nimmt in der Entwicklungs- 
reihe der römischen Thermenbauten eine 
besonders wichtige und lehrreiche Stelle ein. 
An den Hauptthermen einiger Provinzial- 
städte Afrikas, wie Cherchel, Lambaesis und 
Timgad, läßt sich eine ganz organische Ent- 
wicklung des Typus der Thermen mit sym- 
metrischem Grundriß aufzeigen, der seine 
höchste Vollendung und bedeutendste Aus- 
gestaltung für die Provinzialstädte in den 
Thermen von St. Barbara in Trier gefunden 
hat. Diese andere Trierer Therme gehört 
nach der Verteilung der Räume mit denen 
der Provinzialstädte zusammen, während sie 
sich durch die Größe der Säulen neben die 
Kaiserthermen der Stadt Rom stellt. Diese 
letzteren bilden einen Spezialfall der Ther- 
menentwicklung, dessen Eigenart in der 
symmetrischen Anlage von zwei Palästren 
statt der normalen einen Palästra und in 
der Verbindung dieser Palästren mit dem 
alles beherrschenden Hauptsaal des Ge- 
bäudes, dem des Frigidariums, beruht. Der 
Benutzungsgang der Baderäume, vom Aus- 
kleideraum durch ein erstes Tepidarium und 



57 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. — Preisaufgabe. — Bibliographie. 



58 



Caldarium in die Sudatio und von da durch 
die großen Säle, das zweite (Haupt-)Cal- 
darium, das zweite Tepidarium in den Frigi- 
dariumsaal als Schluß der Benutzung scheint 
überall derselbe gewesen zu sein. Einzig die 
Konstantinstherme in Rom ist mit nur einer 
Palästra und der ganzen Raumverteilung der 
einzige Repräsentant des provinzialstädti- 
schen Thermentypus in der Hauptstadt 
Rom. Gerade diese Therme zeigt in ihren 
Hauptzügen deutliche Übereinstimmung mit 
der Trierer Konstantinstherme, unserem 
»Kaiserpalast«, und gibt damit der Er- 
kenntnis, daß wir darin eine Therme zu 
erblicken haben, eine neue Bestätigung. 

Die anschließende Diskussion, an der sich 
die Herren Loeschcke, Dragen- 
dorf f und W i e g a n d beteiligten, drehte 
sich im wesentlichen um die Frage, ob wir in 
den gewaltigen Bauresten eine Thermen- 
oder eine Falastanlage zu erkennen haben, 
beziehentlich ob durch den nachweisbaren 
Umbau die ursprünglichen Thermen in einen 
Kaiserpalast umgewandelt worden sind. 



PREISAUFGABE. 

Die K. Bayer. Akademie der Wissen- 
schaften stellt auf Vorschlag ihrer philo- 
sophisch-philologischen Klasse zur Bewer- 
bung um den von Herrn Christakis 
Zographos gestifteten Preis mit dem 
Einlieferungstermin 31. Dezember 191 7 
folgende neue Aufgabe: 

„Das Unterrichtswesen im byzan- 
tinischen Reiche vom Zeitalter 
Justinians bis zum i 5. Jahrhundert." 

Über das Unterrichtswesen der byzantinischen 
Frühzeit ist in den letzten Jahren durch wertvolle 
Untersuchungen Licht verbreitet worden. Im An- 
schluß daran soll der Versuch gemacht werden, 
auch für das byzantinische Mittelalter die Anstalten 
und Einrichtungen festzustellen, die dem niederen 
und dem höheren Unterricht dienten. Dabei wäre 
zunächst die äußere Organisation zu schildern, der 
Anteil des Privathauses, der staatlichen und der 
geistlichen Behörden, dann vor allem der Betrieb 
und die Methode des Unterrichts sowohl in den 
Elementarfächem wie auf den verschiedenen Stufen 
des höheren Unterrichts. Da bis jetzt nur wenige 
Vorarbeiten für einzelne Unterrichtsanstalten und be- 



stimmte Zeitabschnitte vorliegen, müßte die ge- 
druckte Literatur vollständig durchgearbeitet werden, 
vor allem die Schriften der Grammatiker und 
Rhetoren, sowie die Kommentare zu den Werken 
der antiken Klassiker; außerdem aber ist in den 
griechischen Handschriften der europäischen Biblio- 
theken ein reiches Material überliefert, das bisher 
nicht verwertet worden ist. 

Die Bearbeitungen dürfen ohne Rück- 
sicht auf die Nationalität der Verfasser nur 
in deutscher, lateinischer oder griechischer 
Sprache geschrieben sein und müssen an 
Stelle des Namens des Verfassers ein Motto 
tragen, welches auf der Außenseite eines 
mitfolgenden, den Namen des Verfassers 
enthaltenden, verschlossenenBriefumschlages 
wiederkehrt. 

Der Preis beträgt 2000 Mark, wovon die 
Hälfte sofort nach Zuerkennung des Preises, 
der Rest nach Vollendung des Druckes 
zahlbar ist. 



BIBLIOGRAPHIE. 

Die Bibliographie erscheint von jetzt ab, 
wie bereits im vorigen Jahre mitgeteilt ist 
(Arch. Anz. 191 3 Sp. 90), getrennt vom Ar- 
chäologischen Anzeiger als ein gesondertes 
und getrennt paginiertes Heft des Archäo- 
logischen Jahrbuches, mit dem sie bezogen 
wird. Sie wird in dieser Form zum ersten 
Mal dem Jahrgang 1914 beigegeben, die 
Erscheinungen des Jahres 19 13 umfassen 
und Anfang Mai ausgegeben werden. Mit 
Rücksicht auf die von der Römisch-Ger- 
manischen Kommission d. K. Archäol. In- 
stituts in ihren Berichten herausgegebene 
ausführliche Bibliographie des Römisch- 
germanischen Gebietes sieht die Biblio- 
graphie des Jahrbuches ein für allemal von 
den dort eingehend behandelten Gebieten, 
also Deutschland, Holland, der Schweiz, 
Frankreich, Belgien und Österreich- 
Ungarn ab. 

Der Bezugspreis des Jahrbuches ein- 
schließlich des Archäologischen Anzeigers 
und der Bibliographie wird vom Band XXIX 
19 14 ab, entsprechend dem gesteigerten 
Umfang der Bände, auf 24 M. erhöht. Die 
Bibliographie ist auch gesondert zum Preise 
von 4 M. zu beziehen. 



Archäologischer Anzeiger 

Beiblatt 

ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts 

1914. 2. 



DIE ÄLTESTEN TERRA-SIGILLATA- 
FABRIKEN IN MONTANS AM TARN. 

Die ältesten feineren Tongefäße aus roter 
Terra sigillata, die uns am Rheine bei den 
Ausgrabungen römischer Kulturschichten 
begegnen, stammen ausschheßhch aus Italien, 
namentlich aus Arezzo. Lange Zeit be- 
herrschte die italische Terra sigillata ohne 
provinziale Konkurrenz den gallischen und 
rheinischen Markt. Erst nach Chr. Geb. trat 
ein Wandel ein: im südlichen Gallien ent- 
standen Terra-sigillata-Fabriken, deren Er- 
zeugnisse die italischen Muster täuschend 
nachahmten und die italische Ware schließ- 
lich vollständig aus Gallien und vom Rheine 
verdrängten. 

Diese starke Umwälzung auf einem wich- 
tigen Gebiete des gallischen Handels vollzog 
sich natürlich nicht mit einem Schlage. 
Zunächst waren es gewisse italische Töpfer, 
die durch einen viel stärkeren Warenabsatz 
ihre italischen Konkurrenten weit übertrafen 
und aus dem Felde schlugen, sei es, daß sie 
zielbewußter und erfolgreicher die Einfuhr 
nach Gallien zu beherrschen verstanden, sei 
es — was mir wahrscheinlicher dünkt — , 
daß sie ihre Arbeiter mit dem nötigen Gerät 
wie Werkzeuge, Farbmittel, Formschüsseln 
nach Gallien entsandten und dort eigene 
Betriebe ins Leben riefen. Es waren dies vor 
allen die Töpfermeister in dem Hause des 
Cn. Ateiits wie Chrestus, Eukodus, Makes, 
Xanlhiis und Zoilus, die, obwohl nur Sklaven 

Archäologisclier Anzeiger 1914. 



oder Freigelassene, doch mit großen Mitteln 
und regem Unternehmungsgeist ein aus- 
gedehntes Geschäft nördlich der Alpen be- 
trieben. Um dem offenbar schweren Kon- 
kurrenzkampfe auf dem gallischen Markte 
besser gewachsen zu sein, verbanden sich 
Chrestus und Euhodus, Makes und Zoilus, 
Xantkus und Zoilus zeitweilig zu einem 
gemeinsamen Geschäftsbetriebe in Gallien. 
Fanden sich doch von den 30 bekannten 
Gesellschaftsstempeln dieser drei Ateius- 
Paare 29 Stück in Gallien und am Rhein 
und nur eins in Tarraco in Spanien'), keins 
aber bisher in Italien und Afrika. Diese 
Kompagniegeschäfte italischer Töpfer auf 
gallischem Boden fallen, da ihre Erzeugnisse 
auch in den jüngeren Halterner ^) Schichten 
vertreten sind, etwa in die Zeit von 5 — 15 
n. Chr. 

Wie die Funde in gleichzeitigen römischen 
Kulturschichten zeigen und wie die Ent- 
wicklung der Terra-sigillata-Industrie im 
Norden beweist, waren in dem genannten 
Zeitraum die Konkurrenten des Hauses 
Cn. Ateius nicht mehr die alten itali- 
schen, sondern bereits die neuen galli- 
schen Terra-sigillata-Firmen. Denn da 
unter den Halterner Funden gallische Marken 
wie Foni[ei), Fronto II feci, Jotkur, Rustici, 



■) CIL II 4970, 61 b. 

') Vgl. Siegfr. Loeschckc, Keram. 
Funde aus Haltern, Mi«, d. A. K. f. Westf. V 1909; 
Karl H ähnle, Keram. Funde aus Haltern, 
ebend. VI, 191 2, 35 ff. 



6l 



Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tam. 



64 



C. Tigranei stark vertreten sind, kann es 
nicht mehr zweifelhaft sein, daß d i e 
gallische Terra-sigillata- In- 
dustrie bereits am Ende der 
Regierungszeit des Augustus 
mit Erfolg arbeitete. 

Der Platz oder die Plätze, wo in Gallien 
die neue Industrie zuerst Wurzel schlug, 
sind noch nicht mit Sicherheit festgestellt. 
Das bekannte Töpfergebiet 1 a G r a u - 
fesenque') (D^p. Aveyron) scheint mir 
nach den bisher dort gemachten Funden 
nicht in Frage zu kommen. Aus der umfang- 
reichsten Sammlung daselbst gefundener 
Terra-sigillata- Stücke, die im Besitze des 
Abbe Hermet in l'Hospitalet (Cevennen) 
ist und die mir vor einem Jahre dank dem 
Entgegenkommen des Besitzers zugänglich 
war, scheint mir vielmehr hervorzugehen, 
daß die frühesten Betriebe in la Graufesenque 
erst in das zweite Viertel des I. Jahrhunderts 
n. Chr. fallen. 

Zu den südgallischen Töpfereien, die älter 
sind als die von la Graufesenque und die 
als Konkurrenten der y^i«M5-Gesellschaften 
in Betracht kommen, gehören sicherlich die 
ältesten Betriebe in Montans am Tarn, 
an der Grenze von Aquitania und Gallia 
Lugdunensis. Ein Besuch der Museen in 
Poitiers, Saintes, Perigueux, Bordeaux, Albi 
und namentlich Toulouse 2), wo jetzt die 
meisten Töpfereifunde aus Montans ver- 
einigt sind, ermöglichte mir, an Hand der 
dort aufbewahrten glatten und verzierten 
Gefäße, der Namensstempel und der Gefäß - 
formen eine genauere Datierung der Mon- 
tanser Erzeugnisse zu gewinnen, als die bis- 
herigen Veröffentlichungen gestatteten. Noch 
Jos. D^chelette, der in seinem grundlegenden 
Buche 'Les vases c6ram. orn6s' I, 129 ff. 
die Reliefgefäße von Montans einer ein- 
gehenden Würdigung unterzieht, glaubte 
wegen der ungenauen Fundangaben von 
einer bestimmten Datierung absehen zu 



') Vgl. Jos. D^chelette, Les vases c^ram. orn^s 
de la Gaule Romaine, Paris 1904, I 64 f[. 

») Für die bereitwillige Unterstützung in den 
genannten Museen möchte ich auch an dieser Stelle 
den Herren Dr. Jos. D6chelette in Roanne (Loire), 
Charles Dangibeaud in Saintes, Marquis de FayoUe 
in Perigueux, Emil Cartailhac in Toulouse meinen 
Dank aussprechen. 



müssen und hebt nur hervor, daß die Reihe 
der gefundenen Münzen zwar von Augustus 
bis Marc Aurel reicht, daß aber Augustus, 
Agrippa, Nemausus und Claudius häufiger 
auftreten. 

Nach dem Vorgange Camille Jullians, 
des verdienstvollen Erforschers des römischen 
Bordigala '), ist man noch heute wohl all- 
gemein geneigt, die aus Montans stammen- 
den Gefäße verschiedener Eppii, eines Felicia, 
Nepos und C. C. 0. »wegen der archaischen 
Buchstabenformen in die ersten Jahre des 
ersten Jahrhunderts« zu setzen. In der Tat 
bilden die angeführten Töpfer eine Gruppe 
für sich. Ihre Namen stehen in einem lang- 
gezogenen Rechtecke, dessen Ecken in 
manchen Exemplaren abgerundet erscheinen, 
weil die Stempelmatrizen gerade an diesen 
Stellen stark verschhssen wurden; die Buch- 
staben sind groß, dick, roh und nachlässig 
gestaltet; zuweilen ist der ganze Name von 
rechts nach links zu lesen, zuweilen sind 
nur einzelne Buchstaben verdreht. Das 
sind aber alles Erscheinungen, die den 
älteren Gefäßstempeln des I. Jahrhunderts 
fremd sind. Dazu kommen Ligaturen, in 
denen der erste Buchstabe nach links aus- 
schlägt (z. B. EP = Ep), eine Schriftmode, 
die in früheren Epochen auf den Gefäß- 
stempeln — und wohl auch sonst — sehr 
selten ist und erst, wenn ich richtig sehe, 
seit Domitians Zeit üblicher wird. Vor 
allem verweisen die dicken Wandungen, 
die Farbe und die Form, teilweise bei JuUian 
I 488 abgebildet, diese Gefäße etwa in die 
Tage Hadrians und des Antoninus Pius. 
Die vermeintliche »vorklassische« Genetiv- 
form Eppiai (JuUian I 520. CIL XIII 
looio, 848. 852) ist natürlich mit diesem 
Zeitansatze nicht vereinbar und ausge- 
schlossen. Die Existenz eines Namens Eppia 
ist überhaupt fraglich: wahrscheinlich sind 
die recht rohen Marken Vldd3 und IViddB 
als Eppiu(s) und Eppiu(s) f{ecit) zu lesen. 
Jedenfalls gehört diese Gruppe Montanser 
Töpfer nicht dem Beginn des I. Jahrhunderts, 
sondern frühestens dem Ende des I. oder 
dem II. Jahrhundert an. 

Allein ein Name, der bisher zu Unrecht 



") Cam. Jullian, Les inscriptions Romaines 
de Bordeaux I 485 ff. Vgl. auch CIL XIII looio. 



65 



Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn. 



66 



von den Herausgebern den Eppitcs -Stempeln 
zugesellt wurde, muß von dieser späten Ge- 
sellschaft geschieden und an die Spitze der 
ältesten Montanser Töpfernamen gestellt 
werden: LEPTA. Auch im CIL XIII lOOiO, 
851 wird er irrtümlich in einen L. Ep{pius) 
Tae[....) zerlegt. Jedoch auf allen seinen 
in klaren und zierlichen Buchstaben ge- 
schnittenen Stempeln fehlen Punkte, welche 
eine Verteilung der fünf oder sechs Buch- 
staben auf drei Namen rechtfertigten. Viel- 
mehr bildet Lepta e i n Wort und ist ein 
gutes römisches Cognomen (auch Leptas). 
In Ciceros Briefen ist oft die Rede von 
seinem 'praefectus fabrum' namens Q. Lepta; 
hier spricht die Auslassung des Nomen 
gentile und die Benennung des Sohnes mit 



an einer dunklen Museumswand in Gips 
eingelassen, verraten gleichwohl, soweit 
kenntlich, dieselbe frühe Zeit. Wir werden 
sehen, daß die drei Stempelformen, so un- 
scheinbar sie sind, diese Datierung durchaus 
bestätigen. 

Alle drei Stempel des Lepta sind zwei- 
zeilig gehalten, eine Eigentümlichkeit, die 
ohne weiteres sie in das erste Viertel des 
I. Jahrhunderts verweist, gleich den übrigen 
wenigen südgallischen Genossen gleicher Art, 
wie z. B. Senecjionis, Corn/utus, Cap/itu u. a. 
Die ältesten gallischen Stempelformate sind 
Rechtecke, die dem Quadrate noch recht 
nahe kommen. Sehr bald schon wurde 
dieses gedrungene Format in Gallien un- 
beliebt und das langgezogene Rechteck, 








Abb. I. I. gef. in Montans [Mus. Toulouse, 2 Exemplare]. — ■ 2. gef. in Poitiers [Mus. Soc, 
2 Exemplare]. — 3. a gef. in Montans [Mus. Toulouse], b Bordeaux [Mus.]. 



demselben Cognomen nur für die Güte 
dieses Cognomens. Auch ein angesehener 
Bürger aus Cafes (CIL X 4654) führt dieses 
Cognomen: Q. Paconius Q. f. Lepta. Nach 
diesen Parallelen darf man in dem Montanser 
Töpfer dieses Namens eher einen Freien 
als einen Freigelassenen oder einen Sklaven 
vermuten. 

Drei verschiedene, gleich lehrreiche Stem- 
peltypen ') dieses Töpfers sind bekannt. 

Von diesen sechs Stempeln stehen vier 
(i und 3) auf konischen Tassen, wie sie in 
der augusteischen und ersten tiberischen 
Zeit gebräuchlich waren 2). Die übrigen 
beiden Gefäßfüße aus Poitiers, leider dort 



>) Die 18 Stempelbilder auf den Abbildungen i — 5 
sind nach meinen Skizzen von Herrn Dr. Feister 
gezeichnet, dem ich dafür zu besonderem Danke 
verpflichtet bin. Die so entstandenen Stempelbilder 
1: eanspruchen nur eine ungefähre Ähnlichkeit. 

») Vgl. S. L o e s c h c k e , a. a. 0. Taf. X 
Type 8. — E. Ritterling, Das frühröm. Lager 
bei Hofheim, Annal. d. Ver. f. Nass. Alt. u. Gesch. 
XL 1912, Taf. XXXI Typ. 5. 



dessen Ecken oder Kurzseiten abgerundet 
werden, allgemein bevorzugt. 

Die Eigenart des ersten Lepta-Stempek, 
die Wiederholung des gleichen Namens in 
beiden Zeilen, ist nicht neu, sondern italischen 
Vorbildern entlehnt. Ähnlich ist doppelt 
wiederholt auf Terra-sigillata-Gefäßen der 
Name Q. Ar{vi) in Chiusi, L. Tarq[uini) in 
Neuß, L. Tit(i) in Scherschel, Vibio{rum) in 
Karthago; ferner Alban{i), Clari, Diome{dis), 
FeK[cis), Urhan{i) auf Gefäßen, die sich be- 
sonders im Rheinland in römischen Kultur- 
schichten der beiden ersten Jahrzehnte 
unserer Zeitrechnung fanden '), u. a. auch 
in Haltern. Darnach gehört dieser Lepta- 
Stempel in dieselbe Zeit. 

Die zweite Stempelform Leptas zeigt eine 
auffällige Ähnlichkeit mit puteolonischen 
Töpferstempeln der gleichen Epoche. Der 
Kranz aus schmalen, spitzen Blättchen, 

') E. Ritterling, Mitt. d. A. K. f. Westf. 
II, 1901, 144 Anm. — Siegfr. Loeschcke, 
ebenda Heft V, 1909 175. 

3* 



61 



Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn. 



68 



darin nicht rundlaufende, sondern quer- 
gestellte Schrift in einer oder zwei Zeilen, 
ist ein bekanntes Merkmal puteolanischer 
Sigillatamarken des A^. Naevius, Q. Ponipeius 
Serenus, L. Urbanus, Anthus, Eros, Gamus, 
Tüus '). Auch drei andere Stempel aus 
Montans, die jetzt im Museum zu Toulouse 
sind, haben die kranzartige Einfassung. 

Nr. 4 steht auf einem Teller, dessen Rand 
ohne Eckleiste senkrecht aufsteigt (Haltern 
Typ 2, I — 6 S. 143), und der mit einem 
anderen Teller im Brennofen zusammen- 
gebacken ist. Nr. 5 steht, wie ein gleicher 
Stempel in Saintes, auf einer konischen 
Tasse (Haltern Typ. 8). Stempel 6, auf den 
wir unten noch zurückkommen werden, 
ist auf einer zu stark gebrannten, daher 



werksmäßige Verrichtungen besorgte, son- 
dern leitete einen größeren Betrieb mit 
mehreren Arbeitern, den er mit der Sprache 
und dem Stolz des Provinzlers o/ficina 
nannte. Seine italischen Zunftgenossen be- 
zeichneten bekanntlich viel bescheidener 
ihre Werkstatt als figlina und sich selbst als 
figuli; so lauten italische Terra-sigillata- 
Stempel: A. Tili figuli Arrelini, A. Vibi 
figuli, Senti figuli, M. Servili figuli. Das 
stolzere Wort officina — entstanden zwar 
aus opi-ficina, von den gallischen Töpfern 
aber fast durchweg oficina, ofic, oft, of ge- 
schrieben — kommt wohl sonst im Töpfer- 
gewerbe vor »), ist aber weit üblicher zur 
Bezeichnung der vornehmen Werkstätten 
der Gold- und Silberschmiede, aus denen die 






violetten Tasse eingedrückt von der Form 
Haltern 11, der Vorform zu Drg. 27. 
Mehr Beispiele zu diesen Montanser Typen 
führt das CIL XIII 10009, I und 5 (zu 
Typus 6), 221 (zu Typ. 4) an. Alle diese 
Rundstempel sind, wie die Umrahmung 
des Kranzes zeigt, von puteolanischen 
Mustern derselben Zeit (etwa 5 — 15 n. Chr.) 
beeinflußt. 

Anders Typus 3. Mit der Abfassung dieses 
Stempels verließ Lepta seine bisherigen 
italischen Muster und wagte eine wichtige, 
spezifisch gallische Neuerung: er schuf den 
ersten oder sicherlich einen der ersten 
0//ia'Ma- Stempel. Lepta war also damals 
nicht mehr ein schlichter Töpfermeister, der 
selbst Lehm grub und Ton schlemmte, mit 
dem Fuß die Drehscheibe rührte und mit 
der Hand den Ton knetete, die Gefäße selbst 
färbte und brannte und dergleichen hand- 



') Von dem bekannten italischen Töpfer T. Mallius 
Fortunatus ist ein derartig umkränztet Rundstempel 
bisher nur in Bordeaux gefunden mit der einzig- 
artigen Fassung T. Manli // Fort. 



viel kunst- und wertvolleren Gefäße aus 
Edelmetall hervorgingen. Die gallischen 
Töpfer scheinen sich demgemäß auch nicht 
figuli, sondern lieber wie die Goldschmiede 
vascularii genannt zu haben. 

Ehe wir die Töpferei Lepias verlassen, 
lohnt es sich, noch einen Blick auf das 
Absatzgebiet seiner Waren zu werfen. Es 
ist sehr bescheiden. Außer in Montans 
sind seine Waren nur in Bordeaux, Poitiers, 
Limoges und Angers nachgewiesen (CIL 
XIII loooio, 851). Auch sein Zeitgenosse 
Rufus (Typ. 4) fand keinen weitergehenden 
Absatz: er ist außer in Montans nur noch in 
Poitiers (2) und le Mas d' Agenais gefunden 
(CIL XIII 10009, 221). Die Verbreitung 
des Typ. 6 wird unten besprochen werden. 

Unter den vielen Tausenden von gallischen 
O/^awa- Stempeln gibt es außer von Lepta 
nur noch von Acutus Zweizeiler. Dieser 
Töpfer arbeitete mit Lepta zur gleichen 
Zeit und am gleichen Orte, wie der schon 



Vgl. Plin. n. h. XXXV 161 : roiae officina. 



69 



Die ältesten Terta-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn. 



70 



oben (Typ. 6) angeführte Stempel beweist 
und eine ebenfalls aus Montans stammende 
Formschüssel mit seinem Namen (CIL XIII 
lOOll, 28). Und wie in Lepta werden wir 
auch in Acutus eher einen Freien als Unfreien 
vermuten '). Von seinen Gefäßstempeln ^) 
kommen für unsere Untersuchung außer 
dem Typus 6 (s. o.) noch 7 — 11 in Betracht. 
Schon ein flüchtiger Blick läßt erkennen, 
daß die Stempel des Acutus eine weitere 
Entwicklung erlebt haben als die des Lepta, 
und daß somit Acutus länger arbeitete als 
Lepta. Ist doch offenbar aus dem Zweizeiler 
Acljuti, der im stilgerechten runden Kranze 
steht (Typ. 6), der Einzeilcr Acut(i) in 
einem stilwidrigen viereckigen Kranze (Typ. 7) 
hervorgegangen; haben sich doch ferner 



(s. o. Sp. 62) zweizeilig: nur der jüngste 
Xanthi [et] Zoili ist bereits einzeilig. In Neuß 
fand sich sowohl Proti // Calidi wie Prot. 
Calidi, inPuteoIi Favor jj Nävi neben Favor 
Na{vi). Man wird nach diesen analogen 
Beispielen auch in der Fabrik des Acutus 
den Übergang vom zweizeiligen zum ein- 
zeiligen Stempel lieber vor 20 n. Chr. als 
darnach annehmen. 

Wie wir aus der äußeren F"orm der Stempel 
ein längeres Bestehen dieser Montanser 
Töpferei erschließen können, so gibt auch 
eine Zusammenstellung derjenigen Orte, wo 
die einzelnen Stempeltypen gefunden wur- 
den, ein höchst lehrreiches Bild von dem 
mehr und mehr gesteigerten Absatz und 
dem gewaltigen Emporblühen ihres Be- 




©WI& 



Abb. 3. 



C@¥i€A€W l) 



<) 10 11 



nur aus dem gedrungenen Zweizeiler offtclj 
Acuti die langgestreckten Einzeller o'ßc. Acuti 
und of. Acuti entwickeln können. Lepta\\2.t, 
wie wir sahen, die Entwicklung des zwei- 
zeiligen Stempels zum Einzeller nicht mehr 
erlebt. Es liegt diesem Übergang vom 
Zweizeiler, der im Quadrat oder gedrungenen 
Rechteck steht, zum Einzeller im länglichen 
Rechteck ein ganz charakteristischer Ge- 
schmackswechsel zugrunde, der sich auch 
auf den italischen Töpfermarken um 10 — 15 
n. Chr. bemerkbar macht. So sind die 
Gesellschaftsstempel der verschiedenen Ateius 



') Vgl. z. B. CIL XII 4969 L. Man. L. f. Acutus. 

') Die Jüngern Stempel Acuti m, Acutus, Aquti 
u. a. stammen schwerlich alle aus seiner Fabrik. 
Acutus steht in Vechten [Leiden] au£ zwei Tassen 
der Form Drg. 27 und in Windisch [Mus. Brugg 
n. 235] auf einer halbkgl. Tasse der Form Drg. 24. 
Acuti in Elche (Spanien) auf Tasse der Form Drg. 27. 
Acuti m(anu) in Neuß auf Reliefhumpen Drg. 29. 
Vielleicht gehört hierher auch der zweizeilige Stempel 
ACVTI//BILI.AR, der m. E. eher zu Acuti (et) 
Bili(cati) Ar(vernorum) zu lösen ist als zu Acutibili 
Arfyerni) und der anzudeuten scheint, daß Acutus 
und Bilicalus zeitweise zusammenarbeiteten. 



triebes. In der ersten Zeit ihres Bestehens, 
wo noch die runden Kranzstempel in An- 
wendung kamen, war das Absatzgebiet — • 
ähnlich wie bei Lepta und Rufus — • nur 
ein beschränktes: Bordeaux, Poitiers (3), 
Varennes und Autun '). Der etwas jüngere 
viereckige Stempel Acut (im rechteckigen 
Kranz) drang dann bereits bis Mandeure 
(Museum Montbeliard) vor. Als darauf der 
Betrieb zu einer officina ausgestaltet wurde, 
wuchs mit der Leistungsfähigkeit auch das 
Absatzgebiet. Die Zweizeiler offic // Acuti 
u. ä. gelangten nach Poitiers, Vichy, Va- 
rennes (2), Chäteau Landon, Tours, dem 
Mont Beuvray ^) und Trier 3). 



') Dazu kommt in jüngster Zeit noch Silchester 
in England, wie mir Haverfield-Oxford mitteilt; 
der dort gef. Stempel Ac. 'in Corona', auf Tasse 
Haltern-Form 8, wird in dem Museum zu Reading 
bewahrt. 

2) Bulliot, Fouilles du Mont Beuvray 1899 
T. II 164. 

3) Das Trierer Exemplar (Prov. Mus. Nr. 6361 ^), 
ein gut erhaltener Teller mit schönen Innenprofilen 
(s. Abb. 4) und mit dem Stempel Typ. 8, ein Kleinod 
der frühesten gallischen »Officinen«, wurde 1902 im 



71 



Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn. 



72 



Den Höhepunkt ihrer Leistung erreichte 
die Acutus-Offizin ein wenig später, zur Zeit, 
wo ihre Stempelmarken das langgezogene 
Format des Einzeilers haben. Die Gefäße 
aus dieser Epoche sind nicht nur in Bordeaux, 
Jarnac, Gievres, Bourges, Voroux, Clermont, 
Lyon (2), Gent gefunden worden, sondern 
in erheblicher Anzahl auch am Rheine in 
Vcchten (10 Ex.), Nymegen [Samml. Kam], 
Xanten, Asberg [Mus. Duisburg], Neuß 
(4 Ex.), Mainz (mindestens 5 Ex.), Worms, 
Bregenz; ferner auf dem Auerberg (Bayern) 
und in Windisch [Mus. Zürich] und sogar 
in den spanischen Küstenstädten Tarraco 
(2 Ex.) und Elche. Aus diesen verschiedenen 
Übersichten der Fundplätze geht eins klar 



ohne innere Eckleiste ') stellte die junge 
gallische Fabrik her, wie Funde in Vechten 
(2 Ex.), Neuß (Samml. Sels 153), Bregenz 
und Windisch beweisen. Ein großer Töller 
dieser Form mit der Marke of. Aculi, der 
in Asberg (Asciburgium) gefunden ist und 
jetzt im Museum Duisburg verwahrt wird, 
hat noch den alten breiten Fuß der arretini- 
schen — oft viermal gestempelten— Platten^). 
Ein gleiches Exemplar in Narbonne (Samm- 
lung Rouzaud). Der letztgenannte Stempel 
findet sich am häufigsten auf den konischen 
»Tassen mit gegliederter steiler Lippe«, die 
in Haltern besonders zahlreich auftreten 3); 
sechs solcher Acutus -T aussen in Vechten, vier 
in Mainz, je eine in Neuß und Worms. 



@glFg(g 




Abb. 4. Maßstab des Trierer Tellers i : 2, des Stempels i : i. 



hervor: Acutum, der seinen Töpferbetrieb 
aus kleinen Anfängen zu einer mächtigen 
Entwicklung brachte, war an der Er- 
oberung des ganzen gallischen und rheini- 
schen Marktes und damit zugleich an der 
vollständigen Verdrängung der italischen 
Vorläufer aus diesen Gebieten lebhaft be- 
teiligt. 

Die Gefäßformen, mit denen in 
diesem Wettstreit die jungen gallischen 
Firmen auf den Plan traten, waren die 
gleichen wie die ihrer Partner. Der in Trier 
gefundene Teller des Acutus (Abb. 4) 
könnte nach seiner Form (»hängende Lippe«) 
ebensogut in Haltern gefunden sein '). Zwei 
Teller des Acutus, die in Vechten und 
Nymegen gefunden wurden und den ein- 
zeiligen Stempel ofic. Acuti tragen, sind von 
derselben Form. Auch Teller mit Steilrand 



römischen Gräberfeld vor der Porta Nigra Paulin- 
str. 123 bei den Kanalisationsarbeiten ausgegraben. 
') Vgl. die Formtafeln S. Loeschckes a. a. 0. 
S. 139, Abb. I und Taf. X la. 



Neben diesen Gefäßen italischer Form 
begann die Acutus-Oiiizm auch schon die 
Herstellung von Gefäßen rein gallischer Art, 
von Reliefhumpen der Form »Dragendorff 
29«: mir ist ein solches Gefäß aus Mainz 
mit dem Stempel ofic A[cuti] und eins aus 
Vechten mit dem Stempel Acuti m[anu) 
bekannt. Beide dürften somit zu den 
ältesten Vertretern dieses rein gallischen 
Typus zählen. Da gewisse Elemente der 
Reliefs dieser älteren gallischen Schüsseln, 
insbesondere das »fischblasenartige« Voluten- 
ornament, auf italische Konkurrenzmuster 
zurückgehen, die den Stempel des Cn. Ateius 
Xanthus oder Bargathe{s) — M. Perenni 
tragen 4), so muß man schon aus rein stilisti- 
schen Gründen das Aufkommen der galli- 



') Vgl. ebenda S. 143 Abb. 2, i — 6 und 9 — 10, 
Taf. X 2 a und 5 a. 

«) Vgl. zur Form des Fußes a. a. O. S. 139 Abb. i , 7 
und Taf. X 4 b. 

3) a. a. 0. Taf. X 8 und S. 147 ff. 

4) Vgl. a. a. 0. Taf. XVII 6 und S. 160. R. Knorr, 
T.-Sig.-Gef. V. Aislingen, 1913, S. 14 ff. und Taf. I. 



73 



Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn. 



74 



sehen Reliefschüsseln Drg. 29 etwa in die 
Zeit 15 — 25 n. Chr. setzen. 

Auch zwei gut beobachtete Schichten - 
fynde rechtfertigen diesen Zeitansatz für die 
Acutus -Oifizin. Auf dem Mont Beuvray, 
dessen Baulichkeiten in der Hauptmasse 
um 5 V. Chr. geräumt wurden •), fanden 
sich in einer ausdrücklich als jünger er- 
kannten Kulturschicht *) die beiden Marken 
Ateijl Xanthi und ofß.cin jj Acuti. In Mainz 
(Lahnstr.) fanden sich am 5. August 1902 
in derselben Kulturschicht neben der itali- 
schen Marke Mena // Avih mehrere früh- 
gallische, darunter jene vier konischen Tassen 
mit of. Acuti. Sowohl der genannte Ateius- 
wie der Avülius •Stem.'ptX gehört zu den jün- 
geren Marken in Haltern. 



Montans fanden sich 6 Exemplare, je eins in 
Poitiers und Auch, abgebildet im CIL XIII 
lOOiO, 2846 k und 2815. Vielleicht ist 
zu lesen L. Aurelio{s) ') oder L. NigeUo[s). 
Während auf der Mehrzahl der gallischen 
Stempel nur das Cognomen des Töpfers 
genannt wird, steht hier nach guter römischer 
Sitte jener Zeit Praenomen und Gentile, 
aber letzteres in der keltisierenden Nomi- 
nativform auf ■io[s) statt -lus. 

Surus II Nigri ist in zwei Exemplaren 
bekannt. In Montans fand sich ein Tassen - 
boden (Drg. 24.^), in Saintes ein großer 
Tellerboden mit breitem Fußring der alten 
arretinischen Form. 

Ainicicu{s) oder Ainicisu{s) und Contouca 
sind offenbar keltische Namen; Contouca 




Abb. 5. 



Da wir nur die ältesten Montanser 
Töpfer hier zu behandeln beabsichtigen, 
mögen am Schlüsse noch die Töpfernamen 
aufgeführt werden, die — in Montans ge- 
funden und im Toulouser Museum auf- 
bewahrt — durch ihre zweizeiligen Stempel 
ihr höheres Alter dartun. 

Von den in Abb. 5 nach einer Skizze 
wiedergegebenen Marken 12 — 18 harrt Nr. 12 
noch einer sicheren Entzifferung: die älteren 
klaren Abdrücke stehen auf konischen Tassen 
mit Steilrand, Typus Haltern 8, die jüngsten 
auf halbkugligen Tassen der Form Drg. 24. 
Die jüngsten Abdrücke haben fast ovale 
Gestalt angenommen und die Umrahmung 
fast eingebüßt, da offenbar in der rauhen 
Hand des Töpfers die vierkantige Matrize 
des Handstempels im Gebrauch mehr und 
mehr verschliß und sich abrundete. In 



') D^chelette, Vas. c^r. orn6s 1 S. 31. 
») BuUiot, Fouilles du mont Beuvray, iS 
T. II 164. 



(Nr. 18) steht auf einer konischen Tasse 
(Form Haltern 8), Contouca f{ecit) (Nr. 17) 
auf einem frühen Reliefhumpen der Form 
Drg. 29. 

Endlich ist die Marke 13 Para/tus f{ecil) 
auf einem frühen, feinen Tellerboden, Marke 
14 Parati ■m{anu) auf einer Formschüssel für 
Reliefgefäße des Typus Drg. 29 zwischen 
den Ornamenten am oberen Rande ange- 
bracht. Der Platz dieses letzten Stempels 
ist für eine gallische Reliefschüssel des 
genannten Typus durchaus ungewöhnlich; 
die nächste Parallele sind italische verzierte 
Kelche, besonders solche mit den rücksichts- 
los zwischen den Verzierungen angebrachten, 
derben Namenszügen des Bargathe{s) — 
M. Perenni. 

Auf italischen Terra-sigillata-Marken be- 
gegnet uns das Wort manu ebensowenig wie 
officina. Beide Ausdrücke scheinen in den 



') Vgl. CIL XIII 10009, 72 Saintes: Aür I eliu(_s) 
auf einer konischen Tasse, wie mir schien. 



75 



Das älteste römische LängenmaB und der Tempel des Jupiter Capitolinus. 



76 



Töpfereien zu Montans aufgekommen zu 
sein; denn nach unseren bisherigen Er- 
fahrungen zählen die beiden Montanser 
Stempel Acuti in{anu) und Parati m(anu) 
zu den ältesten Beispielen. Bezeichnender- 
weise stehen die beiden Stempel auf relief- 
geschmückten Schüsseln der Form Drg. 29, 
also Gefäßen, die durch den eigenartig ge- 
drehten Fuß und durch den Kantenwulst 
zwischen zwei Perlstäben von jeher metal- 
lische Vorbilder vermuten ließen. Erwecken 
doch die beiden Perlstäbe die Vorstellung, 
als seien an dieser Stelle die beiden Orna- 
mentstreifen des Bodens und der Wand mit 
Nägeln aneinander genietet und seien die 
anstoßenden Ränder durch den Rundstab 
zwischen den beiden Nagelreihen verdeckt 
und gedichtet. Es ist daher um so weniger 
wunderbar, daß auch auf dieser Gefäßsorte 
der gallische Töpfer für seine Fabrikmarke 
die Terminologie der feinen römischen 
Toreutik in Anspruch nahm. Von kostbaren 
Gefäßen aus Edelmetall sagt z. B. Cicero 
(in Verrem lib. IV 32 und 38): hydria 
B o e t hi manu facta und perbona 
toreumata, in Ms pocula quaedam, quae 
Thericlia nojninantur, Mentoris manu 
summo artificio facta. Ebenso regelmäßig 
wie bei Cicero steht auch auf den gallischen 
Gefäßstempeln das Wort manu hinter dem 
Künstlernamen; umgekehrt steht der Aus- 
druck officina auf den älteren Gefäßmarken 
immer vor dem Namen des Fabrikbesitzers. 
Eine Auflösung des abgekürzten Wortes zu 
m{anibus) ist nach lateinischem Sprach- 
gebrauch nicht statthaft; auch die vorbild- 
lichen Griechen sagten in diesem Falle 
^eipi; auch wir Deutsche sprechen nicht 
von den Händen, sondern von der Hand des 
Künstlers, wenn wir an die Werke seiner 
schaffenden Rechten denken. 



Crefeld. 



A. Oxe. 



DAS ÄLTESTE RÖMISCHE LÄNGEN- 
MASS UND DER TEMPEL DES JU- 
PITER CAPITOLINUS. 

Die Frage, nach welchem Maß die in die 
Königszeit hinaufreichenden Fundamente des 



alten Jupitertempels auf dem Kapitol gelegt 
sind, glaubte 0. Richter (Hermes XVIII 
1883, 616 ff. und XXII 1887, 17 ff.) auf 
Grund der metrologischen Untersuchungen 
Dörpfelds, Nissens und Mommsens ') dahin 
entscheiden zu können, daß das Baumaß 
der sog. oskische Fuß im Betrage von 
ca. 278 min') gewesen sei, für dessen Vor- 
handensein in Latium er (XXII 23) wert- 
volles Material beigebracht hat. Dieser 
Auffassung möchte ich im folgenden, ohne 
gegen Richter im einzelnen zu polemisieren, 
eine andere These entgegenstellen. 

Im Zusammenhang einer größeren metro- 
logischen Untersuchung 3) ergab sich mir 
die Gewißheit, daß Dörpfelds Auffassung, 
auf die Richter (a. a. O. 22) Bezug nimmt, 
das gesamte ursprüngliche Maß- und Ge- 
wichtssystem der Römer basiere auf eben 
jenem oskischen Fuß, hinfällig ist. Vielmehr 
habe ich die Überzeugung gewonnen, daß — 
was auch plausibler erscheint — das 
altrömische Maß und Gewicht mit dem 
etruskischen identisch war, und daß die 
Etrusker dasselbe in direktem Kulturaus- 
tausch von den Phöniziern erhalten haben 4), 
bzw. daß es das Maß der alten Tursa- 
Tuparjvoi' im östlichen Mittelmeer gewesen ist. 

Unter diesem Gesichtspunkt trete ich an 
die Maßfrage des Tempels heran: ich bin 
der Meinung, daß das Baumaß die sog. 
ägyptische Königselle von 525 mm bzw. ihr 
Fuß von 350 mm gewesen ist, Maße, die im 
Bereiche der altorientalischen Kultur, wie 
feststeht, die weiteste Verbreitung gehabt 
haben 5). — 

Dionysios von Halikarnaß berichtet (Arch. 



Vgl. Dörpfeld, Athen. Mitt. X 1885, 289 ff. 
Herrn. XXII 79 ff. Nissen, Pompejanische Studien, 
Leipzig 1877, 86; Metrologie bei J. Müller, Handb. I ', 
884!. Mommsen, Herrn. XXI 418 fi". 

2) Dies der wahrscheinlichste Normalwert (Grenz- 
beträge 275 — 278, 2)nach Dörpfeld. Nissens Messungen 
in Campanien ergaben 275 mm. 

3) Vgl. (demnächst) Metrologische Forsch' ngen II, 
Hermes L 1915 Heft 2. 

4) Über die enge Liierung von Latium und Etrurien 
und Etruriens Verbindung mit den Phöniziern in 
der römischen Königszeit sind keine Worte zu ver- 
lieren (vgl. neuerdings U. Kahrstedt, Klio XII 1912, 
461 ff.). • — Die Ruinen unseres Tempels können 
den etruskischen Einfluß nicht verleugnen. 

5) Vgl. Herrn. XLVII 592. 



17 



Das älteste römisclie Längenmaß und der Tempel des Jupiter Capitolinus. 




Abb. I. Tempel des Jupiter Capitolinus. Maßstab i : 500. 



IV 61, 3) über den Tempel folgendes: STrotr^&T) 
hrX y.p/jTrroo^ u'J/TjXtjJ ßsßrjxm? oxxoc'-XsOpo; ttjv 
TTSpi'oooy, oiaxoai'ojv ttoSöjv s"CYt3Ta ttjv TrXeupäv 
ej^MV exotair/v iXt^ov 8s Tt tö SiaXXa'xxov 
supoi Tis av xifi tjTzspoyjffi tou [iTjZou? irotpa 
To TiXaTo; O'jo' oXu)V TrEVTäxaiOcxa ttoowv. im 
fip Totc ottjTor; OiixcXtoi? 6 [xsTa ttjv EjAupr^aiv 
oiV.ooo[xr(i)iic xaTÖc tou? TraTspa? -fifiüiv supiö/j 
Tfj ToXoTiXsia xr,? uXr^? jxovov öwXXotTTtov tou 
dpyxho, £x [j.£v toS xaxa 7rpo3(u-ov [Aspou? 

TOU TTpO? [XSarjlxßpl'otV ßXäTTOVTO? TplTlXo) TCcpl- 

XotfißotvofiEvo? tJTOt'y(w xiovo)V, ix ok TÜ>v T:Xcq((ov 
auXü)* Iv o'(xuT(u Tpör? £vsi3t T/jXol rapot'XXr^Xot 
xoivä; s/ovTs? TrXsupa?, [jlscjo; [xIv 6 tou Atoc, 
irap' sxocTcpov os xo [xspo; ts tt^? "Hpoc? xoti 



6 T7)c 'Aör^vä? u'j' svö? o(£Tou xal [iiä? azi-^rfi 
xaXuitTO[X£vot. — Das von Dionys verwendete 
Maß ist zweifellos der attisch-römische Fuß 
von etwa 295 — 296 mm bzw. dessen Plethron 
von 100 Fuß oder etwa 29,5 — 29,6 m. 

Für die jetzt unter dem Palazzo Caffarelli 
verborgenen Rohfundamente des Tempels — 
die Bekleidung ist nicht erhalten — finde 
ich bei Richter (a. a. 0. 17 ff.) ') folgende, 
wie es' scheint, gesicherte Messungsangaben: 
I. Die Höhe der Bauquadern schwankt 
zwischen 0,30 und 0,32 m (0,31 — 0,32 nach 



') Vgl. dess. Topographie bei J. Müller, Handb. 

III 3 ', 122. 



79 



Das älteste römische Längenmafi und der Tempel des Jupiter Capitoliuus. 



80 



Jordan, Topographie I 2 68). — 2. Von 
den sechs Stylobatmauern des Tempels 
haben die beiden äußeren eine Dicke von 
5,6, die vier inneren von 4,2 m. — 3. Die 
kürzere Seite des Tempels mißt 52,50 m. 
Dazu bemerke ich: ad i) Die Höhe der 
Quadern ist 3/5 Königselle bzw. 9/,o Königs- 
.525 ■ 3 ^_... 0,35 ■ 9 



fuß oder 



(^ 



5 



-ibzw.°^- 
10 



.)o, 



315 m. 



— ad 2) Die Dicke der Stvlobatmauern 

beträgt (~^ =) 
\o,525 / 

Ellen bzw. ( -^^^^ = I 1 2 und | 



\o,35 / 



und {— — =) 10V3 
Vo,525 / 

Vo,35 ; 



16 Fuß. 



wand des Tempels mißt genau 



vo,525 / 



ad 3) Die unbekleidete kürzere Selten- 
es 

525 

100 Ellen bzw. 150 Fuß, woraus sich ergibt, 
daß der Tempel ein exfZTOfiirrjj^u? war, wie 
der alte Athenetempel auf der Akropolis in 
Athen ein IxaTojjLitsooc war. 

Die übrigen Dimensionen stellen sich zu 
folgenden Beträgen. Die Differenz der 
Länge zur Breite betrug im Königsmaß 
8 Ellen oder 12 Fuß, d. i. 14,2 — 14,4 römische 
Fuß oder 4,2 m. Der Gesamtumfang des 
Tempels ohne Bekleidung stellt sich auf 
2 • (52,5 + 56,7) d. i. 218,4 m; der Gesamt- 
umfang mit Bekleidung (nach Dionys) auf 
8 (attische) Plethren, d. i. 8-29,5 bis 29,6 
oder 236,0 bis 236,8 m. Demgemäß ist die 
Bekleidung selbst, wie es scheint, zu 8 • 4 
Ellen oder 12 • 6 Fuß d. i. 8 • 2,1 oder 16,8 m 
zu berechnen, da die Addition 218,4 + 16,8 
die Summe von 235,2 m, d. h. bis auf die 
verschwindende Differenz von 0,8 bis 1,6 m 
genau den Betrag von 8 Plethren wieder- 
gibt. 

Seine bauliche Gliederung anlangend, hatte 
der Tempel in der kürzeren Vorderfront 6, 
in den Seitenfronten je 7 Säulen (die hintere 
Abschlußwand als Säule gerechnet; vgl. die 
Planskizze Abb. i). Er hatte also vorn 5, seit- 
lich je 6 Interkolumnien. Letzterer Umstand 
legt es nahe, die lOO Ellen bzw. 150 Fuß 
der Vorderfront in 5 Teile von je 20 Ellen 
oder 30 Fuß zu zerlegen; und in der Tat 
dürfte man beim Planentwurf von dieser 
Gliederung ausgegangen sein. Aber der 
Tempel hatte drei Zellen, und diese kann 
man kaum zu gleicher Breite angesetzt 



haben. Vielmehr ist das normale Ver- 
hältnis nach Vitruv hier 4:3 gewesen"); 
und wenn man dieses auch für unsern 
Tempel in Anspruch nimmt, so muß man 
das Mittelinterkolunmium bzw. die Breit- 
wand der Mittelzelle zu 24 El. oder 36 F., 
die beiden anschließenden Interkolumnien 
und Zellenbreiten links und rechts zu je 18 El. 
oder 27 F. (insgesamt 60 El. oder 90 F.) 
ansetzen. Dann bleiben für die beiden 
äußeren Abschnitte je 20 El. oder 30 F., 
und da diese ihrerseits nicht wie jene drei 
mittleren Interkolumnien von Säulenzentrum 
zu Säulenzentrum bzw. von Wandmitte zu 
Wandmitte gemessen sind, sondern die 
ganzen Basen der Außensäulen rechts und 
links mit einschließen, so bleibt nur die eine 
Schlußfolgerung möglich, daß auch die 
beiden Außeninterkolumnien, wie die an- 
schließenden, je 18 El. oder 27 F. betragen 
haben, oder daß man rechts und links je 
eine halbe Säulenbasis zu 2 El. oder 3 F. 
abzurechnen hat, und endlich, daß die 
Säulenbasis selbst bzw. der untere Durch- 
messer der Säulen für unsern Tempel zu 
4 El. oder 6 F. = 2,1 m anzunehmen ist, 
welch letzteres durch aufgefundene Baureste 
in der Tat bestätigt wird '). Die gesamte 
Vorderfront des Tempels aber stellt sich 
jetzt zu folgendem klaren Gliederungs- 
schema: 



') Vgl. Richter, Topogr. ' 123. 

') Über die gefundenen Säulenbruchstückc be- 
richtet Jordan (Topogr. I 2, 72, 69): 'I. KleinesBruch- 
stück des Schafts einer kannelierten Säule ver- 
baut in der den Pal. Caffarelli von den Dependen- 
zen des Konservatorenpalasts trennenden Mauer . . ., 
unzweifelhaft nicht weit davon gefunden. Zuerst 
geraessen von Lanciani (Bull. mun. 1875, 185). 
Drei Kanneluren sind meßbar. Jede derselben mißt 
(nach der genauen Messung Schupmanns; s. dessen 
Bericht S. 151 und meine Bemerkung S. 166)0,235 m 
(Höhlung 0,190, Steg 0,045), was bei der wahr- 
scheinlichen Annahme von 24 Kanneluren auf einen 
oberen Durchmesser von 1,80, einen unteren von 
2,ro (Lanciani kam auf 2,10) führen würde. — 
2. Kleines Bruchstück (Ausschnitt) einer attischen 
Basis, gefunden imSchutt vor der Front des Palasts. . . 
Den Durchmesser der Basis bestimmte ein Architekt 
auf 2,26'. — Bemerkt sei, daß diese Bruchstücke 
nicht dem alten Tempel, sondern einem jüngeren 
Bau angehören, was aber in Anbetracht der Tat- 
sache, daß dieNeubauten auf den alten Fundamenten 
und nach den ursprünglichen Dimensionen errichtet 
wurden, nicht bedenklich ist. 



8i 



Archäologische Miszellen. 



82 



(4+)2+i8+i8+24+i8+i8+2(+4) = 
(6+)3+27+27+36+27+27+3(+6) = 

100 (+8) Ellen] = „ . ( 4. , 3^ m 
150 (+12) Fuß] 5^'- ^+4,2jm. 

Die Seitenfronten maßen im Rohfunda- 
ment nach unseren bisherigen Feststellungen 
108 El. oder 162 F., die sich ihrerseits deut- 
lich in 6 Teile von je 18 El. oder 27 F. 
gliedern. Indes nimmt man demgemäß 
auch das Seiteninterkolumnium wie die Vor- 
derinterkolumnien zu eben diesem Betrage 
an, so stößt man zunächst insofern auf eine 
Schwierigkeit, als für die beiden Enden 
dieser Fundamentwand je eine halbe Säulen - 
basis zu fehlen scheint. Eine Verlängerung 
der Gesamtlänge der Wand (116 El. = 174 F.) 
um 4 El. oder 6 F. aber ist nicht angängig, 
da damit der von Dionys zu 'nicht ganz' 
15 römischen Fuß angegebene Differenz - 
betrag der beiden Seiten auf über 20 Fuß 
gesteigert würde. Aber eine solche Ver- 
längerung ist auch durchaus nicht erforder- 
lich. Denn bedenkt man, daß der Säulen- 
umgang des Tempels nur dreiseitig war, und 
daß der hintere Abschluß des Bauwerks 
unmittelbar durch die Zellenmauer gebildet 
wurde, so wird man annehmen dürfen, daß 
die Rückseite des Tempels überhaupt keine 
Bekleidung gehabt hat, und damit werden 
hier 4 El. oder 6 F. überschüssig, die man 
jetzt für die fehlenden beiden Basenhälften 
ansetzen kann. Demnach maßen die Seiten- 
fronten des Tempels im Rohfundament nicht, 
wie bisher angegeben, 108 El. oder 162 F., 
sondern 112 El. oder 168 F., und die ganze 
Seitenfront gliederte sich — von vorn nach 
hinten gesehen — nach folgendem Schema: 

(4+)2+i8-f 18+ i8+i8-f 18+18+2 = 
(6+)3 + 27 + 27+27+27+27+27+3 = 



•ii2(+4) Ellenl gg , , 
i68(+6) Fuß 1 5"'" ^+ ^■ 



I m. 



So maßen also die Wände des Tempels 
nach dieser Darstellung mit der Bekleidung 
je 56,7 bzw. 60,9 m, auf römisches Reichs- 
maß übertragen, je ca. 191,5 bis 192,2 bzw. 
205,7 bis 206,5 F"ß- Dionys konnte also mit 
Recht berichten, jede Seite des Bauwerks 
messe ganz nahe an 200 Fuß und die Diffe- 
renz der Länge zur Breite, in Wirklichkeit 
14,2 — 14,4 Fuß, betrage nicht einmal ganze 
15 Fuß. 



Die beigegebene Planskizze wird, da der 
Augenschein ein besserer Lehrer ist als viele 
Worte, nicht unwillkommen sein. Bemerkt 
sei, daß auf derselben die die Stylobat- 
mauern angebenden punktierten Linien des- 
halb nicht allseitige Gewähr bieten können, 
weil diese Fundamente zum Teil gar nicht 
sicher gemessen sind. Im übrigen hat meine 
Auffassung vorläufig natürlich nur den Wert 
einer Hypothese, deren Beweisfähigkeit da- 
von abhängen wird, ob das, was sich für den 
Jupitertempcl hat aufstellen lassen, an 
anderen Bauten wird bestätigt werden 
können. Solche Frage läßt sich naturgemäß 
nicht aus der Ferne und am Schreibtisch 
erledigen; und darum schließe ich mit dem 
Wunsch, daß die Archäologen des Spatens 
mein Ergebnis an Ort und Stelle (in Latium 
und in Toskana) kritischer Nachprüfung 
unterziehen möchten. 



Potsdam. 



0. Viedebantt. 



ARCHÄOLOGISCHE MISZELLEN. 

I. ZU EINIGEN NAMEN AUF ETRUSKI- 
SCHEN SPIEGELN. 

Die etruskische Welt ist trotz aller Be- 
mühungen der Gelehrten noch immer eine 
rätselvolle geblieben. Auch auf den Spiegeln, 
wo man wegen der Verbindung von Bild und 
Beischrift ein erleichtertes Verständnis er- 
hoffen mochte, ist recht vieles dunkel, auch 
in solchen Fällen, wo von in griechischer 
Technik geschulten Künstlern Personen der 
griechischen Sagenwelt dargestellt zu sein 
scheinen. Gar zu oft stimmt dann das Dar- 
gestellte ganz und gar nicht mit griechischer 
Überlieferung überein, wie ja auch der 
Typus des etruskischen Charun dem des 
griechischen Charon widerspricht. Die Zahl 
der bisher völlig unverständlichen Namen 
ist groß, es dürfte demnach als willkommen 
und nützlich erscheinen, wenn für einige 
derselben eine glaubhafte Erklärung und 
Etymologie entdeckt werden könnte. Viel- 
leicht gelingt solches in den folgenden 
Zeilen. 

Gerhard (Etr. Spiegel IV 6, 73) sieht 
in der auf Tafel 413 abgebildeten Szene die 



83 



Archäologische Miszellen. 



84 



dem Alltagsleben entlehnte, erotische Be- 
gegnung eines nackten Jünglings mit einem 
nackten Mädchen nach dem Bade. Das 
Mädchen ist durch die Beischrift Talitha 
bezeichnet. Niemand versuchte die Er- 
klärung dieses Namens, und doch war die- 
selbe durch das Neue Testament auch für 
den Sprachunkundigen sehr leicht gemacht. 
Nach Luther heißt es im Ev. Marci 5, 41, 
daß Jesus bei der Auferweckung der Tochter 
des Jairus sprach: »Talitha kumi! Das ist 
verdolmetschet: Mägdlein, ich sage dir, 
stehe auf!« Jesus sprach aramäisch, und 
in dieser westsemitischen Sprache bedeutet 
talitha »Mädchen«. Bei dieser Beleuchtung 
passen Bild und Beischrift, Name und 
Namensträgerin auf das genaueste zu- 
sammen. Es Hegt die Annahme nahe, daß 
die Benennung des jungen Lebemannes 
(Truisie) derselben Sprache entstammen 
werde wie die des Mädchens, ich kann 
jedoch ein fertiges Vorbild nicht nachweisen 
und verzichte auf eine künstliche Ety- 
mologie. 

Ein anderer Spiegel zeigt eine bacchische 
Handlung, den Tanz eines Satyrs und einer 
Bacchantin (Etr. Sp. IV 3, 45 ; TL 314). Der 
Satyr heißt laut Beischrift Chelphun, und 
dieser Name, welcher nur hier vorkommt, 
ist bisher in seiner Ableitung und Bedeutung 
»dunkel« geblieben (Klügmann und Körte, 
Etr. Sp. V 55). Ich gehe davon aus, daß 
für ein Mitglied des bacchischen Kreises 
in erster Linie ein Name aus dem Haupt- 
gebiete des Weingottes angemessen er- 
scheinen muß, also eine auf den Wein bezüg- 
liche Bezeichnung. Nun galt im Altertum 
unter den Weinen Vorderasiens der in 
Chelbon, einer Ortschaft nördlich von Damas- 
kus, erzeugte als die feinste, weit und breit 
berühmte Marke. Im Anfange des 6. Jahr- 
hunderts V. Chr. nennt Ezechiel 27, 18 den 
Wein von Chelbon unter den bedeutendsten 
Handelswaren von Tyrus. Die Perser- 
könige tranken nur den XoXußwvtoj otvo; 
aus Syrien (Athen, i, 28 d; Strabo 15, 735). 
Noch heute zeichnet sich das Dorf Chelbun 
durch starken Weinbau aus. Chelbon mußte 
in etruskischer Schreibung zu Chelphun 
werden, weil der Etrusker das ihm fehlende b 
durch p, ph (oder v) ersetzte und das fehlende 
o durch u. Der Satyr des Spiegels trägt 



also den Namen eines kostbaren, berühmten 
Weins. Der Name seiner Genossin lautet 
Munthuch und hat, wie mir von semitisti- 
schen Fachmännern bestätigt ward, ganz 
das Aussehen eines semitischen Gebildes, 
doch fehlt noch ein gesichertes Vorbild. 

Mehrere Spiegel zeigen eine stattliche, 
sitzende Frau, welche von Dienerinnen aus 
dem Kreise der Liebesgöttin Turan mit 
prächtigem Gewände, Prunkschuhen, Hals- 
band und Diadem bekleidet wird, wobei 
man ihr auch einen Spiegel vorhält. Es 
handelt sich um ein Stück des Alltagslebens, 
um »die Schmückung einer Frau« (Etr. Sp. 

V 25 ff., vgl. auch Röscher, Mythol. Lex. 
II 2301), also um eine Handlung, wie sie, 
ich möchte sagen, in erster Linie auf die 
Rückseite eines Spiegels paßt, da dieser 
doch fast ausschließlich von Frauen benutzt 
wurde. Diese prächtig bekleidete Frau führt 
die Beischrift Malavisch (einige lasen Mala- 
fisch, einmal erscheint Malavis), es ward 
schon vielfach über sie geschrieben von 
Panofka, Braun, Gerhard, Corssen, Deecke, 
Körte. Man versuchte erfolglos (Etr. Sp. 

V 27) die Etymologie des Namens, dachte 
zunächst auf Grund falscher Lesung (Mala- 
cisch) an eine »Zarte« oder an das seltene 
[xaXot/wv »Geschmeide«; Corssen wollte 
mittels djxaXo; und videre eine »Sanft- 
blickende« konstruieren. Ich frage: Gibt 
es etwa bei den Sprachen der antiken Mittel- 
meervölker ein Wort, welches deutlichen 
Gleichklang mit Malavisch oder doch dieselbe 
Konsonantenfolge mlvsch aufweist und in 
seiner Bedeutung auf das Anlegen feiner 
Kleidung hinweist .'' Das Wort könnte 
malabisch bzw. mlbsch lauten, da der 
Etrusker ein fremdes b durch v ersetzt 
haben würde. Meines Wissens vermag nur 
das Hebräische hier Passendes zu liefern. 
Malbisch ist der, welcher jemanden be- 
kleidet, anzieht, melubasch der mit Staats- 
oder Amtskleid Geschmückte, malbusch das 
Kleid. 

Lasa Thimrae (Etr. Sp. III 180 Taf. 181) 
heißt einer jener geflügelten, weiblichen 
Dämonen, welche nach Gerhard Schicksals- 
gottheiten vorstellen, während Körte (Pauly- 
Wissowa 6, 767) sie in den Kreis der Liebes- 
göttin Turan verweist. Thimrae ist eine Laut- 
bildung, welche ihresgleichen wohl nur in 



85 



Archäologische Miszellen. 



86 



dem hebräischen thimrah »(Rauch)säule« 
findet. Eine Verbindung dieses Wortes mit 
der übernatürlichen Welt läßt sich leicht 
herstellen, da die Rauchsäule zu den Wunder- 
zeichen gehört, durch welche Gott seinen 
Willen offenbart (Joel 3, 3), wie man auch 
aus der Rauchsäule des Brandopfers ersah, 
ob das Opfer der Gottheit genehm war oder 
nicht. 

Angesichts solcher Funde drängt sich die 
Frage auf, welche Umstände wohl das Auf- 
treten westsemitischer Beischriften in etrus- 
kischen Bildern befördern konnten. Man 
darf darauf hinweisen, daß die Etrusker 
andauernd in lebhaftem Verkehr, zuweilen 
auch in politischem Bündnis, mit den Kar- 
thagern gestanden haben, welche letzteren 
in Korsika, Sardinien und Sizilien ihre Nach- 
barn am Tyrrhenischen Meere waren. Schon 
vor der Entfaltung von Karthago und vor 
dem Auftreten von Griechen und griechischer 
Ware sind die Phönizier ohne Zweifel die 
ältesten Träger überseeischen Einfuhrhandels 
in Etrurien gewesen (Körte bei Pauly-Wissowa 
6, 756). Somit konnten semitische Ein- 
wanderer nach Etrurien gelangen, welche 
dann, sei es als Verfertiger, sei es als Käufer 
von Spiegeln das Vorkommen semitischer 
Namen auf denselben verursachten. Ein 
solcher westsemitischer Bruchteil unter den 
Etruskern macht sich, wie mir scheint, in 
einer Reihe von Familiennamen bemerkbar, 
welche morgenländischen Ursprungs stark 
verdächtig sind, was folgende Beispiele 
zeigen mögen. Anani (CIE 3875 — 85) 
gleicht auffällig dem bei den Hebräern so 
häufigen 'Avavi'a; (Act. apost. 5, l), 
Umria (CIE 2398, 3016) dem Omri, König 
von Israel (i. Könige 16, 23, keilschriftlich 
Chumria), Amuni (CIE 4746) dem Ammoni 
»Ammoniter«, Armunia (CIE 1747, 4236) 
dem Armoni, Sohn des Saul (2. Sam. 21, 8). 
Bei dem Tuskernamen Satanas (CIE 4939) 
muß man des biblischen (Hiob i, 6; Ev. 
Matth. 4, 10) Satan, 2a-:ava? gedenken. 
Mestri (CIE 4396; Mestrius aus Vulci CIL 
XI 2931) blieb wohl nur deshalb unver- 
standen, weil man einen Blick ins Morgenland 
verabsäumte. Mea-cpaw?, Msatpifj, Msorpaia 
»Ägypter, Ägypten« (Joseph, ant. i, 6, 2; 
Syncell. P 51 C; 91 A) entstanden aus 
semitischen Namen (hebr. Misri Ägypter, 



Misrai'm, Masor Ägypten, babyl. Misir, assyr. 
Misri; über Wiedergabe des Sade durch ffr 
vgl. Lewy, Semit. Fremdwörter im Griech. 
25). Ägyptens erster König hieß Msa-patjx 
(Syncell. a. a. O.), wozu die Lesung Mestres 
bei Plinius 36, 64 paßt. Nebenbei sei hier 
bemerkt, daß ich (dies. Jahrb. VI 1 1 892, 43 ff. ; 
Borchardt, Grabdenkmal des Königs Sahure 
2, 158) in einem Grabe zu Vulci das Bild 
eines ägyptischen Kriegsschiffes von etwa 
600 V. Chr. nachwies. Nach W. Schulze, 
Zur Geschichte der latein. Eigennamen 286, 
zeigt Hatile (CIL XI 3660 aus Caere) trotz 
lateinischer Schreibung einen rein etrus- 
kischen Habitus. Ich möchte davor warnen, 
Hatile für echt etruskisch zu halten, da es 
anscheinend mit dem Hebräernamen Chattil 
(Esra 2, 57) zusammenhängt. Schon die 
Anzahl dieser und weiterer ähnlicher Glei- 
chungen verbietet den Gedanken an ein Spiel 
des Zufalls. 

Zum Schlüsse sei noch kurz eine Dar- 
stellung auf einem Spiegel erörtert, in welcher 
Körte (Etr. Sp. V 96 zu Taf. 78) »über einer 
Pyramide von Blättern die strahlenum- 
gebene Sonnenscheibe« sieht. Auch hier 
ist eine richtigere Auffassung aus dem 
Morgenlande zu holen; nicht Blätter sind 
gemeint, sondern Berge, von deren Kuppe 
der untere Teil der Sonne noch verdeckt 
wird. Die so eigentümliche Bergzeichnung 
in Form halbkreisförmiger, dachziegelartig 
angeordneter Schuppen mit doppelten Um- 
rissen, welche mit dem griechischen oder 
gräzisierenden Charakter des übrigen Spiegel- 
bildes recht wenig übereinstimmt, hat ihre 
Heimat, wo sie allein häufiger vorkommt, 
in babylonisch-assyrischen Landen. Mehr 
als ein Dutzend Male zeigt sie sich an den 
Palasttoren des Salmanassar III (860 — 824 
V. Chr.; Beiträge zur Assyriologie 6 Taf.l — 4; 
Perrot-Chipiez 2 Abb. 51; vgl. 38. Taf. 12) 
und schon früher erscheint sie auf babyloni- 
schen Zylindern bei der Darstellung des Vor- 
gangs, wie der seine Strahlen aussendende 
Sonnengott über die Berge des Ostens 
emporsteigt (Ward, Seal cylinders of western 
Asia Abb. 251 a. 258. 271). Dieses letztere 
Motiv ist unverkennbar zum Vorbild jener 
etruskischen Zeichnung geworden. 



Berlin. 



Ernst Aßmann. 



87 



Archäologische Miszellen. 



88 



II. ZUM VASENMALER SKYTHES. 

G. E. Rizzos Veröffentlichung der inter- 
essanten, in Caere gefundenen Schale mit 
der Malersignatur des Skythes (Mon. Piot 
XX loiff.) hat für die Beurteilung der 
Epilykos-Vasen eine neue Grundlage ge- 
geben. Sie veranlaßte mich gelegentlich 
zu einer Nachprüfung der Berliner PLpily- 
kosfragmente, die Rizzo in seiner um- 
sichtigen Behandlung der ganzen Gruppe 
nur kurz erwähnt hat. Die beiden Frag- 
mente, die hier (Abb. i und 2) zum ersten 



Inschriften beider zu 'ETCtXuxo? e^pa^osv. 
Diese Zusammenstellung ist in allen folgen- 
den Behandlungen bis zu Sauer in Thiemes 
Künstlerlexikon (dort die übrige Literatur mit 
Ausnahme des noch nicht berücksichtigten 
Rizzoschen Aufsatzes) beibehalten worden. 
Was zunächst die Form der Vase anbelangt, 
so sprach P. J. Meier von einem becher- 
artigen Gefäß, Furtwängler von einer niederen 
tiefen Schale oder einem Napf, dessen 
Form nicht mehr genau festzustellen sei. 
Nun sieht man an dem größeren Fragment, 
daß es über den Köpfen der Figuren in 
einer horizontalen Linie gebrochen ist, an 




Abb. I. 



Male nach Photographie wiedergegeben 
werden, hat P. J. Meier in der Arch. Zeit. 
1884, 240 f, Taf. 17, I veröffendicht. Er 
verteilte sie auf die zwei Seiten einer Vase 




Abb. 2. 

und ergänzte die Namens-Inschrift zu 'EiiiXu- 
xo? xaÄo?. Während Klein, Meistersignaturen 
I i4f. diese Ergänzung übernahm, setzte Furt- 
wängler, Berliner Vasenkatalog 4041, beide 
Fragmente nebeneinander und verband die 



der innen der Anfang eines etwas ein- 
springenden Profils fühlbar ist. Es folgte 
also oben ein besonders abgesetztes Glied. 
Dadurch wird es äußerst wahrscheinlich, 
daß die Fragmente zu der Schalenform 
mit abgesetztem Rande zu ergänzen sind, 
die Furtwängler, Ägina 494 f. und Griech. 
Vasenmalerei II 178 bei der Publikation 
der stilistisch nahe verwandten Hegesibulos- 
Schale behandelt hat. Freilich ist der 
untere Teil hier bauchiger als bei der Schale 
des Hegesibulos oder der unsignierten Ber- 
liner Brygosschale (Berlin 2309; leider ist 
dieses meisterhafte Werk immer noch un- 
publiziert); aber die Stärke der Wölbung 
variiert bei dieser Gattung sehr stark. 
Leider erlaubte die außerordentliche Em- 
pfindlichkeit der durch Brand beschädigten 
Fragmente nicht, die Rekonstruktion prak- 
tisch auszuprobieren. 



89 



Archäologische Miszellen, 



90 



P. J. Meier hat berechnet, daß das Ge- 
fäß in der Höhe der Basislinie, auf der 
die Figuren stehen, einen Durchmesser von 
10,8 cm hatte. Es ist nun klar, daß der 
Gewandrest an dem rechten Rande des 
größeren Fragments nicht mit der vorderen , 
Figur auf dem kleinen Fragment in Ver- 
bindung gebracht werden kann, sondern 
daß man mindestens eine Figur ergänzen 
muß (vgl. Abb. 3 nach Arch. Zeit.), wo- 
durch der Zusammenhang beider Inschriften 
schon recht in Frage gestellt wird. Er- 
gänzt man nun noch am linken Ende 
die Figur, von der nur ein Fuß er- 



Analogien ist es unmöglich, beide Dar- 
stellungen auf einer Seite zu vereinigen. Es 
bedarf kaum noch der Erwähnung, daß ein 
zweimaliges z-jpa'sazv auf derselben Vasen- 
seite — wenn man die Inschrift am linken 
Rande des größeren Fragments nicht zu 
s-otsasv ergänzen will — ungewöhnlich wäre. 
Gehören nun die Fragmente auf ver- 
schiedene Seiten der Schale, so fällt die 
Verbindung 'EmXu/o? l-ypacpasv, und es steht 
uns frei, beide Inschriften zu ergänzen. 
Nichts zwingt uns dazu, eine Verdoppelung 
oder gar Verdreifachung derselben Inschrift 
anzunehmen. Bestimmt in andere Richtung 




Abb. 3. 



halten ist, sowie die beiden Henkelpal- 
metten, so wird der Streifen bereits zu 
lang, um auf der einen Hälfte der Vase 
Platz zu finden. Dafür, daß die Fragmente 
auf die zwei Seiten der Vase zu verteilen 
sind, hat nun aber schon Meier einen 
durchaus triftigen Grund beigebracht, näm- 
lich den Inhalt und die Komposition der 
Darstellungen. Auf dem großen Fragment 
haben wir Gruppen ruhig stehender oder 
sitzender Figuren, zu denen wir rechts eine 
dritte ergänzen werden, auf dem großen 
die diagonal bewegten Figuren eines xüifios; 
denn schräg auf den Stab gelehnte Fi- 
guren wie die von Furtwängler richtiger 
beschriebene des vorderen Mannes auf 
dem kleinen Fragment werden häufiger in 
einen xSfio? eingeschoben. Nach allen 



führt uns die neue Schale aus Caere. Hier 
finden wir die nächste stilistische Parallele 
zu den Berliner Fragmenten; in der unbe- 
absichtigt komisch wirkenden naiven Ernst- 
haftigkeit der Figuren mit den ungelenken 
Bewegungen und den viel zu großen Köpfen, 
in den ganz eigenartigen Gesichtstypen, in 
Einzelheiten der Zeichnung von Gewand 
und Körper. Selten kann man mit einem 
so hohen Grade von Wahrscheinlichkeit 
wie hier behaupten, daß beide Gefäße von 
derselben Hand gemalt sind. Daraus er- 
geben sich für die Inschriften des Berliner 
Gefäßes die Ergänzungen zu 'ETTt^^uxc? xa- 
X6? und Sxuftrj? sypatpoüv; sind sie richtig, 
so ist ein zweites signiertes Werk des 
Malers Hxu&tj? gewonnen. 

Berlin. G. R o d e n w a 1 d t. 



91 



Neue Funde am Kerameikos. 



92 



NEUE FUNDE AM KERAMEIKOS. 

Das Deutsche Archäologische Institut 
zu Athen hat die Ausgrabung vor den 
Nordwest-Toren Athens, welche das Kgl. 
Griechische Kultusministerium ihm über- 
tragen hat, unter Leitung der Herren 
Brueckner und Knackfuß begonnen. Herr 
Bru eckner berichtet über die bisherigen 
Ergebnisse : 

Die Grabungen vom 8. April bis 27. Juni 
erreichten den ersten Aufschluß des aus- 
gedehnten Geländes, welches sich auf dem 
rechten Ufer des Eridanos zwischen der 
Stadtmauer und der nördlich von ihr in 
125 m Abstand verlaufenden modernen 
Piräusstraße erstreckt. Die Absicht der 
griechischen Regierung, in die Nordost- 
Ecke dieses Grundstücks, an die Piräus- 
straße, die Kirche der Hagia Trias zu ver- 
legen, vorausgesetzt, daß dort keine Alter- 
tümer aufgefunden würden, war für den 
Ausgangspunkt der Grabung bestiminend. 
Es wurde daher zunächst in diese Ecke 
des Grundstückes hinein ein Graben längs 
der Piräusstraße gezogen, 35 m lang. In 
seinen westlichen zwei Dritteln fand sich 
nichts als Zuschwemnmng bis in eine Tiefe 
von 5, 80 m. Mit dem letzten Drittel aber, 
dem weiter ab vom Eridanos-Tal gelegenen, 
näherten wir uns der Flucht des Dipylon, 
und damit änderte sich der Befund : aus 
4 m tiefer Verschüttung tauchte ein hoch- 
ragender marmorner Grenzstein auf, fest 
und aufrecht in seiner Basis, OPOS KEPA- 
MEIKOY auf Vorder- und Rückseite be- 
schriftet, mit dem vielbesprochenen Grenz- 
stein an der Stadtmauer zur Seite des 
Dipylon IG II. iioi völlig übereinstim- 
mend und fluchtgerecht. Die Auffindung 
des neuen Steines etwa 120 m vor der 
Stadtmauer in der Richtung des Tores 
löste alle Fragen und Zweifel, welche der 
andere, so lange er allein war, verursacht 
hat; die Abgrenzung hat nichts mit dem 
innern und äußern Töpfer-Demos, auch 
nichts mit dem Stadtmauerbau zu tun, 
sondern bezeichnet den Rand der aus dem 
Tore führenden Straße. Sie bestimmt die 
Fluchtlinien des Kerameikos, der berühm 
ten, 6 Stadien langen Gräberstraße, die 
bei der Akademie endend die irdischen 



Reste aller apiaroi der Stadt Athen seit 
Kimons Zeit aufgenommen hat. Die halbe 
Straßenbreite ist nun durch den Abstand 
des Grenzsteins an der Stadtmauer von 
der Mittelachse des Dipylon gegeben; rund 
19,10 m. Die ganze Breite der Straße 
betrug danach über 38 m. Der Keramei- 
kos stellt sich als sehr viel stattlicher 
heraus, als die bisherigen kartographischen 
Rekonstruktionen des Stadtbildes annehmen, 
als eine lata via, wie ihn Livius 31,24 
bezeichnet und wie es seiner Benutzung auch 
als Rennbahn entspricht. 

Der neugefundene Grenzstein weist unsern 
nächsten Arbeiten ihre Richtung. Es gilt, 
durch die 4 m hohe Schuttdecke hindurch 
den andern Grenzstein an der Stadtmauer 
zu erreichen, auf dieser 120 m langen 
Strecke die Erhaltung der Anlagen des 
fünften und vierten vorchristlichen Jahr- 
hunderts und ihre Geschichte bis zu ihrer 
schließlichen Aufgabe und Zerstörung zu 
erkennen. Dazu ist es notwendig, den 
Ausgangspunkt für die Beschreibung des 
Kerameikos, die Pausanias uns liefert, den 
Anfang bei der Stadtmauer, zu gewinnen. 
Aus dem äußern Grunde der Ermöglichung 
der Schuttabfuhr kann die Grabung nur 
von der modernen Piräusstraße aus, von 
außen auf die Stadtmauer zu fortschreiten. 
Erst wenn wir so die Stadtmauer selbst 
erreicht haben, wird ein sicherer Vergleich 
mit den überlieferten Nachrichten möglich 
und ergibt sich die historische Bestimmung 
der einzelnen an der Straße aufgefundenen 
Bauwerke und Grabbezirke. Die gute 
Hälfte der Arbeit dazu ist geleistet. Etwa 
60 m weit ist die alte Straßenfront auf 
der kaum merkbar gebogenen Linie von 
Grenzstein zu Grenzstein bisher verfolgt. 
Etwa 48 m von dem, welcher den Aus- 
gangspunkt unserer Untersuchung des Ke- 
rameikos bildete, 75 m von demjenigen an 
der Stadtmauer, ist ein Drilling zu diesen 
Steinen aufgetaucht, zur gleichen Zeit dieser 
Absteckung, in der zweiten Hälfte des vierten 
vorchristlichen Jahrhunderts, eingefügt in 
die hochanstehende Quadermauer eines 
älteren Grabbezirkes. Nur 40 m deckt 
noch die ganze Schutthöhe. Der Rest vor 
der Stadtmau.er ist bei ihrer früheren Auf- 
deckung soweit freigelegt, daß es nur mehr 



93 



N^ue Funde am Kerameikos. 



94 



einer Nachschürfung bedarf, um Zusammen- 
hang in die Aufdeckung des Kerameikos 
zu bringen. 

Was hinter den Grenzsteinen, an der 
Straße, aufgefunden ist, rechtfertigt den 
Drang zur Weiterarbeit. Von dem der 
Stadtmauer nahen Ende unseres Grabens 
überschauen wir bei dem zuletzt bezeich- 
neten Grenzstein die Mauern aus Piräus- 
kalk von drei Grabbezirken, die auf eine 
Strecke von 20 m hin bis zu 4 — 5 Quader- 
lagen noch aufrecht die schlichte Würde 
verraten, in welcher im fünften Jahrhundert 
der Anbau der Straße begonnen worden 
ist. Ihre Grundstücke haben gleichmäßig 
die bescheidene Tiefe von 3,80 m, wohl 
12 attische Fuß. Ihr steinerner Unterbau 
scheint, nach dem aufgefundenen Lehm- 
ziegelschutt zu schließen, Erdmäler getragen 
zu haben. Dahinter ist, soweit unser 16 m 
breiter Graben aufgedeckt hat, ein privates 
Gräberfeld nach der Weise der stadt- 
athenischen Nekropolen durch periodische 
Anschüttung immer höher an den Rück- 
wänden der Ehrengräber, welche die Front 
der Straße innehatten, emporgewachsen. 
Die Untersuchung dieser Anschüttung er- 
laubt, in einer ihrer Schichten den Schutt 
aus den Zerstörungen festzustellen, welche 
auf Sullas Belagerung der Stadt im ersten 
mithridatischen Kriege zurückgehen; wir 
finden da verbrannte Dachziegel, reiche 
Mengen von Wandputz mit feiner Bemalung; 
Bruchstücke von Terrazzo-Fußböden, haufen- 
weise Geschirr in Trümmern, in Summa 
Schutt aus zerstörten Häusern hellenistischer 
Zeit, zeitlich durch datierbare Grabsteine 
und Münzen klar bestimmt. 

An der Straßenfront schließen sich an 
die angegebenen Grabbauten einfachere 
Mauern aus Bruchsteinen, bisher auf eine 
Strecke von 17 m verfolgt, an. In diese 
Bauten noch unbekannter Bestimmung ist 
in frührömischer Zeit auf 1,50 m seit dem 
4. Jahrhundert erhöhtem Niveau ein großes, 
wohlerhaltenes Bassin, wohl eine Vieh- 
tränke vor dem Stadttore, verlegt. Nach 
einer noch verbliebenen Lücke von 1 1 m, 
die wegen ihrer späteren Überbauung noch 
nicht auf die älteren Reste hin untersucht 
werden konnte, kommen wir dann am 
andern Ende unseres Grabens zu einem 

Archäologischer Anzeiger 1914. 



Überaus stattlich angelegten Grabbezirk 
von etwa 15 m Front und 7,80 m Tiefe, 
dem Doppelten jener Bezirke des fünften 
Jahrhunderts. Die vordere Hälfte des 
Grundstückes war für die reich entwickelte 
Front benutzt, an der zwischen beiderseits 
vorspringenden FlUgelbauten die Mitte ein 
Rundbau von annähernd 7 m Durchmesser 
einnahm. Die Fassade gab die Stützmauer 
für das in der hinteren Hälfte und im 
Rundbau hochliegende Erdreich ab, in 
welchem Brandgräber sich erkennen lassen. 
Das kostbare Material der Fassade ist in 
später Zeit abgeräumt und der Grundriß 
nur mehr aus dem Fundament zu ent- 
nehmen ; doch sind von dem Skulptur- 
schmuck der überlebensgroße Torso eines 
liegenden Hundes und eine besonders große 
Marmor-Lekythos und einige andere Splitter 
in der bisher untersuchten einen Hälfte 
des Bauwerks aufgefunden worden. Seinem 
Stile nach ist dies Mausoleum um die 
Mitte des vierten Jahrhunderts zu setzen. 
Es kommt dafür deshalb unter den Gräbern, 
welche Pausanias nahe vor dem Dipylon 
erwähnt, das des Strategen Chabrias in 
Betracht, der 357 vor Chios gefallen ist. 
Pausanias hat den Kerameikos noch in 
seiner vollen Breite, freilich bereits arg 
verschüttet, gesehen. Im Laufe des dritten 
nachchristlichen Jahrhunderts, in der Peri- 
ode der valerianischen Stadtmauer, lag die 
Straße gegen das vierte vorchristliche Jahr- 
hundert etwa 3 m höher; in dieser Zeit 
sind die überragenden alten Reste abge- 
tragen und zu neuen Bauten benutzt, die 
in den alten Straßenraum weit vorgreifen. 
Damals ist also der Kerameikos aufgegeben 
worden. In einer letzten Periode früh- 
christlicher Zeit hat inmitten unserer bis- 
herigen Grabungsstelle ein Verein oder eine 
Gemeinde sich eine Begräbnisstelle unter 
Benutzung eines spätrömischen Baues ge- 
schaffen, indem reihenweise gemauerte 
Grabstellen von 90 cm Tiefe angelegt 
wurden, anscheinend für jede Familie eine, 
in der neben und übereinander die Leichen 
zu Haufen geschichtet sich fanden. Ihre 
Beigaben an Lampen, Gefäßen und Tier- 
figuren ergeben für. das Ende der athenischen 
Töpferei ein anschauliches und charakte- 
ristisches Material. 



95 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. April-Sitzung 1914. 



96 



Von Einzelfunden seien hervorgehoben 
ein Ostrakon vom Scherbengericht wider 
Dämon, den Sohn des l^amonides, den 
politischen und musikalischen Freund des 
Perikles, und ein ausgezeichnetes männ- 
liches Profilporträt späthellenistischer oder 
römischer Zeit aus Terrakotta, h. 0,08. 

Daß im übrigen die Sammlungen in 
unserm Arbeitsmuseum am Dipylon, in 
welchem Dr. Buschor und Dr. Freiherr 
von Kaschnitz ordnend tätig sind, mannig- 
fachen Zuwachs erfahren haben, ist bei 
einer Grabung in oder bei dem Künstler- 
viertel des alten Athen selbstverständlich. 



ARCHÄOLOGISCHE GESELLSCHAFT 
ZU BERLIN. 

Sitzung vom 7. April 1914. 

Vorsitz: Herr Dragendorff. 

Als neues Mitglied wird Herr Prof. Dr. 
M. Kremmer, Direktor des Arndt-Gym- 
nasiums in Dahlem, aufgenommen. Aus- 
getreten ist Herr Dr. A. Ippel. Zu Be- 
ginn verliest der Vorsitzende die von S. M. 
dem Kaiser bei dem Arch. Institut einge- 
gangenen Berichte über die Ergebnisse der 
Ausgrabungen in Korfu, die Allerhöchster 
Weisung entsprechend den Mitgliedern der 
Gesellschaft bekannt gegeben werden sollen. 

Herr C Watzinger aus Gießen (als 
Gast) sprach über die historische Stel- 
lung der galiläischen Synagogen. 
Der Vortragende erläutert ein Modell der 
Synagoge von Teil Hüm (Kapernaum) und 
eine Reihe Rekonstruktionszeichnungen ga- 
liläischer Synagogen, die Herr Regierungs- 
baumeister Dr. H. Kohl auf Grund der 
Untersuchungen und Aufnahmen der Syn- 
agogenexpedition der D. O.-G. vom Jahre 
1905 und 1907 für die demnächst er- 
scheinende Publikation ausgeführt hat. 
Zu den Architekturformen werden die 
nächsten Parallelen in der Architektur des 
Hauran und der Ledschah aus der Anto- 
ninenzeit nachgewiesen. Während die 
einzelnen Schmuckformen der heidnischen 
Architektur des endenden II. Jahrh. n. Chr. 
entstammen, geht der basilikale Grundriß 



und der Aufbau des Inneren auf helle- 
nistische Tradition zurück, wie u. a. die 
im Talmud erhaltene Beschreibung der 
großen Synagoge von Alexandria lehrt. 
Die neben den jüdischen Emblemen er- 
scheinende figürliche Dekoration ist schwer- 
lich aus einer laxen Auffassung des Geset- 
zes zu erklären ; sie ist wohl damit zu be- 
gründen, daß diese ersten monumentalen 
Synagogenbauten in Galiläa heidnische 
Stiftungen, also Geschenke eines dem 
Judentum wohlgesinnten römischen Kaisers, 
sind. Die heidnische Überlieferung, mit 
der jüdischen Tradition im Talmud kom- 
biniert, gestattet, im Verein mit den Archi- 
tekturformen, als Zeit der ersten galiläischen 
Synagogen die gemeinsame Regierung des 
Septimius Severus und Caracalla im Osten 
zu bestimmen und insbesondere unter dem 
im Talmud genannten Antoninus, Sohn des 
Severus, der in freundlichen Beziehungen 
zu dem Patriarchen Juda I ha Nasi stand, 
den Kaiser Caracalla zu verstehen. 

Zuletzt geht der Vortragende auf die 
wichtigen Zusammenhänge ein, die den 
neuen Bautypus der Synagoge mit den 
ersten christlichen Basiliken der Konstan- 
tinischen Zeit im Osten verbinden, und 
zeigt an einigen Beispielen die Bedeutung 
der Synagoge für die Entstehung der christ- 
lichen Basilika. Eine ausführliche Darstel- 
lung der hier nur angedeuteten F>gebnisse 
wird in diesem Jahre in der Veröffent- 
lichung der Synagogenexpedition der D. 
O.-G. erscheinen. 

Herr Br. Schröder legt den Abguß 
eines Marmorfragments aus dem Bonner 
Kunstmuseum vor : zwei Hände, die einen 
Diskos halten, also den Rest von der 
Statue eines Diskobolen in der Stellung, die 
in der Ausführung des Wurfes der Stellung 
des myronischen Diskobolen oder, was 
wahrscheinlicher ist, der Ludovisischen 
Diskobolenherme vorhergeht. So wird 
nun durch ein Werk großer Plastik er- 
wiesen, daß die rechte Hand den Diskos 
mit gespreizten Fingern hielt und den 
Rand nur mit den Fingerspitzen packte. 
Theorien, die der Vortragende in seiner 
Broschüre »Zum Diskobol des Myron« ver- 
treten hat, werden also durch das Bonner 
Bruchstück bestätigt. Kunstgeschichtlich 



97 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Mai-Sitzung 191 4. 



98 



betrachtet scheint dieser Statuenrest zu 
einem Werk zu gehören, das der Zeit des 
Myron entstammt und einen starken un- 
bekümmerten Naturalismus verraten haben 
muß. 

Sitzung vom 5. Mai 1914. 

Vorsitz: Herr Loeschcke. Als neues 
Mitglied ist Herr Geheimer Medizinalrat 
Hans Virchow angemeldet. Die zwei 
letzten Kaisertelegramme über die Aus- 
grabungen in Korfu kommen zur Verlesung. 
Herr Brueckner berichtet brieflich über 
die Auffindung eines neuen opo?-Steines 
am Kerameikos. Herr I>oeschcke legt 
die neuen Werke von Bourguet über Del- 
phi, den 5. Band von Esperandieu's 
Recueuil und Kinchs Vrouliä vor. 

Den Hauptvortrag des Abends hielt 
Herr von Bissing aus München (als 
Gast) über die Entwicklung der 
Pfeiler und Säulen in der alt- 
ägyptischen Kunst. 

Der Vortragende verfolgte zunächst die 
reiche Entwicklung des Steinpfeilers vom 
viereckigen, basis- und kapitellosen bis 
zum 2 8 kantigen Pfeiler mit viereckiger 
Basis. Neben der Abkantung der Ecken, 
die ursprünglich dem Innenraum mehr 
Licht zuführen soll, tritt seit dem mittleren 
Reich die echte Kannelur auf, deren An- 
fänge sich an kleinen, dekorativen Pfeiler- 
chen bis in die I. Dynastie zurückver- 
folgen lassen, und die, wie Semper es aus- 
gesprochen, einem ästhetischen Gefühl ent- 
springt. Der Abakus der Pfeiler erweist 
sich nach Gestalt und Ausmaßen überall 
als der Rest des ursprünglichen viereckigen 
Pfeilers, dessen oberes Ende man zur Er- 
höhung der Tragfähigkeit stehen läßt. Vor 
den vierkantigen Pfeiler (beim »Hathor- 
pfeiler« auch vor polygonale Stützen) stellt 
nun die ägyptische Kunst aus symbolischem 
Bedürfnis ikonische und anikonische Götter- 
bilder: das bekannteste Beispiel sind die 
Pfeiler mit Osirisbildern (in der XVIII. 
Dyn. auch im Reichstempel zu Karnak ver- 
wandt) und die Hathorpfeiler, deren Er- 
klärung als die Himmelsdecke stützende 
Sistra eine alle Tatsachen verleugnende 
Phantasterei war. Bei den polygonalen 



Hathorpfeilem ist der Übergang zur runden 
Säule, der wohl seit dem mittleren Reich 
vollzogen wird, besonders leicht. Aber 
auch hier wird in der Zeit vor Dyn. XXVI 
der Kuhgöttinkopf nur an zwei Seiten des 
Kapitells angebracht. 

Vierkantige Pfeiler des alten Reichs und 
der XVIII. Dyn. verwenden das Motiv 
eines gegen den Pfeiler gestellten Symbols 
anscheinend in anderem Sinne: sie stellen 
echte Pflanzensäulen mit Basis und Abakus 
an die Frontseite, doch wohl, um den Raum 
gleichsam illusionistisch zu erweitern. Be- 
merkenswert bleibt, wie dabei die Pfeiler 
Tuthmosis III. in Karnak scharf unter- 
scheiden zwischen der Pflanzensäule und 
der auf der andern Seite abgebildeten, aus 
dem Wasser ohne Basis und Abakus auf- 
ragenden Papyrus- oder Irispflanze, einen 
Unterschied, den eine gedankenlose Er- 
gänzung freilich verwischt hat. 

Neben dem viereckigen Steinpfeiler steht 
seit alter Zeit die runde, aus der Stangen- 
stütze entwickelte Holzsäule, die wir jetzt 
auch in Stein übertragen aus der V. 
Dyn. in den sog. Stammsäulen von Abusir 
kennen. Die hauptsächlichsten Formen, 
die Papyrussäule, die Lotossäule, die Nym- 
phäensäule, die Kompositsäulen und die 
Palmsäulen wurden in ihrer Entwicklung, 
meist seit dem alten Reich, verfolgt, für 
die bisher nur aus Abbildungen oder aus 
der Spätzeit nachgewiesenen Kompositsäu- 
len ein erhaltenes Exemplar aus El Amarna 
(Petrie T. IX) aufgezeigt und die Vermutung 
ausgesprochen, daß diese Säulen im Holzbau 
der Privatarchitektur sich entwickelt haben 
und wie manche andere Elemente aus 
dieser leichten Architektur in der Zeit 
Amenophis IV. in den Prunk- und Steinbau 
übernommen worden sind. Nachdrücklich 
wurde die reiche Ausgestaltung und Um- 
wandlung des Kompositkapitells der Spät- 
zeit dem Einfluß des korinthischen Kapi- 
tells zugeschrieben. 

Die Entwicklung all dieser Pflanzensäulen 
läuft im wesentlichen parallel: überall sind, 
von der Palmsäule abgesehen, wohl ur- 
sprünglich Bündelsäulen gemeint, deren 
polygonale Stämme sich allmählich ab- 
runden, stets ist eine Basis vorhanden (die 
das Vorbild dieser Säulengattung, die Holz- 



99 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sitzung 191 4. 



100 



Säule, naturgemäß braucht), stets ruht über 
dem Kapitell der viereckige Abakus als 
Träger, eine Entlehnung von dem Stein- 
pfeiler bei der Übertragung der mit dem 
Gebälk verzapfbaren Holzsäulen in den 
Steinbau. Auf diesen Abakus haben die 
alten Ägypter für die Erscheinung der 
Säule den größten Wert gelegt, er ist 
fast immer sichtbar und wird regelmäßig 
von ihnen abgebildet. Die Auffassung, 
daß die Pflanzensäulen frei aus dem 
Wasser aufragende, nichts tragende Pflan- 
zen seien, können die Architekten des 
neuen Reichs unmöglich gehabt haben, 
sonst hätten sie nicht seit Dyn. XVIII Ende 
in steigendem Maße den Stamm der 
Säule mit Inschriften und Darstellungen 
überzogen. Aber auch die alten Baumeister 
müssen anders empfunden haben, denn die 
Bemalung des Stammes ist schon im mitt- 
leren Reich willkürlich, und die Verwendung 
von Lotos und Nymphäen, deren Blüten nie 
hoch über die Oberfläche des Wassers auf- 
ragen, schließt nüchterner Weise jeden Ge- 
danken aus, die nach ihnen benannten Säulen 
stellten lebendige Pflanzen dar. Die beste 
Widerlegung aber bringt die Palmsäule: bei 
ihr, deren entlaubter Stamm unmittelbar 
als Stütze verwandt wurde, hat man erst 
in einigen ptolemäischen Exemplaren natura- 
listisch den Charakter des Stammes wieder- 
gegeben, und zwar nur am oberen Ende, 
und frühestens die späte XVIII. Dynastie 
fügt in der Privatarchitektur zwischen die 
Palmwedel Dattelbündel ein, wie sie in der 
Steinarchitektur nicht vor der Spätzeit 
auftauchen. Alle Palmsäulen zeigen aber 
am Ansatz der Wedel ein mehrfach um den 
Stamm geschlungenes Band, dessen Propor- 
tionen die Deutung der aus ihm hervor- 
sehenden Schleife als der Schlaupe, die 
sich der Bauer beim Befruchten der Palme 
um den Leib schlingt, unmöglich macht: 
es ist das Band, mit dem die Palmwedel 
als Schmuck am oberen Ende des Stammes 
angebunden sind. 

Bekannte Reliefs, die den Bau von Fest- 
hütten zeigen, stützen diese Auffassung, 
alle Pflanzensäulen sind als Holz- (oder 
Stein-)stützen gedacht, um deren Schaft oder 
auch nur oberes Ende Pflanzen gebunden 
sind : der Schaft mit dem Abakus ist der 



wirkliche Träger. Gegenüber der künst- 
lichen, den Tatsachen Gewalt antuenden 
Auffassung Borchardts behält grundsätz- 
lich der alte Quatremere de Quincy recht, 
wenn er sagt: „L'ornement en Egypte ne 
repose dans aucune de ses parties sur 
des formes prescrites par la construction. 
II en est independant de la meme ma- 
niere que celui qui s'applique aux vases, 
aux meubles et ä une multitude d'usten- 
sils. II serait ridicule de fonder en 
Egypte l'invention de la colonne sur 
l'imitation de l'arbre ou de !a plante. 
Ce serait supposer que l'accessoir aurait 
produit le principal. L'analogie de quel- 
ques plantes avec quelques colonnes en 
Egypte n'est autre chose qu'une analogie 
decorative et non une analogie constitu- 
tive." 

Herr Dragendorff legt M. Rostow- 
zews Veröffentlichung der griechischen 
Wandmalereien aus Süd-Rußland vor, hebt 
einige Hauptergebnisse für die Geschichte 
der antiken Wandmalerei hervor und 
weist auf das vielseitige Interesse hin, 
das das reiche, in mancher Beziehung 
einzigartige Material durch die eindrin- 
gende gelehrte Bearbeitung Rostowzews 
gewonnen hat. 

Sitzung vom 9. Juni 1914. 

Vorsitz: Herr Loeschcke. 

Als neue Mitglieder sind die Herren Prof. 
Seeger in Burg bei Magdeburg und Baurat 
Boerschmann in Charlottenburg ange- 
meldet. Herr Loeschcke legt neue photo- 
graphische Aufnahmen von Skulpturen des 
Berliner Museums vor. 

Herr Th. Wiegan d sprach über die 
byzantinischen Kaiserpaläste zu 
Konstantinopel. 

Der Redner schilderte zunächst kurz die 
Lage der drei hervorragendsten Kaiser- 
paläste innerhalb Konstantinopels (Palast 
Konstantins des Großen am Hippodrom, 
Palast der Blachernen am Nordende der 
Stadt, Palast Bukoleon am Marmarameer), 
ging dann zu einer kurzen Kritik der Werke 
von Labarte (1861), Paspatis (1885) und 
Ebersolt (19 10) über und besprach die 
Bedeutung des von Kaiser Konstantin VII. 



lOI 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sitzung 1914. 



102 



Porphyrogennetos (fgSg) verfaßten liber de 
caerimoniis, der die wichtigsten topogra- 
phischen Angaben enthält. Es folgte eine 
Schilderung der Hauptteile des konstan- 
tinischen Palastes am Hippodrom und seiner 
Erweiterungen durch Justin II., Justinian 
Rhinotmetos und besonders durch die 
Herrscher der makedonischen Dynastie. 
Bis vor kurzem war von den Resten der 
ungeheuren Anlage fast nichts sichtbar. 
Der große Brand in Stambul von 191 2 
hat aber das ganze moderne Stadtquartier 
in Trümmer gelegt, aus diesen ragen nun 
einzelne Baumassen der byzantinischen Zeit 
hervor, die auf Veranlassung des Redners 
durch Diplomingenieur Dr. Karl Wulzinger 
sorgfältig aufgenommen wurden. Diese 
Arbeit ist noch nicht abgeschlossen. Es 
zeigte sich eine Fülle von Substruktionen 
aller Art, Pfeilern, gewaltigen Gewölben, 
ein sehr großes Treppenhaus, das auch von 
Pvbersolt schon beobachtet wurde. Es kann 
in größeren Zusammenhang mit einem 
weiter oberhalb von ihm liegenden großen 
Komplex gebracht werden. Wulzinger 
stellte hier u. a. eine geradlinige Stützmauer- 
flucht von mehr als 150 m Länge fest. 
Auch nördlich dieser Terrassenmauer ist 
die ganze Gegend (Ishak-Pascha, unterhalb 
der Moschee Sultan Ahmets und des 
Justizministeriums) erfüllt von einem System 
unterirdischer Gewölbe, die den modernen 
Bewohnern zum Teil als Keller und Zisternen 
dienten. Der Vortragende betonte die 
Wichtigkeit systematischer Freilegung des 
ganzen Brandgebietes und sprach die Hoff- 
nung aus, daß die Untersuchung durch- 
geführt werden möge, ehe die Stätte wieder 
nach den neuen Plänen der Stadtverwaltung 
überbaut werde. Die Behandlung, welche 
die derzeitige Stadtpräfektur den byzan- 
tinischen Denkmälern von Stambul erweist, 
ist beklagenswert. Nicht nur nimmt der 
neue .Stadtplan zu wenig Rücksicht auf die 
ältere Topographie, sondern man scheut 
sich nicht, zahlreiche noch aufrechtstehende 
historische Baureste rücksichtslos nieder- 
zureißen. So hat in diesen Tagen die 
Präfektur bei Mewlewi-Kapu die Mauern 
mit Brechmaschinen einreißen lassen und 
Psammatia-Kapu ist heimlich in der Nacht 
abgerissen worden. Auch den neu ge- 



fundenen Substruktionen bei der Gothen- 
säule hat die Stadtpräfektur übel mitgespielt. 

Wieviel man aber aus einfacher Beob- 
achtung der noch aufrechtstehenden Palast- 
reste ermitteln kann, beweist die von dem 
Vortragenden gemeinsam mit Dr. Wulzinger 
unternommene Untersuchung des soge- 
nannten Hormisdaspalastes, der zu dem 
großen Komplex des „Palastes am Meer" 
gehört. Die Ruine, an der die Eisenbahn 
dicht vorbeifährt, steht mit der Front auf 
der Seemauer und zeigt eine Reihe nach 
dem Meer sich öffnender, reich dekorierter, 
marmorner Balkontüren, auch die Tragsteine 
der Balkons sind zum Teil noch vorhanden. 
Östlich und westlich schlössen sich säulen- 
getragene Bogenstellungen an. Die Schmuck- 
teile der Portale und Bogen sind älteren 
Bauten entlehnt, auch die Seemauer selbst 
enthält in jener Gegend zahlreiche Werk- 
stücke älterer Epochen. Es ergibt sich, 
daß die genannten Portale und Bogen- 
stellungen zu einem Erweiterungsbau 
gehören, und daß die Reste des älteren 
Palastes an dieser Stelle ursprünglich nicht 
bis an die heutige Seemauer heranreichten. 
Die Erweiterung ist auf Nikephoros Phokas 
(963 — 69) zurückzuführen, der nach dem 
Zeugnis des Kedrenos ältere Bauten zu 
diesem Zweck geplündert hat. Von der 
Festungsmauer, mit welcher Nikephoros den 
Palast umgab, ist auch ein Teil noch vor- 
handen, leider fiel das dazu gehörige, mit 
vier Säulen geschmückte Tor, das von 
Paspati noch gesehen wurde, 187 1 dem 
Bahnbau zum Opfer, ohne daß vorher eine 
Aufnahme gemacht wurde. 

Der wichtigste neue, von dem Redner 
erbrachte Nachweis ist, daß sich in dem Vor- 
sprung der Seemauer beim Hormisdaspalast 
ein großartiges, aufsteigendes, innen von 
Säulen gestütztes und überwölbtes Treppen- 
haus befindet, das nichts anderes sein kann 
als der kaiserliche Aufgang von der 
See zum großen oberen Palast Kon- 
stantins des Großen. Der Aufgang zeigt 
zwei sehr hohe und breite Bogenöffnungen, 
vor denen die kaiserlichen Galeeren an- 
legten. Diese Portale sind später in ganzer 
Höhe vermauert worden. Ihre Dimen- 
sionen sind überaus gewaltig, die Dicke 
des Ziegelbogengewölbes, im Scheitel 



103 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sitzung 1914. 



104 







Abb. I, 



gemessen, beträgt 3,60 m. Damit ist die 
berühmte äKoßd&pa tou ßaadsto? wieder- 
gefunden, von der u. a. Wilhehn von Tyrus 
(XX. 25) im Jahre 1169 folgendes berichtet: 
„Es ist aber in der Stadt selbst an dem 
östlichen Meeresstrande ein kaiserlicher 
Palast, welcher der konstantinische genannt 



wird, der einen Eingang gegen das Meer 
hat, mit bewundernswürdigem und präch- 
tigem Gebälk, und marmorne Stufen hat 
bis an das Meer selbst, Löwen und Säulen 
mit königlichem Aufwand errichtet, aus 
demselben Material. Hier pflegt nur für 
die Kaiser der Aufgang zu den oberen 



I05 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sit7.ung 1914. 



106 



Teilen des Palastes zugänglich zu sein, 
aber dem Herrn König (Amalrich von 
Jerusalem) wurde im Hinblick auf sein vor- 
zügliches Ansehen gegen die gemeine Regel 
etwas nachgesehen, so daß ihm von dieser 
Seite einzutreten gestattet war." 

Auf Grund der gesamten Beobachtungen 
wurden Rekonstruktionsversuche Wulzingers 
im Lichtbild vorgeführt, die sowohl von 
den Galerien des Palastes am Meere als 
auch von der kaiserlichen «TroßaDpa eine 
sehr eindrucksvolle Vorstellung vermittelten. 
Abb. I zeigt die kaiserliche Anlegestelle 
vom Meere aus. 

An zweiter Stelle sprach Herr La tt er- 
mann über Alea und Stymphalos auf 
Grund seiner Aufnahmen und Beobachtungen 
im Juni 19 10'). Die Lage und die vor- 
trefflich erhaltenen Mauern von Alea führte 
er in Lichtbildern vor; eine Vermessung 
des Ortes, die erwünscht wäre, hatte die 
Kürze der Zeit verboten. Wichtig ist die 
Beobachtung an den Mauern, daß die 
Türme nicht im Verband, mit den Kurtinen 
stehen. Anscheinend rühren die Mauern 
erst aus der Zeit des achäischen Bundes 
her. Der Ort muß immer wegen seiner 
Lage an einer bequemen Straße, Athen- 
Sparta, eine Rolle gespielt haben. — Für 
Stymphalos lag bisher nur eine be- 
scheidene Skizze von Curtius vor. Der 
Vortragende bedauerte, daß auch ihm die 
knappe Zeit nicht erlaubt hat, einen genauen 
Plan aufzunehmen. Immerhin konnte er 
feststellen, daß Curtius sich bei der 
Orientierung seiner Skizze um etwa 60" 
geirrt hat: die I,ängsachse des Burgberges 
ist nicht nach OSO, sondern nach NO ge- 
richtet. Auch im einzelnen ist das Bild 
der Stadt etwas klarer geworden; so ließ 
sich in der W-Mauer unterhalb des Burg- 
berges ein Tor nachweisen, und als Bei- 
spiel der schon von Roß geforderten 
Einzelaufnahme konnte Grundriß und An- 
sicht der merkwürdigen Exedra am SO- 
Rande des Burgberges gezeigt werden. 
Das sehr beachtenswerte Fundament des 
Artemistempels (neben dem sog. Katholi- 
ken, einer mittelalterlichen Anlage zweifel- 

') Vgl. Hiller v. Gaertringen und Lattermann, 
Arkadische Forschungen, Anh. z. d. Abhandlungen 
der Berliner Akademie 191 1, S. 9 f. 



hafter Bestimmung) ist durch Peilungen an 
den eigentlichen Stadtplan angeschlossen 
worden; leider werden diese Reste, die 
wichtige Aufschlüsse versprechen, von den 
Bauern immer mehr zerstört. Schließlich 
hat Herr Lattermann noch im N der Stadt 
nahe dem heutigen Dorfe Kionia einen 
aus dem lebendigen Felsen sehr sorgfältig 
gemeißelten Götterthron über einer (le'eren) 
Grabkammer entdeckt. Auch bei diesem 
Teile des Vortrages unterstützten zahlreiche 
Photographien die Ausführungen und er- 
weckten eine lebendige Vorstellung von 
dem hochinteressanten Orte und seiner 
reizvollen Umgebung. Einen ausführlichen 
Bericht gedenkt Herr Lattermann an 
anderer Stelle zu geben. 

Zum Schluß sprach Herr v. Luschan 
über den Bogen des Pandaros. 

Der Bogen des Pandaros muß von dem 
des Odysseus durchaus getrennt werden. 
Der letztere ist ein typisch asiatischer Bogen, 
genau wie die im Querschnitt aus Holz, 
Hörn und Sehnenbündeln zusammenge- 
setzten Bogen der Turkvölker, der Inder, 
Perser, Chinesen usw. Darüber kann nach 
dem, was ich i8g8 in der Festschrift für 
Otto Benndorf ausgeführt, nicht der 
Schatten eines Zweifels bestehen, und wer 
das nicht begreift, der kann vielleicht lesen, 
aber er kann nicht sehen. Hingegen ist 
der in der Ilias A 104 ff. erwähnte Bogen 
des Pandaros vermutlich wirklich der Länge 
nach aus zwei Hörnern von Oryx Beisa 
zusammengesetzt. Jedenfalls ist es technisch 
möglich, solche Hörner ohne weitere Be- 
arbeitung auf ein festes Mittelstück von 
Holz aufzustecken und durch Umwicklung 
der Stirnenden vor dem Platzen zu sichern. 
Ein solcher Bogen kann niemals die staunens- 
werten Eigenschaften des asiatischen Bogens 
haben, aber man kann jedenfalls mit ihm 
schießen wie mit einem gewöhnlichen ein- 
fachen Holzbogen. Hat man die Hörner 
eines großen und alten Tieres gewählt, so 
gibt das sogar einen sehr kräftigen Bogen, 
mit dem ein muskelstarker und geübter 
Mann zur Not auch auf eine Entfernung 
von einigen hundert Schritt schießen und 
auf geringere Entfernung auch eine gewi.sse 
Durchschlagskraft erzielen kann. Hörner 
von jungen Tieren brechen leicht. In 



I07 



Melische Reliefs. 



io8 



einem Falle ist mir schon beim ersten 
Versuch, den Bogen zu spannen, eines der 
Hörner glatt durchgesplittert. 

Wie Pandaros dazu kam, eine Oryx- 
Antilope zu erlegen, weiß ich nicht; daß 
es aber völlig unmöglich ist, Hörner von 
Capra aegagrus in solcher Weise auf ein 
Mittelstiick aus Holz zu stecken und dann 
mit einem derartig improvisierten Bogen 
zu schießen, habe ich bereits an anderer 
Stelle gesagt und kann es hier nur einfach 
wiederholen. Auch die Hörner von Oryx 
leukoryx eignen sich nicht zur Herstellung 
eines Bogens. Zwei in den letzten Jahren 
in Ägypten gemachte P"unde von kleinen 
Bruchstücken, die vielleicht zu Bogen ge- 
hören, stammen auch von Oryx Beisa. 



MELISCHE RELIEFS. 

Der Unterzeichnete ist mit der Sammlung 
und Herausgabe der melischen Reliefs be- 
schäftigt. Ihm wurden solche in den Museen 
von Athen, Basel, Berlin, Breslau, Dresden, 
Jena, London, München, New York, Paris, 
Würzburg bekannt. Leiter anderer Museen 
und Private, die melische Reliefs besitzen, 
würden ihn durch Mitteilung derselben zu 



lebhaftem Dank verpflichten. Insbesondere 
wo befinden sich heute folgende Stücke: 

1. Untenstehend Abb. i abgeb. nach Mon. 
d. Inst. I Taf. XVIII (Weicker Annali 
1830, 65). Einst von dem Baron 
Beugnot in Aegina erworben, später 
im Besitz des Vicomte de la Passe, 
Sekretärs der Gesandtschaft in Neapel. 
(Vgl. Rayet im Bull. d. corr. hell. III 
1879, 329.) 

2. Das hier in Abb. 2 nach Bull. d. corr. 
hell. III 1879 Pl- XIII abgebildete 
Relief. Im Besitz O. Rayets. S. cat. 
de la collection Rayet 1879 p. 8 Nr. 28. 
Dann in Sammlung E. Piot, mit der 
es im Mai 1890 für 3000 fr. verkauft 
wurde. Wer kaufte es? 

3. Odysseus und Penelope. Abg. bei 
Müller, Die antiken Odyssee-Illustra- 
tionen S. 90 Fig. 83. Hier Abb. 3. 

4. Fußwaschung des Odysseus. Voll- 
ständigeres Exemplar des von Robert 
in den Ath. Mitteilungen 1900, Taf. XIV 
publizierten Fragmentes. 19 12/13 im 
Kunsthandel. 

5. Orest und Elektra am Grabe Agamem- 
nons. Früher in Besitz O. Rayets bis 
1879 (catal. de vente p. 7 no. 27), dann 
bei Lecuyer. Abg. cat. de la coli. 
Lecuyer pl. XXX. Bis auf geringe 




Abb. I. 



109 



Melische Reliefs. 



110 




Abb. 2. 




Abb. 3. 



Archäologischer Anzeiger 1914- 



III 



Quellen der Religionsgeschichte. 



112 



Varianten dem Exemplar in Würzburg 
gleichend, das Sitd, Parerga zur alten 
Kunstgeschichte (Würzburg 1893) 
Taf. II abgebildet hat. Beide dem 
Exemplar des Louvre Mon. d. Inst. 
VI Taf. LVII ähnlich. 

6. Flügelfrau, ein Kind auf den Armen 
haltend (Harpyie mit Seele). Früher 
in Sammlung Piot. Fröhner, catal. 
de vente de la collection Piot p. 77 
nr. 324 abg. pl. XI. Ähnlich London 
cat. of the terracottas B 362 (abg. 
Salzmann necr. d. Camirus pl. 2 ;) und 
das Exemplar des Louvre (Schöne, 
Griech. Reliefs S. 61 Nr. 20). 

7. Peleus und Thetis ringend. Früher 
bei Vassos in Athen. Abgeb. bei 
Schöne a. a. O. Taf. XXXIV, Nr. 133 
und Dumont-Chaplain II pl. I. 

8. Zweikampf eines Griechen und Bar- 
baren. Früher bei Vassos in Athen. 
Abgeb. bei Schöne a.a. O. Taf. XXXIII, 
Nr. 131. 

9. Fragment einer Bellerophon-Chimaira- 
Darstellung. Erhalten nur die Chimaira, 
vom Bellerophon und Pferd nur ge- 
ringe Spuren. Früher Sammlung Cal- 
vert Dardanellen. Phot. d. Athen. 
Instituts Samml. Calvert Nr. too. 



Marburg a. L. 



P. Jacobs thal. 



QUELLEN DER RELIGIONS- 
GESCHICHTE. 

Aus dem Programm der Kommission 
bringen wir folgende, für das Gebiet des 
Altertums wesentliche Absätze zum Ab- 
druck: Bei der Königlichen Gesellschaft der 
Wissenschaften zu Göttingen ist eine Reli- 
gionsgeschichtlicheKommission ge- 
bildet worden, die, unter Mitwirkung der kom- 
petentesten inländischen und ausländischen 
Gelehrten, »Quellen der Religionsgeschichte« 
zu sammeln und in deutscher Sprache heraus- 
zugeben die Aufgabe hat. Die Mitglieder 
dieser Kommission sind die Göttinger Pro- 
fessoren Friedr. C. Andreas, Wilh. Bousset, 
Herm. Oldenberg, Rud. Otto, Rieh. Pietsch- 
mann, Edw. Schröder, Kurt Sethe, Arth. 



Titius, Jac. Wackernagel, und Paul Wend- 
land. Ihr Vorsitzender ist Herr Oldenberg. 
Der geschäftsführende Ausschuß besteht aus 
den Herren Andreas, Rud. Otto und Titius, 
von denen die beiden letzteren zugleich die 
geschäftsführenden Sekretäre der Kommis- 
sion sind. 

Der Zweck dieses neuen, von der Reli- 
gionsgeschichtlichen Kommission geleiteten 
Unternehmens läßt sich kurz dahin angeben, 
der religionsgeschichtlichen Forschung ein 
möglichst umfassendes und zuverlässiges 
Quellenmaterial zur Verfügung zu stellen 
und damit zunächst für die deutsche Wissen- 
schaft, der heutigen Erweiterung des Hori- 
zonts entsprechend, zu leisten, was einst die 
Sacred Books of the East für die Forschung 
bedeuteten. Wo es wünschenswert ist, 
sollen die Originaltexte in einer vom Haupt- 
unternehmen getrennten zwanglosen Reihe, 
als Texte zu den Quellen der Religions- 
geschichte in kritischen Ausgaben beige- 
geben werden. Doch soll die streng philo- 
logische, geschichtliche und literaturge- 
schichtliche Forschung, die allein die sichere 
Grundlage zu liefern imstande ist, hier nicht 
Selbstzweck sein, sondern der Religions- 
wissenschaft die Wege ebnen und sich in 
ihren Dienst stellen. Apologetische, partei- 
liche, philosophische, ästhetische, subjektive 
Beweggründe und Maßstäbe, die bei der 
Darbietung religionsgeschichtlicher Urkun- 
den oft störend mitwirken, sollen gänzlich 
ausgeschaltet werden. 

Die »Quellen der Religionsgeschichte« 
werden unter die folgenden Gruppen verteilt 
erscheinen: i. Religionen des indogermani- 
schen Sprachgebiets in Europa. 2. Ägypti- 
sche und altsemitische Religionen (mit Ein- 
schluß der mandäischen). 3. Judentum. 
4. Islam. 5. Religionen der ural-altaischen 
und der arktischen Völker. 6. Iranische, ar- 
menische, kleinasiatische, kaukasische Re- 
ligionen. 7. Indische Religionen außer 8. 
Buddhatum. 9. Ostasiatische Religionen. 
10. Afrikanische Religionen. II. Amerikani- 
sche Religionen. 12. Primitive ReHgionen 
Südasiens und Ozeaniens. 

Für griechische und römische Religion 
sind bisher in Aussicht genommen: Ur- 
kundenbücher zu einigen Religionssystemen 
und Kulten besonders des späteren Syn- 



113 



Institutsnachrichten, 



114 



kretismus. Vor Aufstellung eines Programms 
für den Gnostizismus müssen die in Aus- 
sicht gestellten Arbeiten der Kgl. Akademie 
der Wissenschaften zu Berlin abgewartet 
werden. In Frage kommen ferner Sammlung 
der Nachrichten antiker Autoren über orien- 
talische Religionen sowie Ausgaben von 
Quellenschriften, die für einzelne synkre- 
tistische Gebilde wichtig und noch nicht zu- 
reichend ediert sind (z. B. Hermetische 
Literatur. Plutarch de Iside et Osiride. 
Titus von Bostra. Sallust irspi ösöiv. Rekon- 
struktion des Chairemon). Erwünscht ist 
eine Untersuchung und Darstellung des re- 
ligiösen Einschlags in die Philosophie, beson- 
ders von Posidonius an bis zum Neupiatonis - 
mus (Proklos), ferner eine Sammlung der 
nur in orientalischer Übersetzung erhaltenen 
griechischen Zaubertexte. 



INSTITUTSNACHRICHTEN. 

Mit Allerhöchstem Erlasse vom i. Februar 
1914 hat Se. Majestät der Kaiser nach er- 
folgter Zustimmung des Bundesrates die fol- 
gende von der Zentral-Direktion beantragte 
neue Fassung der §§ 2 und 6 des Statuts 
für das Kaiserlich Deutsche Archäologische 
Institut zu genehmigen geruht: 

§2. 

I. Das Archäologische Institut wird von 
einem Generalsekretär geleitet, der nach 
Maßgabe des Statuts an die Beschlüsse einer 
Zentral-Direktion gebunden ist. 

Als ständiger Beirat des Generalsekretars 
dient ein engerer Ausschuß, der gebildet 
wird aus dem Generalsekretär als Vorsitzen- 
dem, dem unter § 2, i b genannten Reichs- 
beamten und einem von der Zentral-Direk- 
tion aus ihrer Mitte gewählten Mitglied, das 
den Generalsekretär im Falle seiner Behinde- 
rung zugleich auch vertritt. Als Ersatz- 
männer für den Generalsekretär und das 
ordentliche Ausschußmitglied wählt die Zen- 
tral-Direktion aus ihrer Mitte außerdem noch 
zwei Mitglieder. Diese sind berechtigt, den 
Sitzungen des Ausschusses beizuwohnen. 
Die Wahl geschieht auf drei Jahre; die Mit- 
glieder sind wieder wählbar. Den Vertreter 



für den Reichsbeamten ernennt der Reichs- 
kanzler. 

Die Zentral-Direktion besteht aus: 

a) dem Generalsekretär als dem Vor- 
sitzenden, 

b) einem vom Reichskanzler aus der Zahl 
der Beamten des Auswärtigen Amtes 
zu bestimmenden Mitglied, 

c) Vertretern der klassischen Altertums- 
wissenschaft, die von den Regierungen 
der Bundesstaaten, die durch wissen- 
schaftliche Anstalten an der archäo- 
logischen Forschung und Lehre be- 
teiligt sind, ernannt werden. Dem- 
gemäß ernennt von diesen Vertretern 
Preußen 7, davon 3 auf Vorschlag der 
Königlichen Akademie der Wissen- 
schaften in Berlin, Bayern 2, Sachsen, 
Württemberg, Baden, Hessen, Meck- 
lenburg-Schwerin, die an der Universi- 
tät Jena beteiligten Thüringischen 
Staaten und Elsaß -Lothringen je einen, 

d) aus drei vom Reichskanzler auf Vor- 
schlag der Zentral-Direktion zu ernen- 
nenden Mitgliedern. Der erstmalige 
Vorschlag erfolgt auf Vorschlag der 
jetzigen Zentral-Direktion. 

e) Im Bedarfsfall können je nach Um- 
ständen der Direktor der Römisch- 
Germanischen Kommission und die 
Leiter der Zweiganstalten in Rom und 
Athen zu den Sitzungen der Zentral- 
Direktion mit Stimmberechtigung zu- 
gezogen werden. 

2. Die Mitgliedschaft ist Ehrenamt. Die 
Ernennung der unter c und d Genannten er- 
folgt jeweils auf 5 Jahre; die Wiederwahl 
eines nach dieser Zeit ausscheidenden Mit- 
glieds ist gestattet. 

3. Die jetzigen Mitglieder der Zentral- 
Direktion bleiben nach den Vorschriften des 
bisherigen Statuts bis zum Zusammentritt 
der nach dem neuen Statut gewählten 
Zentral-Direktion im Amte. 

§ 6. 
Der Zentral-Direktion liegt ob: 
a) auf Grund der Vorschläge des Aus- 
schusses diejenigenPersonen zu wählen, 
die Sr. Majestät dem Kaiser oder dem 
Reichskanzler für die Besetzung einer 



115 



Institutsnachrichten. 



Ii6 



Institutsbeamtenstelle vorzuschlagen 
sind, 

b) Ehrenmitglieder, Mitglieder und Kor- 
respondenten zu ernennen, 

c) über die Verwendung der Mittel zu 
wissenschaftlichen Zwecken zu ent- 
scheiden, 

d) über Anträge auf Etatsänderungen zu 
entscheiden, 

e) dem Reichskanzler Vorschläge für die 
Verleihung der archäologischen Reise- 
stipendien zu machen, 

f) die Vorschläge für die Statuten zu ent- 
werfen und Instruktionen der Beamten 
zu machen, 

g) über alle Angelegenheiten zu entschei- 
den, worin der Generalsekretär die 
Hilfe der Zentral -Direktion in Anspruch 
nimmt. 

Die auf Grund dieses neuen Statuts ge- 
wählte Zentral-Direktion besteht aus den 
Herren: 
H. Dragendorff, Generalsekretär, 

Prof., Dr., Berlin. 
C. Weller, Geh. Legationsrat, 

Vortragender Rat im Aus- 
wärtigen Amt, Berlin, vom 

Reichskanzler berufen. 
O. Hirschfeld, Geh. Reg. -Rat, 

Prof., Dr., Berlin, 
Ed. Meyer, Geh. Reg.-Rat, 

Prof., Dr., Berlin, 
U. V. Wilamowitz-Moellendorff, 

Wirkl. Geh. Rat, Prof., D. Dr., 

Berlin, 
W. Dörpfeld, Prof., Dr., Berlin, 
G. Loeschcke, Geh. Reg.-Rat, 

Prof., Dr., Berlin, 
C. Robert, Geh. Reg.-Rat, Prof., 

Dr., Halle a. S. 
Th. Wiegand, Direktor, Dr., 

Berlin, 
H. Bulle, Prof., Dr., Würzburg, 1 
P. Wolters, Prof., Dr., München, j 
F. Studniczka, Geh. Hofrat, Prof., Dr., 

Leipzig, berufen von Sachsen. 
F. Noack, Prof., Dr., Tübingen, berufen von 

Württemberg. 
E. Fabricius, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Frei- 
burg i. Br., berufen von Baden. 
C. Watzinger, Prof., Dr., Gießen, berufen 

von Hessen. 



berufen von 
Preußen auf 

Vorschlag 
der König- 
lichen Aka- 
demie der 
Wissen- 
schaften. 



berufen von 
Preußen. 



berufen von 
Bayern. 



berufen von» 
Reichskanz- 
ler auf Vor- 
schlag der 

Zentral- 
Direktion. 



A. v. Salis, Prof., Dr., Rostock, berufen von 
Mecklenburg- Schwerin. 

B. Graef, Prof., Dr., Jena, berufen von den 
Thüringischen Staaten. 

A. Frickenhaus, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., 
berufen von Elsaß -Lothringen. 

G. Körte, Geh. Reg.-Rat, Prof., 
Dr., Göttingen, 

H. Graf von und zu Lerchenfeld 
auf Köfering und Schönberg, 
Bayerischer Staatsrat und Ge- 
sandter, Dr., Berlin, 

F. Winter, Geh. Reg.-Rat, Prof., 
Dr., Bonn, 

Die Plenarversammlung fand am 21., 22. 
und 23. April statt. 

Die Reisestipendien wurden auf Vorschlag 
der Zentral-Direktion vom Auswärtigen 
Amte den Herren G. Matthies, A. Neuge- 
bauer, K. Latte, F. Matz und K. Menadier 
verliehen. 

Für den Winter 1914/15 sind seitens des- 
Instituts folgende Vorträge und Führungen 
geplant: 

a) In P o m p e i werden die Herren Pernice 
und Winter vom 5. — 10. Oktober eine Füh- 
rung veranstalten. Anmeldungen dazu 
bitten wir an Herrn Geh. Rat Winter in 
Bonn, Venusbergerweg, zu richten. 

b) In Rom wird Herr Delbrueck vom 
15. November bis Ende Dezember Vorträge 
für vorgebildete Teilnehmer halten. An- 
meldungen erbittet das Sekretariat. 

c) In Athen wird in den Monaten De- 
zember und Januar Herr Karo in den Mu- 
seen, Herr Knackfuß auf der Akropolis vor- 
tragen. 

d) Herr Knackfuß ist bereit, in der zweiten 
Hälfte Oktober eine Führung in den Ruinen 
vonPergamon und daran anschließend in 
Priene, Milet und Didyma zu veranstalten. 
Der genauere Zeitpunkt ist durch das Sekre- 
tariat in Athen zu erfahren. 

e) Seitens des Sekretariats Athen werden 
im Frühjahr voraussichtlich wieder die üb- 
lichen Reisen nach Delphi, Olympia, in die 
Argolis und nach Kreta unternommen. Nä- 
heres ist auch hierfür durch das Sekretariat 
zu erfahren. 



JAH^üCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



TAFEL 1 




1. BAALBEK, GROSSER TEMPEL 




2. BAALBEK, KLEINER TEMPEL 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



TAFEL 2 




BAALBEK, GROSSER TEMPEL 



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2. BAALBEK, GROSSER TEMPEL 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



TAFEL 3 




1. EPHESUS, OKTOGONALBAU 




2. NIMES. CAESARENTEMPEL 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



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JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



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GERAS. PROPYLÄEN. STRASSENSEITt 



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2. GERAS, NYMPHAEVM 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



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JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914 



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Archäologischer Anzeiger 

B EIBLATT 

ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts 
1914. 3. 



Am Abend des 19. Juli ist ALEXANDER CONZE sanft entschlafen. Nur 
schwer vermögen wir zu fassen, daß er nicht mehr unter uns weilt, der noch 
als fast Dreiundachtzigjähriger so ungebeugt und unbezwungen durch das 
Alter erschien; der als der Nestor der deutschen Archäologen aus einer 
anderen Generation in die unsrige hineinragte und doch so ganz zu der 
unsrigen gehörte. Mit ihm ist einer von denen dahingegangen, in denen 
die Entwickelung der archäologischen Forschung in mehr als einem halben 
Jahrhundert sich verkörperte, einer der seltenen Männer, die eine so lange, 
reiche Entwickelung nicht nur mit erlebt, sondern bis zuletzt mitgemacht 
haben" und mit ihr fortschritten. Bis in seine letzten Tage rastlos an der 
Arbeit, ist CoNZE ohne längeres Krankenlager von uns genommen. 

Es kann an dieser Stelle nicht CoNZEs wissenschaftliche Bedeutung dar- 
gelegt werden. Dankbar hat das Institut, mit dem er seit Jahrzehnten aufs 
engste verbunden war, hier zu bekennen, was CONZE ihm gewesen, dankbar 
sich zu erinnern, daß seine jetzige Gestalt im wesentlichen CoNZEs Werk ist. 

Im Jahre 1 860 ist CONZE mit Michaelis als erster Stipendiat des Instituts 
nach Griechenland gezogen, das er dann immer und immer wieder auf- 
gesucht hat und in dem er heimisch geworden ist wie wenige, einer der 
Archäologen, die am energischsten die Wissenschaft ins Terrain hinaus- 
führten und die unsere Ausgrabungen zu großzügig angelegten wissenschaft- 
lichen Unternehmungen gemacht haben. So war CoNZE wie kaum ein 
zweiter geschaffen, die Leitung unseres Archäologischen Instituts zu über- 
nehmen. Nachdem er schon seit 1877 der Zentraldirektion angehört hatte, 
übernahm er 1880 als Generalsekretär ihre Leitung und hat sie bis 1905 
geführt. Unter CONZE hat sich die athenische Zweiganstalt als eine eben- 
bürtige Schwester neben die ältere römische gestellt. Unter ihm trat im 
Jahre 1902 auch die jüngste, die Römisch-Germanische Abteilung, hinzu. 



Archäologischer Anzeiger 1914. 



I I p Nachruf Conze. 1 20 



und mit dem gleichen Interesse hat CoNZE, der schon während seiner 
Wirksamkeit in Wien erkannt hatte, wie notwendig die Einbeziehung der 
einheimischen provinzialen und prähistorischen Forschung in den Arbeits- 
bereich der Archäologie sei, sich ihr gewidmet. Die Grabungen im Römer- 
lager von Haltern hat er mit dem gleichen wissenschaftlichen Interesse 
verfolgt wie die Grabungen auf der Königsburg von Pergamon. 

Bis in die Einzelheiten, sachliche wie persönliche, hinein orientiert, hat 
er den immer wachsenden Organismus des Instituts gekannt und geleitet, fort- 
schreitend mit der Zeit und ihren wechselnden Forderungen, nie neuerungs- 
süchtig und doch jeder berechtigten Neuforderung zugänglich; nie nach bil- 
liger Popularität suchend, sondern stets bereit, persönlich hinter der Sache 
zurückzutreten; treu seinen alten Freunden, seinen alten Arbeitsgenossen, aber 
auch jedem, der neu in seinen Gesichtskreis trat und ihm als ernster Arbeiter 
erschien, mit gleicher Freundlichkeit entgegentretend. So haben wir ihn alle, 
auch die jüngsten unter uns, noch gekannt. Er war für uns kein Name, sondern 
ein Mann, zu dem wir ein Verhältnis hatten. Er verstand sich mit den Jüngsten 
geradeso gut wie mit seinen Altersgenossen, auch darin nicht alternd. 

Das Band, das CoNZE mit dem Institut verknüpfte, riß nicht ab, als er 
sich im Jahre 1905 entschloß, von der Stelle des Generalsekretars zurückzu- 
treten. Als Mitglied der Zentraldirektion wie der Römisch-Germanischen 
Kommission nahm er weiter aktiv an der Institutsarbeit teil, leitete nach 
wie vor die Grabungen in Pergamon, half, wo er konnte, mit Rat und Tat. 
Erst in diesem Frühjahr trat er aus der Zentraldirektion aus, die ihn zu 
ihrem Ehrenmitgliede ernannte. 

Noch einmal machte sich der Unermüdliche im Frühling dieses Jahres 
auf nach Griechenland. An sein Lebenswerk, die Sammlung der attischen 
Grabreliefs, wollte er in Athen die letzte Hand legen. Und mit Interesse 
hat er dort die jüngste Institutsunternehmung, die Grabung im Kerameikos 
in Athen, der ihm so vertraut war, verfolgt. Noch einmal hat er sich über- 
zeugen können, wie seine Anregungen auf fruchtbarem Boden sich weiter 
entwickelten. Noch einmal hat er sich von griechischer Sonne, die er so 
liebte, bescheinen lassen und kehrte, wie uns schien, erfrischt heim. Einen 
leisen Schatten warf auf seine letzten Tage die Kunde, daß die Wogen 
wilden Rassenkampfes auch sein Pergamon getroffen, und seine letzte Sorge 
war der Schutz dessen, was er dort geschaffen, und die Hülfe für alte 
treue Helfer auf der Arbeitsstätte seines Lebens. 

Treu war er sich selbst, seiner Arbeit, seinen Freunden. Treu bleiben 
auch wir ihm und halten dankbar sein Gedächtnis in Ehren. 



121 



Archäologische Funde im Jahre 19 13. Griechenland. 



122 



ARCHÄOLOGISCHE FUNDE IM 
JAHRE 19 ISO- 
Griechenland. 

Trotzdem im Jahre 1913 zwei furcht- 
bare Kriege Griechenland auf die härteste 
Probe stellten, ist weder ein Stillstand in 
der archäologischen Erforschung des Landes 
eingetreten, noch hat man es an der nötigen 
Fürsorge für die schon bekannten Monu- 
mente fehlen lassen. Ja sogar in den kaum 
erst befreiten neuen Provinzen hat sofort 
rüstig die Arbeit eingesetzt. Bedenkt man 
die beschränkten Kräfte, an Menschen wie 
an Geld, über die das Königreich verfügt, 
so muß man den Ephoren und nicht minder 
der Archäologischen Gesellschaft das höchste 
Lob zollen für ihre fruchtbare Tätigkeit, 
mitten in dem Ringen der Nation um ihre 
Existenz ^). 

In Athen sind östlich vom Dionysos - 
theater einige Häuser abgerissen worden. 
Die hier geplante Ausgrabung des peri- 
kleischen Odeions kann wegen der sehr 
kostspieligen Expropriationen nur ganz lang- 
sam fortschreiten, ebenso die der Agora, 
auf deren Gebiet nun heuer das alte tür- 
kische Me'dresse, nördlich vom Turm der 
Winde, abgetragen worden ist. Hinter der 
Fixschen Brauerei sind nicht weit vom 
IHssos drei Grabsäulen der üblichen Form 
gefunden worden, mit den Namen Hsvtov 
Aiovuatou EtTsaio?, AavixTj Nixa^opou OuYaxT^p 
und 'HSsta ArjfiYjTpt'ou EucovujAsa)? bo'(axf^p, 
'HpaxXsiTou 'EXsuatvtou -^uvt^. Nicht weit 
davon lag eine schöne marmorne Hydria, 
die Knochenasche, ein Silbergefäß und 
ein paar Blätter eines goldenen Toten - 
kranzes barg {Uavabr^vaM XXVII 1914, 31). 

An der Küste nördlich von Laurion, 
beim Hafen ßptujiOTtoucrcJi, kam ein spät- 
römisches Mosaik zutage, 1,50 m im Geviert: 
ein nackter Athlet mit Halteren schickt 



') Infolge des Kriegsausbruchs konnte die über- 
wiegende Mehrzahl der Berichte, die sämtlich vor 
Ausbruch des Krieges eingegangen waren, den 
Autoren zur Korrektur nicht übersandt werden, so 
daß die Redaktion die Verantwortung für die Rich- 
tigkeit im einzelnen trägt. 

') Von den IlpaxTtxa des laufenden Jahres liegen 
mir, dank Kavvadias' gewohnter Güte, die Druck- 
bogen seines allgemeinen Berichts vor. Mehr ist 
bisher (Juli 1914) noch nicht gesetzt. 



sich zum Sprunge an. Zwischen seinen 
Füßen die Inschrift BXadto? lirotVjae (Flav- 
aÖT^vata a. a. O.) 

Aus Attika, wohl aus der Nähe von Athen, 
stammt auch ein Grabrelief, wohl aus dem 
Ende des I. Jh. n. Chr. : ein Jüngling in kurzem, 
gegürtetem Chiton undHimation hält seinem 
Hunde eine Traube (.?) hin. Darüber die 
Inschrift 'Axi>.X£U?. Im Giebelfelde ein 
Schild, auf der Leiste darunter gemalte 
Binden (Ilavaöi^vaia XXVI 1913, 219). 

In Oropos nimmt Leonardos seine lang- 
jährigen Arbeiten wieder auf, und zwar an 
der heiligen Straße, die von Osten zum 
Heiligtum führte. Hier lag der antike Ort, 
von dem mehrere Häuser nun freigelegt 
sind: sie waren in Straßen und insulae 
(mindestens acht) geordnet. Starke Stütz- 
mauern waren am steilen Abhang nötig. 
Ein großes Gebäude nördUch vom heiligen 
Weg (18 X 14 m), mit dorischen Säulen- 
hallen auf drei Seiten, ist wohl kein Privat- 
haus (vielleicht ein Jsvojv für Pilger, ähn- 
lich dem sehr viel größeren von Epidauros ?). 
An Einzelfunden sind zu erwähnen: ein 
Amphiaraos -Torso, im Typus des Askle- 
pios, mit Schlangenstab, viele Münzen und 
eine Inschrift, die Tuma (geweihte Relief- 
glieder, Augen und Ohren) nennt. Leonar- 
dos hat auch hier ein Lokalmuseum ein- 
gerichtet. 

In der Umgebung von Aulis hat Papa- 
dakis mehrere Versuchsgrabungen ange- 
stellt, deren Resultate er mir aufs Freund- 
lichste mitteilt: i. Auf der Lithosoros ge- 
nannten Hügelkuppe liegt eine mykenische 
Ansiedlung, etwa lOO x 50 m groß. Gegen 
dreißig Hausruinen sind hier untersucht 
worden. Sie liegen an mindestens zwei 
Straßen in Gruppen geordnet und bestehen 
fast alle aus einem Megaron und einem 
Vorzimmer. Im SO. ist der Hügel be- 
festigt, im S. und SW. greift die Ansiedlung 
auch auf den Abhang hinab. Die Stätte ist 
in nachmykenischer Zeit nicht mehr be- 
wohnt worden. Der gewachsene Boden 
liegt 7 m tief. Die Funde umfassen wenige 
ganze Gefäße, aber viele Scherben, älter- 
mykenische und sog. minysche nebenein- 
ander. Bemerkenswert ist eine mit geome- 
trischen Ritzornamenten verzierte Bein- 
röhre, wie sie ähnlich auf den Kykladen 

6* 



123 



Archäologische Funde im Jahre 1913. 



124 



erscheint. Auch gleichzeitige, sehr ärm- 
liche Plattengräber mit liegenden Hockern 
kommen vor. 2. Auf dem Hügel Dramesi 
am Meere lag ebenfalls ein mykenischer Ort, 
der leider arg zerstört ist. Hier sind die 
Scherben durchaus spätmykenisch, die 
>>minysche« Schicht Hegt tiefer. Letztere 
enthält auch mattbemaltes Geschirr. Dar- 
unter wiederum eine Schicht mit grober, 
handgemachter, zum Teil polierter oder mit 
Urfirnis bemalter Ware, primitiven tönernen 
und steinernen Idolen, Obsidiansplittern usw. 
Auch hier fanden sich dieselben Hocker- 
gräber. — 3. Oberhalb des Hafens von Aulis, 
beim H. Nikolaos, wurde bisher das Artemis- 
heiligtum angesetzt. Auf einem nördlich an- 
stoßenden steinigen Hügel kamen mykeni- 
sche Scherben zutage, sowie mindestens zwei 
Häuser jener Zeit. — 4. Noch nicht ausge- 
graben ist eine durch sehr schöne mykenische 
Scherben bezeugte Ansiedlung beim Hafen 
Levkantis, südlich von Vasilikö an der 
euboeischen Küste, auf einem felsigen Vor- 
gebirge. 5. Dasselbe gilt von einem runden 
Hügel an der Südseite der Landenge von 
Vourkou, der mit minyschen Scherben über- 
sät ist, sowie 6. von der Stelle Vatöntai, 
nördlich von Chalkis, in deren Nähe Papa- 
vasiliu vormykenische Gräber entdeckt hatte. 
Auch hier sind Mauerreste und Scherben 
schon ohne Grabung sichtbar. 

In Euboea hat auch Papavasiliu seine 
Untersuchungen fortgesetzt. Eine Stunde 
von Chalkis beim Dorfe Dukos hat er ein 
kleines ländliches Heiligtum entdeckt. Bau- 
liche Reste ließen sich nicht feststellen; aber 
neben einem großen Felsen, der vielleicht 
einst von Mäuerchen umfriedet war, fegen 
in der Erde dreizehn kleine, bronzene Stiere, 
ein paar ebenfalls eherne nackte Männ- 
chen auf gemeinsamer Standplatte und eine 
Anzahl »phönikischer« bunter Glasperlen. 
Der Stil all dieser Gegenstände weist etwa 
ins VIII./VII. Jahrh. Wenn wirklich eine 
mykenische Gemme im Museum von Chalkis 
(Papavasiliu, llspt x. Iv Eüßoi'a dp5(. xa'cstuv 
Taf. XV 2) von dieser Stelle stammt, wie 
behauptet wird, hat sie jedenfalls mit unse- 
rem geschlossenen Fundkomplex nichts zu 
tun. Weitere Grabungen an dieser Stätte 
wären gewiß lohnend. Vgl. Papavasiliu, 
npaxxixa 1912 (ausgeg. 1913), 145. 



Im lelantischen Felde, zwischen Chalkis 
und Eretria, hat Papavasiliu an einer kleinen 
Bucht, jetzt AY)voßp6)(t genannt, warme Quel- 
len gefunden, die er mit den von Strabon 
447 genannten identifiziert. Sulla sollte nach 
diesem Gewährsmann sie gebraucht haben, 
während er nach Plutarch (Sulla 26) in 
Aidepsos gebadet hätte. Die Frage wird erst 
gelöst werden können, wenn an den neuent- 
deckten Quellen auch antike Anlagen fest- 
gestellt sind (IlpaxTixa 1912, 141). 

Beim euboeischen Kyme hatte man auf 
der alten Akropolis, die jetzt Kastri oder 
Palaiokastri heißt, Felsblöcke mit einge- 
ritzten Zeichen bemerkt, die Papavasiliu 
nun publiziert (npaxTixä 1912, ligff.). Die 
Abbildungen zeigen, daß es undatierbare 
Kritzeleien sind. Wichtiger ist eine vor- 
läufige Erforschung der kleinen elliptischen 
Hügelkuppe, mit ihrem doppelten Mauer- 
ring, deren älterer polygonal, der jüngere 
aus Quadern gefügt ist. Im Innern liegen die 
Reste mehrerer Häuser, im Norden führt ein 
gedeckter Gang zu einer Quelle am Hügel- 
fuße hinab. An der südwestHchen Seite der 
Akropolis wurde schon 1909 ein Grenzstein 
mit der Inschrift NujicpÄv 'A)(sX<uiou gefun- 
den, in der Nähe auch eine hübsche Bronze- 
statuette einer langgewandeten Frau mit 
Füllhorn in der Linken (Mitte des V. Jahrh.). 

Keramopullos hat bei Theben wieder- 
um ein Dutzend mykenischer Kammergräber 
geöffnet, die großenteils in byzantinischer 
Zeit wiederverwendet und ausgeraubt waren. 
Immerhin enthielten sie noch außer Vasen, 
die aus den Scherben rekonstruiert werden 
konnten, Reste von Schwertern mit Gold- 
knöpfen, Halsketten aus Glas, Gold und 
Halbedelsteinen und drei schöne geschnittene 
Steine, darunter eine sehr große Gemme 
(Durchm. 2,7 cm) mit einem Löwen, der 
einen Stier zerfleischt, und ein dreiseitiges 
Prisma mit der sehr seltenen Darstellung von 
zwei Schmetterlingen und einer Biene. Im 
Dromos der einen Gruft befanden sich grie- 
chisch-römische Gräber. Von ihrem ver- 
wüsteten Inhalt sind zwei kleine bemalte 
Porosstelen wichtig: auf der einen erkennt 
man noch eine stehende Frau mit einem 
Wickelkind im linken Arme. 

Südlich von Theben hat Keramopullos 
die vor zwei Jahren von Pappadakis ent- 



125 



Griechenland, 



126 



deckte mykenische Wasserleitung weiter 
verfolgt und am Westabhang der Kadmeia, 
unmittelbar vor ihrer Mauer, mykenische 
Häuserreste aufgedeckt. — ■ Wenig erfolgreich 
war dagegen eine Versuchsgrabung beim 
Kabirion; dort wurde vergebens nach dem 
Gebäude gesucht, welches eine neugefundene 
Weihinschrift nennt: Osoi? aeßaaxot? (xsy«- 
Xot? Ka|ßsipu)V xat uatSl örjßaioi sx xäJvjt^? 
Ta|i,ia? (so die schlechte Abschrift: Keramo- 
pullos vermutet ttj? lafiiEuastus oder xsia- 
[AtsujjLsvwv) TTpoa65(ov xö dva'xTopov dvs&TjXav, 

i7tt|i,sXYj&£VJT0? TTjC XaTaTOSUTj? XOU l£p6c'p)(0uj 

TiTou OXaßt'ou riofiTOSa. Vgl. Oava&T^vaw 
XXVII 1913, 60. 

KeramopuUos hat auch in Mykenai ge- 
arbeitet, wo zwischen dem i. und 4. Schacht- 
grabe im Winter 1913 der morsche Fels zu- 
sammengebrochen war. Dabei kam eine 
Höhlung zutage, die durch ein kleines, mit 
Lehmziegeln verstopftes Loch mit dem 
I. Grabe in Verbindung stand, mit dem 4- 
durch eine größere Öffnung. Im Innern 
fanden sich drei aufeinander folgende Brand- 
schichten und viele Scherben, von minyschen 
und matt bemalten bis zu spätmykenischen, 
ferner ein Stück Blei, ein Hirschhorn und 
viele Flußkiesel. Dieser Fund ist von größter 
Bedeutung für die Geschichte des Schacht- 
gräberrundes. Man durfte bisher mit großer 
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß der Plat- 
tenring und die große Böschungsmauer, 
welche die Schachte umschließt, den großen 
Kuppelgräbern etwa gleichzeitig seien. Jetzt 
hängt das Alter dieser großartigen Anlage 
von der Frage ab, ob jene Höhlung — doch 
wohl am ehesten eine Opfergrube — damals 
verschüttet wurde oder weiter im Gebrauch 
blieb. Letzteres scheint mir wahrschein- 
licher, denn es geht doch schwer an, den 
Flattenring und damit das Löwentor bis in 
spätmykenische Zeit hinabzurücken. 

Über Arvanitopullos' erfolgreiche Ar- 
beiten in Thessalien ist im Vorjahre 
(A. Anz. 1913, 97) nur kurz berichtet worden. 
Ausführhcher handelt er darüber in den 
IIpaxTixd 1912, 154 ff. Zunächst ist ein topo- 
graphisches Ergebnis bedeutsam: südlich der 
Ruinenstätte, die bisher als Pagasai galt, hat 
er den mächtigen Mauerzug einer Stadt ver- 
folgt, die dicht an jene heranreicht. Die 
ältesten Mauerteile sind noch polygonal, die 



jüngeren, mit zahlreichen Türmen versehe- 
nen, gehören auch noch dem 5. Jahrh. an. 
Alle sind stark zerstört, und zwar schon im 
Altertum. Die beiden Stadtanlagen können 
nicht gleichzeitig sein, die nördlichere (jün- 
gere) überschneidet sogar zum Teil die ältere, 
ist also erst nach ihrer Zerstörung entstan- 
den. Folglich ist, nach Arvanitopullos' ein- 
leuchtendem Schlüsse, in der südlichen das 
von den Pheraiern gegen Ende des V. Jahr- 
hunderts gegründete Pagasai zu erkennen, 
in der nördlichen Demetrias, die Gründung 
des Demetrios, die nach Strabon (IX 436) 
zwischen Neleia und Pagasai am Meere lag. 
Auch die benachbarten Städtchen Neleia und 
Ormenion fielen dem erzwungenen Synoikis- 
mos des Demetrios zum Opfer: ersteres 
erkennt Arvanitopullos in den Ruinen auf 
dem Hügel von Goritsa, letzteres auf der 
Kuppe von Nevestiki. Pagasai blieb als 
Dorf bestehen, wie das Ethnikon Da^aaiTT)? 
auf Inschriften des III. und IL Jahrh. v. 
Chr. beweist (OpaxTtxä 191 2, 213 ff.). 

Die Ausgrabungen sind in dem neu- 
getauften Demetrias erfolgreich fortgesetzt 
worden: in geringerem Umfange im Theater 
(S. 156 ff.) und in den Ruinen eines großen 
Tempels auf der AkropoUs, in dessen Nähe 
eine tiefe Grubenanlage, erst zum Teil er- 
forscht, sehr schöne Bauglieder wohl des 
IV. Jahrh. gehefert hat (S. 161 ff.); ferner 
in den Resten zweier anderer Tempel, die 
leider arg zerstört sind. Der erste bleibt 
vorläufig namenlos (die hier gefundenen 
Scherben reichen vomV. bis ins III. Jahrh.), 
der zweite war vielleicht Poseidon geweiht. 
Aus den schon im Vorjahre erwähnten drei 
neuen Türmen sind in reicher Zahl bemalte 
Stelen und Bauglieder geborgen worden : eine 
Auswahl der Aufschriften gibt Arvanito- 
pullos S. 186 — -189. Die Ethnika umfassen 
ganz Griechenland, von den ionischen Inseln 
bis zum Pontos, außerdem mehrere Bar- 
baren (Mysier, Illyrier, Geten, einige Juden) 
und bieten eine gute Vorstellung von dem 
regen Verkehr in dieser blühenden hellenisti- 
schen Stadt. Ihre Identifikation mit Deme- 
trias ist auch für die Datierung der bemalten 
Stelen ein willkommener neuer Anhalt. 
Über ihre Konservierung berichtet Arvani- 
topullos ausführlich S. 218 ff. Auch eine 
Reihe von Gräbern, aus dem IV. — II. Jahrh., 



127 



Archäologische Funde im Jahre 1913. 



128 



hat er geöffnet: die meisten waren recht 
arm oder beraubt. Zwei hübsche helle- 
nistische Pyxiden mit Tierfüßen und Relief- 
deckel sind S. 196 abgebildet, zusammen 
mit einem sehr schönen und seltenen, fast 
lebensgroßen tönernen Torso des V. Jahrh., 
aus dem Heiligtum der Pasikrata (A. Anz. 
191 3, 97) '). Er mag das ältere Kultbild der 
Göttin aus ihrem Tempel in Pagasai sein, 
das dann die Pagasaeer in die neue Stadt 
mitgenommen und im III. Jahrh. durch 
eine Marmorstatue ersetzt hätten: deren 
allein gefundener schöner Kopf ist auf 
S. 207 f. abgebildet; die Schilderung der 
spärlichen Reste S. 198 ff. Die zahl- 
reichen Terrakotten (S. 204 f.) sind durch- 
weg hellenistisch oder römisch, den Namen 
der Göttin lehrt ein spätes Altärchen (S. 206) : 
npduxä? I Haar/päTa | eu^r/V. 

Bei Volo hat ArvanitopuUos das Kuppel- 
grab von Kapakli, das Kuruniotis im 
Jahre 1905 des Grundwassers wegen nicht 
ganz ausgraben konnte ('Ecp. dp^. 1906, 
211 ff.), ausgeräumt, gereinigt, die bau- 
fälligen Teile gestützt und das Ganze mit 
einem Gitter umgeben. Einige kleine Gold- 
sachen lohnten die Arbeit, vor allem aber 
die klarere Kenntnis der Anlage, besonders 
der Türe (Br. 2,17 m) und des sehr kurzen 
Dromos (L. 6,10). Der Durchmesser des 
Kuppelraumes beträgt 9,95 m. Vgl. Ilpax- 
Ttxä 1913, 229 ff. 

Endlich hat ArvanitopuUos bei Larisa 
(Sakalär) einen prähistorischen Tumulus 
ausgegraben und dort unter den üblichen neo- 
lithischen Resten auch ein interessantes 
kreuzförmiges Marmoridol gefundenj auf 
dem in Rot die Gesichtszüge und das Ge- 
wand aufgemalt sind. 

Die zahlreichen archäologischen Beobach- 
tungen, die er als Reserveoffizier auf dem 
Siegeszuge durch das südhche Makedonien 
(Hestiaeiotis und Perrhaibia) gesammelt 
hatte, zählt er kurz auf S. 234 ff. auf. Sip 
zu verwerten erlaubten die politischen Ver- 
hältnisse noch nicht. Am gespanntesten 
werden wir auf zwei große Kammergräber 
sein dürfen, deren eines bei Tsaritsaina, dem 
Olymp gegenüber. Hegt, das andere bei 

■) Vgl. die Pasikrateia auf der Inschrift von Selinus 
(Benndorf, Die Metopen von Selinunt 27; Litteratur 
in Roschers Myth. Lex. III, 1665). 



Sarantaporos. Die reich geschmückte Mar- 
mortür des letzteren liegt frei. 

Auf Kephallonia hat Kavvadias seine 
Grabungen an mehreren Stellen fortgesetzt, 
während uns ein reich illustrierter Aufsatz 
in den FIpaxTixd 191 2, 247 ff. über die schon 
1909 geöffneten mykenischen Gräber bei 
Kokkolata belehrt. Besonders die Grab- 
formen (Kuppelgräber mit Gruben) sind 
interessant, ebenso die zahlreichen Gemmen, 
die von gut mykenischen Exemplaren bis zu 
den schlechtesten und spätesten, schon an 
»Inselsteine« erinnernden, herabgehen (S. 
2561., 267). 

Mehrere Reste prähistorischer Ansied - 
lungen fand Kavvadias auch 1913, Vor- 
mykenisches bei Same (wo nichts My- 
kenisches erscheint), bei Menifes und Kastri, 
bei Pezviiles, Griechisches bei Dalichion 
(zweistöckiges Haus mit Wandmalereien) 
und Same. In den prähistorischen Ansied - 
lungen sind hier die Häuser rechteckig, wie 
in Thessalien, die Gräber rund, wie auf 
Leukas. Reste solch früher Wohnstätten 
hat jüngst auch Rhomaios im Heiligtum 
von Thermon entdeckt: sie enthielten Vasen, 
die denen von Chaironeia gleichen sollen 
(riavaOr^ata XXVII 1913, 61). 

Auch in den neuen Provinzen hat gleich 
die Arbeit eingesetzt: Philadelpheus gräbt 
in Nikopolis, der Siegesstadt, die Au- 
gustus nach der Schlacht bei Actium er- 
baute: auf hohem Hügel ist dort der große 
Tempel wiedergefunden, den der Sieger dem 
Poseidon und Ares weihte. Nur die Funda- 
mente des 56 : 25 m großen korinthischen 
Baues liegen noch an ihrer Stelle, aber zahl- 
reiche Bauglieder und auch Stücke des Frieses 
mit der riesigen lateinischen Weihinschrift 
erlauben hoffentUch eine zeichnerische Re- 
konstruktion. Die Nekropole lieferte bis- 
her drei Marmorsarkophage und zahlreiche 
Beigaben, aus über 150 Ziegelgräbern. 

Auf Mitylene untersuchte Kyparissis 
das Inselchen zwischen den beiden Häfen, 
auf dem jetzt die Festung steht, einst die älteste 
Stadt lag. Doch sind bisher nur junge 
Funde zutage gekommen, eine Hekate und 
ein Grabrelief aus Marmor, sowie einige 
Terrakottaköpfchen. 

Auf Chios hat Kuruniotis an mehreren 
Stellen gegraben: Unweit der Hauptstadt 



129 



Griechenland. 



130 



Chora, bei einem alten Steinbruch, der 
heute noch Latomi heißt, Hegt ein großer 
Friedhof des ausgehenden VI. Jahrh., dessen 
tönerne Särge genau denen von Klazomenai 
gleichen; nur fehlen ihnen die gemalten 
Ornamente. Die Funde waren zwar sehr 
spärlich — meist nur eine kleine schwarz- 
figurige attische Lekythos — aber zur Da- 
tierung auch der klazomenischen Sarkophage 
nicht unwichtig. Nur eines dieser Gräber, 
das auch einen Tymbos hatte wie die 
gleichzeitigen attischen, war etwas reicher. 

An der Südspitze von Chios, bei Kato 
Fhanäs, wo nach Strabon das alte Fhanai 
mit seinem guten Hafen und seinem Apollo- 
tempel lag, hat Kuruniotis die Reste des 
letzteren freizulegen begonnen. Der Peri- 
bolos des Heiligtums, aus großen Kalkstein- 
blöcken sorgsam geschichtet, maß ungefähr 
80 m auf jeder Seite. Von dem ionischen 
Marmortempel des VI. Jahrh. haben die 
später hier hausenden Byzantiner fast alles 
zerstört. Die Säulenbasen gleichen denen 
des Heraions von Samos, alle gefundenen 
Säulentrommeln sind unkanneliert, von den 
Kapitellen sind bisher nur sehr kleine 
Brocken aufgetaucht. Geison und Sima 
tragen reichen Relief schmuck (Palmetten - 
lotosbänder, Eier- und Perlstäbe). Reste 
eines älteren Heiligtums, aus den ersten 
Jahrhunderten des ersten Jahrtausends 
(geometrische Scherben und kleine Weihe - 
gaben) sind an dieser Stätte bereits fest- 
gestellt. Auch ist bei Pyrgion ein gleich- 
zeitiger, kleinerer, aber reicherer ionischer 
Tempel aufgedeckt, mit ähnlichen Basen, 
kannellierten Säulen und sehr prächtigen 
Ornamentbändern an Geison und Sima. 
Ein Eckstück der Sima trägt eine Reihe 
von Kegeln und an der Ecke ein pracht- 
volles Gorgoneion. Diese schönen Funde, 
deren Vergleich mit anderen archaisch - 
ionischen Bauten — Samos, Ephesos, Del- 
phi — besonders lehrreich sein wird, be- 
rechtigen zu den besten Hoffnungen für die 
weitere Erforschung von Chios. 

Ebenso wichtig dürfte eine zweite große 
Unternehmung in den neubefreiten Pro- 
vinzen sein, die Ausgrabung von Pella in 
Makedonien. Sie hat aus politischen Grün- 
den noch nicht beginnen können. Unter- 
dessen hat K. Zesios mit der Erforschung 



der christlichen Reste von Makedonien und 
Epirus begonnen und dabei vor allem die 
byzantinischen Kostbarkeiten von Meleni- 
kon vor den Bulgaren gerettet. 

Auf Kreta endlich kann Hazzidakis 
sehr bedeutsame minoische Funde aus 
Arkalochori verzeichnen: er veröffent- 
licht sie im diesjährigen British School 
Annual. 

Die von Seiner Majestät dem Kaiser 
alljährlich auf Korfu veranstalteten Gra- 
bungen haben in diesem Frühling, von 
Ende März bis Anfang Mai, wieder bedeut- 
same Funde geliefert. Die fortgesetzte 
intensive Bewohnung der Insel hat eine 
ganz ungewöhnlich starke Zerstörung der 
antiken Reste bewirkt: aber alles, was ihr 
entgangen ist, zeichnet sich durch Seltenheit 
und wissenschaftlichen Wert hervorragend 
aus. Doerpfeld, der die Ausgrabungen 
wieder geleitet, berichtet über sie in den 
Athenischen Mitteilungen. Daher hebe ich 
hier nur das Wichtigste hervor, nach seinen 
mir freundlichst gesandten Notizen und aus 
eigener Anschauung während eines Teiles der 
Grabung. 

Vom Gorgotempel bei Garitsa ist nun 
auch die Nordseite freigelegt, leider, wie das 
übrige, so gründlich zerstört, daß selbst vom 
Fundament nur zwei Reihen kleiner Blöcke 
in situ übrig sind: sie trugen einst die Fuß- 
bodenplatten der nördlichen Ringhalle und 
erlauben wenigstens, die genauen Maße des 
Tempels zu nehmen (48,95 : 23,80 m). 
Mehrere gut erhaltene Triglyphen und glatte 
Metopen sind gefunden worden. Dagegen 
scheinen zwei Relieffragmente, die an der 
Ostseite zutage kamen, eher einem Friese 
anzugehören, wie ihn ja schon der alte 
Tempel von Priniä auf Kreta (siehe unten 
Sp. 145) an der Front trug. Das eine dieser 
Fragmente ist bis zur Unkenntlichkeit ver- 
stümmelt, das andere zeigt einen aus- 
fallenden Krieger, hinter dem noch die 
Hand einer zweiten Figur erhalten ist. Der 
Krieger trägt Schienen am rechten Ober- 
und Unterarm, eine seltene Panzerung, die, 
wie es scheint, hoch archaisch ist; denn die 
attischen Maler des VI. Jahrhunderts (z. B. 
Exekias, Furtwänglcr-Reichhold III Taf. 131 
und S. 68, und Cholchos, Wiener Vorlegebl. 
1889 Taf. I) verstehen die Armschienen nicht 



131 



Archäologische Funde im Jahre 1913. 



132 



mehr so recht. Vgl. Furtwängler, Olympia 
IV Text S. 161 f. Für Schienen am Ober- 
und Unterarm ist das Relief von Korfu 
m. W. das einzige Beispiel. Im Stil gleicht 
es durchaus den kleineren Giebelfiguren, 
nur ist die Relieferhebung entsprechend 
seiner Verwendung am Friese geringer. Das 
Dach des Gorgotempels bestand ursprüng- 
lich aus Ton, wie zahlreiche erhaltene Ziegel 
beweisen. Auch von der tönernen Sima ist 
ein Stück erhalten, das mit seinen gemalten 
Rosetten den Metopen von Thermon sehr 
ähnlich, ihnen wohl auch gleichzeitig ist. 
Es sind aber auch noch zahlreiche Frag- 
mente einer prachtvollen, mächtigen Sima 
zutage gekommen, die ein anderes Gesimse 
und ein hölzernes Gebälk voraussetzt. Des- 
halb nimmt Doerpfeld an, daß sie von einem 
anderen großen Tempel stamme, der nörd- 
lich vom Gorgotempel gelegen habe. Hier 
erhebt sich eine höhere Terrasse, von sehr 
altertümlichen polygonalen Stützmauern im 
Süden begrenzt und noch nicht untersucht. 
Diese Sima ist mit Blattüberfall, einem sehr 
reichen Flechtband, strengen Rosetten und 
vierfachem Spiralbande geschmückt, alles 
in flachem Relief eingepreßt und bemalt. 
Die vortreffliche Arbeit und der Stil er- 
innern an die besten protokorinthischen 
Vasen. Eine ganz entsprechende Sima be- 
findet sich im Museum von Delphi. 

In der zweiten Hälfte des VI. Jahr- 
hunderts ist dann der Gorgotempel mit 
einer Sima und Antefixen aus Inselmarmor 
ausgestattet worden. Von letzteren sind 
ein paar vollständige Exemplare, mit sehr 
schönen, scharf gezeichneten Falmetten in 
flachem Relief, zutage gekommen. Nord- 
lich vom Gorgotempel liegt eine offenbar 
in später Zeit aus allerhand älteren Bau- 
gliedern und Weihgeschenken geschichtete 
Terrasse. Daher stammt ein dreikantiger 
Weihgeschenkträger mit der Inschrift: MJsvxi? 
'AptdTsa 'ApTO('p.tTi '), ferner ein Giebel eines 
kleinen Monuments, mit der Weihung 
Xspdt/potTiSäv I iraiptuiCTTäv, ein sehr wert- 
voller Beweis für das Fortleben des Ge- 
schlechts, das sich von einem der Gründer 
Kerkyras herleitete. Wir dürfen hoffen, 

■) E. Petersen weist mich freundlich auf die 
Analogie zwischen dieser dreikantigen Weihung und 
der dreigestaltigen Artemis Hekate hin. 



daß weitere Forschungen uns auch den 
Namen der Gottheit verraten werden, 
dem der Gorgotempel gehörte. Die eine 
Weihung an Artemis ist hierfür noch nicht 
beweisend. 

Unterdessen hat Doerpfeld noch einen 
anderen großen Tempel wenigstens in Spuren 
nachweisen können, auf einem etwa lOO m 
im Geviert messenden Plateau im Parke von 
Monrepos, einem nördlichen Ausläufer der 
Akropolis von Kerkyra. Leider ist auch hier 
alles grausam zerstört. Indessen beweisen 
die Einarbeitungen im Felsen, vereinzelte 
Fundamentblöcke und eine Menge kleiner 
Splitter von Baugliedern, daß es ein mäch- 
tiger dorischer Porosbau war (45 : 20 m), 
mit marmorner Sima und Löwenköpfen als 
Wasserspeiern. Der Stil der letzteren weist 
etwa ins Ende des V. Jahrhunderts. Daß 
aber an dieser oder einer benachbarten 
Stelle ein großer, höchst archaischer Tempel 
stand, lehren mehrere Bruchstücke riesiger 
Wasserspeier aus Ton, Löwen- und 
Gorgonenköpfe, die letzteren dadurch be- 
deutsam, daß sie die sogenannten Etage- 
locken tragen. Diese Terrakotten, die 
ältesten und größten ihrer Art, stellen sich 
zu der ältesten Sima von Garitsa und 
stammen, wie diese, von einem sehr alter- 
tümlichen Holzbau. Die besten Analogien 
bieten die frühesten Terrakotten von 
Thermon, die älter sind als der Tempel der 
bemalten Metopen (vgl. Koch, Athen. Mitt. 
1914 Heft 3/4). Setzt man diese in das Ende 
des VII. Jahrhunderts, so müssen jene etwas 
älter sein. Das stimmt gut zu ihrer stilisti- 
schen Analogie mit Protokorinthischem. 
Und für die aus Korinth selbst bisher kaum 
bekannte archaische Tonplastik ist es sehr 
lehrreich, ihre Ableger in Delphi, Thermon, 
Kerkyra zu finden. 

Rings um das Plateau, auf dem jener 
Tempel des V. Jahrhunderts — und viel- 
leicht auch der ältere — stand, läuft eine 
Umfassungsmauer aus gtoßen Quadern. Im 
Norden stößt daran eine Brunnenanlage, 
bei der eine Menge archaischer Werkstücke, 
besonders dorische Kapitelle von mehreren 
kleinen Bauten, aber auch eine ganz eigen- 
artig geformte, unten verbreiterte Eck- 
triglyphe und ein Antenkapitell mit Ranken- 
ornament in flachem Relief verbaut sind. 



133 



Griechenland. 



134 



Diesen Bauten nachzuspüren, bleibt der 
nächsten Kampagne vorbehalten. 

Über die Grabungen des Deutschen 
Instituts in Tiryns orientiert der Be- 
richt von H. Dragendorff, Athen. Mitt. 
XXXVIII 1913, 329 ff. Im September und 
Oktober 1913 hat er den großen westlichen 
Aufgang von der Unter- zur Oberburg voll- 
kommen ausgeräumt. Im März 1914 haben 
dann Bremer, Matthies und ich auch die 
mächtige Stützmauer der Mittelburg ganz 
freigelegt. Die Mittel dazu hatte uns der 
treue Freund unseres Instituts, Herr A. E. H. 
Goekoop, wiederum auf das Gütigste zur 
Verfügung gestellt. So erscheint jetzt die 



niedrigen Hügelrückens ein geräumiges, vor- 
nehmes mykenisches Haus erbaut, in dem 
nur jungmykenische Scherben gefunden 
wurden. Dieses selbst aber war schon zer- 
stört, als der mächtige Mauerring der Unter- 
burg angelegt und innerhalb seines Verlaufs 
der Hügel planiert wurde. Dabei ist jenes 
Haus tief verschüttet worden, die Ring- 
mauer durchschneidet eine seiner Mauern. 
Damit ist der Beweis erbracht, daß diese 
riesenhafte Befestigung, zu der auch die 
große westliche Bastion sowie die berühmten 
Galerien gehören, aus recht spät mykenischer 
Zeit stammen. Die Unterburg trug in dieser 
Zeit keine Gebäude, sie war eine Zufluchts- 







Abb. I. Schnitt durch den Töpferofen (Tiryns). 



ganze Befestigung in ihrer monumentalen 
Pracht, obwohl die Mauern jetzt viel weniger 
hoch aufrecht stehen als im Altertum. 
Diese »kyklopischen« Mauern galten bisher 
immer für besonders altertümlich. Das 
überraschendste Ergebnis von Dragendorffs 
Arbeiten war der Nachweis, daß sowohl der 
äußere Mauerring der Oberburg wie jene 
Abschlußmauer der Mittelburg erst in jung- 
mykenischer Zeit entstanden sind. Und 
dasselbe gilt von der Unterburg: diese war, 
wie zahlreiche Versuchsgräben im Herbst 
und Frühjahr sicher bewiesen haben, zwar 
in vormykenischer Zeit von Häusern be- 
deckt, in älterer mykenischer (XVI. — 
XV. Jahrhundert) aber verlassen. Erst 
etwas später (vielleicht im XIV. Jahrhundert) 
hat man auf dem westlichen Abhang dieses 



bürg von ähnlichem Aussehen wie heute. 
Vor der Stützmauer der Mittelburg haben 
wir sogar zwischen anstehenden Felsen ein 
ärmliches spätmykenisches Grab gefunden. 
In früher Zeit war das anders: die runden, 
elliptischen oder rechteckigen Häuser der 
vormykenischen Bevölkerung überzogen den 
ganzen Hügel. Mindestens drei aufeinander- 
folgende Perioden der Besiedelung lassen 
sich feststellen. Eine größere Fläche dieser 
Art, mit ihren Hausruinen, haben wir im 
Frühjahr aufgedeckt: sie soll offen bleiben, 
während auf der Oberburg die Reste vor- 
mykenischer Zeit wieder zugeschüttet werden 
müssen. Dieses Schicksal hat leider auch 
den großen Rundbau ereilt, den wir im 
Herbste 191 2 entdeckt hatten (Athen. Mitt. 
XXXVIII 1913 Taf. 3). Doch haben wir 



135 



Archäologische Funde im Jahre 19 13. 



136 



durch Versuchsschachte unter dem Herde 
des Megaron und im Hofe davor wenigstens 
sicher beweisen können, daß es ein voller 
Rundbau war. Der Radius des Fundament- 
sockels läßt sich nun auch genauer auf 
13,85 — 95 m berechnen, das Zentrum 
des Kreises liegt auf der Schwelle zwischen 
Vorhalle und Vorsaal des Megaron. 

Auf der Mittelburg sind die vormykeni- 
schen Schichten näher erforscht worden: 
dabei kam unvermutet ein mykenischer 




Abb. 2. Dromos und Tür des Kuppelgrabes 
(Tiryns). 

Töpferofen zutage (Abb. i), der zur "Her- 
stellung des charakteristischen, unbemalten 
gelben Geschirrs diente, wie man es an allen 
Stätten jüngermykenischer Kultur gefunden 
hat. Doch ist auch dieser Ofen älter als die 
große Grenzmauer zur Unterburg, nördlich 
von ihm. 

Die Ausbeute an vormykenischer Keramik 
ist weniger reich, als wir erwartet hatten. 
Immerhin können wir sagen, daß die drei 
(oder vier) vormykenischen Wohnschichten 
durchaus von der sogenannten Urfirnisware 
beherrscht werden. Diese setzt schon in der 
ältesten Schicht vollentwickelt ein, etwa 
der Stufe der jüngeren Kykladengräber ent- 



sprechend. Neben sie treten dann sehr bald 
schwarzpolierte Vasen, dann mattbemalte 
und sogenannte »minysche«, die schon zum 
Frühmykenischen überleiten. Indessen be- 
rührt sich diese letztere Ware nur eben noch 
mit dem Urfirnis, den sie vielmehr ablöst. 
Kretischer Einfluß erscheint erst in dieser 
Phase, etwa um die Mitte des XVI. Jahr- 
hunderts v. Chr. 

Seit Jahren hatten wir nach den vor- 
nehmen Gräbern von Tiryns gesucht. Nun 
bescherte uns das Glück ein Kuppelgrab, 
das zwar wesentlich kleiner und unschein- 
barer ist als die Prachtbauten von Mykenai, 
aber doch eines der sehr wenigen intakt 
erhaltenen. Es liegt am Westabhang des 
H. Elias -Berges, etwa 800 m östlich von 
Tiryns. Ein 13,7 m langer Dromos führt 
zu dem eindrucksvollen Kuppelraum (Dm. 
8,5 m), dessen Gewölbe eine merkliche Kurve 
macht (Abb. 2 und 3). Im Innern fand 
Dragendorff einen Grabschacht (d), dessen 
Wände und Boden mit Stuck verkleidet 
waren. Ähnliche Anlagen zeigen gerade 
die älteren Kuppelgräber wie Vaphio oder 
Kakovatos, Heraion. Leider können wir 
das unsere nicht fest datieren, da es bis auf ■ 
die letzte mykenische Scherbe ausgeraubt 
war. In römischer Zeit hatte man eine Öl- 
fabrik daraus gemacht: der Mühlstein (g), 
ein kleines gemauertes Bassin (b) und 
einige in den Boden eingelassene, um- 
mauerte Gefäße (e, e, e, e) zeugen dafür, 
ebenso eine große Zahl von Ölfläschchen aus 
Ton. 

Der neue Fund legt uns die Pflicht auf, 
weiter zu forschen in der Nekropole von 
Tiryns. Am Ostabhange des H. Elias haben 
wir auch schon das Vorhandensein von 
Felskammern konstatiert. Ältere mykeni- 
sche Scherben, die hier herumliegen, ver- 
sprechen guten Erfolg. Die Erforschung der 
Burg von Tiryns dürfen wir als abgeschlossen 
betrachten; die Grenzen der Unterstadt 
bleiben noch zu bestimmen. In diesem 
Frühjahr haben wir sie südlich bis in den 
Garten der Ackerbauschule hinein verfolgt. 

Über die Grabung des Deutschen Instituts 
im Kerameikos, vor dem Dipylon zu 
Athen, hat Brueckner schon oben (Sp. piff.) 
berichtet. Eine hervorragende neue Auf- 
gabe, die Erforschung von Dodona, die 



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Griechenland, 



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uns von der